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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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23

Am Dienstag gingen zwei Paare den gleichen, steilen Weg vom ›End‹ nach Miezeler, im gleichen, klaren Mondschein wie Mang zwei Tage zuvor. Die Schatten des ersten Paares huschten reg und rasch über das feuchte Berggras. Denn Minchen hatte sein ganzes, kleines, staunendes Geschöpflein bis zum Halszäpfchen voll Neugier. Es fragte und äugelte umher und hastete vorwärts. Und Heinz war aufgeregt genug, sein Asthma zu vergessen, mitzuspringen und keck darauf los zu antworten, wahr oder falsch, wenn nur das Gespräch lief. Doch hie und da blickte er schnell einmal zurück zu den zwei stillern, die hinten dreinkamen, und hatte Freude und Angst in aller Mächtigkeit.

Die Schatten dieses Paares gingen leise und ohne Eile bergauf. Es war noch kein einziges, wichtiges Wort zwischen Emil und Sette gefallen. Doch beide fühlten, daß das große Tor so vieler schweigender Jahre jeden Augenblick aufgehen konnte, vielleicht mit leiser Klinke, vielleicht mit donnernden Flügeln.

Aber das Frauchen mit dem korngelben, im Monde glimmenden Haar fühlte immer noch einen Kuß auf den Lippen, einen merkwürdigen, noch nie zuvor empfangenen Kuß Emils, den sie um keinen Diamantstein Indiens hätte ungeschehen machen mögen. Es war nicht der nichtige, ton- und seelenlose, allabendliche Brauch beim Zubettegehen gewesen. Und ebensowenig der wollüstige Kuß der Romane, mit dem eines das andere sozusagen bis auf die Wurzeln ausreißt. Nein, nicht das. Es war ein inniger, warmer, sehr ernster Kuß gewesen, nicht am Bahnhof, sondern erst beim Eintritt in die Kronenkammer. Wie Blüten lagen die Lippen aufeinander und die Augen schlossen sich nicht dazu, wie bei Trunkenen, sondern sahen sich groß und lang und festlich, aber ohne Lachen an. »Ich dachte mir's ja, du bist eine feine, treue, tapfere Frau,« schoß es Emil durch den Kopf. Und ihr: »Er ist schmäler geworden und hat trübe, rote Wölklein in den Augen. Bert wird recht haben. Es muß etwas Schweres und recht Böses über ihn gegangen sein. Sei's was es wolle, ich teile alles mit ihm!«

In der brütenden Hochtalhitz so nah und senkrecht unter der Sonne, hielt sich die kleine Gesellschaft während des Tages im Schatten des Kronengärtleins auf. Da war man nie allein. Erst abends fuhr man mit dem Gesellschaftswagen des Gasthofs das Absomertal hinauf und hatte nun schon auf der halben Höhe von Miezeler volle Nacht mit einer märchensüßen, Himmel und Erde füllenden Mondbeleuchtung.

Der Mond hier oben in den Bergen ist ein ganz anderer als drunten in den Menschendörfern. Dort wird er von engen Gassen, tiefen Stuben und Gartenbüschen gehemmt, und die Fensterlampen und Straßenlaternen verspotten und verunreinigen ihn. So kann ihn kein Wesen sauber genießen. Vielleicht der Absomer Organist, der endlich abends um neun Uhr die Orgel auf der Empore ungestört spielen und ein Mozartmotiv wie einen schimmernden Faden aus den Tasten ziehen und darüber phantasieren kann, während das Mondlicht durch die gotischen Fenster ihn und sein Instrument wie mit Silber überschäumt: der genießt allenfalls noch reinen Mond. Aber doch muß er im zehnten Takt des Andante schon ein Stümpchen Wachs anzünden, weil die Noten so unordentlich von jungen, nur an Allotria denkenden Lehrerseminaristen aufs Papier gesudelt worden sind.

