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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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31

Auf dem Tanzboden gegenüber der Kapelle standen die Evangelischen und horchten auf ihren Pfarrer im langen, wallenden Prädikantenrock. Vom Gäßchen hatte man dicke, lange Bretter in die abfallende, steile Bergwiese hinausgereckt und hochauf mit Pflöcken gestützt. Hinten, wo sie zweimal mannshoch über die Halde ragte und hoch über den blauköpfigen Wald unten und über den Dunst des Absomtales zu den jenseitigen Bergen sah, war die Estrade für die Musikanten gezimmert. Und gerade an der Stelle, wo der Staffelsepp mit seinen blühenden Mazurkas dem Bergvolk heut die Muskeln heiß machen wird, predigte jetzt Pfarrer Daniel mit fein ersonnenem Satzbau und gelassenem Spiel der weißen, dünnen Hände. Er liebte die Absomer Heimat und das unverwüstliche Blut seiner Volksame. Dreimal im Jahr, an diesem Kilbifest, am eidgenössischen Bettag und am vierten Sonntag im August, wo die Rekruten von der Stadt zu einem dreitägigen Gebirgsmanöver sich in Absom einquartierten und auf dem Dorfplatz Feldgottesdienst abhielten, nahm er nicht einen Vorspruch aus dem ihm so lieben Epheser Brief, sondern da mußte der krummbeinige, mürrische, aber patriotische Gottfried Keller seine geniale Vaterlandsstrophe zum Motto hergeben. An diesem Tage vergaß Pastor Daniel den Herrn Jesus und Duldermann, – die Nöte der christusfremden Gesellschaft, – den turbulenten Hang der Untern zur Revolution und die Lust der Obern zu schwelgerischem Ausleben, – diese buchstäblichen Liebhabereien seiner klangvollen Kanzelstunden. An diesen Tagen gefiel ihm die ganze Welt, sah er sie wie durch ein rotes Glas so funkelig froh und war ihm jeder Mensch ein Glücksprinz. Und so feierte er auch jetzt den Gott der Berge, der nach dem gestrigen, kurzen Zürnen schon wieder lächelt, der die Berge und die Kinder der Berge am meisten liebt, daher von den Bergen aus zum Volke redete und auf dem Berg sein Heiligtum haben wollte. Und heute noch habe er sein Heiligtum auf die Berge gegründet, das – das – ja das Palladium der Freiheit.

Dieses fremde Wort rührte die siebenzig Zuhörer von Absom. Also so was Großes lag da oben! Hätten sie's je gedacht? Gescheit kann ihr Pfarrer reden. Kein Wunder, daß ihn die Basler schon zweimal ins Münster haben wollten!

Sonst waren es über die hundertfünfzig Zuhörer. Aber der mächtige Sturm hatte den Zuzug verzögert. Sie werden bis zum ersten Geigenstrich schon nachkommen. Jetzt kraxeln sie erst herauf oder schöpfen noch das Kotwasser aus den Kellern, legen neue Ziegel in die Dachluken oder nähen noch schnell drei, vier Rüschen ans Tanzkleid.

Aber die Absomer hier oben vergaßen mit dem Pfarrer sogar die kleinen Nachwehen des Unwetters. Sie hatten nur Kilbi im Kopf. Auf ihre seidenen Schürzen oder warmen Hosenknie legten sie die Hände bequem und folgten mit den bekräuselten Stirnen dem Prediger von einem geistlich-weltlichen Gaudium ins andere.

Es war auch wahrhaft schön zu schauen, wie die Prachtfigur Daniels schon mit den Füßen über die entblößten, buntfarbigen Köpfe von seiner Estrade emporragte. Die Waldungen der jenseitigen Berge langten ihm nur an die Hüften. Dann fingen die Felsen an. Sie reckten sich bis zu den Lenden. Aber ans Herz reichte keiner. Nur wenn der Pfarrer sich bei einer Frage ins Volk vorneigte, als wundert ihn die Antwort selber auch, dann stieg ihm der steile, besonnte Storenspitz sogar über das vaterländische Herz bis ans Kinn. Aber gleich richtete sich der Pfarrer wieder auf, und der dumme Gipfel, der gemeint hatte, dem Prediger einen Nasenstüber zu geben, ward heillos von den andern Gipfeln ausgelacht.

