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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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38

Schon lag im schrecklich langen Sarg Cäcilie Astli, die Füße gestreckt und die Spitzen steil aufwärts, der Leib dünn und in die Hobelspäne versinkend, der Kopf an das obere Brett gesperrt, aber das Kinn in den Hals gedrückt, weil der Schreiner das Maß wie gewöhnlich bei den Armenhäuslern um zwei, drei Zentimeter zu kurz genommen hatte. Für ihre Lebensgier hatte sie nirgends genug Raum bekommen. Und jetzt hatte man das große Weib auch im Sarge noch betrogen, daß es sich nicht einmal da zum Ausschlafen recht strecken konnte. Damit es eher lange, hatte der Armenvater ihr gewaltiges, braungoldenes Haar abgeschnitten und eine dünne, weiße Nachtmütze über den Kopf gezogen. Die Zöpfe konnte er teuer verkaufen.

Sie trug einen weißen Kittel und einen verschossenen dunkeln Unterrock. Aus allen Lücken quollen die groben Hobelspäne. Um ihren Hals lief eine graue Schnur mit Glasperlen. Viele davon waren verscherbt und wohl die Hälfte fehlte. Aber es schimmerte und war wie eine letzte Flitterfreude dieses Flitterlebens anzuschauen.

Jedoch trotz dieser verdrückten und verkümmerten Lage blieb auf dem Gesicht mit den verschlossenen Augen und der violetten, verschwollenen Lippe noch ein leises, rotes Lächeln stehen. Auch jetzt in der Starrheit der wächsernen Glieder und in der furchtbaren Unbewegtheit des Kopfes, auch jetzt bot sie noch das Bild eines unverwüstlichen Leichtsinnes. Diese Lippen bereuten keinen Kuß, diese Hände keine Liebkosung, und die Augen schienen nur leicht geschlossen, um besser den Süßigkeiten des Fleisches nachzudenken.

Schwester Anna erzählte am Dienstag vor der Beerdigung Setten und dem feierlich scheuen Jüngling in den neuen schwarzen, städtischen Hosen, wie Cäcilie in den letzten Stunden phantasiert, oft wie ein Kind geträllert und immer von der Kilbi geredet habe. Schwester Anna sollte das Fenster mehr öffnen, daß man höre, ob das Tanzen schon angefangen habe.

Die Schwester betete ihr etwas vor. Cäcilie betete lächelnd mit. Aber dann sagte sie wieder: »Jetzt fängt's erst an.«

»Was?«

Da lachte die Kranke und meinte: »Ihr versteht's doch nicht.«

Am Sonntag gegen elf Uhr wollte der Bastian zu ihr herein. Das ging nicht. Sie schlummerte halb. Da stand er wie ein Wachthund vor dem Fenster. »Wie spät ist's?« fragte sie beim Erwachen. – »Elf Uhr!« – Da lächelte sie wieder und sang wunderleis und den Kopf hin- und herwiegend: »Jetzt fängt's erst an!«

Ich las ihr wieder etwas vor. Da horchte sie ein Weilchen still und froh zu. Dann sagte sie: »Nein, nicht das, – das Unser Vater will ich!« – und sie fing selber an: »Unser Vater, der du« – Ich fuhr weiter und sah wie sie zufrieden lächelte, als ich sagte: denn dein ist die Kraft und die Macht – und – da gluckste etwas wie Wasser aus einer Flasche. Cäcilie wird blau und schwarz im Gesicht, reißt den Mund auf und bevor ich sie aufstützen kann, ist ihr das Blut wieder gekommen, hell und rauschend über Brust und Decke, ach –

Ich schreie. Der Bastian stürzt übers Gesims herein. Aber wie ich den Kopf der Frau ins Kissen zurücklege, ist schon alles wie Blei und die Hände sind eiskalt. Der Bastian tut wie ein Kind und Narr. O, es war entsetzlich.

Während die Schwester das erzählt, hat Mang Mühe, aufrecht zu bleiben. Sette hält ihn; sie ist immer am stärksten, wenn die andern erschwachen. Und Mang empfindet es so klar, als wäre es ausgesprochen worden, daß ihn von dieser Minute an die zweite Mutter übernommen hat. Von jetzt ab will er sie »Mutter« rufen.

