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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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33

Heinz hockte, schmauste und rauchte hinter der Kapelle und hörte die Musik und das Schuhgetrappel und die langgezogenen wonnigen Huiiij! und Zijuu! irgendeines verzückten Tänzers.

Nun kamen die ersten Absomer an. Sie wollten zuerst jammern und den Lustigen hier oben mißmutiges Blut machen. Aber im Gäßchen teilten sie sich. Die Jungen gingen mit ihren breiten, genagelten Schuhen sogleich unter den Pantoffeln und Röcken der Tanzbühne unter. Und die Älteren rückten sich erst bequem vor einen Schoppen Wein und packten nun viel zahmer die Possen ihres Baches und das Feuer in der Meierei und die gesamte schlaflose Flöchnernacht aus. Freilich auf der Brollerweid' könne man mit Schifflein fahren, und nur weil Mang und Walter mit Leibsgefahr unten am Bach so herzhaft tapfer gewerkt haben, liege das Unterdorf mit seinen fetten Gärten heut nicht grau versaart.

Spätere meldeten nun wohl immer mehr. Die Obstbäume seien zerschlagen und grüne Äpfelchen lägen wie gesäet am Boden. Noch spätere erzählten, das Wasserwerk in der Taubenschlucht, das Kraft und Trieb für die zwei Fabriken schafft, sei beschädigt. Aber der Broller habe noch nachts um Mechaniker in die Stadt geschickt. Morgen könne man jedenfalls wieder arbeiten. Der Broller sei ja unterwegs zur Kilbi.

Jede neue Botschaft trübte ein bißchen die Stimmung an den Tischen. Aber da war man nun doch weit weg von der bösen Sache, trank einen alten, starken Rotwein, hörte Bergknöpfels süße Mundharmonika, und hie und da trat ein schwitzender Tänzer mit seinem Gespons herzu und trank einen halben Liter mit der Jungfer aus einem Glas und konnte nicht sitzen, noch die Knie dabei stillhalten. Und das alles gab den alten Hockern immer wieder eine gute Kilbilaune.

Endlich schob sich auch Ernst Broller mit seinem schönen, bleichen Christuskopf in Achselhöhe durch die vielen Festierer und lachte mit den großen, blauen und sichern Augen so herrisch ins Fest, als wäre er sein Stern und Mittelpunkt. Tatsache, er war es auch da hinten im Nu. Da riß er ein paar Witze, alte, aus einem grauen Volkskalender; aber so meisterlich gab er sie, daß den Horchern die Hosenträger krachten. Dann läutet er an einem langen Schanktisch sein Glas mit jedem Trinker an, klopft dem achtzigjährigen Merkli auf die Achsel und schreit: »Der sei uns Muster! Achtzigmal Kilbi, ein Malioleben!« – Den Flöchnern von gestern zahlt er ein Fäßchen Wein. Heio, macht das blutende Mäuler! Nun will er einen Jodel haben und ist der mächtigste Baß dabei. Plötzlich sieht er Jochems steinaltes Mütterlein hinter dem Degenfenster mit wunderseligen, zappeligen Greisinnenäuglein ins Zechvolk lachen und ruft herauf: »Base Elselore, hört Ihr, Base Elselore, den Bergler, den Bergler!« – Sie nickt kokett und verschwindet und rüstet sich in der Kammer zum uralten Lieblingstanz. Der Broller wartet mittlerweile im Stüblein und erklärt dem Pfarrer Daniel die goldene Gediegenheit der Absombahnaktien, worauf der gute Prediger drei tausendfränkige Scheine mit dem Datum des morgigen Tages unterschreibt. Draußen steigt die Kilbistimmung mit jedem Glas Wein. Viele warten mit Sehnsucht auf den Bergler, den alten, historischen Älplertanz. Er ist ein bißchen wie Spazieren, ein bißchen Stillestehen, ein wenig Drehen und Komplimentemachen, auch etwas Necken, sich Entschlüpfen und Erhaschen und dann im Allegro freilich auch ein Windwirbel von Kreiseln. Nur ganz wenige können ihn heut' noch durch alle Takte tanzen.

