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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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32

Wie die Wildleute am Nachmittag die Sprüche hersagten, saftig und kernig, daß jedes Wort traf! 's war ein Jubel nach jedem Reim. Seppli hielt dem Pfarrer das Käslein, Minchen das Sennenkäppi hin. Der langfrackige Herr nahm Gedicht und Gabe mit guter Art an. Er wiegte den Uelibübel am Kopf her und hin, nannte Minchen ein Negerfräuli, aber drohte dem Heinz mit dem Finger und deklamierte: »Timeo Danaos et dona ferentes.«

Worauf Heinz sogleich wohlbeschlagen zurückgab: »Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.«

Dazu erhob er seine kaninchenzahmen Augen so rein zum Pastor, daß Herr Daniel es wohl oder übel glauben mußte, Heinz habe es viel besser und viel boshafter machen wollen.

Der Kaplan dagegen wog das Käslein in den vollen Händen und spaßte: »Eine halbe Erdscheibe! Bis ich mich da nur bis zum Äquator durchgegessen habe! – Aber Sie, poetischer Spitzbub von der Stadt, haben Sie mich nur einmal mit den Fäusten segnen sehen?«

»Das laßt nur so!« mischte sich der Redakteur ein. »Wer's am Samstag im Blättli liest, versteht schon, wie's gemeint ist.«

»Aber mit den Fäusten, – ich bitt' euch!« protestierte der Kaplan. »Wenn's dem gnädigen Herrn zu Ohren käme!«

»O, der Bischof liest doch unser Käsblättli nicht,« sagte Jochem mit einem heillos spöttischen Blick auf den Redakteur.

»Aber hat er auch gesündigt, dem Dichter gebührt nun doch ein Lorbeerkranz,« lachte der Kaplan, nachdem er ein Weilchen an den Tischen hinter der Kapelle mit den andern Gästen getafelt hatte. Es kam ihm in den Sinn, er sei mit seinem Brevier erst bei der dritten Nokturn. Hier unten war ans Beten nicht zu denken. Er erhob sich darum, setzte dem Heinz sein Sennenkäppi auf und ging langsam in den Wald. Und Heinz stellte sich vor, wie es wohl dem alten Petrarca zumute gewesen sei, als ihn der Papst zum Dichter krönte.

Ab und zu ging er ins Gäßchen hinaus, um dem Rummel auf dem Tanzboden zuzusehen, oder er eilte in die Kaplanei, um zu erfragen, ob Sette oder Emil noch immer nicht zurück seien. Aber am liebsten und seligsten saß er unter den trinkenden, behaglichen Philistern hinter der Kapelle, plauderte dies und das, nippte einen roten Rheintaler, sann einem verflogenen Vers nach und schleckte Zimmetküchlein. Der Reallehrer von Absom lobte seine Verse und las ihm ein kleines Gedicht vor, das er selber eines Nachts bei üppigem, ganz berauschendem Sternenschein komponiert habe, und trällerte den Refrain:

Sterne, von ferne, so gerne
Grüß' ich euch!

Heinz lächelte und rühmte gütig. Ihm war herrenwohl. Er sehnte sich gar nicht nach Emil. So selten hatte er eine solche eigenmächtige Stunde. Die mußte gehörig ausgesogen werden. Gar zu bald war er doch wieder nur der Schatten Emils, der am Morgen ordnend vorausging, untertags hart an des Herrn Ferse halten mußte und abends hinterdrein müde wie ein nachlesender Diener lief. Jetzt war er selber ein Meister und hatte einen eigenen Schatten und ward vom Volke auch recht respektabel angesehen. –

Schade freilich war's doch, daß weder Emil noch Sette oder der ernste Mang seinem Dichtertriumph beigewohnt hatten. Pech hatte er eben immer, auch mitten im Glück! Das wird nicht mehr anders.

Um die Tanzbühne sammelte sich indessen ein großes Volk an. Auf der einen Seite lehnten sich die Frauenzimmer an das Geländer, auf der andern standen die Mannsvölker, und hin und her flog der behendeste Mutterwitz. Auf einmal aber ward es still. Die Sennen nahten mit dem Vieh und schritten in einem gelassenen Aufzug zwischen ihren prachtvollen Kühen, den schweren Stieren, den grauen Kälblein und dem beweglichen Troß der Ziegen und Schafe durch das Gäßlein. Die Hauptstücke der Herde trugen Eichenkränze um die Hörner oder um den Hals. Das war ein Gemecker und Geblöke, ein Muhen und Blähschreien, ein Hufgeklapper und ein Stoßen der Hörner und ein Nomadenlüftchen zu allem, daß einem dabei ganz unmenschlich, geradezu tierwohl und tierselig ward.