»Wollen Sie die Tote sehen?« fragt die Schwester. »Der Sarg ist noch offen.«

»Wir warten noch auf Emil,« versetzte Sette nun doch ein bißchen erbleichend. Tapfer war sie schon. Aber allein mit Mang wagte sie es nicht, der Toten gegenüberzustehen. Da mußte Emil mitkämpfen.

Er war zurzeit in der Gemeindekanzlei mit fünf Gemeinderäten und den zwei Schwestern der toten Cäcilie. An Hand all der schriftlichen Aussagen von Bert, Broller, Mang und Emil und den mündlichen dieses Schwesternpaares, aber noch vielmehr – denn das war doch nur Papier! – unter dem Druck so bezwingender Ereignisse Schlag auf Schlag war das Dokument rasch gefertigt. Danach war der ehemals hin und der verdingte Dorfhirt für alle Zeit Magnus Manuß geheißen und mit allen Rechten eines erstgebornen Manußsohnes ausgestattet.

Mit Hochachtung wurden die Formalitäten abgewickelt, und der Mann, der das Land ohne Auftrag und Pflicht entwässerte und den toten Fabriken wieder einen starken Pulsschlag gab, fand links und rechts ein Entgegenkommen und einen Respekt, als ob er von barem Gold wäre. Auf seine Frage, wie hoch sich etwa die Gemeindekosten für Cäcilie und Mang beliefen, erklärten die Befrackten einstimmig, das mache ein Kleines aus, und wenn er denn da durchaus etwas zahlen wolle, so möchte er das freiwillige Sümmlein von seiner eigenen Rechnung für die Korrektionsarbeiten in Abzug bringen.

Aber Emil wollte nicht vor die Tote treten, ehe er alles getan, was so spät noch für ihre Ehre getan werden konnte. Es ward ihm also mit Zögern und Entschuldigungen zuletzt eine Rechnung übergeben, die wunderlicherweise der Gemeindeschreiber geschrieben und getrocknet und gestempelt aus der Rocktasche ziehen konnte. Emil beglich sie sofort und legte dann noch das Doppelte in blauen Scheinen für Erziehung und Ausbildung von Absomerwaisen, vornehmlich namenlosen, auf den verklecksten Kanzleitisch. Eine persönliche Kontrolle behielt er sich dabei vor.

Des Dankes war kein Ende. Die Ratsherren legten ihre hohen Zylinder auf und geleiteten Emil zur Türe. Da kehrt sich der Manuß nochmals zu den feiertäglich und steif bekleideten Herren um. Er stützt sich auf die Klinke, würgt an etwas und wird bleich. In seinem kurzen Röcklein sucht er nach einem Papier und stößt endlich heraus: »Sehen Sie, so ist man: ein Feigling! – Fest hatte ich mir vorgenommen, Ihnen, Herren Gemeinderäte, und den beiden Jungfern Astli noch etwas Schweres zu sagen, was ich mir auf ein Böglein wörtlich notiert hatte. Aber da sah ich Ihre Zufriedenheit wegen der schäbigen, blauen Papierchen hier und dachte gern, das sei nun Genugtuung genug von mir und wollte eben glanzvoll entschlüpfen. – Aber da an der Türe fällt mir ein, daß ich vor einer Viertelstunde noch an einer andern viel ernsthaftern Türe stehe und daß ich dort nicht klopfen und sicher auf kein Herein! hoffen darf, wenn ich nicht schon hier die Schuhe ordentlich abgeputz habe, – mit – mit denen ich – so fehlgegangen bin.«

Jetzt erst merkten die Herren, wo hinaus das wolle und schauten sich verlegen an. Der Ueli dachte: »Der brauchte es doch auch nicht gerad' in allem auf die Spitze zu treiben.«

»Mir,« fuhr nun Emil fest, aber ernst fort, »sagt das Gefühl, ich müsse dem Dorf Absom und den zwei Schwestern der Verstorbenen abbitten, – da ich es der armen Cäcilie selber leider nicht mehr tun kann. – Ich glaub', ich bin allein schuldig, daß Mangs Mutter kein besseres Leben und Sterben gehabt hat; und daß Mang so lange Zeit ein armer, vaterloser Verdingbub gewesen ist. – Ich bin, Ihr Herren, kein Mensch der Rührung. Aber wenn ich denke, daß ich die Folgen meiner jugendlichen Verirrung nie mehr gut machen, der Toten meine Reue nicht mehr zeigen und dem Mang die bessern Knabenjahre nicht mehr geben kann, dann krampft es mir doch das Herz zusammen.«

Emil mußte innehalten, so benahm es ihm den Atem. Die Gemeinderäte wollten nun rasch Einwendungen machen. Ueli trommelte am Fenster. Aber was konnte man sagen? Das düstere Gesicht des Ingenieurs verbot alles Entschuldigen. Im Gegenteil, seine Erschütterung steckte an, die Jodeljungfer weinte leise und barg sich an der Brust der Ältern.

