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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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5

Noch nie war der Manuß in einem solchen Mischmasch gefahren.

Er legte die Ingenieurzeitung weg und gaffte in das bunte, von Station zu Station ein bißchen wechselnde und doch stete Volk. Man sprach da wie in einer Stube so gemütlich und rätlich, mit Dörflerton und Dörfleroffenheit über alle Dorfdinge. Aber es war alles doch auch Erlebnis einer Menschheit. Die Hebamme trug ein eingemummtes Kindchen im Schoß und klatschte eine schrecklich verlebte Nacht an der Seite einer armengenössischen Frau aus. Zwillinge gab es, uneheliche Zwillinge. Wer hatte so was gehört? Eins starb, Gott sei Dank, schon in der Nacht. Und das arme Weib rief immer: »Laßt mich sterben, sterben!«

Einige Katholische von Mattli bekreuzigten sich beinah, andere brummten: »Die Hure!«

»Acht Franken dürft' ich verlangen,« redete die Hebamme weiter, »'s ist sicher nicht zuviel, wenn man eine ganze Nacht hindurch sich zwischen drei Leben und drei Sterben ohne Wanken und Weichen behaupten soll, alle Hände voll Schweiß und Blut. Der Armenkasse schenk' ich's auch wahrhaft nicht. Der Mutter geb' ich's dann, – geltet!«

Die Absomer im Wagen wußten das alles bereits. Die Hebamme kam mit dem Kind vom Marktdorf herauf, wo sie es wegen der Pocken in der nächsten Stadt schon hatte impfen lassen müssen.

»Wenn man nur den Mann kännte!« meinte der Ratsherr. »Es scheint, die Person will's nicht eröffnen!«

»Sie beißt die Zähne zusammen und gibt kein Wort heraus,« erklärte die Hebamme, »dem Pfarrer nicht, Euch nicht, Dorfschreiber, und nicht einmal mir. Verdient's so ein Kerl? Was hat sie davon? Man munkelt allerlei. Gewiß steckt ein Herrensohn dahinter. Ihm wollt' ich's, sei er wer er wolle, in die Zähn' werfen!«

»Ein Hurenweib ist auch sie!« gab der Ratsherr zurück. »Hat sie nicht schon vor zehn, fünfzehn Jahren, fast noch ein Kind, einen Buben bekommen? 's war ein Landärgernis!«

»Das ist wahr,« sagte jetzt der Fabrikant mit rasiertem Gesicht und hohem Zylinder, »aber wir wollen nicht richten.« –

Der Zipfelkäppler nickte lebhaft. Er sprach nichts. Aber man sah ihm an, daß er am meisten wußte.

»Und der Bub tut recht, nicht wahr?« wandte sich nun der Fabrikant geradeswegs an den Mann, »nicht, Wirt Ueli?«

»Der Mang ist ein Muster, das wißt Ihr. Ich sag's nicht siebenmal,« antwortete Ueli unwirsch. »Und was soll all das Geschwätz? macht Ihr's damit anders? – Ach was, die Gesetz macht anders, die alten, verdammten Gesetze!«

Man schwieg betroffen. Das Gesetz! Der Ueli von den zwei Gasthäusern Zur Krone und Zum End' hatte recht. Das fühlten sie. Das Gesetz war etwas Hölzernes geworden da oben, das seine Opfer ans Kreuz nagelte.

Aber das Gesetz war etwas Uraltes, Heiliges. Schon sein Name macht andächtig.

Und eben, da unten im Lande haben sie keinen Respekt vor dem Gesetze mehr. Mit Gesetzen gehen sie wie mit alten und neuen Möbeln um. Daher die Verderbnis!

Davon redeten sie nun, aber leiser. Städter waren ja da. Dennoch, was man nur immer von Zürich hört! Da geht's zu wie vor der großen Sündflut. Man lehnt sich gesichert an die geraden Banklehnen. Nein, am alten Gesetz hängt doch noch das letzte Gute, wenn's viele auch erbärmlich zermartert, – hängt noch Ordnung und Sitte. – Uneheliche Zwillinge auch, ja, – in Gottes Namen, Menschen sind wir allesamt. –

Aber viele hörten nicht diesem Reden, sondern der Hebamme zu, die weiter prahlte und lästig viel log. Doch so oft sie sich zum Paketchen auf ihren Knien beugte, worein das liebe Lebendige zappelte, wurde sie über ihr borstighäßliches Gesicht zärtlicher und stiller, horchte und flüsterte zu den Nächsten: »Sst! nicht so grobianisch lärmen! – Es schnäufelt wacker. Ich bring's stracks morgen zur Taufe!« – Und wieder horcht sie, immer, auch im Schweigen, die bärtigen Lippen bewegend, und nickt. – »Ihr brauchtet auch nicht ein so verfluchtes Zeug zu rauchen!« schimpft sie plötzlich zum Hinterwäldler neben ihr und klopft ihm unversehens die Pfeife am Gesimse aus. Er hatte sie lahm zwischen den Fingern gehalten, nachdem er noch einen scheußlichen Qualm aus Mund und Nase über die Frau und ihr Schoßkind ergossen hatte.

Alles lachte, breit und rollend.

»Teufelsweib!« zürnt der Alte und steckt doch gehorsam die heiße Pfeife in den Rocksack.

