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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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27

Schon mit der Morgendämmerung des Samstags trieb Emil Setten und Mang auf den Weg. Denn es war so schwül und sonnenlos, daß ein frühes Gewitter zu erwarten stand. Er selber brach zur Alpe auf, um die ganze im Fadenschlag fertige Bahnlinie bis zum Gipfel nochmals abzugehen, daß er sicher und wohlgerüstet am Montag den Aktionären gegenübertreten und den Vertrag mit der Baufirma durch eine gewährleistende solide Unterschrift erhärten könne.

Heinz, Minchen und Uelis Seppli begleiteten ihn bis zum Damm. Wie ein langer, unzerreißbarer Riegel zwischen den Schrecken der Höhe und der Tiefe starrte der sie in seiner steinernen Umpanzerung an. Noch nie hatte er Emil so imponiert. Er legte das Ohr heute nicht auf den Schuttboden. Heinz und die Kleinen hätten es ihm nachgemacht, ihn ausgeforscht, ohne es zu wollen, ihn wieder in die alten Bedenken hineingeängstigt. Er aber wollte heut ohne Sorgen sein, wollte einmal zuversichtlich glauben, nicht zweifeln, nicht nörgeln! Fertig!

Die Jungen freute es, an den schiefen Seiten heraufzuklimmen und über den breiten Rücken wie über eine wohlgepflasterte Straße hin und her zu stolzieren. Heinz schrieb noch die letzten Verse für die Wildleut' bei der Käsübergabe. Er hatte das saure Vergnügen dem Kaplan abgenommen und entwickelte nun eine boshafte Freude, in den Strophen recht viel zu sticheln und harmlos zu schelten.

Die letzte Zeit war er ein stiller Mann geworden, der eifrig an seinem Werke schuf und da einen raschen Faden wob, es sei denn, daß ihm die blaue Tinte ausging und er mit der schwarzen des Redakteurs weitermalen mußte, wobei ihm alle Eingebungen schwanden. Dem still erknospenden Frühling zwischen Emil, Sette und Mang sah er mit Spannung zu, aber doch verstohlen, wie einer, der hinter den Kulissen steht und insgeheim am Spiel mitwirkt, sei es nur, daß er etwa ein Schlagwort zuflüstert, einer Rolle, die sich verzögert, ein Stüpfchen gibt, eine Lampe abschraubt, wenn das Licht für die Handlung zu grell, oder drei neue aufdreht, wenn's zu dämmrig für soviel Freude auf der Bühne wird. Mit dem Kaplan und dem hustenden Redakteur, sowie mit Hitz, dem Maler, verkehrte er gern. Ihnen, als seiner Prüfungskommission, wollte er die Verse vorlesen.

Es herrschte ein merkwürdig stiller Morgen. Er war wach und doch wie tot. Der Himmel leisgrau mit einem fahlen Fleck, wo die Sonne sein sollte; die Luft schwer wie Blei, die Berge wunderlich nah, alles so leer und ausgestorben und farblos vom Alpenrasen bis hinauf zu den Nackenknochen des Absomer. Man erschrak vor dem Pfiff eines Murmeltierchens, weil er in dieser Öde dreimal lauter als sonst tönte. Und aus den schier ausgedörrten Weidbettlein hörte man das magere Getropf der vielen Wässerchen so nah und unnatürlich stark, als läg' es einem am Ohr.

Aber unten in den Wäldern, wo Mang mit Sette bergab lief, war ein Leben wie vor einer großen Flucht. Alle alten Rinden der Stämme sah man vollgekrochen von Käfern, die ihre Fühler und Hörner wie Spione ihre vorsichtige Nase vor einem Feind vorstreckten. Vom Laub gen Boden schlichen zierliche, seidengelbe Blattläuse, während weiter oben im Baum Finken, Meisen und Spatzen einander wirr um die sicherste Nestmiete für den kommenden Sturm anfragten. Es war ein fürchterliches Geflatter da oben in den unbewegten Kronen. Die braunen Waldameisen glänzten vor Eile, die erräuberten Brocken Proviants noch rasch in ihre Löcher zu schaffen. Aber die Roßschnecken mit ihren weichen Bernsteinleibern geiferten garstig und frech über den Weg. Schmetterlinge sah man nur noch zwei, drei müde und verflogen ins Gestrüppe sinken. Und was nachts im Wald wach ist, die grauen, dicksamtenen Falter, die gesprenkelte Kreuzspinne, das Käuzchen und die Fledermaus, das ward jetzt ob der großen Erd- und Luftstille so getäuscht, daß es meinte, es dämmere schon wieder in die Nacht hinein, und man dürfe bald wieder ans dunkle Handwerk gehen.