»Ich frage gar nicht, ob es Hunderte im Schlimmen machen wie ich, – vielleicht auch da oben in eurer reinen Bergluft, – und ob es keiner mir im Bessern nachmacht. Das geht mich nichts an. Ich lebe mein Leben und trage mein Gewissen, – keines andern. Aber vor acht Wochen dachte ich wie die Hunderte. Rühmt nur nicht! Ich wär' wohl heut noch so, wenn ich nicht schier übermächtig in euern Bergen da zur Einsicht meiner Schuld gezwungen worden wäre. Schlag auf Schlag kam's. Zuerst lernte ich Mang kennen und schon vom ersten Augenblick an gern haben. Dann vernahm ich in der Plättlihütte auf eine geradezu vernichtende Weise, daß er mein Sohn sei. Mit Zweifeln und feigen Rettungsplänen gelangte ich auf die Mordfluh. Zum erstenmal im Leben war ich in greifbarer Todesgefahr. Dazu hatte ich zwei junge Leben gefährdet und eines gehörte meinem Sohne. Das wußte ich jetzt. Denn ich hatte mehr Angst für sein als für mein lebendes Davonkommen. Solche Augenblicke, Herren Räte, wo das Totengerippe vor und hinter einem klappert, können auch eine lederne Seele weich machen. Mir ging damals das große Gefühl der Verantwortlichkeit und eine echte Vaterliebe auf. Mein Verdienst ist das nicht. Euerem Berg sei Dank und Ehr'!« –

Emil wandte seine dankenden Augen – nie hatten sie schöner gestrahlt – durchs Fenster den Absomerbergen zu.

Die Gemeinderäte würgten und hüstelten etwas aus dem Halse, zupften am zerfransten Tischlinoleum, daß es noch mehr Franzen gab, der trockene Ueli schneuzte sich lärmend die Nase und wischte bei der guten Gelegenheit unmerklich die Augen ab: »O unsere lieben Berge!«

»Nun also, liebe Herren Absomer, ich werd' Euch hernach wieder als ein sehr harter und trockener Mensch vorkommen. Das bin ich auch. Aber jetzt bin ich weich genug, jedem von Euch in Demut die Hand zu drücken und zu sagen: Verzeiht mir in Eueres lieben Dorfes Namen!«

Er trat an jedem mit eigentümlich zuckendem Mund und geröteten Augen und schüttelte seine Rechte. Die Ratsherren hatten die Hüte wieder abgenommen wie bei einer Predigt und ließen alles stumm geschehen. Zu Ueli meinte Manuß, sich einen kleinen Spaß abzwingend: »Pflegevater Ueli, Ihr werdet etwa in unsere Stadt kommen und schauen, ob Mang noch recht Absomerisch redet.«

Aber Ueli schüttelte nur den Kopf, der Sprache unfähig.

»Und Euch, Jungfer Astli,« vollendete Emil zu den Geschwistern, »Euch hab' ich wohl am meisten weh getan. Wenn ich nur wüßt', wie ich's bei Euch abbüßen könnte! – Durch unsern lieben Mang wollen mir einander verbunden und verwandt bleiben. Nicht wahr? – Und laßt mich um Cäciliens willen doch immer als nächster Freund Euch hilfreich sein, wo Ihr's etwa brauchen könntet! Das ist keine Barmherzigkeit von mir, sondern da tut Ihr mir eine große Barmherzigkeit. – So, das wollte ich noch sagen. Ich hab's hübsch auf ein Papier geschrieben und ablesen wollen. Es wär' vielleicht schöner herausgekommen. Aber so ist's nun frisch vom Herzen gesprochen. Da in der engen Stube hab' ich's gesagt. Aber ich wollte, das ganze Dorf hätt's gehört.«

Das Gemurmel von sieben Personen brach los, aber auch nicht ein Wort war zu verstehen.

