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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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39

Im kleinen Saal der Krone, wo sonst Taufessen und Hochzeitsmäler zwischen zwei großen Barockspiegeln stattfinden, so daß der Toastierende nach zwei Seiten sein rednerisches Gehaben bewundern kann, da saß nun am regnerischen Dienstagabend eine kleine Gesellschaft, und man mußte aus ihren stillen Worten, ernsten Mienen und dunkeln Kleidern schließen, daß sie sich in Trauer befinde. Aber aus den schwarzen Ärmeln und Kragen schoß ins Gesicht hinaus ein so erquicktes Gefühl der Zusammengehörigkeit, die Augen wärmten sich so innig und festlich aneinander, und die Hände suchten sich hie und da über und öfter noch unter dem Tischtuch und hielten sich so herzhaft fest, daß es doch eher eine stille Freudenfeier war.

Zwischen Sette und Emil in der Mitte der Tafel saß Mang und schenkte den bläulichen Rheintaler bald da, bald dort ins Kristall. Dieser weichblütige Wein wächst tief unter dem Bergland Absom und läßt sich trinken wie Milch. Er macht nicht keck, sondern zärtlich, nicht wild und wirr, sondern sinnreich und schließt das weiche, breite Reden und das tiefe Lachen der Rheintalerdörfer in sich. Obwohl Heinz wußte, daß er bei seinem Asthma schwere, nächtliche, luftschnappende Stunden gewärtigen werde, trank er doch Glas auf Glas aus, leichtsinnig wie alle halben Poetlein und ganzen Asthmatiker sind. Aber entschuldigt ihn, er war ein Rheintaler!

Neben Ferdel, der bis zu den Tortenschnitten am Tische bleiben durfte, saß der Zipfelkäppler Ueli und freute sich über ein ganzes Schock guter Dinge, so über Mangs Glück, über die verlumpte Bergbahn und am meisten über die vielen teuren Flaschenweine und die Süßigkeiten, die der Manuß aufstellen ließ. Es war ein so profitabler Abend wie der Silvester.

Noch seliger war Emil. Ihn freute Mang und freute Sette und auch an sich selber hatte er eine große Freude. Es war doch auch ein Stück Kraft gewesen, was er da aufgeboten hatte. Und die Zukunft lachte ihn jetzt mit ihren besten Augen an, denn die Straßenbahnen werden sicher ausgeführt. Schon haben die Verhandlungen günstig begonnen. Sie nehmen den üblichen, langsamen, von Amtspult zu Amtspult geschleppten und mit reichlich Papier und Unterschriften gesegneten Gang, aber sie gelangen ans Ziel. Die dem Broller zugehörige Fabrik übernimmt nun die Aktiengesellschaft, und ihr Leiter ist Martin Broller, ein stiller, reiner Geschäftsmann. Der händigt jeden Monat der Therese einen Fünfhundertschein aus. Dem Walter will Ernst Broller die Monatsraten selber schicken. Das hat er sich beim Manuß als eine Sache der Ehre und Vaterfreude ausbedungen.

Marias große, braune, unverwunderte Augen hangen jetzt doch mit Erstaunen an so unglaublichen Neuigkeiten wie einem Emil, der bekümmert nachsieht, wo ein Teller leer ist; einer Sette, die ihren Mann wegen seiner grünen Augen hänselt; einem Bauernbub, der zwischen Frack und Seidenrock in seinem Zwilch sich so ungeniert benimmt, als säße er zwischen seiner gewohnten sömmerlichen Tischgesellschaft: einer possierlichen Geiß und einem würdigen Schafbock.

Man redet nicht viel und nicht laut. Aber doch ist's wie ein fortwährendes Musizieren. Wie wallt Settchens Haar hoch, und wie schimmert ihr Gesicht! Nie hatte sie so melodisch ausgesehen. Es gab keine Küsse und Umarmungen. Das war nicht mehr nötig. Reiches, schönes Sattsein füllte alle Seelen.

Nur eine war nicht satt, Irmelis junge Seele. Sie zitterte und lechzte nach einem lieben Worte Mangs. Sie bangte, wie es nun wohl mit ihnen beiden würde. Wie hoch stand er jetzt! Reich und vornehm ist er auf einen Schlag! In die große Stadt geht er, und ein Gelehrter wird er! Sie aber bleibt das Kronenwirttöchterlein da oben und steht tief unter ihm. Ihr wäre es lieber, er hätte einen ärmern und geringem Vater gefunden, daß sie beieinander bleiben könnten und sie sich neben ihm nicht schämen müßte. Und morgen verreist er schon, früh, wenn sie noch zu Bette ist. Ach, wie sauer ist der Wein und wie bitter schmecken die Mandelsterne! Wenn er ihr doch nur zum Gut' Nacht etwas Schönes, Warmes sagte. Aber er tut's nicht. Ihm liegt ja nichts an den Mädchen!

