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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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25

Emil Manuß schien seine große Unruhe verloren zu haben. Unermüdlich arbeitete er seine Linien um den Gipfel aus. Nur zwei Schleifen brauchte er für den ganzen Kegel. Aber die fraßen viel Geld weg. Sie waren dafür auch ein kühnes und schlaues Wunder seiner Kunst. Behutsam liefen sie mit der schroffgliedrigen Natur des Felsens, aber überlisteten ihn dann unversehens, wie aus dem Stegreif. Der Hochgipfel ward nun freilich seiner unantastbaren Majestät entkleidet. Aus einer himmlischen Zinne war eine vertretene Erdstiege geworden. Das war kein Löwe mehr, das war nur noch ein Lastgaul. Das Gebirge verlor seine mächtige Seele.

Aber hiervon wußte der Inschenier nichts. Ihm schien der Berg durch die Bahn wertvoller. Ein Mensch hatte doch aus seiner stummen und nichtssagenden Masse ein Geniestück der Geometrie gemacht.

Um so leichter und frischer arbeitete jetzt der Manuß, je besser er mit den ihm nahen Menschen unten in Miezeler stand. Wohl schüttelte Sette jeden Abend, wenn er ins Alpnest zurückkehrte und sie mit leisen, wunschheißen Augen anfragte, ihr leuchtendes Haarschöpflein. Noch sei es nicht so weit, dem Wang den Vater zu offenbaren. Aber sicher bald, vielleicht bevor eine Woche um wäre! Dann umarmte Emil sein Weib, und Sette merkte, wie seine Brust von Abend zu Abend immer heftiger pochte und seine Lippen von einem zum andern Kuß immer inniger wurden. Dann war er wieder stundenlang die allerkühlste Sprödigkeit. Aber doch ging nun kein Tag hin ohne ein Zeichen seines heimlich umgestimmten, zur Liebe erschlossenen Wesens.

Bei aller Ungeduld war er doch seiner Sache sicher. Denn er sah Mang zwischen Sette und Minchen sich so unbefangen und zugetan bewegen, als wüßte der Bub schon, daß er da hinein sein Familienstühlchen bekomme. Es war nicht nur artig, nein gerade rührend, wie er bei Sette seine Vierschrötigkeit verbergen und sich zum erstenmal in seinem trotzigen Leben zu einem Sie bequemen mochte. Dem Pfarrer, dem Broller, dem Doktor und Inschenier sagte er nach wie vor Ihr.

An einem vernebelten Regennachmittag legte sich Emil auf die Kammerbank und versuchte zu schlafen. Sette, Minchen und Mang spielten am Tisch gegenüber den Königsjaß. Jochem hatte sie gestern ein bißchen darin unterrichtet. Aber heute wußte keines mehr genau, wie man diese Karten wertete. Aufs Geratewohl sagte man fünfzig oder die Stöcke König und Ober der gleichen Farbe an oder schlug das Trumpfnell Der Trumpfneuner von Schellen mit dem Eichelzehner. Minchen und Mang fochten zusammen gegen die kleine Frau, deren Haar sich vor Lustigkeit hochgolden blähte. Minchen schielte beiden fleißig in die Karten.

»Rosenbanner,« sagte Sette und legte das Fähnlein der Rose auf das letzte Aß. Damit war die Partie fertig. Die Jungen hatten verspielt.

»Wie schad!« klagte Minchen. »Aber ich dachte es schon, Rosen – immer Rosen! Jetzt, wo ich keine habe –«

»Hast du denn die Rosen so gern?« spottete Mang.

»Das mein' ich! Unser Garten ist jetzt ganz rot und weiß von den vielen Rosen und es riecht davon in die Gasse hinaus. Das solltest du sehen. Eine ist schöner als die andere.«

»Aber sicher nicht so schön wie die Alpenrosen,« behauptete Mang.

»Oder das Edelweiß!« bekräftigte Sette.

Da der Stadtfex das nicht gelten ließ, holte die Frau ein Glas vom Fensterbrett und stellte es zwischen die Karten. Emil blinzelte durch die Wimpern. Es waren die Mannstreu mit dem ungeheuren Edelweißstern in der Mitte.

