Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Federer >

Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
Schließen

Navigation:

4

Die Eisenbahnen unseres Vaterlandes – köstlich Ding! Sie atmen ganz seinen Geist und riechen durchaus nach seinen niedern Stuben.

Zwar der Blitzzug wettert durch unsere engen Gaue wie ein Augenblick. Dort oben kommt er, ein Glutpünktlein –hurrrr! – dort unten verschwindet er, ein Glutpünktlein. Vorbei! Kaum hat er unser Land gestreift. Daher sitzen nur Fremde drin. Er ist ein Blick des Auslandes durch die Schweiz, nicht mehr!

Aber die Personenzüge sind heimatliche Wesen. Wenn sie sehr schnell laufen und wenig Sinn für Halt und Weile haben, dann freilich ist noch ein gut Teil sputreiches, hastiges Ausland darin und von den eigenen Mitbürgern viel romanisches Volk hinterm Gotthard und vom Genfersee. Dennoch, es verliert sich ordentlich im waschecht Schweizerischen der breiten Kaufherren von Zürich und Winterthur, der dickhalsigen Amtsleute aus dem Bernischen, der brillenblitzenden und an jeder Station eine Zeitung kaufenden Politiker aus Sankt Gallen, der urschweizerischen oder bündnerischen Gasthofkönige mit dem violetten Kinn und den melierten Flügelbärtchen und den schon halb verbauerten Landjuristen, welche die Telegraphenstangen und die Krähen auf den Drähten zählen, in Ermangelung kurzweiliger Prozeßakten. Daneben gibt es begüterte, dicke Hofbäuerinnen, die einen halben Zentner rauschender Kleider um sich schwingen, Trauerleute mit Efeukränzen zu irgendeiner vornehmen Leiche, hie und da auch einen Nationalrat mit Freibillett, der von einer weisen Bummelkommission aus der letzten Hotelecke der Schweiz heimkehrt, ein winziges Tintentröpfchen und sehr große Weinflecken an der immer wieder zurückgeschobenen Manschette. Es sind auch Geistliche da, katholische Kapläne, den Frack hoch oben geschlossen, die Ärmel abgerutscht, ein großes Nastuch in die Brust gestoßen und das Schönste, was sie haben, das goldschnittige Brevier, mit eingeklemmtem Zeigefinger auf den Knien, etwas scheu, etwas linkisch, etwas streng, aber jedesmal mit einem Lächeln, sobald sie durch ein Dorf fahren, wo sie auch schon gepredigt oder am Kirchenfest den Subdiakon gemacht haben. Der protestantische Pfarrer bringt eine Ledermappe unter dem Arm und den jesaiastiefen Seufzer in den Wagen: »Es reicht noch, danke, danke, es reicht noch! – Aber das nächste Jahr fertige ein anderer den Rechnungsbericht!« – Und die dankbaren Mitglieder des Erziehungsheims »Im Gras« winken vor dem Fenster und lächeln verdammt klug: »Der Herr Pfarrer tut's wieder, – wer wollte das besser machen?« Und auch er lächelt nun, aber will gar nichts versprechen. Der HERR wird sorgen! –

Selten blinkt der rote, grüne oder blaue Kragen und die goldene Knopfreihe unserer Uniformen aus dem einfärbigen Ernst des Schweizertuchs. Haben wir doch kein stehendes Heer, kein bewaffnetes Jahr, nur etwa eine gemütliche kriegerische Woche. Dennoch schauen die paar Offiziere drein, als hätten sie zu Mittag statt Kalbfleisch rohes Eisen verzehrt. Sie können zwar nicht anders, sie müssen mit den Reisenden plaudern und Zigarren tauschen. Das macht der gleiche, gemütliche Most in den Adern. Dann aber zur Wahrung ihres besäbelten Berufs blicken sie streng auf eine Wiese von achtzig Metern im Geviert, und einer sagt mit tiefem Baß und die Stirne unter dem Käppi drohend gerunzelt: »Hier ließe sich bequem ein Bataillon angriffsweise entwickeln.« Worauf der andere scharf sichtend entgegnet: »Aber gestaffelt, mit kürzesten Distanzen!«

Leider ist auch das namenlose Volk der Geschäftsreisenden da mit aufgedonnerten Schnurrbartenden, gesalbten Scheiteln, pfiffigen Augen und einem lächerlichen Dünkel. Auf der Brust baumeln dicke Uhrketten aus Katzengold, und im Ring glänzt ein grüner Kristall. Menschen von unausstehlich geist- und bildungslosem Geschwätz und dem kleinen, schnellen Gehirn eines Tagesanzeigers. Sie fühlen sich nicht wohl in den so hübsch gemischten vaterländischen Wagen und ziehen sich in einen Auslandsabteil zurück. Dort reißen sie ihre ins Notizbuch verzeichneten und auswendig gelernten Witze. Aber wenn man durch einen blaugrünen Tannenwald fährt oder auf einer Trift braune Kühe muhen hört, oder die graue Alpenkette von Appenzell über einem Hügel fern auftauchen sieht, dann vergißt der Jüngste und Unverdorbenste von ihnen seine Mustertasche von englischen Hemdbrüsten, spitzt den weichbeflaumten Mund zu einem losen Bubenpfiff und bekommt einen edeln Knabenglanz ins verstaubte Auge.

