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Gutenberg > Heinrich Federer >

Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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34

Der Broller hatte im Degen beides belauert, die Empörung und die Demütigung des Volkes. Als die Leute nun stumm und geduckt genug dasaßen, mischte er sich wieder unmerklich unter die Menge. Jetzt, wo man glaubte, sein Schifflein sei am Versinken, wollte der erfahrene Steuerer es recht stolz in die beste und günstigste Strömung treiben. Ein Gewitter mag sicher viel verderben. Aber nur ein Narr kann glauben, daß wegen der Weigete nun sein großartiges, fertiges Bahnprojekt vereitelt werde. Es gibt für alles im Leben Auswege. Es wird auch hier zehn für einen geben.

Der Oberrichter kannte seine Leute. Jetzt waren sie in der warmen, weichen Kinderlaune, fügsam, gläubig, zutunlich, wie er sie nur brauchen mochte.

Er trat leise an Martiheiri, einen der größten Schreier, schob einen Zettel aus dem Rock und lispelte: »Heiri, kennst du den Fetzen da?«

Verdutzt sah der Angerufene in das stille, scheinbar so sanfte Christusgesicht empor, ward bleich und stotterte etwas.

»Am fünften August fällig,« murmelte Ernst Broller leicht zwischen den Zähnen. »Meinst du etwa, ich schone einen solchen Aufwiegler?«

»Oberrichter!« flehte der arme Mieter.

Aber im gleichen sanften Gebrummel fährt Ernst Broller fort: »Willst du an meiner Bahn rütteln, so soll auch dir zwischen First und Keller alles in Späne fliegen. – Um dich ist's nicht schad', so ein Saufmaul! Aber deine fünf Mädchen könnten einem leid tun.«

Martiheiri glotzte aus den trüben Trinkeräuglein den Allmächtigen bitterlich an und griff nach seinem Arm. Aber der Oberrichter riß sich wir im Ekel los und ging weg. An der nächsten Bank fuhr er zwei Großbauern vom Tal mit leise drohender Stimme an: »Sind wir nun so weit, Pauli und Melk Enderli? – den langen Streifen Weidland hätt' ich euch also darum abgekauft, daß ihr da ruhig dem Kasperlitheater zuseht und kein gutes Wort für die Bahn einlegt. Habt ihr das Geld schon?«

»Der Vertrag, Herr Oberrichter,« widersprachen zwei scheue Stimmen.

»Gilt so ein Sudel? Das wollen wir dann in der Stadt bei der Kommission bereden. Ich hab' euch das Land für die Bahn abgekauft und ihr habt es für die Bahn verkauft. Gibt's nun keine Bahn, weil ihr da mitschwadroniert, so gilt auch kein Verkauf für die Bahn. Aber euer meineidig' Tun sollte ich vor Gericht zitieren. – Also, brüllt nur weiter!«

Die zwei Geizhälse, die unvorsichtigen, schrien ihm umsonst nach.

»Berni!« sagte der Broller und setzte sich zum Alpler, »im letzten Gemeinderat hab' ich dir das Nutzrecht in den Furggler Wildenen erstritten. Übermorgen wird der zweite Schnitt verlost. Zähl' nicht darauf! Bist du meiner Sach' Feind, so kann ich deiner nicht Freund sein, das wirst du verstehen.«

»Und Euch, Gamspeter,« wendet er sich nach links, »hab' ich auch nicht verraten, als – na – Ihr wisset schon –«

Ja, der arme Mensch weiß gut, was der Broller meint. Ein ausgeklopftes Pfeifchen, ein Waldbrand, Anzeige von Kindern, Brollers Einspruch, schlauer und flotter als die beste Advokatenrede, und Gamspeters Freilassung. –

»Ist's unter euch Gemsjägern Brauch, euern Helfern in den Rücken zu schießen? Schön dünkt mich das nicht. Aber räsoniert nur weiter! Die rote Geschichte ist noch nicht verschlafen und« – wendet er sich wieder zu dem nun ganz tölpischen Berni – »dich seh' ich an der Verlosung wieder.«

Sie nehmen ihn am Ärmel und bitten ihn, lieber jetzt mit ihnen einen Liter zu trinken und zu vergessen, was sie da gelümmelt haben. Reuig blicken sie drein. Die Rührung wegen Emil und Mang hat ihre Kraft gebrochen. Ihre Seelen duseln weinselig im Glas herum. Ihretwegen mag doch die Bahn kommen oder nicht. Was geht das sie an? Ein Berg muckst sich doch nicht wegen einem Grasmücklein. 's ist Herrennutz, aber auch Herrenschad'! Laßt Fels und Wasser dreinreden! Die machen's allein. Dumm war's, ganz elend dumm, auch noch mitzurumpeln.

»Kilbischwatz, Weinschwatz, – nichts für ungut, Oberrichter!«

Aber der Broller lächelt schon in einer andern Bankreihe. Seine Augen schauen mild, seine Worte töten schier gar. Kleine Papiere zeigt er, schlimmer als Messer, da eine Schuldverschreibung, dort einen Wechsel, hier einen Pfandbrief oder einen fälligen Zinszettel. Und jeder, den's trifft, senkt den Kopf und verstummt wie von einem Beilschlag.

Ja, Ernst Broller ist bis an die Zähne bewaffnet, und er muß es sein. Denn in den vielen Jahren seiner offenen oder heimlichen Dorfherrschaft hat er sich hundert versteckte Feinde zugezogen. Und wie ein Häuptling in den Abruzzen, der schlafend und wachend seinen Genossen nicht mehr traut und daher seine Taschen alle und den Gürtel mit Dolchen, Pistolen und Handmessern dicht besteckt, so hat sich auch der Oberrichter nach und nach für jede nahe, böse Möglichkeit tüchtig mit Waffen versorgt. Alle seine Ideen hat er ihnen ja aufzwingen müssen, die bessere Besteuerung, die Bewässerung und die Kraftanlage, das elektrische Licht, die zwei Fabriken. Er hat Ordnung geschaffen, aber diese Leute empfinden sie als Tyrannei. Mehr Verdienst kam ins Land. Aber die Absomer möchten lieber nur bauern. Sie können ohne Stickerei nicht mehr leben. Aber im Grunde ist diese altgeübte Kunst gegen ihre innerste Natur. Seit aus dem häuslichen Tagwerk eine Fabrikarbeit und aus der Einzelkunst eine Maschinenindustrie geworden ist, schnellen ihre Löhne hochauf und sinken in alle Tiefe im gleichen Monat. Es ist nichts Stetes und Haltbares und Stillstehendes mehr daran. Sie aber gerade sind ausgesprochene Menschen der alten heiligen Stetigkeit. Ginge es nach ihnen, so müßte alles unverändert bleiben wie vor hundert Jahren. Die Berge wären ihre liebsten Vorbilder. Sie begreifen, daß dies unmöglich ist; aber sie hassen alle Notwendigkeiten, die ihrem konservativen Blut so weh tun.

