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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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2

Seit jenem Auftritt unter den Augen des alten Sebaldus wußte sie, daß Emil Manuß ihr großes Lebensschicksal sei, daß in diesem Manne ihre ganze Zeit bis zum Tode beschlossen würde, zum Glück oder Unglück, einerlei. Wie ein heißer Föhn durchstürmte die verspätete Liebe jetzt ihre kleine, zierliche Person und zerbrach sie fast. Sie müßte nun sterben ohne ihn.

Er erhitzte sich nicht so und hielt sie fest und sicher in der Hand, nicht wie ein trunkener Liebhaber, sondern wie ein rüstiger, kluger Eroberer. Nie hatte sie ihn wahrhaft leidenschaftlich gesehen, und ganz sicher wußte sie nicht, was sie ihm eigentlich bedeute, Kameradin, Dienerin, Sklavin, Hausfrau oder vielleicht doch Geliebte. Aber sie mochte das in ihrer Verliebtheit nicht bedachtsam prüfen. Sie glaubte und er log sie nicht an: nach einem kurzen, mühelosen Jahre wurde sie sein Weib. Ein großes Vermögen kam zu einem noch größeren. Sie richteten sich mit Minchen und Heinz, Emils altem Hauslehrer und Faktotum, sowie dem beiderseitigen alten Gesinde im Manußhaus der Emilerlinie einfach vornehm ein.

Nun aber fing die Ehe an, und da ward Settchens Herz auf einmal wie aus einem durchtanzten Sonntag in den nüchterngrauen Montag geworfen. Sie machten keine Hochzeitsreise, wegen einer dringenden Trasseestudie Emils. Schon am ersten Ehetage arbeitete er wie sonst seine Bürostunden durch, kam keine Minute früher zu Tische. Er ließ sie schalten, wie sie wollte, hemmte sie nirgends und geizte, so mäßig er selber lebte, ihr gegenüber nie. Sie durfte ihre Schränke füllen und ihre Zirkel halten nach Herzenslust. So grob er die Bedienten anfuhr, ihr trat er nie zu nahe, war immer höflich und gerecht. Aber das war das Kalte und Grausame – er tat wie ein längst Verheirateter, so klug, so weise, so nüchtern und so geschäftsmäßig. Er war froh, als die Zeremonien des Trautages vorbei waren und er wieder zwischen den Instrumenten und Projekten seines Büros saß. Das war seine Leidenschaft, messen, rechnen, zählen, Winkel und Kreise zeichnen. Sie merkte, dieser Mensch würde nie eine Frau innig lieben können, er hatte schon eine – die Geometrie!

Jetzt verstand sie ihn. Eine Hausfrau wollte er, eine schmucke, treue, ihm wie ein Hündchen ergebene, eine Angehörige zur Pflege und Ordnung des Hauses, zur Gesellschaft am Tische etwa, eine Gattin zur Gesundheit und Genüge seines Leibes, eine Frau Manuß in den seltenen, nicht zu umgehenden Besuchen. Aber mehr wollte er nicht. Doch sie wollte mehr, viel mehr! Ihr Blut war noch nicht vergoren. Gewaltig trieb noch der Most ihrer Lebensfreude. Doch was tun? Er war und blieb ein fest versiegelter, alter, kühler Wein. Vielleicht gab es auch da noch ein heimliches Feuerchen. Aber sie merkte nichts davon. –

Man fuhr jetzt zur Stadt hinaus. Frau Sette sah, ins graue Polster geduckt, unfroh die letzten Vorstadthäuser entschwinden. Während Minchen unendlich schwatzte und Tausenderlei ahnte, was erst noch Großes kommen würde, unersättlich wie alle Kinder, war es der kleinen, grauseidenen Frau mit dem harten Schweizerkopf gleichgültig, wohin die Fahrt ginge. Einstweilen bis Basel, dachte sie. Aber als das schwarzzopfige Mädchen immer noch Neugier auf Neugier versprudelte, lispelte sie: »O du mein Trost!« und küßte das selige Ding schier neidisch auf die niedrige Stirne. »Daß ich doch auch noch solchen Appetit am Leben hätte!« Der stille, oft unterdrückte Groll gegen den, der ihr diesen heiligen Appetit genommen hatte, stieg ihr wieder wie Übelkeit auf.

