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Gutenberg > Heinrich Federer >

Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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22

Mang blieb bei den großen Neuigkeiten still und kühl. Das war ihm doch eins, ob er auf einem gestempelten Papier dem Waisenhaus oder dem Ueli oder dem Bastian zugeschrieben ward. Man hatte ja immer über ihn wie über ein Postpaket verfügt. Von einer Hand kam er in die andere. Darum hatte doch niemand den Inhalt ändern können. Mang war geblieben, was er war, ein eigenmächtiger, in sich gekehrter, dienender und doch selbstherrlicher Mensch. Für den Bastian hatte er noch eine gewisse Bewunderung. Der war doch offen, kühn ein Schimpfer auf die Herren. Im Zorn brannte er auf wie ein dunkelrotes Feuer. Und er liebte seine Mutter treu, das wußte der Bub. Und Cäcilie war seiner nicht wert, das wußte Mang auch.

Doch das alles regte den schmalgebauten, gelassenen Jungen nicht auf. Er wollte nur wissen, ob Bastian ihn beim Ingenieur belasse.

Ja!

Gut! Dann gehe er sogleich wieder auf die Alp.

Auf der Talstraße vom Dorf zum ›End‹ begleitete ihn Uelis Tochter, das dreizehnjährige Irmeli. Er zog ihr das Wägelchen mit den Bierflaschen und Limonaden. Sie hätte das Getränk erst Montag früh ins ›End‹ fahren müssen. Sobald sie aber wußte, Mang gehe nach Vesper schon wieder auf den Berg, lud sie schnell das Nötige auf, um mit dem Knaben, der ihr lieber als ein Bruder war, den zweistündigen Weg machen zu dürfen. Sauber hatte sie sich das kleine, runde Schneewittchengesicht nach der Kellerarbeit gewaschen. Ihre zwei langen, dicken, blonden Zöpfe glänzten und tropften noch von Wasser, und das enge Stirnlein mit den zwei blonden, feinen Pinselstrichen von Augenbrauen und den kleinen, lächelnden Honigaugen hatte ein festlicheres Licht gewonnen als sonst an einem Sonntagabend beim Kindertanz. Zwei Stunden allein mit Mang spazieren, das war köstlich.

Wenn er auch nicht viel redete, das war nicht böse zu nehmen. Wenn sie nur mit ihm laufen durfte. Hie und da schielte sie an sein in die blaue Luft ragendes Gesicht hinauf und sah mit Entzücken seine goldenen Wimpern in der Sonne glitzern. Aber die Augen, die langen, schwimmend grünen, wie zwei Alpseelein, halb von den Lidern geschirmt, diese Augen, die es ihr schon lange wie ein Märchen angetan hatten, daß sie sich darin verschauen konnte wie verzaubert und alle andern Augen der Welt, selbst die rotschwarzen Samtaugen Walters, ihr dagegen wie blinde Fenster vorkamen, diese Augen sah sie nicht. Die richtete er hoch über sie hinaus und über die Felder und die nähern Hügel. Er studierte wieder einmal. Da schwieg sie demütig. Aber zuweilen legte sie die Hand ans Wägelchen und stieß mit. Da, wo er seine lange, braune Hand ans Stangenkreuz hielt, legte sie ihre feine und kleine an, so nahe, daß bei einer Wendung des Karrens ihr kleiner Finger den kleinen Finger Mangs berührte. Wie hübsch und lieblich war das! Sie dankte jedem Fuhrwerk, das ihr Gefährte nötigte, auszuweichen und jedesmal dieses leise, süße, verschmitzte Liebesspiel erneute.

Mang merkte nichts davon. Ihn beschäftigte jetzt nur der Ingenieur. Am Samstag und Sonntag hatte er an nichts anderes gedacht. Wenn er ihm doch nur wieder an der Arbeit helfen darf! Er will es jetzt freundlich tun. Darum liebt er die Eisenbahn trotzdem nicht. Muß ja auch mancher in den Krieg und andere totschießen und ist doch ein Freund vom Leben und vom Frieden. Man kann nicht immer wie man will. Und der Inschenier denkt auch nur den Weg aus. Das ist eine Kunst wie jede andere. Vielleicht wollte auch er lieber, solche Berge und Täler blieben frei. Aber er hat nun einmal den Beruf, die Linie für die Bahnen vorzumessen, und er tut's großartig.