Aber hier oben regiert nur der Mond. Die Sterne verduften vor ihm wie gewöhnliche Schauspieler vor einem weltberühmten Gast. Die ganze himmlische Szene gehört ihm. Und die ganze Erde dazu. Und da gibt er nun der Hochwelt ein ganz neues, vom Tag verschiedenes Gesicht. Die nahen Berge überwirft er mit undurchdringlichem Schatten. Wie formlose Ungeheuer starren sie in die Höhe. Nur zu oberst auf dem Scheitel sind sie voll Licht. Wie des Paradieses Zinnen leuchtet es von da hinab, und man denkt, daß ein ganzer Reigen seliger Geister dort lustwandelt und daß manchmal sich einer herausneigt und einen mitleidigen Blick auf die tiefen, dunkeln Menschenbehausungen niederwirft. Aber sogleich zupft ein Gespan ihn am Flügel und zieht ihn wieder in die göttliche Sorglosigkeit dieser kosenden und tanzenden Lichtwesen zurück.

Die fernen Berge drüben gegen den Mond gekehrt, die schauen aus: grün und grau und blau fast wie am Tag. Nur leiser, verschleierter, vergeistigter. Am Tage lachten sie und guckten sie um und kokettierten sie mit den Vögeln, der Sonne und hübschen Bauernmädchen. Jetzt lehnen sie sich träumerisch zurück wie Poeten in ihre Felsstühle und sinnen mit dämmerigen Augen über den Tag ihrer Wiege und den Tag ihres Sarges nach. Und diese Kinderwiegengedanken geben ihnen etwas Mildes und diese Sarggedanken etwas Ernstes, so daß kein Mensch da oben in solcher Nacht wandeln und böse bleiben kann. Es sind die Nächte der Freunde, der Verbündeten, der Liebenden.

Sette hatte nie geahnt, daß es auf den Bergen oben so stattlich und festlich aussehe, und daß sie einem die Seele so gewaltig bedrücken können.

Oft wirbelte ihnen ein Luftzug den betäubenden Vanillegeruch der Männertreu oder den süßlichen Duft von Aniskraut zu. Dann wieder rochen sie Eismilch oder Harz oder Wildheu, je nachdem der Wind aus einer Schneerinne herab oder vom Fels drüben oder aus einem feuchten Gehölz herauf wehte. Ein bißchen sang es in den Höhen. Das waren die Oberlüfte, die um die Gipfel ihr ewiges Fangspiel machen. Sonst hört man nur das Wasser durch die Mondstille musizieren. Aber wie schön! Dort im Kieselbett gluckst es wie ein Neugeborenes; da im schmalen Gras schlürft es leise hin wie ein Dieb oder klatscht in die Steinplatten wie eine Dorfbase mit hängenden Backen und verzogenen und verschwatzten Lippen. Jetzt, seht, seht, purzelt es über ein paar Blöcke und reißt Witze wie ein fünfzehnjähriger Taugenichts. Aber meist läuft das Bergwasser durch eine ferne Schlucht, rastet ein wenig im tiefen Becken und eilt mit gesammelter Fülle tiefer; dann hat es Männerstimme und die prachtvolle Gebärde eines starken, gesunden Arbeiters. Und von allen Seiten ruft es und grüßt sich und gibt sich die Hände und füllt das Hochtal mit seinem unsterblichen Arbeitslied. Und so geschieht es, daß man in solcher wunderbaren Wirksamkeit der Natur das große, müde Schlafen der Menschheit mit ihren verloschenen Augen und lichtlosen Kammern in der Tiefe gar nicht hört. Man spürt hier oben keinen Schlaf; man möchte jetzt wach sein, lange und mächtig wach sein, und irgend etwas unternehmen, das so kühn, so frisch und so groß wäre wie der Sinn dieses lustigen, ewigen Bergwassers.