Auch den Blumen ging es nicht besser. Die blauen, roten und weißen Vergißmeinnicht hingen schlaff erdwärts, der Frauenschuh wollte schon wieder seine gelben Schnallen schließen und die samtbraunen Schutzlappen darüberschlagen, während die süße Akelei und das sonst recht kecke Pfaffenkäpplein noch gar nicht ihr Schlummeraug' aufgeschlitzt hatten. Ein moderiger, welker Geruch schwebte zwischen den Stämmen, und die zahllosen, weißsternigen Knoblauchpflanzen mit ihren scharfen Giften durchspritzten diese müde Luft wie mit Leichendüften.

Doch Sette und Mang fühlten nichts von dieser beklommenen Welt. Rüstig eilten sie zu Tal, von vielen guten Gedanken immer wieder neu gespornt. Mang stellte sich das Staunen der Mutter vor, wenn er die Ingenieursfrau ans Bett brächte, von deren Gemahl Cäcilie soviel erhofft hatte. Auch hatte er vor, das eine Goldstück mit der gezopften Mama Helvetia der Mutter ins leere Medizingläschen zu stecken. Sie könnte dann zur Armenkost später ab und zu ein Fläschchen Oberländer oder ein Eierweckli aus der ›Krone‹ bestellen. Und er will ihr sagen, daß er den Bastian gern zum Stiefvater habe und daß sie vielleicht, wenn Mang später wieder Geld bringe, ihm zur Verlobung einen dünnen, echtgoldigen Ring kaufe. Denn Mang weiß vom Brollerhaus her nichts anderes, als daß zwischen den zwei recht gut Wetter ist, Wetter zum Hochzeitmachen.

Dann läuft ein Lachen über seine Schaufelzähne und saftigen Lippen ins Kinn hinab. Wenn nämlich der Inschenier da unten im Land die Straßenbahnen erzwingt, – und er wird's, so einer, wie er mal ist! – und wenn er da alles ausmißt und festlegt, kreuz und quer, in einem so weitgesponnenen Netz, dann bekommt auch Mang haufenweise Arbeit und Geld. Dann rückt's mit dem Studieren noch viel besser. Das Leben fängt auch für ihn nun an schön und gut und reich zu werden. Juchhe! Daher fühlen seine behenden Glieder die lastende, brütende Welt da ringsum mit all ihrem Drohen von Gewittern rein gar nicht.

Und Sette lacht mit. Auch sie lebt neu auf. Mit jedem Morgen liebt sie ihren Mann treuer und tiefer. Immer wärmer wird ihr bei ihm. Geht doch auch seine Seele fein langsam vor ihr auf und schämt sich nicht, Bluest, wenn auch Spätbluest immer reicher zu offenbaren. Wie gut verstehen sie einander schon! Und es wird noch besser. Und sie kann viel dazu tun. Heut vor allem wagt sie ein Meisterstück. Zwar ersinnt und verwirft sie vorweg ihre Rede bei Cäcilie und kommt zuletzt darauf, der Augenblick müsse ihr dann Satz für Satz eingeben, wie's am dienlichsten sei. So kommt's dann frisch und herzlich und nicht erklügelt heraus. Sie hat nicht Angst. Es wird alles gelingen. Denn sie ist voll Liebe, gerade wie die Cäcilie, und da kann's nicht ungerad' werden. Durch ihr neu befestigtes Leben fühlt sie sich stark, beredt, unerschrocken und schmiegsam, kurz: halb allmächtig. Ihr lebendiges Haar kräuselt und bläht sich an beiden Schläfen wie ein geschwelltes, goldiges Doppelsegel. Sie ist nur noch Hoffnung, sichtbare, gewisse Hoffnung. So schießt sie flink durch den trägen, müden Wald ins Tal. Soll nur jemand kommen und ihr jetzt vor den Schritt stehen, hopplaho! – sie reißt alles nieder. Sie nähm's jetzt mit allen sieben Teufeln im Evangeli auf, von denen sie am letzten Sonntag den Kaplan weit über die Kapelle bis in ihren Alpenspaziergang hinauf hat predigen hören.