Seit der Züchtigung auf dem Gipfel fühlte Mang immer noch Emils Hände an der Schulter, so mächtige Hände und so stählerne. Er hat seitdem eine wahre Ehrfurcht vor ihnen. Das war eine Kraft und ein Zorn, Herrgott! So hat ihn noch keiner angedonnert und ins Knie gebogen. Und dann schüttelte er ihn stolz ab und ging. Nein, Mang läßt sich nicht abschütteln. Der Inschenier ist ein überlegener Mensch, ein hoher, ein Held. Mang fühlt sich wie bezwungen. Er will bei ihm bleiben; er kann es nicht begreifen, daß er hat von ihm weg wollen. Oder daß der Manuß nun ohne ihn will fertig werden. Daß er dem Inschenier nicht unentbehrlich ist. Das möchte er sein, durchaus! Heut geht er bis Miezeler und wartet dort, bis Emil kommt. Gelesen hat er ja seinen Brief und dem Seppli aufgetragen, daß er wieder kommen dürfe, wenn er möge. Nun wohl, er will bei den Miezeler Häusern warten und sich dem Manuß dann anhängen und betteln, wenn's nicht anders geht, daß er's doch noch einen Tag lang mit ihm probiere. Und diesen Tag will er dann so tüchtig helfen und so gut und dienstlich tun, daß der Inschenier ihn für den zweiten Tag noch lieber behält. Nur jetzt nicht weg von ihm! Er tät' sich ewig schämen. – Aber wie's so kommt und einem die Seel' umkehrt, das weiß er nicht. Darauf sinnt er auch nicht. 's ist nun mal so, punktum.

Er bangt ein bißchen vor dem ersten Zusammentreffen. Was will er dann sagen? Den Brief wiederholen? Das ist zu lang. Gar nichts sagen? Das wäre zu grob. Einfach: Nichts für ungut, – und nehmt mich doch wieder! –

Unter dem gestreifelten Überhemd, im Brusttuch, hat er das Zettelchen Emils und zwei Goldstücke darin, ein gewöhnliches und einen Vierzigfränkler. Der erste Napoleon ist darauf mit der Römernase und dem scharfen Kinn und dem runden, schweren Schädel. Noch nie sah Mang so ein Stück. Wie ihn das freut! Nicht weil's Gold ist, – ein wenig auch darum! Und nicht, weil es einen so berühmten Kaiser darauf geprägt hat, – ja, zwar auch ordentlich darum! Aber was wär' ihm die Münze, wenn sie vom Ueli oder Pfarrer geschenkt wäre! Kein Teil so lieb. Oft muß er mit der Linken unter das Hirtenhemd und über die Stelle tasten, wo es ein wenig knistert und rundum hart ist. Das freut ihn jedesmal. Er wird dabei immer aufgeräumter. – Irmeli, das so leise neben ihm geht und ihn nie wie die andern mit ewigem Wortgedresche stört, wenn er seinen Gedanken nachgehen muß, Irmeli ist doch auch ein gutes Kind. Eine Schwester muß einem wohl so lieb sein. Er weiß, wie oft Walter seiner Zia übers Haar streichelt. Das freilich täte er auch einem Schwesterlein nicht. Dem Walter steht so was an, dem schon. Aber er – der Mang – tät's keinem Mädchen. Höchstens dem Irmeli das Wägelchen stoßen oder sie über einen Bach tragen, daß sie nicht naß wird und hernach Zahnweh bekommt, das schon! – Jetzt möchte er ihr etwas Freundliches sagen, wüßte er nur was! Denn das ist klar, seinetwegen geht sie noch so spät ins ›End‹ und muß dann allein heim. – Was soll er nur sagen? Jaso, das!

»Hör' du, Irmeli, – ich bin jetzt nicht mehr bei deinem Vater. Der Bastian hat mich gedungen. Aber am Sonntag komm' ich doch und werd' Geschichtlein erzählen.«

Irmeli wird ganz bleich.

»Und schlafst nicht mehr im Haus und issest nicht mehr mit uns?« fragte sie. Wahrhaft, ihre rote Masche am Zopf und ihre Spitzen an den Ärmeln zittern, als spielte ein Wind damit.

»Nein, wenn ich mal vom Berg herab bin, muß ich wohl –«

»Ritsch hurrrrio!« – Aus den Büschen am Weg bricht jäh und zischend Walter hervor. Göttlich lacht er in ihre verschreckten Gesichter hinein. Irmeli ist dem Mang in die Ellenbogen gefahren.

»Wenn du doch nur Leute verschrecken kannst!« scheltet Mang ernst.

»Nur nicht immer schimpfen! Sag' lieber, ob ich mitdarf!«

Damit schob er Mang vom Wägelchen, faßte den Stiel und stieß und stemmte neben Irmelis Händen. Das war ihm die Hauptsache.

»Bist du jetzt böse?« fragte er das Mädchen halb mit Lachen. Ja, sie war böse. Sie wäre jetzt viel lieber allein mit Mang gegangen. Aber so wie Walter lustig und gut aussah, dazu fürnehm in seinem dunkelgrünen Anzug, fast wie ein junger Graf, konnte man ihm eben doch nicht gram sein. Er war der flotteste Bursche im Dorf, das ist sicher, und kurzweilig ohnegleichen, und wenn er neckte, war es am feinsten um ihn.

Doch diesmal war Irmeli stumm, und Walter merkte sofort, daß irgendwas sie traurig machte.

»Habt ihr gestritten?« fragte er besonnener.

