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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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26

Im Baum stand das mattsilberne Laub totenstill, als Sette neben Mang und Cäcilie sich leise niedersetzte und sozusagen an der ganzen Seele zitternd anhob: »Liebe Cäcilie, ich möchte Ihnen noch etwas Gutes erzählen. Aber Sie müssen ruhig bleiben. Du auch, Mang, damit es der Mutter nützt und nicht eher schadet.«

»Redet Ihr nur, redet!« rief die Kranke neugierig. Mang zog die Brauen schräg. Ihn sollen die Weiber in Ruhe lassen. »Mein Mann hat sich vom ersten Tag innig um Mang bekümmert. Denn er hat schon bei der Fahrt ins Ländli und am Plättlisee und auf der Alp von seiner Geschichte und von Ihnen, Frau Cäcilie, und was alles dazu gehört, wie an einem Faden ein langes Schicksal gehört.« Cäcilie nickte geschmeichelt und ahnungslos wie ein Kind.

»Mang ist klug und tüchtig und brav. Er macht Ihnen überall Ehre! Wenn sein Vater von ihm wüßte, meint Emil, so würde auch er über einen solchen Buben stolz werden.«

»Siehst, siehst!« neckte Cäcilie den immer unsicherer zuhorchenden Mang.

»Von jenem ersten Tag an hat Emil gedacht, es wäre ein Trost für beide, den Vater aufzuspüren, der nicht eine Silbe von einem so prächtigen Sohn weiß. Und –« sie stockte und ließ ihre Augen hilfesuchend um und um fahren. Da sah sie die Schwester am Vorhänglein kühn nicken und ward mutiger.

»Und, und –?« schrien die Blicke der zwei Horcher.

»Und – wir haben – ihn gefunden.«

Jetzt standen die vier Augen still.

»Es ist ein ehrlicher und wackerer Mann aus dem Studenten am Plättlisee geworden. Der Leichtsinn von dazumal ist ihm ganz verflogen. Er hat uns alles erzählt, jenen Tag und Abend, seine Genossen, und wie Sie damals aussahen, und so deutlich, daß mir gar nicht irren konnten, hat er's beschrieben. Aber die Hauptsache ist, daß er es mit Reue und Scham erzählt hat. Als er uns sagte, wie er am Morgen über den See gerudert und von Ihnen weggegangen ist, sahen wir wohl, wie ihn das bis heute grämt.«

Cäcilie und Mang hörten zu, wortlos, überwältigt. Nun aber rollten der Kranken Tränen über Tränen die schmalen Wangen herab. Aber sie konnte dabei lächeln, es war ein süßes Weinen.

Er weiß nicht, daß sein erster großer Leichtsinn solche Folgen gehabt hat, sonst wäre er gekommen und hätte den Fehler vor allen Leuten eingestanden. Er hätte Mang zu sich genommen und auferzogen. Denn er ist ein kinderloser Mann geblieben bis auf den Tag.« –

Mang schloß die Augen und lehnte sich an die Esche mit schwerem, wunderlich summendem Kopfe. Cäciliens Blicke waren trocken geworden und fingen an, feiertäglich zu spielen.

»Einer aus der Stadt, nicht wahr?« fragte sie eilig.

»Ja!«

»Aber ich war dort und hab' tagelang allen Leuten ins Gesicht gschaut und geflennt nach ihm und den rechten nicht gefunden. Ja, einmal sah ich ihn wahrhaft. Er ritt durch die Stadt. Gott, wie stolz! Ich ihm nach. Durch Leute und Wagen lief ich. Polizisten riefen mich an. Dummheit! Ich lief bis zu einer Brücke. Dort sah ich keinen Reiter mehr. 's war Sonntag und alle Leute unterwegs. Ich wär' da am liebsten gerad' ins Wasser gesprungen. Als ich in meine Wirtschaft zurückkam, stand mein Bündel im Gang geschnürt. – O wir armen Mägde!«

»Denken Sie jetzt nicht mehr an solches! Er ist ja gefunden. Mein Mann kennt ihn gut. Und er hat mich hergeschickt und laßt fragen, ob wir ihm schreiben dürfen, daß er hier ein Kind habe. Und daß er kommen und selber mit Ihnen reden solle!«

»O ja, das tut, in Gottes Namen! Sagt's ihm! Aber wo ist er? Wie heißt er? Sicher ein furchtbar Vornehmer!«

Cäcilie blickte auf ihr billiges Gewand und strich über die verkrempelten Ärmel, als wollte sie sich feiner machen.