Indessen lief Heinz ein zweites und drittes Mal in Settens Bude, denn wie leicht konnte Emil oder Sette im Gewimmel des zunehmenden Volkes ungesehen angelangt sein. Und siehe da! Das drittemal fand er wirklich Emil am Tischchen. Am Boden lagen nasse, verkotete Kleider. Er selber steckte in einem saubern Anzug und hatte ein ganzes Spiel von Siegfriedkarten vor sich ausgebreitet. Darüber spann sich bereits ein blaues Geäder von wunderfeinen Winkelzügen und Schleifen. Die Musik vorne und das Zechen hinten zu den Fenstern herauf störten den Rechner nicht im geringsten.

»Grüß' dich, Heinz! Räum' das weg!«

»Ihr, – was, seid da und sagt nichts?«

»Wegräumen!«

Heinz schafft Ordnung und fragt etwa, wie's oben aussehe? Geschändet und geschädigt jedenfalls! Der Manuß nickt ja oder nein.

Der Alte wird wütend. Keine Frage nach seinem Gedicht. Nur Geometrie! Das ist doch ein Fluch über dem Menschen! Und doch ist ein Gedicht von Arnold Ott in Luzern oder von Mörike drüben im Schwäbischen mehr wert als alle spitzen und rechten Winkel des alten Pythagoras.

Ha, und wenn Heinz doch einmal sammelt, was da in Notizbüchern steht und auf vielen zerstreuten Fetzen singt, ha, dann – o, es gibt noch Dichter, die schweigen können, – aber alles hat seine Zeit!

Je tiefer Emil in die Freundlichkeit der Miezeler Wälder und Weiden aus der öden Alpe herunterstieg, desto weniger schmerzte ihn das zerstörte Werk da oben. Sein Kind war es nie gewesen, nicht einmal sein Stiefkind. Aber das, was er jetzt erfand, das soll sein liebstes Kind heißen. Zum erstenmal fließt in seine kalte Geometrie warmes Blut. Zum erstenmal wollen seine Katheten und Hypotenusen mehr als geistreich, sie wollen auch hilfreich, mehr als klug, sie wollen auch liebevoll sein.

Da der herumschleichende Heinz Emil mehr geniert, als aller Lärm draußen, meint dieser: »Könntest du nicht mal Setten entgegengehen? Die kommt bald.«

»Gewiß kann ich,« sagt Heinz lächelnd, aber unbeschreiblich böse auf Emil, und springt grußlos hinaus.

»Heinz!« – Emil möchte dem Alten doch etwas Gutes sagen. »Heinz, nicht wild sein! Es kommen jetzt gute Tage!«

»Ja, ja, – aber nicht für mich!« murrt Heinz die Stiege hinab. »Und von mir oder meinen Wildleutsprüchen –«

»O Pardon, – ich gratuliere, ich gratuliere!« schreit Emil lustig nach.

Noch ein Viertelstündchen, dann legte auch er die Arbeit weg. So zufrieden war er noch nie. Denn noch nie hat er den alten Dessauer so hinreißend falsch gepfiffen. Er trat ans Vorderfenster. Wahrhaftig! Da steht ja Heinz mit Setten und Mang neben Minchen! Heinz zeigt hinauf, und Sette wendet sich rasch und grüßt herzlich hinauf. Aber Mang wird schwerrot, nickt nur und beugt sich zu Minchen, das um den hohen Jüngling wie ein Küchlein um einen Zaunpfahl trippelt: »Tanzen, jetzt mit mir tanzen!«

»Ich mag nicht,« flüsterte Mang heiser, »Ich bin müde.«

»Später,« tröstete Sette das Kind, dann lief sie zum Gemahl hinauf.

»Alles gut!« war ihr erstes Wort.