»Irmeli ist nicht froh, daß ich nun zum Bastian gehöre,« erklärte Mang.

Walter war heimlich um so froher. Er hatte vom Vater das wörtliche Versprechen, wenn Mang beim Knecht sei, dürfe er am Tisch neben Walter und Ernstli essen. Mit ihnen! Das erzählte er jetzt.

»Und am Sonntag nach Vesper und oft am Werktag abend kommen wir natürlich zu euch,« gelobte er dem Mädchen.

Aber das war dem Irmeli nur ein kleiner Trost. Diese herrischen Buben dachten nur an sich. Es war doch viel schöner, wenn Mang bei ihnen am selben Tisch aß und auf dem gleichen Zimmerboden schlief. So ist er halb geraubt.

Sie ging zwischen Walter und Mang und konnte nicht anders, als seine lässig hangende Linke fassen.

»Ich bring' ihn dir jeden Sonntag,« versprach Walter. Er hatte keine Eifersucht gegen Mang. Der war ja wie ein Bruder unter ihnen. Aber auf alle andern Knaben konnte er höllisch grimmig werden, wenn sie nur leicht mit dem Kronenmeitli Kronenmädchen spaßten. Er wollte ihr am besten gefallen. Und weil er Mangs liebster Genosse war, war er auch ihr bester Kamerad nach Mang. Sie liebte ihn nur wegen Mang. Aber das merkte Walter nicht. Es ist zwischen vierzehn und fünfzehn Sommern noch so ein seliger Betrug zwischen Liebe und Freundschaft möglich. Aber nicht mehr lange!

Walter freute sich großmächtig auf das Heimgehen mit Irmeli. Es ist dann zwischen Abend und Nacht. Die breiten, gelben Wolken da oben werden dann neben dem Mond wie versilbert durch den Himmel fahren. Es wird still sein. Und sie sind allein! – Dem Walter klopft das Herz in Angst und Übermut. Er wird sie im Wägelchen fahren. Eine Viertelstunde vom ›End‹ gegen das Dorf fällt der Weg stark. Da wird er aufsitzen und mit den strammen Füßen den rollenden Wagen sicher um alle Biegungen lenken. So was Führerhaftes treibt er immer gern, besonders aber beim Mondschein und mit Irmeli. Sie soll seine Kraft und seinen Mut bewundern, ha!

Später will er sie im Wägelchen stoßen, seitlings, und neben ihr gehen. Dann gegen das Dorf zu wird sie herauswollen. Dann will er ihr heraushelfen. Fein denkt er sich das aus. Er nimmt sie am Ellenbogen, sowie sie herabspringt, beugt sich hurtig zu ihr nieder und gibt ihr einen lustigen Kuß auf den Mund. Aber flink, bevor sie schreit oder ausreißt. Und damit sie nicht etwa zürnt, sagt er: Irmeli, das ist fürs flotte Fahren, der Kutscherlohn, – den muß ich haben. Wer weiß, vielleicht gibt sie ihm dann selbst noch einen. Jedenfalls in den Arm will er sie schlingen, und so wandeln sie wie Mann und Frau bis zu den ersten Häusern. Ja, er hat sich schon alles fein zurechtgelegt! Wenn nur der Mond da oben, der Faulpelz, nicht immer noch so tagfahl wäre! Daß es dunkelte, nachtete!

»Ich will euch ein Gedicht vorsagen, hört!« ruft er plötzlich. »Der Diener oder was er ist, hat's mir gemacht:

Wo ist der Knab', dem von drei Dingen
Jedes gleich gut mag gelingen?
Den rappligsten aller Rappen reiten,
Zum gipfligsten aller Gipfel schreiten
Und das schatzlichste aller Schätzchen erstreiten?«

»Fein!« sagte Irmeli.

»Der bin ich nicht,« gab Mang ruhig zu.

»Ich, ich möcht' der sein,« schrie Walter mit verspitzten Lippen und wahrhaft glühenden Mohrenaugen.

Das Mädchen staunte die zwei Buben an, die stillstanden, wie ein weißer Schmetterling zwischen einem glutigen Rosenbaum und einem bleichern, aber grad' so stolzen Heidrösleinbusch verwirrt flattert und zaudert und nicht leicht weiß, wo's besser tut zu ruhen, dort im mächtigen Duften und Brennen oder hier im freien, frischen, kühlen Heidehäuschen. Der Walter ist ein prächtiges, aber schreckbares Feuer. Beim kühlen Mang fühlt man sich viel freier, stiller, sicherer.

»Erzähle uns ein Geschichtlein, bitte,« bettelt sie Mang an.

»Ja, das ist das Gescheiteste. Eins, zwei, drei, los!« fordert Walter.