»Er wird es selber sagen,« fuhr Frau Sette fort. »Aber das dürfen Sie glauben, er ist ein braver, arbeitsamer Bürgersmann geworden und verdient sein Brot ehrlich.«

Tief enttäuscht blickte Cäcilie in ihren Schoß und glättete die Falten nicht mehr. Also kein Herr mit Kutsche und Diener, sondern am Ende ein gewöhnlicher Arbeiter.

»Ist er reich, Frau Inschenier?«

»Er sitzt meist vom Morgen bis Abend an seiner Arbeit.«

»Reitet nicht mehr?«

»Nein, er ist verheiratet, hat Sorgen und denkt an keinen Sport.«

Ganz ernüchtert war Cäcilie. Der Götze ihrer sechzehnjährigen Träume sank bei diesen Worten in die verhockte, fadenscheinige Gestalt eines Schreibers oder Buchhalters zusammen. Also irgendwo an einem Pult und die Feder hinterm Ohr saß dieser einst so schöne, herrische Sportsjunge und mußte es sich sauer werden lassen, mit einer langweiligen Frau knapp durchzukommen. Beinahe unangenehm wurde er ihr nun. Wie anders doch der Broller daneben! So ein Gewaltiger! Der immer noch wie ein wilder Jüngling kam und forderte, gab und nahm! Und der ein Herr blieb! So und noch feiner und glänzender hatte sie sich den andern gemalt. Und nur einem so reichen und stolzen Manne mochte sie Mang gönnen.

»Wird er uns zahlen können, mir und der Gemeinde, was rechtens ist?« fragte sie spitzig. »Denn jetzt bist du mein Bub, Mang, und keines hergelaufenen Vaters Bub. – Hat er soviel Geld?«

»Er bringt gewiß alles in gute Ordnung. Man wird mit ihm zufrieden sein. Er macht nie etwas nur halb,« entgegnete Sette mit einer feinen Röte auf dem Gesicht. Sie war empört über den Umschwung bei diesem Weibe.

»Das müssen wir unbedingt verlangen, sonst –«

»Mutter!« rief jetzt Mang bitter. Das war sein erstes Wort. Er fiel von einer Scham in die andere, aber war noch wie starr von der Kunde. Täglich hatte er an den unbekannten Vater gedacht und wohl hundert Porträts sich von ihm entworfen. Aber nun so nahe, konnte er es nicht fassen, daß ein wirklicher Vater ihn hole.

Und doch muß es so sein! Jawohl, er hat also doch einen Vater, der ihn herzhaft an der Hand durch die Leute führt: Seht, das ist mein Bub! – einen Vater wie Walter Broller, wie Seppli. Und wär's auch ein armer Teufel, vielleicht ein Fabrikler oder Kopist oder Feilträger, gleichgültig, es ist sein Vater, ihm mehr wert als die drei Könige über den Grenzen.

»Frau Sette,« sagt er melodisch weich und schüttelt sie plump am Gelenk, »jedes Wort da glaub' ich Euch. Seit dem Christkindlizeug hab' ich so Schönes nie mehr gehört. Ich will ihn aber bald sehen und will ihn gern haben, meinen Vater. Wann kommt er?«

»Am Montag soll er mit meinem Manne daher kommen, nicht wahr?« sagte Sette.

»Ja, er soll kommen!« sagte Cäcilie. »Aber an was erkenn' ich ihn?«

Darauf zog Sette aus ihrem Ledertäschchen eine Photographie hervor und hielt sie beinahe feierlich vor Cäcilien hin. »Ist es der?«

Cäcilie tat einen leisen, schrillen Schrei, so, wie wenn die E-Saite an der Geige zerspringt. Dann umhalste sie ihren Knaben und weinte vor Freude und Schmerz.

