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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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29

Emil war mit der Nachprüfung der Strecke gerade vor dem Gewitter fertig geworden. Auf dem Grat hingen ihm die grauen Wolken fast ins Haar. Öffnete sich das Gespinst einmal schnell, so sah er es blauschwarz vom Jura her kommen, langsam und breitflügelig sich über die Hochebene ausdehnen und nach und nach auch die Südalpen verschwemmen: das Gewitter.

Er hatte ein Fähnlein auf den Absomerkopf gesteckt und war zufrieden mit der genialen Anlage der Trasse niedergestiegen und müde aber froh abends, da es wegen des düstern Himmels schon fast wie Nacht war, in Miezeler angelangt. Das Wirtshaus überlief schon von Kilbileuten, und im Gäßchen irrten ihrer noch viele von Hütte zu Hütte. Sonst übernachtete man lagermäßig im Freien. Aber jetzt, beim drohenden Unwetter, war nicht daran zu denken.

Emil trank fünf Tassen Milch nacheinander und suchte dann Heinz. In der Kapelle hörte er reden. Richtig, da stand Heinz vor dem Altar mit Maler Hitz, während Pfarrer Daniel und der Kaplan in einer hintern Ecke sich über die morgigen Kanzeltexte besprachen.

Meister Hitz hatte eine frisch bemalte Leinwand an die Wand ob dem Altartisch genagelt mit den zwei Alppatronen St. Jakob und St. Margaret.

»Einen Mann und eine Frau habt ihr doch gern beisammen,« scherzte Heinz, »sogar in euer heiligsten Sachen.«

»Gebt acht, es ist noch naß,« warnte Hitz, »und redet nicht so laut!« – Er zeigte auf die Geistlichen.

In der Tat, die Augen des Drachen, die schwefelgelben, und sein grüner Panzer schimmerten feucht, als wäre das Untier eben aus einem Moraste gekrochen. St. Margareta stellte den rechten Fuß auf den geschuppten Rücken, als wäre es ein gewöhnlicher Melkschemel. Daneben starrte Jakobus in die Höhe, groß, breit, mit weißem Bart bis zur Brust und einem ungeheuren Pflock im Arm. Das bedeutete den Walkerbengel, womit man dem Apostel am Fuß des Tempels den Kopf eingeschlagen hatte. Sehr ernsthaft und sehr steif sahen die beiden Heiligen aus. Denn Maler Hitz konnte so muntere Kälblein und gleichsam aus dem Rahmen springende Gemsen malen, Stiere, die sich hornten, und Zicklein, die auf den Vorderbeinen tanzten; aber wenn sein Pinsel von der Tiergemeinde zu den klugen, schweren Menschen oder gar ins ewige Land der Heiligen spazierte, dann ward er zaghaft und feierlich hölzern, wagte nichts sinnlich Rundes und saftig Lebendiges mehr, sondern schuf Taubes, Stummes, Blindes.

Das wußte der Maler, und daher waren die Personen ihm nicht die Hauptsache. Er stellte die zwei Heiligen auf einen Felsen. Da staken sie fest wie zwei farbige Schnitzfiguren. Dafür ließ er am Fuß des künstlichen Felsbergs seiner animalischen Fabulierkunst vollen Lauf. Da waren alle Sorten von Kühen, gefleckte, einfärbige, bebänderte, dann schwerwollige, buttergelbe Schafe, und solche, die fröstelnd aus der Schur kamen, dann gehörnte und ungehörte Geißen, rötliche und gesprenkelte und schwarze Schweinchen, und zwischen allen ein herrlicher, zottiger Muni. Das war der erste Ring um den Berg der Heiligen.

Den zweiten, tiefer und minder zahmen Zirkel bildete der Maler aus dem sämtlichen Wild des Absomergebietes. Da sah man Murmeltierchen, die ein possierliches Mannli machten, neben scharrenden Feldmäusen und einem rauhbeinigen Hasen, der über sie alle gestreckten Galopps hinwegsetzte. Denn ihn verfolgte eine der wenigen, seltenen, dickschwanzigen Wildkatzen, die es da herum noch etwa gibt. In den Lüften lauerten die vier Adler der Furgglenfirst. Aber da saßen ein Mägdlein und ein Knabe am Wege von den wilden zu den zahmen Tieren, und man kannte sie sogleich trotz der Puppenhaftigkeit ihrer Glieder: Irmeli und ihr Bruder Seppli! Ganz ihr Haar und stilles Honigaug' und ein enges, lichtes Stirnlein; und ganz sein runder Kopf mit vom Scheitel stürzendem Schopf, den Faulenzeraugen und dem großen, lustigen Mund voll schwarzer Zähne.