»Wartet, ich will mich besinnen.« – Er redet jetzt gern, denn er ist aufgeregt. Alle gelesenen Bücher erwachen, alle ergrübelten und entfalteten Gestalten stehen auf in ihm. Und die Berge, so hoch und schattenabendlich über ihre Köpfe niederschauend, und das einschlummernde Ried ringsum mit dem verhallenden Orchester der Grillen, und die Dorfhäuser und Menschen so weit hinten im Rücken, und von der Alp herab der Geruch von Heu und Wald und Wasser, dieser wunderlich gemischte, unnachahmliche Duft der Bergnatur, und das Klingen eines Quells droben in den Klüften und das ferne Tio-o-ioooo! von irgendeiner fenstersitzenden Berghäuslerin und die zwei lieben Gespanen neben sich und übermorgen ein schönes, neues Leben mit dem Manuß – o, er ist so aufgeregt, ihm prickelt die Zunge, er will reden, gern reden. Horcht, horcht!

Mang erhob den Zeigefinger und hob an: »Einmal gab es eine Stadt und die hieß Rom.«

»Und die steht jetzt noch,« bemerkte Walter spaßig.

»Pst!« warnte Irmeli. Walter lächelte sie gutmütig an mit seinen gen Abend immer dunkler werdenden Augen, lächelte sie wahrhaft schon an wie eine sterngoldene Nacht. Da sie nun vor so üppiger Glut den Kopf senken mußte, packte er schnell ihre linke noch freie Hand und ließ sie auch nicht mehr los. Den Wagen stieß er allein mit der Linken. So liefen nun die hübschen drei, das Mädchen mit verknüpften Händen in der Mitte.

Mang aber fuhr fort, halb aus alter Chronik, halb aus Eigenem: »Jedoch, es war ein anderes Rom, Walter, wisse nur, eines wie Eisen und Ketten. Die Ratsherren hatten das Schwert und das Volk die Ketten. Die Ratsherren hatten das Geld und das Amt und das schöne Haus und das gute Essen und den Feiertag und die Musik und das wunderbare Studieren der Bücher. Und das Volk hatte das Arbeiten und Schwitzen, das Hungern und Steuern, das Schelten und die Peitsche und den Schmutz und die Dummheit und im ganzen Leben nie einen rechten Sonntag. Die Kinder der Herren glitzerten von Gold und die Kinder der Knechte dunkelten vor Staub. Und doch hätten sie auch gern schmausen, feiern und lieben mögen, wie die reichen Kinder. Und so hörte man in der Stadt nur zwei Sachen, das Kettenklirren und das Lachen.

Da stand ein junger Bursch auf mit frischen Backen, frischen Zähnen und frischen Händen. Der hatte lange zugeschaut und zuletzt konnt' er's nicht mehr. Er fing an zum Volk zu reden und ihm auszurechnen, wie groß es sei. Er zählte sie zusammen, und alles wunderte sich, daß man so stark sei und dennoch sich so erniedrigen können unter wenige, müßige, stolze Gebieter. Man machte auch Fäuste und staunte wieder, was das für ein Heer von Totschlägern wäre. Man schüttelte die Häupter grimmig und konnte es kaum überschauen, was das für ein Wald von wilden Wipfeln wäre.«

»Ach, Irmeli,« lispelte Walter verstimmt, »jetzt redet er wieder aus seinen Büchern. Das hab' ich nicht gemeint. Wie ein Pfarrer, so langweilig, redet er –«

»Pst!« bat Irmeli flehentlich. »Stör' ihn nicht.«

»Und wenn der Jüngling wie ein Fels in der Mitte stand mit seinem runden, steinigen Kopf, seinen feuerroten Backen, seiner Stirne auch wie ein Fels und seinem Munde gleich einer Sturmtrompete, dann wühlte und rauschte es gerade wie der Föhn in unsern Föhren. Der Mattliherr sagt, er müsse ein großartig schönes Menschenwesen vorgestellt haben, daß er aus den schimpfenden Büchern von mehr als zweitausend Jahren sich so frisch erhalten hat und ihm der giftigste Gänsekiel nichts hat anhaben und verklecksen können &…133;Stolz war seine Mutter auf ihn.« –

»Hat er auch eine Schwester gehabt?« fragte Irmeli schüchtern.

»Das weiß ich nicht.«

»Aber ein Schätzchen?« fragte Walter mit leisem, dunkelrotem Lachen.

»Sein Schätzchen ist das Volk gewesen. Das hat er allein gern gehabt,« erwiderte Mang streng und für Irmeli mit unnötiger Härte. Aber sie ließ sein Handgelenk nicht fahren, wiewohl er sich gern frei gemacht und mit beiden Händen mitgeredet hätte.

Für Walter hatte der edle Gracche jetzt nur noch geringen Wert.