O, es war bezwingend schön und paßte zum Text, wie Daniel dastand, indem er von Jehova und Christus erzählte, wie sie selber auf den Bergen gestanden sind! Sei's nun auf Moria oder Sinai oder Tabor oder Kalvaria gewesen, gleichviel, aber so stellte man sich's vor, wie hier den stattlichen, schlanken Fünfziger in der Sonne und Bläue dieser Höhe. Aber doch lieber nicht auf den donnernden Sinai, – den gab's drüben im katholischen Kirchlein; und nicht auf dem qualenvollen Kalvarienberg, sondern auf dem Tabor! So verklärt waren Predigt und Prediger, so entzückend, was er von Honig und Milch des gelobten Landes da oben, von der reinen Luft, der Älplerkraft, dem unversieglichen Wasser – weniger wäre auch genug, dachte Walter – und von dem so nahen, fast mit einem Tanzhopser zu erspringenden Himmel sagte. »Hier wollen wir nicht drei, nein, viele Hütten bauen, jedem freiheitliebenden, gottsuchenden Menschen eine.« –

Unter den jungen Leuten saß auf einem langen, buchenen Strunk ein Grüppchen zum Marmorschnitzeln schön. Irmeli und Minchen, wie zwei Schmetterlinge, ein Zitronenfalter und ein Tagpfauenauge, kauerten Flügel an Flügel, – nein, die Ärmchen eng ineinander. Das stille, aber vieldenkende Alpentöchterlein und der rasche, lose Stadtvogel liebten sich. Seppli, der auf beide pfiff, stand leichtherzig dahinter. Aber Walter saß neben den zweien und sah heimlich mehr auf die blassen, reinen, etwas überhängenden Lippen und das lichte Auge Irmelis, als auf den Pfarrer. – Dann freilich gefiel ihm auch der schmelzende Schnee auf den Bergscheiteln hinter dem Prediger und wie der Pfarrer mit der Hand über eine Felswand und ihre Wasserfälle emporfuhr oder sich auf eine beschneite Kuppe wie auf einen Spazierstock stützte. Zuletzt zog er verstohlen seinen Kodak hervor, den er auf Weihnachten bekommen hatte. Vier Films waren drinnen. Auf einem sollte er mit Irmeli von Mang unterm Tanzen abgebildet werden. Auf dem zweiten wollte er Irmeli ganz allein haben. Auf dem dritten mußten Mang, Irmeli und dieses Zigeunerchen Mine stehen. Endlich auf dem vierten hätte er gern den Hosenlupf des Kerstenfranz mit dem Lachmoritz konterfeit. Aber jetzt konnte er nicht widerstehen. Er mußte den Pfarrer mit den Bergen und dem Himmel dahinterhaben. Nur will er warten, bis Daniel einmal gar weit die Arme spannt oder sich zu einer Frage gar komisch ins Volk vorbückt.

Aus den vergitterten Fenstern der Kapelle drüben quillt die müdsüße Stimme eines Harmoniums herüber mit Meßgesang dazwischen. Auch kräuselt der blaue Weihrauch zum Pförtlein heraus. Das paßte zum Tabor. Man konnte an Engelsang denken und hinter dem Weihrauch den Elias und den Moses vermuten.

Der Pfarrer stand jetzt elastisch auf die Fußspitzen und rühmte, wie auf den Bergen die stärksten Schwinger, die besten Käse, das saftigste Gras, die liebsten Blumen und heilkräftigsten Kräuter, die wahrsten Lieder, die kühnsten Soldatengebete und die heldenhaftesten Vaterlandsfäuste wachsen. Huldreich Zwingli sei von solchen Bergen und gar nicht zu weit ennet dem Absomer herfür getreten und die Feinde Helvetiens, Österreicher oder Welsche oder andere Bedränger, immer von den Bergen herab, von den heiligen Bergen herab, seien – Knips! – drinnen war's im Kästchen, der Pfarrer, die Predigt, das Gebirge, der Himmel. Walter und Mineli mußten lachen, Seppli konnt's verbeißen, aber Irmeli rümpfte unwillig das Näschen. Der Pfarrer hatte, weit ausholend mit beiden Armen, als wollte er seine heiligen Berge umschlingen, gerade im bösesten Moment den Knipser erblickt und schloß in der Verblüffung seinen begeisterten Satz statt mit ›zerschmettert worden‹, was so einfach gewesen wäre, mit: ›zerschmettert gewesen zu haben‹. –