Der ernsten Maria kommt das Glück im Stübchen hier fast zu groß vor. Sie erzählt, daß ihr Vater wieder tief im Bett liege; er konnte wohl soviel Freud' nicht mehr ertragen. Sie sei darum nicht gern da heraufgekommen. Aber er habe sie einfach gejagt. So edel sei Bert!

Maria dachte nicht zu erschrecken. Ruhig und mild berichtete sie das. Aber sie wollte an den guten Mann erinnern, der an allem Glück eigentlich zuerst schuld sei, und der sozusagen dafür büßen müsse. Indessen die Gesellschaft mochte sich nach so viel eigenem Leiden einfach nicht nochmals in dieses Kapitel einlassen, und Emil schimpfte kurzweg über die Ärzte, weil sie Berts Übel gar nicht erkannten. Der eine sagt, es sei das Organ selber krank, der andere schwört, all das Leiden bestehe einzig in einem verteufelt bösen Spiel der Nerven.

»Ins Bett, Minchen,« ruft da Sette. »'s ist hohe Zeit. Die Torte ist vorüber.«

»Aber der Ferdel auch,« fordert das Göflein Kindlein

»Was? Ich?« spreizt sich der Junge. »Ich darf doch bleiben bis zu den Haselnüssen.«

»Bringt schnell die Haselnüsse,« ruft Heinz zum Serviermädchen.

»Wart Heinz!« droht der dicke Ferdel, eine Faust schwingend.

»Und du, Irmeli?« fragt Minchen.

»Ich bleib' auch noch gern,« sagt das Uelikind leise.

Mang hört dieses tonlose Wort. Es fällt ihm etwas in dieser Stimme stark auf. Unter seinen goldroten Wimpern hervor blitzt er Irmeli scharf an. Da wird sie leicht rot und schaut ins Glas. »Aha!« denkt Mang mitleidig. »Wart du!« –

Heinz hält ein Gedicht bereit. Aber es paßt noch immer nicht in den Ton der Unterhaltung. Die Leute sind noch zu lustig.

»Sette,« fragt Emil über Mangs Kopf hinweg, »was glaubst du wird aus unserem Mang, ein Professor oder ein Dichter oder ein Sozialist?«

Irmeli versteht keinen von den drei Berufen. Sie horcht scharf auf.

»Ein Dichter,« schreit Heinz vorlaut hinein, da Sette sich noch bedenkt. »Er kramt aus alten Leuten und Büchern, er denkt viel einsames Zeug, er erzählt es gut und erfindet mitten drinn noch Besseres, da habt ihr den gegossenen Dichter!«

Mang wirst dem Propheten einen stolzen Blick zu. Tausendfältig blühen seine Märzenflecken wie zornige Blümchen im harten, feinen Gesicht auf.

»Da habt Ihr ganz falsch geredet,« meint er, »Dichter helfen dem Volk nichts, rein gar nichts.«

»Oho!« widerspricht Heinz.

»Pst!« begehrt Emil, da Sette reden will.

Mang und Irmeli hangen nun am Mund der verehrten Frau mit der gleichen Inständigkeit.

»Mang,« sagte sie langsam und sah studierend vor sich hin, »kennt erst einen Winkel der Welt. Jetzt muß er in die offene Stube hinaus. Da lernt er dann das kunterbunte Leben kennen und sieht zu, wo er wohl am besten hinpaßt, und wo er am bravsten nützt.«

»Bravissima, Frau gnädigste Sette, ich weih' Ihnen meine Blume!«

Heinz trank mit diesen Worten ein volles Glas bis tief unter die Mitte an.

»Er wird die notwendigsten Gymnasialsachen studieren und währenddem schießt von selber auf, ob er lieber dichtet oder Reden macht oder ins Volk oder ans Pult geht. Ich glaub', er hat von allem etwas. Weißt du Emil, an wen ich da denke – doch nein, ich sag's nicht – es ist für heut' Abend noch ein zu großer Name –«

»Später, später!« wehrte sie nach allen drängenden Seiten. Mang umklammerte ihr Händchen. »Wer? wer?« dürstete er.