Damit man aber nicht meine, es seien Uelis Kinder, trugen sie einen kraftvollen Heiligenschein um den Kopf. Es mußten also wohl Engelchen sein, gute Geister des Berges. Und wirklich, während die Wildkatze fauchte und zurückschlich, der Fuchs mit gepeitschtem Schwanz ins Loch kroch und der Marder ohnmächtig die Zähne fletschte, gaukelten die Hasenkinder sorglos zu Sepplis Füßen, tratschelten die Wildenten vom Plättlisee und die Rebhühner vom Absomerwald zutraulich um Irmelis Röcklein, flogen ihnen Spechte, Kuckuck, Elster und Birkhuhn auf Achsel und Knie und nahm sogar ein Hühnergeier zwischen dem Kleinvolk eine richtige Stubenvogelmiene an. Ein Hirsch und ein Rehkälblein ästen vor Seppli, aber gaben bei allem Appetit recht wohl acht, daß sie kein Edelweiß mit dem saftigen Alpengras wegfraßen. Der Seppli lachte unheilig in diese Tierfabel hinein und ließ trotz Heiligenschein die Zipfelmütze respektlos hintenüber hängen. Aber das Irmeli faltete die Hände und blickte gläubig zu den Patronen empor.

Zu vorderst am Bildrand standen einige Häuser in Spielzeugform, die Markthalle von Mattli, sein Rathaus und die Miezelerkapelle. Gern hätte Hitz noch ein giebelgeschweiftes, stolzes Absomerhaus, etwa das Brollersche Staatsgebäude oder die Krone dazugestellt. Aber die hätten das wie eine katholische Bevormundung angesehen, und so baute er denn nur noch das Armensünderhäuschen her, das an der Grenze beider Gemeinden stand und über dessen Zugehörigkeit zehn Advokaten seit zehn Jahren die sämtlichen Paragraphen des römischen Rechts, die alten Grundbriefe und Bürgerrodel der Heimat auswendig lernten.

Im Hintergrund war die Kette der Absomeralpen mit beschneiten Spitzen zu sehen. Ganz vorne am Rahmen aber floß ein breites Wasser, der Scheidbach, fromm durchs Bild und spiegelte einen veilchenblauen Himmel ab.

Der Maler war stolz auf sein Werk. Er habe das ganze Vaterland gemalt, meinte er, nämlich das Gebirge und seine Geschöpfe, und alles unter die überweltliche Kraft der Schutzheiligen gestellt.

»Sehr gut, fürtrefflich!« lobte Heinz. »Aber Margareta und Jakobus sind zu steif. Das ist Holz.«

»Wißt Ihr denn, wie die Heiligen aussehen?« foppte Hitz spitzig. »Nachdem Ihr sie aus den Kirchen geworfen habt? – Meint Ihr, sie stehen auf dem Kopf oder lachen wie besessen?«

»Sie lachen jedenfalls und mächtiger als wir lachen können. Fragt nur die Geistlichen!«

»Lärmt doch nicht! Die kritisieren noch immer früh genug! – Aber der Muni, hä? Kommt er nicht gerad' von der Weid?« – Es blitzte durchs spinnwebige Fensterchen.

»Ein Prachtvieh! – Aber auch die Wildkatz' mit den geschlitzten Augen –«

»Pst!« Ein schwerer Donner wälzte sich sozusagen über das Kapellendach. Emil blieb noch immer still an der Schwelle.

»Also wär's ausgemacht,« sagte der Kaplan zum Altar vorschreitend. »Sie fangen mit dem Gewitter an – horch, horch! da kommt's schon! – und hören mit dem Segen Gottes auf. Und ich red' einmal von der bösen, ehrabschneiderischen, giftigen Volkszunge, die jetzt wieder so laut tut.«

»Wie Sie wollen, wenn's nur paßt!« erwiderte der Pfarrer von Absom langsam und lächelnd.

