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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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24

Nein, aber so etwas erlebte Minchen zum erstenmal in seinem bunten Leben. Dies herrliche Miezeler! Man kann weitum rennen, da kommt kein Hag oder Gartengitter oder Schullehrer oder Polizist und ruft: Verboten! – Hier ist alles erlaubt. 's ist einem alles offen, fehlt nur noch das Fliegen, um sich spatzenwohl zu fühlen. Auch der Wald hemmt nicht, winkt eher mit allen hunderttausend grünen Händen.

Mang geht durch die Tannen voraus. Er darf, er ist da zu Hause und sagt jedem Baum und Strauch Name und Geschlecht. Minchen trippelt ihm auf den Fersen nach und bewundert, wie er so sicher tut und da einen dürren Ast einfach abreißt und sagt: »Donnerwetter, läßt man mir das einfach so faulen!« – Ohne Zweifel gehört das alles ihm. Lachen und horchen muß Minchen, wie er so eigen redet, rauher und lauter als jeder Stadtknab, aber singend und mit einer so hellen Orgelstimme, daß einem das Ohr wohl tut. Das ist ein prächtig lieber Bursche, so groß und schlank, mit so verknäueltem, glitzerigem Haar. Rotes Haar gefällt ihr sonst nicht: sie hat schwarzes, wie ihr Vater selig. Aber Mangs Haar ist sicher nicht ganz rot, es ist eher gelb wie Wachs oder wie reifes Korn, und die langen, langen Wimpern sind noch heller. Darunter aber schwimmen diese zwei grünen, feuchten Augen, mit einem schwarzen Tüpfelchen in der Mitte. 's ist grad zu schauen wie zwei dunkle Brünnlein, auf deren Grund grünes Moos und blaue Glockenblumen wachsen. Diese Augen geben ihr Arbeit. Man kann sie gar nicht gründlich erforschen.

Ach wie trocken sind die Stadtbuben mit ihren matten Lippen gegen diesen Mang! Der hat einen großen roten Mund voll Saft, wenn er redet, und er blitzt dazu mit den zwei Schaufelzähnen wie ein junger Wolf. Sie möchte ihm gerade jetzt einen Kuß darauf geben, die Kleine. Aber sie darf nicht, er macht ein gar eigenes, heillos ernstes Gesicht.

Sein Überhemd riecht so gut von Heu und Bergsonne. Ach, sie will auch ins Heu liegen, bis sie so duftet. Die ganze Stadt soll die Nase davon voll bekommen. – Freilich, die Märzenflecken sollte er nicht haben. Das ist schad'. Sie will Mama fragen, mit was für Salbe das Gesprenkel wegzubringen ist. Wenn es Mama nicht weiß, dann kann Marie Bert es vom Hinsenörech erfragen. Der weiß es.

Mang hat seine beste Laune. Am Morgen ist ihm der Ingenieur begegnet und hat gesagt: »Das Briefchen hat mit Freud' gemacht.« Dabei hat er an die Brusttasche geschlagen, als ob er's darinnen hütete. Sein Geschreibsel! Sollt's ihm so lieb sein? – Dann sagt er: »Das ist mein kleines Meitli, Mineli! So ein junger, dummer Heuschreck! Willst heut wohl ein wenig acht auf ihn haben?«

Dann sind sie den ganzen Vormittag herumgelaufen und gleich nach dem Mittagessen tauchte das bleiche, breite Gesichtlein mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen wieder an Jochems Fensterloch auf. »Zeig' mir jetzt, wo die Imbeeren und Heidelbeeren wachsen.«

So führte Mang sie durch die Gesträucher und blanken Stämme in der samtbraunen Walddämmerung herum. Oben in den Tannenspitzen schienen weiße Wolken zu liegen, wie aus dem schwindeligen Blau heruntergefallen. Kein Vogel sang. Jede Nadel stand unbewegt. Ganz weit weg, vielleicht oben in den Felsen, vielleicht unten in einer Schlucht rauschte etwas gleichmäßig und mit uralter und urfrischer Zunge: ein Wind, ein Wasser oder sonst etwas Sanghaftes.