Aber so erfrischend das auch für den Manuß war, er verpaßte doch immer wieder den Augenblick und verschob die Beichte, bis man da drüben im nächsten Bergschatten untertauche. Dort schämte er sich dann wieder, so feig und dunkelmäuslerig zu sein, und er setzte sich vor: Nein, wenn wir dort oben wieder im vollen Lichte gehen, fang' ich an. Doch dort war der Mond wirklich unverschämt hell. Emil sah jede Miene Settens. Es war fast greller als am Tag, jetzt in diesem Mond eine Sünde zu bekennen. ›Zum Teufel,‹ dachte er, ›das ist mir nun doch noch nie passiert, daß ich so ein Zaudern spürte, gar vor Sette. Meinetwegen, im Mond oder im Schatten, jetzt sag ich's.‹

Er schloß Settens Arm fester in den seinen und sagte deutlich: »Sette!«

›Jetzt wird's,‹ dachte sie und zitterte heimlich. »Sag', Emil,« antwortete sie und stülpte ihr Näschen auf, so tapfer sie nur konnte.

»Ich habe dir etwas Wichtiges zu erzählen. Du mußt ruhig zuhören. Versprich mir das!«

»Das will ich,« gelobte sie.

»Klopft dir das Herz so? – Du mußt nicht zittern. Sette, es ist schwer, aber so ein Übel doch nicht. Sette – man kann's auch noch – verzeihen. Und es kann eine Freude daraus werden.«

»Emil!« – Sette warf sich ihm widerstandslos ans Herz und umhalste und küßte ihn. Vierundzwanzig Stunden lang hatte sie sich steif und hochauf gehalten. Zum Zerspringen voll war ihre Brust gewesen. Jetzt dieser Mond, diese Berge, diese Worte von Emil erlösten sie. Leise, aber strömend weinte sie.

»Settchen, so kann ich dir's nicht sagen. Mach' jetzt lieber ein strenges Gesicht, höre! Ich brauche dich jetzt. Du mußt mir helfen. Zuerst wirst du furchtbar böse sein und mich schimpfen. Aber nachher mußt du mir raten und etwas Schweres tragen helfen.«

»Ich tue alles, alles, Emil,« versprach sie, sich aufrichtend und die Augen trocknend.

»Ja, denn von heut an müssen wir einander von Herzen Mann und Frau sein.«

Das Weib verging fast vor Glück. Das war's, was sie erhungert hatte. Wie eine verdorrte Heide hatte ihre Seele nach dem Labsal eines solchen Wortes geschmachtet. Mochte er so Großes als Bert nur andeutete, verschuldet haben, wenn sie jetzt nur glücklich wurde! Denn sie merkte ja so gut, daß sie immer nur Emil lieb gehabt und daß alle ihre Frostigkeit nur Selbstbetrug gewesen war.

»Ich will dir von heut ab, so gut ich's kann, Ehr' und Lieb' erzeigen. Glaub' mir, ich bin nicht mehr der Kalte und Herzlose. Nur mußt du zuerst Geduld haben. Es soll immer besser gehen. Aber dafür mußt du auch etwas Großes aushalten. Wollen wir nicht sitzen? – Da an den Hag, daß ich's ruhig erzählen kann?«

»Nein, wir gehen dabei,« rief das Weib. »Wir sind beide so aufgeregt. Aber wenn es etwas ganz furchtbar Schlimmes ist und du's nicht leicht sagen kannst, so sag' es jetzt nicht, sag's nicht! Ich hab' dich doch lieb!«

»Gute Sette!« lobte Emil fast fröhlich.

»Und sagen die Leute was sie wollen, ich glaub's nur dir!«

Da entschloß er sich. »Sette,« hob er rasch und heftig an, »horch, – ich habe ein Kind gefunden, das mir gehört! Und auch die Mutter ist hier. Das rührt alles von meiner Studentenzeit her. Und das will ich jetzt alles gerecht in Ordnung bringen.«

Er hielt Sette fest mit einem Arm umspannt als wollte er sie vor dem Entweichen hindern.

