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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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30

Emil schlief ausgezeichnet trotz allen Gestürmes in den Lüften. Er hatte ein großes Fest vor sich. Sette würde es vom Dorf heraufbringen. Sie mußte jetzt mit Cäcilie geredet und ihn angekündigt haben. Das war dann eine Kilbi, wie kein einziger der Kilbigäste da oben eine bekam.

Die gingen noch lange nicht ins Heu. An Jochems Tischen saßen die jüngern, während die übrigen zusahen oder ums Feuer am Käskessi kauerten und bedenkliche Gesichter machten. So eine Sündflut war seit 1886, wo Fels über Fels rutschten, nicht mehr vom Himmel niedergegangen. Hier im waldumhüllten Miezeler merkte man nicht viel von der Flut. Aber oben in der baumlosen Alp und erst unten im Tal, wo alles Wasser zusammenrinnt, mußte es ungeheuerlich werden. Der Handbub Marx aus Jochems Hütte war durch alles Geheul der Nacht zum Wetterangel gelaufen. So hieß eine halbe Stunde über Miezeler der Felsvorsprung, wo man, an die äußersten Tannen gelehnt, schwindelhoch ins Tal hinabsah. Aber der sonst so helle Junge hatte vor Dunkel und Wassergewölk nichts wahrnehmen können und kam ganz geblendet von dem ewigen Blitzen heim. Nur oben in den Gräten habe er ein gewaltiges Rauschen wie von einem stürzenden See und hie und da das Gedonner einer Steinlawine gehört. Aber vielleicht war's doch nur Donner. Daß alle Berge zitterten und alle Böden wankten, meinte er noch auf dem festen Brett der Wirtshausstube zu fühlen. Auch wie Böllerschüsse hatte es von weitem geklungen. Aber sicher weiß er nichts, denn sein Ohr war immer voll Wasser und Wind.

Wenn uns nur nicht die Kilbi noch verregnet wird! schrie man, Herrgott noch einmal! Sei's denn: Hagel und Feuer und Wasserschwemme, aber dann tanzen, nur auch tanzen und fiedeln und lustig sein dürfen!

»Jesses, so ein Blitz!« schrie der Nazbub, ein Miezeler Käser, und rickelte über Stirn und Mund ein ellenlanges Kreuz. »Da, Eichelkönig!«

Darauf donnerte es so nah, als sei eine Erzkugel groß wie der Mond vom Himmel ins Gestein ob den Hütten gefallen und rolle auf die Schindeldächer. Unwillkürlich duckten sich alle und zogen die Köpfe ein.

»Hast den Eichelober ja auch ausgespielt, du Cheilbelappi!« zürnte Schorschl, sein Mitpart, übers Tischchen. Er war Küfer in Mattli und ein berühmtes Fluchmaul. »Vergißt so ein alter Kerl noch die Stöck König und Ober zu weisen. – Vor Angst!«

Der Gegner der zwei Jasser, der Bischenkuedli, ein alter, ausgedienter Fuhrhalter von Absom, murrt: »'s wird wohl nix schaden, wenn er schon kreuzelt. Ich lass' die Stöck' doch gelten.«

Neues, grelles Himmelsfeuer, jedesmal so schweflig giftig und zündend, daß die rote Feuergrube unterm Kessel erblindet.

»Jochem!« ruft die Milchmagd, »Eure Mutter, die Elselore, läßt fragen, warum Ihr den Alpsegen nicht habt beten lassen?«

»Jesses Marei! – ja, beim Tanzbodenlegen hab' ich's ganz vergessen,« stammelte der Wirt und kratzt sich die rasierten Schläfen.

»Wer hat einen Kohli Schwarzer Kaffee mit Schnaps bestellt?« fragte Barbel, Jochems ältliche Tochter.

»Wir, wir, und wir, alle, alle!« kreischt es und schwingt es aus vier Ecken die großen, weißen und geblumten Ohrlappentassen in der Luft.