»Ich bring's schon in den Kilbirahmen, keine Angst! Mehr Ohren hab' ich das ganze Jahr nie. Es gehen da Gerüchte, es säet Unrat, zeuselt Spielt mit dem Feuer und bränzelt und gibt ein leides, falsches Untereinandersein – so bei uns in Mattli, – so sicher auch bei Euch. – Da muß einmal das heilige Donnerwetter dreinschlagen!«

»Und Ihr Ehrenkäslein?« neckte Pfarrer Daniel.

»Verdien' ich mir lieber nicht mit einer Schmeichelbrüh!«'

»Gut, gut!« besänftigte Daniel, »wir wollen's beide morgen recht machen.«

»Und hilfreich fürs Gemeinsame!« fügte der Kaplan bei.

Der Pfarrer fand das Bild im Tierischen sehr gut, im Menschlichen leidlich, aber im Heiligen wie mit dem Sackmesser geschnitzt. Er hatte die meisten deutschen Galerien besucht und liebte vor allem van Dyck. Aber hier! So ein Gestammel, minder als Holzschnitt!

Dem Kaplan jedoch ging die ganze Schilderung ins Herz. Wie rührend war das! Wie anders als jene Bilder, die er vor vielen Jahren im Züricherischen Künstlerhaus von einem Lude, Ruhle – oder so was – gesehen und wo er mit zurückgelassenem Regenschirm – es war der neue, vom Jungfrauenverein geschenkte! – schnaubend und schwitzend, als brenne der Boden, hinausrannte!

»Meister Hitz!« sagte er, »ich beantrage dem Mattler Kirchenrat, Euch auch den Chorbogen malen zu lassen.«

Der grauhäuptige Maler verneigte sich ehrerbietig.

»Aber was ist das? Ihr habt ja Jakobus den Jüngern gemalt!« schrie der Kaplan auf einmal auf.

»Ich? – den Jüngern – gibt es –«

»Ein sauberer Christ, Ihr da! – Unser Patron heißt doch Jakobus der Ältere. Das ist der Spanierapostel, wißt, der von Kompostell, dem man ein Schwert in die Hand gibt, weil ihn Herodes hat grausam köpfen lassen. – Könnt Ihr das noch ändern? Muß sein, muß sein! Das gäb' ja Krieg im Himmel! – Da haben wir's!« fügte er noch schalkhaft dem Donnergerumpel bei, das eben wieder an den vier Mauern rüttelte.

Ohne ein Wort zu verlieren, stieg Hitz auf den Altartisch und verwandelte mit energischen, breiten Pinselzügen das Walkholz in ein gewaltiges Zweihänderschwert. So eines hing im Absomer Gemeindehaus und war im Burgunderkrieg dem Herzog von einem Broller aus der Stahlhand geschlagen und mit Musik heimgetragen worden.

Es donnerte und blitzte zwar immer noch wie wütend um das Kirchlein. Aber nach dieser Verwandlung des jüngern in den ältern Jakobus war der Himmel entschieden versöhnt und tat nur noch Spaßes halber so, um mit Würde aus der Sache zu gehen.

Kurz darauf saßen Emil, Jochem der Degenwirt, Heinz der Redakteur und Hitz in der Kaplanei, um die Käsereime Heinzens zu prüfen. Sette hatte telephoniert, sie komme erst am Morgen. Daher erlaubte Emil den Leuten, im Zimmer zu rauchen. Auf Settens Bett saßen Irmeli und Seppli, daneben Mineli und auf einer Kiste der alte Staffelsepp, Bastians Vater, den Jochem also doch heraufgezwungen hatte. Ein Goldstück vollbracht's. Nun sperrte er den Geigenkasten auf und stimmte die Violine. Der Kaplan öffnete die Fenster und wischte den Staub vom Büchergestell. Wenn er nur bald geht, so kann man mit den Versen beginnen. Es ist schon dämmerig. Aber die unaufhörlichen Blitze erhellen auf Sekunden alle Gesichter.

