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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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35

In Absom ist die Nacht zum Tag geworden. Fackeln über allen Wiesen und Wassern, Lampen in allen Häusern, offene Türen und Fenster und ein stetes Gehen und Kommen vom Scheidbach. Jede Stunde treten für zwanzig Müde zwanzig Frische an. Im Garten des Kastanienbaum, der in die Wiesen sieht und wo die Königin Olga von Württemberg einst ein Glas Milch trank und sagte, so einen guten Schluck hätt' sie noch nie gehabt, dort treffen die Abbefohlenen die Ablösung, schütten noch zwei, drei Glas Bier hinter die Halsbinde und rühmen Emils Führung in sieben Tonarten. »Euere Karren und Schaufeln sind an den Fohren, guckt dort mal selber, wie der Inschenier regiert! – Seit dem letzten Manöver bei Thun haben wir so was Militärisches nicht mehr erlebt. – Aufs Kommando geht alles. Hochschneidig! Er immer voran! – Von drei Seiten haben wir uns schon an die Kraftstation gegraben. Italiener sind auch schon da und pumpen das Wasser, sie halten's im Sudel besser aus. Durch den Gerstenacker gehen zwei Kanäle. Da ziehen wir's Wasser ins Scheidbachtobel. Aber gerade noch vor dem Einsturz fassen wir in Röhren, was es für die beiden Fabriken braucht. Man hat's schon probiert. Das Zeug in der Spinnerei spielt wie mit Motoren. Morgen kann das halbe Dorf arbeiten. So ein Mensch rechnet! – Bis der See dort – seht ihr die Stern' drauf glitzern? – von unsern Kartoffeln und Rüben abgeflossen ist, – vereidigt hat er sich, daß bis dann das elektrische Werk in sauberer Ordnung sei. Aber auf die Bauleut' flucht er jede Minute ein Neues, weil sie Anno drei das Krafthaus an einen so gefährdeten Platz setzten. Und überhaupt, wie er nur den Scheidbach recht gesehen hat, dort wo er ins Tal springt, so unbewacht und schlecht verbordet wie ein Waisenhausbengel, hat er unserm Gemeinderat die Kutteln nicht fein gewaschen. Das sei ja eine abscheuliche Faulheit und ein lasterhafter Geiz, pfui Teufel! Zum Ausspucken! Was die Herren denn täten auf der Kanzlei und im Rat? Die Hosenknöpf' zählen? Der Vize und der Gemeindeschreiber waren dabei. Sie standen bis an die Waden in der Sumpfbrüh' und schöpften, als er so loszog, wie toll immer tiefer den Kot aus den Löchern. Aber stumm blieben sie wie Fische. – Und am Nachmittag muß der Inschenier in der Stadt sein. Kommission wegen dem Bähnlein selig! – Es ruhe sanft! Aber mit dem Nachtzug fährt er wieder herauf. Hat's dem Vize versprochen. – Den stellen mir jetzt an. So ein Mannli brauchen wir lang schon. – Bachkorrektion zum ersten!«

»Und zum zweiten das Tal entschutten!«

»Und zum dritten,« sagt wichtig der Primarlehrer Weideger und dehnt sich nach Kissen und weichen Decken, – »noch anderes, was zu nennen jetzt noch unzeitig wär'.«

»Also, ihr Kerls, ans Waten!«

»In die Flöh, ihr Helden!«

Lachend trennen sich die Gruppen, die einen ins Nest, die andern in die klatschenden Sumpfwasser vor dem Dorf. Da hört man nichts als das Quieken und Quietschen der Karren, das Schaufelstechen und deutsche und italienische Scheltworte. Ein von vielen Sternen ganz bleicher und müder Himmel schaut auf die frische Arbeit herunter. Aber die vielen lodernden Fackeln da unten nehmen ihm noch den letzten Glanz.

O wieviel lieber würde Ernst Broller hier im tiefsten Schmutz neben irgendeinem Armenhäusler Kot stechen, als mit Heinz und Walter die Treppen seines schönen Hauses aufsteigen und von Zimmer zu Zimmer über die vielen, weichen Teppiche seine Frau suchen. Walter ist an seinem Arm schier eingeschlafen. – Wo hat sich das Weib versteckt?

»Die Mutter soll herunterkommen!« befiehlt er dem Buben.

Walter schreit vor den Kammern: »Mutter, zum Vater herabkommen!« und läuft eiligst wieder zu Vater und Heinz. Die Diele über der Stube kracht. Die große, volle Frau kleidet sich an.

