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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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3

Bert sah immer auf die grüne Flasche und lächelte. Der erste Schluck hatte ihn schon gesünder gemacht. Es steckte der Geist tiefer, scharfer Alpenwurzeln darin und das machte so leicht und hell. Freilich schien ihm, er höre auch besser, vor allem das viele, überflüssige Geplapper seiner plauderseligen Frau. Die fünf Töchterchen schwatzten geradeso, nur mit weichem Kinderstimmen. Es ging wie in einem Spatzennest durch das vielzimmerige Haus. Nur Maria, die Stieftochter, war schweigsam. Nach dem Gezwitscher der Frieda, Lene, Emma, Lieschen und Babettli kam wieder eine große Stille: Ferdel Bert! Auch er war ein Schweiger die längste Zeit. Nur wenn's einmal an der Stunde war, etwas zu erzwingen oder hinauszupredigen, dann überredete und überschrie er alle fünf Mädchenschnäbel.

Aber das Gelärm dämpfte sich vor Berts Kammer. Aus dem Gebrüll ward ein Geflüster, und die mörderischen Klappschuhe verwandelten sich in sohlenweiche Katzenschrittchen. Dazu freilich ein Dutzend unnötiger Pst! der Mutter.

Bert, der lange Mann im langen Bett, strich zufrieden die mager Bartsträhnen über die Decke und freute sich dieser Zimmerruhe. Immer wieder erinnerte ihn Hinsenörechs Mixtur an die Alpen. Der alte Salber war gewiß weit oben gewesen, wo die Bäume aufhören und die Felsen anfangen und die Schneekämme mitsamt der blauen Himmelsdachung fast von der Hand zu greifen sind. Dort verliert sich auch sachte, sachte der verdammte Menschenlärm wie vor einer Schlafstube. Er dringt noch in ein Bergtal hinauf, ja, mit einer Bahn oder einem Kraftwerk oder einem vermaledeiten Luftkurort. Ja, er stänkert sogar in die höhern Nebentäler hinauf. Denn der Kulturfex ist frech. Aber dann kommt eine Felswand oder eine Schlucht oder ein kitzliges Gerölle, und daran stirbt der Lärm der Welt. Darob wird es nun herrlich still bei den wenigen Blumen und Vögeln und den wunderbar eintönigen Bächen, deren Musik einem doch nie verleidet. Die nahen Felsen stehen still seit Zeitanfang. Nur die Sonne und die Wolken in ihrer himmlischen Lautlosigkeit bewegen sich immer ein wenig. Man sähe es ihnen freilich kaum an. Aber die blaugrauen Schatten am Berg, die stets ein wenig rücken und die Beleuchtung der Gegend ändern, die verraten sie. Doch das hat Bert nie gestört.

Unhörbar geht die Türe. Mutter, Lene und Ferdel gucken durch den Spalt.

»Schaut, schaut, der Vater lächelt! Laßt ihn, 's tut ihm gut, zu lächeln.«

Lenchen wirft von ihrem kirschbesudelten Mund eine Kußhand herein. Ferdel nickt nur ernsthaft. Die Flasche hat er ja gebracht. Und in der Flasche hat das Lächeln gesteckt. Das werdet ihr nun oft sehen!

Vater tut, als höre er nichts. Sowie er sich allein weiß, steht er schon wieder am Absomerstock, mißt ab und schreitet die Linien entlang und schüttelt den Kopf. Diese Steine, wie Berge auf Bergen, diese Schlünde, diese lebendigen Schuttfelder der Weigete, diese unhemmbaren Schneeströme – das ist prachtvoll und schreckhaft. Nein, hier gibt's keine Bergbahn. Sein Lächeln nimmt zu. Er will ihr den Berg schon zuriegeln.

Die Aktionäre haben ihn freilich fürs Gegenteil bestellt. Er soll verkünden, die Linie lasse sich bequem ausführen, und die fünf veranschlagten Millionen reichen völlig. Für dieses Zeugnis zahlen sie ihn eigentlich, das weiß er gut genug. Nicht für das mühevolle und studienreiche Finden der besten Projektlinie durch alle Schauer dieser grauen Felsenpaläste hinauf. Das ist Nebensache. Wenn sich nur ein Weg zum berühmten Gipfel für den rußigen Teufel von Lokomotive bauen läßt. Wenn nur Volk und Rat glauben, fünf Millionen reichen. Dann kommt das Amen der Bundesväter in Bern, und der Berg ist besiegt, und alles weitere, wie vermehrte Aktien und doppelte Gelder, wird sich schon finden. Denn diese Bergbahn wird zehn und zwanzig Prozente abwerfen.