Und er voll Leidenschaft: »Weiß Mang, daß ich –«

»Nein, – wir haben das ja so beredet, du und ich, – morgen erwarten sie beide den Vater und – eben dich! –ach, – sie ist arm daran und leidet bitter.« – Sette erzählte bald verlegen, bald wieder mächtig, was sie im Armenhaus erlebt und erwirkt hat, erzählte sich dabei aus aller anfänglichen Verlegenheit in eine offene, herzliche Hoffnung, daß nun alles aufs beste gehe, und fragte zuletzt munter: »Nun, wie bist du mit meiner Gesandtschaft zufrieden?«

»Es geht, es geht!« sagte er mäßig. Aber dann schloß er sie in die Arme, küßte sie auf Mund und Wangen, hielt sie zwei Handbreit von sich und staunte ihr tapferes Persönchen an, um sie nochmals und noch härter an seinen Mund zu drängen. Sie aber konnte kein Wort mehr vorbringen, nur stillhalten und selig sein. Dieser Augenblick war ihr ein Leben wert. Das Stüblein da wird ihr nun immer wie eine Heimat vorkommen.

Aber zuletzt mußte sie doch sagen, wie müde und durchnäßt sie sei, und bitten, daß man sie ein Stündchen allein lasse; vielleicht ein kleines Schläfchen. – »Aber,« bittet sie mit erhobenem Finger unter der Türe, »aber, Miggi, jetzt tu mir gar nichts als warten! Verdirb mir das Spiel nicht, hörst du!« –

Emil lacht und sitzt bald darauf auf einer Bank neben Heinz, hart am Chorgemäuer, so daß er von da alle Wirtschaft überschauen kann. Ob seinem Haupt ist der Erzengel Michael gemalt, wie er dem schwanzgeringelten Satan einen Tritt mitten in den Bauch versetzt. Trotz Settens Bitte sinnt Emil eifrig nach, wie er Mang wohl auf die leichteste Art vorbereite. Es wird schwer sein. Der Bub weicht ihm scheu aus. Neben Seppli sitzt er am andern Ende der Tische und trinkt fest aus dem gleichen Weinglas. Nie blickt er hinüber.

»Warum hol' ich ihn nicht einfach herüber und sag': Mang, ich weiß, an was du denkst, an deinen Vater! Da ist er. Ich bin's. Lieb' mich ein bißchen«

Aber schon bei der Vorstellung klopft ihm das Herz furchtbar. Seltsam ist das doch. Seit Wochen hat er die Stunden gezählt, bis zu diesem Augenblick. Und jetzt, so nahe, daß er ihn mit den Fingerspitzen fast berührt, jetzt wieder dieses Zaudern und Bangen! Hundert Ängste erstehen: Mang stelle sich gewiß einen ganz andern Vater vor, vielleicht einen frohen, guten Bert oder einen tapfern Volksmann mit Arbeiterkittel und rauhen Händen oder einen Professor, der wunderbare Bücher geschrieben hat, jedenfalls einen Mann mit väterlichem Antlitz und mit einem Gebaren, das voll Segen ist. Und der Manuß schämt sich zum erstenmal in seinem stolzen Leben vor seinem harten Gesicht und seinem ungemütlichen, schreckbaren Aug' und verwünscht sein herrisches, unmenschliches Wesen.

»Gib mir dein Taschenspiegelchen!« lispelt er Heinz ins Ohr.

Der schaut ihn sonderbar an.

»So gib doch!«

Heinz bietet es ihm unter dem Tischblatt hin, aber schüttelt den leichtergrauten Kopf. Da hat der Herr ihn immer ausgelacht wegen des Gläsleins in der Weste und gehänselt: »Guck doch, deine Dichterlocke hängt übel!« – und jetzt, o Eitelkeit! –

Der Manuß beschaut sich verstohlen und mit rührender Zaghaftigkeit. Seit Jahr und Tag wusch er sich allmorgendlich vor dem geschliffenen Kristallaufsatz seines Waschbüfetts. Aber gesehen hat er sich darin nie. Genau weiß er wahrhaft nicht, wie übel er aussieht. Er sieht sich immer so, wie ihn der Schundredakteur im Studentenverein, sein Leibfuchs, einmal ausgemalt hat: schmal, hart, mit grünen Eidechsenaugen und vier langen Oberzähnen in der dünnen Unterlippe und einem frauenhaften, aber verhärteten Oval, nicht bleich, nicht rotbackig, ohne Gefühl und ohne Lachmuskel.