Kann man in anderthalb Jahren so überflüssig werden? Ja, überflüssig, das ist das rechte Wort, nicht verliebt, nicht verfeindet, wo man sich nötig wäre, sondern überflüssig. Nie haben sie sich gezankt, nie gehadert. Jeden Abend bekommt sie seinen Kuß, ob er vor oder nach ihr zu Bette geht. Aber was sind das für Küsse? Küsse, die nun einmal im Brauch sind, laue, unbeseelte, die sie anfrösteln. Er küßt, wie er die Kubikwurzel auszieht, genau so ordentlich und kühl. Ganz anders war seine Zärtlichkeit unter dem Bild des Stammvaters Sebald. Oder machte es damals die Kühnheit und Erobererfreude, daß seine Küsse so brannten? War er damals schon so fischblütig? Oder ist sie ihm so rasch zu wenig geworden? Nun ja, er ist gescheit, denkt scharf, weiß unendlich viel, sein Büro gilt Wunder was. Und ich bin nichts Gelehrtes und Weises. Aber ich bin frisch und lustig und geweckt und verdiene, daß er mich so liebt, wie ich ihn. Ich verdien's &…133;

Ihr wunderbar melodisches Haar bläht sich auf und schimmert blond über das weiße Gesichtchen und den kleinen, runden, grollenden Mund.

Er liebt nur sich. Das ist's. Er arbeitet, wie er will, geht, wohin es ihm behagt, und kommt, wann er mag, wir haben nichts Gemeinsames. Er plaudert mir nie von seinen Unternehmungen etwas vor. Kaum weiß ich, wo er eine Linie absteckt. Hat er mir je von Afrika erzählt? von den Palmen? von der Wüste und den Straußen? von Kamelen und schwarzem Volke? Frau Bert sagt mir, daß er unter den Kollegen sehr beredt sein könne, mitunter zu einem Schelmenstück reize und recht harte und schlimme Geschichtlein auskrame. Und gar nicht ohne Sinn fürs Weibliche! mahnte mich die Plaudertasche einmal. Daraufhin habe ich wie ein Falke spioniert, aber nicht eine Fährte bemerkt. Nur Unruhe ist mir von dieser Klatschbase geblieben.

»Du mußt ihn bezaubern, du hübschestes Frauchen,« sagte die Bert.

Hundertmal wollte sie ihn bezaubern – Torheiten!

Sette erinnert sicht wie sie einmal den hellen, gelben Rock mit dem feinen Seidenkrepp darüber anzog, an einem Werktag. Das war der Rock, an dem sie ihn zum Ahnensaal geführt hatte. Sie lächelte auf zehn Arten vor dem Spiegel, um zu lernen, wie sie am gewinnendsten aussähe. Sie erfand Gesten wie in einer Schauspielprobe und studierte jeden Satz, wie sie ihn am liebsten färben könne. Ihre Brust ging hoch auf und nieder, als nach diesen Vorbereitungen eines halben Tages Emil ahnungslos die Treppe heraufstieg. Oben stand sie grüßend. »Junges Wittib!« scherzte er mit langweiliger Stimme, bot Minchen eilig den Mund und rief dann heftig: »Flink, ein Glas Wein und etwas Kaltes, aber lauf, Sette, lauf! ich muß auf den Zug.« – Fünf Minuten später war er fort. Sein Pfeifen während des Abendbrotes höhnte sie noch lange im leeren Speisezimmer, und alle Spiegel spotteten ihr gelbes Kleid aus.

»Junges Weibchen!« oder »Junges Wittib!« Mit diesem verfluchten Namen wurde ihr alles Echte gestohlen. Das mußte für liebe Frau und Schatz und Herzkäfer und alle andern Kleinodien gelten, womit ihr erster, zehnmal weniger geliebter Gemahl sie so freigebig geschmückt hatte. Ein einziges solches Wörtlein wäre ihr mehr wert gewesen, als der erste Diamant der Erde.

»Ich sah euch neben dem Büro heute nachmittag vorbeigehen,« sagte Emil einmal Abends, die Zeitung zusammenlegend. »Ein Schreiber flüsterte zum andern, wer das wäre, so elegant das Kleine und das Große! Ich wußte es beinahe selber nicht, so fremd ginget ihr am Fenster vorbei. Wie die zusammen gehören, ein Kitt! dachte ich. Ich blieb gern im Büro. Gar nicht gepaßt hätte ich zu euch.«

Das sagte er in aller Unschuld und ahnte nicht, wie wahrhaft und wie häßlich er sich zeichnete.

»Warum nicht gepaßt?« – Sette wartete mit halboffenen Lippen.