Und nun die Fremdenindustrie auch noch, die Hotels, Kurhäuser, Stationen, die Bergbahn, diese vermaledeite fremde Unruhe. Dieses Überlaufen von Schwaben und Tschinggen, dieses Schänden des alten Stammbluts. Und vermöglicher wird das Volk doch nicht dabei. In diesem Geld ist kein Segen. Es kommt und geht wie Wind. Und froher wird man auch nicht. Nur unzufriedener, begehrlicher, unglücklicher! Spitäler und Armenhäuser und Waisenstuben füllen sich. Das ist ein allgemeines Sagen. Ein paar Große haben alles, so ein Ernst Broller zum Beispiel.

So denken sie zu jeder Stund', auch wenn sie lachen und mit ihm einen Jaß spielen, das weiß der Oberrichter gut genug. Sie beugen und neigen sich, wenn er sozusagen wie in königlicher Rüstung vor ihnen her stolziert. Aber wenn er sich eine Schwäche gibt, wenn nur eine Naht in der Rüstung reißt, dann schlagen sie den ganzen Kerl in Fetzen. O, er muß auf der Hut sein, er hat nie Frieden, er lebt immer im himmlischen Krieg!

Doch einen Trost hat er. In einem Lande von so viel Stein und Schnee und Winterschatten verführt nichts gewaltiger als die blitzende Lustigkeit des Goldes. Dieses sonnige Metall funkelt in einem so bergigen Land doppelt hell. Das Geld ist hier etwas Göttliches. Der Städter sieht es zu oft und zu leicht. Er braucht es ebenso sehr und sucht es ebenso gierig, aber er hat nur die Leidenschaft zum Geld, nicht auch die Hochachtung davor. Der Absomer aber fühlt einen grimmigen Respekt von den runden, wohlgeprägten, wie Sterne glänzenden Zwanzigfränklern. Er pfeift auf die Köpfe: Napoleon, gezopfte Helvetia oder die nachbarliche Liberté darauf, einerlei. Vor dem Gold allein kniet er ab, das im Stück steckt, die Sache, die Sache!

Und mit diesen Sachlichkeiten ficht jetzt der Politiker Broller. Aufs Geld zielt jedes Wort ab. Gerade hat er in vier nagelneuen Napoleons dem Jochem den Gemeindezins für die Schafsömmerung ausgerichtet. Stück um Stück warf er sie in ein leeres Veltlinerglas. Das war auch Musik, Donner, von allen Tischen lauschte man ihr!

Dann zog der feine Ernst englische Zeitungen hervor und verdeutschte daraus dem Redakteur, daß die Nachfrage für den Winter in cremefarbigen Stoffen und blassen Seidenmustern groß würde. In Amerika kommen Herrenhalstücher aus japanischer Seide, aber mit handgehäkeltem Rand, massenhaft auf. Das ist für unsere Handstickerinnen! Ein paar Zentner Stoff liegen schon im Bahnhof. Ein Ring von Horchern umsteht den Sprecher. Also Arbeit und Lohn im Steigen. Alles schon nahe, im Bahnhof!

»Das geht ja nun die Bahn da hinauf nichts an!« sagt er laut, daß es weitum schallt. »Und doch ein wenig. Denn hier wird die Bahn herauffahren und Fremde von allen Erdteilen hocken drin. Die lernen unsern Wald und Berg kennen. Sie übernachten auf unseren Alpen, besuchen Absom und Mattli und verstehen nach und nach unsere Eigentümlichkeiten. Und wir sie! Unsere Sticker und Zeichner beobachten ihre Moden, ihre Farben, ihre Spitzenmuster und wie sich eines oder das andere besser in der Farbe und im Schnitt trägt. Und bald sagen wir in unsern Werken ihnen ebensogut, was Mode ist, als sie uns. Wir, die Sticker, nehmen unsere Berge und Tannen ins Tuch auf, wißt, ein paar Linien, so einen Charakter davon. Wir bringen die Alphütten, die sie gesehen haben, das Sennenkäppi, das sie trugen, die Munihörner, wovor sie davonliefen, die Schafrücken, die Dornhecken, unsere geschweiften Hausgiebel, wir arbeiten unsere ganze, schöne, interessante Heimat in ihre Kleider, und sie, die unser Land nun kennen und lieben, sie tragen es weit nach London und New York und Indien und Kairo und noch weiter.«

»Das wär' schon fein!« rief einer überlaut.

»Wir müssen nur frech sein mit unseren schönen Natursachen. Die müssen wir in unser Gewerbe tragen. Damit sind mir einzig. Das macht uns niemand nach, so wenig als unsere saubern Voralpendörfer oder unsere stolzen Felsen.«

»Jawohl, recht hat er, ganz recht!« schrien schon mehrere.

»Aber das Bähnlein da hinauf laßt nur in Ruhe! Das kostet euch nichts und schadet euch nichts. Mit jedem Wagen bringt es uns Kunden ins Land und trägt uns Adressen hinaus. Die Bahn verdirbt den Berg nicht. Man sieht sie nirgends, als wenn man gerade daran steht. Sie verkleinert uns die Schönheit der Heimat nicht, sondern sie vermehrt im Gegenteil unsern Ruhm, da sie ihn mit tausend Fremden in alle Welt hinausträgt.«

»'s hat alles zwei Seiten, das ist wahr,« gab jemand sehr laut zu.

»Und ich mein',« spricht ein Bedächtiger ihm entgegen, »wovon man nicht redet und nicht schreibt, das ist das Best'!«

»Kämst wohl weit damit heutigentags!« wehrt ein anderer ab.

»Jawohl, – und warum stehst denn immer im Blättli mit deinem Hanfsamen und Wachholdergeist – auf der vierten Seite, hä? Machst ja selber einen Cheibelärm!« kam es schlagfertig zurück.

Man lachte auf den Krämer ein. Und dieses Lachen wirkte gesund. Man durfte nun auch wieder frisch um sich schauen und den Kopf hoch heben.

»Engel sind wir allesamt nicht,« seufzte mit matter Miene der Geschlagene.

»Und die Bahn,« fuhr der Broller nun mit der Gebärde eines öffentlichen Redners fort, »ist natürlich so wenig ein Engel als unser Hanfsamenbürger da vorne, aber gerade ein Teufel, wie so viele glauben, ist sie auch nicht, und wenn sie auch schwarz angestrichen ist und zwei glutige Augen macht. – Der Teufel fährt nicht gern dem Himmel zu.«

Alles lachte. Das war wieder einmal einer von den echten Absomer Witzen.

Ein Bub kam und wollte dem Oberrichter etwas sagen.