»Ihr bleibt in der Nebenstube, bis ich rufe!«

Da sitzen Walter und Heinz im Dunkel auf einem Sofa, aber sehen deutlich ins offene, belichtete Bureau hinüber, wo der Vater Schubladen aufzieht, Schlösser verriegelt, Schriften einsteckt und in der Eile etwas auf ein Amtspapier kritzelt. Dann geht er auf und ab, die Hände hinter dem Rücken, mit gefaßten, schweren Mienen.

»O Heinz,« flüstert Walter, der mit seinem Herreninstinkt sogleich in dem Alten den unterwürfigen Geist erkannt hat, »du mußt mir helfen. Ich bleibe nicht hier, um viel Geld nicht! Wo alle Buben mich auslachen! Sag', sind wir nun wirklich arm?« –

»Ich weiß es nicht, Herr Walter!« erwidert der Diener leis. »So schlimm steht es ganz sicher nicht, wie du – wie Sie meinen! Alles kann noch in Ordnung kommen. Der Ingenieur wird sich des Vaters bei den Aktionären morgen – ach, 's ist schon über Mitternacht! – also heut gewaltig annehmen. Das sagt er und der hat ein Wort, Herr Walter!«

»Aber auch wenn wir das Haus da behalten können, ich bleib' nicht hier, nein, – und wenn auch –« er dachte an Irmeli – »nein, das ist nichts für mich! – Aber du, sag', wird – Vater – o –« er fing leise an zu schluchzen. Heinz schlang seinen Arm um ihn, den Arm, den er schon um so viele junge liebe Leute wie ein Engel geschlungen hatte, er, der geborene Tröster, und bat: »Weinen Sie nicht! – Was kann ich Ihnen helfen? Auf mich können Sie immer rechnen. Sie sind ja Mangs Freund und – da muß ich Sie schon darum gern haben.«

»Hör' auf zu greinen!« schalt rauh der Broller aus dem Bureau.

Noch leiser und wie gebrochen von der Schande brachte Walter nun heraus: »Kommt der Vater jetzt – ins – Zucht – Zuchthaus?« Heinz fühlte es ganz warm über seine Hände fließen.

»Was denken Sie! Wo kein Kläger ist, sagte Emil, da ist auch kein Richter. Den möcht' ich sehen, der nach allem noch Lust zum Verklagen hat!«

»Unser Knecht!«

»Nein, nein! Dafür lasset nur Emil sorgen!«

»Aber,« fuhr Heinz fort, da dies offenbar seinen Schützling beruhigte, »aber es ist gut, wenn Ihr Vater für einige Zeit fortgeht und aus der Fremde für seine Heimat wirkt. Das kann er in London und New York besser als jeder andere. Er ist ja dort schon wie zu Hause. Ja, junger, lieber Herr,« vollendete Heinz, zum schon wieder halb Getrösteten aufblickend, »Sie werden es erleben, daß das Volk Ihren Vater wieder in Ehren heimruft, mit Blechmusik und bekränzten Häusern, die Gemeinderäte alle im Nachtmahlfrack und die Schulkinder mit Blumensträußen. Die Absomer brauchen einen solchen Mann und klatschen ihm zu, sobald er aus dem Bähnlein steigt.«

»Das glaub' ich,« stimmte Walter stolz bei, »aber jetzt muß ich auch fort. Weißt du, im Herbst soll ich doch in euere Stadt auf die Forstschule. So geh' ich doch grad mit Mang. Hier bleib' ich keine Stunde ohne Vater. – Wer mich lieb hat, kann mir Briefe schreiben, nicht?«

Heinz lächelte fein. »Sie werden dir schon – ah, pardon! – Ihnen, Herr Walter, schon schreiben, die vielen hübschen Absomerinnen, die Sie nur immer geneckt haben, besonders die eine, blasse –«

Verschämt lächelte nun auch Walter aus den schwer betropften Augenwimpern hervor, aber hielt schnell dem Vorwitzigen die Hand vor den Mund. Dennoch fragte er leis: »Meinst du's nur im Spaß?«

Die Stiegen krachten, Frau Therese kam herab.

»Wenn ich rufe, tretet ihr sofort herein,« sagte Broller in die Stube hinaus. Dann öffnete er die Gangtüre. Im weißen Nachtrock schritt die Frau blutrot und schwarzhaarig herein und sah ihn steif an. Ihre schönen Augen, von denen sie Walter soviel gegeben hatte, blühten wie Rosen. Aber da sprach kein Mitleid, kein Schmerz, sondern vielmehr eine siegreiche Rechthaberei heraus.