Es war still wie in einer großen, leeren Stube, wo nur zwei Kinder mitsammen reden und ihre Worte durch alle Ecken widerhallen.

»Kennst du den Ferdel!?« fragte Minchen.

»Berts Ferdel? – Nur ein wenig.«

»Und die große, schöne Marie?«

»Die fast gar nicht.«

Merkwürdig, sie sind doch alle hier oben gewesen. Mang ist ein Stolzer; er ist ihnen nicht nachgelaufen. Das ist's. Wenn Papa nicht zu ihm gesagt hätte, er solle mit ihr in den Wald, so würde er sie sicher auch kaum ansehen. Wart' er nur!

Sie zupften Imbeeren. Noch nie hatte Minchen sie wild vom Strauch gegessen.

»Gib acht, da ist ein Wurm drin,« rief das Kind.

Lachend warf der Bub die Beere empor und fing sie mit seinem roten Mund auf. Minchen war entsetzt.

»Was schaust du mich so an?« fragte Mang lustig. »So ein Würmchen? Was ist denn daran? Wie die Beere schmeckt's.«

Minchen verzog das Gesicht vor Schauder. Nein, jetzt würde es ihn nicht mehr küssen.

Dem Burschen kam das Mädchen übrigens sehr unwichtig vor. Nur dem Manuß zuliebe ging er mit ihm. So ein kurzrockiges, schnellstiefelndes Ding, das sich auf den Absätzen drehte wie ein Hurrlibub Drehfigur und schwatzte wie ein Zeisig, das war komisch. Aber kurzweilig. Großartig sah er auf den kleinen Stadtschelm herab, der noch nie einen Muni gesehen hatte und um einen Kuhfladen wie um einen gefährlichen Sumpf im weiten Bogen ging.

Es war ihm lästig, von diesem Jüngferchen immer betastet und beguckt und gestreichelt zu werden. Ist das doch eine städtische Ungeniertheit, einem an Knie und Ellenbogen zu hangen! – Aber seltsame Augen hatte Minchen. Es waren eigentlich nur zwei mächtige Tintenflecken, überall gleich schwarz, ohne ein bestimmtes, helles Pünktlein darin. Man konnte sich ganz verirren in diesen Augen. Es ward einem selber ganz schwarz vor den Augen, wenn es mit diesen Tintenflecken auf einen zusteuerte. Diese Augen waren es, und weil es so scharmant redete und so warme, weiche Fingerspitzen hatte, daß er es nicht abzuschütteln wagte und immer lieber litt.

»Aber meine Mutter kennst du?«

»Hab' sie ja noch nicht gesehen! – Horch!«

Man hörte ein hohles Trommeln, schallend und widerhallend.

Mineli kroch dem Bub unter den Arm.

»Laß doch! Das ist ja nur ein Grünspecht. Der hackt mit dem Schnabel so laut in den faulen Stamm.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Das weiß ich doch. Hab' doch schon ganz nahe zugeschaut.«

»Kennst du die Vögel so gut?«

»Wär' schon blöd, wenn ich sie nicht kennte, die Bachstelze und das Hagschlüpferli Zaunkönig, den Kuckuck und vielerlei Spechte den Buchfink, Rotfink, die Blaumeise, Kohlmeise und Waldmeise, Starweibchen und Starmännchen, die Amseln dann und die Feldlerche, den Spatz, Rotgügger Dompfaff, Herrenvogel Eichelhäher, das Rotbrüstel und den Kreuzschnabel. Auch Elster, Nebelkrähe, Weih und graue Felsdohle, – schau, Mineli, und das sind erst ein paar. Auch ihre Nester weiß ich und ihre Eier. Aber dann die Adler, saperlott, die Adler!«

Er warf sich ins Laub am Boden, die Kleine staunend neben ihn.