Nachdem die Herde sich in die Wiesen verzogen hatte, stellten sich die Hüttenmeister von Miezeler und den nahen Alpen – Absomeralp fehlte noch – vor der Wirtschaft auf und schwenkten die großen Schellen, die sie dem Vieh abgenommen hatten und unter deren Geläute man auf die Alp im Lenz fährt und von der Alp im Herbst zu Tal zieht. Langsam und weich schwangen sie die schweren, künstlerisch verzierten Erzglocken vor sich hin und zurück, und es floß aus diesen vielen metallenen Schalen ein tiefes, tonreiches Klingen von einer stimmlosen und wunderlichen Poesie. Ernst sahen die Schwingenden aus, ernst scholl das dunkle Läuten, ernst machte es jeden Hörer.

Es redete vom uralten Hirtenstand und seiner Macht und Not und Würde. Es sang von Einfachheit und Strenge der Natur und alter Art zu leben. Es erinnerte an Zeiten, wo Tier und Mensch sich noch besser verstanden, wo Wind und Wasser und Hirtenpfeife noch die schönste Musik, die Bauernhütte noch das vornehmste Haus und das Fell überm Nacken noch das königlichste Kleid war. Es rief die Schatten der Patriarchen auf, der Stammväter unserer Menschheit. Gegen das, was in dieser Musik lag, war das Heutige alles klein, splitterig, krank oder gekünstelt, beladen mit dem Staub müder, greiser Geschlechter.

Als diese sonderbaren, rührenden Musikanten weggingen, lief ihnen ein Bravo und Händeklatschen nach, das kein Ende nehmen wollte. Und als es dann doch endete, hörte man oben vom Waldrand noch klatschen und eine gewaltige Stimme rufen: »Brav, brav, hoch der Hirtenstand!« – Dann verschwand der Koloß im Wald.

Es war der Kaplan gewesen. Unter einer großen duftigen Tanne setzte er sich nieder und öffnete das Buch, worin das Schönste ja auch Hirtenlieder und Hirtengebete sind. »Deus in adjutorium.« –

Die Musikanten begannen ihre Instrumente auf dem Känzelchen zu stimmen. Das zündete in einer der Jungfer die ersten Töne zum Jodeln an. Zur hohen Vorsingerin gesellten sich rasch die andern Mädchen, und von der Männerseite wogte erst fern und leis, dann immer näher und gewaltiger der Baß und Tenor hinein. So wallte das Urlied der Lieder, der Jodel, wie ein Meer von einer zur andern Partei, bald feierlich wie große Wogen, bald hüpfend und neckisch wie zierliche Schaumspritzer. Es gibt keine Worte dabei, es ist nur Naturlaut. Aber wenn ein Berg oder eine helle Wiese oder ein Wasser oder ein Laub oder ein noch stummes Kind singen könnte in einem Chor, so käme es so heraus, es würde ein Jodel, das einzige Lied ohne Worte, das noch mehr sagt, als alle Sprachen mitsammen.

Die Singenden standen während des Liedes, hoben hie und da ein Knie oder einen Fuß oder Arm und schweiften mit langsamen, trunkenen Augen im Kreis. Sie grüßten sich lachend herüber, hinüber, winkten mit begehrlichen Blicken und lösten den Sang erst, als der Hackbrettler seine Saiten stimmen und Ruhe haben mußte. Nun ging es wieder an ein Necken zwischen Mann und Weib, zwischen Absom und Mattli. Dabei brannte es jedem in den Zehen, mit dem Tanzen zu beginnen. Denn die Musikanten waren bald gerüstet und spielten schon leichte, hüpfende Einleitungen. Aber so frech diese jungen Männer waren, ein gewisser ungelenker Stolz verbot jedem, den Reigen anzufangen.

»He, ihr mit den Rosenkränzen im Sack, fanget doch an!« schrie ein Absomer. »Wieviel Kügelchen hat's eigentlich dran?«

»Das kann ich so präzis nit sagen,« antwortete frisch ein Mattler, »aber sowieso sind's mehr, als du Silberknöpf' an der Weste hast, den versilberten natürlich abgerechnet.«

Die Mattler wieherten vor Vergnügen über die Abfuhr des Bauern, der nach protzigem Brauch statt der Knöpfe alte Silbertaler trug, aber einen unechten dabei.

»Ist's auch wahr,« fragte nun der Mattler Bärenwirt, »daß ihr in Absom kein Kropfwasser mehr braucht? – und das Patent auf Schwanenhäls' genommen habt?«

»Das stimmt,« entgegnete ein Jüngling listig. – Die Absomer sind ein kropfreiches Volk, das war nicht abzuleugnen.