Ja, die Eisenbahnen unseres Vaterlandes –!

Aber nicht einmal einen solchen Eilzug hatte der kluge Manuß erwischt. Um eine halbe Minute war er zu spät gekommen. Mit roten, ausgescholtenen Köpfen standen der pappellange Franz und Heinz neben ihm. Ein Güterzug mit etlichen Wagen dritter Klasse rumpelte vor. Verächtlich sah Emil das langsame Ding mit der alten Maschine, dem dummen, großväterlichen Kaminturm und den greisenhaften, verarbeiteten, plumpen Händen und Füßen stille halten und sich wie ein Lungenkranker auspusten und aushusten.

»Verfluchte Dummheit! Da kann ich jetzt in den Kasten hocken! – Schafft die Koffer hinein!«

»Wartet Ihr,« sagte Heinz in seiner altmodischen Respektsanrede, »und geht lieber auf den Vesperzug!«

»Was ist jetzt das wieder, Vesperzug? – He, mit dem da wird es jetzt wohl auch gehen.«

Emil und Heinz machten es sich auf der harten, braunen Holzbank des verrauchten alten Wagens bequem, so gut es ging.

»Das Abhärten fängt früh an,« spottete Emil sauer. Darob mußte Heinz über sein ganzes spinnwebiges graues Gesicht herunter lachen. Er konnte nicht anders. Das reizte Emil immer.

»Du wirst schon nicht mehr lachen, wenn du mir stundenlang das Gestell und Meßzeug im Nebel halten mußt, daß dir fast die Finger abfrieren!«

Er hätte noch Böseres sagen können, Heinz mußte einfach lachen. Wenn es ihn ankam, half nichts dagegen. Es verschüttelte ihn jetzt fast gar. Und das sauersüße Gesicht seines Gebieters war dazu überaus komisch anzusehen.

»So kalt – wird es dort oben?« stammelte er, immer noch mehr lachend, aber ehrlich dagegen kämpfend, »daß die Finger – nein, aber –« Es war unmöglich, vor Lachen weiter zu kommen.

Jetzt spielte sich auf dem langen, zarten Gesicht des Manuß eine sonderbare und rasche Geschichte ab. Es wandelte ihn an, grimmig zu werden und eine Ohrfeige zu hauen, und doch lockte es ihn auch wieder, mit diesem treuherzigen Hausgeist da, seinem Jungjahrehüter und selbstlosen Knecht und Helfer in allem, mit diesem dünnbärtigen, knochigen, breiten, guten Gesicht, dieser narbigen Stirne und diesen bieder, hellbraunen Kaninchenaugen mitzulachen. Aber Spaß war nun einmal nicht sein Ding. Es floß kein Tropfen Humor durch sein Blut. Nur aus Freundlichkeit konnte er mitlachen, weil es eigentlich doch lustig war, den alten Heinz so närrisch lachen zu sehen. Indessen, er überwand sich und sagte, die Lippen gleichsam in jedes Wort pressend: »Lach' dich aus, Joggel, wenn's dir so wohltut!«

Dann winkte er Franz her, reichte ihm ein schweres Silber zum Fenster hinaus und befahl: »Geh und sorg' gut für die Flora! Reit mir aber auch den Fuchs alle Tage ein wenig, – oder weißt du – frag' mal bei Berts – das Fräulein Marie – wenn sie das Gespann etwa brauchen könnte, – vielleicht für den Vater, oder sonst, – nun, es sei gern anerboten! – Geh!«

Er schob sich schnell in den Wagen zurück, daß Fränzel vor dem leeren Fenster seinen tief dankbaren Bückling machte. Ein Fünffränkler, na! Frau Sette hatte nur einen Zweifränkler gegeben.

»Ein großartiger Cheib ist er eineweg!« murmelte Franz immer noch mit abgezogener Mütze und verlor im Anschauen des warmen Talers vollständig die Erinnerung an das starke Dutzend imposanter Schimpfwörter, das ihm der Herr vorhin ins Gesicht geworfen hatte.