»Dein Vater, Mang, ja, sicher, dein Vater!«

»Er wird am Montag kommen,« versprach Sette, »und Sie und Mang um Verzeihung für alles bitten, was Sie haben seinethalben dulden müssen. Und er wird Ihnen vergüten, soviel er kann. Es macht ihm schwer genug, daß er's nicht besser kann. Und seine Frau wird dem Mang Mutter – Pflegemutter für Sie sein. Aber jedesmal, wenn Cäcilie kommt, ist Cäcilie allein die Mutter. Ist es recht so?«

Die Kranke war ins Kissen gesunken. Das viele Neue machte sie trunken und schlaff.

»Ich bin zufrieden,« flüsterte sie mit gebrochener Stimme. »Wenn's nur schon Montag wär'.«

In ihrer Aufregung hatten sie nicht bemerkt, wie endlich das Gewitter über Absom stand und hie und da ein feiner Blitz oder ein leises Gebrummel aus den Wolken kam. Jetzt aber züngelte ein scharfer Strahl quer über die Dolde. Das Laub erschauerte über den Köpfen. Drei, vier schwere Tropfen klatschten in die Blätter. Man holte Cäcilien in die Kammer.

Mang blieb bei ihr, Sette lief in die Krone. Ans Heimkehren noch diesen Abend war nicht zu denken. Vom Absomgebirge rauchten tiefe, rußige, prasselnde Wolken gegen das Dorf, geladen mit Blitzen, Donnern und Wassern. Bald ging die Schlacht los. Ein Gewirr von grünen, gelben und blauen Blitzen über den Dächern, als duellierten sich unsichtbare Engel und Teufel; dann ein überweltliches Kanonieren, wovon das Dörflein ganz verrumpelt ward; nun Windstöße, die Ziegel, Blumenstöcke und Laden in die Gasse warfen, die Pappeln neben der Kirche bis in die Mitte bogen und das soeben gedruckte Probeexemplar des Absomer Festblättleins weiß Gott woher und wohin wirbelten. Dann rauschte zehn Minuten lang ein schneeweißer Wasserstrom kerzengerade über die Dächer herab, alle Laubbäume zerfetzend und im Nu Teiche und breite Bäche im Dorfe bildend. Noch war man daran, die Kellerlöcher zu verrammeln und die Dachluken zu versperren, als plötzlich die große Glocke läutete, dann wirr die kleineren sich beimischten und vom Bühl ein Böllerschuß nach dem andern losging. Der Scheidbach, Herr im Himmel, der Scheidbach geht über! Alles läuft mit Gabeln, Schaufeln, Rechen und besserem vors Dorf, um zu wehren. Der Scheidbach ist schlimmer als Feuer. Das kann man doch zuletzt löschen. Aber das wilde Bergwasser, ist's einmal zum Bett herausgesprungen, bändigt niemand mehr. Und wahrhaft, da kommt es wie eine graue See daher, schwimmend voll von Tannen, halben Waldhüttlein, Heuhaufen und ausgerauften Büschen. Da kommt es und wälzt sich in die Dorfäcker, in die Roßweid, auf die schönen, fettgedüngten Gemeindewiesen und in die kleinen Privatmatten mit ihren wohlgepflegten Birnbäumchen. Zu Hilfe! –

Sette schloß kein Auge in dieser Nacht, die mit Blitzen und Knallen und einem unendlichen Wasserrauschen bis in den Morgen hinein wütete, das beste Land übermuhrte, das halbe Obst entwurzelte und fünf Stadel mit allem Vieh und Heu in den nassen Boden äscherte. Erst gegen fünf oder sechs Uhr schlief sie endlich ein.