Die heutige Sonne, so ein blindes, verstaubtes Milchglas am hängendgrauen Dach da oben, könnte wohl schwarz beflort werden, und es könnte wie Friedhof um sie sein und nur noch das Heimchen, das man von ferne so nötlich und tödlich warnen hört, sein Miserere beten, – das tut alles nichts. Mang und Sette gehören jetzt nicht in diese Natur. Sie springen durch den toten Wald wie ein Trompetenstoß durch ein schläfriges Lager. Fast nichts reden sie. Was haben so Frohe zu sagen? Nur das erstemal, da Mang mit seinen groben Schuhen auf eine Schnecke tritt, will Sette: Gib acht! rufen. Aber es ist zu spät. Vorwärts! – Und sie sagt nichts mehr, obwohl Mang in seinen achtlos glücklichen Gedanken noch ein ganzes Heer von Käfern und Würmchen unter den Nägeln zerstampft.

Im ›End‹ wird Mittagsrast gehalten, und um die Vesperzeit geraten sie endlich in die Dorfwiesen an den ersten versäeten Häusern vorbei. Aus den erdebenen Bodenfenstern tosen eiserne Hebel, Walzen und Rollräder vom Webkeller oder Sticklokal herauf. Da sitzen die menschlichen Maschinen schon seit dem ersten Licht mit mechanischer Bewegung an dem Geräte und rutschen mit der Nadel oder dem Schifflein oder Hebel und Hammer hin und her. Dahinter geht eine Jungfer auf und ab und bessert aus und schlichtet im tausendfädigen Stoff. Bleichfarbig ist sie und hat rote Augen und blutlose, kalte Finger. So fast von Haus zu Haus dieses unterirdische Getöse, diese tiefe, feuchte Kellerluft, diese mechanischen Bewegungen, diese roten Augen und diese Wachsgesichter. Setten macht das sehr nachdenklich; ihre Schritte verlieren von der ersten Fröhlichkeit.

Befreiender wirkt unter der offenen Vorlaubentüre des Bauernhäuschens dort eine Frau mit ihrem Mädchen. Sie beugen sich über den Stickrahmen, woran ein seidenes Schnupftuch festgekeilt ist, und verstechen, verlöcheln und verkränzeln es mit tausend netten Nadelstichen. Und mitten ins üppigste Gerank sticken sie einen vornehmen Namen wie etwa Emil Manuß oder Fernan Ferri oder Robert Lesser oder auch Walter Broller. Der wischt mit solchen Tüchlein von unsäglicher Mühe und verstochenen armen Mädchenfingern seine freche, breite Stulpnase ab, wirft den Fetzen dann in eine Ecke und reißt ein noch feineres aus der Schublade. Wozu hat man's und vermag man's? – Aber Hunderte essen und leben davon.

Jedoch die Wohnungen sind hübsch sauber, die Kleider nett, die Gartenbeete gepflegt, die Türklinken funkeln und schwere violette Fuchsien und Lilageranien spiegeln sich im hellen Scheibenglas. Man verdient Geld, das ist sicher. Und auch die Männer und Weiber in den zwei Fabriken, wo alles mit elektrischer Kraft betrieben wird, bringen einen anständigen Tagelohn heim.

Nach dem Vieruhrläuten gehen Sette und Mang zum Armenhaus. Noch ist der Himmel unverändert, aber der Luftdruck so unerträglich schwer geworden, daß man kaum mehr atmen kann. Wenn's so lang an einem Unwetter braut, gibt's eines wie seit hundert Jahr' keines mehr.

Cäcilie sitzt schon wieder im Freien unter der Esche und hat doch vorgestern sterben wollen. Freilich hat man sie sacht hinausgeführt und in eine Decke gehüllt. Sie erkennt Mang schon von weitem und lacht mit ihrem vom ewigen Fieber verzehrten, durchsichtig magern, aber merkwürdig blühenden Gesicht ihm hellauf entgegen. In ihren braunen Augen glüht ein wunderbares Gold und eine wahrhaft sinnliche Freude an diesem Plätzchen im Freien, an einem so sorglosen Stündchen, an irgendeiner feurigen Erinnerung und jetzt am nahenden, aufgeschossenen, schönen Knaben ihres eigenen wilden Blutes. Wer die kleine, stramme Frau neben ihm sei, in so vornehmem Städterrock und mit einem so fein garnierten Sommerhut, wundert sie zwar. Aber dann gilt nur noch Mang. »Mang! Willkommen, Mang!« schreit sie schwach.