»Ihr seid ein Paar, das man nicht zerstören darf, wo ein drittes zuviel wäre.«

»Ich verstehe das nicht, Emil!« widersprach sie erregt.

»Dann ist's ja auch gleich. Ich passe sicher zu keiner Frau!« – Er öffnete das Blatt wieder und las unbekümmert weiter.

Was hieß das? Sie marterte sich den Kopf fast wund daran. Endlich schien ihr etwas licht zu werden. Sie sollte mehr gute Mutter als verliebte oder grollende Frau sein, das war's. Darin hatte sie gefehlt. Denn wohl wenig war sie Mutter gewesen in den letzten Jahren, diesen Trabantenjahren um die stolze Sonne Emil. Minchen war ihr mehr ein bequemes, liebes Begleitstück in ihren Pröbeleien gegen Emil gewesen. Schon fing das Kind an, sich eine solche Mutter entbehrlich zu machen und mehr auf die gute Maria Bert zu hören. Nein, dieses liebe Wesen sollte ihr nicht auch noch entschlüpfen. Wie ein Vögelchen, das schon beide Schwingen zum Ausfliegen lüpft, aber das man gerade im letzten Augenblick noch am Schwänzchen fassen kann, so nahm sie Minchen und zog es in den Käfig ihrer Mütterlichkeit zurück. Mit ihrem ganzen, unvergeudeten Herzen übergoß sie das Töchterchen und gewann es noch rechtzeitig zurück. Zuerst war auch noch einiges Falsche dabei. Sie hoffte Emil eifersüchtig zu machen. Dies war ihr letzter Selbstbetrug und nun gehörte ihr Herz ganz dem Kinde. Sie wurde von da an um ein Geringes glücklicher, in ihrer Lage jedenfalls sicherer und selbständiger.

Um sich noch mehr zu härten, stellte sie sich seitdem oft alle Schwächen und Kleinlichkeiten Emils vor, denn solche hatte auch dieser Gott. Seine Liebe zum Kaffee, die fast ins Tantenhafte ausartete, sein schweres Aufstehen am Morgen, als wäre er noch ein unerwachsener Junge, seine ewigen kleinen Halsleiden, seine immer belegte Stimme, das langsame, gekerbte Sprechen, als wäre er ein Alter, seine langen, gelben Oberzähne, sein langes, bläßlich rotes Gesicht, seine erregte, hastige Art, den Dienern zu befehlen, seine groben Flüche – einiges davon dünkte Setten nach und nach geradezu lächerlich, einiges überaus unschön. Aber an das Gesicht als Ganzes, dieses stolze, harte, und vor allem an die Augen, durfte sie nicht geraten, die hatten jetzt noch Gewalt über sie.

Von all dem hatte Emil sehr wenig gemerkt. Er hielt sie für glücklich, da sie ja seine Frau sein durfte und da sie nie klagte. Erst ihr Gleichgültigwerden berührte ihn ein wenig. Sie grollte also doch ein bißchen, weil er kein Frauenknecht wie Bert war. Nun, nun, das wird schon vorübergehen. Ein bißchen gezwungen oder befangen war es vielleicht neben ihr, wenn sie gar nichts redete, als was man gerade muß. Allein das konnte er nicht ändern und tat ihm ja auch gar nicht weh. Daß ihr leidenschaftliches und entschiedenes Herz allmählich anfinge, die Liebe in Haß umzuwechseln, das ahnte er schon gar nicht. Sie selber verneinte es sich ängstlich Tag für Tag. Aber es kam, es kam sicher, zur stillen Dulderin hatte sie kein Talent.

Ihre Gesundheit litt sehr unter dem allen und Doktor Alberti riet ihr, wie allen seinen reichen und bleichen Patienten, um diese Zeit ein Nordseebad an. Selbstverständlich, sagte Emil. Fast dünkte sie, er freue sich auf diese erste Abwesenheit seiner Frau. Auch sie betrieb es nun eilig. Nur einmal ein wenig aus diesem Hause weg! – Vielleicht nützt das beiden, nähert sie wieder oder schneidet sie endgültig voneinander.