Aus der Kapelle über dem Gäßchen hörte man jetzt die Gebete des Kaplans zu Sankt Jakobus und Margareta in der alten Sprache Roms und der Päpste. Darauf antwortete das Harmonium mit milder Holzstimme und einige Chorbuben mit frechen Jodelhälsen: »Amen« – oder: »Deo gratias!«

Aber nachdem er auf Latein noch das Evangeli von den Märtyrern gesungen, zog der Kaplan die Kasel ab, die rotseidene, seinem Riesenbau viel zu kurze, stieg über neun krachende Holzstufen ins Känzeli hinauf, wo er das schwarze Flügelbirett abnehmen mußte, weil er sonst sicher bei einer lebhaften Bewegung die Heiliggeist-Taube vom Schalldeckel heruntergeschlagen hätte, zum Verdruß der Gesetzten und zum Hallo aller Schlingel in den vordern Bänken.

Mit einem kleinen Schimmer vom berühmten Geißbubenhumor aller Mattler stand er da und winkte, daß die Außenstehenden hereinkämen und man die Türe zumachen möchte. Denn er hatte eine starke Stimme und wollte nicht die reformierte Predigt stören, die ennet dem Gäßchen immer noch patriotisch fortdauerte.

Einige von dem Pförtchen liefen nun flink zu den Reformierten, weil es da glimpflicher zuginge, und ungefähr ebenso viele von Daniels Schäflein, nämlich vier Stündlerinnen, ein spiritistischer Bauer und zwei Lutherische schlüpften noch ins Katholische hinüber. Pfarrer Daniel lächelte. Die Mischung freute ihn wie einen Gärtner, der ein Beet voll weißer Nelken gepflanzt und nun doch auch einige rote Köpflein mitbekommen hat.

Der Kaplan in seiner weißen Albe mit der gekreuzten roten Stola blickte immer noch schweigend, mit pfiffigen, aber gütigen Augen in die Versammlung von so vielen roten Westen, kranzgestickten Jacken, bunten Haarnadeln und eitel schimmerigen Seidenschürzen hinein. Er kannte sie alle. Die Jungfer dort, schlank wie eine Pappel, hatte er getauft; den bärtigen Alten da zweimal schon mit dem heiligen Öl gesalbt; die ganze Kinderbank war bei ihm in den Beichtunterricht gegangen und viele von den Frauen hatten ihm in der letzten Fastnacht noch ein Bällchen Butter oder Blutwürste von der Metzger gebracht. Aber vielen hatte auch er ausgeteilt, Bücher, kleines Silber, den noch nicht angeschnittenen Käse der Frau Landammann oder Bettelbriefe mit seiner empfehlenden Unterschrift. Ja, da sah er solche, die er selber nach Betglockenruf durch ein paar Hintergäßchen in ein reiches Herrenhaus geführt und denen er dort in ihrer Bedrängnis den beredten und oft mitweinenden Advokaten gemachte hatte. Er erkannte auch etliche Schlingel, die seinen einzigen Apfelbaum neben der Kirche in Mattli jedesmal plündern, wenn er auf der Alp ist, und, so unschuldig sie jetzt zu ihm hinauf lächeln, doch sicher auch dieses Jahr schon wieder ihm alle Rotbäckler weggestohlen haben. Wartet nur, wenn ich euch erwische! – Hände sah er gefaltet so weiß wie die Stickerei, an der sie spät und früh nädeln, und Hände so braun und rauh wie die Erde, in der sie grübeln. Alle haben die Köpfe erhoben. Er kennt sie wohl, diese verschmitzten, neckischen, engen Gesichter, ihre Tücken und ihr Gerades und Aufrechtes, ihre Härte und ihr Weichgläubiges. Und ihre Stuben alle kennt er auch, ihre Krankenzimmer, ihre verzwickten Stiegen und engen, dunkeln Hausgänge, ihre geblumten Kopfkissen, ihre unbequemen Holzsessel und übel schneidenden Brotmesser. Wie liebt er diese unruhigen, spitzigen, frohen Naturkinder! Er könnte gar nicht mehr weg von ihnen, und wenn der Bischof drunten in der Stadt ihm ein violettes Mäntelchen und einen geschnitzelten Domherrenstuhl anböte, er könnte nicht weg. – Gnädiger Herr, kauft mir lieber einen gepolsterten Lehnstuhl in die Kaplanei für die alten Tage, ein Sofa bring' ich doch nie auf! – Ja, er liebt sie mächtig, er möchte sie jetzt alle umarmen. – Was leiden sie nicht unter ihren Felsen und harten Erdbrocken, unter dem kleinen Verdienst, den vielen Viehseuchen, den Martinizinsen, unter der geringen Kost und dem langen Winter und unter dem Tritt von ein paar Übermächtigen! Aber am meisten leiden sie doch unter dem eigenen bösen, von Haus zu Haus stinkenden Klatschmaul, diesem kleinlichen, unbarmherzigen, vernichtenden Geträtsch, das schon unsern Herrn Christus so sehr in die Sätze gebracht hat. Das will er ihnen heut ausreden, weil sie sich damit noch viel ärmer machen, als sie schon sind. Nachher mögen sie dann heut nur wacker tanzen und jodeln und schmausen und festieren, das gehört ihnen.