»Die über ihm haben ihn gehaßt und die unter ihm haben ihn nicht verstanden. Denn dort wachsen andere Menschen. Es gibt da keine Berge, keinen Schatten, aber viel Sand und Sumpf. Da wachsen die Sklaven, nicht freie Bergler. Und diese Sklavenmenschen haben keinen Mut. Sie haben ihren schönen Helden im Stich gelassen. Er war ihnen zu groß. Sie hatten einen solchen nicht verdient. Und ein Sklav' hat ihn durch den Rücken erstochen.«

»Sternendonnerwetter!« fluchte Walter. »Den hätt' ich von vier Hengsten auseinanderreißen lassen.«

»Walter, Walter!« flüsterte ergrausend das Mädchen. Er aber schloß es härter in seine Rechte.

»Dann ist eine lange Zeit vergangen. Und die Reichen sind noch reicher und die Armen noch ärmer geworden. Und da wißt ihr wohl, daß der Jesus gekommen ist.«

»Ich hab' gemeint, ein Geschichtlein wollest erzählen. Gepredigt hat uns der Pfarrer am Morgen schon lang genug,« grollte Walter ins Zeug.

»Walter, bitte, etwas von Jesus ist immer so schön zu hören,« schmeichelte die Kleine.

Und der Knab' mit seinem erdseligen, von Weltlichkeit glühenden Gesicht schlug sogleich die Lider halb zu, nickte zahm und spitzte einen andächtigen Horchermund über Irmelis Haar zu Wang hinüber. – Der sah scharf in die Bergschatten empor und fuhr weiter: »Ich glaub', auch der Herr Jesus war sehr hoch von Gestalt, daß er über die größten im Volk wegsah. Und er hatte ein gesundes Gesicht. Nicht so ein wachsweißes, wie auf den katholischen Helgen, nein, braun und rot von der Sonne und vom frischen Blut wie du, Walter, und ein lustiges, dichtes Haar, ich glaub' flammendrot wie ich, aber länger, reicher, goldiger, und einen gewaltigen Bart bis zum Gurt und starke Knochen, daß er sogar die Weltkugel tragen könnte. Aber sicher hatte er große, blaue Augen. Ein Braun- oder Schwarzäugiger könnte sicher nicht so reden, wisset, so gut, so – so – frei – so –«

»Warum nicht?« verlangte Walter fast drohend zu wissen.

»Wisset, so gut und gerad' heraus und so – so lächelnd und fromm dazu. – Ach, wenn ich's nur malen könnt', wie ich's in mir hab', so –«

»Aber der Napoleon hatte schwarze Augen, wie ich, weißt du!« grollte Walter.

»Mußt ihn nicht stören, Wältli,« bat Irmeli. »Sag's fertig, Mang.«

»Was meint ihr, wie sein Mund sei? Rot wie Feuer. Seine Reden haben ja auch gebrannt wie Feuer, sagt der Mattlerkaplan. Die dürren Menschen sind dabei zu Asche verbrannt, aber die frischen, grünen haben angefangen zu blühen. Und eine Stimme hat er gehabt, o einen Baß, daß die Tempeltore bei seiner Predigt gezittert und alle Herzen gebebt haben.«

»Aber das ist ja ein ganz anderer Jesus als sonst,« stotterte das Mädchen, nun doch selber verlegen.

»Das kann niemand wissen, wie er war,« gab ihr Walter recht.

»Aber ich weiß es, er war so,« entschied Mang wie ein Seher.

»Ja, freilich, du weißt es doch,« sagte Irmeli ergeben. »Aber zu fürchten war er so.«

»Man hat ihn doch auch gefürchtet, sogar die eigenen im Haus. Vielleicht ist er zu ernst gewesen. Denn er hat nie gelacht. Ich glaub', wer so etwas Schweres tun will, wie er, und soviel Grausames sieht, der kann nicht mehr lachen.«

»O, ich könnte noch beim Sterben lachen,« bestritt Walter. »Aber predigst du noch lang so weiter?«

»Hat ihm denn niemand die Hand gegeben?« fragte das Uelikind, »und ihn zu sich genommen und lieb gehabt?«

Mang schüttelte unerbittlich den Kopf.

»Wenn er doch so schön und so gut war, hätte doch sicher – Ja, hatte er denn auch kein Schwesterlein?«

»Nein!«

»– hätte doch sicher ein Meitli, das mit ihm in die Schule gegangen ist, ihn gar zu gern gesehen und wär' ihm nachgelaufen. Viele Mädchen, ich wette!«

»Nicht?« klagte Irmeli enttäuscht.

»Papperlapa! Die Mädchen! – Was kann doch so einer mit ihnen anfangen? Sie stehen ihm überall im Weg, und flennen und tun die Augen zu, wenn er etwas Gewaltiges probiert. Und immer sagen sie: ›Paß doch auf! Paß doch auf!‹ – Aber so ein Großer kann doch nicht aufpassen. Sie rufen: ›Zurück, zurück! Gib acht!‹ und anderes feiges Zeug. Hoi, er würde viel ausrichten, wenn er immer acht geben müßte oder zurückgehen wollte. So einer kann nicht zurückgehen!«

»Wo er das nur wieder her hat?« dachte Walter, von der zauberischen Kraft des Mannesbildes ergriffen fast gegen seinen bösen Willen.