Jetzt suchte er aus dem Gläschen der hohlen Hand etwas Gütiges herauszufinden. Er sucht einen Zug von Väterlichkeit. Aber er erschrickt, wie rauh sein Blick, wie steinig seine Miene und wie einfärbig hart das ganze Gesicht ist. Wer kann ihn so lieben? Es ist unmöglich. Wie gut begreift er, daß sich bisher alle von ihm abgestoßen fühlten, nur Heinz nicht, der ihn noch als weichen Knaben im Sinn trägt, – und jetzt auch Sette nicht mehr, weil die – eben ein Engel ist. Vielleicht wenn er den Mund öffnet und redet, sieht er gemütlicher, menschlicher aus. Es ist zwar einfältig. Wer ihn ertappte, hielte ihn für verrückt. Aber er versucht's. Was für ein Wort will er flüstern? Da gibt es nur eines, das ihn vielleicht schöner und liebenswürdiger macht: Mein Kind! mein liebes Kind! Er will sich vorstellen, Mang sehe ihn aus dem gleichen Spiegelchen an, und nun faßt er sich ein Herz und sagt leise: »Mang, du bist mein Kind!«

Bah, welche Gaukelei! Wie verzerrt sah das aus! Seine dünnen, bleichen Lippen mit den scharfen, schattigen Winkeln, die man trotz des Schnurrbärtchens deutlich sah, verzogen sich bei dieser Rede so eigen, so stolz, so verächtlich, als hätte er eher gesagt: »Heinz, putz' mir die Schuhe blanker!«

Trostlos ließ er das verwünschte Glas unter den Tisch fallen und zerhackte es mit den Absätzen.

Aber was ist das? – Um ihn herum ist es merkwürdig still geworden. Aha, da drüben erzählen zwei Hirten von Absom, die gerade angekommen sind, wie's oben aussehe. Alles horcht und sieht atemstill und scheu zum Ingenieur hinüber, den's doch am meisten anging. Und alle merken: etwas Großes ändert sich jetzt.

»Das Widderfeld ist ganz versandet.«

»Die Bahnlinie haushoch verschüttet.«

Die Absomer verbergen noch ihre Freude. Aber die Mattler, deren Dorf von der Bahn so parteiisch abgeschnitten würde, die jauchzen förmlich.

»Ganz recht, – 's war alles gegen unsern Gemeindewillen!«

»Hört erst, was der Berni weiter oben gesehen hat. Du, los mit!«

»'s Maul auf, Berni, hast da nichts zu fürchten!«

»Die Weigete,« beginnt der mit grober, über alle Tische rollender Stimme, »über die das Bähnlein soll, – es kann nicht anders, hat der Inschenier selber gesagt, – die Weigete ist gerutscht wie noch nie!«

»Und der Damm, der Damm! He, der verfluchte Klotz, red'!«

»Der Damm hat wie ein Faden gerissen. Alles in Fetzen! Da rädelt mal in Ewigkeit kein Wagen hinüber!«

»Hallooo, zijuu!« schrien wohl fünfzig Kehlen frech und froh. Ganze Schoppengläser des dunklen Weines stürzten sie hinunter. Leicht flogen alle Blicke auf. Man sah, wie dieser gewaltige Damm schwer auf dem Völklein gelastet hatte.

Emil Manuß wird bleich, obwohl er sich darauf versehen hat. Er nagt die Lippe. Da naht ein Sturm, das sieht er den gewalttätigen Mienen an. Er lehnt sich halb stehend an die Chormauer, als hätte er so mehr Kraft zum Widerstand. Ob seinem Kopf blitzt das breite Richtschwert des Erzengels.

Er horcht genau auf, was der Erzähler bringt. Weiß der, ob eine Bahn nicht doch noch gelingt? Das weiß doch nur er. Die haben alle zusammen kein Recht, ihr das Leben abzusprechen. Denen will er antworten, Donnerwetter!

»Reg' dich nicht auf,« bittet Heinz leis zum herrischen Antlitz auf, »gehen wir lieber!«

»Still!« herrscht ihn Emil verächtlich an. Aber er wird immer fahler im Zuhorchen.