Aber vorher den scharfen Klaps!

Er sehe, begann er, auf dem neuen, ergötzlich gemalten Altarbild den Apostel Jakobus mit dem Schwert in der Hand und die heilige Margareta mit dem Fuß auf dem Drachen. Übers Schwert habe Sankt Jakob, über das grüne Ungeheuer Sankt Margaret gesiegt. Drum können sie heut Kilbi feiern im Himmel, und – fügte er mit ein klein wenig Verachtung bei – einige Fetzlein und Restlein davon uns Menschen da zum Festieren herunterwerfen. Und wir nehmen sie gern und zieren uns damit. Aber das sei doch ein wenig unverschämt. Denn wir sind über Schwert und Drach' noch nicht Meister geworden. Und es ist recht eingebildet von uns, daß wir doch kilbenen wollen. Wo's keine Butter hat, gibt's keine Küechli, wo keine Arbeit, keinen Lohn und wo man Schwert und Drach' nicht gemeistert hat, keine Kilbi.

»Mach's nit so harb!« murrte ein kurzjackiger Bauer für sich. Einige Buben hingegen verdrückten kaum das Lachen wegen Butter und Küechli.

Aber die junge, naseweise Zischgeseppa flüsterte, die Lippen wie zwei Rosenblätter schwelend, zur Spezereihändlerin von Tuzis, Baschtonilise: »O, mit Öl oder Margarine!«

»Oder hat einer von euch Mannen das Schwert oder von euch Frauen den Drachen besiegt? Steh auf und sag's, wer's darf! &…133;Was Schwert? fragt ihr, – was Drach'? – Wir haben den Säbel an die Wand gehängt und da ist er vor lauter Frieden rostig geworden. Und das rühmt man doch. Und Drachen hat's vielleicht gehabt, da drüben in den Bärlochhöhlen vor so und so viel tausend Jahren. Aber heut lacht man drob und meint etwas anderes, wenn von Drachen geredet wird.«

Ein Lächeln geht jetzt wieder durch das breite, bleiche Gesicht. Der kommt geladen. Sichert euch!

»So wisset, wie ich das Schwert und den Drachen verstehe! 's ist die böse Red', die ehrlose, verdächtigende, ehrabschneiderische, verleumderische. 's ist das ewige Schimpfen über die Mitmenschen, hinter ihrem Rücken, so giftig und so schmutzig wie's nur die Schlangenwürm' noch treiben. Immer bemängeln, immer bekritteln, immer nörgeln! Fehler, nichts als Fehler suchen! In den Schatten laufen und sagen, 's hab' mir einer das Licht gestohlen!«

»Ja, die böse Zunge ist beim Mann ein Schwert, hauend, schneidend und schmerzbringend, rauh und doch wieder blitzscharf, macht Wunden und tötet zuletzt so gut wie Eisen. Aber noch viel garstiger ist die böse Zunge des Weibes. Das ist wie das Beißen eines Drachen, hinterrücks, aus der Höhle hervor, mit kleinen, giftigen Zähnen, – und dann rasch wieder ins Loch zurück! – ›Habt ihr schon gehört, was die Sophiemarei‹ – ›es heißt, der Bortoni sei‹ – ›ich sag's, wie ich's überkommen hab', aber wahr soll's sein‹ – ›also die und die haben am Heiligabend‹ – ›Frau Nachber, ist's auch wahr, daß‹ – Und zuletzt nach diesen Teufelssprüchen das scheinheilige: ›Sagt ja nichts weiter! – Ich will ihm beileib nichts Böses reden‹ – O, wenn der Herrgott diese Mäuler doch strafte, alle miteinander in einer schönen Klatschstunde, daß sie stumm würden, wie die Berge über uns! Glaubt mir, es würde viel zufriedener und herzgemütlicher bei uns, die Hälfte Weh ginge von uns, Mattli wäre ein Paradies.«

Fast alle Männer lächelten zufrieden und schielten hinüber: da habt ihr euere Prise, prosit!