»Die Glarner – wart' mal, Bübel! – die Glarner möchten so was mit einer Bergbahn auch versuchen. Aber was ist das Glarus? – Ist kein Schabzieger Glarner Spezialität da? Gut, so darf ich's sagen: eine tiefe, lange Sackgasse zwischen drei hohen Wänden, das ist das Glarus. Da wird das Bähnlifahren schwierig. Aber, frag' ich, würden die klugen, scharfstirnigen Glarner an so was nur denken, wenn kein goldiges Profitchen fürs Land dahintersteckte? Nein, nein, nein!«

Er schüttelte das Glas mit den vier französischen Kaisern. Und alles nickte nun Beifall, voran die zwei Großbauern, der Berni und der Gamspeter. Die goldene Musik machte das Blut hier zappelig wie drüben die Geigen.

»Und die Berner und Bündner versuchen's auch und haben doch dabei kein hilfreich Gewerbe wie wir. – Es ist ja wahr, ihre Berge sind etwas höher und dicker gefüttert und machen mit dem Schnee daran und etlichen Gletschern dazwischen im ganzen einen passabeln Prospekt. Nun ja! Aber ist's denn in Bünden, wo ihr nur steht und geht, nicht immer das gleiche Einerlei von Grün, Blau und Weiß? Immer drei langweilige Streifen übereinander, zuerst Gras, dann Wald, dann Schnee. Wie mit der Maschine! – Aber wir hier haben jede halbe Stunde eine Schlucht von oben bis unten gespalten durch den Berg, – hinter jedem Gipfel liegt bei uns ein Seelein, immer mit anderem Spiegelwasser, – wir haben Wasserfälle gerade zum Vergeuden, – und alle Sorten Wald! Dann breite, gelbe Almen und darüber die Felsen wie eine graue und rote und weiße Marmorstadt.«

Begeistert blickten die Alpler dem Zeigefinger des Redners nach, der vom Tal in die Zinnen stieg.

»Hat es da nicht Turmhelme und Giebel und Dächer und Kuppeln und Säulen wie eine große Stadt, wie Rom oder Paris? Und das Zeug redet. Man kann hundert Gesichter und Geschichten nur aus der Furgglenkette lesen. Seht da links, neben dem Fernhorn, ist's da nicht, als lache ein Sennenkopf heraus oder ein Sennenbub, so etwa einer wie Uelis Seppli? – Und unter dem Absomer am Grat links seht ihr den Schlafenden Ritter und schräg am Känzeli haben uns schon die Großmütter den Näpi Napoleon I. gezeigt, wenn wir nicht brav sein wollten. So kurzweilig wie ein Bilderbuch sind unsere Berge. Ja, schon allein in dem Stück nehmen wir es leicht mit den Bündnern auf.«

»Hoch Absom und Mattli,« schrien Berni und Gamspeter. Fünfzig fielen ein.

Dem Ratsherrn Pfifflihannes riß es schier die Seele auseinander. So schön rühmt keiner das liebe Ländli. Man könnte weinen vor Stolz. Aber da will nichts Gutes heraus. Das ist so eine Zauberflöte. Er kennt diese Schalmei.

»Die Bergdörfer hoch!« wiederholte man.

»Und wenn die Berner unser Gebirg besäßen, Donnerwetter! sie ließen die Jungfraubahn links liegen. Ich bin vom Brienzersee über die Faulhornketten bis zu diesem Jungfraueli geklettert. Aber wie ist das? Entweder zu groß, – und dann drückt's einen und beschwert und macht nichts als Schatten, – man ist wie ein Floh im Strumpf des großen Miezeler Kaplans –«

»Heiho, hahaha!« krachte es durch den Haufen.

»'s ist so, und zu oberst ist einem dann wieder alles zu klein, ringsum alles gezähnelt und gezäckelt und gestrichelt wie Spielzeug, kein rechter See und kein würdiger Berg neben einem, kein großes Vaterland. Ich sag' euch, man meint in ein Zwergreich zu schauen.«

»Aber hier vom Absomer blüht einem Wald und Tal lustig ins Aug', jeder Berg präsentiert sich großartig, jedes Seelein will was gelten, auch die Hügel werden keine Ameisenhaufen, Mattli und Absom breiten sich aus wie Landstädte, fast kann man die Häuser zählen, so groß und nah ist einem alles. Und der Bodensee sieht immer noch aus wie das Meer. Nein, unsere Berge verkleinern nicht und vergrößern nicht. Ehrlich sind sie, die ehrlichsten Berge der Welt, hat der berühmte Züricher Professor Heim gesagt, – und sind wir oben, so meinen wir im obersten Fensterstock vom lieben vaterländischen Haus zu stehen und allum zu schauen.«

»Das ist gut gesagt!«

»D' Kreuzstöck' am Haus, die obersten!«

»Ja, d' Absomeralpen und die Berg' von Mattli.«

»Reden kann der! Kein Wunder, wenn's ihn schon partu in Bern haben wollen.«

So murmelt man und horcht wieder, daß einem keine Silbe entfalle.

»Aber das weiß niemand recht als wir hier! Alle meinen, wir hätten nur so ordinäre Berge. Jaso! Kommt nur, Ihr Fremden und ihr Schweizer rundum, ihr werdet Augen machen, wenn Euch die Bahn das steinerne Buch da oben auftut und mit euch durchblättert! Von einer Seite zur andern werdet Ihr staunen, was das für wunderbare Kapitel und Helgen Bilder sind! Der Lontschifall, der wie der Jüngste Tag braust, das Tschurbachtobel, wo's nie Tag wird, – der Plättlisee mit den Augen der schönsten Absomerjungfer, – die Absomerfreiberg' mit ihren vielen Gemsen, der Känzelitritt so schmal wie eine Hühnerleiter, – das tintenschwarze Fornerseelein und die Orgelenfirst, wo noch Adler sind, – und die Bärenhöhle, und die Absomalp und Wedlisalp, das Treppenbächlein mit fünfzig Stufen fallenden Wassers. Wenn man das kännte, würde man vom Matterhorn und Gießbach leiser reden. Und wenn die Fremden erst den Hosendreckler sähen, – was die für einen Respekt und ein Bauchweh kriegten.«

Ein rollendes Gelächter ging über die Tische.

