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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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26

Emil nahm den jungen Gehilfen selten mehr in Anspruch. Geschah es einmal, so hielt er seine Gefühle nieder und preßte das Herz in Zwingen und Schrauben. Kein besonderes Wörtchen, das er nicht auch einem andern gesagt hatte, schenkte er ihm, und nicht die gelindeste Zärtlichkeit erlebte Mang. Es war immer ein festes, gehärtetes Reden, wie Meister und Bursche sich unterhielten. Doch legte der Manuß in jedes Wort und in jeden Blick eine gewisse wohltuende Hochachtung gegen seinen jungen Begleiter. Sehnte sich Mang jetzt umsonst nach etwas Wärmerem, so war er doch dankbar für die gute Meinung, die der Herr Inschenier immer noch von ihm, dem schwachen, unfertigen Tropf, bewahrt zu haben schien.

Mangs Ehrfurcht für Emil stieg, wenn er ihn so ruhig und sicher am Werke sah. Daß einer so zäh überlegen, dann so frisch zugreifen und so rasch beenden könne, hätte er nie geglaubt. Wie ein Adlerauge schwebte der Meister über dem Ganzen. Nichts entging ihm. Besonders bewunderungswürdig dünkte dem Jungen der Damm durch die Weigete. Er sah Emil wie den gemeinsten Kotbuben mitschaffen. Mit seinen zartgeäderten Frauenhänden hatte er große Granitblöcke hergewälzt, Teer, Erdschleim und Zement abgekocht und die klebrige Masse zwischen seinen zierlich langen Fingern auf ihre Zähigkeit geprüft, hatte gemessen, sprengen helfen, ward, als ein Schuß nicht losging, von allen der erste am unheimlich stummen Pulverloch gesehen. Er herrschte und lobte und fluchte und peitschte die Italiener zur Eile. Mang ward nicht anders zumute, als stände er am Pyramidenbau des Pharao; er war von allem erschreckt und entzückt zugleich.

Die Veränderung Emils seit dem Streit auf dem Gipfel schmerzte ihn hart. Es wurde ihm täglich klarer, daß Emil sich gar nicht mehr um seine Mithilfe bemühte und sich wenig daraus machte, ob Mang überhaupt mitkomme oder nicht. Der Bub hatte das nicht gern. Es schmeckte ihm bitter, wenn Emil sagte: »Aha, du willst mitkommen! Komm nur! Aber notwendig ist es gerade nicht!« – O was gäbe Mang jetzt darum, wenn es notwendig wäre und Emil etwa sagte: »Ich muß dich dabei haben, sonst geht es nicht.« Wohl wäre ihm die Arbeit selber nicht lieb, aber überaus lieb der Arbeitsherr. Mang hätte sich die Krausen vom Kopf rupfen mögen, wenn er an die Tage zurückdachte, wo er Emil grob von sich gestoßen und gehaßt hatte. Beide Hände hatte ihm der Inschenier damals entgegengestreckt. Er wäre wohl zufrieden, wenn er ihm jetzt nur noch den kleinen Finger reichte.

Am Freitag abend vor der Älplerkirchweih war der Damm fertig, die Linie bis in die kleinste Schleife festgeritzt, an schwierigen Stellen sogar wie ein Fluhband durch die Wände gehauen. Experten hatte die Trasse geprüft und ihr schmeichelhaftes Gutachten in den wichtigsten Landesblättern veröffentlicht. Besonders gerühmt war der Weigetedamm worden als ein Urbild unzerstörlicher Kraft. Die Kosten wurden genau angegeben, die Absomerbahn-Gesellschaft hatte die Anzahl der Aktien schon festgesetzt, ebenso alle Bedingungen, Lasten und Vergünstigungen dieser Papiere klar geordnet, und am nächsten Montag wollte sie sich als feste, juristische Persönlichkeit, die tapfer genug ist, für alles zu haften und alles zu verantworten, offiziell in die Öffentlichkeit wagen und ihre Papiere fliegen lassen. Damit war denn für alles Vorgegriffene des Broller solidarische Deckung gewährt. Zugleich hatte Emils Aufgabe ein Ende und mußten nun die Baumeister kommen, die rohen Handwerker seiner Kunst. Emil wollte freilich noch drei, vier Wochen hier oben bleiben. Sein Aufenthalt richtete sich längst nicht mehr nach der Überwindung des Berges, das war Nebensache geworden. Nein, er mußte so lange bleiben, als er Mang noch nicht überwunden, die Trasse in sein Sohnesherz noch nicht gefunden hatte. Hier war seine Kunst als Ingenieur noch immer zu klein.