Vor der schneeweißen Macht dieser Blume verstummte sogar das Kind einen Augenblick. Dann aber rief es wie überrascht: »Das bist ja du!«

In Wahrheit, das silbergraue, mollige, blondsternige Blumenwesen da und das Weiblein daneben mit dem ebenso milden, weichen, seidenen Gesicht und dem dünnfädigen, blonden Haar, doch ja, doch ja, wer sah's denn nicht, daß die zwei Geschwister waren?

»Nun darfst du aber nicht rot werden, sonst gleichst du ihr schon nicht mehr!« lärmte die Kleine.

Aber Sette war nicht deswegen rot geworden. »Das hast du da hineingesteckt,« sagte sie zu Mang.

Er lachte. – »Ja!«

»Ich hab's schon lang erraten. Aber wo wachsen sie denn so groß?«

Mang wurde verlegen.

»Am Hosendreckler,« sprudelte Minchen hervor, »Mang hat es mir selber gesagt.«

»Was Mang, – dort, wo –« sie stockte. Vor ihr tat sich die grauenhafte Erzählung Emils und der luftblaue Abgrund auf, den sie gestern mit dem Gemahl betrachtet hatte. Sie sah die senkrechten Wände, spürte den Wind um die Ecken orgeln und hörte Emil, als ein Apollo über den Ranft in Mannstiefe unter ihnen von Absatz zu Absatz flog, leise sagen, so seien auch sie von einem Vorsprung zum andern mehr hinübergeflogen als gegangen, den Tod zwischen den Beinen.

Sette hielt jetzt die gekreuzten Hände vor ihre runden Augen. Der Schwindel wirbelte ihr das bodenlose Bild wieder auf mit den meertiefen Hüttlein, dem See und Wald und den Wolkenschatten, die da unten so tief hinfuhren wie sie hoch über den Köpfen flogen. Es war entsetzlich. Und das alles um ein Edelweiß!

Sie öffnete die Augen wieder und blickte die mächtige Blume an, die sozusagen dem Tod aus dem Finger gepflückt ward. Die Rührung übermannte sie. Sie ergriff Mang an beiden Händen und flehte: »Versprich, daß du das nie mehr tust!«

Der Bub wollte lachen. Aber er konnt, nicht. Die Frau tat zu ernsthaft.

»Wenn du gestürzt wärest! Mang – wegen mir! Wie könnt' ich das tragen? Und wie ständ' ich vor Emil! Gott!« –

Sie schüttelte ihn, der ihr hoch über den Kopf hinaussah, in der Angst hin und her. »Das machst du nie mehr, Mang!«

»Nein, nie wieder!« sagte Mang freundlich und demütig.

Emil wäre gern von der Bank gesprungen und hätte die zwei umarmt. Aber er wollte sich nicht verraten. Jedoch beim Nachtkuß sagte er zu Sette, indem er ihr in die zitternden Augen blitzte: »Lieb's Settchen, du und niemand sonst gibst mir mein Kind! Ich weiß jetzt, nur von dir bekomm' ich's. Aber mach' schnell, ich vergehe fast vor Warten.«

………

Ein andermal, da Emil ein Stündchen in Miezeler ausruhte und am Fenster eine Zigarre rauchte, las Sette einen Brief aus der Hauptstadt vor. Marie und der kleine, dicke Ferdel hatten ihn zusammen geschrieben. Der Knirps fragte nach den Muscheln. Ach was! Da Minchen jetzt eben in den Alpen sei, so wolle er ihr die Schneckenhäuser schenken, dafür müsse sie ihm nun aber Kristalle schicken und nicht bloß weiße! – Marie aber erzählte in ihrer einfachen Weise, wie Vater Bert mit lauter Milch und Grießbrei es wieder zum Spazieren gebracht habe. Damals habe die Besserung einen großen Ruck genommen, als sie mit dem Manußgespann Vater an einem schönen Nachmittag zu den Stadthügeln hinausfuhr. Bei jeder Lichtung der Föhren habe Bert gefragt, ob man die Absomerberge schon erblicke? – Er habe vergessen, daß man sie überhaupt da gar nicht erschauen könne. Als er aber immer flehentlicher fragte, habe sie ihm die Lieblinge nicht länger versagen können und frisch drauf los gelogen: ja, jetzt komme gerade der Absomerkopf hervor. Der kurzsichtige Vater nickte und lachte vor Glück und erklärte, dort drüben müsse eine kleine Spitze sein. – Ja, heuchelte ich. Gut, das ist die Rotzinke! – Und gerade rechts davon muß der wie ein Katzenbuckel gewölbte Marchberg sein. – Ja, Vater, ich seh' ihn auch. – Scharmant, rief Vater, je besser ich log. – Seitdem hält die Besserung an. –