»Dieses Bilderbuch soll die Welt nur recht gut begucken. Sie hat kein schöneres. Und wir sind doch nicht so verriegelte und vergitterte Menschen, daß wir die Welt fürchten, wenn sie zu uns kommt. Nein, wir gehören doch alle zuletzt zueinander, Bergleut', Talleut', Stadtleut', – wir sind Geschwister und wir müssen zusammenstehen, die Zeit will's so. Von der reinen Luft hier oben haben wir nicht gegessen und von den großartigsten Felsen können wir halt doch keine Brötchen klauben. Wir brauchen die Fremden und die Fremden brauchen uns. Drum rufen wir die Welt zu uns herauf und sind nicht böse, wenn sie anständig kommt, und nehmen ihr den Gruß tapfer ab. Und heißen sie auch willkommen, die Mutter Welt und die Brüder und Schwestern Welt und das gescheite Bähnlein erst recht, das sie uns heraufbringt. – Da hab' ich Aktien – zu zweihundert, fünfhundert, tausend und fünftausend Franken! – Aufs Bähnlein festgeschrieben! – Wer will? – Morgen kann man auch im Dorf und in der Stadt darauf zeichnen. Aber ich dachte, ihr müsset mir die ersten sein, ihr Kilbigenossen von Miezeler! Ihr sollt das Vorrecht haben vor dem verdammten St. Galler Schüblig und den Züricher Hegeln und den Baslerlälli und dem Bernermutz Spottnamen, die sich die Schweizer nach kantonalen Eigentümlichkeiten geben, ihr, die Absomer und Mattler Bauern! Da, wer kaufen oder auch nur für heute unterschreiben will! Der Pfarrer hat schon drei Tausender gezeichnet! Die Pfarrer sind kluge Leute! Wo der Hirt vorangeht, darf die Herde sicher nachtrampeln.«

Die Leute drängten sich lachend um die Papiere. Der Pfarrer schneidet ein sauersüßes Gesicht. »Zeigt mal so ein Blatt!« Hundert Arme strecken danach. Hundert Augen lesen die Aktie, worauf so appetitlich sauber das Bähnlein schon zum Gipfel auffährt. Man vergißt, was das Wasser dazwischen geworfen und der Rutsch geschändet, man vergißt die Wut vor zehn Minuten und den Schwur: nie eine Bahn auf den Absomer! – Denn hier auf dem köstlichen Papier fährt sie ja schon in Wahrheit die letzten hundert Meter auf und wird ganz gewiß oben ankommen und rufen: Am Ziel, am Ziel!

Der Broller möchte noch gern ausmalen, wieviel Gold möglicherweis' so ein Papier alle Jahr ins Haus zaubert, aber der Bub stupst ihn wieder und sagt: »Absomer sind herauf gekommen und wollen mit Euch reden. Es pressiere!«

»Schon gut, schon gut! Behaltet ihr die Papiere und zeigt sie zu Haus und überlegt es euch, ob ihr auch ein Rad am Bähnlein haben wollt. – Aber was sind das für staubige Sachen an der Kilbi? Weg mit dem Geschäft! Tanzen muß man. He, Elselore, den Bergler nehmen wir jetzt.«

Der Oberrichter winkt zur Hintertür des Wirtshauses. Da steht die alte, dünne Elselore schon im blauseidenen Spenzer und hüpft leichtfüßig und festlich wie ein Mädchen auf den breiten, kurzen Mann zu. Er nimmt sie am Arm und führt sie zur stiebenden Tanzflur vor die Häuschen. Der ganze Haufe mit den Zetteln folgt. Der Bergler ist ein Staatsstück der Kilbi. Oben von Settens Zimmer schauen drei glückliche Gesichter auf die Szene nieder.

Der Absomerbub, ein Armenhäusler, zupft schon wieder ängstlich: »Absomer sagen, Ihr solltet sogleich kommen!«

»Wo sind sie denn?«

»Da hinten, hinter den Musikanten, – kommt flink, 'sei Wichtiges.«

»Nachher, nachher, geh sag's! – Jetzt Platz für den Bergler!«

»Der Bergler!« schreit alles laut, so daß die Musikanten es durch das Schuhgetrappel von dreißig Paaren hören und den Walzer auströpfeln lassen. Nur der Vorgeiger spielt weiter. Aber er spielt sich vom heftigsten Tanz in den wiegenden Rhythmus des unsterblichen Berglers hinüber. Schwarz stieren seine Äuglein, so wie er den Broller erblickt hat, in sein Instrument hinein.

Die Tänzer weichen zur Seite. Kokett nickt die Elselore nach allen Seiten.

»So, Walter, du tanzest auch und wie ein Großer!« schreit der Broller dem Bub zu, der purpur vor ihm steht, wild vom Tanz, mit feuchten, dunkeln Krausen und duftend von Jungmannahnungen.

»Wer ist das Jüngferchen daneben?« fragt der Oberrichter.

»Ingenieurs Minchen,« sagt das Kind mit einem famosen Knicks, wie etwa ein junger Heuschreck.

»Und ich Walters Vater,« erwidert der Broller dem lachenden Zigeunerchen an seines Sohnes Hand und macht zum Gaudium aller einen ebenso heftigen Knicks, wie ihn etwa ein älterer, aber nicht weniger höflicher Heuschreck macht.

»Also tanzet in Gottes Namen! – Wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen.«

Er trat mit seinem zierlich greisen Gespan auf die Diele. »Nun, Frau Bas Elselore, tretet an!« sprach er gedämpft. Zuerst den Allegren, eins – zwei, eins – zwei! – frischer! So!«

Und der Fünfziger und die Sechsundsiebzigerin strichen lautlos und wirbelschnell im Kreise, wie Sonne und Mond hinter- und vor- und umeinander. Sein kohlschwarzes Haar und sein fast noch schwärzerer Bart kräuselten sich und flockten hin und wieder, aber sein Marmorgesicht blieb schneeweiß und licht. Er freute sich wieder einmal mächtig. Das war sein Leben, zwischen Gipfel und Abgrund. Jetzt hatte er eben wieder eine Tiefe überwunden und war hoch oben. Zu Tode geredet hatte er den Feind. Keinen Mucks wagte man mehr. Allen Teufeln zum Trotz muß diese Bahn kommen. Und das Land muß schnellere Beine kriegen und schnellere Hände und einen schnellern Umgang mit der Welt. So geht's nicht weiter mit dieser Langsamkeit von Anno 1700 mit Post und Gaul. Schnell, schnell! Dampf, Maschine, Elektrizität! Heijo! Elselore, hurtiger, hurtiger!

Auch sie merkt kein Alter mehr. Lenzluft fährt ihr ins kleine Näschen.

Und alles, denkt der Broller weiter, wird nach soviel Kampf und Wirbel sicherer und ruhig. Dann steht unser Volk und Land hoch und reich unter den andern Schweizerbrüdern da. Und ich kann in Ehren meine Jahre beschließen und den langen Feierabend im Schatten der Berge und im Lachen flotter Enkel, die mir nachgeartet sind, gemütlich verbringen, und zum Grab folgt mir eine lange Straße voll schwarzer Fräcke, und man schießt Böller vom Hügel. – Hurtiger, Elselore, mit Feuer, mit Feuer! –

Wie gern sie's tut! Ihr roter weiter Rock unter der langen blauen Jacke steht gebläht wie eine Knallrose, und man hätte nicht gesehen, daß sie sich dreht, wenn darunter die niedlichen Pantöffelchen nicht so unendlich gezappelt hätten. Alles zuschauende Volk tanzte mit den Augen, den Mienen, den Knien mit.