»Was willst du?« forderte sie rauh, doch mit anerzogener Unterwürfigkeit.

Als Ernst Broller das Weib und Unglück seines Lebens sah, so gesund, frisch und kräftig, und doch so gefühllos und selbstsüchtig jetzt noch, wo dem Gemahl alles in Scherben ging, dieses Weib, das er in einer jähen, unberatenen Stunde in sein Haus genommen und das wie ein Bleigewicht seit vielen Jahren darinnen lastete, eine Närrin ihrer Kinder, dumm und leidenschaftlich, eifersüchtig und falsch, wie eine Katze, ohne Halt, ohne Wort, ohne Würde, da schlug ihm der Zorn alles Blut ins Gehirn. Das ruhige und kluge und seelenhafte Gesicht Settens trat ihm vor, mit seinen tapfer und doch so innigen und willigen Augen. Ach, wenn er so eine Frau gehabt hätte, alle die schweren Jahre seiner Arbeit hindurch, gescheit, hilfreich, ihn verstehend und ergänzend, einen Charakter statt einer Laune, eine Gattin statt einer Kätzin, wahrhaft, es wäre nie zu diesem Zusammenbruch gekommen. Aber nie half sie mit am Joch, und sollten doch Mann und Weib Seite an Seite das eheliche Fuhrwerk ziehen. War sie guter Laune, dann ward gelacht wie toll. War sie übel gestimmt, dann versank sie in ein leeres, schwarzes Sinnen. Ein solides, ernsthaftes Wesen, ein gesundes Lieben lag weit von ihr. Da ihr Mann rauh war und nicht ihr Götze sein wollte, so machte sie aus ihren Kindern Götzen. Aber diese Götzen wurden auch schon müde des kindischen, verliebten Hätschelkults, wurden grobe Götter, die blitzten und donnerten und der Opferfrau den Weihrauch zertraten. Sie war so wenig Mutter als Gattin.

»Sag', was du willst, so kann ich wieder ins Bett!« sprach sie, erschauernd in ihrem leichten Anzug und den nackten Füßen.

»Du weißt alles?« fragte der Broller.

»Ja,« erwiderte sie geekelt. »Den ganzen Schmutz!«

Der Oberrichter fühlte bei diesem Wort wieder die volle Schuld gegen sich aufstehen. Ja, sie hatten sich beide nichts vorzuwerfen. Er hatte sich entschädigt. Er war nicht besser als sie, die wenigstens ihre Ehetugend nie außer Haus getragen und von Fremden hatte verunreinigen lassen.

»Therese, ich muß fort, noch diese Nacht.«

»Das denk' ich auch.«

»Komm' es, wie's wolle, dein Frauengut bleibt unangetastet.«

»Sonst könnt' ich jetzt betteln mit den Kindern, hä!«

»Meinem Bruder und dem Ingenieur habe ich alles übergeben. Du – sorg gut zu den Kindern – und lehr' sie auch an den Vater weit weg denken, jeden Tag ein bißchen.«

Frau Therese schwieg.

»Ich bitte dich!« Er trat an sie heran und ergriff ihre schlaffe Hand.

Sie nickte.

Walter in der Nebenstube meinte, er müsse zum Vater hinausspringen und ihm um den Hals fallen.

»Wo ist Walter?« fragte sie dann und ihr Aug' ward gierig. »Er ist nicht auf seinem Zimmer. Ist er auf Miezeler geblieben?«

»Walter geht mit dem Vater.«

Da fuhr die Frau blitzschnell auf und kreischte: »Nie, nie, das lass' ich nicht zu! Das ist dir nicht Ernst. Quälen willst mich wieder. Aber ich verklage dich. – Wer muß jetzt die Kinder erhalten? Ich, ich!« – Wilde, böse, kleine Tränen entrannen ihr. Sie schoß wie eine Wespe um Ernst, und eine verzweifelte Angst flackerte aus ihren Augen.

Der Broller blieb ruhig und ließ sie fuchteln. Dann erwiderte er: »Walter geht in die Stadt auf die Forstschule. So haben wir es ja schon lange beschlossen. Ob jetzt oder im Herbst, bleibt sich wohl gleich.«

»Nein, nein, – ich verstehe euch gut, – meine Kinder wollt ihr mir abwendig machen, das ist's. Aber ich laufe zum Gericht, so wie ich bin, lauf' ich. Walter, mein Walter!«

Der Jüngling bückte sich tief in Heinzens Arme. Er verzagte vor dem, was ihn erwartete.