Barbel füllt allen aus einer Riesenkanne duftigen, schwarzen Kaffee in die Tasse. Hintendrein kommt der Jochem und spendet einen wohlabgemessenen Guß Zwetschgenwasser dazu. Das hält wach und duftet noch so fein. »G'segnes Gott!« – sagt er.

»Was tun wir jetzt?« fragen einige Katholische von Mattli.

»Und grad vor dem Fest muß mir das passieren!« jammert Jochem. »Jetzt kann mein altes Mutterli schon die ganze Nacht nicht schlafen. Und alle Kilbi freut sie nicht mehr.«

»Geht doch weidli Flink, hüp!« singt der Bischenkuedli. »Derweil Ihr den Betruf singt, gucken wir Euch die Karten an. He, Jochem, zugeschenkt mit den Zwetschgen, nicht so tröpfelig, he!«

Aber über den Stallsöller traut sich keiner. Denn vor der offenen Tür gießt es so wild und luftet so wütend und blitzt einem so zitronengelb ins Auge, daß man an den Jüngsten Tag denkt.

»Schorschli, geht Ihr doch!« bittet man. »Der Marx kommt mit, gelt!«

Der Handbub nickt.

»Ihr seid der flinkste und habt eine singhafte Stimme!«

»Das macht sich. Aber ich kann den Betruf nicht auswendig.«

»Der Marxli sagt Euch die Worte eins nach dem andern vor.«

»Und Ihr braucht gar nicht bis zum Alpkreuz hinauf zu gehen. Könnt unter das Kapelldach stehen. 's gilt dem Herrgott so grad auch.«

»Gut denn,« wettert Schorschli. »Aber, he, schüttet mir da noch einen Schnaps zu.«

Er hob die halbvolle Tasse Kaffee. Und Jochem goß einen dicken, wasserhellen Strahl Branntwein ein.

»Nur zu, nur zu!« befahl Schorschli und hielt her, bis die Tasse voll war. Er trank in vier, fünf Zügen den Kohli aus. Dann erhob er sich und riß Marx am Ärmel mit hinaus: »Komm, zieh mir das Bimbam!« Gleich verschwanden die beiden im Sturm, der Handbub, der läuten mußte, und das Fluchmaul, das vorbeten sollte.

Im Kapellchen, wo das Glockenseil von der Wölbung hängt, steht eine Stallaterne angezündet am Boden, gerade vor dem offenen Beichtstuhl. Darinnen sitzt der gewaltige Kaplan, das Brevierbuch auf den Knien. Er ist bei den Psalmen eingeschlafen. Dem Pfarrer Daniel hat er sein Laubbett im Tenn abgetreten und sich vor dem Kneipvolk hieher geflüchtet. Über dem Kreischen der Türe ist er erwacht und nimmt eine Prise, wird rege und nickt, sowie er Marx das Seil ziehen sieht.

Aber unter dem Tor zwischen Blitz und Donner ruft jetzt der Schorschli halb und singt er halb den uralten Betruf der Älpler. Er tut es andächtig, aber mit seiner unschönen, verräucherten Jasserstimme.

»Lobio den Herren und die reineste Frauen
Und Allheiligen, die auf uns schauen
Vom hohen goldigen Abendstern.«

»– Vom goldigen Abendstern!« –

»Herr Kaplan, helfet Ihr ihm, er kann's nicht auswendig!« sagte Marx heftig läutend. – Rasch erhob sich der Geistliche und trat hinter Schorschli her.

»Insonder Sankt Wendel, – hast Geißen gern!
Sankt Fridolin – bist mit den Lobe leiig! Mit den Kühen freundlich
Sankt Margret wird jedem Spukgeist geheiig! Zum Verhängnis
Sankt Agnes hast auf die Lämmer acht,
Daß kein Wolf dem Unschuldigen wehe macht!
Du aber, Sankt – Jakob, – du, –«

Hier gebrach dem Schorsch die Stimme oder das Gedächtnis – und der Kaplan setzte mit schallendem, weittragenden Bariton ein:

»Sankt Jakob, du großer Apostelmann,
Dir geben wir Wald und Wasser in Bann.
Bring' guten Schlaf und hellen Tag,
Wehr' Seuche, Brand und Hungersplag!
Heb' ab von unsrem fromm' Gesind
Schlagenden Blitz und giftigen Wind!
Mach' wachsen Halm und Gras und Vieh
Und bitt' für uns und verlaß uns nie!
Wir loben dich jetzt und allezeit
Mit der Mutter Gottes, gebenedeit,
Und ihrem küniglichen Sohn,
Der da sitzet auf der Dreifaltigkeit Thron
Zwischen Vater und Geist in einem Namen.
Lobio den Herren in Ewigkeit. Amen.«

Der Alpruf verhallte, das Glöcklein bimmelte aus. »Amen!« beteten alle, die den gewaltigen Sang durchs Gewitter schallen hörten, und legten ihre verschlafenen Gesichter auf die andere Seite ins Heu.

Aber Emil träumte, er höre das Signal der Station auf dem Absomer. Das erste Bähnlein rutschte auf den Kulm. Eine schwarze Masse von Reisenden strömte aus den bekränzten Wagen. Darunter auch Bert. Der schüttelte ihm die Hand und sagte: »Nun hast du's also doch bezwungen.« – Auch seine Frau und Maria und der Tollkopf Ferdel waren da. Mang stand neben Walter und beiden mußte man immer rufen: »Nicht so weit hinausstehen, nicht so weit hinausstehen!« Der Broller gebot seinem Knecht, die Weinkörbe auszuladen. »Aber unten donnert's ja,« sagte Minchen und zeigte in die Tiefe. »Das macht doch nichts.« – »Aber da steigen Nebel herauf.« – »Das ist ja nur Heudampf.« – »Aber der Wind fliegt daher, Schau' nur!« Wirklich, allen reißt es die Hüte vom Kopf und jagt sie aber die Felsen hinunter. »Die finden wir unten schon wieder,« tröstet er. »Iß, trink' und sing', Kind!« – Der Nebel ward dichter. Man sah sich schon nicht mehr anders als wie durch einen verstäubten Spiegel. Aber das sah er noch und hörte er, wie einige ihre geschliffenen Gläser erhoben und ihm zutranken. Und immer, wenn der Broller das seine streckte, funkelte und klirrte es merkwürdig, wie wenn Blitze daraus schössen. Emil dünkte das nicht mehr gemütlich.

Da polterte plötzlich der große bleiche Prachtkopf des Oberrichters gegen ihn. Mit festen Handgriffen packte ihn der Broller an der Schulter und sagte: »Schlaft Ihr? Ihr lacht ja nicht und trinkt nicht und tanzt nicht, was ist mit Euch?« Und er rüttelt ihn entsetzlich. »Laßt los,« schreit Emil, »ich fall' ja hinaus!«

Aber da neigte er schon hintenüber, die Sohlen verlieren den Boden und Emil flog in die graue Tiefe. Doch er riß etwas mit sich, zwei Arme – –

»Emil, – Herr Inschenier! – wacht doch auf! –«

»Gegen die Alp hinauf sieht's bös aus.« –

»Man kann vorm Wasser nicht mal zu der ersten Hütte.«

»Und in Absom hat's gebrannt.«

»Und die Allmenden sind nur noch ein See.«

Alle überschrien sich, Heinz, Seppli, Jochem, Minchen und der Redakteur. Und wie eine neue Überschwemmung fluteten die Berichte aus der Höhe und vom Tal über das Bett und seinen aufgeweckten Schläfer.

»Meine Frau? – Mang?« schrie Emil, nun völlig erwacht.

»Lassen Euch vielmal grüßen und sind unterwegs. Walter ist schon heraufgekommen. Der hat's gebracht. Drum sind wir da hereingebrochen, daß Ihr nicht Angst haben müßt.« – Mit dieser tüchtigen Entschuldigung schritt Jochem hinaus.

»Ist's nicht gefährlich da herauf?« fragte Emil in die Hosen springend.