Es ging ins Andante, und leicht wie Schiffe auf glattem Wasser schwammen die zwei nun über den Estrich, während an den Säumen der Bretterdiele wenige Paar sich sacht und mehr in dienender Begleitung mitwiegten. Elselore und Ernst schwammen aneinander vorbei, ade! – ruderten durch einsame Gewässer, strebten dann wieder sehnsüchtig aus der Ferne einander entgegen, trafen sicht hakten sich ein und schwammen selbander zum Hafen. So ward das Andante ausgewiegt.

Jetzt kommt das Glanzstück des Tanzes, der Galopp, ein letzter wilder Funke Leben vor dem Verlöschen. Sie packen sich an den Gelenken, heben das Knie hoch und lassen ein Hoihopho! fahren.

Da kracht es hinter der Musikanten-Estrade, ein verschmitzter, schwarzhaariger Kopf taucht auf, stößt den Spielern die Pulte um und ringt sich zum Vorgeiger herauf.

»Vater, hör' auf! Jetzt spiel' ich eins auf!« – Er sucht den Broller, erblickt und übergießt ihn mit einem grausen Feuerspiel der Augen.

»Der Bastian, der Brollerknecht,« schreit man entsetzt. Mit den Augen eines Verrückten steht er jetzt vorn am Geländer gegen die Tanzdiele herab.

Der Atem steht einem still, wenn man dieses verzerrte Gesicht mit den harten Backenknochen, dem geifernden Mund, dem tropfenden Haar, den wütend schwarzen Blicken und der Gespanntheit eines zum Sprung bereiten Tigers betrachtet. Alles begreift, daß etwas Heilloses geschehen muß. Vom Kaplanenfenster ertönt ein heller Schrei. Mang ist's; dem wird alles auf einmal klar.

Alle schauen starr auf den Broller. Nur das Pärchen merkt nichts; es hopst drei Schritte vor, springt an, und im berauschenden Schwung der Muskeln jauchzt das Herz des Broller: wild ist und flott das Leben!

»Ernst Broller!« –

»Was ist's? Hat da nicht jemand mich gerufen?« Es schwimmt ihm so ein Ton im Ohr. – »Elselore, jetzt rechtsum – knieauf – eins – zwei – knieauf! – eins – zwei! – wilder, Elselore, wilder! – so – o! – Ha, ein Galopp ist das Leben! Wild und schön &…133;«

»Oberrichter Ernst Broller!«

Diesmal erscholl es wie Donner. Das Paar stellt ab. Es merkt die Totenstille ringsum jetzt erst. Alles dreht sich dem Ernst noch herum. Aber wie er zur Tribüne sieht, steht ihm alles fest. Dort ist ein leichenfarbener Mensch; der hat gerufen.

Stumm und versteint blickt er auf zu ihm. Der Mensch da oben ist nicht sein Knecht. Der ist als Richter da!

»Tut mir leid, dir den Tanz zu verderben, Broller! Aber du hast mir's auch nicht besser gemacht. Das Kraftwerk ist kaput. Drei Wochen braucht's, bis die Motoren wieder in Gang sind. Das sagen die Ingenieurs. – Ihr Spinner und Weber und Sticker könnet unterdessen mit den Aktien hausieren gehen!«

Schadenfroh blitzen seine Augen bei dieser Botschaft. Im Volk fängt's an zu lispeln, zu rauschen, zu tosen. Das geht ans tägliche Brot. Einige Weiber kreischen. Walter, der prachtvolle, kühne Junge, sucht sich aus der vordersten Reihe ins Volk zu drücken.

Der Broller hatte Schlimmeres erwartet. Er faßte sich rasch, ließ die Alte los und ans Volk sich rechts und links wendend, rief er beinahe sanft: »Ist das meine Schuld? – Bin ich stärker als das Wasser? Kein Mensch ist so stark wie das Wildwasser!«

»Jetzt sagt er's auch,« rief die Stimme des Pfifflihannes. »Und der will die Absomerbahn durchsetzen.«

»Wo der Damm wie ein Bindfaden zerrissen ist,« lärmte Berni.

»Millionendumme Leute, wenn ihr noch an die Bahn glaubt und an die Fetzen da!« brüllte der Gamspeter und schleuderte dem Broller eine Aktie zu. »Der Inschenier dort oben soll reden.«

»Herr Ingenieur,« rief nun die salbungsvolle, aber merkbar zitternde Stimme des Pfarrers zum Fenster empor, »saget an auf Ehr' und Glauben, ist die Linie ausführbar? die Linie da herauf? – Die Linie nach dem, was gestern und heut geschehen?«

Alle blickten ans Fensterlein. Nur Bastian nicht; der ließ den Broller mit keinem Auge los.

»Könnet Ihr's machen? Heraus mit der Wahrheit! Redet!« heischte die Menge.

Dem Oberrichter war es, als fielen die Berge über ihn und begrüben ihn. Auch er sah zum Fenster auf wie zum letzten Spalt Licht und Luft, der noch offen steht. Seine blauen Wunderaugen schienen zu schmelzen, so mit flehender und bangender Erwartung hingen sie an Emils Lippen. Mang war vom Fenster gewichen. Aber Sette faßte Emil mit beiden Händen am Arm und redete dringend auf ihn ein.

»Ist das alles Schund?« fragte einer und zeigte auf die herumwirbelnden Aktien.

»Ich frage an, ist die Bahn, wie sie abgesteckt worden ist, ausführbar oder nicht?« wiederholte der Pfarrer so ernst, als stände er auf der Kanzel. »Auf Ehr' und Gewissen, saget an!«

Ehrlichkeit und Wärme für sein Volk, aber auch dreitausend gefährdete Franken klangen durch seinen erhobenen Ruf.

Der Manuß stand im Fensterrahmen, die Arme verschränkt, in seinem besten, härtesten Stolz. Wie widerte ihn dieses haltlose, weintrunkene Volk an! Sie waren es wahrhaft nicht wert, über das großartige Werk und diesen Mann da unten zu triumphieren. Er zaudert, zögert, bedenkt sich und hört das mitleidige Weib neben sich flüstern: »Laß ihm Hoffnung! Laß ihm doch ein bißchen Hoffnung!« – Aber dann reckt er sich, steht aufrecht da, weist die blinkenden Wolfszähne und sagt unter goldgrünem Gefunkel seiner Augen: »Die Absomerbahn ist auf diesem Weg nach der heutigen Lage nicht ausführbar. – Daran ist Herr Broller so unschuldig als ich und ihr alle. Die Geologen hätten &…133;«

Er kam nicht weiter. »Nicht ausführbar! Unmöglich! – Bravo! –« schwirrte es durcheinander. »Gelogen ist also alles. Da habt Ihr Euere Fetzen wieder!« Und man schleuderte die durchgerissenen Aktien dem Broller zu.