»Höre, Frau,« begann jetzt Ernst mit unwiderstehlich fester Stimme, »Walter geht mit mir! Da ändert keine Macht etwas. Mein Bruder Martin hier im Dorf und der Ingenieur Manuß in der Stadt sind ihm Vormund. Da ist schon alles ausgemacht. Er bekommt's gut beim Manuß. Das ist ein Mann, Donnerwetter! Da können wir beruhigt sein. Und Walter wird mit Mang studieren. Sie gingen ja doch immer mitsammen. Du kannst ihn jedes Jahr einmal besuchen. Aber wenn du Schwierigkeiten machst und mir nicht sofort dies da unterschreibst« – er deutete auf das gestempelte Dokument auf dem Pult – »dann nehm' ich ihn einfach mit nach Amerika – verstehst du!«

Sie horchte, weinte und wütete sprachlos. Jeder neue Satz war ihr ein Schlag.

»Lange frag' ich nicht! Der Vater und der Hausherr bleib' ich doch. – Walter!«

Der Junge riß sich los, zerrte Heinz bis unter die Türe mit und sagte mit seelenlosem Munde: »Da!«

Wie eine Tigerin warf sich die Frau auf ihren schlanken Liebling. Sie umwand und preßte ihn fest und zog seinen Kopf an ihr Gesicht herab und fing an zu küssen und Wange an Wange zu erwärmen. Es war kein Reden noch Weinen, sondern ein unverständliches Schreien wie von einem Irren oder einem gepeinigten Tier. Sie beachtete Heinz gar nicht. Der stand auf der Schwelle und erbebte vor den Abgründen des Lebens, die sich ihm da wie in einem Schwindel enthüllten.

In diesem Augenblick ging die andere Tür zum Gang auf und im weißen, fast auf den Boden streifenden Hemd, das Halsknöpflein offen, stand Zia, barfuß, das Haar verschüttelt und die Augen neugierig in die Stube gekehrt, im Türrahmen. Sie war vom Lärm erwacht und hatte die Schlafkammer offen und Mutters Bett leer gesehen. Da war sie, den Finger im Mund, ängstlich hinuntergelaufen. Buckelig stand sie da, rührend lieb in ihren Mängeln, und spannte, wie sie nur den Vater erblickte, die Arme nach ihm aus. Er hob das Kind vom Boden und herzte es innig. Als Zia seinen Bart fühlte, fing sie an zu stammeln und zu lachen.

»Vater muß fort, Zia, – aber er kommt wieder und bring dir dann Sachen, mehr als das Christkind.«

Zia nickte ein wenig besorgt.

»Bis dahin kannst du schon gut reden, das weiß ich.«

Das Mädchen gurgelte undeutliche Laute ruckweis, aber leidenschaftlich hervor. Es wollte sagen, daß der Professor in der Stadt das letztemal recht zufrieden war, wie es e und a und ein bißchen i hatte hervorstoßen können. Es würde noch reden, daß man staunen werde. – Das hätte es dem Vater längst bedeutet oder auf sein Täfelchen geschrieben, wenn er nicht immer die letzten Tage so finster und schreckbar gewesen wäre.

»Mußt immer mit dem Ernstli gehen, gelt!«

Sie nickte wieder und zeigte zur Diele, über der das Brüderchen schlief.

Der Broller setzte das Kind, das ihn mit seinen dünnen, weichen Gelenken umschnürt hielt, auf den Polsterstuhl und löste sanft seine Finger los.

Walter hatte sich der Mutter mit Gewalt entzogen. Etwas wie Männerscham berührte ihn, als er das reine Gegenbild drüben am Lehnsessel sah. Er wollte flink hinüberspringen aber die starke Frau ergriff ihn aufs neue und zerrte ihn an sich.

»Ich lass' nicht los,« schwor sie fieberhaft wild; »nimm Zia oder Ernstli, wenn du ein Kind brauchst! Zia kannst du haben! – Aber Walter, meinen goldigen –«

Das hätte sie nicht sagen sollen. Mit einem stolzen, unwiderstehlichen Ruck befreite sich der Bub. Vater hat nur immer gebrummt und gescholten, Mutter nur immer süß getan. Aber jetzt zum Vater, zum Vater! Da ist sein Platz. – Was ist das für eine Mutter, die sein liebes, stummes Schwesterlein so hilflos in die Welt hinauswerfen kann? – Und er sollte dafür bei ihr auf dem Schoß bleiben? Pfui, so mag er nicht geliebt sein, so süßlich kindmäßig, er, der halbe Mann!