Drüben ist man, als hinge das alles zusammen, von der Cäcilie Astli, dieser Zwillingsmutter, auf einen jungen Knecht zu sprechen gekommen, Bastian Keller. Der soll in jener selben Nacht Feuer an des reichen Ernst Brollers Scheune gelegt haben. Gestern fingen sie ihn. Nun ist er schon eingezäunt.

Emil blickte Heinz an. Sie hatten auf einer untern, bedeutenden Station ja jedenfalls diesen Bastian gesehen. Ein schwarzhaariger, feuriger, magerer Mann von etwa dreißig Jahren stand da auf der Plattform zwischen zwei grünen Landjägern, ein Kettlein von einem Fußknöchel zum andern und Handschellen an den Gelenken. Also das war ein Brandstifter. Zuzutrauen war ihm das schon.

Viele behaupten, ihm geschehe zu hart. Die Herrenpartei hab' ihm das Leben schon lang sauer gemacht. Weil er frei herausredete! Im Hunger würd' sogar ein Erzengel stehlen!

»Herrenpartei!« raunte Emil zu Heinz. »Also da hat es auch Regenten und Diener! Mußt schon weit fahren, Heinzel, bis du in eine herrenlose Luft kommst!« Spöttisch lachte er seinen Diener an.

»Die, wo Geld haben,« schrie einer, »wo regieren, wo ins Herrenleben nur so hineinsitzen können, die drehen alles nach ihrem Rad. Wir andern können wach sein oder schlafen, wir ändern's nicht.«

Der Ratsherr und der Fabrikant taten auf einmal, als hörten sie nichts mehr, als den Bach draußen.

»Wär' einer wie der Broller an etwas schuldig geworden, und wär's ein fünfmal ärger Feuer, der würd' herausgebissen, so sicher ich leb' und sterb'.«

Emil horchte sich immer tiefer in diese Volksgespräche. Das alles war so frisch und wuchtig gesagt. Ihn ging es ja rein nichts an. Aber es kann nichts schaden, wenn man die Verhältnisse da oben schon ein bißchen kennt. Er wird nun doch monatelang unter diesen Leuten da arbeiten müssen. Es fängt überdies an, ihn merkwürdig zu interessieren. Er sieht und hört diese Menschen zum ersten Male. Und doch kommen sie ihm gar nicht unbekannt vor. Schon beim Auffahren ins Gebirge flog es ab und zu wie Lichtflocken von Erinnerungen über ihn. Diese Stimmen, diese Mundart, dieses Gehaben, diese Natur, sonderbar, wie ihn das berührte, wie ein altes, vergessenes Lied, dessen Worte man auch jetzt noch nicht findet, aber dessen Melodie man Note um Note auf die Zunge bekommt.

Das Schimpfen und Tadeln rumpelte lustig weiter.

»Nicht so schreien!« kreischte die Hebamme, den Riß des Paketes etwas lüftend, »daß mein Knirps nicht schon das Gehör am ersten Tag verliert! Sieh mal, Tubäkler, welche Augen der Balg macht, welche himmelblauen Löcher! Gott, wie frech schon!«

Der Bauer bog sich, lachte den Kindskopf an, spuckte weit übers Fenster hinaus und sagte: »'s ist wahr, ein herrlich Wesen; Bub oder was Dummes?«

»Hoffentlich ein Mädchen! – was sollt' ein Bub ohne Vater? Mädchen hauen sich da noch besser durch. – Ja, ja, munziges Käferli du!«

Sie küßte das blaublickende, verwunderte Menschlein im Paket derb aufs Brustlätzchen.

Heinz sah und hörte alles, unendlich ergriffen. Er war ein unerhörter Gefühlsmensch. Dazu grüblerischer Philosoph. Seit Jahren brütete er an einem Buche herum: »Über den Zusammenhang der Seele mit der Natur«. Ein ungeheures Thema. Hier, dünkte ihn, empfange er haufenweise neuen Stoff, etwa für ein Sonderkapitel »Die Gebirgsseele«.

Die Schatten der unehelichen Mutter, des Brandstifters Bastian Keller und des reichen Ernst Broller verdunkelten die redenden Gesichter immer mehr. Oder war es der Himmel über den Tannen? Blau war er nicht mehr, sondern nach und nach aschgrau mit gelben und feuerroten Tupfen über den Bergen. Es wurde auch ohne Sonne drückend heiß. Die vielen Vogelstimmen verschollen immer leiser und ferner im Walde. Ein Apollo mit schwarzen und roten Ringelflecken flog vor Müdigkeit fast in die Gleise.

»Das wird schön krachen, sapermost,« sagte der Tubäkler, »wenn der Ost nicht Oberhand kriegt, Herrgott neunundvierzig! – Dort vom Rheintal bläst wohl ein Lüftchen, aber der gottlose West ist Meister.«

Die andern machten sich nichts aus den zornigen himmlischen Dingen, die da herunterdräuten, sondern schwatzten weiter von den drei, vier wichtigen Erdsächelchen, dem eingeäscherten Scheunenflügel, den Zwillingen, dem Handschellenbub, dem gewalttätigen Broller. Der ward mit bäuerlicher Derbheit bis ins letzte Zipfelchen besprochen, und alles ward in einen bösen, frechgewollten Zusammenhang gebracht. Aber doch mit Vorsicht, unter unerfaßlichem Zwinkern der Augen, mit halbem Satz und den immer wiederkehrenden: »Ich red' niemandem das Böse – nichts will ich gesagt haben – wer weiß denn etwas Gewisses? – Nehm's und kratz', wen's angeht! –« Als aber an einer kleinen Station zwei helle, aufgeschossene Jungfer mit Körben voll Bandstickereien eintraten und sich Emil gegenübersetzten, wurde das Geplauder plötzlich zum Geraune.