»Schon die alten Heiden haben das Klatschbasentum nicht leiden können und sie erzählten, daß einmal alle Verleumderinnen samt und sonders in Frösche verwandelt wurden. Im Sumpf durften sie nun ewig quaken.«

Ein Lächeln wie das Windsäuseln über einem Blumenbeet strich über die Mädchenbänke. Dann wuchs und schwoll es der Bubenreihe entlang wie rauschendes junges Buchenlaub und toste endlich durch den ausgewachsenen Wald der Männer im Kapellchenschiff.

»Lachet nicht, fragt euch lieber, warum sich so quälen und elend machen? Habt ihr nicht genug vom Schnee und Föhn und den Lawinen und Wildbächen? Nicht genug von Blitzschlag und Mißwachs? Nicht genug von Stallseuche, vom Ungeziefer in Garten und Haus? Und nicht genug vom magern Tisch und vom strengen Arbeiten ums Brot und vom Kranksein und Wehschreien und Sterben allezeit um euch? Müßt ihr einander selber auch noch zum Luxus so martern, statt euch wohlzutun, und das winzige Nestlein und Restlein Paradies, das wir alle trotzdem noch behielten, müßt ihr das auch noch zu einem Dorn- und Distelplatz machen? Nein, nein, ihr habt's nie recht bedacht. 's ist dumme Gewohnheit. Weg damit! Hinaus mit diesem Drachen aus unserem lieben Ländli! Voneinander das Beste denken und sagen, denn jeder hat sein Gutes, – verzeihen und verschweigen, das heißt wie Sankt Margret der Schlang' auf die Schnauze stehen und gut und selig werden.«

Eine Pause entstand. Von draußen hörte man Pfarrer Daniel: »In christlicher Freiheit zu wandeln, edel und gut!«

Der Mesmer, der wie immer eingenickt und von der Pause erwacht war, wollte die Altarkerzen wieder anzünden. Da merkte er an der Stille, daß die Predigt noch weiter ginge und duselte wieder ein. Die Weiber aber atmeten auf. Sie sahen die kleinen, kirschschwarzen Italieneraugen im Kaplangesicht nun wieder zu den Männern hinüberkugeln.

»Aber woher haben's die Weibsbilder? Etwa von der alten Eva? Nein, von euch, Männer!«

»Mach's nit zu harb!« wiederholte der Alte und krummelte im Tabakbeutel am Gurt.

»Was schimpft ihr nicht immer über alles Feste und Unfeste der Welt? Meint jeden Augenblick, ich werd' übervorteilt! – auf mich zielt's! – mich mögen's nit leiden! – mir schieben's alles in den Sack! – Und wie ihr kritisiert! Alles hättet ihr besser gemacht, als der, der's machen muß. Alles verständet ihr besser, als der, der's gerad' erklären muß. Bald lehrt ihr uns noch richtiger auf der Kanzel stehen und geschickter predigen.«

Wie in einer Schlafkammer so still war's und so deutlich hörte man das Schnaufen der gepreßten Kehlen. Aber wach sind die Leut' alle geworden. Glücklich allein der Sigrist, der in seinem Gestühl so prachtvoll schlafen kann.

»Ihr bröckelt jedem etwas ab, den Regierenden am meisten. Nichts machen die recht. Immer verkehrter wird die Welt ohne euch. Und doch habt ihr wählen oder ablehnen können an der Dorfgemeinde, habt selber die Richter und Regierungsrät' an der Landsgemeinde gemacht, habt dem Landammann zum großen Handmehr geholfen. Und jetzt schimpft ihr über euer eigenes Werk. Und jedes Jahr kommen die Wahlgemeinden wieder und könnt ihr's verbessern! Warum dann wählet ihr wieder die gleichen? Nur daß ihr wieder hinter den Stall gehen und eine Faust im Hosensack machen und wieder ein langes Jahr schimpfen dürft? Darum? – Ist's Mangel an Mut oder merkt ihr, daß ihr nicht recht habt, daß euere Zunge ein rostig Schwert geworden ist und nur heimlich und, wenn kein Feind umher ist, in der Luft fuchteln darf? Scheint euch das männlich, meine lieben, guten, treuen Älpler und Heimatgenossen und Glaubensbrüder, scheint euch das männlich?« –