»Dann sind wir bis zum Kegel geklettert,« fuhr der Berni fort, ein magerer, giftiger, junger Mensch. »Kein rot gezeichneter Stein ist mehr da. Große Wandplatten sind vom Kegel wie dürre Rinde von einem faulen Baum geschält. Geschunden sieht er aus. Der Inschenier kann da wieder frisch anstreichen.«

»Hojoo! Zijuu!«

»Gar nicht mehr anfangen soll er,« brüllten einige Stimmen aus Mattli und Absom. »Wir sind dagegen,« fiel ein noch größerer Haufe unter Scharren und Tischklopfen ein. »'s ist alles Herrenwerk!«

»Hier oben wollen wir noch frei hagen und hirten,« donnert ein breitbartiger Gemsjäger.

»Habt Ihr nicht genug Land da unten zu verteufeln?« schrie eine Senne von Harlisalp, »wollt Ihr uns da oben auch noch fressen?«

Emil sagte noch immer nichts. Aber seine Augen schillerten grasgrün und gefährlich wie Blitze. Das wird ein Feuer geben!

Wie im Durcheinanderpfeifen von vielen Winden doch etwa ein stiller Augenblick entsteht, ein Atemholen der Natur, um dann dreimal brausender über das Opfer zu fallen: so trat jetzt eine kleine Pause ein. Diese Sekunde erwischte der kahle, über den runden Schädel schimmernde Mattler Ratsherr Frohner und rief mit seiner nadelspitzen, alles durchdringenden Stimme: »Wir von Mattli sind immer gegen die Bahn gewesen. Unsere Gemeinderät' haben euch dreimal nach Absom geschrieben: Wir wollen nicht! Wir sind nicht dabei! Aber ihr habt wieder einmal gedacht: O die Katholischen! Wie ihr ja immer alles für euch allein macht! Als gehörtet ihr Absomer gar nicht zu den andern Menschen und lebtet in einem Königsdorf über – über – über« – er zog spöttisch einen Bogen in die Luft – »über den Wolken, hundert Meter höher als alle Katholischen. Da habt ihr's! Nehmt's, essets, guten Appetit!«

»Sternendonnerwetter, Pfifflihannes!« tobte es auf ihn ein. Aber er hob den steifen rechten Arm und rief: »Habt ihr's gern oder nicht gern,'s ist doch wahr. Da singt ihr mit uns an der Kilbi und tanzt, und das ganze Jahr leben wir wie Hund und Katz'. Wir sind ja auch eigenkröpfige Leut', aber was die Bahn belangt, so haben wir uns mit Händen und Füßen gesperrt, ihr aber habt sie mit des Teufels Gewalt hinaufzerren wollen.«

»Das ist gelogen, – nur ein paar Herren, Pfifflihannes!«

»Alle tut ihr wie Herren!«

»Pfifflihannes!« warnte man. Aber die Mattler schrien: »Recht! recht!«

»Besser wird's nicht, bis wir wieder von Dorf zu Dorf die Arm' einander strecken wie im Kinderspiel, daß kein Fremder zwischendurch kann. Ein meineidiger Latschi Tölpel, der immer noch zuerst untersucht: ihr seid ja evangelisch und ihr römisch, – da geht's nicht zusammen! – Dummheit! Freilich geht's zusammen! Ist der Absomer dort ob dem Wald katholisch oder reformiert? Herrgott, ich denk', er ist einfach ein Vaterländler!«

»Bravo! bravo! ein Vaterländler!«

»Und das gestrige Gewitter, war's denn katholisch oder protestantisch? Donnerwetter noch einmal, ich halt' dafür, es war ein vaterländisch Gewitter und hat uns mal wieder zusammengeholfen.«

»Zusammen, jawohl, zusammen,« jauchzte Absom und Mattli, schlug die Ellbogen auf den Tisch, klatschte in die Hände und stieß Wein- und Mostgläser zusammen.