Je lauter Minchen an ihrer Seite indessen vom Meere redete, Unglaubliches, Unerhörtes, gleich auf der Stelle Erfundenes, desto mehr fing nun doch auch Sette an, sich mit der Ferie zu beschäftigen und eine farbige Vorstellung von so einem Meerbad, seiner graugrünen Woge und seinem als leichtherzig gescholtenen Indentagleben zu machen. Sie hoffte auf vielen starken Wind. Der kam ihr recht. Kein Lüftchen war gegangen in dem dicken, wohlvergitterten Manußhaus. Aber an die Sandstufen der Badestadt hinauf wird die Brise weißgemähnte Wellen wälzen, Ungeheuer, die zischen und brüllen, und sie wird Segelschiffe durch die See jagen und Dampfer auf die Seite neigen und ihre Maste brechen und den Frauen die Hüte und Schleier abreißen und gleichsam mit einem Dutzend stürmischer Besen die alten, warm verhockten Siebensachen des Herzens hinausfegen – wie Gerümpel. Es tut weh, aber sie will lachen, wenn's nur geschieht.

Im gleichen Wagen sitzen einige ausländische Reisende. Jeden Augenblick staunen sie mit Oh! und Ah! in Settens Vaterland hinaus. Und es ist schön! Man fährt talab, den Ebenen zu. Aber so ist's einmal hier, immer an einem Fluß, der noch frische Lieder von der Schneewiege und noch lange kein müdes Abendlied vom holländischen Sandbett singt. Und es ist wirkliches Gebirgswasser, so klar, blau und kalt, als wären darin eben noch die letzten Gletscherstücke zerschmolzen.

Und man sieht, wo größere Äcker sind, immer die gleichen Leute langsam und wortarm hindurchgehen, ein steinschädeliges, grob und langgesichtiges Volk, mit schweren Füßen und breiten Händen, aber hagern, lenksamen Leibern. Und immer sitzt eine besorgte, wenig genügsame, rechnerische Miene in der zerfurchten Stirne, aber auch etwas Schalkhaftes und Heimeliges spielt mit. Schweizer, alles Schweizer, und in alle Ewigkeit nicht zu verwechseln mit irgendeinem nahen und gleichzüngigen Stamme.

Wo eine Stadt kommt, sind die Leute etwas geschickter im Bau, weicher im Gang und sehen minder vereinsamt aus. Doch die gleiche, langsame, tiefe Melodie der Sprache, der gleiche kerbige Schnitt des Kopfes, die gleiche kluge und wohl auch pfiffige Vierschrötigkeit, stille zu stehen und auf den Profit des Tages zu horchen. Und überall Derbheit, im Gehorchen der Knechte drüben am Hügel, im Kommando des Obersten dort an der Kaserne, im Wink des Fabrikherrn auf dem Aarauer Perron nach dem abfahrenden Makler, im Scherz der Jungen, die sich vor den Barrieren abprügeln. Aber alles geht so ernsthaft, klar, solid und fast feierlich zu. O Schweiz, liebe, herrliche, herzverschlossene, menschenwunderliche Schweiz, was bist du für ein spaßig liebes, würdiges Ländchen! –

Die Hügel verebneten sich. In der Ferne sah man die Ränfte einer tiefen buschigen Schlucht wie einen Erdspalt auf gähnen. Sicher rollt dort schon der grüne Grenzstrom, der noch schweizerische, noch ungezähmte, noch demokratische Rhein! Aber viele Reisende blickten jetzt gegen Süden, wo nach dem roten Reisefexen Baedecker die Berge sich nochmals gehorsamst vorstellen sollten.

Sette, die vornehme Bürgersfrau einer alten, schweizerischen Stadtfamilie, fühlte sich in der Gesellschaft dieser deutschen und welschen Herrschaften plötzlich wieder frischer. Das war ihre Schweiz, von der da alles sprach und so sprach, als gehöre sie wie ein Weidplatz den spazierenden Touristen. Und das Kind neben ihr war auch ein echtes Schweizerchen und sollte es bleiben, auch am Meer unten. Und – sonderbar wohl tat ihr der Gedanke – das hatte sie doch noch mit ihrem Gatten gemein, den guten Tropfen Manussenblut, alten, bewährten Schweizersaft. Die Leiden der Liebe sind sicher in allen Völkern die gleichen, dachte sie. Wer weiß, was diese Herrschaften aus Dresden und London unter ihren vornehm langweiligen Masken schon duldeten. Allen tut es gleich weh, das Entbehren, und allen gleich wohl, das Geküßtwerden. Aber es verhalten und hart verschließen nach außen wie wir, und es in sich töten, das Jubeln oder Stöhnen, nein, das ist unsere Art, dachte sie stolz, ihr steinig hartes Köpflein mit der blonden Haarkrone aufhebend. Und hier soll mir niemand ansehen, was ich bin, Frau oder Wittib oder gar Minchens große mitreisende Schwester.