Man schaue doch den Absomer an! Hat er nicht alles, was so ein flotter Kerl von Berg Anziehendes haben kann? Eine tödliche Steilheit über Haupt und Achseln herunter, eine großartige Miene, freien Blick ringsum und erst in respektvollen Abständen Brüder und Schwestern, die alle an ihm heraufschauen müssen. Alle großen Alpenketten von Süd und Ost sieht man von seinem Scheitel wie vor dem Fenster. Vom Ortler bis zum Montblanc! Und durch ein anderes Fenster blickt man gen Nord und West in die flachen, ausländischen Reiche. Aber vom Bergfuß aus gehen nach allen Seiten grüne Hügel und bilderreiche Täler in die Weite, und Dörfer und hurtige Flüsse und blaue Waldrücken wechseln bunt. Ziemlich nahe der auslaufenden Absomerkette liegen zwei bedeutende, sportlustige Städte mit einem dröhnenden, internationalen Bahngleise, und nicht viel weiter dehnt sich der gewaltige Fünfländersee aus, der jeden Sonntag dreißig Dampfer voll Touristen nach unseren Bergen trägt. Und auf allen dreißig Dampfern sieht man durch den schweizerischen Alpennebel in seinem Schneekragen den Absomer wie eine erlauchte Macht hervorragen. Und die Zofen und Mamas sagen dann ihren Pumphosenkindern auf dem Verdeck feierlich: »Na, Jungens, das ist der Absomerstock, der noch nie erstiegen worden ist.«

»Der Kohli soll diesen Stock sicher nicht erklimmen,« schwor Bert. Sonst feierte er ein Fest, wenn zum erstenmal die Bahn auf den metallenen Pfaden, die er ihr gefunden und gewiesen, durchs beflaggte Land rollte. Seine Bahn, seine Straße! Alle sollten ihm danken, die darauf fahren! Jahrhunderte wandeln nun da sozusagen auf seinen Sohlen.

Aber immer hatte Bert die Berge geliebt, schon als Student. Ganze Ferien war er mit Emil in den Alpen von Kette zu Kette gewandert, von Gipfel zu Gipfel. Mehrmals hatte er armen Bergländchen in die Verschupftheit ihrer Winkel hinauf Bahnen errichtet, daß doch auch dahin Leben, Licht und Handel käme. Aber auf den Absomer, das war etwas anderes! Das war reines Börsengeschäft und reines Bergfexentum. Das war Unruhe in einen großartigen Naturfrieden, Alltagsschmutz in einen keuschen Sonntag geschmissen. Das Volk um den Berg brauchte die Bahn nicht und wollte sie in seiner gesunden Mehrheit nicht. Also keine!

Nicht auf einmal war er so geworden. Die ersten Tage dachte er an nichts anderes, als wie er das Ziel möglichst leicht und billig erreiche. Aber je vertrauter er sich zum Volk und Berg nach und nach stellte, um so klarer wurde ihm, daß seine Arbeit Sünde sei. Es war ein Betrug zu glauben, mit fünf Millionen baue man die Strecke. Noch betrüglicher war die Rede, das Volk habe davon Vorteil. Ja, den Rauch der Lokomotiven und das Gekreisch der Fremden und zwei, drei Hotels, von deren Schwelle ein hochnäsiger Oberkellner einfache Schweizerleute von ungebügelten Hosen und manschettenlosen Ärmeln gebieterisch abweist und höchstens in die barackenhafte Dienerstube drüben in der Dependance begnadigt. Nur ein paar Herren haben die Wolle davon, der Ernst Broller vor allem in Absom.

Immer inniger verbrüderte sich Bert mit Volk und Berg. Seine Arbeit gefiel ihm je länger, je weniger. Er frohlockte bei jeder Hemmung der Linie, die neue Hunderttausende verschlingen würde. Jedem wilden Alpbach, der Talent zur Verwüstung zeigte, und jeder Lawinenhalde dankte er herzlich. Als ihm der Geolog des Berges, der übrigens seinen Befund flüchtig und dem Besteller zu Willen verfaßt hatte, einmal im Vertrauen erklärte, es sei doch eigentümlich, wie in diesen Gebirgen hartes Gestein mit kilometerweiten Strecken eines verbröckelten, verfaulten Bodens wechsle, so daß man den Berg bald martern, bald streicheln müsse, um ihn zu bezwingen, und daß das Martern viel, aber das Streicheln noch viel mehr kosten werde: da entfuhr Bert ein wahrer Freudenschrei.