In der stickigen Kammer bei Cäcilie wachte Mang und forschte immer wieder heimlich die Photographie aus, wenn die Kranke sich gegen die Wand kehrte. Er hatte sie unvermerkt an sich genommen und obwohl das Bild des jungen Manuß wohl um fünfzehn Jahre zurückging, und wunderbar elegant, aber bübisch und frech in seiner milchbärtigen Schlingelhaftigkeit aussah, hatte Mang doch sogleich den Manuß erkannt. Er konnte es nicht glauben. Er hielt das vergilbte Papier immer wieder hart an das grüne Krankenlicht und suchte Unähnliches heraus. Und immer wieder sagte er sich mit zerspringender Brust: »Er und kein anderer! Hab' ich's nicht geahnt? hundertmal die letzte Zeit gewünscht? – Und nun soll es wahr sein! Nein, nein, das ist ein Spuk! Mutter, Mutter!«

»Lieber!« murmelte Cäcilie halb in der Sinnlosigkeit des ersten Schlafes.

»Lüg' nicht!« drohte er furchtbar und schrie die Halbwache an, »ist er's auf Ehr' und Seligkeit, ist er's'?«

»Ja, Mang, das schwör' ich dir! so war er, so schön! Und am Montag kommt er – und die Frau Inschenier hat ihn häßlicher gemacht, – er wird immer noch so schön – und – reich sein und – du – ich – und – und –«

Sie duselte wieder ein. Aber Mang ward wunderbar wach. Jetzt waren ihm der Abend mit dem alten Homerbuch und die seltsamen Blicke Emils, sein sonderbares Reden, die ewige Sorge um ihn und vor allem auch der furchtbare Zorn auf dem Absomer klar. So konnte nur ein Vater tun. Und so mußte ein Vater tun. Jetzt ging ihm auch das seltsame Rätsel der Augen auf. Das waren in Wahrheit seine eigenen Augen.

Das alte, windumfegte Haus zitterte und krachte an allen Enden. Aber das war alles nichts gegen die brausende Freude, die Mang jetzt in seiner Brust empfand. Er überhörte das Donnern, das Schießen, das Sturmläuten und das immer wildere Klopfen ans Fenster von außen her. Erst als die Scheibe klirrte und Bastians Faust hineinlangte, sah er hinüber.

»Bastian!«

»Tu den Riegel auf,« gebot der Knecht, triefend über Haar und Achseln.

»Bleib draußen!« kreischte das Weib auf. Cäcilie war zu sich gekommen und fuhr entsetzt im Bett auf.

»Cäci! wie haben wir es?« brüllte der Mann herein. »Jetzt muß ich's wissen, gilt Vertrag, ja oder nein?«

Er brach den Scheibenrahmen ganz heraus und stemmte das Knie aufs Gesimms.

»Mang, mein Kind, mein Kind her!«

»Jetzt muß ich's wissen. Morgen ist Kilbi und ich will den Hochzeitsmaien allen Leuten auf dem Hut zeigen. Ich lass' mich nicht narren. Der Pfarrer muß uns von der Kanzel auskünden.«

Er sprang aus der dunkeln, frühen Nacht jetzt wie ein Verzweifelter herein. Bäche Wassers flossen von seinen Hosen.

In diesem Augenblick schoß das von Fiebern und Träumen und Schlaf irre Weib mit blutrotem Kopf aus dem Bett zum Korb, worin ihr Kindlein gelegen, und riß Mang am Arm mit übermenschlicher Kraft mit und schrie: »Ich lass' mich nicht verkaufen!«

Sie warf sich über den Korb, als wäre Magdalenli noch lebend und schliefe darinnen. Mit einer gurgelnden Stimme und abgebrochen, dabei immer am Korb und an Mang sich festkrampfend, als wolle man ihr die Kinder rauben, schrie das Weib furchtbar laut: »Ich lasse mich nicht verkaufen, weißt du! Das Kind da ist dem Broller, – und der Mang – hat seinen – Vater – auch. Übermorgen – kommt – Und ich bin – bin – bei – den – die – Mu –«

Ihr schönstes irdisches Wort erstickte in einem leisen, breiten Blutstrom, der ihr durch die Zähne und Lippen entquoll und Mangs Ärmel und die leeren Windeln im Korb überschüttete. Dann fiel Cäcilie mit eingeknicktem, rosenrotem Gesicht ins Bett ihres toten Kindleins und röchelte wie am Ersticken.