»Groß? So? Hm?« Minchen schlug die Arme auseinander.

»Nimm's dreimal so weit,« prahlte Mang und zog ein langes Gras durch seine zwei Schaufelzähne. »'s gibt aber nur noch vier Alte oben in der Börlifirst. – Die sind mächtig wie ein Kaiser.«

Dem Mädchen schien der Junge, der alles wußte, vom Vogel bis zum Ei, noch viel mächtiger.

Mit der Unbändigkeit und Freude aller Knaben am Kühnen sah der Funkeläugige durchs Geäst in die Lüfte. »Ein Adler hat das schönste Leben nach dem Herrgott!« sagte er.

»Was du für Augen machst!« Minchen ergriff die breite, braune Hand des Hirten vom Knie auf mit ihren kleinen, vollen Tätzchen. »Ganz wie Vater so blau, aber doch anders. Weißt du, du bist ein schöner Bub!«

Trotz des verschluckten Wurmes hätte sie ihn nun doch wieder küssen mögen.

Das von den Augen gefiel ihm. Das hatten ihm schon Ueli, Heinz und Walter gesagt. Und jetzt dieses Ding da auch noch! Haben die andern gespaßt, so kann doch die Kleine da sicher nicht lügen. Hat er denn wirklich so unheimliche, glitzerige Luchsaugen wie der Inschenier? Das will er nun einmal wissen. Dem Inschenier will er einmal recht tief ins Gesicht schauen. Aber; wenn's ist, tät's ihn mächtig freuen.

»Hast du Vater gern?« fragt Minchen in ewiger Beweglichkeit.

»Hm!« Mang zuckt die Achseln.

»Nicht gar so gern?« bohrt sie weiter mit kindlicher Unehrerbietigkeit.

»Jetzt lieber als auch schon,« sagte der Bub und stand wieder auf.

»Ich auch!«

»Du?«

»Er hat Mutter heute zweimal – oder? wart' einmal – einmal, zweimal, nein dreimal geküßt. Das hat er schon lange nicht mehr gemacht.«

Mang gähnte.

»Und anders geküßt! Schau, ich zeig' dir wie!« Sie streckte und reckte den Hals, aber reichte ihm nicht einmal an den dritten Westenknopf.

»Ich mag das nicht,« erwiderte Mang, sich aufsteifend.

Da warf sie flugs ihre Arme wie eine Schlinge um seinen Hals, zog ihn nieder und berührte seine Stirne leichthin mit ihren Lippen. »So macht Papa immer, wenn er Mutter küßt.«

»Laß mich los, Meitli!« befahl er.

»Aber heute so!« – Das freche Stadthexlein traf ihn mitten auf den halb offenen, schimpfenden, feuchten Mund.

»Du bist ein – ein – ein cheibefreches G'schöpfli! – Du!« Er war über und über rot im Gesicht. Mit einem starken Stupf in die Knie machte er sie purzeln. Da lag sie auf dem Waldboden und lachte und klingelte genau wie die kleine Schelle am Hals einer jungen, schneeweißen Geiß.

Sie kollerte und trollte sich übers Laub und bat ihn, wieder abzusitzen, und legte ihr Köpflein auf sein Knie und starrte von unten auf ihm mitten in den Mund und den grünen Himmel seiner Augen hinein. Dabei fingerte sie am Seidenbesatz des sonntäglichen Überhemdes, das er heute trug. So schelmisch lieb und gut hatte ihn wohl noch niemand angeschaut und mit solchem Vertrauen. Sie glaubte ihm jedes Wort. Und darum fühlte er sich in einer gewissen Verpflichtung zum Mägdlein. Es sollte sich keinem Unrechten anvertraut haben. Er wollte ihm viel Freude bereiten und es zu einem richtigen Absomer Älplerkind machen.

