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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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37

Sette war nach jenem Sturm in einer großen, aber seligen Müdigkeit noch bis Montag abend auf Miezeler mit Mang und Minchen zurückgeblieben. Um die drei spann sich sogleich eine gemütliche, traute Stimmung. Man bildete nicht mehr bloß eine Freundschaft, man war eine Familie.

Minchen sagte Bruder, und Mang sagte Schwester. Aber er wurde doch jedesmal rot, wenn er Sette mit du ansprechen mußte. Das kleine Manußfrauchen bestand jedoch eigensinnig darauf. Ihm ging das Wechseln nicht so leicht, wie diesen Flattervögeln von der Stadt. Wußte das schwarzzottelige Jüngferchen da eigentlich, was das heißt: Bruder?

Als Mang in Jochems Heutenne hinüber schlafen gehen wollte, sagte er stockend: »Gute Nacht, mitsammen!« – So war er's gewohnt von Uelis Stube her.

Aber Minchen zerrte ihn am Ellenbogen und schimpfte: »Sagt man so gute Nacht? – Wirst du uns gleich einen Kuß geben?«

Er befreite sich und gab Setten die Hand. »Gute Nacht, Frau Sette!«

»Mutter sollst du sagen!« gebot die Kleine.

Es hätte der Frau geschmeichelt, wenn er ihr diesen Namen gegeben hätte. Aber sie fühlte wohl, daß man vom Burschen jetzt keine herzlichem Worte heischen dürfe. Er hatte das ›Mutter‹ zweimal probiert. Es war ihm unmöglich. Nicht von der Zunge ging's. Eine Leiche lag da im Weg.

»Wirst wohl zum letztenmal im Heu liegen,« brummte fast bös der Jochem, als er sich neben ihn auf den Laubsack warf.

»Meint Ihr, ich sei grad so einer?« versetzte Mang stolz.

»Langsam, langsam, – bist doch jetzt ein Herrensohn! und wohnst in einer großmächtigen Stadt und hast Geld wie Laub und vergissest die Geißbubenhosen schon in acht Tagen.«

»Jochem!« zischte Mang aus seinen Schaufeln hervor und saß wieder gerade auf. »Wollt Ihr aufhören zu lügen, – oder ich lauf' Euch im Hemd aus der Hütte!«

»He, he, nur nicht so aufbrausen! 's ist noch nicht Sauserzeit. Das ist einmal sicher, daß du heut über ein Jahr keine Geißmilch mehr magst und keinen Zieger mehr issest.«

»Ja, Ihr tätet vielleicht so. Aber ich bleib' meiner Tag und an allen Orten ein Bergler! Versteht! – Und jetzt laßt mich schlafen!«

Jochem murrte etwas wie ›Gelobt sei Jesus Christ'!‹, bekreuzte sich und schlief im rascheligen Lager sogleich ein. In einer Ecke schliefen noch drei Hirten. Ihr schwerer, regelmäßiger Atem schien immer zu wiederholen: »Müd' bin ich vom Tag! – Müd' bin ich vom Tag! Müd' bin ich – –« Man hörte das Wasser in den Höhen schallen, so still war die Nacht und so leis und gehorsam der zutragende Wind.

Mang konnte gar nicht einschlafen, obwohl auch er sehr müde war. Der Sonntag ging ihm wie ein bunter Bilderbogen durch den Kopf. Immer wieder sah er den gestürzten Broller, den tobsüchtigen Knecht, den schlaffen Walter. Wie hatte der Blitz da ins stolzeste Leben eingeschlagen und alles zerfetzt! Das war Geschichte, wahre, erlebte Geschichte, gültiger als alle Chronik und alles Chronikschreiben. Weiter ging sein Sinn zur Toten im Armenhaus. Die letzten Wochen hatte er an diese Frau mehr gedacht, als alle vierzehn Jahre zusammengerechnet. Oft hatte er früher gewünscht, sie möchte tot sein. Jetzt gäbe er von seinen blonden Jahren soviel man wollte, wenn er nur noch ein Stündchen hätte bei ihr sein und ihr noch etwas Liebes vor dem Sterben hätte erzeigen können. Ach, was hat sie wohl noch ein letztes Mal von ihm gedacht! Was gäbe er, wenn es ein freundlicher Gedanke gewesen wäre. Er krümmt und häckelt die Zehen vor Erregtheit und vor Ungeduld, sie bald zu sehen, ihr Gesicht zu studieren, ob etwas Bitteres darauf liegt, und Schwester Anna auszufragen, was die Sterbende in den letzten Stunden noch gesagt habe. Jede Silbe will er wissen. Sie soll sich besinnen, bis sie das Kleinste weiß.