»Was der Walter kann, kann der Mang noch einmal so gut,« sagte Seppli stolz. »Da habt nicht Angst. Der führt Euere Frau schon sicher.«

»Und was sagt man von der Alp? Ist etwas Unglückliches passiert?«

Man könne erst gegen Mittag zu den Hütten, wenn sich die Bäche verlaufen haben,« berichtete Heinz. Der Marx sei umgekehrt. »Aber die Alpleute wollen ja auch zur Kilbi herabkommen.«

So, das war die große Probe, dachte Emil. Sette konnte vor drei oder vier Uhr kaum in Miezeler sein. Also schnell hinauf zur Absomalp. Wie hat sich sein Werk wohl gehalten in diesem Hochgewitter? Wenn es das heil ertrug, dann hält es die Ewigkeit aus. – Heinz muß dem Herrn die Juchtenstiefel einschmieren, Käse, Brot, Fleisch und Eier einpacken und ihm den langen Bergstock holen. Dann eilt Emil behend aus dem Dörfchen, lachend auf Heinz, der ihn zehnmal zurückhalten will und zwanzigmal um heilige Vorsicht bittet. Der Waldboden ist noch feucht und weich, die Äste blitzen von Tautropfen voll Sonne, die Vögel singen wie närrisch, sogar alte Stare, die jahrelang nicht mehr die Terz übten, wagen jetzt die Quint und Sept. Und man muß sagen, ordentlich, einige sogar recht gut. – Die Tannadeln funkeln, als wären sie nagelneu, und aus den Büschen und den niedern Erdstauden und den Kräutern steigt jener unbeschreibliche Geruch von schwerem, wildem, unbezähmbarem Naturleben auf, bei dem die Lungenkranken zu husten aufhören und sich gesund gebärden. Aber dann sterben sie flink. Soviel Kraft halten sie nicht mehr aus. – Oft gab es breite, tiefe Pfützen, übertanzt von schimmernden und summenden Mückenchören. Oft auch, wo ein Bach aus dem Stegreif dahergelaufen und nun schon wieder versiegt war, hatte er doch einen unanständigen, häßlichen Schlammhaufen um die Stämme zurückgelassen. Zuweilen lag ein von Harz duftender, rotfleischiger Ast, groß wie ein Baum, alles versperrend, am Boden. O wie gern hätte er noch das Leben seines fürstlichen Vaters mitgelebt! Oder es hingen abgerissene Äste in den Bäumen. Der väterliche Baum hielt sie noch immer fest; wie Eltern immer noch nicht glauben wollen, daß das Kind nun wirklich tot sein soll, und es nicht dem Totengräber geben mögen. Sein Gesicht sieht ja noch so frisch aus. Aber das Traurigste war, wenn man an einen Gewaltsbaum kam, der vom Scheitel bis zur Sohle zerspellt war, so daß das Mark über die Rinden hinaus zur Erde rann. Man hätte weinen können.

Es paßte gar nicht dazu, daß der Himmel schon wieder so leichtsinnig blau herabsah und die Sonne so eitel lachte, als wäre ihr alles, alles nur ein Spaß auf Erden.

Aber je dünner der Wald wurde und je näher Emil den Alpweiden kam, desto lauter hörte er ein tief und schwer rollendes Wassertosen. Wunderbare Bässe! Hurtig erkletterte er eine Felshalde und sah nun mit einem Blick wie aus einer Loge in das laute, wilde Theater dieser Hochwelt.

In den obersten Felslagen hatte es geschneit, und da klatschten nun schaumweiße, herrliche Wasserfälle von Absatz zu Absatz wie über hohe Treppen hinunter. Eisig und rauh scholl ihr Lied, und sie verbreiteten auch trotz der schon wieder stechenden Sonne eine große Kühle. Die Weigete sah man von hier vorne nicht. Aber die ganze Alpe konnte er überblicken. Da gab es kleine Seen und Tümpel und Bäche und nur selten ein mit Gerölle versaartes Flecklein Weide. Die Verheerung schien nicht groß. Denn die vielen natürlichen Einschnitte und Falten der Alpe gegen die Fluh hinunter waren alle zu bequemen Flußbetten geworden. In ihren tiefen, reißenden Wassern war alles Getrümmer in den See geschwemmt. Über diese Gräben wollte Emil die Hütten erreichen.