»Wie sie doch tückisch und unverschämt sind, diese sittlich frommen Bergler!« dachte Manuß. »Wo nichts entfernt zusammengehört, reimen sie's doch und machen einen Spruch daraus. Kein einziger hat ein Gesicht zum Vertrauen. Verschmitzt und holperig sind diese Köpfe, voll Neid und leer an Eigenem. Dieser Dorfkönig ist reich und weitsichtig, sonst säß' er in der Bahnkommission nicht als erster. Das zwickt die Erdeäpfelbeißer!«

Und es reizte ihn ordentlich, diesen Kraftmenschen Ernst Broller bald kennen zu lernen.

Beim nächsten Wechsel im Wagen setzte sich der Zipfelmützler Ueli, ein pfiffiger, kleiner, ganz verlederter Mensch, mit magern Wangen und überhängenden Lidern und Lippen, neben die Jungfern, gegenüber Emil und Heinz. Seine kleinen, dunkelgrauen Augen blickten teilnahmlos drein. Die in den Zähnen lose hängende Pfeife vollendete den Eindruck von etwas Schlampigem. Aber etwa schoß ein Laternchen aus den Augenhöhlen, als suche er etwas im Dunkeln. Heinz hatte längst bemerkt, wie der kleine Alte sie beobachtete, so aus der Tiefe und Verstohlenheit heraus. Traf ihn Emils Auge zufällig, so erloschen die Laternchen, und dieser Wirt zweier Gasthöfe wäre wie ein Häuflein Gleichgültigkeit erschienen, hätten nicht seine rasierten Mundwinkel noch immer leise gezuckt. Der würde sterbensgern etwas fragen.

»Die Herren sind nicht des Landes hier,« sagte er endlich doch, auf dem Sitze rutschend. »Nein, nein, frag' ich doch dumm!« Dabei faßte er Heinz ins Auge. Der lachte. »Das sieht man doch von weitem. Wollet wohl in die Berge?«

»Ihr habt mich rein überfragt,« entgegnete Heinz, vom Tanz des Mützenzipfels unendlich belustigt. Der verriet so ganz die Neugier seines Trägers. – »Ich weiß rein nichts, was morgen geschieht, und weniger als nichts, was wir übermorgen tun.«

Der Ueli grinste hell. Der Fremde neckte also. Gut, in dem Ton kann er's auch, – er müßte kein Absomer sein.

»Ihr müßt wohl immer, wie's dort steht! hehehe!« – damit wies er mit einem Blick auf Emil, nicht unartig, aber boshaft – »rechtsum, linksum; halt!«

»Aufs Wörtchen so!« lachte Heinz.

»Meine Geißen gerade auch so!« sagte Ueli spitzig.

»Sind aber auch liebe, flotte Tiere! Das laßt Ihr mir doch!«

»Besonders an den Hörnern hab' ich sie gern.«

»So, so!« machte nun Heinz in kindischer Unbeholfenheit. Der Witz ging ihm schon aus.

»Dann wollt Ihr wohl Geißen photographieren?« – Der Wirt wies auf die schwarze Kiste zu Häupten, worin das feinere Meßzeug geborgen ward. »Was gilt das Stück?«

»'s kommt drauf an, ob Ihr dabeisteht oder nicht!«

»Das hoff' ich, macht einen Unterschied im Preis!« nickte Ueli.

»Der Ostwind, seht!« schrie die ein dickgezopfte Jungfer.

Kleine, weiße Wölklein flogen wahrhaftig dort drüben vom Österreichischen her. Die Wetternacht in der Südwestecke schob sich tiefer zurück, und auf einmal trat das bisher von ihr verhüllte graue Steinalpgebirge mit seinen drei Ketten und den vielen Zinken, Kuppeln und Türmen zu oberst wie hinterm Vorhang hervor. Auch der Absomer stand stattlich und herrisch, aber in gelassener Stimmung unter den anderen Brüdern. Höher und stärker als die ineinander vermengselte Herde von Bergen um ihn herum, nahm er sich wie ein gewaltiger Bock unter vielen Schafen aus.

Die lachenden, weißen Wolkenfähnlein schwebten indessen tapfer ins graublaue Gewitterfeld, und wo sie gingen, entstanden dünne Gäßchen eines grellblauen Himmels, die sich aber wieder rasch hinter ihnen schlossen. Doch reichte es aus, um ein paar Streifen Sonne durch die knappen Spalten zu werfen. Während hinter dem Absomer das pechschwarze Wetter sich zusammenduckte wie eine greuliche Riesenkatze, und darob sich hellere, aber unheimliche, fremdartige Wolken rastlos schoben und übereinanderdrängten, glänzte da eine Alpe, dort eine Wand oder ein noch beschneiter Gipfel in dieser grellen, schwefelgelben Sonne fast schmerzhaft auf. Aber all dieses Lachen war erzwungen, gleich verschlangen es die Wolken wieder.