Schwester Anna, die nebenan schlief, rannte herein, dann der Hausvater und ein Knecht. Man trug die schnell wieder Todblasse ins Bett und richtete sie mit ihrem vogelschnellen Atem hoch in den Kissen auf.

Stumm stand der Bastian da, am gleichen Fleck, und stierte aufs Bett.

»Laßt uns allein machen!« flehte die Schwester ihn an. »Ihr tötet sie ja!«

Der Knecht drehte sich auf dem Absatz schwerfällig um, machte ein blödes, zum Tode elendes Gesicht und ließ sich von Mang, wie ein Berauschter, ins Gewitter hinausführen.

Aber auf dem Dorfplatz, wo wegen des Sturmes alle Stuben Lichter hatten und das Brollerhaus mit seinen drei Fensterreihen am großartigsten in die Nacht hinausleuchtete, schüttelte er die Fäuste gegen die Scheiben der Herrenstube und brüllte: »Ich geh' ins Zuchthaus zurück! Und dich nehm' ich mit, du Schuft!«

Mang lief in die Krone. Aber alle außer Sette und der Magd waren am Wasser oder bei der Windwache, die ihre Runden ums Dorf machte. Da ergriff der Junge eine schwere Kartoffelhacke und lief dem dumpfen, tausendfachen Rauschen der Überschwemmung entgegen. Hundert Fackeln tanzten dort am schwarzen. Wasser. Man schüttete Wälle auf, baute Wehren, grub Abzugskanäle, aber die meisten stießen und stocherten von den Ufern aus den Schutt stromabwärts. Immer noch schüttete der Nachthimmel einen strammen Regen herunter. Und die Flut wuchs, und die Flußarme mehrten sich und umschlangen das grüne Land immer gieriger.

Der Bub sprang irgendwo in ein Wasser, das ihm über die Knie hinaufschnappte, und schürfte den Schutt ab. Doch die Welle wurde sogleich so heftig und stieg so rasch, daß er wieder den Ranft erklimmen mußte. Nur einer stand hier im Dunkel noch fest drüben im Wasser und kommandierte nach allen Seiten und stieß ungeheure Blöcke, Baumstämme und Bretter, die daherschwammen, in die reißende Mitte ab: der Broller. Kurz, breit und wie von Granit stand er da, und so oft Mang glaubte, dieser Stamm, dieser Felsbrocken überrenne ihn: eine wilde Gischt, ein Krachen! – und das Getrümmer donnerte weiter, während der Broller sich vom Spiegel erhob und der Gefahr spöttisch nachsah.

Jetzt stürmte von Mangs Seite eine andere dunkle, magere Gestalt in das Wasser, schwankte ein wenig, erhob sich wieder und flöchnete wie ein Riese. Er schien mit dem Broller drüben wetteifern zu wollen. Immer näher, aber auch immer tiefer watete er ihm entgegen. Doch es blieb eine unwiderstehliche Mittelstrecke, die er nicht bezwingen konnte. Da hielt er die hohle Hand an den Mund und schrie dem Broller etwas zu. Der nickte, hatte indes keine Silbe verstanden im unendlichen Gebrause der hundert und hundert Bäche. Aber es freute den Meister, daß sein Knecht Bastian so eifrig mithalf. Rechts und links sah viel schwächeres und kleineres Arbeitsvolk den beiden zu, die wie zwei Christophore im Strudel standen und den Tod, der sie ringsum umschrie, verspotteten. Sie überboten sich, übertrafen sich, und da und dort sagte man: »Die zwei müssen sich wieder gut verstehen! – sie treiben einander in den Tod.« –

Dem Bastian war das Leben keinen Pfifferling mehr wert. Und hier im wilden Bach zu sterben und den Broller mit in seinen Tod zu ziehen, das hätte ihm jetzt am besten gefallen. Das war auch der Sinn seiner aufreizenden Tapferkeit, mit der er sich im gleichen Wasser und mit der gleichen Todesverachtung gegen den Broller stellte.