Er gibt ihr die Hand und sagt: »Das ist die Frau vom Inschenier, bei dem ich schaffe. Ich wohne bei ihnen. Sie kennt mich gut und hat dich darum auch besuchen wollen.«

Untertänig lächelte Cäcilie aus ihrem Sitzkissen hervor und nickte geehrt zur Dame, die ihr Seidenkleid mit den Fingern vom Heuboden aufraffte und fast verrieb vor Aufregung. – Also das war die berühmte Cäcilie! Die, die die! –

Setten wankten die Knie vor diesem Weibe, das über alle Verwüstung der bösen Jahre eine so lodernde Lebenslust bewahrt hatte. Welch ein schönes Mädchen mußte sie erst vor vierzehn Jahren vorgestellt haben, als der begehrliche und kurzweg heischende Student sie erblickte und wie ein Falke abfing! Nicht daran denken, um Gottes willen nicht! Sitzen, sitzen und die Augen schließen, bis der erste Sturm sich ein wenig vertobt hat! Haß, Eifersucht, Ekel und Schmerz, aber auch ein wenig Mitleid schütteln ihr armes Gehirn. Wie unbedacht, wie tödlich unbedacht ist sie da hereingestürzt!

Aber sie gibt der Cäcilie die Hand, läßt sich gegenüber in einen Feldstuhl nieder und hört unter mechanischem Nicken die Kranke viel eitle Worte machen. Ihr, die immer so blaß ist, sieht niemand das Gefühl unendlicher Verlassenheit an, das auf einmal sie wie eine endlose Wüste umlagert. Ach, Mang gehört dem Weibe, nicht ihr; und Emil hat auch zuerst diesem Weibe gehört und leidenschaftlich und mit einem lebendigen Zeugen ihm gehört, so wie er Setten noch nie angehört hat. Ja, Sette steht außerhalb dieser verknüpften Menschen. In dieser Minute ist aller Jubel des Heruntergehens wie ein Rauch verdunstet. Sie ist die Getäuschte, die Belogene, die Zurückgesetzte, – sie ist die Unfruchtbare, die Witwe, und weit und breit gibt es für sie nichts als Wüste.

»Welche Ehre,« sagt Cäcilie und neigt immer wieder den Kopf zu einem Kompliment, wie beim Servieren eines besseren Gastes, von dem ein besonderes Trinkgeld zu erwarten ist.

Wie es ihr gehe? fragt Sette. – Ganz gut! äußert die Kranke. Gestern noch ein kleines Blutstürzchen, heute könnte sie weben oder spinnen, so hüpfen ihr die Glieder. Müßte sie doch nicht so still sitzen! – Aber, nicht wahr, welch ein flotter Junge ihr Mang sei! Ob er schon mit ihr so in seiner tiefen Art geredet habe? Sage sie nicht selber, er sei gescheit wie der geschulteste Stadtstudent? Ein Jammer, daß man kein Geld habe zum Studierenlassen. Da haben die Reichen es gut. Die Dümmsten kann man mit Geld zu Professoren machen. – O ja, sie weiß es! Sie war auch einmal in der Stadt! – Sie stutzt. Das wollte sie lieber nicht gesagt haben.

Auch der Bub hört sie nicht gern so reden.

»Da, Mutter!« bittet er fast und klaubt das Gold aus dem Brusthemd, »da hast du meinen ersten Lohn! Es kommt noch mehr, wart' nur!«

»Gold, wahrhaftig, er hat Gold,« lacht Cäcilie und hält die rotgelbe Münze vors Auge. »Du Lieber! – wo steck' ich's aber hin, daß der Armenvater nichts merkt! Das sag' du mir! Er ist ein Luchs in dem Stück.«

Sette wollte aufstehen und die Krankenschwester begrüßen, die hinter den Scheiben im Erdgeschoß stand und die Gruppe scharf beobachtete. Nur eine Minute aus dieser Luft!

Aber da sprang Mang vorher auf und lief einem Manne entgegen, der schwarzhaarig und mit kleien, dunkeln Augen auf einem hohen Heuwagen am Haus vorgefahren war und nun leichtfüßig zur Erde sprang. Ein wilder Blick Cäciliens folgte dem Jungen.