Nachdem sie vom Heidelbeeressen ganz schwarze Mäuler bekommen hatten, strebten sie langsam zum Wald hinaus. Aber Minchen wollte durchaus wie Mang barfuß gehen. Unter den Bäumen sah es ja niemand. Es zog Schuhe und Strümpfe aus. Himmel, welche Füßchen! Wie Lilien! Er bat, sie möchte es lassen, sie besudle und verletze sich gewiß in dem vielen Gedörn. Aber sie behielt ihren Steckkopf und trippelte lachend und aufschreiend ihm nach. Plötzlich war sie still. Mang sah zurück. Richtig, da war das Unglück geschehen. Sie stand nur noch auf einem Fuß und verzog den Mund bitterlich. Aber weinen wollte sie nicht. Mang lief herzu und fand, daß sie einen starken Dorn in die Sohle getreten hatte. Sie machte ein Gesicht, wie wenn es ans Sterben oder sonst in ein großartiges Unglück ginge. Aber tapfer wollte sie sein und schloß die Augen, als er sie an den Saum des Waldes trug, wo ein Brünnlein floß. Doch sieh da, in diesen heißen Tagen war das Wässerchen versiegt.

Da legte er sie sanft ins Gras und fragte: »Hältst du's aus, wenn ich dir den Dorn ausreiße?«

Sie gab ihm mit einer großen Gebärde die Hand und sagte: »Tu's nur!«

»Es tut weh, aber ich mach' schnell! Mußt nicht zuschauen!«

»Nur flink!« sagte sie und hielt die Hand vor die Augen. Aber sie konnte es nicht lassen, durch die Finger zu blinzeln. Da sah sie sein schönes, ernsthaftes Gesicht. So mochte sie gern einen großen Schmerz aushalten.

In seinen mutigen Augen sah sie genau, was er tat. Er biß die Zähne in die Unterlippe, packte mit Daumen und Zeigefinger den Kopf des Dorns, klemmte ihn fest und eins, zwei, drei! – war's unter einem stechenden Schmerz heraus.

»Mmm!« stöhnte Minchen und lachte sogleich wieder, als er ihr triumphierend den langen, blutigen Dorn vor die Augen hielt. Dann riß er sein noch gefaltetes Nastuch heraus, spie darauf und wusch die Wunde rein. Das ekelte sie nicht im mindesten. Zuletzt verband er den Fuß mit dem Tüchlein sehr geschickt und half ihr in den Strumpf. Sie schaute ihn bei all dem gewaltig lieb und dankbar an.

Das Paar war so emsig dabei, daß es Frau Sette nicht kommen sah.

»Was hat es gegeben?« fragte sie nun ganz nahe mit einer befremdeten Stimme.

Die zwei schossen überrascht in die Höhe.

»Was macht ihr denn da?« fuhr sie fort, ihre Verlegenheit und große Bewegung niederkämpfend. Denn an diesem Paar wunderbarer Augen, die da so kräftig grün zu ihr hinübersahen, hatte sie sogleich Emils Sohn erkannt. Sie war ihm bis jetzt noch nicht begegnet. Voll Angst vor diesem wilden Eindringling in ihre Familie war sie ihm ausgewichen, solange es möglich war. Nach allem, was Emil ihr erzählt hatte, dachte sie ihn stolz, hart, widerspenstig und unliebsam über alle Grenzen. Und da – kniete er vor ihrem Töchterlein und zog ihr überaus artig und schonend die Sandalen an.

»Er hat mir einen großen Dorn aus dem Fuß gezogen, Müetti,« brach nun die Kleine los. »Weißt, das ist der Mang!«

Sie wollte ihn stolz an der Hand fassen, aber er wehrte sie ab.

»Jetzt siehst du meine Mutter,« plauderte das Kind unentwegt fort, »das ist sie, – so groß, so klein, so hübsch, so goldig – so –« sie schüttelte sich das schwarze Haar in die Stirne und kicherte drollig zwischen den Flechten hervor.

