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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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40

Zwei Jahre sind wie zwei junge Falken vorbeigeschossen. Was grau war, ist einen Faden grauer, was blond, etwas brauner geworden.

Durchs ganze Absomländchen geht ein lachendes Hämmern und Hauen, da kaum der Osterschnee geschmolzen ist. Denn im Juli soll das gesamte Spinnetz von geschmeidigen, elektrischen Wagen landauf, landab befahren werden. Tunnels wurden gebohrt, Hügel überschient, finstere Abgründe überspannt und zierliche, grüne Fichtenwäldchen nadelscharf durchschnitten. Kein Weiler ist vergessen, kein Gehöfte mehr entlegen, kein Zuweg mehr schwierig. Der müde Merkur, der mit seinen alten Vogelflügeln an den Füßen hier doch nur mit Not durchkam, kann bald in einem bequemen Kupee sitzen, die Federn ausrupfen und mit Hilfe der A. St. B. – Absomer Straßenbahn – sein göttliches Botenamt viel besser im Volk betreiben.

Es ist ein feingelegtes Netz, ein Muster seiner Art, von ausländischen Studienkommissionen oft abgesucht und viel in englischen und amerikanischen Fachblättern besprochen. Geistreich ist die Zeichnung auf der Landkarte abzulesen, und kurzweilig und verschmitzt fein scheint einem jede Linie durch die widrigsten Verhältnisse gezogen. Auch das neue elektrische Wasserwerk ist fertig. Der Betrieb der Bahnen wird erstaunlich billig und die Fahrt trotz aller Krümmungen katzenleis und katzenschnell geschehen. Wenn so ein Probewagen einmal eine kleine Strecke weit Versuche anstellt, laufen die alten Mütterlein im Hofener Pfrundhaus und alle Gebresthaften im Mattler Asyl unters Fenster, nicken und sagen einander: »Ihr, jetzt können wir bald wieder wie Jungleut' übers Land reisen.«

Warum nicht? So ein Wagen führt euch durchs ganze Land, von Absom und Mattli bis fast an die ersten Alphütten hinauf und hinunter durch mehr als zwanzig Kirchdörfer zur Stadt und Ebene. Und er lädt euch ab, gerade wo ihr wollt.

Nun könnt ihr euere reichen Steinbrüche öffnen, euer gewaltiges Holz in die Welt hinaustransportieren und den Segen euerer Stickerei ins letzte Hüttlein tragen. Und getrost dürft ihr die Völkerwanderung der Fremdensaison erwarten, sei's für die Sommerfrische, sei's für den Wintersport.

Der Manuß ist noch bei keinem Werke so glücklich und so genial gewesen. Bastian steht ihm wie eine rechte Hand bei. Die gefährlichsten Messungen haben sie zwei allein mit Strickleiter und Fußeisen vorgenommen. Bastian ist ein kühner und kluger Kopf. Emil will ihm später selbständige Streckenarbeit übertragen; er kann's verantworten. –

Ernst ist Bastian freilich geblieben, und das Goldhaar und der Schwanenhals und der Rosenmund, wie ihm Heinz die Zukünftige ausmalte, ist bis heute noch nirgends auf der Linie sichtbar geworden.

Mehrmals hat man die Trompetenstöße des Krieges nahe gehört. Ein paarmal machte das alte Europa ein arg soldatisches Gesicht und spie schon Blut und Blei. Aber hier an den Straßen ward lustig weiter gebaut.

Es drohten auch zwei-, dreimal ungeheure Krisen über die Welt zu gehen. In den Städten lief man nach den neuesten Depeschen wie nach einem Orakel über Tod und Leben. Die Eisen- und Holzbetriebe stockten. Aber hier oben ward tapfer weiter geschient. Und die Bestellungen in der Stickerei nahmen nicht ab. Denn Ernst Broller sitzt einen Herbst in New York und einen Winter in London und bearbeitet Onkel John und Onkel Sam und stellt ihnen vor, daß es doch keinen Krieg in der Schweiz geben könne, weil sie ja neutral sei und elektrisch bahnfahren und sticken wolle, fertig, punktum! – Und erfinderisch ist er. Immer Neues, aber Vaterländisches will er im Dessin. Er treibt die Absomer Zeichner in die reinsten Naturschilderungen hinein. Mattli und Absom sind wahre Künstlerdörfer solcher Heimatzeichner geworden. Die Fabriken laufen wie toll, und die Handstickerei erzielt hohe Preise. Broller empfängt Briefe und Dankesversicherungen aus der Heimat zu Haufen. Hie und da liegt auch in der Beige Korrespondenzen ein Papierschnitzel von Zia, Bleistiftsätze, liebes, argloses Erzählen und ein inniges Kindesschreien zuletzt nach dem Vater. Der gewaltige Kopf zittert dann und neigt sich übers Papier und küßt den kleinen Namen, aber sagt mit gepreßter Lippe: »Noch nicht! Noch lange nicht!«

Ingenieur Bert ist im letzten Winter nun doch an seinen Eiweißkörperchen gestorben, aber froh gestorben. Er hat seine Mörder, die Berge, noch im Verscheiden gesegnet. »Siehst du nun, Kollega, die Nerven!« sagte der Hausarzt zum Spezialisten. »Im Gegenteil,« erwiderte der Spezialist, »siehst du das Organ!« – Und sie schieden von der Leiche als Feinde und verfolgen sich heute noch im »Äskulap« mit pseudonym verfaßten Artikeln über die Behandlung der Nieren.