Das war Bastian. Er lüpfte leicht den Hut gegen den Baum und kräuselte die Stirne vor Mang. Aber der Knabe packte ihn so derb an der Rechten und sagte mit einer so schönen und aufrichtig klingenden Stimme: »Grüß' Gott, Bastian!«, daß der Oberknecht sogleich freundlicher ward, lächelte und fast zaghaft sagte: »Kann ich jetzt wohl einen Augenblick mit der Cäcilie reden?«

»Komm nur!« hat Mang zutraulich und zog ihn gegen die Esche.

Aber die Kranke machte unwirsche Augen und hielt die Hand vor wie zur Abwehr. O wie sie diesen Menschen haßte, der da wie ein Verlobter auf sie zuschritt! Hatte sie ihm etwa nur einmal gesagt, sie liebe ihn? Hatte er das kleinste Recht auf sie? – War er Vater des begrabenen Mägdleins und des andern, das nun auch wie eine steife Wachspuppe im Totenzimmer lag? War nicht alles mitsamt der geplanten Heirat eine Machenschaft, auf die sie lachte? Jetzt ist sie krank. Ja, ja, jetzt gute Miene! Aber frei will sie sein und gestempeltes Papier und Briefe und Versprechen gelten ihr nichts, sobald einmal dieses verwünschte Bluten und Vernarben und Wiederaufbluten aufhört und sie genest. Doch ihm schön tun, das kann sie nicht.

Immer hat er ihr nachgestellt. Einen Augenblick liebelte sie mit ihm, wie mit jedem, der Scherz verstand. Aber Bastian nahm es sogleich furchtbar ernst, ward sterbenseifersüchtig, ließ sich wie ein Hund verjagen, knurrte und kam und leckte wieder. Er ekelte sie an. Und überall lauerte er ihr auf und überwachte sie wie ein Vogt. Sie hätte ihn töten mögen, weil er so oft ihre heimlichsten Liebeswege kreuzte. – Aber eines Abends kam er doch zu spät. Der Broller, dem sie wie eine Sklavin ergeben war, weil er so kühn und gewaltig zugriff – solche Menschen hatten seit jenem ersten in der Plättlihütte eine dämonische Gewalt über sie –, der Ernst Broller hatte sein Ziel schon erreicht. Bastian konnte nur toben und fluchen. Es war geschehen. Doch immer trug er noch Hoffnung, wie alle leidenschaftlichen, tiefen Menschen. Das konnte sie ihm nicht austreiben. Erst als er, der erste von allen, die Zwillinge schreien hörte und Brollers Verwirrung sah, ward er ein Mann. Sie weiß es gut, er ging in seiner Wut hin und legte Feuer an. Unbedacht war das. Man bewältigte das Feuer, aber auch ihn bewältigte man. Es kamen die Fußschellen, die vergitterten Fenster, zwei Verhöre, eine halbe Stunde unter vier Augen mit dem Broller allein, und die Freisprechung und – der Ehekontrakt. Gräßlich!

Cäcilie konnte den zwängerischen Mann schon nicht ertragen, wenn sie allein und gelangweilt war. Jetzt bei dieser vornehmen Frau und Mang, den sie in der Gloriole eines alten Liebesmärchens sah, jetzt war dieser Kerl geradezu unausstehlich. Immer, wenn es am wenigsten paßte, kam er. Diesen Augenblick hatte er sicher auch ausspioniert, pfui!

»Geh jetzt, – kannst am Abend kommen!« keuchte sie, und ein grauer Ekel überzog ihr Gesicht.

Er stand da und knickte ein. Zorn und Leid machten sein Gesicht ganz weiß. Schmerzlich krümmte er die Brauen, indem er sagte: »Gut! Cäci! – Ich komme gegen acht oder neun!«

Die paar Worte und die Mienen dazu offenbarten Setten mit einem einzigen Riß das schreiende Elend der zwei Leutchen. Nein, dieses arme, unselige, lachende Weib war nicht zu beneiden. Es war das unbeschreiblich geschlagene Opfer der Männer geworden. Jetzt war ihr alles klar, was bisher nur Gemunkel von Heinz und, wie auch der beschönigte, nur vom Wind ausgestreutes Gerücht gewesen war.