»Gäb's doch keinen Staub!« schimpft der Kaplan. »Der Staub und die Tierchen daraus, die Milben und Schnaken, verleiden einem schier gar den Beruf!«

»Warum auch habt ihr Geistlichen keine Frauen!« hänselte Emil. »Da habt ihr den Staub dafür.«

»Ach was, das Weiberzeug bringt nur noch mehr Staub mit allen Röcken und Zöpfen. Nicht wahr, Herr Redakteur?« wandte er sich an den aufhustenden, langen Mann.

»Ja, der Staub!« seufzte der bitter lächelnd durch sein mageres und abgezehrtes Gesicht mit dem spärlichen Barthaar. Gäb's keinen Staub, so wär' ich gesund.«

»Auf allen Büchern hockt er!« schimpfte der Kaplan weiter. »Seht da, auf Gibbons ›Der Gesandte Christi‹ sogar, auf so einem frischen amerikanischen Buch. Tät' er's nur den alten Scharteken zuleid, dem Homer und Sallust und dem alten Tertullian! Aber da den jüngsten Schriften von Bischof Egger und hier den Gedichten der Österreicherin mit ›Dem Jesulein auf dem Eselein‹ – und jetzt, nein doch, nein doch! – auch noch auf die wunderbare Lagerlöf, die –«

»Ah,« machte Heinz verzückt, »die Selma Lagerlöf, man kann sie nicht lesen, ohne die Hände zu falten. Und oft möcht' ich gar niederknien dazu und –«

»Puh!« machte Emil und stieß eine Wolke Tabak zur Diele auf.

»Nein, das ist zu dick!« – Immer wilder ereiferte sich der baumhohe Geistliche, stäubte und wischte über Rotschnitte und Goldschnitte und Kalbs- und Schweinsdeckel. »Ja, dieser Staub macht alles früh moderig, ihr Herren! Lacht nur! Da kriechen die heillosen Lichtmücken und Buchwanzen heraus und fressen sich in alles und machen das Leben faul. Der Staub ist an allem Elend schuld.«

»Das ist einmal Natur, Kaplanli!« bemerkte Jochem paffend.

»Gar nicht, gar nicht, das ist so ein verflixtes Menschengekünste. In der Natur gibt's gar keinen alten Staub und Moder. Seht nur, wie's über den Wald da herabfegt. Der Regen wäscht, der Wind trocknet und die Sonne macht glänzend. In einer Viertelstunde hat das ganze Land keinen Staub mehr. Aber wir, wir Staubwürmer machen immer künstlichen Staub, weil wir keine Einfachheit und reine Natur mehr haben und alles Leben verschnitzeln und verhobeln und verschleifen. Das gibt Staub. Wir verbröckeln vorweg. Und drum ist nichts Hohes und Großes mehr zu treffen, es erstickt im Staub. O du mein Herrgott, seht, seht, – auch das Birett da ist seit vierzehn Tagen von den Schaben angefressen. 's ist reinweg zum Davonlaufen! Und das passiert einem auf der Alp oder was Alp sein will, vierzehnhundert Meter über Meer!«

Er mußte in aller Entrüstung lachen. Auf dem Bett kicherten die drei Kleinen auch vor Spaß. Der alte Geiger mischte ein Ja in seinen Geigendeckel und nickte innig. Aber Heinz und der Maler wollten jetzt doch die reinen, gesunden Berge verteidigen.

Da sieh, aus dem fast schwarzen Horizont brach ein wagrechter, tiefgelber Sonnenstrahl. Halb neun Uhr, gerade vor Sonnenversinken! Dann ballten sich die Wolken auch am Westhimmel wieder zusammen, und es ward nun Nacht. Aber alle hatten den Strahl gesehen. Wie eine goldene Schnur war er durch die Stube quer an die Bücherwand gerieselt, über die Haare der Männer weg, durch den Staub und Rauch ringsum. Und da hatte man auch gesehen, wie ein Nebel von seidenweißen Stäubchen, Flöcklein und Pünktlein durchs Licht wimmelte – Millionen und Millionen!

»Da habt Ihr's,« rief der Kaplan wie zum Tode müd. »Die Sonne selber wird einem zur Plage. Wie uns ein einziger Strahl einen Haufen Moder aufdeckt! Wir wissen gar nicht, in welchem Wust wir sitzen!«

Jetzt knisterte Heinz sehr deutlich mit seinem Papier. Ein andermal diese Staubpredigt!