Frau Bert lebt und arbeitet und plaudert ja wohl ganz tapfer, aber die ernste Maria ist die eigentliche Führerin des kinderreichen Hauses.

Sette ist einstweilen noch immer ein kinderloses Weibchen geblieben und muß in der mondenlangen Abwesenheit Emils gar oft den Namen »Junge, lustige Witwe« hören. Aber nun klingt das anders! Man kann lachen dazu. Übrigens nisten doch drei Junge im Haus, Minchen, das schon die Zöpfe selber zu einer Krone flicht und nicht bloß dem Walter, sondern noch einer ganzen Reihe von Studenten gefallen möchte; dann Mang, der sich von der Stadt nicht im geringsten einschüchtern läßt, ausgezeichnet studiert und seine freie Zeit am liebsten in der Bibliothek oder im Garten zubringt bei den Felschen, Grotten und Wässerchen; endlich Walter, der Reiter, Fechter, Seeklübler und Fuchsmajor der »Helvetia«.

Wenn die zwei hohen, schlanken Burschen aus dem Portal des Manußhauses in die Stadt hinausschreiten, die Mützen im Haar, die Bücher unterm Arm, dann gibt es ein leises Knirschen der Fensterriegel an manchem Haus, ein Neigen übers Gesimse und ein langes, herzklopfendes Nachschauen von verliebten Leutchen nach dem purpurnen Jüngling, der so kühn ausschreitet und mit den dunkeln Samtaugen so manches unbeschirmte Äuglein versengt, – oder nach dem vielleicht noch stolzern, gelbroten Krauskopf, der ein so sonnenverbranntes Gesicht und so merkwürdige grüne Gletscheraugen hat.

Die Jünglinge scheinen es nicht zu merken, sondern Walter öffnet sein Buch der Erdkunde und sagt: »Sieh da, was ich dir schon lange zeigen wollte. Jetzt tut's uns ja nicht mehr weh.«

Eine Photographie! Der Pfarrer Daniel von Absom, hoch oben auf der Musikantenbühne, den Kopf gegen das Volk vorneigend, mit einem prachtvollen Predigerernst, – hinter ihm ferne, weißbeschneite Bergkämme und der große, saubere Alpenhimmel, unter ihm ein Gewimmel von alten und jungen Älplerköpfen.

»Weißt du noch?«

»Ja,« sagt Mang ernst und zugleich innig gerührt. Ihm ist, die Berge seien auf Besuch gekommen.

Und da: Walter sitzt zwischen Irmeli und Minchen auf dem Hag, während Seppli dahinter steht und eine lange Zunge streckt. – Und weiter: der Kaplan und der Pfarrer die Käslein empfangend; auch Heinzens langen Hinterkopf sieht man und Wildmann und Wildweib und einen Haufen Sennen.

Und da: die Tanzdiele. Die Spielleute sitzen und musizieren auf ihrem Känzeli, voran der Staffelsepp, die Beine übergeschlagen. Unten tanzt man in heftigen Läufen. In der Mitte wirbelt Walter in den Pumphosen mit Irmeli dahin. Wie man ihn kennt an der Schlankheit der Glieder und am runden Kopf! An der Rampe steht Sette und Minchen. Der Fant zerrt an Mang herum, daß er doch mit ihr tanze. Übers Gäßchen hüpft Elselore im Arme Brollers. – Das war Sepplis Aufnahme gerade vor dem furchtbaren Kilbischluß.

»Genug, genug!« wehrt Mang. –

Sie gehen im gleichen großen Schritt von Bergkönigen weiter durch die Stadt den vielen Schicksalen ihrer Laufbahn entgegen. Die Alpenvergangenheit geht ihnen durch den Sinn, und langsam, langsam legt sich auf ihre Stirnen der blaue Schatten ihrer Berge.

Sie sehen fürwahr die feinen Stadtfräulein oben an den Fenstern nicht, wie die auch schäkern und kichern mögen. Die Jünglinge müssen an ihre Berge denken.

Groß ist ja auch die Stadt und wunderbaren Lebens voll, goldreich und fruchtbar, völkerernährend und altweise und schön. Aber einen Tag ist sie so und einen Tag anders, immer unstet, immer untreu, immer haltlos, das Wandelbarste, was es unter der Sonne gibt. Ein Krieg, ein Brand, eine Revolution – und sie ist wieder Feld oder Sand oder Wildnis wie zuvor.

Die schönen Jüngferchen kesseln mit den Riegeln, und einige ganz dreiste werfen rote Nelken herab. – Aber die Jünglinge müssen an ihre Berge denken!

Denn mag gehen, was da will, mögen Städte tosen und wieder still werden, ganze Geschlechter wie die uralten Broller, Manuß und Festli aufstehen und wieder in die Erde verstäuben: die Berge überleben alles in ihrer Unvergänglichkeit. Sie schütteln über all dem Wandel ihr grünwaldig Haar und senden ihre Wasser in die Ebene und ihre gesunden Kinder in die alte Menschheit, gerade wie vor tausend Jahren. Aber ihre großen, schweigsamen Denkerköpfe halten sie unnahbar den ewigen Wölbungen zugekehrt wie zur ersten Stunde der Welt, unsere gesunden, heiligen Berge.

 

Ende

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