An diesem Freitag abend, der eher das Gesicht eines Samstags mit Ablöhnung, feiernden Arbeitern, klingenden Gläsern und reiner, fertiger Arbeit machte, war auch Mang auf die Absomeralp gelaufen, vorgeblich, um die Ehrenkäslein für die beiden Kirchweihprediger beim Kobelkarli zu holen. Der Hirt oder besser seine berühmte Käshütte hat von jeher das Recht gehabt, dieses Älplergeschenk an den Absomer Pfarrer und den Mattlerherrn zu liefern. Wildmann und Wilbweib, zwei tolle Masken, die durch allerlei kecken Hokuspokus den Kilbitag hindurch den Übermut des Festes vorstellen mußten, die übergeben dann jeweilen unter selbsterdichteten Sprüchen und Witzen dem Kaplan und dem Pfarrer so einen Laib Käse. Als Mang sich erbot, die köstlichen runden Dinger zu holen, war Jochem nicht wenig froh. Der ernste Junge bürgte ihm, daß die zarten Käslein sorgsam und sauber gebracht würden, nicht von Vögeln verpickt und von Ameisen verlöchert, wie auch schon vorgekommen, wenn ein Träger unterwegs ein Schläfchen gemacht und die klugen Tierlein sich bei dieser schönen Gelegenheit eine kleine Kilbi vorweggenommen hatten.

Aber eigentlich war es Mang gar nicht um die Käslein zu tun. Er wußte vielmehr, daß der Inschenier gegen Abend nach Miezeler hinunterstiege. Heinz war nicht bei ihm. Diese Gelegenheit wollte Mang benutzen. Beim stillen Spaziergang von der Alp wollte der Knabe dem Inschenier erzählen, daß seine Mutter wieder übler daran sei, daß er zu ihr wolle, daß Sette mitkäme, wenn der Herr nichts dagegen habe. Und dann, wenn alles gut ginge, wollte er direkt Emil fragen: ob er ihn nicht mehr gern habe? Ob er lieber unten bleiben solle? Was er tun müsse, um ihm wieder zu gefallen? Denn wenn er außen auch rauh sei, so tät es ihm im Herzen doch weiß wie weh, wenn Emil ihn nicht ein bißchen gern hätte. Er wenigstens könne nicht begreifen, wie er noch vor kurzem von Haß gesprochen habe, da er jetzt Emil so liebe, wie im ganzen Umkreis seines Ländchens niemanden.

Das wollte er sagen, und diese Unterredung mußte ein wichtiger Augenblick für sein ganzes Leben werden. Denn nachher wollte er auch seine Pläne wegen des Studierens vorbringen. Meint etwa Emil, er wolle betteln? Nein doch, keinen Rappen nähme er zum Geschenke an. Aber Bücher muß ihm Emil leihen, und Mang will den Winterabend bis in die Mitternacht fürs Lernen ausnutzen. Am Tag aber will er Geld verdienen. Der Bastian hat ihn gern und läßt ihn auf eigene Faust hantieren und zusammensparen. So kommt Monat auf Monat ein Häufchen kleines Silber und Nickel zusammen. Ein paar Jährchen Geduld, und Mang steigt nieder in die große, weise Stadt, besucht die Hochschule, zahlt Brot und Lehre mit dem eigenen Batzen und wird in seinem Fach ein Meister. Hurra!