Frau Sette hatte sich seit zwölf Stunden den Buben unablässig vorzustellen versucht. Alle Bilder zerschlugen sich vor dem wirklichen Knaben. Wahrhaft, er atmete die Unverdorbenheit des Gebirges aus seiner ganzen schlanken Gestalt! Nichts Besudeltes oder Verkümmertes haftete, wie sie gleich allen korrekt Geborenen gemeint hatte, diesem unehelichen Jungen an. Er stand so frisch und hoch vor ihr, als wäre er schon ein Mann. Er konnte wohl eine Königin zur Mutter haben, so frei hob er den runden Kopf. Daß er eine so besonnene und etwas dunkelsinnige Miene machte mit seinen schrägen, starken Brauenbüscheln, das gefiel ihr. War die Mutter ein so leichtes, windiges Garn, so hatte man hier einen solider Faden. Ja, ja, das war von Emils Wesen.

Es ging wider ihre Frauennatur, daran Freude zu haben. Aber Abscheu konnte sie auch nicht spüren, wie sie befürchtet hatte. Im Gegenteil, es war ein sehr wackerer, flotter Bursche. Der müßte blind sein, dem er nicht gefiele. Emil hatte von ihm wie von einem spröden, schier unzugänglichen Menschen geredet. Mang war ihm oft geradezu furchtbar und erschreckend. Sie aber entdeckte, er habe etwas Schlichtes, Einfaches, Natürliches.

In einer solchen Minute kann man viel denken. Sette war mißmutig dahergekommen. Emil hatte sie den Nachmittag auf alles Bitten hin doch nicht auf die Absomer Alp mitnehmen wollen. Er war mit vier Erdarbeitern allein gegangen. Schon am ersten Tag wieder Arbeit! – Überhaupt hatte er am Morgen wieder seine alte Trockenheit hervorgekehrt, so daß sie aufs Gestrige fast wie auf ein Mondmärchen zurücksah. Die Hauptsache war eben nicht sie, – sondern Mang und wer weiß – Mangs Mutter! Aber diese bösen Gedanken zerflossen vor dem reinen Bilde der zwei unschuldigen Menschen. Es kam ihr wie eine Erleuchtung, als sie sah, wie Mang ihr Minchen ins Gras trug und hübsch bediente. Ich muß diesen Mang gewinnen, sagte sie sich. Der Weg zum Gatten geht durch die Kinder, von Minchen zu Mang, von Mang zum Emil. Sicher, so finden wir uns. Das ist das Geheimnis: die Kinder, die Kinder!

Mang hatte noch immer keine Silbe gesprochen. Aber er betrachtete freundlich und fast etwas schüchtern das kleine Frauchen mit dem geblähten Seidenhaar und den grauen, runden Äuglein. Minchens Mutter mußte eine gute Frau sein, und eine geduldige Frau. Das fühlte er, auch wenn das Meitli nichts ausgeschwätzt hätte. Denn um Emil müssen alle andern Schwächern wohl leiden. Er zitterte, wenn er sich dieses süße Weibchen vor einem so schreckbaren Herrn vorstellte, wie er ihn auf dem Absomer erlebt hatte. Aber sie ist nun einmal Emils Frau, sicher auch tapfer, sicher auch gescheit und sicher auch immer wohlgerüstet.

Nun tat sie einen raschen Schritt zum unverrückt auf sie blickenden jungen Hirten und streckte ihm ihre Hand entgegen. Er ergriff sie sogleich rauh und ehrlich.

»Das freut mich,« begann sie und wurde leise rot auf ihren kleinen, runden Wangen, »daß du meinem Minchen so gut bist.«

Aber sein unverwandtes Auge nicht aushaltend, fuhr sie zu Minchen herab fort: »Kannst dich wohl bedanken für einen solchen Kameraden.«

»Ich hab' ihm ja schon einen Kuß gegeben, Müetti,« sprudelte das Kind heraus.