Hier unten merkte man nichts vom Kampf dort oben. Eher noch bleierner ward die Luft. Wie steif und tot stand jedes Blatt im Walde. Und todmüd' krümmte sich auch der dünne Scheidbach neben dem Eisenbahndamm durch die Steine. Kaum hörte man sein Wasser.

In den hinteren Stühlen ging der Kampf um die Dorfdinge über die Haube der Hebamme und über das glucksende Paket immer wilder hin und her. Die Fahrer sind zu Hause Mosttrinker. Jetzt regte sie der reichliche Wein vom Markt auf. Sie sprächen sonst viel bedächtiger. Aber man zupft und reißt an einem frischen Werg.

»Das geht uns ja alles nichts an,« schreit eben der Jäger dem alten Bergknöpfel ins Gesicht, einem hinkenden Junggesellen, der aber noch alle Berggipfel aus reiner Lustbarkeit abläuft, die Mundorgel, seine andere Seele, immer bei sich. »Aber die Absomerbahn geht uns an, die soll der große Ernst nicht durchsetzen. Da sollt' man zusammenstehn! Bei Gott, sollt' man!« –

Das hatte Emil erwartet. Diese Landpolitiker mußten am Faden, den sie so breit drehen, doch zuletzt auch an die Bahn geraten. Man kann sich denken, wie niedrig das Pack davon denkt.

»Herrenwerk!« hieß es. »Die Stadt und die Juden trinken die goldigen Eier aus, und wir haben nur den Dreck und Gestank.«

»Pst, pst! nicht so laut! – jetzt habt ihr mir das Kind schon wieder geweckt. Aber recht habt ihr,« rief die Hebamme. Draußen brummte und grollte der Himmel.

»Fragt nur die Büdner, die haben's schwer genug erfahren,« gab der Ratsherr hinzu.

Jetzt öffnete der Mann mit der verschütteten Pfeife seinen großen Mund: »Uns gehört doch der Boden und das Wasser und jeder Stein. Können wir da nicht befehlen?«

»Ja,« zürnte man zurück, »die Herren sagen dir schon, wo sie die Stationen und Kantinen bauen, und was das Billett kostet.«

»Der Absomer ist doch sozusagen ein König, – sicher ein gesunder Kerl! Und da nehmen ihn diese Herren und verschnitzeln und verbohren ihn, als läg' er gerad' auf dem Operiertisch.«

»Und zu oberst machen sie eine Kohlenhütte und ein Hotel, wo unsereiner nicht hineindarf, so nobel und teuer ist's.«

»Verfluchte Bahn, der Teufel hol' sie!«

»Wo man so waghalsig hinaufgeklettert ist und sich baß gefreut hat, so allein bei Wolken und Vögeln – Herrgott, war das schön! – da hat dann nur noch das seidige und gekräuselte Fremdenvolk Platz, was gerade vom Kanapee kommt und welscht, pfui Teufel! Kein rechtes deutsches Wort mehr. Mussiö, Madamm! – Ein Melkbub paßt nicht mehr hin. Die Gemsen wissen nicht wohin, und einen anständigen Adler gibt's nicht mehr.«

Immer näher rückte das rollende, donnernde Unwetter. Hie und da ein fahler Blitz.

»Und unsere lieben Küheli und Geißli rennen vor dem Kohli weit davon.«

»Wenn der Inschenier alles vermessen hat, kommen die Baumeister mit ihren Tschinggen Italiener – von cinque, fünf, und dann haben wir gerade wieder Messerten genug.«

Die zwei großäugigen Italiener lachten gutmütig, und der eine, den Mund voll verkauten Tabaks, sagte: »Sind wir nit so slimmi, sicuro!«

»Schon, schon, das Schlimmste seid ihr nicht! Aber das Geschrei alle stillen Berge hinauf und die Kantinen voll Gesöff und die Rollwagen und Stinkkohlen und die Herren mit den goldenen Zwickern und Uhrketten – man erhenke sie daran! – die sind das Schlimmste!«

»Der Ernst handelt einfach wie ein Judas am Land!« schrie der Jäger.

»Er ist's nicht allein,« sagte jetzt der Dorfschreiber demütig. »Die Großhansen von Zürich und Bern helfen ihm, Nationalrät' oder Ständerät' oder sonst ein Unrat.«

»So schlimm wird's doch nicht sein,« warf endlich der Zipfelwirt gemütlich nach rückwärts in den Trubel. »Ihr übertreibt!«

»Ja, Ihr, Uelrich, seid uns schon der Rechte! 's ist schad um Euch! Habt eben Eure Freud' am Inschenier!«

»Mein' doch, ich hätt' den Berg auch gern!« erwiderte der kurz und ruhig.