Ein schweres Bündel von Grüßen war auf den einzigen Mang geladen.

»Hat dich Bert so gerne gehabt?« fragte Minchen.

»Ja!« antwortete Mang einfach.

»Gelt, lustig sind die Lene und das Babettli. Aber Emma tut stolz und Lieschen ist dumm. Am liebsten ist mir doch immer der Ferdel.«

Er nickte, als müßte es ihm notwendig auch so ums Herz sein.

»Aber du kannst dir denken, im Winter haben wir es lustig wie die Geißen hier. Nach der Schule kommen alle Bertlein zu mir, wenn Vater nicht da ist –«

»Pst!« warnte die Mutter mit einem göttlich verschmitzten Lächeln und zeigte zur Fensterbank.

»Oder wenn Vater da ist, gehen wir auf den bloßen Strümpfen am Bureau vorbei. Heinz geht uns mit den Schuhen voraus –«

Emil lächelte nun auch, aber nicht so leicht wie Sette. Von dem hatte er nichts gewußt.

»– In die große Estrichkammer! Die ist wie eine Scheune. Da spielen wir Kriegerlis. Marie nimmt ein Buch und liest. Wir haben ein ganzes Zimmer voll Bücher.«

Mang sah prüfend in Emils Augen.

»Jawohl,« bestätigt der Ingenieur.

»Du mußt halt doch einmal zu uns kommen,« warf Sette hinein, »und das alles selber anschauen. Wenn es hier oben öd' ist und der Schnee an die Dächer reicht und die Füchse herumbellen, dann mußt du einmal zu Besuch kommen, zu Weihnachten etwa.«

»O gewiß, zu Weihnachten,« bestimmte die Kleine und klatschte entzückt in ihre Tätzlein.

»Dann heizen wir dir ein Gastzimmer gerade neben der Bibliothek ein, und du kannst nachts die Türe zu den Büchern offen lassen und mit deinen langen Armen dir leicht vom Bett aus ein paar Schunken herlangen und darin bis zum Einschlafen herumblättern,« scherzte die köstliche Sette.

Mang sah lachend seine zwei langen Arme an, und die Vorstellung, wie er da vom Bett aus nach Büchern häckle und fische, erfüllte ihn mit spaßigem Behagen.

Und wieder griff den Manuß ein so heißes, väterliches Sehnen an, daß er es in der Stube nicht aushielt. Er erhob sich und meinte ernst zu Mang: »Und wenn du eine rechte Freude und ein wahres Talent hast, so kommst du zu solchen Büchern und zur Stadt und Schule und zu allem Großen, wenn du es nur tapfer willst. Man kann alles erzwingen, Mang!«

Stolz und leuchtend hörte der Knabe zu.

Aber unter der Türe kehrte sich Emil um und tief mit spaßigem Drohfinger: »Minchen, wenn ihr das nächste Mal wieder barstrümpfig am Bureau vorbeischwindelt –«

»Dann?« fragte der Schalk belustigt.