»Jetzt weißt du schon alles,« schloß er langsamer und beschämt, weil so Schwieriges nun doch so leicht und straflos zu sagen war.

Er hatte gerechnet, sie würde entsetzt auffahren und sich ihm entwinden wollen. Aber er würde sie mit eisernen Händen umklammern, wie sie auch zerrte. Und er wäre froh um diesen Kampf. Er fände dabei die Kraft des Herrn wieder, des Herrn, der fehlen kann, aber der darum doch der Herr seiner Frau und ihrer Ehetage bleibt.

Aber sie regte sich gar nicht in seinem Arm. Daß sie doch grollte und jammerte! – Ruhig würde er sie austoben lassen und dann wäre er mit seinen festen und sichern Sätzchen gekommen und hätte alles erklärlich gemacht. Sie hätte den ganzen Kreuzweg mit ihm durchlaufen müssen, vom gewaltigen Erschrecken in der Seehütte durch die Vaterqualen an der Mordfluh hinauf und auf dem Absomer bis zu den unerträglichen Martern am Brollerischen Mittagtisch &…133;Und Sette ist dann wohl sehr vergrämt, aber auch ebenso ergriffen. Sie würde sagen: »Du Böser, du Harter, was Übles hast du doch da angestellt!« – und dann: »Du Lieber, Guter, – wie können wir's mitsammen schlichten?« –

Aber sie sprach kein Wort und das engte ihm den Atem und schnürte ihm das Herz zusammen, daß er von all dem Wohlgesetzten und Feinerwogenen, das er sich auf diesen Augenblick zurechtgeschnitten hatte, nicht ein noch so winziges Teilchen mehr wußte.

»Sette, Sette!« sagte er, mit beiden Händen in ihr gesträubtes Haar greifend und ihr Köpfchen zu seinem Gesicht aufstützend.

Mit ihren grauen, feuchten Augen forschte sie ihn jetzt aus. Ihren kleinen, runden Mund hielt sie wie verriegelt. Etwas Leidenschaftliches schoß über ihr bleiches Gesicht, aber verhuschte wie ein Irrlicht sogleich im Aug'. Sie bezähmte sich großartig. Wie eine Heilige blieb sie fest, und mild klang es, als sie endlich einen Laut herausbrachte: »– Der Mang – nicht wahr –«

»Ja, der!«

»Und jene Armenhäuslerin?«

»Die Cäcilie, ja, – aber woher –«

Sie schüttelte den Kopf und sagte einfach: »Erzähle mir jetzt alles, Emil!« –

Sie gingen Arm in Arm durch den so tempelhaften Licht- und Schattenwechsel des Bergmondes empor. Er begann, aber ungern und zögernd. Allmählich verblich seine Stimme ganz. Da spürte er, wie Sette sich inniger an ihn drängte. Und er fuhr herzhafter fort und erzählte von jener verhängnisschweren Nacht vor vielen Jahren, und dabei drang ihm der Schweiß dick und warm aus Händen und Haaren, und die Scham vor dieser reinen, blassen Sette da verbrannte ihm fast die Zunge.

»Ja, ja,« wollte sie unterbrechen, »und dann am Morgen –?« Aber sie war ohne Stimme. Dafür herzte sie ihn wie eine Eifersüchtige, die ihrer Nebenbuhlerin nichts schenkt.