Wieder eine tiefe Pause mit noch gepreßteren Atemzügen. Von außen hallt gewaltig: »Wie Jesaias singt, – ein Reich des Friedens, – Amen!«

Wie ein Blitz zückt es durch die breite Stirne des Kaplans. Leis und weich aus aller Predigt heraus sagt er: »Horcht!«

Und dann: »Habt Ihr's gehört?« –

Alle hatten es gehört und das lange Amen und das Hinüberfluten der Protestantischen zur Kapelle, um nach der Predigt gemeinsam das heilige Lied zu singen. Die Tür ward geöffnet, die Männer drückten arg herein und die Frauen und die Jungen, darunter unser Grüpplein, hockten sich hinter die Kapelle in den aufsteigenden Rasen. Da sahen Walter und Mineli durchs offene Fensterchen in Kanzelhöhe prächtig den Kaplan, unter sich den Altartisch mit rotseidig bedecktem Kelch und offenem, groß und bunt bedrucktem Meßbuch und schräg den schlafenden Mesmer und tief ins Chorgestühl verschoben die Altarbuben, die einander heimlich kloben und mit den Zeigefingern häkelten.

Nach einer stillen, tief ergriffenen Weile versuchte der Kaplan weiter zu kommen.

»Ein Reich des Friedens hat mein Bruder da drüben gesagt –«

Und nochmals und noch stärker packte ihn die unbeschreibliche Rührung und wieder mußte er innehalten. Aber auch den andern verschüttelte es schier die Brust im Schauer. Der Pfarrer, der gerade mit Heinz durchs Pförtlein getreten war, und dem gleich zwei vierschrötige Bauern den Bankplatz abtraten, neigte sein Haupt vor dem schönen Willkomm. Heinz war es, als wache jene wundersame alte Geschichte der Chronik wieder auf. Das war der gleiche Geist. Er hätte weinen mögen. Wenn man so was dichten könnte!

»Ein Reich des Friedens!« wiederholte der starke Mann auf der Kanzel mit seiner kräftigen Stimme und fuhr sogleich fort: »Ja, das kommt, – wenn ihr wieder lieb miteinander seid und brüderlich im Herrn. Die Großen müssen mit den Kleinen und die Kleinen gerade so gut mit den Großen hundertmal im Jahr Geduld haben. Ihr müßt euch nicht bloß Böses, nein doch, auch Gutes zutrauen. Und vor die Obrigkeit dürft ihr frei treten und fragen: ›Warum? Wieso?‹ – aber nicht ihr heimlich Treue und Glauben stehlen. Sein gutes Recht darf jeder wahren. Aber dann muß er den andern das ihre ebensogut lassen. O nur nichts heimlich, nichts versteckt, nichts ungewiß und auf blödes Auge hin! 's geht immer um eine Seele! Die ist Gründ' und Beweise wert!«

»Als ich das erstemal hier gepredigt habe, sah ich, daß alles Volk in den engen Stühlen stehen blieb. Warum, wenn es keine Sitze hat, knien sie nicht auf die Schemel? Das ist ein stolzes Volk, dachte ich böse. – Ich predigte nun ernst und ernster und brauchte viel die allerheiligsten Namen. Aber alles blieb steif stehen. Welch ein kleinköpfiges Geschlecht, so unerzogen und ohne Ehrfurcht! – Ich fing an zu stürmen und statt vom Herrn zu reden, der aufrichtet, malte ich den Herrn, der in die Knie reißt und die Nacken bricht. Auch die Saulus und Goliath! – Doch alle standen frech erhoben da und sahen mich an. – Wer da steht, sehe zu, daß er nicht falle! schrie ich. – In Demut soll jeder das evangelische Wort empfahn! – Auf den Knien! Und soll noch froh sein drum! – Aber kein Bein biegt sich. Nicht einmal eine Jungfer, die sonst bei jedem ›Gelobt sei Jesus Christ!‹ sich fast bis zum Schurzzipfel bückte. –«

»Da donnerte ich denn wie ein Jüngsttagrichter hinunter: Ihr Halsstarrigen, versteht ihr mich noch immer nicht? Könnet ihr nicht knien, – knien – da niederknien!«

Alles horchte und sah gespannt auf den Prediger. Der zitterte vor Aufregung und es blitzte was Kleines, Helles aus den Fettäuglein. Auch Walter, auch Seppli, die lockern Vögel, lauschten inständig.