Aber über allem dunkeln und dumpfen Nachdenken flog lerchengleich immer wieder eine seltsam wohlige Freude. Die Freude, nun auch einen Vater zu haben, nun auch lieber Sohn zu sein und nicht mehr außerhalb der andern Menschen zu stehen. Er legte sich jetzt zum erstenmal ins Bett als ein Bub, der einen festen Namen vom Vater hat, als Mang Manuß! Das war etwas noch nie Verkostetes. Dieses sichere, warme Nestgefühl umgab ihn gleichsam wie der heimatliche Dächerrauch den irrenden Odysseus. – Odyssee! O er hielt das Bändchen neben sich unter der Decke! Das wird er nie mehr aus der Hand lassen. – Welch ein Augenblick war doch dieses Aug-in-Aug-Stehen von Vater und Sohn und dieses offene Erkennen! Noch herrlicher als bei Telemach und Odysseus. Wenn er nur daran denkt, strömt ihm wieder ein unnennbares Wohlsein wie süßer, starker Most durch alle Glieder. Wie liebt er nun seinen großartigen, mannlichen, kerzengeraden Vater! – Freilich, wenn er vom Stall herauf das warme Schnauben der Kühe hört, oder durch die Ritzen herein die kräftige Alpenluft riecht, meint er wohl, er möchte lieber ein Begbub bleiben. Ja, wegen der Berge schon! Aber wegen der Menschen, nein! Sie sind da oben nicht besser, als irgendwo, das weiß er jetzt. Auf und ab, rechts und links, wie's der Wind will! Wie Stiere so stark und unbändig, aber auch wie Stiere so launisch. Wer sie gerade füttert, ist gut Freund. Mang kräuselt die Stirne. Oder

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übertreibt er? Was wäre es dann mit seiner Volksgeschichte? Stimmte das? Er konnte es nicht ordnen im Kopf. Dieses Volk, so fühlte er leis, hatte doch im tiefsten Grunde recht, wenn es seiner Natur, seinen Bergen folgte! Hantierte es einmal falsch, so war es eben falsch geleitet. Sich besser kennen lernen mußte es, von Hand zu Hand, von Stirne zu Stirne und vom Reichsten zum Ärmsten. Da lag's! Es mußte sein Bruderhaftes wieder einmal recht herausfinden. Er fühlte das, aber konnte ihm keine passenden Worte geben. O, studieren will er, studieren, alles, alles das studieren und dann ein gewaltiges Geschichtenbuch schreiben, für die Bergler und die Ebenenmenschen, für die Starken und Schwachen, für die, so dienen, und für die, so befehlen, ein Buch, noch großartiger als dieses an seiner Brust warmgewordene Griechenbuch, ehrlicher, gerader, friedlicher. Statt dem Meer soll das weite flache Land im Buche liegen, statt der Schiffsmaste sollen Berggipfel aus den Blättern ragen, statt Kriege sollen es große Landsgemeinden, statt Abenteuer mächtige, schöne Arbeiten geben. Keine Könige, keine Prinzen, keine Alleinherren, – aber Helden und Wohltäter wie Hektor, Freunde wie Achill und Patroklus, Söhne edel wie Telemach, Hirten und Knechte freundschaftlich wie Eumäos, Frauen standhaft wie Penelope und Sucher und Dulder, minder verschmitzt, aber so beharrlich und sinnreich wie Odysseus. – Jawohl, edle Dulder wird es wohl zuerst am meisten geben müssen, bis diese neue Welt einmal ordentlich eingerichtet ist. Aber nichts von all dem ehrlosen Göttergeschmeiß läßt er zu. Die Wahrheit und die Liebe, die seien über allem.

So zog der aufgeregte schlaflose Hirtenjüngling im Heu von Miezeler den neuen Plan für die Menschheit und ein paar Jahrtausende Weltgeschichte!

Er grub und erbaute und schirmte mit Dach und Turm. Aber nach und nach verschachtelte sich das weitläufige Werk. Nur Dach und Turm sah er noch genau und einen bleich gewordenen, zahnverbissenen Mann davor stehen. Ach, das war ja die Kapelle, die Rückenwand, das Getümmel, der umzingelte und umfaustete Vater. Mang lief auf ihn zu und wollte ihn ansprechen wie einen Gott. Aber da hörte er den herrlichen Mann die ihm so bekannten Verse sagen:

»Nein, ich bin kein Gott! wie wär' ich Unsterblichen ähnlich?
Sondern ich bin dein Vater, um den du mit innigem Seufzen
Soviel Kränkungen duldest, dem Trotz der Männer dich schmiegend.
Leicht für die Götter ja ist's die hoch obwalten im Himmel,
Einen sterblichen Mann zu verherrlichen und zu verdunkeln.«-
Also redete jener und setzte sich. Aber der Jüngling
Schlang um den herrlichen Vater sich – schlang sich – um –den – herrli –

Tiefer Schlaf bannte nun ganz Miezeler mitsamt seinem jungen Reformator.

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