»Und da ist's geschehen, – und das Häßlichste war am Morgen, als ich Abschied nahm – wie – wie – aus einem Laden etwa, wo ich billiges Zeug gekauft hatte –. Ich zahlte und ließ sie stehen – und sie liebte mich doch – jetzt weiß ich's – und war unverdorben – und ist – jetzt wieder niedergekommen – und –«

»Gott im Himmel!« stöhnte Sette. Und noch enger drückte sie sich an Emil fest. In diesen Bergen, in diesen schwarzen, riesigen also war's gewesen. Die hatten alles gesehen und stehen jetzt da wie Zeugen, so unheimlich, oder wie Richter und Rächer. Die haben Emil wieder da hinauf gelockt und jetzt auch seine Frau und das Töchterlein. In ihrer flinken, farbigen Einbildung kam ihr das unheimlich sinnreich vor. Und je mehr Emil von Mang und Cäcilie und Walter und dem Bastian und dem Brollerhaus erzählte, desto überlegter und dämonischer kam ihr das Erlebnis vor. Bert mit seinen Andeutungen, dieser Broller und Ueli, die Hirten und die Cäcilie, die schienen ihr alles gewußt und so gewirkt und gesponnen zu haben, von einer in die andere Hand, bis Emil ganz in die furchtbare Vergeltung verstrickt war.

Emil erzählte dann weiter aus der Schreibstube des Oberrichters, wie der Broller und sein Knecht nun über die arme Cäcilie verfügten, gegen ihre Seele. Und er gestand, wie oft er umsonst sich ermutigen wollte, zu ihr zu gehen und ihr sich zu eröffnen.

Aber jetzt umschlang ihn Sette wieder in Verzweiflung. Nie hatte sie Eifersucht gefühlt. Er war zu trocken und zu eisig. Aber da gab es nun ein Weib, das nach vierzehn Jahren noch von Emil träumte und von ihm einen stolzen Sohn hatte. Sicher, an dieses Geschöpf dachte er jetzt immer und sah darum so abgehärmt aus. Nein, mochten die beiden vor Jahren, als Sette noch ein Kind war, mitsammen verbrochen haben was immer, o ausgewischt, nur immer ausgewischt! Jetzt aber war er ihr Emil geworden, und keiner andern gehörte ein Härchen von ihm. Wie haßte sie dieses Weib und dieses Weibes Sohn! Eine neue, starke Leidenschaftlichkeit durchwogte sie. Wie alte, unmodische Kleider fielen Eitelkeit und Starrheit von ihr, womit sie bis heute ihre Liebe entstellt hatte. Zu Füßen würde sie ihm jetzt fallen und ihn an den Knöcheln umklammern und küssen, bis er sie aufhöbe und sagte: »Du allein bist mir lieb!« Sie fühlte, daß sie etwas Neues war, etwas, was sie noch nie gewesen, nur noch Weib, ein Weib, das seinem Manne gehört und von ihm und für ihn lebt. Und so ungestüm fing ihre Umarmung an zu werden, daß das Paar in dieser heißen Verschränktheit der Glieder fast nicht vorwärts kam und Emils kältere Natur beinahe Unbehagen empfand.

Jedoch er litt es und erzählte, von ihr mit unstillbarem Fragen überschüttet, was er durch Ueli, Broller und andere Dorfleute von der Cäcilie vernommen habe. In allen vierzehn Jahren habe sie keine Spuren verraten, auf denen man jenen Studenten hätte finden können. Und doch habe er damals in seiner Dummheit – nein, in seiner Ehrlichkeit – ausgekramt, woher er sei und was er studiere und zwei seiner Begleiter hätten dem Mädchen sogar ihre Karten geschenkt. Er sehe sie noch immer am See stehen und warten. Und Ueli habe erzählt, daß diese Jungfer oft ausgelacht worden sei, weil sie viel von einem fernen Schatz träumte, der sicher einmal in schönen Kleidern zu ihr kommen und sie zu sich holen würde. Voll Liebesmärchen habe sie den Kopf gehabt und jahrelang nie mit den Kirchweihbuben getanzt. Die ›Bsundrige‹ habe sie nur geheißen. Endlich im zweiten Sommer sei sie fortgezogen. In die Stadt, spottete man, den Liebsten zu suchen und ihm vom Bubi zu erzählen. In Wahrheit habe sie in einem Restaurant zuerst als Magd und dann als Köchin gedient. Als sie im Herbst heimkam, war sie müde, fror immer da oben, ward krank. Und kaum genesen, sprang sie wie toll in ein hitziges, wildes, gieriges Leben von Bekanntschaften, Liebeleien, Studenten und Tanznächten und allerhand dunkeln und tiefern Verstecktheiten. Aber den Mang habe sie bei allem immer wie ein Heiligtum gehütet. Vor ihm habe sie sich ihrer Unart geschämt. »Du gehörst nicht zu uns,« habe sie wohl oft zu ihm gesagt. »Du bist etwas viel Besseres und Vornehmeres.« – Wenn er dann erwachsen sei, wolle sie ihm den Vater suchen helfen. Jetzt nur Ruhe, nur Ruhe – es komme alles schon wie's müsse. Aber er würde stolz sein auf seinen Vater, – das sei einer!