»Jetzt geh' ich erleichtert weg! Und ich glaub', ich darf nun eher vor die Tote treten.«

Ohne an eine Antwort zu denken, sprang er rasch über die Schwelle und schlug die Türe hinter einem Häuflein sprachloser, ins Innerste getroffener Menschen zu.

Sehnlichst begrüßten ihn Sette und Mang im Armenhaus, als ob sie ihn nicht zwei Tage, sondern zwei Jahre nicht mehr gesehen hätten. Dann winkte ihnen Schwester Anna und sie traten, Emil zuvorderst, still und bleich, ins Totenstüblein. Ein Schwarm Fliegen schwirrte vom Sarg auf. Die Luft war dick und warm und von einem scharfen Leichengeruch durchsäuert.

Sette blieb gefaßt. Der Ärger über die geizige Ausstattung der Toten überwog augenblicklich alle andern Gefühle. Aber Mang schluchzte laut auf. Das war die erste Tote, die er sah. Sie lag so arm, aber so schön da. Er trat näher ohne Angst. War sie denn tot? Mit diesem liebenswürdigen Lächeln da? Konnte er sie nicht wecken? Merkte sie denn gar nicht, daß er da war, er und mit ihm Emil, von dem sie so oft geträumt und ihm zu erzählen versprochen hatte? Hatte sie ihnen gar nichts mehr zu sagen? Das war unglaublich. »Mutter, Mutter!« flüsterte er.

Emil stand vor dem offenen Sarg wie gebannt. Er hatte sie sogleich wieder erkannt, trotz Alter und Tod. Die fünfzehn Jahre verrauchten an diesem Sarge wie ein Nebel. Er sah dieses gerötete Oval mit der niedern Stirne, den glänzenden goldbraunen Wimpern, dem kecken Stumpfnäschen, dem runden Kinn und dem schlanken, sonngebräunten Hals deutlich wie in jener Sennhütte. Und diese üppigen, breitblättrigen Lippen! Aber vor jeder Ähnlichkeit der Cäcilie hier und der Cäcilie dort graute ihn jetzt. Warm an der Brust hatte er diesen eiskalten Körper gehabt, sich stürmisch die steifen Arme da um den Hals geschlungen, diese bleifarbigen Lippen immer wieder hitzig geküßt und – die Unschuld dieses Leibes gleichsam ausgenascht und vergeudet. Wie der Tod hier war er schon damals über sie gekommen. Bis zur Leblosigkeit hatte er sie sozusagen mißbraucht und dann totenähnlich, eine Leiche, fallen lassen. Nie hatte ihn etwas so geekelt und entsetzt wie jetzt dieser blöde, verbrauchte, abgegriffene Leib.

Durch die schönen Reste dieser Totenmaske sah er doch soviel Abgezehrtheit, Kummer und Betrogenheit durchscheinen, daß er daraus ihr Leben erzählen hörte. Aber als Verwüster und Unhold stand er am Anfang und am Ende dieses Lebens. Er war der erste Mörder dieses von vielen gemordeten Lebens. Ihm war, die Leiche sollte die Hände, die sie linealgerade an den Hüften hinunterstreckte, gegen ihn aufheben, müßte die Augen öffnen und sagen: »So, du, du bist's! Du wagst dich jetzt noch an mich heran! War es so gemeint, als du sagtest: ›Am Abend komm' ich wieder?‹ Zu spät! Aber wenn's dich so wundert, so schau mich jetzt nur gut an! Sieh recht zu, was du aus mir gemacht hast! Stark bist du gewesen, das ist wahr. Denn es hat ordentlich viel gebraucht, mich so zuzurichten, wie du mich da siehst.« –

Emil sah nichts als seine Schuld. Seine Strenge ließ keine Beschwichtigung aufkommen: er sei mehr Tor als Übeltäter gewesen, sie habe sich so flatterhaft benommen, wie er begehrlich war, – das sehe man daraus, daß sie aus diesem ersten Fall sich keine Lehre zog, sondern nun erst recht locker wurde. Die spätern Nachfolger hätten sie wohl gründlich vergiftet, so ein Broller! Nein, unerbittlich mit sich, vergaß Emil alles, was zwischen dem Heuhaufen der Plättlihütte und diesem Sarg lag. Er und niemand anders hatte sie einfach von dort hieher gejagt. Die andern waren nur Nebenpersonen. Wäre er nicht in ihr junges Leben geraten, alles hätte für sie einen andern Gang genommen. Sie wäre Gattin und Mutter und ist jetzt dafür –