Man schwieg einen Augenblick. Man wußte, der Uelrich Festli war zehn Jahre Wildhüter und zehn Jahre Forstmeister in den Bergen gewesen. Er hatte den Absomer als Erster bestiegen. Von ihm rührte das wuchtige Steinmannli droben auf dem Kopf. Dann ward er Wirt. Zuhinterst im Absomertal hat er ein mächtiges, braungeschindeltes Haus mit vielen Gästen. Das ist die Wirtschaft Zum End', wo alle Älpler und Bergsteiger einkehren, denn hernach fängt das Klettern rechts gegen den Plättlisee und links noch höher gegen das Alpennest Miezeler an. Bis Gallustag trinkt man im End' einen schäumenden Apfelmost, bis Othmar den süßesten Rheintalersauser. Aber auch im Winter ist's gemütlich, in Uelis Schlitten mit einem kleinen Räuschchen ins Dorf zurückzufahren. Daneben war er aber mächtiger Kronenwirt im Dorf Absom selber und Gemeinderat. Er hatte spät geheiratet, und seine Frau, die ihm ein Irmeli und einen Seppli schenkte, bald am Lungenstich verloren. Ein ganz Unabhängiger war er und ein großartiger Schweiger. Aber redete er, so ging kein Wort in den Wind.

»Das wird der Mann sein,« sagte sich Emil, »den mir Bert so heiß empfahl.«

»Ja, den Berg hast du gern, – das weiß man!« lobte die Hebamme.

»Und wenn's möglich ist, hat ihn der Inschenier noch lieber!« sagte der Alte. Er hatte sich ganz umgedreht und kehrte jetzt Emil den gewölbten, aber schmalen Rücken und das zierlich gekräuselte silberne Haar am Hinterkopf zu.

»Mehr kann ich nicht sagen, versteht!« fügte er barsch bei.

»Gegen den hat niemand etwas. Aber er soll ja schwer krank sein. Dann kommt ein anderer.«

»Auch der kommt nicht über den Absomer weg, versteht!« sprach Ueli.

»Wieso?« hieß es durcheinander. »Die Inscheniers könner doch alles.«

»Wir können alles,« musizierte es in Emils Ohren. Er lies sich keine Silbe entgehen.

»Verflucht viel verstehen sie einmal, das ist sicher,« sprach der Dorfschreiber. »Fährt man nicht schon auf die Jungfrau?«

»Wird schon sein,« gab Ueli seelenruhig zurück. »Aber alles können sie doch nicht.« – Schalkhaft verdrückte er die Auger und winkte über seine Achseln. »Ich denk',« wollte das besagen »der da hinter mir ist der neue Inschenier.«

Emil merkte es sogleich den vielen unguten Blicken an, die ihn jetzt trafen.

»Der Herr Inschenieer Bert, sagt man, gehört zu den feinsten im Fach, aber er –« Plötzlich wandte sich das flinke Männlein um, sah quer zu Emil und sagte: »Ihr, Herr, müßt das wissen! Auf Ehr' und Seligkeit, Ihr kommt für den Inschenier.«

So eine Überrumpelung! Aber Emil war ein harter Manuß! Ohne ein Lid zu bewegen, sah er den greisen Schalk stahlfest an und sagte mit deutlicher Stimme, wenn auch durchs lange, schmale Gesicht errötet: »Jawohl, ich bin sein Nachfolger! –«

»Er ist's! – da seht! –« Man rutschte, bog und reckte sich und wußte nicht, was für ein Gesicht machen.

»Das hab' ich von Anfang an gemerkt, daß Ihr keine Geißen photographiert,« schmunzelte der Bezipfelte lustig zu Heinz hin.

»Cheib der! So ein Ueli riecht den Teufel sieben Stund' weit,« bewunderte man.

»Da braucht's doch nicht viel Grütze! – Inscheniere kennt man sofort.«

»An was denn?« fragte Emil argwöhnisch. »An was, Herr Wirt?«

»Den Herrn hab' ich zu Haus' im Kleiderkasten gelassen. Sagt nur immer Ueli!«

»Also, Wirt Ueli,« bestand Emil heftig, »an was kennt Ihr uns so gut?«

Alles ward sogleich totenstill, um den Spaß zu hören. Der Witz vom Ueli ist berühmt. Und die Absomer lieben nichts so sehr wie den Mutterwitz. Um einen gehörnten Witz würde sich einer unglücklich machen. Jetzt vergaß die Hebamme ihren Balg, der Bergknöpfel seine Mundorgel, der Tubäkler seine Pfeife, man vergaß den Ernst, die Bahn, den Bastian, alles, alles––

Ein Blitz, lang und breit wie eine funkelnde Sense, von West nach Ost gezückt, machte einen Augenblick den finstern Wagen goldig. – »Jesses Gott!« schrien die Jungfern. Darauf rumpelte ein Donner über die Köpfe, voll von langen, schweren Hammerschlägen, als müßte der Himmel zerklopft werden. Dieses überirdische Gepolter machte das Bähnlein, die Schienen, den Damm zittern. Sicher erbebten die Berge selber davon.

Nun Ruhe. Aber die hellen Wölklein und die Spältchen Himmels waren nirgends mehr. Alles da oben sah braun und grau und schwarz aus. Die Berge standen im weißlichen, von Wind und Hagel bis hieher tosenden Sturmnebeln. Und die näherten sich wie Riesen durch die Luft. Die nächsten Wälder bückten sich schon davon. Eiskälte bliesen sie voraus. Rechts unten im Grund lief der Scheidbach noch immer kümmerlich aber klar durchs Tobel. Doch drüben die Dörflein, die zwischen Halden und Schluchten so schmuck wie Spielzeug hingehäufelt waren, gingen schon im Getös' und Sturmgrau unter. Nur das Läuten ihrer Kirchtürme, vom Wind verzerrt und halb verschluckt, hüpfte noch etwa wie ein nackter Flüchtling daher.