Sette machte bei dieser kurzen, aber entsetzlichen Erzählung eine mächtige Erkenntnis durch. Dieses ehrlose Weib also hatte ihren Emil heldenhaft, ja, fast selbstlos geliebt und liebte ihn in ihrer Art heute noch so. Sie trug gewiß die Züge der Ausgeschämtheit im Gesicht – aber – Sette konnte es nicht hindern – auch die Glorie einer rührenden Dirnentreue. War sie etwas anderes als sein Opfer? Ein betrogenes und belogenes und immer noch gegen den Tyrannen dankbares Opfer! Welch ein heißer Blutsaft mußte dieses Weib durchglühen! – Sette konnte bei allem Haß eine heimliche Bewunderung für dieses Geschöpf nicht unterdrücken. – Ich hab' ihn doch auch geliebt, wollte sie sich rechtfertigen. Aber kaum fing sie an, ihre geordnete Liebe mit dieser wilden zu messen, so erschrak sie vor der eigenen Kleinheit. Ja, sie hatte Emil wahrhaft geliebt; aber nicht demütig und einfältig genug. Emil war eine kühle, herrische Natur; der warf sich einer Frau nicht hin. Schmeicheln und liebeln verfing da nicht. Was sie hätte sollen, hat sie nicht können, das sieht sie jetzt deutlich: sich auch opfern und hingeben jeden Augenblick, warm bleiben gegenüber seiner Kälte, ja, je kälter er tut, um so wärmer gegen ihn werden, die Geduld einer Mutter, die Demut eines Kindes gegen ihn üben und wie eine Schwester so treu ins Tiefste seines Wesens sich hineingewöhnen: nein, das hatte sie nicht können. Von außen her hatte sie Emil gleichsam mit ihrer Liebe belagert, Stirne gegen Stirne. Sich auch zu bücken und tief zu verdemütigen, das hatte sie nie versucht. Von oben hatte sie's probiert. Nicht wie eine Magdalena ihm zuerst die Füße waschen, nein wie eine Judith ihn mit Prunk und Macht besiegen hatte sie wollen. O wie gern begnügte sie sich jetzt, demütig von unten auf zu beginnen!

Der Mond schien unbarmherzig klar und fast scheitelrecht auf sie herab. Die Schatten der Berge warf er zum Greifen hart und die Lichter mit einer sozusagen hellseherischen Schärfe über die Gegend. Die nahen, schwarzen Berge standen da wie Richter, die jetzt ihr Urteil überlegen. Aber die ferneren, hellen Berge drüben im Mondschein, die hatten schon entschieden. Die sahen feierlich und heilig herüber, wie wenn sie gerufen hätten: Schuldig, schuldig auch du!

Emil beichtete weiter. Diese Jungfer wäre nie so weit in Not und Siechtum geraten, wenn er nicht so gesetzlos und unsauber in ihr noch so unschuldiges Mädchentum eingebrochen wäre. Es laste auf ihm alle Verantwortung für die Schicksale der ledigen Mutter, für ihre spätern Liebschaften und Ärgernisse. Er sei schuldig, er vor allen andern müsse gutmachen.