Es fügte sich alles leicht, wie Mang begehrte, und gegen fünf Uhr bei schräger goldgrüner Vespersonne zog er mit den Käslein auf dem Rücken neben Emil bergab. Die sonnigen Dörflein des Tales leuchteten auf, da und dort mit blauem Rauchgekräusel auf dem Dache. Denn bereits wird in vielen Küchen geküchelt. Aus den strohgelben Riedfeldern schwelt schon ein violetter Dampf auf, der nachts dann zu einem dicken, kalten, stickigen Nebel wird. Die Bachtobel und die Waldhalden haben schon frühabendlichen Schatten. Der Himmel ist von dunkeln, hohen Schwalben durchschwirrt und zeigt ein süßeres und helleres Blau als das Vergißmeinnicht. Aber gegen die verwünschte Wetterecke im Nordwest, dort, wo die langweiligen Jurazüge herumschleichen, dort wird er graubraun wie das schmutzige Fell einer Katze. Soll das Wetter nun etwa auf die herrliche Kirchweih grausam umschlagen?

Das wäre Mang unangenehm. Denn er möchte, daß Emil und Sette die alten Bräuche der Älplerkilbi mit den zwei Predigten, den Wildleutsprüchen und der Käsübergabe, dann das Jodeln und gegenseitige Necken der Völker diesseits und über dem Plättlisee, endlich die Tänze und vor allem den alten, berühmten Bergler bei vollkommenem Wetter und in der Entfaltung durch die weite, freie Bergnatur miterleben könnten.

Er setzt im Hinuntergehen öfters an, aber verschluckt sich immer wieder. Es will ihm einfach nicht von den Lippen gehen, über seine Mutter etwas zu sagen. Böse und bekümmert ist er über seine Verzagtheit und kann sie doch nicht überwinden.

Es kommt eine Stelle, wo die Alpwiese fast wie ein Fels so steil gegen den Miezeler Wald abfällt. Kinder rutschen da gewöhnlich auf allen vieren herunter. Da sieht man, ehe der dichte Wald das Aug' umdunkelt, noch einmal weit hinaus ins Land und hinab in die Dörfchen und Hügelchen und Flußtobel des Absomergebietes. Hier setzte sich Emil nieder und sagte: »Wirf deine Käslein ab, wir wollen da noch ein wenig rasten und ins Ländli schauen!« – Jetzt wollte Mang den Mund auftun. Das war doch sicher eine Fügung. Aber Emil ließ ihm keine Zeit. Er begann wie für sich und doch auch dem Ohr des Jungen vom Bahnwerk zu erzählen. Es sei alles so sonderbar zahm an diesem Berg, man würde das von weitem gar nicht glauben. Der Gipfel sei geradezu ein Spiel. Nur wo es niemand vermute – der Regen der letzten Woche habe es gezeigt – träten Schwierigkeiten hervor, die einem bang machten. Die Weigete vor allem, die sei das Böseste, was ein Geometer überhaupt antreffen könne. Man nenne sie auch Katzenscharte, und er finde das Wort so besser, denn die Stelle sei wahrhaft tückisch wie eine Katze. Der Damm stehe nun ja wohl glorreich da, breitschultrig, als nähme er den ganzen fallenden Berg auf den Buckel, wenn es sein müßte. Aber der Grund bleibe auch jetzt noch ein Rätsel. Er sprudle in den Tiefen heut viel lauter als zur Regenzeit. Das stimme ihn bedenklich. Jedenfalls wolle er das dem Komitee und der Baukommission noch in sehr ernste Erwägung geben.

Mang wußte da mehr als der Ingenieur. Von den Älplern, den ergrauten, hatte er es, daß von Mitte bis Ende Heutmonat, also just jetzt, in den unergründlichen Modergrüften der Weigete der Boden die gefährlichsten Bewegungen ausführte. Denn unter diesem Schutt lag altes, tiefschattiges, halbversandetes Eis, das erst durch den schwülen Gewitterdruck der Juligewitter zum Tauen kam und dann mit dem gelösten unterirdischen Wasser unendliche Massen Schleim und Kieselwerk durch die vielen Höhlen und Naturkanäle des Schuttgebietes bergab wälzte. Aber Mang wollte jetzt von seinen Sachen endlich einmal reden. Nachher konnte er ja das auch noch beifügen.

»Ich möchte –« begann er.