Das Volk im Wagen war ziemlich unbesorgt. Es kannte diese schwarzen Augenblicke des Bergsommers. Sie kommen, sie gehen, und die Sonne wird alles, alles wieder zurückerobern. Heinz freilich zagte. Dafür erwachte in Emil eine frische, frohe Spannung, die ihm wohltat.

»Also, warum kennt Ihr uns so gut?« wiederholte er lustiger.

»Jawohl, Euere Meinung, Ueli, – oder wir rühren Euch kein Glas mehr an,« drohte man.

Es klapperte draußen. Hagelsteine! Aber jetzt war vor der mutwillig zuckenden Lippe des Ueli auch dieser Obst und Heu vernichtende Hagel, der tödliche Blitz, der dazwischenfuhr, all die Verwüstung, wonach das Zinsen um Martini dreimal schwerer geht, alles war vergessen. Den Witz, den Witz! Dieses unverwüstliche Völklein wollte seinen Witz haben. Allein das graue Männlein narrte sie alle.

»Woran ich sie kenne, die Inscheniers?« rief es laut und gar nicht mehr heiter, »daran, – ich red' von den Bergmessern bloß, – daß sie zuerst übermütig daherkommen und unsere alten Berge im Hosensack davontragen wollen – nicht lachen! – ich verbiete euch das Lachen!« herrschte er die Grimassenschneider an.

Donner und Blitz schossen ums Bähnlein. Der Hagel hörte sogleich auf. Ein fauchender Wind blies den Straßenstaub auf. Man schloß die Fenster. Die Bahn fuhr nur noch wie eine Schnecke. Im Wagen ward es so dunkel, daß der Schaffner naß und staubig zu den Leuten hereintrat und fragte, ob er die alten Petrollampen füllen und anzünden solle.

»So schweigt doch einmal! – – Aber dann steigen sie hinauf und messen, und alles ist groß, wie sie's nie gedacht hätten, diese Städter, und alles wächst schier in den Himmel. Und da bekommen sie Respekt vor den Bergen und ziehen den Hut ab vor dem Absomer, und wenn sie ins Dorf herabkommen mit dem Ding da, – Na – Na – Sta – Stativ – oder wie –«

»Meßtisch, – Tachymeter, – Phototheodolit, – Stereokomparator –« prunkte Heinz.

»Dummheiten – oder meinetwegen – aber dann sagen sie nicht mehr: wir sind spazieren gegangen – sondern: wir sind auf Leben und Tod geklettert! Und nicht: welch ein hübsches Projekt! – sondern: welch ein unbändiger Kerl, dieser Absomer, daß ihn Gott erhalt'!«

»Gut gesagt! daß ihn Gott erhalt'! Bravo!« scholl's durcheinander.

»Und das Weitere wird der Inschenier mit sich selber ausmachen. Denn er hat auch ein Gewissen. Jedoch pack' er's an, wie er wolle, er tut nicht mehr so leicht.«

Emil staunte den so veränderten Mann förmlich an. Ergriffenheit war nicht seine Sache. Aber einen ernst zu machen, verstand dieser Kauz.

»So ist's dem Bert ergangen und so dem früheren. Und Ihr seid auch so einer. Das merk' ich an Euerem strengen, kalten Dreinschauen. Auch Ihr treibt kein Gvätterlispiel mit dem Berg. Gebt mir die Hand, Inschenier!«

Die straffe, lange, frauenhaft feine Hand des Manuß rasch erhaschend, drückte er seine beiden klotzigen Bauerntatzen darum und beschloß: »Jetzt wißt Ihr, an was ich den Berginschenier erkannt habe! – Und da habt Ihr Euern Knecht!« fügte er mit wiederkehrender Spaßigkeit bei.

»Ihr seid ein Herrgott hier, mit Euerer Zunge und Euerem Aug',« nickte Heinz.

»'s ist nicht so gefährlich!«

»Ich steig' bei Euch ab,« erklärte Emil, »wenn Ihr Platz habt.«

Ueli nickte bloß. Draußen fing es zum zweiten Male an zu hageln, jetzt bitter ernst. Kerzengerade fielen die Schloßen. Der Wind störte sie nicht mehr. Es prasselte wie von einer schießenden Schlacht. In der Tat, der Himmel beschoß die Erde. Man sah nicht über den Bach, so dicht fiel das entsetzliche, eishelle, schallende Korn, hüpfte wieder hochauf vom Boden, daß es grausige Tänze gab, zerfetzte die Bäume, füllte das Bächlein mit Eis wie im kältesten Dezember und deckte alles Grüne und Sommerliche mit einem jähen Winter. Die ganze Luft knallte, der Wagen ward wie verprügelt, alles Leben so erschlagen und verlärmt, daß man den Donner und den Blitz vor seiner Nase nicht mehr achtete, seine eigene Stimme und das ängstliche Pfeifen des Bähnchens vor der Station »Nelke« nicht hörte. Man hatte die Scheiben aufgetan, alles sah hinaus und fror vor so viel Eis und Schrecken. Das zerschmettert alles, dachte man. Jetzt hätte man wieder einen guten Witz brauchen können.