Ob er bei all dem Betrachten stumm blieb oder aufschrie, stand oder in einem Stuhl lag, das wußte er nicht. Er kam erst wieder in die Gegenwart durch zwei große rauhe Hände, die ihn am Arm ergriffen und durch ein treues Gesicht, das sich an das seine schmiegte und durch das deutliche und tapfere: »Vater, wir sind auch noch da!«

Emli schloß den Sohn der Toten an seine Brust. Ja, da lag seine Rettung!

»Die Mutter hat gelacht, als sie starb! Sicher hat sie's noch gemerkt, daß wir daher kommen und sie grüßen,« erklärte Mang tröstlich. »Sie ist mit uns zufrieden.«

Das gab ihm die Liebe ein, und es war das einzige, was den kerzenbleichen, steifen, sozusagen vom Tode dieser Frau angesteckten Manuß ins mutige Dasein zurückbrachte.

»Wo ist denn Sette?«

»Sie ging Blumen holen.«

Sette war wirklich unhörbar aus dem Zimmerchen gegangen. Sie wollte den Gemahl jetzt allein lassen und ihm die Scham der Zeugen ersparen.

»Sitz' hieher, Vater, und ich sitze da! So! – Nun hör' was ich möchte,« sagte Mang. »Und ich sag's, daß Mutter es auch hören kann. Vater, laß mich bald in die Stadt! Ich will studieren Tag und Nacht. Ich will ein Mächtiger werden, auf den man einmal hören muß. Alles für das arme Volk, Vater! – Nicht Musik wie der Lehrer oder Gedichte wie Heinz oder Pinslerei wie Hitz! Das ist nur für einen Augenblick und für zwei, drei. Ein Hungriger wird davon nicht satt und ein Verdingbub nicht angesehen. Ich möchte etwas studieren, was dem Volke nützt. Vielleicht ist es das, daß man ihm zuerst einmal seine Geschichte erzählt – oder vielleicht ist es die Wirtschaftslehre, wie Sette gesagt hat, – ich weiß nicht recht, was es ist. Aber studieren ist's sicher! Denn ich bin gar ein dummer Geißbub! Gelt, Vater, gelt, Mutter, das darf ich?«

Der Manuß nickte und horchte gern.

»Und vielleicht ist's das Nachdenken über das, Vater, was jeder für ein Recht hat. Das ist's, glaub' ich, sogar sicher. Daß ein Kind ohne Vater so ehrlich ist und so gut und fest auf den Erdboden abstehen darf als eines mit Vater, siehst du, das mein' ich zum Beispiel. Und daß eine Frau nicht entehrt ist, wenn sie einmal gefehlt hat. Siehst du, Vater, so! – Und daß die Armenhäusler nicht weniger wert sind als die Fabrikanten und daß sogar ein Zuchthäusler, wenn er wieder frei ist, sogleich wieder einer unserer Brüder ist, weil er ja gebüßt hat, – und daß jeder so viel ist, als er gut ist, – ach was, ich sag's dumm her! – aber du merkst schon, wie ich's mein'. Nicht wahr? – Und daß alle befehlen und alle folgen und keiner vor dem andern steht und keiner nur nimmt oder nur gibt, daß alles verteilt ist. Einfach so, Vater, daß alle Gerechtigkeit ins Land kommt, – das!«

Emil hörte dieser seltsamen Zukunftsmusik nun selber gern zu. Er glaubte nicht an solche Melodien. Aber so geschehe denn nur wenigstens das mögliche davon. – Eines aber ist dem Vater sonnensicher, dieser Bub wird gutmachen, was seine Eltern nicht gutmachen können. Er wird die Menschen nicht betrüben, sondern beglücken, nicht berauben, sondern bereichern.

Der Schreiner trat ein, um den Sarg zu vernageln.

»Du hast's gehört, Mutter,« sagte Mang und führte den Vater hinaus.