»Jetzt nicht, einfach nicht!« erklärte sie mit ihrem berühmten blondköpfigen Eigensinn. »Aber eines darf ich sagen: Mang wird der einfache, liebe Mensch von Absom bleiben, und wenn er zu oberst auf dem Globus steht.«

»Bravissima, – meinen ganzen Rest!« schrie Heinz mit weinblutenden Lippen.

Mang wurde tief rot. Aber Irmeli dankte mit den wunderlich innigen Augen für das schöne Wort der Frau. So was hörte es am liebsten.

»Zu Bett mit den Kleinen!« befahl Sette nun ernstlich und erhob sich.

»Geh' du nur auch,« knurrte Ueli seine Tochter an.

Ja, jetzt ging sie gern, mit so einem hübschen Spruch im Ohr. Das summt ihr durch die ganze Traumnacht. Sie will die Kinder schon selber in die Kammern bringen. Minchen schläft ja im gleichen Zimmer und Ferdel daneben.

Kurz nach den dreien geht Mang auch hinaus.

»Ihr müßt doch auch sagen, daß Mang mir in vielem gleicht,« beginnt Emil, wie er sich unter den Erwachsenen allein sieht. »Ich nenne da bloß seine Augen, seine Bewegungen, sein hartes,« – Emil wandte sich lachend zu Heinz, – »herrisches Gebaren, – die ungeselligen, unabhängigen Manieren,« – er blinzelte Setten an, – »das respektlose, unzarte Wesen,« – er demütigte sich vor Maria. – »Aber in vielem ist er dann wieder anders. So hab' ich doch gar nichts Demokratisches an mir, und er ist durch und durch ein Volksfreund. Ich denke nur ans Können und er ans Nützen. Freilich – –«

Es regnete Proteste über ihn.

»Freilich sehe ich jetzt ein, daß ich ein bißchen schief stand.«

Wieder Proteste.

»Ja, was denn? Ich sag' ja! – ich bin – ich bekenne – ich scheine ein bißchen – bekehrt zu sein. Hoffentlich hält es an. Aber da seht nun eben: Mang hat schon ein festes Leben im Sinn. Da schwankt er nie. Das größte Unglück ändert ihn da nicht. Er weiß, daß er recht hat. Aber ich? Ich meinte es ja auch, stand auch so fest und jung da und hing doch schon im Falschen. Ich fühlte eben nie, daß ich recht hatte, ich wußte es nur. Aber fühlen muß man's. Und da seht, ein Unglück riß mich völlig aus dem Gleichgewicht.«

»Gott segne das Unglück!« rief Heinz, wieder zu einem Schluck langend.

»Ja, Heinz, bete nur! Du hast auch gesündigt! Wärest du mehr Freund und minder Diener gewesen –«

»Oho Miggi, und deine –«

»Stil!, still!« beschwichtigte Sette. »Wir sind alle verschuldet. Der Miggi war der härteste von uns. Der meinte, die Liebe sei nur so eine –«

»Weibchen,« drohte Emil und bat doch mit frohen Augen, daß sie fortfahre.

»So eine Prise Schnupftabak zur Zerstreuung oder Erheiterung einmal genommen oder gar so eine alte Schnupfergewohnheit – und wurde darum immer härter – und da – ja, da kam das – der – die Toten –«

»Der Hosendreckler,« half Ueli derb, aber ergriffen.

»Ja, der kam und so eine Mühe um den Bub, – und was man hat vergessen wollen – das Lieben, – da hat man nun drum recht hübsch und demütig bitten müssen – so weit ist's kommen, – denn die Liebe ist eine Königin und wer ihr keinen Knicks tut, der muß dafür später vor ihr die Stirne bis zur Erde beugen, so eine harte, schöne, gescheite Manußstirne, – aber dann sitzt er wieder neben ihr wie ein König – oh,« schreckte sie plötzlich auf, »nicht mich meine ich, die Liebe meine ich, versteht mich doch! Aber so ist's.«

Ganz rot war sie geworden, als sie endigte, und sie schaute wie um Verzeihung bittend um den Tisch herum.

»So ist's, bravissima!« bekräftigte Heinz.

»Und du bist's halt doch gewesen, diese Königin. Der Königin Liebe einen Extraschluck!« lachte Emil.

Da klopfte es zaghaft an die Türe, wollte aber beim Herein! doch nicht auftun. Maria öffnete. Im Gang stand Bastian und starrte wie blind in die lichterreiche Stube.