»Da rief mir ein alter Mann mit achtzigjährigem, fahlem Haar herauf: ›Herr Kaplan, es sind ja keine Kniebänke da. Aber wir können's versuchen und auf den Boden knien – wenn's nicht zu eng –‹ Und er und noch ein paar wollten sich zwingen – Brüder, erlaßt mir weiter zu erzählen.«

»Ich habe vor Tränen nichts mehr gesehen und hinunter gerufen: Verzeiht mir! Heut habt ihr mir gepredigt! Ich will's befolgen und nie mehr kritisieren, wo ich nicht sicher bin und nicht das Warum und Wieso weiß, das entschuldigt und mildert und ändert.«

»Und so gehet und tut auch so! Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet. Schimpft nicht, tadelt nicht, beschuldigt nicht, nörgelt nicht, richtet nicht, sagt nicht: Kniet! – bevor ihr die Knieschemel seht!«

»Da hab' ich, – habt Geduld, das ist der letzte Satz! – frohe Kilbileute vor mir, meines Glaubens, fremden Glaubens und vielleicht auch eines unbekannten Gottes Diener, die alle vom gleichen Lebkuchen naschen, aus dem gleichen Glas trinken und in einem Paar tanzen werden. Das ist der gute Rest vom Beisammensein vor vierhundert Jahren. – Warum ein Rest? Weil's in der Urkund' vereidigt ist. Sonst wär' auch dieses Fünklein gemeinsamer Glut wohl erloschen. Und warum finden wir uns nur mehr hier? Und trauen einander nicht mehr, kennen einander schlecht, meiden und scheuen uns das übrige Jahr? Ist da nicht auch der schweflige Drach' und das rostige Schwert schuld? Das unbrüderliche Schimpfen und Schmähen und Besserseinwollen? Sehn wir einander ins Herz, ihr Absomer uns, wir Mattler euch? O sähen wir's! Wie gleich wären wir einander im Hellen und Schattigen, wie lieb und bös, wie lobsam und scheltbar, wie entschuldigt und schuldig, wie schämten wir uns voreinander, fielen uns in die Arme und küßten uns wie die Väter am Scheidbach! In Gottes liebem Namen, so schont einander, helft einander, liebt einander, bis mein Bruder da unten es nochmals rufen und über alle lieben Berge und Dörfer psalmodieren kann: ein Dorf, ein Land, ein Volk, ein Reich des Friedens. Amen!«

Er stolperte das Stieglein hinunter, legte die Kasel wieder an, die von Murgener Klosterfrauen gestickte, goldfädig in den Alpenrosen, silberig in den Edelweiß, ein königlich Kleid, aber viel zu kurz für den Riesen, – dann breitete er herkulisch die Arme aus, als wollte er ganze Erdteile umarmen und rief: »Credo in unum Deum!«

Dann brach es los wie ein Sturm, von Frau und Mann, katholisch und protestantisch, von der rotesten und welksten Lippe gesungen:

»Alles Leben strömt aus dir
Und durchwallt in tausend Bächen
Alle Welten, alle sprechen:
Deiner Hände Werk sind wir,
Deiner Hände Werk sind wir!«

Dann die zweite, dritte, fünfte, siebente Strophe, dann wieder von vorne, bis die Messe zu Ende war. Die Kapelle toste und das Altartüchel flog mit den gelben Kerzenlichtern her und hin vor solchem Gottesatem. Draußen auf dem Rasen sangen die ungebrochenen Knabenstimmen mit, vor allem die schmetterndhelle des jungen Broller. Drinnen wiederholten es die jodelhaften Jungfern, deren Silberkettlein auf dem Mieder mitklingelte. Und die alten Sennen und Knechte, die Melker, Käser und verwetterten Wildheuer, die bleichgesichtigen Sticker und Weber vom Tal und die kleinen, mitgehumpelten Göfli von kaum sechs, sieben Jährchen gaben es weiter, und leise summte es noch ein zahnloses Großmütterchen nach. Über die Wasser, Winde und Ebenen hinaus sang man hochstehend und die Hand fest an der Banklehne, und wenn von den nahen Ställen zwischenhinein das Muh oder Bläh eines lieben Viehleins in die Noten fuhr, war das nicht ungehörig, sondern gehörte in den Lob- und Liebessang aller Kreatur zum Erschaffer hinauf.