Schuldig sein, gutmachen! Hatte Sette je solche Worte von Emil gehört? – Nie! Nun lag das doch in ihm! Er konnte sich auch schuldig fühlen und konnte bereuen. Er hatte also doch ein Herz. Hinter seinen vereisten, grünen Augen schlummerte also doch auch eine Seele. Aber eben, so harte und stolze Menschen haben die frommen, innigen Gefühle wie einen Wintersamen unter einer dicken Erdkruste eingebettet. Das hätte sie wissen können, da hätte sie graben, suchen, finden müssen.

Aber das ist's, o das: sie war zu oberflächlich gegen den ernsten Mann mit seinem tief und heimlich spielenden Seelenleben gewesen. Sie stand jetzt wie vor einer Offenbarung. Soviel wie gar nicht hatte sie ihren Mann gekannt. Was er denke, studiere, fühle, was ihn aufs tiefste bewegen könne, darum hatte sie sich nie gekümmert. Nur ums Geliebtwerden! Immer nur um Zärtlichkeiten war es ihr, der vom ersten Gemahl so verhätschelten Sette, zu tun gewesen. So blieb sein Inneres ihr wie ein ungelesenes Buch. Den festen Deckel daran und den harten Titel und die eckige Fasson und die starken Schlößchen kannte sie wohl. Aber was auf den Innenseiten stand? – Nichts, rein nichts!

Auch da war ihr ohne Zweifel die Bauerndirne zuvorgekommen. In einem Tage hatte das schlichte, ehrliche Bergmädchen ihn tiefer berührt, als sie in anderthalb Jahren. Das ist furchtbar!

Frau Setten kam es vor, dieser allerreinste Bergmondschein durchstöbere ihre Vergangenheit Blatt um Blatt. Er zerfasere ihre Seele wie mit geheimnisvollen himmlischen Röntgenstrahlen. Sie sah sich in unverantwortlicher Nacktheit bloßgestellt.

Die Berge machten eine immer bedrückendere Richtermiene, meinte ihr fiebrig flinker Geist. »Schuldig auch du, auch du!« wiederholten die monderhellten. »An nichts hast du gedacht, als an dich. Nur für dich wolltest du Liebe und Sonne und Küsse! Ha, so ein kleines Schmarotzerding, das in sich selbst sich hineinverkriecht wie eine Schneckel Andere ins Unrecht setzen und selber im größten Unrecht stecken! – Strafe hast du zuerst verdient!« –

»Strafe,« bekräftigten die nahen, finstern Berge mit ihrem schweren, rollenden Echo.

»Wir übergeben sie euch zur Verurteilung,« sprachen die hellen Berge.

»Es sei! Zur Verurteilung!« gaben die dunkeln zurück.

Der Frau graute. Sie zitterte am ganzen Leibe. Aber sie wagte nicht mehr Emil inniger zu umfangen. Sie kam sich unwürdig vor. Dem ersten Mann war sie ein Kind, dem zweiten ein eigennütziges und oberflächliches Frauenzimmer gewesen. Sie hatte geliebt, aber mit einer Liebe, die wühlte und beunruhigte und brannte und doch nicht in die tiefe Seele hinabstieg. Erst jetzt in dieser unbefleckten Welt und unendlichen Stille, wo hinauf die Lächerlichkeiten und Schwächen des Zwerglebens nicht mehr dringen, – denn sie bleiben längst unten im Gedörn oder an den Felsen hangen, – erst jetzt kam auch in ihr wieder das kindlich Unverdorbene zum Vorschein. O sie wollte auch lieben, nicht nur geliebt sein! Ja, zuerst und vor allem lieben und opfern und geben und dann erst empfangen. Und sie wollte demütig sein und zuerst verstehen lernen, bevor sie urteilte. So dicht und lebendig wurden ihr diese Vorstellungen, daß sie zuletzt in ein halbes Flüstern übergingen: »O ja, ich bin auch schuldig! – sehr viel schuldig! – mehr vielleicht als mein Mann! Ich muß auch gutmachen! Alles, alles gutmachen!«

Indem war Emil still geworden und überlegte, was jetzt geschehen solle. Seiner Frau war er nun sicher. Die liebte ihn, die verzieh, die würde helfen.