»Still, still! Ich weiß, was du möchtest!« unterbrach ihn der Ingenieur; »du möchtest, der Damm wackelte morgen von der Mordfluh zum Plättlisee hinunter. Da sind wir Feinde, Mang, und bleiben Feinde! Aber schau, es gibt einen Platz, wo mir gute Freunde werden könnten.« –

Er streckte seine lange, herrische Hand gegen das Ländchen hinunter, das nun eine tief gelbe Siebenuhrsonne auf den Turmhelmen, Tannenspitzen und Hügelkuppen trug, während in den Einsattelungen der Täler, wo die meisten Häuser lagen, schon ein duftig blauer Abendschatten die Dorfheimlichkeiten wie mit einem Mantel überwallte. Ein dünner, grauer Faden stieg aus einer Schlucht und schimmerte plötzlich silbern, wo er noch in die Sonne geriet: Das Absomerbähnlein!

»Einen einzigen und dazu schlechten Schienenweg habt ihr im ganzen Land. Und doch zählt ihr so reiche und stattliche Dörfer und so viele Leute und Arbeit drinnen. Da rechne einemal die Entfernungen durch die Luft aus, etwa zwischen Absom und Mattli! Dreistündigen, beschwerlichen Umweg auf und nieder habt ihr vom einen zum andern. Und Nanzig und Absom, – von den Schallöchern in beiden Kirchtürmen kann man sich auf eine kurze halbe Stunde grüßen. Aber in Wirklichkeit müssen die armen Frauelein von Nanzig und die Sticker am Samstag mit ihren schweren Ballen gut anderthalb Stunden lang laufen, bis sie durch die zwei Tobel zu den Stickherren von Absomdorf gelangt sind. Dort im Osten, gegen den Seenebel, sieht man den Zwiebelturm von euerem Gerichtsort Tuzis. Gerade daneben liegt Schaffeldern. Man glaubt von hier, sie geben sich die Hände – oder nicht? – Und nun ist auch da der Weg wieder fünf Viertelstunden lang. Sehen könnt ihr euch fast alle wie an einem Familientisch. Aber fast nicht um den Tisch herum könnt ihr. Da habt ihr nur elende Prügelwege, die gleichen wie vor vier Jahrhunderten, da das Leben noch ziemlich anders lief. Da ist kein Ende und kein Maß. 's ist eine Quälerei und ein Vergeuden von Schweiß und Zeit für rein nichts. Da solltet ihr nun kleine Straßenbähnchen haben, zwei, drei elektrische Wagen, auf kurzen Strecken von Ort zu Ort. Das kostete ja nicht so hohes Geld. Das Gefälle von euern gar nicht zu erschöpfenden Bergwassern böte eine solche Kraft, daß ihr davon drei Viertel in die Stadt verkaufen könntet und dann euer Viertel umsonst hättet.« –

Das freilich gefiel nun Mang sehr. Mit seinem besonnten und begeisterten Gesicht blickte er bald auf den Sprecher, bald auf sein so schönes und so hoffnungsreiches Land nieder. Und am stolzesten drin nahm sich eben doch Absom aus mit den herrlich geschweiften Giebeln, dem hohen Kirchturm, dem Brollerschen Herrenhaus am Markt, dem heimeligen Gasthof Uelis und dem – ach Gott, ja, auch dem Armenhaus! Herr im Himmel, er vergaß ja ganz, daß da seine Mutter lag und vielleicht am Sterben! Der gestrige Bericht war wieder ein wenig tröstlicher als der von vorgestern; aber doch hieß es, Mang solle nicht säumen, wenn er nochmals mit Cäcilie reden wolle. Aber er solle vor dem Manuß damit nicht auffällig tun. Das begreift Mang nicht. Er ist doch kein Weib, um laut zu flennen. Was meinen sie denn damit? Also Mang, mutig!