Von Bach zu Bach mußte er eine enge oder seichte Stelle zum Überschreiten suchen. Sinnbetäubend war das Rauschen auf einem Stein so mitten im brüllenden Wasser. Stand man ferner, so überwog das allgemeine Tosen aller Bäche zusammen. In Wahrheit, die ganze Alpe war voll von diesem dumpfen Orgelspiel der Wasser. Darüber tanzte der goldene Dampf der feuchten, besonnten Luft.

Kahl, schwarz und nahe sahen die Zinnen der Kette, besonders der verwaschene Absomer mit seiner schmelzenden Schneekrone aus.

Es vergingen Stunden, bis Emil so nahe den Hütten war, daß er einige Älpler mit Hacken und Äxten von den Felsen her kommen sah. Er rief und winkte ihnen, aber der Wasserspektakel ringsum verschluckte seine feine Stimme wie eine Mücke. Sie gingen in die Hütten. Emil war müd und durch und durch naß. Allein konnte er über dieses letzte, breite und gefräßige Wasser nicht setzen, das ihn noch von den Älplern trennte. So lag er denn mit dem Rücken auf einem warmen Stein, um sich zu trocknen und auszuruhen.

Zwischen den vergitterten Fingern sah er im urblauen Himmel kleine feine Wolkenflöcklein von Ost gen West fahren. Dieses gemütliche Dahinschweben heimelte ihn eigentümlich an. Und die erwärmende Sonne tat ihm am ganzen, halbstarren Leibe wohl. Er fühlte sich immer behaglicher. Nein, diese Wölklein, wie sie so sicher spazieren und gar nicht pressieren! Am selben Himmel, der gestern noch so schauerlich war! Ach was, es wird auch am Berg drüben nicht so übel stehen! Emil fühlt einen merkwürdigen Leichtsinn erwachen. Er packt aus und ißt voll Appetit. Sehr gut ist dieser Käse. Solchen muß Heinz mehr beschaffen. Mang weiß vielleicht –

Ja so, Mang! das ist ja die Hauptsache! Ach, was werden Sette und der Bub wohl vom Dorfe bringen? Hoffentlich nur Gutes! Hoffentlich steht er morgen schon an Cäciliens Bett und sagt: Ich bin der Vater! – Nein, Wölklein, nein, ihr habt kein Herz, sonst müßtet ihr schneller fliegen. Wer so kriecht, weiß nichts von Sehnsucht. Langweilig seid ihr, wie Schnecken!

Emil springt auf, bindet sein Nastuch in den Stecken und schwingt ihn so hoch er kann. Endlich nach langem Schwenken, Schimpfen und Stampfen rennen zwei Hirten her. Man fragt und antwortet über das Wasser. Aber kein Laut wird vor diesem schallenden Gewässer verstanden. Doch aus den Mienen der Leute kann Emil entnehmen, daß der Sturm im eigentlichen Gefels arg gehaust hat. Bald schadenfroh, bald traurig dünkt ihn ihr Blick. Jetzt gibt's kein Halten mehr. Mit so gebieterischen Augen und so stürmischen Gesten begehrt er hinüber, daß einer zu den Hütten springt, mit einer Leiter zurückkehrt und das Holz ihm zustreckt. Es reicht gerade knapp an sein Ufer. Aber einige Staffeln zumitten werden von den Wellen hoch überspritzt. Laßt's bleiben! scheinen die Älpler mit ihren abwehrenden Gesichtern zu sagen. Es geht ums Leben. Auch der gescheite Hund bellt und wehrt wie wütend. Immer ungeheuerlicher dünkt die Hirten ein solches Wagnis, und einer will schon die Leiter wieder zurückziehen. Da beißt der Manuß die langen Oberzähne in die Lippen, reißt die Mundwinkel auseinander, kneift die Augen fest, mißt, setzt an und springt in drei wohlberechneten Staffelsätzen über. Er ist totenbleich. Die andern nicht weniger. »Herrgott!« ist's dem Kobelkarli entfahren, »da unten könntet Ihr jetzt zappeln.« –