Er wirft sich zwischen Vater und Zia, die verzweifelte Frau ihm nach.

»Halt!« donnert der Broller ihr entgegen und steht straff vor sie hin. »So soll der Bub selbst entscheiden! – Walter, – auf deine Ehre! Willst du lieber hier bleiben oder mit mir in die Stadt –«

»Mit dir, mit dir, Vater!« schreit der Jüngling.

»Aber nicht zum Spielen! – Zum ernsthaften Studieren, Bub, – denk nach!«

»Mit dir, wohin du willst, Vater,« schluchzt Walter laut auf. »Ich bin dir entlaufen, – ich bin feig gewesen, – so daß ich mich jetzt schäm' vor Mang und dem ganzen Dorf. – Aber jetzt will ich bei dir sein, Vater – ich will mit dir in die Stadt oder nach Amerika, – wo du hin willst!«

Der Mutter tönt das wie ein Totengeläute. Ja, das Liebeln hört hier auf.

»So lies das und unterschreib'!« gebietet der Broller.

Walter tut's mit seinen dünnen, flüchtigen Buchstaben. Er liest kein Wort davon. Therese steht wie eine Bildsäule.

»Du auch!«

Die Mutter hat keine Kraft mehr. Sie nimmt mechanisch die Feder und unterschreibt langsam und steif: daß sie einwillige in die Vormundschaft der Kinder, in die Abreise Walters und in seine Studien in der Stadt; daß sie die Ordnung anerkennen wolle, die von Manuß und Onkel Martin in den väterlichen Finanzen geschaffen werde. Zuletzt unterschreibt auch der Broller dick und breitschattiert, und als Zeuge gibt Heinz noch seinen klein und schnörkelig geschriebenen Namen dazu. Im Namen und Auftrag des Manuß.

Hierauf steckt Ernst das Papier ein und trägt Zia, das sein fein geschnittenes Gesichtlein in seinem schwarzen Bart traulich begräbt, ins Bett. Er kniet vor ihm ab und bittet, es möge doch jetzt einschlafen. Und es lächelt und spitzt den Mund zum letzten Küßchen. Dann schließt es die Augen und heuchelt einen schnellen, tiefen Schlaf. Aber es hört deutlich, wie Vater im Nebenzimmer den Ernstli küßt und wieder zurückkommt und schwer atmend an seinem Bett steht. Wie gern wollt' es noch einmal Vaters schönes, weißes, großes Gesicht anschauen; das schönste und liebste von allen Gesichtern, so daß es das Gottesgesicht droben auf dem goldenen Himmelsstuhl, umflattert von taubenkleinen, schneeweißen Engelchen, sich einfach nicht schöner vorstellen kann. – Aber Vater hat gesagt, es solle schlafen. Dem Vater Freude machen, nicht einmal mit einem Lid blinzeln! Es hört freilich den lieben Mann ob ihm so schwer atmen, daß sein Bettlein schier davon zittert. Aber wenn es nicht gehorchte, zum Beispiel jetzt aufblickte, würde er noch schwerer atmen, ja seufzen. 's ist heut wohl so eine Nacht zum Seufzen. Mutter hat ja auch geseufzt, als sie zu Bette ging, und ihm vor Seufzen dann gar noch das Gutnachtküßchen vergessen zu geben. Es weiß schon, dieses viele, graue Wasser vor dem Dorf ist Schuld daran. Durch Vaters Äcker läuft's ins Tobel ab. Aber wenn's dann rein abgeflossen ist und aller Kot überwachsen und es dort wieder gelbe Blumen und dicke Kräuter gibt und braune Lederäpfel reif werden und wenn es mit Walter aufs Roß sitzen und durch die Weide galoppieren darf, hui, hui, daß einem die Luft den Atem nimmt, dann stehen Vater und Mutter am Hag, im Sonntagsgewand, und lachen, und aus ist's mit dem argen Seufzen. Aber jetzt stillhalten, nicht zucken, sich nicht verraten!