Doch, er hatte sich für die Arbeit verpflichtet und wollte sie richtig und gewissenhaft fertig bringen. Unmöglichkeiten wollte er nicht vorlügen, aber die Kosten hoch genug schreiben. Freilich, der Broller war ein Kraftmensch, der vor dem Doppelten und Dreifachen vielleicht nicht zurückschreckte. Daher nährte Bert gern noch die leise Hoffnung, beim weiteren Messen und Abstecken der Linie, besonders einmal oberhalb der Absomeralp, wo die Felspartie beginnt, würden sich doch noch Unmöglichkeiten herausstellen. Er rechnete da vorab auf Ende Juni, wenn der meiste Schnee weg ist, die Sommergüsse kommen und man das bewegliche Terrain der Schuttbänder dann genau beobachten kann.

Da er nun einmal die Rettung des Berges fest im Sinne hatte, betrachtete er ihn nach und nach immer mehr als sein Eigentum und liebte ihn, wie man ein besonders teures Kind oder eine reine Braut liebt. Er hätte nie gedacht, daß man einen Berg so tief menschlich lieben könne. Im Herbst hatte er die Arbeiten übernommen. Schon im April, da noch überall hoch Schnee hier oben lag, wohnte er wieder in Absomdorf und ging mit dem schneeschmelzenden Mai langsam den Berg hinauf, zuerst an den Hügeln, dann durch die Waldungen bis zum Alpdörflein Miezeler, dann von da gegen die Hochalp Absom. Der Poet erwachte in ihm dabei, der Naturnarr, den er sonst bei Ingenieurwerken der Ebene gemächlich einschlafen ließ. Die Frau mußte ihm zwei und zwei von seinen Rangen heraufsenden, und Emma und Ferdel glaubten, einen andern Vater wiederzufinden, einen Vater, der so munter wie sie hüpfte und pfiff und kletterte und die Halden hinabkollerte und Dinge anstiftete, die er ihnen zu Hause schwer verübelt hätte.

Aber immer kamen die Jungen mit Schnupfen und Husten heim. Denn Papa ließ sie in den Bächen waten, halbnackt in Wind und Sonne tanzen und nächtelang in luftdurchlöcherten Heuschobern auf prickelnden Halmen schlafen. Und sie erzählten, daß auch Papa immer huste und eiskaltes Wasser dazu trinke. Zuletzt sperrte sich Frau Bert dagegen, ein weiteres Kind in diese ungesunde Wildnis hinaufzugeben. Ihr Mann fügte sich, lachte aber über die unverständigen Leute, die nicht begreifen wollen, daß man von der Stadt herauf ungesund daherkommt, und daß nun der rauhe Berg säubert und reinigt und einen da freilich etwas derb in seine Kur nimmt.

Unterweilen ward ihm der Absomer so teuer, daß er oft tief in der Nacht an ihm herumkletterte, zu Stunden, wo sonst niemand an den Berg dachte, wo er ihn sozusagen allein besaß. Er lernte ihn zu jeder Nachtzeit kennen, im mitternächtigen Volldunkel, beim Erbleichen der größten Sterne, unter der dünnen Mondsichel, bei flatternden Wolken, bei samtweichem Himmel, halb in Nebeln und dann wieder glorreich vom vollen Mond beschienen. Immer war er ein anderer an Majestät und Ausdruck, und immer doch der liebe, treue Absomer. Bert begriff jetzt den Maler Albert Gos von Genf, dessen Ausstellung von dreißig Matterhornschilderungen er voriges Jahr gesehen hatte. Der konnte sich auch nie ausmalen und ausleben an seinem Berg. Wenn Bert nur malen oder dichten oder musizieren könnte! Sapristi, was gäbe das für Werke! Das vergantete und vertrampelte Matterhorn! Ah bah – aber so ein noch freier, unberührter, unverlästerter Berg wie der Absomer, das ist was anderes!

Er hatte einen Hilfsburschen vom Ratsherrn und Alpenwirt Ueli gedungen, Mang, und der verstand ihn, wenn er auch kühler blieb. Er war eben noch ein Bub. Aber mit dem konnte man über alles reden. Auch die andern Bergleute bestärkten Bert in seiner Liebe. Sie waren meist ganz unpoetisch. Doch von den Gipfeln und Wildhöhen sprachen die rohen Kerle immer mit Respekt. Das war eingeboren.