Der Mann war leise zusammengesunken. Aber er richtete sich mit einem Rest von Widerstand nochmals auf und schrie: »Und ich wiederhole, Wasser ist stärker als ich und ihr alle. Aber –«

»Kein aber, kein aber! 's Maul halten sollst! Verlogen ist alles, was du gesagt hast! Stopf' dir doch das Maul mit dem Papier da, nimm!«

Man drängt sich wild an den Oberrichter. Alte Wut und alter Verdruß drängen mit. Das Getümmel wird furchtbar. In Walter erwacht ein Tropfen vom falschen, feigen Blut der Mutter. Er verhält sich die Ohren, verkriecht sich und zittert an allen Gliedern.

»Irmeli, laufen wir schnell in die Kaplanei! Den Ingenieur holen!«

»Du mußt dem Vater helfen,« überschrien ihn beide Mädchen, und Irmrli zerrte ihn gegen die offene Bühne.

»Sie schlagen uns zusammen,« klagte Walter. »Holen wir schnell den Ingenieur.«

»Hände weg,« schrie jetzt eine Stimme so furchtbar, daß alles wieder still ward. »Der Mann gehört nicht euch, er gehört mir, mir! Ernst Broller, schau mich an!« Der Oberrichter versucht es. Lieber sterben, als Angst zeigen. Aber jetzt schlägt sein Stündchen, er weiß es sicher. Der Bastian bebte mit den grauen Lippen. Aschfahl ward er und rief: »Die Cäcilie ist g'storben!«

Ein Schrei ging nieder. Alle hörten ihn durch die Totenstille. Es hatte geklungen wie von zwei Menschen. War's der Broller, Emil, Mang? Wer war's?

»Und an deinen zwei Kindern ist sie g'storben!«

Der Broller blieb fest stehen. Aber durch den mächtigen Leib ging eine leise, innerliche Erschütterung; gerade wie bei einem durchgespaltenen Baum. Er wird sogleich fallen, aber niemand weiß, ob nach rechts oder links.

»Und an dir g'storben, Mörder, Kindlimörder, Frauenmörder!«

Bastian schleuderte in der Wut die Klarinette von einem der Pulte über die Bühne und wollte übers Geländer springen. Man hielt ihn auf. Unten brauste der Volkswald dumpf auf.

»Laßt mich, laßt mich! Ich tu' ihm nichts!« Bastians Vater, der Vorgeiger, nahm Bogen und Fiedel, setzte wie zum Spiel an und lachte irre herum.

Beim Wort Mörder bäumte sich der Oberrichter auf. Wie eine Mauer stand er. Das soll er nochmals sagen, hei –

»Ich tu' ihm sicher nichts. Aber wir gehören zusammen,« schrie Bastian. »Er hat's mit der Cäcilie gehabt. Ihn hat sie mögen, mich hat sie gehaßt. Und da hab' ich in der Nacht, wo die Kinder zur Welt kommen sind, im Haß Brollers Scheuer angezündet. – Murmelt nur, – ihr habt's alle auch so ausgelegt gehabt. – Und da mußt' ich unterschreiben, die zwei Affen seien von mir. Und dafür ließ er mich aus den gestreiften Hosen schlüpfen. Aber es ist gelogen, so wahr ich dasteh' und der da so kreuzblau wird, seht, seht! – Cäcilie ist tot. Da ist mir alles gleich. Komm, Bürschchen, komm, wir wollen miteinander die gestreiften Hosen wieder anziehen. Was schaust mich an wie ein Klotz Holz und hast Maulaffen feil? 's ist Zeit, sonst kommen's noch gar mit den Handschellen, halloo –«

Wahnsinnig streckte er die Arme und rekelte den Hals schier aus dem Hemd.

Ein lautes, unendliches Schluchzen und Überschluchzen ertönte hinter dem Haufen.

Der Oberrichter aber neigte sich leise, sah schräg und steif neben den Beinen zu Boden, griff müd' mit einer Hand irgendwo in die Luft und rief schwach: »Walter!«

Niemand gab Antwort. Allein stand er da im Haufen von Feinden. Stundenweit unten glänzt sein vielfenstriges Haus und kräuselt der Vesperrauch über den geschweiften Giebel und fingert Zia wohl wieder wie jeden Sonntag im Album und sucht Vaters Photographien alle, die als Knab, als Soldat, als Freiersmann und als Oberrichter und Kaufmann. Aber es war weit bis dorthin, so neblig weit, – alles schwimmt ihm vor den Augen. – Und Walter ist der Liebling seiner Frau und ist beim Tanzen immer da gewesen, aber jetzt ist er weg.

Da übermannt es den Gewaltigen. Alles stürzt vor ihm zusammen; seine Bahn, seine Habe, seine Ehre, seine Existenz. Und nicht einmal sein eigen Kind, sein ältestes, hält bei ihm aus. Nichts hat er mehr. Da schlägt er die Hände übers Gesicht, brüllt auf wie ein Stier und bricht zusammen.

Droben auf der Spielkanzel legt der Staffelsepp seinen Bogen gräßlich frisch über die Saiten und spielt den abgebrochenen Galopp des Berglers mit so schrillen, wilden Strichen fertig, daß es zu hören war, wie die Hetze eines Tollen oder Verzweifelten, der über Stock und Stein einem Abgrund zu galoppiert.

Aber so grauenhaft diese Musik jetzt klingt, niemand stört ihn. Die einen führen den Bastian, der wie ein Riese um sich schlägt, tobt und irr redet, in den Degen, wo der Arme plötzlich niederfällt und tief einschläft. Emil, Mang und Jochem geleiten den Broller in die Kaplanei. Sein Bart ist naß und seine Stirne wie Eis. Schlaff hangen ihm die Arme nieder, aber das Auge ist wach und groß offen.

In kleinen und großen Gruppen steht das Volk im Tanzschmuck herum und rät, was nach so Schrecklichem zu machen sei.

Irmeli, Minchen, Seppli und Heinz suchen allenthalben Walter; am eifrigsten Minchen. Seit es diesen Purpurjungen kennt, ist es ganz vernarrt in ihn. Mang erblaßt davor. So wie Walter lacht niemand, so ansteckend und so goldig. Immer wieder hat sie mit ihm tanzen wollen. Nichts Schöneres gibt es, als in seinem Arm über die Diele fliegen. Wie an ihn verloren ist sie dann und ganz vergafft in das dunkelblühende Märchen seiner Augen. Während des Tanzes hat er immer geneckt: »Schneller, ihr Städter seid die reinsten Schnecken,« hat die Stadtfräulein ausgelacht, weil sie alle falsche Zähne, falsche Haare, falsche und gemalte Lippen und Backen haben. Und wie sie von Pomaden riechen! Auf dem Münsterturm in Zürich sei er einmal gestanden und habe alte, dürre Katzen über die Dächer schleichen sehen. Aber bis dahinauf hab' es von den Salben gerochen. Da hab' er die Katzen noch lieber gehabt. Aber je mehr er gescholten hat, um so lieber hat Mineli den Flotten bekommen. Und jetzt möcht' es ihm helfen. Wenn sie nur wüßte, wo er wäre.