»Da steh' ich auf Mattliboden! Drum vermag' ich mich so frech zu reden. Aber oben auf der Absomalp habt ihr mehr Atzweid. Haringegen die Felsen und Grät' sind uns beiden ungeteilt. Drum müssen wir einander gut verstehen.«

Er schöpfte Atem. Von der Tanzdiele scholl der wiegende, sohlenschleifende, süße Mazurka herüber, von trunkenen Schreien durchschnitten.

»Da schaut mal über den Wald hinauf. Wie früh hören die Tannen auf! Das war zu meinen Kindeszeiten noch nicht so. Aber vor dreißig Jahren hat man abgeholzt – ganz gesetzlos. Jetzt leiden wir schwer drunter. Jeder Wolkenbruch bringt uns ein Hochwasser. Allein könnet ihr und können wir nichts. Zusammen also! Aufforsten! Das, mein' ich, wär' wichtiger als eine Pläsierbahn.«

»Recht hast! Bravo! Das ist einmal bäuerisch gesprochen!« so klang's untereinander.

»Ihr müßt im April unser Landammann werden,« versprach ein halb Betrunkener.

»Als guter Landsmann red' ich. Dazu braucht's keinen Landammann!«

»Ihr wisset noch mehr! Nur heraus, Ratsherr Pfifflihannes!« gebot das Volk.

»Und haben wir etwa gute Straßen? Ein schöner Mist! Zum Arm- und Beinbrechen holperig. – Da unten, Herr Inschenier, da unten gibt's noch genug zu messen und abzustecken, nicht hier oben im freien Gebirg!«

Ein Gebrumm und Geheul von Beifall.

Jetzt wandte sich der Ratsherr Aug' gegen Aug' zu Emil. Unbeweglich und stolz stand der immer noch am gleichen Fleck unter dem gezückten Erzengelsschwert.

»Meint Ihr, ich red' Euch bös? doch 't Warum nicht gar!! – Aber sagt' ich Euch nicht schon am ersten Tag in der Bahn: Nehmt Euch vor unsern Bergen in acht! Die sind verflucht stark. Wollt Ihr jetzt wieder von vorne anfangen? Soll's denn keine Ruh' in unsern alten Bergen geben? Hat's Euch der Absomer noch immer nicht klar genug gesagt: Ich will nicht! – ich mag nicht! – Habt Respekt vor unsern Bergen, Inschenier!«

»Er soll's probieren, der Hagel!« schrie der Weinvolle.

»Alle Stecken zerren wir dir aus!« brüllte ein Rudel Junger.

»Fort mit dir! Aus dem Ländchen! Pack' deine Instrument' nur ein oder –«

»Wir werfen dir alles zum Teufel!«

»Wie's da gemalt ist, hinter dir, Cheib!«

»Die Mordfluh hinunter, du und deine Bahn!«

Immer heißer schwoll und schäumte der Grimm auf. Wie ein Meer! Alles tobte. Emil fühlte sich ohnmächtig zur Gegenwehr. Er sah keinen einzelnen Hasser, er sah ein ganzes Volk gegen sich. Er hatte nicht unrecht, nein. Nur die Bahn hatte unrecht einem so gewaltigen Volkswillen gegenüber. Das war handgreiflich. – Aber warum beleidigen sie ihn so? Warum besudeln sie ihn? – Sind das Tiere oder noch immer Menschen? Ekel, Zorn und Schmerz faßt ihn an. Er schnappt aufblickend nach Luft. Da sieht er das Fensterchen, woran Sette schläft. Und mit einemmal ist ihm Bahn und Aktienkomitee und Broller und Absomer gleichgültig. Wenn nur sein liebes Frauchen vom Lärm nicht erwacht! Wenn nur sie nichts erfährt. Er will das schon aushalten, und zuletzt wird er doch noch reden. Aber seine Frau soll daran nichts tragen, nichts leiden. Sie tut schon genug und zuviel für ihn! »Schimpft, flucht, lästert mir jedes gute Haar weg, – aber leiser, stiller, daß mein Settchen nicht erwacht!« möchte er diese Barbaren bitten.

Um sich selber sorgt er nicht. Aber er sieht aus wie weißes Wachs, seine Lippen sind blutig gebissen und die Stirne trieft von einem feinen, tausendtröpfeligen Schweiß.