So schlief er oft in den Höhlen, kroch tagelang durch die Felsstollen, lag im Schnee, sammelte grüne Feldspatkristalle für Ferdel, Edelweiß an luftigen Steinnasen für Maria, dieses große Edelweiß seines Hauses; schwitzte, verkühlte sich an den zweiunddreißig Quellen, die er schon entdeckt, zeichnete den Grundriß über Miezeler zur Alpe hinauf, ward aber blässer, magerer, hatte hie und da Schwindelanfälle, hustete wie ein Spitäler, schlief nicht mehr gut, fieberte und wurde, sowie ihn der Absomer Arzt ein bißchen untersucht hatte, Kopf über Hals als schwer an den Nieren und vielleicht auch an den Lungen erkrankt heim in die Familie spediert. Es war Ende Mai, gerade zur Zeit, wo er sehnsüchtig und sicher auf die großen Unmöglichkeiten der Bahn wartete.

An das alles dachte Bert jetzt im Bette. Er redete mit dem Berg. Es wunderte ihn, ob es denn wirklich schon erst Juni wäre.

Der Berg nickte: Ja, heißer, erster Juni, aber bei mir oben ist's kühl.

»Du hast mich aber recht müd gemacht,« fuhr Bert lächelnd fort. Er konnte sich prächtig mit dem Absomer unterhalten.

Der Berg nickte wieder, aber nicht wie ein Schuldiger. Und eigentlich glaubte auch Bert nicht, daß das kalte Wasser und der Wind und Schweiß und Schnee dort oben ihn krank gemacht hätten. Er war eben auch schon zu schwach für die Berge. Er hielt ihre Kraft nicht aus.

»Aber schön ist's doch gewesen bei dir!« fügte Bert dankbar bei.

»Selbstverständlich!« schien der Berg zu sagen. Und er lachte ihn unwiderstehlich in den grünen, grauen und weißen Farben seiner Staatsfigur an.

»Werd' ich wieder zu dir kommen?« seufzte Bert leise. »Hm, ich habe Heimweh, mußt du wissen.«

Jetzt sagte der Berg nichts. Er tat, als besänne er sich.

»Nun ja, das wird sich schon zeigen. Die Hauptsache ist, daß dir niemand wehtut.«

Der Absomer lächelte. Er schien zu danken.

»Dem Manuß werd' ich es noch eigens ans Herz legen. Er ist frech, aber er wird Respekt haben.«

Der Berg machte eine Miene, die sagen wollte: »Laß ihn nur heran! Ich fürchte keinen!«

»Hab' keine Angst. Er tut dir sicher nichts. Er nimmt's noch genauer als ich mit der Strecke und schont die Kosten noch viel weniger. Der Solide heißt er ja.«

»Er redet wieder einmal laut mit sich selber und hält die Augen dabei zu,« sagte die große, etwas plumpe, runzellose Frau Felizitas Bert nun unter der Türe und ließ Emil ganz ins Zimmer. »Er ist sicher wach. Rufen Sie ihn nur beim Namen!« Sie wollte das alles flüstern, aber ihr großer, lachender Mund, den sie auch allen ihren Kindern geschenkt hatte, konnte nicht flüstern.

Emil trat leise ans Bett und rief: »Bert!«

Bert blieb unbeweglich tief in seinen Träumen haften.

»Emil ist hier, er kann's dir selber sagen!« lispelte er zum Berg.

Frau Felizitas mußte drollig lachen und schob sich rasch hinaus. Sie wollte die Männer beim Geschäft nicht stören.

»Nein, Bert,« sagte Emil betreten und nahm den Kameraden am Arm, »du mußt jetzt aufpassen.«

»Ich passe gut auf,« versetzte Bert zum Berg, der ihn vor Emil zu warnen schien, »fürchte nichts, du bleibst mein bester Freund!«

»Das hoff' ich,« bemerkte Manuß, »und darum nehm' ich dir die Linie ab, da doch die Aktionäre so pressieren. Einem andern tät' ich's nicht zulieb. Übermorgen reis' ich hin.«

»Gut, gut,« spann Bert fort, »es geht flink vorwärts an meinem Faden. Jetzt die Absomeralp, dann die Kräglihalde, die Weigete, der Kürdligrat, und wir sind am Haupt.«

Emil hatte mit Bert gestern alles besprochen und sich auch auf dem Papier schon ordentlich in die Sache studiert. Er wollte nur noch einiges Nebensächliche wegen Kost und Logis fragen. Aber er sah, heute war mit Bert nichts zu machen. Er wollte gehen. Da schlug der Patient endlich die müden Augen auf, erkannte ihn und bat, noch ein Weilchen zu bleiben.