Nach einer halben Stunde läutete die große Glocke, das erste Zeichen zur Beerdigung. Sette war noch nicht da. Nur bei Brollers Hausgarten gebe es Rosen, sagte man ihr, dort ganz an der Sonnenseite. Also dorthin!

Am Gartenzaun standen Ernstli und Zia beieinander.

»Darf ich da wohl ein paar Rosen nehmen, Kinder?«

Zia lächelte und nickte.

Aber unter dem Fenster stand wie gewöhnlich, einer lauernden Spinne gleich, Frau Therese. Ihre Wangen brannten und ihre Blicke stachen.

»Da werden keine Blumen abgerissen,« rief sie barsch wie ein Mann.

»Für das Begräbnis, bitte, Frau Oberrichter, der Sarg ist ganz kahl.«

»Ich halte keine Rosen für Huren,« kam es zurück. Das Fenster ward heftig zugeschlagen. Aber hinter den Vorhängen sah man ihren Schatten lauern und Setten bis zum Ausgang des Dorfes verfolgen. Dann aber brach sie in den Sessel und weinte mit ihrer herrlichen Jodelstimme über alles, was ihr Unglück war, über die geliebten und gehaßten Mitmenschen und am meisten über sich selbst. Und sie weinte so seltsam hoch und wieder so tief, daß die Katze auf dem Sofa die Ohren platt ins Fell drückte und endlich geduckten Ganges aus dem Stüblein lief.

Nahe dem Armenhaus hörte Sette hinter sich schreien: »Frau, Ihr, he, Frau!«

Sie wandte sich um. Das war Zias Brüderchen, der kleine Ernstli. Einen Büschel glühroter Rosen hielt er in der Hand. Seine Backen waren freilich noch ein Paar viel schönerer Rosen. Ein kleiner Walter! Er erstickte schier vor Schnaufen. Hinter ihm lief Zia.

»Seid Ihr die Frau, die – die – wegen den Rosen –«

»Ja, Bübli, aber die darf ich nicht nehmen,« antwortete Sette gütig und bedauernd zugleich.

»Nehmt nur!« Er gab sie großartig und sprang grußlos fort.

»Aber, Zia, ich darf wirklich nicht!« klagte Sette immer trauriger, je prächtiger ihr die Rosen ins Auge leuchteten.

»Mmch–mch–-tsch–chi-i-i!« Das Mädchen strengte sich unsäglich an, mit seinem so rührend feinen, kleinen Olivengesichtlein etwas zu bedeuten und mit den Händchen zu erklären. Sie zeigte über das Brollersche Haus weg in eine ganz andere Richtung.

»Nicht aus Euerem Garten sind sie?«

Zia schüttelte sehr entschieden das Köpflein. Dann schwenkte sie den Arm gegen einen Hügel, wo ein stattliches Haus mit sicher fünfzig Scheiben herabschimmerte.

»Aha, von Onkel Martins Garten? Gibt's da auch Rosen?«

Die Kleine nickte bedeutend.

»Dann viel, vielmal Dank!« – Sette wollte das Händchen loslassen. Aber Zia packte sie gleich mit der andern. Groß und fragend sah das Kind zur Frau auf, als wäre die Sache noch nicht fertig. »Mchs – chs – mmm –« stieß es hervor, und wie heißes Bitten hatte dieses Gestammel einen Ton. Endlich verstand Sette wie auf eine Eingebung.

Sie bog sich zum beweglichen Mädchengesicht und lispelte ins Ohr: »Du, wenn ich deinen Vater sehe, sag' ich ihm, du habest mir Rosen gegeben für eine arme Frau.«

Nein, wie das Olivengesichtlein aufschimmerte, eine kleine Sonne!

»Und du seiest gesund und denkest viel an ihn und wartest hübsch geduldig, bis er zurückkommt.«

Zia strahlte wie ein schneeweißer Engel.

»Und er kommt gewiß, wir bringen ihn einmal.«

Da breitete das arme Dirnlein, das so gern jemand lieben möchte, die Arme auseinander und schlug sie um Settens Hals herzlich zusammen. Es kicherte dazu recht schlau in sich hinein und küßte die hübsche, gute Frau nacheinander auf Hals und Kinn und Nase und wo es nur traf. Sette mußte es zuletzt gewaltsam wie ein Milchkind von der Brust losreißen.