»Redet jetzt!« fordert man gewaltig. »He, seid Ihr noch immer zu stolz, uns anzuschauen? Nehmt Ihr uns noch immer den Gruß nicht ab? – Adi-i-e-e-e-e! Inschenier, Adieeee!«

»Adieeee!« höhnte es hundertfach.

Aber in diese häßlichen bösen Stimmen klingt nah und doch wie von einer andern Welt jetzt plötzlich eine einzelne Stimme und eine Hand tastet nach der seinen und ein Gesicht sucht sein Gesicht. Mang! – Er ist Schritt für Schritt durch Stühle und Tische gegen Emil geeilt. Es tötet ihn fast, was er da hört und sieht. Jetzt springt er über den letzten Stuhl. Jetzt beim giftigen Adieschreien des Haufens faßt er Emil am Ellbogen und schaut ihm mit stummen und doch so schreienden Augen an.

Dem Manuß wird es wie ein Wunder; er hört keine Menschen mehr.

Mang blickt ihm rastlos ins Auge, er gräbt und wühlt sich eigentlich hinein, zuerst zaghaft, als suche er, dann bestimmter und endlich sicher und siegreich wie einer, der gefunden hat. Die Blicke schmelzen zusammen. Und dem Jüngling kommt's wie von selbst nur so vom Munde – aber seine Zähne beben vor Schauder: – »Wir haben ja die gleichen – Augen, – ganz die gleichen – Vater –«

»Mang!« – Emil umfängt ihn sprachlos und drückt ihn an seinen Mund. Ihm ist, alles Blut in ihm singe hochauf.

»Vater,« schreit Mang laut, »du bist mein Vater! – Ja, du bist's!«

Verschlungen, wie ein einziger Mensch, steht das Paar da an der Kapellenmauer unter dem Schwert des Erzengels.

Und wie mit einem Schwert abgehauen ist der Lärm. Totenstill sind alle worden. Vorne nur hört man die Tanzmusik und das Johlen der Kilbileute.

Niemand versteht den Vorgang am Chormäuerchen. Aber das hat man gesehen, wie sie sich in die Arme gefallen sind, und das hat man gehört, wie einer Vater! gejauchzt hat. Der Mang ist's, den kennen alle, den frühern Dorfhirten, und er ist allen lieb. Er hat beim Inschenier, schon beim alten, gearbeitet. Das ist bekannt. Aber man hat doch gemeint, die zwei vertragen sich schlecht, der starre Bub widersteh' dem Meister, wo er nur könne! Und der Inschenier mög' auch die Kinder samt und sonders nicht leiden! Kurios!

Jetzt seht, sie lösen sich los, haben nasse Gesichter und lachen leis. Nein doch, hört! – Man reckt sich schier die Hälse aus und hängt übereinander.

»Mit der Bahn macht, was ihr wollt!« ruft Emil mit unendlich glücklichem Spott und kehrt seinen Mang dem hundertfältigen Volksgesicht zu. »Aber das ist mein Sohn, merkt es euch wohl! Ich bin sein rechter Vater. Wer's nicht glaubt, kann's morgen auf der Kanzlei besiegelt haben. – Mang Manuß von der Mutter Cäcilie Astli.«

Wieder umschließt ihn Mang. Wieder jauchzt er das ihm noch so ungeläufige, aber schöne Vater! Vater!

Mang Manuß! wie klingt das? Ja, ja, der Bub ist von einem Fremden. Ein Student hieß es, aus der Stadt – droben am Plättlisee! Ingenieur könnt' der wohl worden sein, und die Jahre, hm, so alt – das könnte auch stimmen! – Aber daß er's so herausbrüllt, Herrgott, – ohn' Beschwer', – ist schon ein Kerl, der!

So krummelt's im Volk herum. Aber Emil hört nichts davon. »Vater!« ist alles, was er versteht. Diese glückliche Stimme! Hat man diese Stimme je bei Mang gehört? Nur ein echtes Kind kann das Wort so einfaltvoll aussprechen. Es zuckt allen, die Väter oder Mütter sind, bei dem Jauchzer Vater! wie ein elektrischer Schlag durchs Blut.