»Hier soll Gottfried Keller geboren sein,« näselte ein Hamburger und wies in ein von einem Bach zerrauftes, schmales, baumerfülltes, grenzenlos heimeliges Einsamkeitsplätzchen in der Taltiefe. »Wie ist es denn eigentlich?«

Die gefragte Frau, eine Doktorsgattin aus Schaffhausen mit ihrem Sohn, einem stulpnasigen Gymnasiasten, antwortete sehr ruhig und sehr stolz: »Das weiß ich nicht, wo der Gottfried Keller geboren worden ist.«

Grenzenloses Staunen. »Das weiß sie nicht,« lispeln die Hamburger verblüfft und mitleidig zueinander.

»C'est très fort,« krähte eine Gallierin.

Aber der Doktorssohn, der Blaumützler mit der frechen Nase und der schwellenden Oberlippe, fing an zu pfeifen: »O mein Heimatland, o, mein Vaterland –«

Und gleich sang das süße, überhohe Stimmchen Minchens mit: »Wie so innig, feurig lieb' ich dich!«

Gnädig nickte der Student, worauf Minchen noch einen halben Ton höher sang.

Plötzlich brachen sie ab.

Denn da geschah, wie es die krause und eigenmächtige, aber sinnvolle Laune unseres Landes so haben will, daß, wenn man ein, zwei Stündchen, sei's nach Nord oder West, von der Stadt weg ins Flache fährt, nun an dieser Talecke, nun am Flußknie dort, jetzt ein drittes Mal gar am Saume der Heimat zwischen Kartoffelfeldern und Kleegütern, wo einem schon ein Geschmäcklein vom Ausland auf die Zunge kommt, daß einen da auf einmal das weiße Bild der Alpen aus unerklärlichen Fernen grüßt. So tauchte jetzt, gerade über der donnernden Rheinbrücke, weit hinten im Süd und Ost wie eine gütige Altvätererscheinung diese Kette weißgehörnter oder silberkuppeliger, bunt aneinander gewachsener Schneegebirge auf, milden Gesichts, mit erhabenen Stirnen und einem überirdischen, aus den obersten, blauen Himmeln empfangenen Glanz. Sie standen feierlich da und schienen zu sagen: Vergiß nicht, Schweizerkind, daß du Stein von unserem Stein und Firn von unserem Firn und Stolz von unserem Stolz bist! Ade! –

Dann tauchten sie unter, wie verschluckt von der Gier der unersättlich großen, sich dehnenden Ebene. Aber die kleine, grauseidene Frau mit den dicken Schweizerzöpfen ließ sie nicht aus dem Auge, bis der letzte Zinken verglomm. Dann blickte sie mutig ins fremde Land, an dessen Saum man jetzt fuhr. Der Knabe und das Dirnlein aber summten wieder weiter:

»Lasse strahlen deinen schönsten Stern
Nieder auf mein liebes Heimatland!«

Heimat, Emil, Schneeberge, Liebe, alles floß in diesen Versen für die Reisende in einen schmerzlich süßen Sang zusammen. Sie fühlte sich besser. Kam das von den Bergen, den gesunden, starken Bergen? Emil zieht ja dort hinauf. Meinetwegen, meinetwegen!

Vielleicht machen sie ihn besser, vielleicht.

Meinetwegen! wehrt sich ihr Stolz nochmals.

Vielleicht doch, o ihr Berge, vielleicht doch!

Und dieses Vielleicht schwebte wie ein sanfter, gern geduldeter Widerspruch über ihren kleinen, böse aufgeworfenen, blutdunkeln Lippen und über ihren tapfern grauen Augen und löste nach und nach das Streitbare und Harte in ihrem Gesichtlein auf, bis sie sich endlich über das schläfrig gewordene Minchen bog, es auf den glitzerig schwarzen Scheitel küßte und zu ihm und halb auch zu dem kecken Schaffhauser Knaben sagte: »Singt das doch noch einmal, wisset, – wie doch, ei, – Thronenglanz ob – deinem Berg vergaß –?«

Die zwei lachten unverschämt ob der wirren Vertrödelung so heiliger Verse und wiederholten dann, da auch sie, wie alle Schweizer, nur die erste Strophe genau wußten, die alten wunderbaren Worte:

»Schönste Ros', ob jede mir verblich,
Duftest noch an meinem öden Strand!
Mein Heimatland, mein Schweizerland,
mein Vaterland.«

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