»Paßt auf, – was es dann gibt! Eine Verkältung euerer dummen Gänsefüße und von mir aus noch ein paar Pfund Vogelleim auf die Stiegen.«

»Oho! – Sollen wir dann etwa mit den Schuhen –«

»Natürlich!«

»Dürfen wir lärmen?«

»Macht, was ihr wollt, tötet mir nur Settchen nicht.«

Er sprang flink in die Stube zurück und küßte die Frau vor Mang und Minchen, was er hellen Tages noch nie getan hatte. Dann lief er noch rascher, wie einer, der sich verspätet hat, zum Hüttlein hinaus. Noch lange sah Minchen mit halboffenem Munde dem Papa nach. Endlich sagte sie langsam: »Vater ist jetzt ganz anders, – ich kann ihn gar nicht mehr fürchten! – heut abend sitz' ich ihm sicher einmal aufs Knie!«

Aber auch Mang sah an die zugeschlagene Türe. Wie Emil fort war, schien ihm alles ein Zauber zu sein, was er da gesonnen hatte. Ach, er, der Absomer Hirtenbub, vaterlos, unehelich, von einer fremden Stube in die andere verdingt – ach, wie soll er zu so Großem kommen?

………

Es wurde von Tag zu Tag gesprächiger auf Miezeler. Die Absomerkinder hatten ihre Sommerferien gekriegt und stiegen wie rechte Berggeschöpflein, soviel sie konnten, in die Höhen. Einige Schwächlinge nisteten sich gleich auf Wochen hier oben ein, darunter auch Irmeli mit seinem dünnen Blut und seinen fadenscheinigen Äderchen. Hier bei fetter Milch und sauberer Luft sollte es bunte Backen bekommen. – Aber wo ein Tropfen Honig hinfällt, da summen auch gleich ein Schwaden Fliegen und sicher ein samtbrauner, goldäugiger Hummel herzu. Und so surrte denn auch bald Walter Broller auf der Alpe herum und machte dem Kronenkind den Hof und gaukelte mit Minchen wie mit einem possierlichen, neuen Kätzchen und jagte den Hütbuben die Geißen auseinander und plagte die jungen Knechtlein, die noch mit ihm in der Primarschule gesessen hatten, aber stellte sich wie ein schmucker Ritter Frau Setten vor, verneigte sich geschmeidig und half ihrem kleinzappeligen Wesen mit galantem aber starkem Arm über steglose Bäche und Schlammgruben hinweg. Aber in allem, was er tat, zielte er es auf Irmeli ab.

Nach einem Tag, wo er mit besonders lautem Lachen und Übermut von Absom heraufgestiegen war und fast ganz Jungmiezeler drunter und drüber geworfen hatte, umschlang er nachts vor dem Einschlafen den stillen Mang im Heu und sagte: »Bei dir wird man immer traurig! Ich merke schon, daß du nicht schläfst und wieder an etwas herumbohrst.«

»Laß mich doch,« begehrte Mang verdrießlich.

»Aber du steckst mich an. Alles Schwere kommt mir in den Sinn, wenn du so spinnst. Nur bei dir geht es mir so. Jetzt könnt' ich ums Leben nicht mehr lachen.«

»Du lachst schon zuviel! – Gut' Nacht!«

»Halt, wart noch ein bißchen!«

»Was ist denn wieder los?«

»Mang! Wollen wir miteinander nach Amerika? – du hast ja so geredet –«

»Ach, hör' doch auf mit deinem ewigen Schund!«

»Ist mir heilig Ernst! Ich möchte auf eine Prärie, wo ich frei und alleiniger Herr wäre und wilde Rosse reiten könnte und eine große Pflanzung mit Knechten oder Sklaven regierte.«

»Du hast es doch gut genug daheim!«

»Lüg' doch nicht immer! Noch ärger ist's zu Hause geworden. Wie oft hab' ich die Woche das Stubenfenster schnell zugeworfen, daß man das Lachen und das Flennen der Mutter in der gleichen Minute nicht auch noch auf der Gasse hört! – Das Schlimmste ist jetzt sicher der Bastian. Dem trau' ich nicht. Früher sagte der Vater: ›Du, Bastian, mach' das und das!‹ – jetzt heißt es: ›Sei so gut und schau mal nach!‹ – Und wie Vater das sagt! – Als ob er einen Schrecken vor dem Knecht habe. Und der Bastian murrt etwas und lüpft nicht einmal mehr die Kappe vor meinem Vater von seinem Zigeunerschopf. Dahinter steckt etwas. Ich darf's nicht denken – Mang! –«

»Sorg' dich nicht um das!«

»Das kann man sagen, aber bleib' du still dabei! Und gestern –«

»Du regst dich nur auf und würgst mich dann im Traum – Wir wollen lieber schlafen.«

»Jetzt hast du zu hören!« befahl Walter und preßte Mangs Kopf an seinen Mund, um leiser reden zu können, da noch andere Leute auf dem Tenn schliefen.