»Geh', geh' jetzt, ich muß zur Beerdigung. Walter wird dir bald schreiben. Und du mußt ihn einmal bei uns besuchen. Wir haben auch Rosen, ich gebe dir dann alle zurück.«

Zia schüttelte den Kopf. Sie wollte nichts zurückhaben. Selig lief das Kind dem Ernstli nach, um ihm vom großen Erlebnis etwas vorzustammeln. Viele Abende wird es nun bei Onkel Martin auf dem Funkenbühl sitzen, den Finger ans Kinn stützen und in die weiße Straße hinablauern, ob Vater bald kommt.

Mit den Rosen sprang Sette ins Armenhaus, wo schon einige Trauerleute versammelt waren. Vom Dorf erschollen jetzt die gesammelten fünf Glocken zum Begräbnis, und der schwarze Totenwagen schwankte in den Wiesenweg herein. In der Totenkammer nagelte man den Sarg zu. Bei jedem Schlag zuckte Mang zusammen.

Da lief die kleine Frau in die Stube und sagte: »Warum lärmt Ihr so? Könnt Ihr nicht Schrauben nehmen? Das ist ja furchtbar, so ein Hämmern!«

»Der Armenvater will's,« murrte der Schreiner.

Der Hausmeister errötete. »Frau,« entschuldigte er, »es kommt dreimal teurer mit Schrauben, stellt Euch vor!«

»Ich zahl' das gern,« sprach Sette zornig, »es ist nicht schön, beim Tod noch so knausern. Legt diese Rosen auf den Deckel.«

»Mir kann's gleich sein,« meinte der Schreiner blöd und zog Schräubchen aus der Westentasche.

»Herr Direktor,« wandte sich das mutige Weiblein nochmals an den Armenvater, »wo haben Sie das schöne Haar der Toten? Was machen Sie damit?«

Jetzt klaubte der Mann verlegen am Frack. Er wurde dunkel über die ganze Stirne und sagte endlich ausweichend: »Das Haar? Wo ist's nur? Ach, das ist hier so Brauch –«

»Geben Sie es mir sogleich heraus! Es ist ein Andenken für Mang. Ihm gehört's.«

»Wenn ich das gewußt hätte – aber nun ist's schon verkauft –«

Bleich vor Entrüstung stand das Frauchen vor dem breitschlächtigen Mann und befahl: »Holen Sie mir das Haar sogleich! Das Kind kommt wohl vor dem Krämer! Oder?«

Der Alte lachte häßlich. Das Kind? Diese tote Mutter? Alles ungesetzliches Gewächs! Ah bah, sind das auch Kinder und Mütter?

»Nach der Beerdigung reden wir darüber,« sagte er unwillig.

»Und ich will die Sache jetzt in Ordnung haben. Doch warten Sie, – ich rufe schnell meinen Mann herein!« – Sie machte Miene, zur Türe zu eilen.

»Unnötig, einen Augenblick!« Er holte das in ein Paket gewickelte und gezopfte und schon mit einer städtischen Adresse versehene Haar und warf es Setten in die Hand.

Der Sarg ward zugeschraubt, mit Rosen bekränzt und in den Totenwagen geschoben. Dann ging's zum nahen Friedhof. Dem Ingenieur zu Lieb' und Ehren kamen drei Gemeinderäte und fast alle Arbeiter mit. Bert hatte Maria und den kleinen Ferdel hergeschickt. Neben Emil und Mang schritt Bastian einher. Ein unstetes Feuer loderte aus seinem verblaßten Gesicht. Er bohrte seine Augen in den Sarg, durchbrach die schwarzen Bretter, küßte und koste die Tote mit leidenschaftlichen Blicken, und alles um ihn herum war ihm gleichgültig. – Zuhinterst im Zug gingen mit Schwester Anna die Kleinen. Diese Ferdel, Minchen, Irmeli und Seppli liefen hinter dem großen Haufen von Schuld und Sünde wie die unwissende, schneeweiße Unschuld einher.

Aber es war eine merkwürdige Beerdigung. Niemand weinte vorne, niemand lachte hinten, niemand schwatzte in der Mitte.

Das Grab Cäciliens lag ganz nahe den Kindergräbern. Und da sah man denn nicht ohne besondere Gedanken die zwei nächsten und frischesten Hügelchen, worunter die Zwillinge schliefen.