Und mit Grauen schauen alle zum nahen Rand der Alpe, wo der Bach mit gesträubter, schaumiger Mähne aufwirbelt, als grause es sogar seiner Wildheit, so tief über die Wand hinunterzustürzen. Aber sie bewundern den Frechen mit seinem nassen, braunen Schnäuzchen und den mutig gespreizten Juchtenstiefeln und helfen ihm nun auch oberhalb der Hütten den Scheidbach übersetzen. Alle wollen ihn zu den Steinen hinauf begleiten. Das fällt ihm auf. Und wieder richten sie heimlich besorgte und doch innerlichst schadenfrohe Blicke auf ihn. Es muß recht übel aussehen um den Damm herum, schließt Emil und drängt vorwärts, so daß man schon in einer sauren Stunde um die Scharte des Eggbergs an die Weigete gelangt.

Nun fängt's im Kopf Emils an sonderbar zu musizieren. Vor den Augen spielt und flimmert es fratzenhaft. Spuck! Ist das möglich? – Heio, ihr Leute, reibt euch die Augen! Seht ihr denn auch vom Damm nichts mehr als zerworfene, haushohe Brocken, versandete und verschlammte Strecken ringsum und ein leises Bewegen und Wasserbrummeln der ganzen Halde? Als wär' sie etwas Lebendiges?

Er staunt und starrt! Eine Armee mit den besten Kanonen hätte das in tagelangem Sturm nicht fertig gebracht, was dieses einzige Gewitter. Und ganz leicht muß es ihm geworden sein. Wie von spielenden, ballwerfenden Händen sind da die größten Dammklötze herumgeworfen. Der mächtige Riegel ist wie mit einem leisen Fingerdruck an zwanzig Stellen gesprengt. Ein Kartenhaus war alles gegen diese Gewalten hier oben!

»Warum habt ihr mir nichts gesagt, daß hier alles rutscht?« fragt Emil fast schüchtern. Die Wucht der Natur allhier drückt ihn nieder. Sein Gesicht hatte nie so bescheidene Mienen. Er hält den Kopf gebückt, als presse ein großartiger Respekt vor einem Ingenieur, gegen den er ein Stümper ist, ihn fast zur Erde.

Die Älpler reden nichts. Sie haben zuerst mit eigentlicher Wollust das Erschrecken und unendliche Verwundern des stolzen Menschen da genossen. Aber sie hatten gehofft, er werde wüten und toben oder weinen wie ein Kind. Nun blieb er ordentlich gefaßt und machte ein so demütiges Gesicht. Sie waren mit ihren unverdorbenen Gefühlen diesem Eindruck nicht gewachsen. Der Mann rührte sie jetzt.

»Ihr konntet das doch voraussehen, – warum habt ihr mir nie etwas gesagt?« wiederholte Emil noch leiser und gedrückter.

Jetzt nahm der Kobelkarli – er wußte selber nicht wieso – die Mütze vom Kopf, wie vor einem Leidtragenden neben dem Sarg, und sagte langsam: »Ihr habt uns ja doch nie gefragt!«

»Es ist wahr!« sagte Emil kleinlaut. »Das hätte ich sollen.«

Ein langes Schweigen entstand.

»Wir haben oft gedacht, das hält nicht,« redete der alte Hannes endlich drein. »Aber dann, wenn's so fest und hoch und breit aufgewachsen ist und so arg verbunden mit Stahlbändern, glaubt' ich doch wieder, du, Inschenier, seiest der Stärkere.«

»Nur ich nicht,« widersprach der Alpmeister, »Ich hab' oft heimlich gelacht, wenn Ihr da so gekittet habt, und hab' gedacht, wenn's einmal recht herabbläst, geht das alles auseinander wie Schaum. – Aber Euch hätt' ich nichts gesagt. Ihr waret uns viel zu stolz. Da habt Ihr's nun.«

Es kam grob heraus, aber er hatte es mitleidig sagen wollen.