»Willkommen, willkommen!« rief es ihm entgegen. Er sah sogleich viele, viele aufstehende, ihm die Hände zustreckende Menschen. Eigen ward ihm zumute.

Er war den ganzen Abend oben in den Hügeln unter den Tannen gesessen und hatte sich verregnen und vom Winde zausen lassen. Als Leute nahten, war er höher gestiegen, wo es immer einsamer, wilder, toter ward, im Nebel, unter verkrüppelten Tannen. Wohin er lief, verfolgten ihn die wütenden Augen und der Spott Emils. Er konnte nicht liegen, nicht stille stehen, nicht allein sein und nicht ins Dorf gehen. Er war müde, voll Angst und Scham und Zorn über sich und alle Welt. Am liebsten wäre er in irgendein Tobel gefallen. Aber er vermochte es nicht, sich hinabzustürzen, wenn er auch zweimal an ein verlockend tiefes und gefährliches Felsloch trat. Er fiele sicher nicht ganz tot. Man fände ihn. Spital – Verband – Bett – oh! Teufelssachen!

Ruhelos trieb er sich hin und her und geriet beim Zunachten wie von einem Magnet angezogen gegen all' sein Sträuben nach dem Dorf. Auf der schon ganz dunkeln Straße sagte ein Mann mit einem Packwagen zum Kondukteur des Bähnleins, der Broller habe schon von London her telegraphiert. Der wolle sich wieder aufschwingen, wolle wieder zu Geld und Ehre kommen, und wenn er zu unterst anfangen müsse. Den kriege kein Teufel unter. Das Gepäck da müsse er ihm auf die Bahn schaffen.

Das traf wie eine Kugel. So, der alte Broller, der bis zum Boden geknickte Broller, ergibt sich noch nicht! So, der probiert das Glück nochmals. Und ist schon katzengrau. Und Bastian will sterben, der kaum dreißigjährige, der schwarzhaarige, gesunde Kerl! Inschenier, Inschenier, wie hast du recht gespottet!

Der Bastian rennt, damit kein anderer Vorsatz ihn wieder zaudern mache, flink wie ein Reh zur Krone, sucht die Saaltür, klopft –

Und jetzt, er weiß nicht wie, sitzt er schon zwischen Sette und Emil, vor sich die ernste, kluge Maria, Ueli und Heinz nebenan, alle mit guten, heimeligen Gesichtern.

O Gott, es ist nicht zu glauben, wie das tut, nach solcher Nässe und Kälte und einsamer Verzweiflung in den Felsen oben: auf einem weichen Stuhl so warm zu sitzen, tief unter lieben Menschen! Diesen Platz, sagen sie, haben sie ihm leer gelassen, da sei sein Glas, sein Teller, zu ihnen gehöre er. Ist er denn nun ein anderer Mensch? Hat er wieder ein Daheim?

Gewiß und wahrhaft, hier sei er daheim. Diese Sette, die ihm schon beim Armenhaus so gut gefiel, füllt ihm den Teller und wärmt ihm die naßkalte Hand. Und Emil schaut ihn schon so meisterlich vertraut an wie einen vieljährigen treuen Gehilfen. Und so sicher dazu. Er hab's ja ganz fest in den Händen gehabt, daß der Bastian kommen müsse, einfach müsse, wettert er ihn an.

Wie lange hat der Bastian nichts Gutes mehr von den Menschen gehabt. Der Vater in Mattli schreit ihn weit von sich weg; die Geschwister meiden ihn; die Cäcilie knirschte, wenn er kam und der einzige, der ihn ertrug, den haßte er wie Gift. Aber hier ist er wie bei Vater und Mutter und lieben Geschwistern zur alten Bubenzeit.

Suppe, Fleisch und Wein und Süßes und Herzlichkeit von allen Seiten! Sogar der alte Griesgram Ueli, der doch nun Oberrichter wird, lächelt ihm zu und trinkt Bescheid.

Bastian fängt an zu glauben, daß lang nicht alles so schlimm ist, daß man alles Zerstörte wieder bauen, alles überleben und besser machen kann.

Er will sich ganz darein ergeben, was Emil, dieser Gott da, mit ihm tut.

Wieder geht die Tür auf, und Mang kehrt zurück.

»Wo warst du so lange?« fragt Emil.

Mang wechselt die Farbe. »Hab' den Kindern noch Gutnacht gesagt.«

Er hat aber Irmeli Adieu sagen wollen.