Sette ließ augenblicklich die Hand Mangs fahren. Der wurde bis in die Haare dunkel und sagte unwirsch: »Ich han's nicht leiden wollen.«

»Weißt, so einen Kuß, wie dir der Papa gestern vor dem Schlafen –«

Sette verhielt das Klatschmaul mit der Hand. Aber eine übermächtige Rührung wollte sie übernehmen.

»Sag' du lieber, daß ich nichts dafür konnte!« herrschte Mang sie dumpf an.

Was waren das für wunderbare Fügungen! Sette war im Innersten betroffen über so ein hilfreiches Spiel des Zufalls. Einen Moment zauderte sie noch, dann nahm sie Mang an beiden Händen und sprach: »Minchen hat recht getan. Gib ihm jetzt auch einen Kuß!«

Und Minchen stellte sich erfreut auf die Sohlenspitzen, hielt den beerenblauen Mund geduldig her und harrte sehnsüchtig in so schwieriger Stellung. Aber Mang wollte nicht.

»Tu's dem Kind zulieb!« bat Sette, »'s wird auch Emil freuen.«

Schweigend und willenlos bog der aufrechte Junge auf das hin den Rücken und hielt dem Jüngferchen den Mund her. Und mehr geschah nicht, als daß Minchen Mang nochmals küßte. Aber das Kind war selig. Trotz der Wunde hüpfte es wie ein Zicklein auf dem Alpboden herum. Dahinter gingen langsamer Sette und Mang. Das schweigsame Frauchen hatte den Knaben rasch in ein warmes Gespräch verstrickt. Sie hatte es bald herausgefunden, was Mang liebte: lesen, studieren, in der Geschichte grübeln. Da spann sie die Fäden um ihn. Wie ein witziges Spinnlein wob sie aus allem Historischen und Legendenhaften, was sie aus der Schule noch wußte, ein kurzweiliges Netz um diesen Goldkäfer. Sie behandelte ihn vom ersten Blick an mit Hochachtung, mehr schwesterlich als mütterlich, fast wie ihresgleichen. Sie habe einen Haufen alter Historienbücher in der Gerümpelkammer. Davon könne er haben, was er wolle. Er müsse aber einmal in die Stadt kommen und selber das Beste erlesen. Minchen werde ihn dann durch die Straßen führen, wie er sie durch den Wald geleitet habe. Aber freilich, hier oben im Grünen sei es viel schöner als in der steinernen Stadt. Und man sei da sicher gerade so klug und so glücklich oder eher noch mehr als dort. Ihr wäre es ganz so lieb, in Miezeler gegenüber dem Kapellchen ein Häuschen zu haben als das Herrenhaus mit dem großen, wilden Garten bis an den Stadtfluß; oder ein Bergstübchen hier oben am Wald, wo sie ihn mit Minchen so fein erschreckt habe.

Dann fragte sie, ob es viele Arme gebe hier im Land. Ziemlich, meinte er, besonders im Katholischen. Sie habe Armenhäusler mit hellgrauen Hosen gesehen und der eingenähten Adresse: »Armenhaus Absomdorf!« Das sagte sie bitter. – Mang schämte sich. Er wisse es schon. Es geschehe, daß die Leute nicht davonlaufen können. – Dann fragte sie ihn über das Sticken aus. Wie, in feuchten Kellern wird gewoben und gestickt? Buben müssen schon vierzehnjährig an die Maschine? Lieber Gott! – Und die Mädchen verderben sich die Augen, weil sie nach der Primarschule abends noch tief in die Schlafenszeit handsticken müssen. Das ist sehr mühselig, bei der Petrollampe mit feinstem Seidenzwirn fast unsichtbar kleine Buchstaben und Stengel und Schnörkel ringsum zu sticken. Oft sogar mit knallroten Fäden. Und sie verdienen nicht viel. Reich kann kein Sticker werden. Aber die vielen kleinen Stickfabrikanten haben Geld genug, und der Broller und zwei, drei andere große Herren haben's in Haufen.