Aber Walter hat mit ihr nur Possen getrieben. Er hätte hundertmal lieber mit Irmeli getanzt, wenn das blasse Kind nicht immer gleich Schwindel gekriegt hätte.

Anders Irmeli. Es ist wahr, eine Weile hat es geschwankt. Der feuerblütige Walter hat ein paar Tage über sie Gewalt gehabt. Mang war immer so kalt und trocken. Aber Walter kam wie ein Sturm. Er nahm ihr alle Besinnung. Er berauschte sie mit seinem süßen Reden und schwor hundertmal im Tag, er stürbe für sie. Einmal kniete er vor ihr und ein andermal regierte er sie herrenmäßig. Vor seinem gewalttätigen Wesen schauderte ihr immer, und doch zog es sie immer wieder an.

Aber im Augenblick, wo er sich feig vor der Not des Vaters versteckt hatte, schwand der Zauber dahin. Wie schlaff waren seine Hände, wir furchtsam seine Augen gewesen, und wie ein Mädchen hatte er die Ohren verhalten und hilflos geweint. – So ein großer, schöner, tapferer Bub! Aber den Mang hatte sie mit Emil auf die Bühne springen sehen. Ha, der hatte zugegriffen, den schweren, weißen, toten Kopf des Broller in seine Arme aufgefangen und den armen Mann, den alle mit tödlichem Haß betrachteten, leis und schonlich in die Kaplanei tragen helfen. O wie licht und hoch und herrlich war er da zu schauen gewesen! Wenn er sie doch auch nur ein bißchen, ein Bröselein stark liebte!

Gaßauf, gaßab suchen sie indessen Walter, die wunderlichen Mädchen, die schon soviel erlebt haben.

Als das Wildweib erfuhr, was die Kinder so unruhig suchten, stöberte es gleichfalls in allen Hütten nach Walter und fand ihn endlich hinter einer dichten Hecke, längshin ins Gras gestreckt und das Gesicht mit seinen zwei glänzigen, aber mutlosen und schamvollen Augen gegen den Boden gekehrt.

»Komm mit mir, lieber Walter!« sagte der Putzknecht mit einer rührend feinen und bescheidenen Stimme. »Es ist nicht gut, da im feuchten Gras zu liegen.«

Walter würgte und weinte wieder ins Gras.

»Es fragen alle nach Euch!« Der Kerl beugt sich mit seiner verspotteten Kilbifratze zum Jüngling. Er nennt ihn nicht mehr du. Voll Achtung ist er gegen sein Unglück. Er nimmt seine weiche, kraftlose Hand und sagt: »Auch der Vater fragt nach Euch! – Kommet, ich bitt' schön! – Ihr dürft mir dann am nächsten Putztag den Buckel verprügeln. Ich halt' sicher her, so lang Ihr mögt! Wenn Ihr jetzt kommt! –«

Der feine Jüngling ließ sich willenlos emporziehen und vom guten, noch in allen Grimassen der Kilbi steckenden Wildweib ins Gäßchen führen. Da aber schämte er sich dieses Menschen und sagte schon kräftiger: »Jetzt kann ich allein gehen!« – Und als er Irmeli und Minchen oben von der Gasse kommen sah, gebot er schon wieder mit der alten Jungherrnstimme: »Du los' Höre!, – geh und reiß dem Staffelsepp die Geige weg. Das kann ich nicht hören. Sogleich geh!«

Das Wildweib zottelte gehorsam auf die verödete Bühne, wo nur ein paar vier- und fünfjährige, unschuldige Göschen zum verrückten Geigenstrich Kapriolen machten. Es lief zum Alten hinauf und sagte einfach: »Hör' auf, die Kilbi ist fertig!« Das hatten schon der Pfarrer und der Jochem ihm gesagt. Aber umsonst. Aber sieh da, dem Kilbinarren gehorchte der Greis sogleich, schloß die Geige in den Kasten und ging die Wiesen hinunter.

Die zwei Mädchen nahmen Walter in die Mitte und führten ihn zum Pfrundhaus. Minchen drückte ihm fest die Hand, als sagte sie, nun hab' ich dich noch viel lieber. Irmeli aber fühlte ein großes Mitleid mit dem Kameraden, der da mit zerbrochenem Zauber neben ihr ging. Und aus Mitleid preßte sie seine Hand noch viel fester als das leidenschaftliche Zigeunerchen.

In der Kammer oben umarmte der Broller seinen Ältesten so heftig, daß Walter aufs neue weinen mußte. Er durfte keinen Schritt vom Vater weg. Sette beruhigte ihn mit ihrer so klugen, frauenhaft milden Stimme, nötigte ihn Milch zu trinken und rieb ihm die Schläfen mit Essig. Wohl dreimal sagte sie und immer mit einer noch flottern Betonung: »Denkt jetzt an nichts anderes, als in der Kraft zu bleiben. Das ist jetzt allein nötig,« und dann fügte sie das herrliche Sätzchen bei: »Ein Mann überwindet alles!«

Emil stand im Hintergrund und hielt seinen Arm um Mang gewunden. Zwei Väter und zwei Söhne. Aber wie ungleich waren die Paare geworden! – Der Ingenieur konnte sich nicht satt schauen, wie sein Weibchen hantierte und alles so vielmal besser machte und geschickter sagte, als er es fertig gebracht hätte. Und es erhöhte seinen Stolz, als er wahrnahm, wie auch der arme Broller ihren helfenden Händen mit blauen dankbaren Augen nachging.

Unten summte und grollte es in den Haufen und sammelte sich wie ein neues Gewitter vor der Kaplanentür. Einzelne Stimmen forderten immer lauter: »Herauskommen!« – »Was tun wir jetzt?« – »Man gebe uns Bescheid!« – Und dazwischen regnete es wieder Worte so spitz und blutig wie: Mörder! – Zuchthaus! – Landverderber! – Jedesmal zuckte der Oberrichter zusammen. Aber beim Ruf Landverderber! ächzte er wie ein Sterbender.

Da trat Emil ans Fenster, das keine Scheiben hatte, um hinunter zu reden.

»Geh lieber hinab!« bat die mutige Frau.

Emil freute sich, daß sie ihm das zutraute, und sprang eilig die Stiege hinab. Ernst Broller aber ergriff die kleine Hand Settens und küßte sie andächtig. Und obwohl das Mang und Walter sehr seltsam vorkam, tat es ihnen doch eher wohl als weh.