»Inschenier, ich wollte –«

»Wem sind die Prügelwege? Etwa euern Herren? Die fahren in ihrer Kutsche, geh's, wie's gehen kann! – Wem sind die Prügelwege? – Euern Bäuerlein und euer Arbeitern, die in der Woche zweimal den stundenlangen Weg, im Winter bei kniehohem Schnee, mit den schweren Ballen zur Ferggerei Ins Versandgeschäft machen müssen. Ihr habt erzählt, wie der Seff Karloser mit seinem Bündel da erfroren aufgefunden wurde, und wie die alte, brave Wäscherin Egli von so einem Weglein todmüde abgeglitten im Dunkel und in einem Tobel ertrunken ist. Und einen Fetzen ihrer Arbeit haben ja beide noch in der Hand gehalten, als wollten sie sagen: ›Seht da, auf dem Arbeitsgang sind wir umgekommen, nicht wegen Schnaps oder schwermütigen Launen! Euere Wege töten uns. Macht doch andere Sträßchen für den Arbeiter. Es geht dann immer noch schwer genug durchs Leben, wenn ihr ihm die höckerigen Wege schon ein wenig glättet!‹ – Du starrst mich ungläubig an! Darf ich solches nicht sagen? Freilich sag' ich, das wäre einmal eine soziale Arbeit für die kleinen, schwachen, müden Menschenfüße, die du immer in deinen berühmten historischen Ohren hörst. Bah, bah, – mach' kein böses Gesicht! Es ist mir Ernst. Das wäre ein wahrhaftiges soziales Werk und für euer Volk wie zugeschnitten. Die Bergbahn hier oben reizt mich ja wohl mehr. Es gibt wilder und verzwickter zu denken. Aber dort unten die Partie zwischen Mattli und dem Seelein, besonders dann oben bei der Bergscheide, hat mich schon oft gestochen. Da gäb's ein schlaues Manöver. Und von Absom nach dem Weiler Schachmühl ist ein Grat zwischen zwei Schluchten verteufelt fein in die Strecke gelegt. Das gäb' einen Hochgenuß der Fahrt, eine Sehenswürdigkeit. – Mang, hab' mich lieb, und ich will da unten dir noch viel Hübsches machen. Das sag' ich!«

Emil redete und redete ununterbrochen, nur um Mang nicht wieder zu einem Streit kommen zu lassen wie auf dem Absomer. Jetzt erhob er sich. Aber Mang riß ihn ins Gras zurück.

»Ich hab' Euch schon lieb. Aber ich wollte noch –«

»Sag' mir nichts mehr vom Absomer!« herrschte Emil ihn scharf an.

»Nein, aber ich möchte morgen nach Absom zu – ich möchte ins Waisenhaus zur Cäci – zu meiner Mutter!« brach er sich endlich hochatmend durch.

»Ja so,« entfuhr es Emil langsam und beschämt. – »Ganz recht,« ereiferte er sich schnell, um seine Überraschung zu verdecken. »Was schämst du dich, Mutter zu sagen! Das ist deine Mutter so gut wie Walter und Seppli und ich Mutter gerufen haben. Geh nur! Und grüß' sie auch von mir recht vielmal!«

»Sie hat am Mittwoch einen bösen Rückfall gehabt und mir sagen lassen, ich solle doch wieder einmal zu ihr kommen. – Man weiß ja auch nie recht, ob's bessert oder –«

»Hab' du nur Mut! Das kommt schon alles recht!« feuerte Emil den Knaben an.

»Aber Frau Sette? Sie will gern mitkommen! Seid Ihr nicht unzufrieden, wenn sie mitgeht und –«

»Im Gegenteil, ich seh's gern. Sie kommt ja sonst nirgends hin. Führ' sie ein wenig im Dorf herum und zeig' ihr einen Stickerkeller oder wie so eine Handstickerin am Drehstuhl sitzt und nädelt oder wie die Klöpplerinnen hantieren. Das alles möcht' sie gern sehen.«

»Jawohl und am Abend sind mir wieder hier,« versprach Mang glücklich. Er dachte, wie leicht es nun würde, mit der hübschen, guten Frau ins Armenhaus zu gehen. Auch seiner Mutter würde der vornehme Besuch gefallen. Und wer weiß, vielleicht ist es so einer geschickten und feinen Frau möglich, tiefer in Cäciliens Geheimnisse einzudringen, als er das in seiner rauhen Art vermag. Frauen verstehen einander besser. – O wenn diese Gnade geschähe, daß er morgen die ersten Fußstapfen fände, die zu seinem Erzeuger gehen, der stärkste und beste Tag seines Lebens wäre es!

Über dem vergaß der Junge, was er sonst noch auf dem Herzen gehabt hatte. Bis Miezeler redeten die zwei kein Wort mehr. Sie hatten auch gar nichts zu sagen, so zufrieden waren sie.

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