»Ich gehe schon, Herr Versifax!« sagte der Kaplan unschmeichlerisch. Er setzte das Birett auf, in das zwei Pfarrhäupter oder anderthalb Domherrenköpfe leicht gegangen wären. »Mich tröstet am End' Euer Poet da unten –:

›Werf ich ab von mir
Einst dies Staubgewand‹ –

er hat's auch gewußt! Ja, ein Staubgewand ist alles Hin und Her und Drum und Dran hier unten – gute Weile, ihr Herren!«

Damit polterte der Mann aus der Kammer. Das Gewitter tobte indessen auch über Miezeler. Aber das Dorfnest lag im breiten Schutz des Waldes ringsum. In seinen drei Geschlechtern, den Jungen, den Betagten und den Jahrhundertgreisen schien der Wald wie Vater, Großvater und Urgroßvater über den Landeskindern zu wachen und allen Wettern gewachsen. Mit seinen Wipfeln fing er den Blitz auf, seine unzählbaren Hände schöpften die Wasser ab und mit den tiefen Füßen hielt er den Boden unverstückelt fest. So schützte er die Zwei- und Vierbeiner in seiner freien, grünen Hallenstadt, und wie er auch keuchte und pfiff und stöhnte im Sturm, er litt es gern für die Menschen, und jeder Wipfel erhob sich gleich wieder unverwüstlich wie ein Held Gottes.

Jochem zündete die Kerze an, und nun sah man, daß Seppli schon die gelben Sennenhosen und die rote Weste und den goldverbrämten Küherkittel und Minchen auch schon die Berglerinnentracht mit Mieder, Brustkettlein und roter Haarkrone trug, gerade so, wie sie morgen den Wildleuten bei dem Sprüchesagen das Ehrengeleite geben und die Käslein tragen mußten. Das sei ja jetzt die Theaterprobe, sagten sie in aller schuldigen Unschuld.

Heinz las jetzt die Sprüche vor. Dem Pfarrer Daniel galt folgendes:

            Wildmann:

»Dies Käslein eßt, es ist gesund,
Wie Euer Wort so fett und rund,
Läßt sich nach rechts und links besehen
Und immer nach zwei Seiten drehen.«

»Das ist zu starker Schnupf,« meinte der Redakteur, ein vorsichtiger und gewitzigter Mann.

»Wartet es erst ab!« bat Heinz.

»Und ich sag': es gehört ihm,« lachte herzlich der ernste Jochem. »Der predigt euch ja und nein auf dem gleichen Känzeli.«

»Still, still!« wehrte Hitz, »morgen sind wir alle Freund'.«

            Wildweib:

»Doch schneidet Ihr es durch so mittens,
Dan gibt's kein Zweitens und kein Drittens,

's ist eine Nahrung jedem Munde
Und eine Wahrheit jeder Stunde.«

»Aha,« spottete Emil belustigt, »du predigst nun auch! – möchtest dir auch so ein Bratkäslein verdienen, hä?«

            Wildmann:

»Nur muß man es zu Schnittchen hauen,
Kein Engel könnt' es ganz verdauen.
An jedem Tag auf weißem Teller
Holt Euch ein Schnitzchen aus dem Keller!
Und gebt zur frommen Sonntagsweile
Auch uns nur kleine Predigtteile!
Doch voller Milch und süßem Rahm,
Wie's aus des Schöpfers Händen kam.«

Jochem knurrt: »Das ist hoch!« – aber Maler und Redakteur klatschen und sagen: »Ausgezeichnet!«

            Wildweib:

»Mag's denn so lange Käslein geben,
Als Christi Wahrheit bleibt am Leben!
Daß unsrer Kinder Kindeskinder,
Am Leibe stark, am Geist nicht minder,
Margretentag mit Sang und Leiern
Und siebenhundert Walzern feiern.«

»Siebenhundert Walzer! das ist fein!« sagte Seppli zu Minchen. Man lachte, und der Jochem meinte: »Ja, das ist besser, das versteht man jetzt.«

Von Emil hätte Heinz gern ein Lob gehabt. Aber der riß nur die Mundwinkel auseinander und sah ihn mit schillernden Eidechsenaugen an.