Das Volk begab sich zur Abdankung in die Kirche. Aber Bastian blieb am Grab stehen wie ein Rest alten Lebens, das vergessen hat, mit dem andern zu sterben und begraben zu werden.

Da schüttelte ihn der Manuß derb an der Schulter. Gereizt blickte der Knecht den Störenfried an.

»Geht Ihr auch nicht in die Kirche?«

Bastian schüttelte das lange, verwilderte Haar.

»Auch ich mag nicht zuhören, wie man von der Kanzel nicht rühmt, weil es Feinde, und nicht tadelt, weil es Freunde waren, sondern so allgemein von Lebenslast und Totenruh redet und zuletzt noch ein ›Die Erde sei ihr leicht!‹ abschießt.«

Bastian spitzte interessierter die Ohren.

»Da gefallt Ihr mir. – Aber hört, Ihr müßt wieder unter die Leute! Müßt schwimmen und waten mit dem Leben und Euch wieder froh machen.«

»Was geht Euch das an?« murrte der andere und wandte sich ab.

»Viel geht's mich an. Ihr seid in meinem Alter, habt schon viel durchgemacht und seid aufrichtig, wie ich, mit der Toten verbunden.«

Das letzte traf. Bastian fühlte eine heimliche Hochachtung vor diesem Manne, der sich so kühn zu Mang bekannt hatte und so tapfer an der Spitze des Leichenzuges gegangen war. Der hatte die arme Cäcilie trotz so vieler schiefer Blicke nicht verleugnet.

»Auch Cäcilie wünscht von Euch, daß Ihr ein tapferer Mann seid. Tapfer ist ja doch auch sie gewesen.«

Bastian senkte den Kopf wieder.

»Lasset das Grab. Das kommt uns allen noch früh genug. Unter die Menschen! Da findet Ihr Euern Mut bald wieder!«

»Die Leute,« sagte der Knecht stockend, »fürchten mich jetzt. Ich bin ja ein Brandstifter! – ich weiß nie, wann mich die Polizei faßt!«

»Aber ich fürcht' Euch nicht, und im Volk sind genug, die Euch gern haben. Und die Polizei wird froh sein, wenn niemand die Geschichte mehr anrührt. – Kommt nur mit mir! Ich hab Euch Arbeit genug. Sollt sehen, wie wohl es Euch da wird.«

Unschlüssig stand der Bastian da. Da packt ihn Emil fest am Gelenk und führte oder schleppte ihn gegen das Dorf. Bastian, so beschließt Emil, muß an den Straßenbahnwerken auf einem angestrengten aber geachteten Posten mitwirken, vielleicht als sein Begleiter beim Messen und Abstecken. Sie werden da viel klettern müssen. Das macht frisch. Und so bleibt der Bursche ihm unter den Augen, und der Manuß müßte nicht der Manuß sein, wenn in Kürze dieses Geschöpf da nicht wieder stolz und lebensfroh und selbständig würde.

Wenn Emil das gelingt, dann glaubt er entsühnt zu sein. Aber wie sie an der Kirche vorbeikommen, rieselt das erste Volk aus der Abdankung.

Sogleich kehrt die alte Feindseligkeit in den Knecht zurück. Mit einem Ruck reißt er sich los und springt über den Platz. Sowie er die anständigen Kirchenleute in ihren wohlgeglätteten und gebürsteten Kleidern herausspazieren sieht, ist in ihm wieder der alte Ekel, die Verzweiflung, Rache und das verleidete Leben aufgestiegen bis ans Halszäpfchen, wie eine Übelkeit.

»Bastian,« donnert ihm Emil nach.

Aber der rennt davon, wie ein Hund vor der geschwungenen Peitsche.

»Bastian,« wiederholt Emil so furchtbar, daß der Mann mitten im Springen auf einem Fuß zurückblickt.

»Ich erwart' Euch heut abend nach acht Uhr in der Krone,« bestimmt der Manuß.

Bastian schüttelt den Kopf und will weiter.

»Wenn Ihr ein Mann seid, so kommt Ihr,« ruft der Ingenieur &…133;»Sonst – «

Aber nun wirbelt der Knecht weiter.

»&…133;Sonst,« brüllt Emil in Wut nach, »sonst sterbt in Gottes Namen wegen einem Weib. Aber zieht die Hosen aus. Ihr seid kein Mann!«

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