An der Station verwandelte sich endlich dieses Hageln in ein flutendes Regnen. Ein Mädchen mit einem Sack über dem Kopf rannte zum Wagen und reichte ein Päcklein Briefe herein. Von der Türe der »Nelke« sprang unfeierlich schnell ein langer, bärtiger Mann zum Wagen, brach in Emils Abteil, setzte sich schwer und sagte tief aufschnaufend: »Grüß' euch Gott miteinander! Ist das ein Gericht! – Und ich bin bachnaß dazu, hejo, – das gibt mal wieder einen Erzkatarrh.« Er hustete zum voraus.

»Grüß' Gott, Herr Pfarrer!« ertönte es ringsum, zurückhaltend, aber mit Achtung.

»Hier zieht es! – von der Türe da,« sagte der geistliche Mann und zog nervös die Schultern ein. »Unsere Wagen schließen herzlich schlecht.« Er blickte mit den brauenlosen, doch gemütvollen, laublauen Augen besorgt im Wagen herum.

»Kommt hieher, Herr Pfarrer!« ersuchte Ueli. Sie wechselten die Plätze. Emil hatte nun die beiden Jungfern, Heinz den Pfarrer Knie an Knie gegenüber.

Der Pfarrer neigte höflich den Kopf vor den Fremden, überflog Emil mit dörflicher und oberhirtlicher Neugier und sagte dann zur älter Jungfer: »Lisbeth, da sitzt Ihr am offenen Fenster! Wißt Ihr, daß der Blitz gern in die Eisenbahnen schlägt?« – Er lachte dazu, als hielte er das für Aberglauben und wollte nur erschrecken.

Die Jungfer reckte den mächtig bezopften Kopf mutig und erwiderte mit einer prachtvollen Altstimme: »'s hat keine Gefahr mehr. Am Absomer heitert es auf. Seht nur!«

»Blauer Himmel!« tief die jüngere und zeigte in die Höhe. Emil schoß auf. – Diese hohe, süße Stimme, leise und klingend, wie ein wiegendes Sonntagsglöcklein, – was war das? Warum ging sie so eigentümlich in sein Ohr? Wie eine ferne Melodie? Warum gefiel und drückte sie ihn so seltsam?

Er sah das Gesicht an, woraus dieses Geklingel hüpfte. Der Mund wie eine rote, runde Beere so klein, die Backen hochrot und voll, die Augen harzbraun und sehr groß, aber die Stirne sonnenverbrannt, niedrig und von kurzen, rotbraunen Haarkräuseln bekränzt, ein gutes, lustiges, leichtes Ding von etwa zweiundzwanzig Jahren.

Habe ich die denn wohl schon einmal gesehen? Unmöglich! wo in aller Welt? dachte er.

»Sonne, Sonne!« rief sie wieder. Ihre lustigen Augen rissen alle Blicke mit hinaus. Es war aber auch wahrhaft großartig; was der Himmel nach einem so ungeheuren Spektakel schon wieder Artiges und Gütiges leistete. Ein rechter Choleriker! Aller Jähzorn hatte in Wohlwollen umgeschlagen.

»Da lacht er jetzt wieder, nachdem er den Kropf geleert!« meinte der Ueli.

»'s geht unsereinem auch so,« versetzte der Pfarrer, Heinzen anlächelnd.

»Sehen Sie,« wagte sich nun Heinz heraus, »wie der Scheidbach wächst? Woher hat er wohl den seltenen Namen?«

Der Pfarrer hätte keine Frage lieber beantwortet. Er sah da viele Katholiken von Mattli. Sie standen nicht auf brüderlichem Fuße, die Absomer und Mattler. Pfarrer Daniel Munder aber war ein Fanatiker des Friedens und der Liebe. Er fahndete heiß nach jeder Gelegenheit, zwischen den Protestantischen seines Tales und den Römischen über der Wasserscheide des Plättlisees rhetorische Friedensbrücken zu bauen. So ein Architekturstück bot sich hier bequem. Er schloß also zuerst die Augen und vertiefte sich in die alten Zeiten der Chronik. Aus diesen heraus wie eine andere Stimme begann er dann zu reden.

Indessen hatte es alle Wolken am Absomer verjagt. Die Felsen glänzten in die blauen Lüfte empor, ihre nassen Wände funkelten wie Spiegel, und wo sie sich in den Schatten oder in eine Schneefurche kehrten, da bekamen sie eine köstliche, violette Farbe. Die Alpweiden zwischen den grauen Steinen waren so saftig grün wie im Mai. Gen Osten gab es noch viele Wolken, aber wollig weiße, bewegte, wie eine davontrabende, unendliche Schafherde. Die Landschaft ringsum schien aus einer Samstagwäsche in den Sonntag zu gehen, so rein und festlich war ihre Miene. Zwar sah es noch weitum weiß vom Hagelkorn auf allen nahen Halden und Wegen aus, und Fetzen von Baumästen lagen wie bleiche Leichen dazwischen. Auch das hohe Junigras war wie eingestampft. Aber die Büsche des Holder und der Hasel glühten so köstlich in ihren unzähligen, durchsonnten Regentropfen, die Tannen blickten so sauber drein, die Schloßen schmolzen so rasch in der Straße, eine so scharfe, duftige, neue Luft wogte in die Fenster, das Vögelgezwitscher kehrte so massenhaft und übermütig zurück, und die Sonne im Westen lachte den fahlen Mondstreif im Osten so heillos aus, daß man durchaus heiter werden und mit lachen mußte. Auch die breiten Schöpfe der Obstbäume in den Wiesen, die Helme der Kirchtürme und die roten Ziegeldächer hüben und drüben lachten. Alle Grobheit war dem Himmel verziehen, alles steckte er mit seinem goldenen Humor an.