»Drum habt ihr gestern so laut feilgeboten! Wir haben's läuten und böllern gehört.«

»Dummheit, habt mal wieder nichts gemerkt. Zum Baden haben wir euch gerufen. Aber da nützt alles nichts. Nur Mesmers Ferkel sind gekommen.«

Der Bärenwirt riß am Ohrläppchen vor Verdruß. Absom brüllte vor Spaß. Die Mattler, ob wahr oder falsch, gelten als ziemlich ungewaschene Köpfe.

»Schönes Fräulein von Absomstadt,« heuchelte jetzt ein flotter Hirt mit zuckeriger Stimme, »was kostet bei Euch ein Schmatz?«

»Kommt mal her und probiert ein Muster!« lockte die Jungfer keck. Dabei zog sie den brodierten Tanzpantoffel flink ab und ließ ihn über ihren Zöpfen kreisen. Aber sie lachte und funkelte mit den Lippen wie eine, die doch gern küßt, aber auch gern dreinhaut.

»Zieht nur auch den Strumpf aus,« setzt ein anderer fort, »ich will euch die Hühneraugen vertreiben.« – Dabei reißt er mit bloßer Hand einen Büschel Nesseln von der Weid' herauf und fächelt ihr zu, als wolle er sie kitzeln.

»Nein,« lärmt der Fabrikantensohn Fritz Darkler, ein schöner Jüngling aus Tuzis, der immer auf Weiber ausgeht und nie heiratet, »jetzt hört euern untertänigen Knecht Fritzli an! Ziehet alle eure weißen Strümpfe aus. Und wer von euch die allerweißesten Füßchen hat, die heirat' ich morgen! – Da habt ihr Kreide!«

»Die machen schlechte Witze,« jammerte leis der Staffelsepp und zieht eine tänzige Weise aus seinem Bogen.

Aber unter den Mädchen erhebt sich jetzt eine schlanke, stolze Jungfer, die Landammannstochter aus Mattli, und fragt mit spöttischer Stimme, ob es wahr sei, daß in Fritzlis Fabrik nun auch Herren-Nachtkappen gestickt werden.

»Leider ja«, seufzt schuldbewußt der schöne Fritz.

»Was kostet das Dutzend?«

»'s kommt auf den Kopf an, für die Mattler das Doppelte, weil's doppelt viel Tuch braucht!«

»Aber euere Feuerwehr hat sie umsonst bekommen, oder?«

»Bravo, bravo!« lachen Absom und Mattli stürmisch. »Euch hat's! – Siebenschläfer aus Tuzis.«

»Mit der mußt tanzen, die dreht dich, Fritzli!« foppt einer.

Im Augenblick fällt keinem mehr etwas Witziges ein. Aber tanzen möchten sie nun alle sterbensgern.

Da mißt mit fünf schlanken, großen Schritten der purpurne Walter den Estrich, winkt im Vorbeigehen mit der Hand dem Vorgeiger und faßt das erschreckte Irmeli am Arm. »Staffelsepp, einen Walzer!«

Und das bleiche, stille Uelikind und der dunkelkrause, glutfarbene Brollersohn schwingen sich unter der Prachtmusik der Geigen, Flöten und des summenden Hackbretts ganz allein über die weite Diele. Anzuschauen ist das, als ob ein prächtiger junger Teufel und ein Engelchen wie junger Mondschein miteinander tanzen.

Nun riß auch Seppli sich lachmäulig von den Buben los und holte das schwarze Minchen heraus. Und das war nun gerade, als ob die überlustige Sonne mit einem kohlenschwarzen Flatterwölklein herumkugle. Jene tanzten fein wie Mann und Frau, aber die da ohne Regel und Gesetz, immer rundum, wie's so der Kreislauf der Gestirne, der Erde und aller lustig unwissenden Menschlein ist.

Das vernarbte, sorgenvolle Gesicht des Staffelsepp lächelte ein wenig, als es diese zwiefache Unschuld tanzen sah, die eine am Anfang, die andere am Ende der Kindheit. Dann strich er den Bogen so zündend hell, so beweglich, daß die Männer nicht lange an sich hielten und die Weibsleut' drüben in ihre Arme nahmen und in tollen und maßvollen Runden wiegten. Nun drehte sich alles mit heißen Gesichtern und klopfender Brust, vergaß Kuh und Stall und Dorf und Zeit und Welt und fühlte sich im wunderbaren, sinnverwirrenden Rausch des Blutes wie ein Halbgott und Seliger.

Auch der Pfarrer von Absom kam und reichte mit ehrsamer Gebärde der Gemeindepräsidentin von Mattli den Arm. Er tanzte nicht gut, sozusagen etwas steif, etwas grüblerisch und sinnend, kurz, zu theologisch, meinte Fritzli. Aber es ging für einen Pfarrer und kantonalen Erziehungsrat ganz ordentlich.

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