Das ist schwer. Papa bäumt sich hoch auf und neigt sich wieder tief wie eine Pappel im Sturm. Im vollen Lampenlicht betrachtet er das Kind ganz nahe und gibt ihm noch einmal einen brennenden starken Kuß aufs feste Mündchen. Dann fährt er sich übers Gesicht, streicht den Bart und schießt schnell hinaus. Drunten standen Sohn und Mutter weit auseinander. Therese harrt und zittert nach einem lieben Wort zum Abschied. Wie sie's dann weiter aushält, so allein, weiß sie nicht.

Aber Walter redet nichts. Er ist froh, daß vom Platz herauf Menschenstimmen tönen und man es bis in die Stube hinauf versteht, was sich zwei begegnende Trüppchen zuschreien.

»Denkt, die Spinnerei läuft flott!«

»Ihr spinnt phantasiert wohl selber.«

»Mit eignen Augen gesehen haben wir's, und die Stickmaschinen sollen auch, eh' es Morgen ist, wieder spielen.«

»So was!«

»Der Inschenier leitet das Wasser in alte Räder oder – weiß der Teufel wie – grad ins Triebwerk, – kurz es geht maliönisch. Weiß kein Mensch, wie er das macht.«

»Respekt vor dem!«

»Da wollen mir selber sehen. Kommt, lauft!«

Schuhgetrappel und Hallo übers Pflaster. Frohes Pfeifen!

»Walter!« sagt endlich die Mutter weich, »hast du mir nichts mehr zu sagen?«

Schweigen.

»Du!« klagt sie weiter.

»Nein,« keucht der Jüngling und sieht dumpfen Blicks weg von ihr.

»Hab' ich dich nicht lieber gehabt als alle? Hab' dir immer geholfen gegen den Vater, – die schönsten Kleider –«

»Ächch!« knirschte der Bub widerwillig, »ja, so mußt gerade reden!«

»Mehr hab' ich dir Gutes getan, als den zwei andern zusammen.«

»Schlecht genug!« kam es gehässig zurück.

»Hab' gemeint, du seiest mir dann einmal eine Stütze –«

»Gegen den Vater, hä?«

»Der Vater und nur immer der Vater,« schrie sie; »aber die Mutter, die –«

Da konnte er endlich lospoltern, und seine halbgebrochene Stimme erinnerte schon an des Vaters rauhen Baß: »Hab' ich's wollen, daß du mich wie ein Baby liebeln sollst? –«

»Du hast dir geben und schenken lassen, soviel ich in der Hand hatte.«

»Hab' ich drum gebeten? Und war ich nicht ein kleiner, dummer Lappi?«

»Kind, Kind!« schrie sie empört.

»Mutter! Mutter!« äffte er sie nach; »ja, so kann ich auch rufen. Hast du uns nicht schon über den Vater geschimpft, da wir noch gar nichts Böses verstanden? Keinen Frieden hat's im Haus gegeben. Angestiftet gegen Vater hast mich immer. Freud' hast jetzt, daß er fort muß. Ganz allein möchtest ihn nach Amerika vertreiben. Und derweil sollten wir mit dir jodeln und spaßen und am Sonntag nachmittag auf dem Kanapee sitzen und uns von dir flattieren lassen. Ächchch! – Wie ich mich schäm'! Hat der Vater gefehlt, mira! – Gearbeitet hat er wie das halbe Dorf. Er allein! Und ich will auch stark werden und ein Mann wie Vater – Vater, komm, Vater – da bist du ja, wir gehen jetzt!«

Er warf sich wie erlöst dem Vater entgegen, der, um zehn Jahre älter ausschauend, in die Stube trat. Und jetzt umarmte Ernst zum ersten Male, seit Walter kein Bübchen mehr war, den Jungen voll Ergriffenheit. Nie hatte er ihm bisher recht getraut, dem Muttersöhnchen. Jetzt hatte er ihn erobert, das sah er. Das gab ihm Mut zu gehen.

»So gehen wir!«

Sie packten das Handköfferchen voll und zogen Reisemäntel an. Das übrige wird nachgeschickt. Die Uhr zeigte schon auf halb zwei nach Mitternacht.

Nun trat der Vater zu Therese, bot ihr die Hand ruhig und sagte: »Frau, leb' wohl!« – und sich reckend und mit dem alten unverwüstlichen Brollermut im blauen Auge fügte er bei: »Wir alle haben noch immer Zeit, mitsammen glücklicher zu werden. – Ich komme zurück, verlaß dich drauf!«

»Adie-e!« sagte sie scharf.