»Nun lachst du schon nicht mehr?« fragte Emil Heinzen. »Das ist eine verdammt kurze Komödie gewesen. Vorwärts, lach noch einmal mit deinem göttlichen Runzelgesicht!«

Aber jetzt konnte der Arme nicht mehr, weil es erlaubt war. Er bemühte sicht die hundert kleinen Falten, die sich ihm beim Lachen bildeten, streng zu glätten.

Der Zug glitt aus dem Bahnhof. Häuser, Gärten, der Fluß, die nächsten Hügel schwanden gemächlich an den offenen Fenstern hin. Sie hatten alle Zeit, noch einmal in den Wagen zu gucken. Ein Vormittagslüftchen blies herein. Dann kamen Äcker, Kleefelder, Mostwiesen, Dörfer, deren Stationen mit schläfrigen Signalglocken und schläfrigen Wärtern wie die persönliche Langeweile aussahen. Später mehrten sich Hügel und Bäche, die Wälder wurden breiter, die Luft ward frischer, die Tannen dämmerten tiefer, man war in eine Nebenbahn geraten. Über den Waldlinien traten immer klarer die Vorberge ins Bild. Die menschlichen Wohnungen klommen vereinzelter und einsamer die Höhen herauf, sie verloren das Kunststeinmäßige, wurden hölzern, sonnenbraun, schindelnvernagelt, und Bergstimmung lag vor ihren vielen kleinen Scheiben und Bretterlauben. Langsamere Menschen, stillere, schritten die Hänge nieder, so sicher, als gäbe es keine Städte und Stadtbüros. Manchmal tauchte auf einem Weglein eine Jungfer oder ein kleines Frauenzimmer auf mit Brustkoller, bebändertem Haar und andern tapfer Spuren einer alten, absterbenden Tracht. Bald dufteten Harz und Walderdbeeren in den Wagen hinein. Die Nähe der Berge meldete sich. Es ward dunkelblau und dunkelgrün im Coupé. Die Gesichter bekamen die tiefen Schatten der Tannen und überall hörte man nur noch das Lärmen der wilden Natur, die Bäche, die rollenden Steine, die bewegten Nadelhölzer und die Schellen der unruhigen, unbehüteten Berggeißen. Wenn ein Hüter da war und rief: »Ho-o-o-ojooo!« – so klang auch das wie ein Ton aus der milden, unmenschlichen Naturmusik allhier.

Langsam, aber stetig stieg die Bahn. Doch die Menschen sind unverbesserlich. Ging ein Seitental auf, so war gleich wieder eine Störung der Bergwelt da mit Firlefanz der Stadt und Gigerleitelkeiten, französischen Ladenschildern, Fabriksächelchen in Glaskästen, Momentphotographen, Syphonschenkerinnen. Dann ging's weiter durch eine Bergklemme, sozusagen zwischen den Knien des Gebirgs hindurch in die Höhe. Wieder ward alles Naturwildheit. Und wieder kam ein Tal, noch höher oben, mit großen, saubern, stolzen Dörfern und Leuten. So weit hinauf wagen sich die Menschen! So hoch bauen sie sich an, fast unter die hängenden Lawinen, diese frechen Zweibeinler!

Die Eisenbahnen unseres Vaterlandes – köstlich Ding!

Diese Drittkläßler vor allem, die an jeder Station halten, auf daß wieder ein Gemüsekorb oder eine alte Haube für eine Viertelstunde mitfahren kann! An so einer Hauptstation, wo heute großer Jahrmarkt war, stiegen alle Bänke voll ein. Da ist der Kern vom Land zu sehen, die Tubäklerbauern und Barfußjungens, Mütter mit dem Saugflaschenkind, ein Gemsjäger oder Wilderer, gleichviel; geruhige Hebammen und das Kram- und Krämervolk vom Dorf Absom. Auch Handwerksburschen und Italiener, mit so klebrigen, braunen Hosen und Kitteln wie die Erde, aber wundervollen Gesichtern. Sie bauen an unseren Kanälen und Bachbetten, Wuhren und Dämmen und mischen ein himmlisches Deutsch in die enge, scharfe, singende Mundart dieser Gegend. Endlich sitzen da noch Viehtreiber, Kilbikomödianten, ein Ratsherr vom katholischen Bergdorf Mattli, der Dorfschreiber von Absom, ein Zipfelkappenbauer, ein Stickereifabrikant, kurz, alles Volk durcheinander, mager und fett, klug und dumm, witzig und ernst, batzenreich und arm bis aufs durchlöcherte Hemd – der Kern des Landes!

Kein köstlicher Ding als unsere Eisenbahnen!

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.