»Nein, fort mit den Weibern! – Männer muß so einer haben, die Blut und Feuer sehen können ohne mit einem Augenhaar zu zittern. Ihr Mädchen verständet auch nicht, was er sagt. Ihr könntet ihm höchstens die Sohlen flicken, wenn er auf so vielen Märschen seine Sandalen durchlöchert hat.«

Irmeli fror bei diesen unbarmherzigen Worten, als wäre er ihr mit einer Handvoll Schnee in den Nacken gefahren. Immer höher, starrer und lebloser kam ihr der Erzähler vor, fast wie ein goldenes Götterbild. Aber Walter widersprach diesem Götzen, indem er zu Irmeli gewandt, mit seiner tiefen und weichsten Jünglingsstimme sagte: »Das glauben wir zwei nicht. Hat ihm doch ein schönes Mädchen mit seinem langen Haar die Füße getrocknet und die Schwester Martha ihm einen herrlichen Z'mittag serviert.«

Das Töchterlein von der Krone merkte wohl, wie Mang seine Hand immer lockerer machte. Um so heftiger hielt Walter sie fest; fast tat es weh.

»Dummes Zeug!« zürnte der Dingbub, die Brauen zückend, »meint ihr, so ein Großer habe Zeit zu Stubeten und Pfänderspiel? Der hat an anderes zu denken!«

»Das hast du vom katholischen Pfaff da oben, weißt du!« schrie Walter böse, »der nicht heiraten darf!«

»Das geht das Heiraten gar nichts an, verstehst du?« brauste nun auch Mang auf. »Ich sag' nur, bei so großartigem Schaffen ständen einem die Mädchen auf die Füße. Machen denn in der Weltgeschichte nicht die Männer alles? Die Frauen sind ja gerade nur Nullen.«

»Das ist gar nicht wahr,« widerredete Walter.

Irmeli zuckte zusammen. Es hörte nicht gern so reden von den Frauen. Es wird doch auch einmal zu diesen Frauen gehören. Aber es kennt wirklich keine Frauen recht und die eigene Mutter hat es wissend nie gesehen. In seinem Leben gab es nur den Mann Ueli, seinen Vater, und die Jasser und Kegler in der Krone und Seppli, Mang und Walter.

»Haben etwa nicht im Krieg unsere Frauen einmal Hirtenhemden angezogen,« triumphierte Walter, »und den Feind so erschreckt, daß er vom Berg herabfloh? Hä, was sagst du dazu?«

»Das geht alles meine Sachen nichts an,« versetzte Mang seelenruhig.

»Und auch,« focht nun Walter heftiger, denn er fühlte, daß Irmeli es gern und dankbar hörte, »auch wenn dein Herr und Held ein schönes, liebes, heiliges Mädchen so ganz im stillen für sich gern gehabt hätte, – so ein Irmeli!« – lispelte er rasch dem Kind ins Ohr –

»Aber Wälti!« wehrte sie zündelrot bis in die kleinen, gelben Augen.

Walter neigte sich über sie, als gelte nun alles nur ihr, wurde dabei aber selber tiefrot wie Kupfer, – »und wenn er ihr angelobt hätte, du bist meine Braut! – so hätte er gar nicht unrecht getan und wäre gerade so groß und so erhaben wie jetzt! Es hätte ihm sicher nichts geschadet.«

Irmeli glaubte, ja, das hätte ihm nichts geschadet.

»Wenn ich Herrgott wäre –« lispelte Walter.

»Pst!«

»Laßt mich ausreden; ich bin noch nicht am End',« setzte Mang in seiner Begeisterung fort. »Er, der Herr Jesus, hat fast nur vom Volk geredet. Der Kaplan von Mattli und unser Pfarrer haben gesagt, die erste Volksgeschichte habe er gemacht. Eine Geschichte vom Knecht und Säer und Zöllner, von der Wasserträgerin und von den Aussätzigen und von denen, die nicht zinsen können, und von den Fischern und Krämern und dann immer wieder von den Bauern. Am liebsten sprach er doch mit den Melkbuben, wie ich einer bin, oder mit den Ackersleuten, den Pflügern, Mähdern, Kornschneidern, mit den Fuhrleuten und sogar mit denen, die zuhinterst nur noch die letzten Halme von der Ährenlese gesammelt haben. Und von den Winzern und Gärtnern, aber doch am meisten von den Viehtreibern und Hirten. Die will er emporbringen und neben den Herodes und Kaiphas und Pilatus setzen. Ihre Hacke und ihren Rechen, hat der Pfarrer gepredigt, wollte der Herr Jesus so wichtig machen und so redend, wie das goldene Zepter des Kaisers zu Rom oder wie die Feder eines Dichters oder wie die Tafeln und die Kopfhaube des Hohepriesters. Das wollte er.« –

Er schöpfte Atem und riß jetzt seine Hand ganz aus Irmelis Fingern.

»Irmeli!« wisperte Walter an ihr Ohr.