Leiser ward draußen das Glimmen und Poltern vom Himmel. Rauschend ging jetzt der Wolkenbruch nieder. Die dumpfe Luft in der Stube frischte und kühlte sich schnell, wunderbar duftete es von Eis und Tannen und Moos durchs Fenster herein.

»Glaubst du,« fragte Minchen und umschlang Irmeli, das immer still zugehört hatte, »daß der Mang wegen den Bächen herauf kann, morgen?«

»Hab' doch nicht Angst um d' Mutter!« beschwichtigte Seppli mit wichtigtuerischer Miene. »Die schläft ja schon, dummer Gof, im blauen Himmelbett von unserer Gastkammer in der Krone und hört sicher kein Atemchen Gewitter.«

»Nein, ob der Mang –«

»Heija! der Mang und der Walter, – das ist ihnen Spaß!«

Aber Minchen hätte es lieber von Irmeli gehört. Es war nicht gründlich von diesem Großhans getröstet und hörte nur halb, wie sich Heinz mit geröteten, lobscheuen und loblieben Wangen an den Kaplan hermachte:

            Wildmann:

»Auch Euer Wort, Herr Kapellan,
Hat es uns heilig angetan,
Daß wir Euch unter Dank und Loben
Dies Käslein aus dem Kessel hoben.«

            Wildweib:

»Zwar habt Ihr uns nicht sehr geschont,
Doch sind wir das an Euch gewohnt,
Daß Ihr zuerst Gewitter macht
Und dann wie gnädige Sonne lacht.«

»Ja, ja,« schmunzelte Jochem, »darauf verlasset Euch. Es gibt eine Predigt wie da draußen. Der Kaplan hat zwei Dosen Schnupf verbraucht diesen Nachmittag beim Studieren. Das kenn' ich, 's ist auch ein Wetterzeichen.«

            Wildmann:

»Wir gleichen, Weiber grad wie Mannen,
Recht unsern ungebognen Tannen,
So frech und spitz und hoch und nieder,
So Christbäum' all voll Gab' und Lieder.«

            Wildweib:

»Wir müssen uns mit Schweiß und Schwingen
Wie dieser Laib zur Rundung ringen.
Daß Ihr uns segnet mit den Fäusten,
Hilft zur Vollendung uns am meisten.«

»Na, na, jetzt werdet Ihr noch spitziger wie Tannadeln,« scherzte der Redakteur. – Emil paffte vergnügt an seiner Zigarre. So hatte er Heizen am liebsten, wenn er ein bißchen aufzog. Er konnte es! Weiß Gott, woher der ducksame Mensch das Zeug hatte.

            Wildmann und Wildweib zusammen:

»Nun Hirte Pfarrer, Hirt Kaplan,
Legt unser Sennenkäppi an!
Und laßt Euch auch einmal von Hirten
Am Älplerkilbitisch bewirten.
Und amtet Ihr dann lange Wochen
Nach anderm Wort und Brief verpfründet:
Habt heut ein Brot mit uns gebrochen
Und ein Gebet mit uns gesprochen
Und eine Liebe uns verkündet. –
Ob unsre Bäche ihre Bahn
Nach eigner Herrlichkeit ergießen:
Ich weiß, im gleichen Ozean
Sie gern zuletzt zusammenfließen.
Nun sagt das Unser Vater vor,
Wir alle stimmen ein im Chor:

Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiliget werde dein Name, zu uns komme dein Reich –«

Still war's geworden in der Stube. Die Männer rührte das Gereim mächtig. Keiner rief Bravo! – keiner klatschte. Auch dem Manuß war im Horchen die Zigarre ausgegangen. Minchen war auf den gelben Hosenbeinen Sepplis eingeschlafen. Draußen goß es ohne Ende. Da innen wogte ein Rauchnebel um die Kerze und die halbschattigen Gesichter.

Plötzlich geschah etwas Herrliches. Der alte Staffelsepp hatte leise, leise die Geige aus dem Futter gepackt und andächtig den Bogen angesetzt. Nun schloß er die Augen und sog ein unnennbar feines, heiliges, stilljodelndes Lied aus dem alten Holz, ein Lied, ganz und gar nur von dieser Heimat und Luft da oben, worin es Berge und Schnee und Wind und Edelweiß und gebogene Hirtenknie und darüber ein Rauschen gab wie vom Geist der Geister.

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