»Also!« gestand Mang ungern. Er ahnte ungefähr, was kommen könnte.

»Gestern wollt' ich unsern Fuchs reiten. Vater hat's erlaubt. Aber das Tier ist voll Kot. Da sag' ich zum Bastian im Stall: ›Putz mir den Fuchs und sattle ihn, aber hurtig, daß ich ausreiten kann!‹ – Vor dem Stall wart' ich. Da kommt der Löchlerbub langsam her. Mit dem hab' ich lang schon was Schwieriges vor. Er weiß es. Drum eilt er so wenig. Aber er kann nicht mehr entschlüpfen und fragt mich furchtsam, wo der Vater sei. Er möcht' sich fürs Emden Öhmden, der zweite Grasschnitt und Kühweiden bei uns verdingen, weil er etwas verdienen müsse. – ›Komm nur mit mir,‹ sag' ich und nehm' ihn hinter den Stall. Der bekommt jetzt etwas! hoi! –«

»Von dem mag ich nichts wissen. Jetzt willst du mir das Schlafen verderben!« schimpft Mang. Walters Grausamkeiten sind eine ewige Quelle von Kummer zwischen den zweien.

»Mang, weißt du, was der freche Lump mir vor einer Woche nach der Schule über die Straße gerufen hat? Hä? – ›Wälti, lauf heim, kannst jetzt kleine Meitli hüten!‹ – Mang, das!«

Indem es Walter flüsterte, sickerten ihm runde Tropfen aus den glühheißen Augen und er knirschte förmlich mit den Zähnen: »Dem tränk' ich's jetzt ein!«

»Aber sicher hast du ihn zuvor geneckt,« sagte Mang. »Das hätt' er sonst nie gewagt. So gut kenn' ich ihn!«

»Ach was,« sagte Walter langsamer, »ich hatte nur gespaßt mit ihm.«

»Was ist nun das wieder, das Spaßen?«

»Ein Witz und gar nichts mehr!« entschuldigte Walter.

»Wenn du's mir nicht gehörig sagst, so mag ich lieber gar nichts mehr hören.«

»Ich sagte, er soll uns mal zeigen, wie sein Vater die Straße mißt!« –

Bei der Wiederholung dieses Witzes und der Erinnerung an den wunderlichen Zickzickrausch des alten Löchlers mußte Walter nun doch leise lachen.

»Das ist aber nicht mehr Spaß,« grollte Mang. »Weißt, so verleidest du mir.«

»Hilf ihm doch noch! – Ich hab's nicht bös gemeint. Aber er schon. – Alle Buben haben mich bei seiner Red' angeschaut. Er aber ist davongelaufen. – Doch jetzt hinterm Stall fass' ich ihn mit einem Ruck, werf' ihn auf den Rücken, knie auf ihn und würg' ihn, bis er sagt, er nehm' alles zurück und bitt' mir schön ab! – Und wie er ganz blau ist, sagt er's. Und da nehm' ich seine Zipfelkappe und reiß' damit alle Nesseln um uns herum aus und reib' ihm das Gesicht ein und am meisten das ungewaschene Maul, bis ich langsam auf zwanzig gezählt hatt'. Er krümmte sich unter mir und heult und flennt wie am Sterben: ›Ich verbrenn', Ich verbrenn'!‹ Aber ich lass' ihn nicht eher los. Hart muß man sein können.«

Während Walter das erzählt, ist es schwer zu sagen, wer lauter im Atem keucht, der Broller vor Wollust oder der andere vor Grimm.