»Was?« flüsterte sie.

»Also wenn ich der Herrgott wäre, weißt du, was ich täte? – hör' doch, – das andere geht uns ja sauber und glatt nichts an.«

»Was tätest du?« fragte Irmeli behutsam und ärgerlich auf Mang wegen der entzogenen Hand.

»Ich würde dich packen und mit dir durch die Luft in den schönsten Stern fliegen. Das wäre ein Häuschen für dich. Dort oben ist so einer.«

Ihre Augen leuchteten selber wie bleiche Sterne das schwache, milde Gestirn am Himmel an und suchten sich dort die goldenen Stuben und Kammern zurecht.

»Aber,« fuhr indessen Mang fort, ohne das unehrerbietige Geflüster zu hören, »auch ihn haben die armen Leute nicht verstanden und ließen ihn an den Martern seiner Feinde sterben. Denn dort gibt es wieder keine Berge und keinen Schatten und keine tapfern Älpler. Die Hirten dort sind schläfrige Leute, nicht stramm wie unsere Küher. Hügel hat es wohl, aber keine Eichen und Buchen und Tannenwäldchen daran, keinen Schnee, keine ewigen Bäche. Da gibt es keine frische Brise wie bei uns, keine Lawinen, keine grünen, kühlen Wiesen. Dort ist alles zum Faulsein und Schlafen und Träumen eingerichtet. Und so sind halt auch die Menschen ohne Saft und ohne Frische. Sie jodeln nie, sind unstet und haben keinen starken Stand. O wenn die Berge fehlen! Und drum hat der Jesus das Volk nicht großmachen können. Das ist's. Da kann mir der Kaplan lange kommen und es anders auslegen.«

Er grub ein Fältchen in die Stirne und bedauerte den irregehenden Kaplan.

»Gefiele dir eine so funkelgelbe Stube, Irmeli?« schmeichelte indessen Walter leise. »Zwölf Engel sollten dich flugs bedienen. Wollt' einer nicht lustig genug folgen, ich riss' ihm alle Federn aus.«

»Ach je, Wälti, nicht so –«

»Aber wenn ich auf Erden meine vielen Herrgottesgeschäfte fertig hätte, – weißt du, – den Maag und Oretli verhagelt und der Klara Lindner den neuen Hut verregnet –« Irmeli kicherte jetzt – »und sonst noch eine Reihe Dächer abgedeckt und Krieg und Frieden gemacht und die Leute so recht durch Hitz' und Schnee geschüttelt hätte, daß sie fast toll würden, ich, der Herrgott, – und wenn du von oben herab immer zuschauen könntest – dann käme ich zurück und jagte die Engel zum Teufel! – pardon – zur Engelmutter und wir wären allein und du würdest mir den vielen Straßenstaub von den Füßen waschen – weißt du, wie jenes Mädchen bei Jesus! – würdest du?«

»Ja,« hauchte das Kronendirnlein kaum hörbar.

»Und mir etwas Gutes zu essen und zu trinken geben und – dann würden wir mit dem Stern herumfahren wie in einer goldenen Hochzeitskutsche, eine Reise machen von Stern zu Stern – und ich hätte dich immer an der Hand und nähme dich eng an mich, daß du nicht hinausfielest – und ich dürfte dir – dem Herrgott ist alles erlaubt – ein Küßlein oder zwei machen –«

Irmeli eilte flinker durch die Straße zwischen einem reinen Eisberg, der krachte und donnerte, und einem Vulkan, der heiße, stille Gluten ausströmte. Aber immer minder hörte sie auf das Krachen, auf dieser Seite fror sie. Sie rückte der Wärme zu und horchte mit halbem Zagen und doch mit einer unerklärlichen, aufgeregten Neugier dem glosenden, leisen Vulkan Walter zu. Aber ihr Arm zitterte an seiner schönen, festen, kecken Herrgottshand.

Mang hatte weiter und weiter die Blätter des Weltbuchs umgeschlagen und war jetzt schon in neuere Zeit geraten.