Als Mang den Oberknecht erkannte, floh er weg. Mochte geschehen, was wollte, er durfte da nicht Zeuge sein. Da lärmte irgendwo eine Trompete. Der Bub sprang dem Tone im Dunkel nach und gelangte an den untern Scheidbach. Der Schutt würgte hier das Bett zu, und das Wasser drohte wie am Oberbach in die Güter hinauszuschwemmen. Rechts und links vom Fluß arbeitete man verzweifelt, um das Bett zu öffnen. Mitten auf dem angerammten Schutt stand in hohen Stiefeln Walter Broller mit einer mächtigen Gabel wie ein junger Wassergott und stach und hackte und grübelte den Schutt zu beiden Seiten weg. Schon brach das Wasser wieder durch. Über zwei Stunden lang focht und grub nun Mang mit. Bereits schossen auf beiden Seiten starke Gefälle das Bett hinunter. Die zwei standen in der Mitte nur noch auf einem kleinen Inselchen, und man rief und winkte ihnen, sie sollten nun herüber kommen, bevor sie vom Strom abgeschnitten oder mitsamt dem Bröcklein Boden weggeschwemmt würden. Aber sie hörten vor Heldeneifer nichts, oder das Rauschen übertönte allen Lärm. Die Flut verbreiterte sich, das Inselchen schwand, der Posten wurde lebensgefährlich. Schon reichten die kurzen Stangen nicht mehr zu den Knaben, und Seile gab es nicht. Da lud Hans Gerold, der Schießmeister, seine alte Pistole und brannte einen Mordsklapf ab. Das wirkte. Die Buben sahen zur Seite und begriffen auf einmal ihre Lage.

»Können wir noch hinüber?« fragte Walter seelenruhig.

Mang schätzte die Breite ab und sagte: »Wir zwei schon, wir springen ja gut!«

Sie faßten sich kräftig mit der innern Hand, stemmten mit der äußern die Gabel fest ins Bröcklein Boden zu Füßen, bogen sich behend in die Hüften zurück, und schon begann Walter zu zählen: »Eins, zwei –« als ihn Mang unterbrach und ihm ernsthaft ins Gesicht rief: »Du, wir müssen vielleicht noch manchen Graben miteinander überspringen.«

Walter lachte, aber begriff das Wort nicht und rief: »Eins, zwei, drei –«

Sie schnellten wie Pfeile in einem prachtvollen Bogen über das zischende Bett zu den atemstillen, angstbaren Philistern hinüber. »Bravo!« und »Ihr Cheibedonnern!« hieß es. Walter lachte sie aus, nur Mang sagte leis: »Gott sei Dank!«

Gegen drei Uhr morgens ließ endlich das Regnen nach. Die Jungen wurden weggeschickt.

»Kommst du mit?« fragte Walter. »Nun geh' ich gleich so nach Miezeler. Irmeli und Seppli sind schon oben.«

»Bei solchem Dunkel und Wasser?«

»Ich find' mich schon aus! Komm doch!«

»Ich muß auf Frau Sette warten.«

»So kommt bald nach,« wünschte Walter und verschwand in der Nacht. Eine Stunde später brach eine weitere Karawane zur Alpe auf, auch der Broller in einem der kleinen Trüppchen. Man übersah die Verheerung des Wassers kaum. Aber das Dorf war gerettet, und das Wasser lief langsam ab. Was verwüstet war, konnte man nicht ändern. Kilbi durfte man nun doch feiern. Im End stärkten sich die Leute auf die Strapazen hinab, und was nicht so fromm war, in den Alpgottesdienst zu gehen, blieb lieber noch ein Weilchen hier bei Uelis Kaffee und Kilbiküechli kleben.

Als Mang viele Stunden später unter der Türe des Armenhauses vernahm, Cäcilie lebe noch und habe schon wieder gelächelt und um ein Kilbitörtchen gebeten, ging er beruhigt ins Dorf und holte Frau Sette ab. Während sie beide still nebeneinander die Hänge emporstiegen, dünkte es Mang, er sei vom Samstag auf den Sonntag aus einem Knaben ein Mann geworden.

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