»Sette, du hast nun ein Kind und ich hab' eines. Beide sollen unsere gemeinsamen Kinder sein. Beide gleich lieb! Minchen und Mang! Und mit den Kindern werden auch wir zwei einander viel näher kommen als dies bis jetzt geschah. Ich sag' dir, Frau, was ich kann, tu' ich.«

Sette drückte nur seine lange Hand fester. Aber ihre ganze Seele rang nach einem Wort.

»Kannst du Mang lieb haben?«

»Ich glaub'.«

»Und willst du hingehen mit Mang – zu jener –«

»Ich gehe!«

»Du bist ein starkes Frauchen,« sagte er gerührt und küßte sie dankbar auf den Mund, der ihm so etwas Gutes versprochen hatte.

Gerade in diesem Augenblick sah Heinz wieder einmal über die Achsel zurück, wandte sich aber blitzschnell um und lachte.

»Warum lachst du?« fragte Minchen. »Trag mich lieber, ich bin müd'.«

»Deine Mutter hat einen Kuß bekommen, gerade jetzt; aber blick' nicht zurück, hörst du! – sieh mal, ich will dir! – denn Mutter will ihm zwei zurückgeben. – Wirst du wohl –«

Lachend hielt er das Mädchen am Zopf und Stirnlein fest, daß es den Hals nicht drehen könne. Immer lustiger dünkte beiden die Szene. Endlich sagte Heinz: »Hör', Minchen, machen wir es lieber auch so! Schenk' mir ein Küßchen!«

Damit verneigte er sich fein wie vor einem Ballfräulein und küßte Minchens blasse, mondkalte Wange.

»Aber dann trägst du mich?«

»Sicher?«

»So halt her!«

Der alte Kerl mit einer fernen, zauberischen Erinnerung an die Lippen seiner seligen Agnes fuhr sich rasch mit der Hand über den Mund und bot ihn dann dem saftig roten Mäulchen dar, das herzhaft schmatzte. Dann hob er das Kind auf die Achseln und trug es im frohen Vergessen seiner Atemnot empor wie ein engbrüstiger Älpler, der ein Schnäpschen genossen hat sein allerbestes Käslein nun dreimal leichter trägt. Ganz poetisch ward ihm zumute. Er hätte jetzt dichten mögen. Die schönsten Lieder wären ihm gelungen. Das Pech hatte er ewig, daß, wenn die Poesie in Strömen kam, er kein Papier und keinen Bleistift hatte, die Inspirationen aufzuschreiben. Ein Pechvogel war er doch immer, aber ein glücklicher trotz allem.

Der Mond fuhr hell und heilig über ihren Köpfen dahin. Mit starren, feierlichen Knien und Schößen saßen die Berge auf beiden Seiten aufrecht in ihren uralten Gestühlen, und die drüben riefen aus der Mondverklärung: »Strafet milde! Nicht allein sie da unten sind die Schuldigen. Alle! –«

»Alle!« hallte es zurück.

»O ihr kleinen, zweibeinigen Toren –«

»Toren!«

»Wie habt ihr doch nirgends Sitz oder Halt! – Und steht einander auf die Füße und bläht euch großartig und habt doch so verhätschelte und vernaschte und verworrene Mückenseelen!«

»Mückenseelen!« donnerte es wider.

»Werdet größer, ihr Zwerge! Wachset auf zu uns und schaut weit wie wir!« – »Schaut weit wie wir!« –

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