Sette mußte weg. Das war zuviel für den Augenblick! Mit einer leisen Entschuldigung ging sie zur Schwester am Fensterchen, während Bastian mit gesenktem dumpfen Blick den Wagen ums Haus zum Gaden fuhr. Voll Ehrerbietigkeit grüßte Sette die Bethanierin und erklärte schlicht, wieso sie mit dem Jungen sich daher gewagt habe. Was denn eigentlich vom Zustand der Kranken zu halten sei? Sie sei sicher viel kränker, als sie selbst meine. Ja, das komme ihr gerade verdächtig vor, daß sie viel zu gesund tue.

Schwester Anna prüfte zuerst das Antlitz der Dame und las daraus gerades, herzhaftes Vertrauen. Mit ihr, die wie ein Mütterchen Mang daher begleitet hatte und mit dem Ingenieur sich sicher des Buben annehmen würde, wenn es hier mit Cäcilien eine Änderung gäbe; mit diesem eifrigen, sorghaften Frauchen durfte sie schon offen reden. So bekannte sie denn, daß Cäcilie auch ihr ein Rätsel sei, das alle an der Nase führe, sie und den Pfarrer und den Doktor und den Armenvater. Aber darum traue sie doch nicht. So ein Flattern und Lachen am nahen Tod vorbei sei ihr noch nie vorgekommen. Cäcilie müsse ein Herz haben wie ein Roß und Nerven wie Stahlseile. Denn nach so großem Blutvergießen noch eine solche – daß sie es so sagen müsse! – Lebensfrechheit übrig haben, das spotte aller ihrer zwanzigjährigen Erfahrung in den Spitälern von Berlin und Charlottenburg. – Dabei machte die gute Schwester ein so bedeutendes Gesicht, als es einer Millionenstadt und der Ehre, da zugleich mit dem Kaiser und dem Reichskanzler amtiert zu haben, durchaus zukam.

Ob man etwas Wichtiges mitteilen dürfte, ohne ihr einen Schaden zu tun? bat Sette. – Freudiges oder Schweres? fragte Schwester Anna. Sie teilte den uralten Glauben aller alten Krankenwärterinnen, daß den Patienten nur eine üble Nachricht schaden könne. – Freudiges oder Schweres? fragte sich nun auch Sette ganz verblüfft. Mühsam bröckelte sie dann heraus: »Freudiges!« – Aber ihr Gesicht errötete schamvoll. »Dann wohl!« richtete die Schwester. »Aber eilen Sie! Die Frau muß bald ins Haus.« – Sie wischte den Schweiß von ihrer schönen, großen Nase und sah bänglich zum Himmel, wo es noch viel dunkler geworden war, ohne doch bestimmte Wolken zu formen. Wie eine einzige Gewitterdecke hing alles ob den Häuptern.

Sette hatte nun auch ihrerseits volles Vertrauen zur Schwester gewonnen und sagte frisch: »Um es Ihnen offen zu gestehen, ich werde der Frau da drüben eröffnen, daß der Vater Mangs lebt und den Sohn zu sich nehmen und sich vor aller Welt zu ihm bekennen will.«

Sie hielt sich am Fenstersims, nachdem sie das Kolossale gesagt hatte. Die Schwester starrte sie sprachlos an. Dann aber zog eine ungemein zarte, süße, frauliche Freude über ihr altjüngferliches Gesicht. – »Wenn Sie aber nun meinen,« ermannte sich Sette noch einmal, »es sei besser, mit so einer – einer – unge – so einer wunderbaren Meldung noch etwas zuzuwarten, so gehe ich wieder, Schwester Anna. – Aber ich bin heute deswegen von Miezeler heruntergekommen.« – Wieder suchte sie das Fensterbrett.

Da streckte die Bethanierin ihre fette, weiche Hand zum Flügelchen heraus, faßte Setten wie ein Mütterchen ihre Tochter ungeniert fassen darf, und sah das mutige Weiblein tief erquickt an. Dann aber ermunterte sie: »Tun Sie's sogleich, aber auch sogleich! Denn« – sie neigte sich zum Ohr hinab – »die da drüben ist eben doch vom Tod gezeichnet. Da hilft kein Lachen. – Gehen Sie!«

Sette trippelte wieder hinüber zum Baum. Aller Haß war verflogen. Sie hatte nur noch Mitleid. Sie wollte diesem Weibe vor seinem Ende gerne noch eine Freude machen. Sehr schön wollte sie ihm alles sagen. Eine gewisse Ehrfurcht und Andacht ergriffen sie vor dem Menschen da, der schon im Schatten des Todes saß. Er war jetzt das Wichtigste von allem.

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