»Wißt, wenn wir Älpler so leis zwischen der Tabakpfeife herauslachen, so heißt das immer: Narrenstuck! – Ihr freilich wäret mir zehnmal recht gewesen. Aber Euere Arbeit mögen wir nicht!«

Emil widersprach nicht. Er sann auch nicht, ob da noch etwas für die Absomerbahn geschehen könne. Das hat er im Hinaufgehen alles schon drei-, viermal überschlagen. Ein Tunnel und ein Viadukt, beides geht nicht, beides würde Millionen kosten. Und wäre doch nicht sicher genug. Und wenn es auch andere Zuwege zum Absomer gäbe, das ist nun kein Ausweg mehr. Denn die Güter dieser Strecke sind gekauft, und der Umweg über die Mattlerberge käme viel zu teuer. Auch geriete das uralte konservative Dorf in helle Empörung. Nein, nein, das Werk ist ganz zunichte.

Sie gingen langsam zur Hüte hinab. Davor setzte sich Emil auf den gleichen Stein, wo er damals mit Mang abends Homer las. Aber er dachte jetzt nicht daran. Die Berge forderten ihn vor Gericht.

Wie weit bin ich da mitschuldig? fragte er sich. Nun, er hat die Sache von Bert übernommen. Um die geologischen Unterlagen hatte er sich nicht mehr zu kümmern. Das mußte in Ordnung sein. Hier, wo das Geld und die Schädel so hart sind, konnte er doch nicht glauben, daß der Stein faul und modrig sei. Nun freilich weiß er's, daß man unverantwortlich leichtsinnig vorging, die Steinschichten nur zum Schein prüfte, gewissenlos ein flottes Gutachten fertigte, alles, um rasch noch das Projekt in die Zeit blühender Stickerei und kauflustiger, aktienmutiger Leute hineinzupeitschen. Mag denn das Projekt fallen! Ihm tut es nicht weh. Sein Ruf leidet nicht darunter. Er will schon aufdecken, wo die Sünde liegt.

Morgen nachmittag will er der Kommission die Wahrheit frisch ins Gesicht schmeißen. Herrgott von Sankt Gallen, diese Kerls, die einen da nur heraufschicken: mach' fertig! – Auf faule Expertisen und trügerische Vorstudien hin, mach' nur fertig! – Sie, die den gutmütigen Bert getäuscht haben und ihn ebenfalls schier ins Pech brachten, die sollen morgen den Appetit für immer verlieren, den Ingenieur zu mißbrauchen! Leid tut ihm jetzt der arme Broller. Der ist ein gerichteter Mann. Aber er ist der Schuldigste. Zu Boden prügeln möchte er ihn und dann wieder aufheben und ihm sagen: Seien wir Freunde und machen wir ein anderes, besseres Geschäft!

Vielleicht kann er ihn in der Kommission doch noch retten. Jedenfalls redet er über das tote Projekt kein Wort bis zur Sitzung. Heut soll der Broller noch seine Kilbi haben.

Eines kann sich Emil nicht verzeihen, daß er immer so sicher getan und geprahlt hat, wie er den Berg zwingen werde. Jetzt lachen die Gipfel ihn aus. Verbissen, boshaft und unbewältigt glotzen sie auf ihn herab. Er haßt sie. Keine Träne wird er ihnen nachweinen. Aber schämen muß er sich vor einem jeden und am meisten vor dem Absomer selber.

Noch tiefer sank sein Kopf herab.

Da hörte er neben sich eine gröblich welche Stimme. Der alte Hannes stand mit einem Napf rauchender Milch vor ihm und sagte: »Euch ist fürwahr übel. Nehmt's Euch nicht so zu Herzen. Trinkt da von der Milch. Das stärkt! Und das wisset eben auch: grad so wie's Euch jetzt ums Herz sein mag, war's mir allezeit, wenn ich dachte, die Bahn fahre hier an den Hütten vorbei. – Trinkt, trinkt, Herr!«

Aber wie er sich wunderte, als Emil aufsah und ihn fröhlich anlächelte! Na, der Mensch ist doch ein dunkel Rätsel! Wird er die Bahn doch noch fertigbringen?