Nur der Scheidbach in der Tiefe machte nicht mit. Er schien mit seinen furchtbar angeschwollenen, braungrauen Fluten zu sagen: »Lacht ihr nur wieder, aber ich habe Charakter!« – In der Tat, das war ein Charakter! – Von Hagel und Wolkenbruch plötzlich ums Zehnfache vergrößert, wuchs er noch immer, weil hundert neugeborene Bäche und ein immer gewaltigerer Zuschuß vom oberen Tal Absom ihn speiste. War er vorher wie ein Wanderbüblein des Weges gegangen, so glich er jetzt mit seinen hohen Wassern und den Baumstämmen, Felsen und Brettern, die er mitführte, einer wilden, alles mit sich reißenden Völkerwanderung. Er bildete eine Macht, über die man nicht wegkam.

Emil bemerkte von allem wenig. Er achtete auch nicht stark auf die Erzählung des Pfarrers, der gerade darauf wies, wie auf der anderen Bachseite die Kirchturmspitzen alle ein Gefunkel von Kreuzen, auf dieser hier ein Gekrähe goldener Hähne offenbarten. Immer noch hörte er die so merkwürdige Stimme sagen: »Blauer Himmel! – Sonne!« – War das Settchen? Nein, niemals, die sagte auch: Himmel und Sonne! aber ganz anders.

Er fuhr sich an die Stirne und krumelte in den scharfen, sichelhaften, braunen Augenbrauen, wie er's bei einem Rätsel gern tat. Schon zwei-, dreimal war ein Erinnern wie eine leise Hand über seine Schläfen gefahren, vielleicht am meisten bei der eigenwilligen Sprechart dieses Volkes mit seinem singenden Satzfall. Nun aber gab ihm diese hohe Jungfernstimme noch mehr Arbeit. Überhaupt, die duftige Regenfeuchtigkeit vom Rock des Pfarrers, das ferne, verdämmernde Donnern wie ein letztes, ohnmächtiges Gebrummel, diese herbstsüße Luft, und wieder diese Stimme und Aussprache: wo kam das alles her? was ging es ihn an? warum bemerkte er das so eigen? was wollte es mit ihm? Der harte Manuß, der von Gefühlen wie von lästigen Fliegen dachte, die man mit leicht geschwenkter Hand verscheuchen könne, ward ein wenig unruhig, weil er das gar nicht wegbrachte und er es doch nicht erkannte, dieses Dunkle, leise, leise an sein Herz Rührende. –

»Diese Menschen mit ihren Gebirgssentimentalitäten kränkeln einen an,« redete er sich mißmutig ein. »Das wäre nun doch für die ›Fliegenden‹, wenn ich zu schwärmen anfinge wie Bert. Ah bah, das verdammte Mundorgeln des Alten da hinten, das ist's wohl, – das hat so etwas Süßfaules, daß man einen Dusel bekommt!«

Der Bergknöpfel schob wirklich das singende Holz sachte zwischen den Lippen hin und her. Feine Töne, tiefe und hohe, rannen mitsammen heraus. Mit keiner andern Musik war dieses kleine und doch so reiche, auf- und abwogende Örgelchen zu vergleichen. Wie wenn Kinder mit Männern und Frauen singen, war's zu hören.

»Das ist ein Hinterwäldler!« rief ein Junge, der schon jeden Tanz kannte.

»Spielt nur weiter!« bat die Hebamme. »Das Kind sperrt die Augen auf und hört's gern. Fällt nicht aus der Art.«

Die zwei Jungfer wurden brandrot. Aber der Tubäkler sagte: »Dann ist's also eine echte Absomerin, unser Blut! und nicht ein halbfremd' Gewächs wie der Mang!«

»Den laßt einmal aus dem Spiel!« forderte unendlich kühl Ueli. »Solche ernste, herzhafte Jungen täten, mein' ich, dem Dorf mehr not als Tänzerinnen!«

»Noch nie hat ein Schaf oder eine Geiß gefehlt, wenn er die Allmend hielt,« erklärte jener Bub neben dem Bergknöpfel. »Und in der Schul' war er weitaus der erste.«

»Die Schul',« lachte der Bauer, »das heißt mir nichts. Aber Schaffen kann er wie ein Großer. Das ist wahr. Zwei Klafter Buchenes hat er mir in vier Tagen gesägt und gespalten.«

Der Bergknöpfel spielte indes stumm weiter, halb wie Tanz, halb wie Sang, alles in einer dumpfsüßen, unsagbaren Sehnsucht. Viele horchten; viele summten mit.

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