Walter wollte ihr zum Abschied einen Kuß geben, aber nur, wenn sie den Vater lieb grüße. Als er das trockene Adie hörte, verhärtete auch er sich. Er reichte der Mutter nur eine lahme Hand, gab keinen Gegendruck und wollte sie flink wegziehen, als er einen schmerzlich heißen Kuß darauf spürte.

Als wär's Feuer gewesen, riß er sich los und sprang dem Vater voraus die Treppe hinab. »Sollen wir nicht zur Hintertür hinaus?« fragte er.

»Nein, durchs Dorf gehen wir,« kam es stolz zurück. Aber da erinnerte sich der Oberrichter, daß man von der Halde hinter dem Haus nochmals das Dorf prächtig überschaue. Oben stand ein Buchenwäldchen, das sein Vater noch gepflanzt hatte. Von da ging ein Fußweg die halbe Talrunde in der Höhe bis zur Scheidbachschlucht, wo Bach, Bergstraße und Bahn in die nächste Stadt hinunterging.

»Gut, das Buchwegli!«

Sie stiegen übers Dorf auf, sahen die hundert lieben Lichter, den schwarzen Kirchturm und außerhalb der Häuser die vielen Pechfackeln ums Überschwemmungswasser schwanken. Deutlich schallten die Stimmen der Arbeiter durch die Stille.

Fliehen mußte er, und dort unten gab es so herrliche Arbeit! Sonst steht er immer an der Spitze. Jetzt würde kein Melkbub mit ihm arbeiten. Ein Fremder leitet alles, wo er doch noch gestern Kopf und rechte Hand dieser Menge gewesen ist.

Auf das Bänklein oben setzt er sich. Das hatte er mit Walter und einem Knecht da hingeschnitzelt. Oft saß er da im Winter und Sommer und wußte nie, wann das Ländchen schöner sei, im Purpur des Juli oder im Hermelin des Januar. Aber so oder so, er hätte keins an das größte Kaisertum der Welt getauscht. Und jetzt muß er bei Nacht und Nebel fliehen!

Vor zehn Jahren da schlich er auch so im Dunkel fort. Aber das war ein anderer Gang, ein Heldengang, zur Rettung des Landes. Damals floh er aus Tapferkeit, jetzt muß er aus Feigheit fliehen.

Wie kam's doch? Hatte er Schlimmeres getan als der da unten, der wie ein König regierte? Als dieser Manuß? Warum erging's ihm allein so elend?

An der Turmuhr schlug es dreiviertel auf zwei Uhr. Wie das tönte!

Ehrlichkeit, Ehrlichkeit, Ehrlichkeit! – Ja, der Ingenieur hatte doch recht. Da lag's. Da hatte er gefehlt. O bei jener Unterredung hatte ihm das Herz mehr als einmal gerufen: Tu's auch, wag's auch, sag's auch! – Und immer wieder verbiß er sich in den Brollertrotz und schwieg. Da hat er nun die Strafe. Eine verzweifelte Reue und Wut gegen sich konnte ihn bei diesem Gedanken ergreifen. Er hätte sich in Stücke reißen mögen.

Das mächtige, nächtige Dorf ruhte mit seinen schattigen Giebeln, den wohligen Stubenlichtern, dem breiten Kirchplatz und dem stattlichen Brollerhaus in einer Heimatseligkeit zu seinen Füßen wie noch nie. Von allen Seiten rollten sich die grünen Wiesenteppiche an seine Mauern, und von den Wäldern und Hügeln herab strömten kühle Lüfte in seine Gassen. Dahinter, im südlichen und östlichen Rücken, saßen wie müde Könige auf uralten Thronen die Berge, einer am andern, Knie an Knie und Schulter an Schulter. Aber blauer Nachthimmel und zuckende Sterne öffneten sich zwischen den freien, einsamen Häuptern eines jeden. Von allen der stillste, älteste, höchstthronende war der Absomer. Um ihn blühte es noch reicher von weißen, gelben und roten Sternen. Er allein schien nicht zu schlafen, sondern Wacht zu halten über Höhen und Tiefen. Jahrtausendealtes Volk hat er gesehen, jahrtausendealtes Leid und Glück. Auch das Gestern und Heute wie einen blassen Vogelschatten. Er regt sich nicht auf; er scheint zu sagen: Was Laune ist, geht vorbei. Nur Wahrhaftiges bleibt! Wir bleiben, wir, die Ehrenhaften, wir, die Erprobten, wir, die Uneigennützigsten der Erde, wir, die Berge, der Halt und Rückgrat der Welt!