Emil trank dankbar den Napf leer. Der Augenblick war aber auch wirklich gar nicht zum Grollen und Hassen angetan. So scharmant lieb schien die Sonne, so silbern glinzelten die vielen Bäche durch die Alpe herauf und in der Taltiefe dehnte sich das prächtige Ländchen zwischen schwarzen Wäldern, hellen Hügeln und wunderlich geschlungenen blauen Gründen so hablich aus und setzte ans hübscheste Staffelchen immer ein so sauberes Dorf ab, daß einem Auge und Herz darob lachten. Und aus dieser allerliebsten Geographie stiegen gerade jetzt seine liebe Sette und sein ersehnter Sohn herauf und brachten ihm ein Fest.

Und wieder dachte Emil an seinen Plan eines Straßenbahnnetzes, wodurch diese zugeriegelten, einsamen Bergmenschen sich näher kämen, zusammen reden und zusammen denken müßten und so in Kraft und Einheit ihren zerstückelten Handel großzügig machten. Je nichtiger nun die Bergbahn, desto wirklicher erschien ihm diese schimmernde Verästelung einer Talbahn mit läutenden Stationen, hellfenstrigen, bevölkerten Wagen, Mündungen in jedes Nestchen und mit dem guten Genius des Profits, der über allem rundbackig schwebte. – Soll er oder soll er nicht? Wohl, am Montag will er zuerst wettern wie ein Malio und sich vom Absomerprojekt wie ein Feind lossagen. Dann aber will er auch seine freundliche Seite zeigen und den Herren, die ja nun doch einmal durchaus Schienen legen wollen, den neuen Plan in seiner ganzen volkstümlichen, nutzbaren Kraft vor die Augen malen. – Papier, Papier!

Auf einen Fetzen über dem Knie zeichnet er mit genialer Skizzenhaftigkeit die Zusammenhänge des Ländchens in Tälchen und Hügelketten, so wie die verkürzte Perspektive sie heraufzeigt. Er notiert die Höhen und Sättel und Gründe, die Schleifen und Tunnels, die Brücken und Dämme und Haltestellen, merkt zweifelhaftes Gebiet, billiges Terrain an und tüpfelt die Knotenpunkte dichter. Die Bauern umringen ihn, blinzeln neugierig ins Gezeichnete, mucksen sich nicht und verstehen auch nichts. – Der Mensch da ist ein Rätsel.

Endlich springt der Ingenieur auf, legt das Papier zusammen und sagt lustig: »Habt ihr auch etwas zu essen, liebe Leute? Ich hab' heut einen verfluchten Hunger.«

Die Älpler sehen sich verdutzt an. Wie, essen mag er auch noch nach allem?

»Und dann zur Kilbi hinunter! Wir wollen doch alle einen Schottisch tanzen!«

Tanzen auch noch? – So einer! – Da hört doch alles auf. Sie wenigstens schicken die Jungen hinunter. Ihnen ist's bei solcher Verschwemmung der Alp nicht mehr ums Tanzen. – Aber erst am Nachmittag. Jetzt heißt es Brücken schlagen und zum Vieh sehen.

Der Melkbub mit der Leiter begleitet Emil bis zum großen Bach. Der Manuß pfeift ›Wo Berge sich erheben‹ so schrill und falsch, daß der Junge aufhört zu sekundieren. Die Älpler aber schauen mit Kopfschütteln nach und beschließen, den Berni von der hintersten Hütte an die Kilbi zu schicken. Der hat ein gutes Maul, spuckt vor jeder neuen Bahn und wird den Kilbileuten schon erzählen, wie's hier oben steht. Daß nicht etwa der Ingenieur lacht und sagt, es sei nur alles eine Bagatelle. Am End' ist ihm Bahn und Berg und Mensch grad' so einerlei wie die Zigaretten, die er aus der nassen Rocktasche geschmissen hat – und haben sie doch alle aufgelesen und kann man die meisten noch vornehm verpaffen.

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