»Nun, so geh' jetzt auch, Du mußt ja schon vor Fünfe aus den Federn.«

»Ja,« sagt Mang gehorsam und reicht allen die Hand. Da erst sieht er Bastian.

Ganz froh wird er. Wie oft hat er mit Bastian Holz geschlagen und Gras gemäht. Und wie hat er ihn immer lieber gehabt, diesen ehrlichen, treuen Volksmenschen! Und wie leid wär' es ihm gewesen, wenn dem Knecht wegen der Cäcilie etwas Übles hätte zustoßen sollen. Beide Hände faßt er ihm jetzt und schüttelt sie gewaltig und ruft wohl dreimal: »So ist's recht, Bastian, so ist's recht!«

Und Bastian meint aus diesem Knaben auch die tote Mutter versöhnlich sagen zu hören: »Ja, Bastian, so ist's recht.«

Jetzt ist er erlöst. Morgen schon mit dem Manuß ans Todmüdschaffen!

Mang geht in seine Kammer. Vor Irmelis Türe steht er still und horcht, ob Minchens Schnabel nicht immer noch piepst und plappert wie vorhin. Nein, nun ist's da innen ganz still. Soll er Irmeli etwas hineinrufen? Er vermag's nicht. Aber es hat den ganzen Tag so ein trauriges Gesicht gemacht. So was kann er nicht gut aushalten.

Da hört er das Krispeln der Decke und etwas wie ein lautes Atmen oder gar Seufzen.

»Irmeli!« lispelt er rasch hinein.

Von Entzücken fast gelähmt, erwidert das Kind stockend: »Was?«

»Komm an die Tür, ich kann nicht laut reden.«

Er hört es aus dem Bett springen und seine nackten Füße zur Türe zappeln.

»Hast du das noch im Sinn, was Frau Sette von mit zuletzt am Tisch gesagt hat?« fragt er ernst durchs Schlüsselloch.

»Ja, Mang!« erwidert es. Es spürt deutlich den warmen Geruch seines Mundes durchs Löchlein zu sich strömen.

»Und hast du's gern, wenn ich dir das zum Abschied sag?«

Es antwortete nichts. Aber Tränen traten ihm in die Augen.

»Also, ich bleib' der alte, einfache Mang, der Absomer Mang, weißt du, der Mang, der mit dir am Sonntag Bücher gelesen und Geschichten erzählt hat. Weißt, der!«

»Dank, Dank!« Es wußte nichts anderes zu sagen.

»Einmal schreib' ich dann!«

»Dank! – Ja, ja!«

»Jetzt aber mußt' schlafen und am Morgen nicht aufstehen. 's ist zu früh um fünf.«

»Ja.«

»Adie-e, Irmeli!«

»Adieee, Mang!«

»Gut' Nacht!«

»Gut' Nacht!«

Beide halten das Auge nahe, und beide sehen aus dem andern einen wunderbaren Funken süßer; starker junger Unschuld ins dunkle Löchlein zu sich herüberspringen.

Dieser Funke wird dem Irmeli durch manchen tiefen Lebensschatten noch lange leuchten. Und nun deckt es sich zu und schläft ohne Verzug ein. Es hört nichts unter sich vom Gläserläuten und Tellerklappern, nicht, wie Maria die Gitarre nimmt und Schuberts göttliches ›Du bist die Ruh'‹ mit klangvoll tiefem Alt singt. Auch keinen Vers von Heinzens Gedicht vernimmt es. Es schläft selig in den Morgen hinein und erwacht nicht einmal beim Pfiff der Eisenbahn, die durchs Scheidbachtobel landab fährt und ihm den Mang ins ferne, neue Leben trägt.

………

Beim achten oder neunten Glas neigte sich Heinz tief zum roten Rheintaler und verzweifelte daran, sein Gedicht noch vortragen zu können. Er hatte es zu lang verschoben. Nun gebrach es ihm an Mut. Das Gedicht gefiel ihm nicht mehr. Er stellte sich vor, wie alle ihn auslachen würden. Denn er weiß, daß er schlecht vorträgt, mit einer dünnen Stimme und üblen Gebärden, und daß er ein dummes Aussehen macht.

Ja, er sieht wahrhaft dumm aus mit seinen langen Ohren, dem Knochengesicht, dem magern, mißfarbigen Bart und den Kaninchenaugen und dem ganzen engbrüstigen, luftschnappenden Benehmen. Und nie hat er befohlen, immer gehorcht, auch den Büblein gehorcht. Davon bekommt man keine gescheite und königliche Miene.