Unten vor der Türe stand und redete Emil zum drängenden Volk:

»Leute! Den kranken Mann da oben laßt jetzt nur ein bißchen in Ruhe! Oder seid ihr etwa die Richter? Verloren habt ihr bis zur Stund' noch keinen Rappen an ihm, aber er an euch!«

»Sagt das nicht, hört, Inschenier!«

»Er hat zum Meineid getrieben!«

»Der Bastian, he!«

»Die Cäcilie!«

»Vors Gericht gehört er!«

»Aber euch hat er nicht Red' zu stehen! Ihr seid mir schöne Richter. Nicht einmal zu Zeugen kann man euch brauchen. Hab' ich doch selber heut gesehen, wie ihr in zehn Minuten den Balg gewechselt und hintereinander wie's Judenvolk gerufen habt: Hosianna – es leben die Aktien! und fast den Broller auf den Achseln getragen hättet, – und dann wieder: Nieder mit ihm! – Ja, ja, auf euer Schreien wird man in Tuzis viel geben.«

»Man hat uns halt angeschwindelt!«

»Überschwatzt hat er uns!«

»Daß ihr das sagen dürft, ohne rot zu werden, das nimmt mich wunder. Seid ihr denn noch Kinder, daß ihr so leicht überschwatzt seid? Da habt ihr immer so ein Geprahl mit euren festen Bergen und pochet auf eure Stete! Aber wahrhaft, vor einer Stunde hab' ich nicht gesehen, daß ihr mit diesen ruhigen, festen, soliden Bergen auch nur ein Strichlein Ähnlichkeit habt.«

Es wurde nun ungeheuer still. Alle sahen auf die harten Lippen des Sprechers, der mit unantastbarer Würde und unangreifbaren Worten vor ihnen stand.

»Nein, lasset lieber das Schimpfen, sonderlich die, die vom Broller Geld im Hosensack tragen! Die schon ihr Gut an die Bahn verkauft haben! – Die bei mir und bei dem Komitee um eine Kondukteurstelle oder um ein Restaurant an der Strecke angehalten haben.«

»Wer ist das?« schrien einige. Aber ihr Lärm ging sogleich in einem verworrenen Gemurmel unter.

»Ich bin heut nicht in der Predigt gewesen. Aber wenn ich einmal in die Predigt ginge und andächtig täte, so würd' ich mich schämen, gleichen Tags wie ein Heid' das Gegenteil von allem zu tun, was von der Kanzel euch ans Herz gelegt worden ist. Da habt ihr so fromme Lieder gesungen und so warm gebetet, und jetzt tätet ihr schier morden, wenn ihr dürftet. Mein' wohl, 's hat jeder von uns seinen Stein auf dem Herzen. Da gibt's nichts zu richten. Glaubet nur, daß der Tod der Cäcilie mir mehr aufs Gewissen drückt als aller Schutt vom gestrigen Gewitter. – Und wie ein blauer Himmel sieht sicher euer Gewissen auch nicht aus.«

Ein drückendes Schweigen bannte die wirre Masse von soviel Köpfen und Händen. Der Broller hörte jedes Wort. Wie Öl floß es auf sein wundes Wesen. Mang stand wieder am Fenster. Stolz und demütig zugleich hing er am prächtigen Vater. Aber Sette und Heinz warfen sich unaufhörliche Blicke der Freude zu. »Siehst du, ich kannte ihn ja!« sagten die Kaninchenaugen des Alten. »Welch ein Herr, welch ein einziger Mensch! – Seinesgleichen gibt es gar nicht wieder! Ich muß das Gedicht auf ihn wieder ändern!« –

Unten ging's ruhiger fort: »Jetzt mein' ich, sollten wir doch das Nötigste anpacken. Geht heim, Leute, legt den Kittel von gestern an und räumt mit allen Schaufeln und Äxten, die ihr habt, den Schutt von den Leitungen am Tauberloch, bis die Italiener kommen! Aber eilt, eilt, sogleich! Jede Minute, wo ihr früher anfanget, ist ein Profit für euch.«

Die Leute sahen sich fragend an. Wer kann da widersprechen. Ein Frecherer oder Vertraulicher ruft: »Kommt mit, Inschenier!«

»Lauft, lauft, – ich komm' noch vor Nacht nach! Dergleichen hab' ich oft getan. Es müßte schlimm stehen, wenn wir nicht in wenig Tagen den Betrieb wieder hergestellt haben. Inzwischen richt' ich euch zum Notbehelf die alten Wasserleitungen ein. 's ist besser als stillstehen!«

Ein Gemurmel der Zustimmung erhob sich an allen Enden.

»Das ist noch einer!«

»Der kann alles!«

»Probieren darf man's mit dem schon!«

»Dem trau' ich. Was tun wir Gescheiteres?«

»In vier, fünf Tagen ist das Werk wieder flott, da bürg' ich. – Und noch was: Die Bahn kann ich euch nicht bauen, mira Meinetwegen! Dafür will ich euch Besseres im Tal schaffen. Ihr sollt mit mir zufrieden sein. Kosten tut's nichts. Ich bin schon bezahlt. Ich hab' meinen Bub da oben am Fenster von euch!«

»Bravo, Sapperments-Inschenier!«

»Mang, grüezi!«

»Donnerskerl da oben!«

»He, Mang, gelt, jetzt bist was, bum!«

Schon lachten sie wieder, die merkwürdigen Leute von Absom. Doch Emil Manuß litt keinen Spaß und rief mühsam: »Was ich euch helf', das, bitt' ich, rechnet mir ab – wisset – wegen der – der Toten drunten!«

»Gott hab' sie gnädig!« betete eine Mattlerin.

»Ihr habt viel Ehr'!«

»Unsern Respekt, Inschenier!«

»Unsern Respekt!« toste es in die Kammer hinauf. Gottlob, der Broller schlief.

»Aber jetzt geht, geht! 's ist schad' um jede Minute!« gebot Emil.

Und sogleich zerfloß der Knäuel und zog in raschen Trüpplein bergab, Mattler und Absomer.

Um die Zeit trat der Kaplan oben aus dem Wald. Er war im Breviergebet beim ersten Vesperpsalm.

»Judicabit in nationibus –«

Der Vers stockte. Was gab's denn da unten? Das letzte bunte Kilbiröcklein verschluckte eben der Wald in der Tiefe. Miezeler war wie ausgestorben. Auf der Tanzdiele lag nur ein Sennenkäppi. Türen und Fenster der Hütten standen leer. Einzig Irmeli und Minchen saßen mit umschlungenen Armen auf der Kapellenschwelle und schielten zu ihm hinauf. Der Kaplan schüttelte den Kopf und lief mit gewaltigen Sätzen hinab. Unwillkürlich begann er wieder:

»Judicabit in nationibus, implebit ruinas« –

»Was hat's gegeben, Poeta?« bestürmte er Heinz, der ihm durchs Gäßchen entgegenkam.

»Ein Gottesgericht!« sagte Heinz ernst und deutete zum Fenster hinauf, wo Walter mit verweintem Gesicht neben Mang über das Gesims lehnte. Der Kaplan ahnte mehr, als er begriff. Die Treppe hinauf kletternd vollendete er den Vers im dritten Anlauf:

»Judicabit in nationibus, implebit ruinas, – conquassabit capita in terra multorum« Er wird richten unter den Völkern und sie mit Ruinen füllen und die Häupter vieler zu Boden schmettern.

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