»Grad' sag' ich zwanzig und stopf' ihm noch einen Büschel ins Maul, da zerrt mich etwas gewaltig am Arm und reißt mich vom Löchler herunter zu Boden und knurrt wild wie ein böser Hund: ›Fängst auch an wie der Alte!‹«

»Das ist der Bastian gewesen,« sagt Mang beinahe getröstet.

»›Was geht's dich an?‹ sag' ich und spring' zum Trotz wieder auf den Löchler. Aber der Bastian hält mich wie eine Schraube, bis der Kerl davongelaufen ist. – Und der Fuchs steht da wie vorher, voll Kot und ungesattelt. – ›Wenn der Herr Sohn ausreiten will, so muß er den Dreck auch nicht fürchten,‹ foppt der Basti.

Ich sprang zum Vater. Der hat die Stirn' gerunzelt und mich aus der Schreibstube gejagt. So steht's mit uns! Siehst du! Etwas ist nicht in Ordnung.«

Mutlos ließ jetzt Walter den Kopf auf Mangs Arm sinken.

»Walter!«

»Fang mir nur nicht zu predigen an!«

»Nein, das tu' ich nicht. Es nützt doch nichts. Du wirst die armen Buben weiter quälen, du hast das Recht. Aber wenn sich so einer nur ein bißchen wehrt, dann hat er unrecht, dann wird er zu Boden gewürgt und bekommt Brennesseln ins Maul. Du allein bist ja eigentlich ein Mensch. Wir anderen sind sonst irgendwas und haben zu dienen. Nur du darfst es schön haben. Alles ist dir erlaubt.«

»Siehst du, die alte Predigt!« grollt Walter. Aber seine Stimme ist weicher.

»Schau', du bist ein Tyrann, wie unsere alten Vögte. Wenn wir größer sind, du und ich, werden wir bittere Feinde. Das weiß ich. Ich werde gegen dich auf Tod und Leben Krieg führen, wie gegen den Türk.«

»Und ich werden dich besiegen, Mang, und du wirst um meine Gnade anhalten.«

»Nein, du wirst verspielen!«

Walter schwieg.

»Alle Tyrannen verspielen zuletzt, das ist sicher. Es geht dir ja jetzt schon schlecht genug, wenn du nach Amerika willst.«

»Ja, wenn man solche Sachen redet, – im ganzen Dorf – und mir auch niemand mehr gehorcht, nicht einmal so ein Knecht –«

»Walter, los' Hör'!, tust du mir, was ich dir jetzt auftrag?«

»Sag's zuerst!«

»Wenn du dem Löchler wieder begegnest, so grüßest du ihn freundlich und sagst, er solle dir nichts nachtragen, du –«

»Herrgottsternen« – braust Walter auf. »Mang –«

»Du seiest wütend gewesen. Aber jetzt wollet ihr beide vergessen. Er solle am Sonntag mit uns in die Krone kommen. Er hat eine doppelstimmige Mundorgel und kann flotte Tänze aufspielen.«

»Meinst wohl, ich bettle ihn an –«

»Walter, wenn du's nicht tust, so geht es dir schlecht. Zuerst fängt's bei Irmeli zu bösern an.«

Der Jüngling zuckt zusammen.

»Irmeli kenn' ich gut genug. Würdest ihm zehnmal besser gefalln, wenn du nicht so ein Täublig Zorniger und Grobian gegen die andern wärest. Es ist ein mildes Kind und hat am Milden Freud'.«

»Es is' wahr,« seufzte Walter, »bei ihm kann ich etwas Grobes nicht einmal denken.«

»So probier's jetzt auch bei den andern! Wegen Irmeli!« – Es verdient's wohl!«

Ein Weilchen herrschte Stillschweigen. Das Heu unter Walter knisterte.

»Ich versprech's dir!«

»Bravo!«

»Aber du bist ein viel ärgerer Tyrann als ich und alle Vögte!« schimpft Walter jetzt frisch. »Das muß ich dir auch noch vor dem Schlafen sagen.«

Mang mußte lachen. Auch Walter lacht. Und so unter einem sorgenschweren Himmel lachen sich die zwei Knaben in den wundervollen und unbezahlbaren Schlaf der Jugend.

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