Ernst Broller wagte kaum in die Höhen zu schauen. Sie machten ihm noch schwerer. Sie rüttelten ihm das Gewissen auf. Offenbar, diese Berge schüttelten ihn ab. Er ist ihnen zu unsauber. Er paßt nicht mehr in ihre Geradheit. Mag er das gekrümmte und gewundene Leben der Niederung austreten, dort ziemt ihm zu leben. Hier nicht! – –

Aber nein, nein, ihr Berge, gebückt geh' ich wohl, aber aufrecht will ich zurückkommen, wartet nur! Aufrecht, in Ehren, mit Wohltaten und Kränzen! Das will ich.

»Vater, komm!« bittet Walter.

Unter ihm erlosch ein Licht. Das war in Zias Schlafkammer. Das Kind schläft! O Gott, wenn ihm nur auch die Kleine gut bleibt! Wenn ihr nur niemand den Vater schlecht macht! Nur das nicht!

Und nun kann der Broller nicht anders, er muß zum Armenhaus in der Wiese blicken. Das ist dunkel. Ein einziges Fenster hat noch Licht, aber dieses eine Fenster dünkt ihn weißer als alle andern belichteten Fenster des Dorfes, schneeweiß, leichenweiß!

Da drinnen lag die tote Cäcilie.

Alles Leidenschaftliche erlosch in Broller, sobald er dieses weiße Fenster sah. Er hatte die Arme da drüben unerlaubt, aber wahr geliebt; sie ihn noch wilder. So schwer büßte das Weib seinen Fehler. Aus dem Leben mußte sie. Und er sollte es gut haben? Nein, das will er nicht. Ganz recht, daß auch er fort muß! Von so vielem Lieben weg! Abbüßen will er seine Schuld und nicht heimkommen, als bis er weiß, daß ihm alle verziehen haben, auch der Knecht und Therese und die ganze Gemeinde und auch die arme Tote dort. Arbeiten in Schweiß und Blut und landfremdem Staub und büßen und Verzeihung erringen und dann demütig heimkommen. Ja, ihr Berge, ich komme wieder und nicht aufrecht wie ihr, nein, tiefgebückt, nicht, wie einer, der Gnaden verteilt, sondern in Demut gebeugt, wie einer, der Gnaden braucht.

Ans Werk! Er steht heftig auf und marschiert mit gewaltigen Schritten in die Zukunft. – Auch Walter hat wehmütig ins Dorf geschaut, besonders auf Irmelis Haus und das Gärtchen daran und die Roßweid' und die Landstraße zum End und die Kletterfelsen. Aber er ist jung, und wie er soviel elastischer als der Vater über den Kamm setzt und gegen die tiefe, bleiche Straße hinabsteigt, deren Lauf in die Städte und weiten Länder geht, da fängt er an, sich das neue Leben vorzustellen, das Märchen von der wunderbaren Fremde und von der großen, glanzerfüllten Hauptstadt. Reiten auf Rappen oder Schimmeln, wie man lieber will; Steuern und Segeln auf dem See; die Theater voll kriegerischer Helden; Musik und Fest; Fußballkämpfe, Studentenmützen, Gefecht mit blanken Rapieren! Irmeli wird ihn sicher nicht mehr kennen, wenn er einmal nach Absom auf Besuch kommt, so flott und schnurrbärtig, als ein achtsemestriger Student nur prahlen kann. Leise schürzt er seine Lippen und stößt Luft zwischen den Zähnen aus und ein, bis ein gepfiffenes Liedlein daraus wird.

»Hör' auf zu pfeifen« sagt nach einer Weile der Vater. »Wie kannst du nur pfeifen?«

Sogleich hängt Walter den Lockenkopf wieder tief.

Aber nach einer Stunde, da sie in Steinbühl den Einspänner besteigen, den Heinz dort bereithält, und da sie nun rasch und leicht hinunterrollen ins Land, hie und da bei einem schwachen Lichtlein an einer Bauernscheibe oder am Nachtwächter, der schläfrig über einen stillen Dorfplatz geht, oder auch an einer schlafenden Kuh am Feldsaum vorbei, über sich ein unendliches Gesumm und Geblinzel von Sternen: da vergißt sich der leichtherzige Jüngling wieder und pfeift Stücklein auf Stücklein. –

Und der Vater verweist es ihm nicht mehr. Mag er denn pfeifen, der Glückliche! Er darf, er ist noch ohne Schuld!

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