»Sind wir nicht als meisterlose Bälge schon dort am Absomer herumgekrochen?« sagte er mit gemütlichem Tone, »so im dritten, vierten Semester? Im großen Bergtourenjahr? Mir wackelt es im Kopf von allen Bergen, denk' ich dran. So viele waren's, so unmöglich viele!«

In der Tat, dort herum mochten sie beide gewesen sein. Emil erinnerte sich daran, wie an einen großen Rausch. Das erste Examen war flott bestanden, prachtvolle Sommerferien, lustige Kameraden, Geld zum Prassen, man tanzte überall, trank überall viel schweren Wein, war nie recht bei Sinnen. Er schämte sich hernach lange Zeit über dieses seiner Natur so widrige, unnüchterne Leben und dachte nicht gern daran zurück. Namen, Berge, Gegenden hatte er längst vergessen.

»Du wirst dich wieder erinnern, Miggi,« sagte Bert, in sich hinein sinnend. »Du wirst dich wieder an manches dort erinnern«.

»Mag sein,« gab Emil trocken zurück. Er wollte das gar nicht.

»Nimm's genau, Freund, der Berg verdient's! – und das Komitee erst recht,« lachte Bert hinzu.

»Du kennst mich hoffentlich,« erwiderte Emil.

»Und tu ihm zulieb, was du kannst!«

Nun stutzte Emil. Dem Berg? Dem Komitee? Doch, das ging ja zusammen.

»Und du wirst sehen, es macht dich besser. So ein Berg reinigt. Ich fühle mich viel reiner jetzt. 's ist Kirchentum dort, aber menschenloses, unendliches, göttliches. Nicht lachen, du, du! – Ja, Absomer, grad sag' ich's ihm.«

Berts Wangen brannten dunkelrot. Diese Alpenmedizin griff wohl stark an.

Emil verstand nichts mehr. Das war hitziges Fieber. Er lief zur Türe und rief: »Kommen Sie herein, Frau Bert! – Frau Felizitas! – Die grüne Flasche da wirkt nicht gut, Frau Bert, sie macht ihn ja ganz wirr.«

Die Gattin beugte sich über den Kranken und fragte mit ihrer großen frohen Stimme: »Wie ist dir denn, Schatz?«

»O gut, lieb, rein, – es ist prächtig hier oben. Aber der Wind geht. Huium! Da haltet euch nur fest!« Er kicherte und griff nach den Bettpfosten.

Die große, starke Frau hob ihren Patienten ein wenig im Kissen und sagte: »Emil will dir Adieu sagen!« – Sie wünschte ein Ende des Gesprächs.

»Es ist alles in Ordnung,« meinte Bert und reichte Emil die schlotternde Hand. Nun so aufgerichtet, sah man erst, wie mager und zerfallen er war. Mit bedeutungsvollen Augen in dem gelben Gesicht und jetzt sicher wohl bei Sinnen, setzte er fort: »Ich vertraue ihn dir an, wie meinen Sohn, wie mein Leben! Miggi! – Grüß' mir alles dort oben und halt dich an den Mang, der paßt zu dir! – Den mußt lieb haben. Der kann dir bei allem helfen, bei gar allem!«

Müde fiel er zurück, und Emil empfahl sich mit fast unhöflicher Hast, um endlich aus dieser Luft zu kommen. Wie eine andere Welt dünkte ihn die Straße. Er riß von einem jungen Nußbaum ein fettes Blatt, zerrieb es und sog den Duft ein, um den Atem jener Krankenstube zu verlieren. ›Der arme Kerl,‹ dachte er, ›der hat sich da oben gründlich verderbt. Der wird keine Alpenrosen und Gletscher mehr sehen. Lisette muß mir gleich wollene Unterkleider einpacken, und Heinz soll den Apparat mitnehmen. Wir wollen dort oben fleißig Tee und Kaffee machen. Ich habe keine Lust, krank zu werden.‹

Eben ging Maria drüben auf dem Trottoir vorbei. Er zog den Hut tief. Diese ernste Jungfrau achtete er hoch, und ihm war, als habe sie ihn bei niedrigen Gedanken ertappt.

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