Vor dem Kapellchen wartete Pfarrer Daniel nach der Messe, fing den mächtigen Kaplan mit den beiden schönen, weißen Händen auf und sprach mit feuchter Stimme, wie's in der Chronik steht: »Der Herre mit dir!«

»Pax tecum!« brummte der Kaplan herzlich und schüttelte den geistlichen Partner tapfer.

………

Hinter der Kapelle stellte Jochem schon Bänke und Tische ins Gras, alles aus rohen Tannbrettern. Überm Gäßchen schmierte man den Tanzboden mit Öl, Schmirgel und Schaffett ein. Aus etlichen Hütten klangen Walzer, und zwei Krämerinnen legten ihre Budenlade auf mit Wecken, Birnbrot, Nußkipfel, Honigfladen, Käsküechli, Eierröhrli, Zimmethörnli und allerhand Zuckerigem. Und am Ende der Gasse tauchten unter unendlichem Hallo der Jugend schon Wildmann und Wildweib auf. Sie trugen einen bunten, grausig glitzerigen Aufputz mit Federn und Troddeln um die Lenden und Ellenbogen und sie hatten eine Maske unter dem wilden Hunnenhaar an, die unmenschlich grausame, zornige Mienen machte. Er hielt eine stumpfe Gabel, sie einen Besen in der Rechten. Zuweilen gab er einen dröhnenden Schuß aus einer alten Pistole ab. Das Kindervolk stob auseinander. Irmeli und Minchen krampften sich an Walter fest. Nur der verwachsene, herzkranke Bub Kläusli, der zwischen Absom und Mattli in der Mitte wohnte und von beiden Dorfkindern gleich übel behandelt wurde, konnte wegen des Herzklopfens nicht davonrennen.

Doch auch Walter wich nicht vom Platz. »Springt doch nicht fort, ihr Hasen,« lachte der purpurne Junge; »was seid ihr dumm! Der Wildmann ist ja Küfersepps Ludwig und das Wildweib ist der Dorffeger Willi, dem ich jeden Samstag bei uns daheim Sand hintern Hals schütte.«

Aber sein Mut brach den dämonischen Zauber des Wildpaares nicht. Alles floh. Und ein Besenstupf Willis traf Walter so wuchtig, daß er der Länge nach ins Gras fiel.

»Wart' nur, wenn du wieder Fegbub bei uns bist!« schwor dieser und verfinsterte das ganze Gesicht mit seinen nächtigen Augen. »Du wirst was erleben.«

Aber heut war Willi, der dreißigjährige Fegbub von Absomerdorf, unverletzlich und meisterte alles. Sonst war er ein Tölpel und Trottel und nur fürs Putzen gut. Doch in der Wildweibrolle kannte ihn keiner mehr. Er sprengte Walter und den andern Plaggeistern drohend nach. Nur dem Zwerg Kläusli, der so blödsinnig dumm und gut war und jetzt gern in den Boden vor Angst gekrochen wäre, dem tat er nichts. Er schob den Armen zur Bude, und da der nicht selber auslesen wollte, gab er ihm von den Süßigkeiten das, was er selber am liebsten aß. Besonders Rosinentörtchen. Denn man muß wissen, daß die Wildleute von den Krambuden, ohne zu zahlen, nehmen dürfen, was sie nur mögen. Auch aus welchen Gläsern der Schanktische sie nur trinken wollen, aus des Pfarrers Kelch oder des Landammanns Humpen, sie dürfen es tun. Heut ist der Willi ein König. Und wie ein Sklave, der gerade einen Tag im Jahr frei hat, tobt er jetzt alle Sehnsucht von dreihundertvierundsechzig Knechtetagen an diesem einzigen Herrentag aus, ist stolz, kühn, gewalttätig, hart und hält den Besen wie ein Kaiser sein Zepter. Morgen wird er wieder schüchtern, duldreich und klaglos wie ein Sklaventier mit Bürste und Stahlspänen Brollers Böden bohnen und die Treppen reiben und geduldig die Hand abwischen, wenn ihm Walter verächtlich auf die Finger spuckt. Doch heut muß ihn alles achten, den Eintagskönig.

Heinz staunt und grübelt, was diese Maske wohl bedeuten könnte. Immer wieder kommt er auf seinen ersten Eindruck zurück: das sei ein Symbol der Menschennatur, der gebundenen durch Jahrtausendgesetze, der gequälten durch Jahrtausendsitten, der verderbten durch Jahrtausendlügen. Jetzt ist sie für einen Augenblick frei und darf revolutionieren. »Das paßt in mein Buch vom Zusammenhang in Natur und Mensch«!

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