Fast mit Gewalt windet sich Emil aus den Umschlingungen Mangs, der ja so viele Jahre Zärtlichkeiten nachzuholen hat, und ruft gegen das Volk gewendet, im gleichen prachtvollen Übermut: »He, Leute, schimpft und wettert doch wieder! – Wo seid ihr denn stecken geblieben? Ja so, die Mordfluh hinunter wolltet ihr mich eben werfen. Wie steht es also? Schafft ab alle Eisenbahnen und fahret in Ewigkeit auf vier Karrenrädern! – Aber das ist mein Mang, ein Eidgenoss' wie ich und wir alle, und ein Absomer dazu wie ihr, – mein lieber Bub!«

Bei allen zehntausend Nachtsternen, hat man schon so was auf einer Älplerkilbi erlebt? Wie Hasen ducken sich die Lärmer. Zahm sind die wuchtigsten Schreier geworden. Schimpfen sollen sie? – wettern? – Der hat gut lachen! Es wär' schon genug, wenn sie die Rührung hinunterwürgen könnten. Manchem dürren, ausgetrockneten Alten blinkt der Tau im Gesicht. Wie stehen sie eigentlich nun da? Herrgott neunundvierzig! Daß die ennet dem Kirchlein jetzt auch noch gerade Pause machen! Musizieren, tanzen, stampfen, ihr Buben!

»Vater! – und Absom und die Berg' dahier hast du auch lieb, gelt! Bist drum nicht bös?« –

»Hätt ich dich gekriegt ohne die Berge?« schreit Emil. »Gelobt sei der Absomer! Er hat mir mein Kind gegeben. – Aber ihr, ja wie denn, warum schmeißt ihr mich nicht die Mordfluh hinunter? He, du dort von der Alpe, hast schon verschossen all dein Pulver?«

Der Berni und die andern schrumpften zusammen vor Scham und werden immer kleiner. Der Ratsherr macht alle vier Zipfel seines ungeheuer großen, roten Schnupftuchs naß. So ergriffen ist er. Ein Bübel sprang in seinem Auftrag zum Tanzboden hinüber und rief: »Spielen sollt ihr, laut, einen mächtigen Walzer! So sagt der Pfifflihannes.«

Da entlodert eine Musik den Geigen, heiß und flackernd und glutverspritzend wie wahrhaftes Feuer. Man sollte meinen, Holz und Darm könnten nicht so singen wie mit einem hellen blutigen Mund. Steinalten Leuten dreht es die Knöchel.

Die hinter der Kapelle sind froh um das laute Spiel. Sie verbergen sich sozusagen dahinter. Sie tun, als hörten sie nur noch die Musik, aber sie haben all ihren Sinn nur bei Mang und Emil. Dieses große, unbändige Volk ist ganz Kind, eben noch im Zorn, nun im Mitleid, in der Mitfreud' und Reu' ein großes, weiches Kind. – Sie lärmen jetzt nicht mehr, reden leis wie in der Kirche, trinken kaum und wüßten gern, wie sie's ankehren sollen, daß sie sich vor dem Inschenier minder schämen müßten. Es wird ihnen leichter, sobald Emil mit Mang ins Häuschen geht. Denn seine offenen Blicke machen ihnen schwer.

Leise gehn Emil und Mang die Stiege hinauf und horchen an der Türe, ob Sette noch schläft. Sie lachen vor Glück. Es ist still drinnen. »Tu auf, aber leis,« sagt Emil. – »Ich mag's fürwahr nicht,« erwidert Mang; »ich muß laut schreien vor Freud', sobald ich Sette sehe.« – Da drückt Emil sacht, ganz sacht die Klinke. Aber Mang, den es drängt, allen sein großes Glück ohne Verzug zu verkünden, stößt auf einmal wild dran, die Tür kracht auf, und lachend wie zwei Rangen stoßen sich die zwei ans Sofa, wo Sette erschrocken aus dem Halbschlummer aufschnellt. – Ohne ein Wort zu sagen, versteht sie alles sogleich. Sie streckt die Arme aus, dem lieben Sohne und dem noch liebem Gatten entgegen!

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