O er weiß, wie dumm er aussieht, wenn er vor Walter knien und ihm die Zehennägel beschneiden wird wie einst dem Emil! Und das wird vorkommen. Und doch denkt er gerade dann die gescheitesten Sachen, wenn er knien muß. Er sinnt, warum doch die einen Füße sich so tief unten durch den Staub schleppen müssen und die andern so hoch über den Köpfen stolzieren dürfen. Oder wenn Emil-Walter sagt: So will ich's! – und es geschieht, – warum die einen so großartig wollen können und die andern gar keinen Willen mehr haben. Ja, Heinz ist tausendmal gescheiter, als er aussieht. So aus der Tiefe herauf kann er vieles bequem studieren, was man von der Höhe herab nie erfährt. Wenn er etwa eine feine Musik hört, – seine Herren hören sie nicht! – dann ist ihm, alles, was er gegrübelt und ersonnen hat, lebe da wieder in Tönen auf, danke ihm und belohne ihn für das viele Staubschlucken wunderbar. In der engelsüßen und doch so männlichen Air von Bach, die ihn heimlich immer erbeben macht, wie in der Appassionata Beethovens fühlt er Erlebnisse aus den Höhen und Tiefen der Menschheit, woran auch er Anteil hat. Das Niedrigste und das Großartigste spürt er, sieht, was viele Große nicht sehen, und erfährt, was viele Feine nie erfahren. O ja, er sieht nach außen sehr dumm aus. Aber nach innen hat er das Gesicht eines Salomon.

Jetzt steht er wieder am Anfang seines Alters, der alte Kerl. Wie einst Emil muß er nun Walter und Mang auf die Hochschule vorbereiten. Mit Mang wird's leicht gehen. Der ist stolz, aber mild. Doch mit Walter wird's eine Marter sein. Heinz hat schon etwas wie ein neues Joch empfunden. Das alte Knechtejoch! Soll er's abschütteln? Nein, nein, – er lächelt selig. Dummer alter Kauz! Jetzt dien' du nur fertig. Hast zu lang von diesem Gift genossen. Würdest sterben, wenn's fehlte. Diene zu Ende! Für dich ist's süß.

Mutig klöpfelte er jetzt ans Kelchlein, erhob sich und sprach:

Den Dienenden.

Ich mag nicht wie Vernarrte singen
Von Schärpe, Kranz und Seidenhut,
Und was von andern süßen Dingen
An Lebens Sonnenseite ruht.

Mein Lied schwebt wie ein dunkler Falter
Zum Volke, das im Schatten steht,
Den Schemelkindern tönt mein Psalter,
Der Menschheit, die im Joche geht.

Ihr sinkt so tief zur Furche nieder,
Daß ihr den Himmel fast vergeßt.
Doch heiliger sind eure Glieder
Als Königshand am Salbungsfest.

Denn was sich türmt und was sich rundet,
In Kasten schwillt, in Kelchen glüht,
Und satt von Lipp' zu Lippe mundet,
Ist eurem Schweiß und Blut entblüht.

Ihr seid der Menschheit goldne Bienen
Und summt die ewige Melodie
Vom Honigessen und vom Dienen,
Vom Wink und vom gebognen Knie.

Was in der Weltgeschichte Rahmen
Sich drängt an Segen und an Fluch:
Die Drohnen geben nur den Namen,
Ihr schreibt und malt das ganze Buch.

Nur ihr seid Menschen und seid Leben,
Seid Größe, Liebe, Tapferkeit,
Nur euch kann einst die Gottheit heben
Vom Stündlein in die Ewigkeit.

O lasset mich zu euch gehören
Jetzt unter Dorn und Geißelschlag,
Daß ich einst auch in euer Chören
Des Dienens Ostern feiern mag.

Ueli fand, das seien prächtige Worte. Maria verstand keine Silbe. Bastian in halbem Begreifen ballte einmal die Faust, machte ein andermal ein gesegnetes Gesicht. Emil aber schüttelte Heinzens Hand fröhlich und meinte: »Am Anfang gut, am Ende schwach, wie alle deine Gedichte; dazu übertrieben und zuviel Posaune in der Musik. Mang gäbe dir eine üble Note. Er will nicht in den Himmel vertröstet sein. Aber, was bin nun eigentlich ich, eine Biene oder eine Drohne, sag'!«

»Du?« lachte Heinz, »du hast doch einen Stachel, mehr weiß ich nicht.«

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