Sette horchte und bemitleidete ehrlich. Ihr Herz gehörte zum vornherein den Kleinen und Beherrschten und Eingeengten. Durch Emils Behandlung, unter der sie so schwer gelitten hatte, waren ihr alle Leidenden für immer liebenswert. Sie schämte sich jetzt fast ihrer Spitzen am Halse, die gewiß auch in so müden Nachtstunden von blutarmen Mädchen geklöppelt worden waren.

Dieses verständige Zuhören und das Bedauern der Frau taten Mang wohl. Er breitete den Fluß seiner Rede immer weiter aus. Er möchte Geschichtsschreiber werden oder etwas Ähnliches, wo man fürs Volk etwas leisten könne. Die Frau sagte, da müßte er Volkswirtschaft studieren. Das sei das Richtige. Ein Verwandter von ihr hätte das auch so gemacht und daneben viel Historisches betrieben, weil's ja hübsch zusammengehe. Aber dann müsse man gut aufpassen, daß man nicht ein Stubenhocker und Papierwurm werde. Jener Herr habe darum, wie er sagte, immer die Fenster und Türen zum Volk hinaus offen gelassen. Er sei nur ein wenig zu ruhig und keine große Kraft gewesen. Aber auch so habe er noch viel Böses hintertrieben und manchen Stoß zu einer sozialen Eroberung gegeben. – Sie meinte ihren ersten Mann. Aber – sie wollte ihn jetzt lieber nicht so nahe haben. Sie nannte dann aus ihrem feinen Gedächtnis heraus einige Bücher, die Mang wohl auch studieren müßte, und gab eine kleine Hoffnung, was darinnen gelehrt und gelernt werden könnte. Mang wurde ganz Flamme. Er zerrte Frau Sette wiederholt am Arm und bat oder befahl in einem wunderlich drängenden Ton: »Dies Buch müssen Sie mir auch bringen.«

Sozialökonomie, Volksrecht, – große Namen, heillos gespreizt! Aber dahinter lag eine neue hilfreiche Welt, die er schon lange suchte, wo er sich einrichten, ordentlich umtun und nützlich machen, ja auch ein bißchen zum Besten aller regieren wollte. Das war sein Königreich, fürwahr! – Übrigens, welch eine Frau, diese Sette! So was weiß sie! Nicht einmal der Inschenier hat das gewußt. Sie ist etwas sonderlich Feines und Geschicktes. So eine Frau zu haben, – Herrgott von Mannheim! Der Inschenier war doch ein Glücksmensch, daß ihm alles Gute in die Hände lief.

»Du spielst ja schon ein rechtes Herrlein bei der feinen Frau und dem Meitli!« spottete der Jochem, als Mang erst nachts seinen Sonntagskittel ablegte und die Leiter zum Tenn hinauflief.

»Das sind ganz wackere Leute,« gab der Bub stramm zurück, »nicht so gewöhnliche Städter, sag' ich Euch!«

Aber als er kurz darauf im schräg durch die Luken fließenden Mondlicht wohlig wie schon lange nicht mehr seine langen Beine durchs Heu streckte und den Tag überlief, wiederholte er: »Ganz wackere Leute! – Nur diese dumme Mode mit dem Küssen sollen's lassen!« – Aber sogleich schoß ein Lächeln über sein strenges Gesicht. Walter fiel ihm ein, wie der an seiner Stelle das Kind närrisch gemacht und es reichlich mitgeküßt hätte! –

»Schlaft alle miteinander wohl!« rief ein Älpler im Gäßchen und schloß eine Türe.

Da schlief auch Mang ein.

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