»Dann sind die Bauernkriege gekommen mit dem Leuenberger und Schybi. Die haben versucht, soviel zu bedeuten als die Herren. Aber es ist noch immer zu früh gewesen, und unsere Bergler haben, soviel ich weiß, nicht mitgemacht. Das Emmental und das Entlebuch und das Aaretal und die freien Ämter, ja, aber die Berge sind weggeblieben, weil's zu früh war. Und so, ohne die Berge, fiel alles auseinander. Denn wisset, die Berge und das Meer halten alles Land zusammen. Aber die Berge sind jetzt das Bessere. Vom Meer her sind einst die alten, gesunden Vorväter in unsere Erde abgestiegen. Jetzt ist das Meer gerade wie das ebene Land so verfahren und verzankt und voll von verdorbenen Menschen. Da bleibt nichts anderes, das zweitemal muß die Geschichte von den Bergen her anfangen, von da muß sie herabsteigen, die Volksgeschichte, die gute, neue Bauerngeschichte. – O, ich möchte daran helfen! Ich möchte sie voraus schreiben, wenigstens die, wie man sagt, die Vorgeschichte dazu, so ein Vorwort, – das, was jetzt besser werden muß. Und so wahrhaftig möchte ich das schreiben, daß man alles sähe, durchsichtig wie in einem Brunnen, was die kleinen Leute wert sind, und was sie gearbeitet haben, seit die Welt steht, und was sie gelitten haben, seit es neben ihnen unmäßige Herren gibt. Mehr als alle Tiere und Bäume und alle Erde ist das Volk zermartert und zertreten und verbraucht worden. Immer haben nur ein paar Mäuler geschrien. Das Volk ist stumm geblieben. Es hat müssen schweigen oder sagen: Du hast recht, Pfarrer, und du hast auch recht, Ammann, und du hast wieder recht, Geldsack, – ihr habt alle recht und habt immer recht, – ich bin still, ich folge. – O verdammtes und verfluchtes Pack!«

Wunderbar gefärbt von seiner Begeisterung und zuckend an Aug' und Lippe, aber die niedrige, feine Stirne bleich in den Himmel gestellt, stand er da und streckte die Arme, ohne es zu wissen, nach den Gipfeln der jetzt fast schwarzen Bergmassen. Seine Fingerspitzen brannten ihn vor Lust und Weh, alle Trübsal und alle Forderung der Geschupften und Gedrückten niederzuschreiben. Und dort oben auf dem Absomerhaupt, wo schon ein bleicher Mondschein anfing, zitternde Silberränder zu malen, dort oben möchte er dann das volle Buch aufschlagen und über die ganze Welt seine schwarzen, herrischen und sklavischen Blätter vorlesen. Der Blitz müßte ihm zünden und der Donner ihm die Stimme geben, und wie Sturm würde es rauschen, so oft er ein Blatt umschlüge.

Leise stupfte Walter Irmeli in die Seite und wies auf Mang. Und Irmeli sah ihn nicht mehr als den trauten Hauskameraden an, der mit ihm einen Apfel zusammen fertig biß, sondern als einen fremden, hohen, ihr gar nicht verwandten Menschen, den man vor Ehrfurcht nicht mehr lieben darf. Aber diese großartige Veränderung machte ihr unwohl.

»Reden kannst du,« sagte Walter mit aufrichtiger Bewunderung, »wie sicher kein G'studierter. Du solltest auf eine Universität! Ich sag's meinem Vater, wart' nur!«

»Kein Wort sagst du!« herrschte ihn Mang wild an.

»Was hat er jetzt wieder, Irmeli?« fragte Waltet befremdet.

Und Irmeli versetzte mit der Klarheit ihres reinen, kindlichen Gemüts: »Er wird sich halt schon allein zu helfen wissen, Wälti!«

Das Tal ward dunkler und so eng, daß es vom Bachgetöse ganz ausgefüllt schien. Die Lichter der Endwirtschaft lachten an einer Wegkehre plötzlich vor den jungen Leuten auf.

Nach einem kräftigen Imbiß im kleinen Gastzimmer stieg Mang nach Miezeler hinauf und hörte noch lange tief unten auf der harten Straße das Geroll des Wagens, das Lachen Walters und ab und zu einen Mädchenschrei, wenn der Freche aufsaß und ohne die Bremse zu brauchen, an den Biegungen wie toll heruntersauste. Aber es ward stiller, je höher der junge Hirte klomm. Vom Schatten des gegenüberliegenden Berges ward das Tal und sein hübsches Pärchen spurlos begraben. Mang aber stieg nun in den hellen, feinen, gelbweißen Mond, der die Büsche und das kurze, ranftige Gras glitzern machte.

Es ward ihm wohler mit jedem Meter, den er höher ging. Er beschloß bei sich, in Zukunft solche Dinge, wie er sie auf dem Wege vorhin geoffenbart hatte, aufzuschreiben und gelegentlich gründlicher auszuführen. Aus dem Lohne des Ingenieurs wollte er vor allem eine Füllfeder und ein ledernes Taschenbüchlein kaufen, so daß er in den einsamen Bergstunden nach Eingebung und Herzenslust dreinschreiben könne, für jeden Fall also immer seine Schreibstube bei sich trüge. Und das übrige wollte er an ein großes Werk verwenden, das nach seinem Sinne und Lernbedürfnis verfaßt wäre und das ihn unterrichten und in seinen Absichten klarer und mutiger machen könnte. Der Ingenieur oder der Pfarrer oder der Kaplan auf Miezeler wissen vielleicht, was für eines.

………

Als Mang am Montag morgen in Jochems Heutenne erwachte, hörte er hämmern und klopfen in der Kaplanei drüben. »Da schreinern sie schon in der Studierstube des Hochwürdigen für die Frau vom Inschenier,« sagte der Melkknecht und schüttelte aus Haar und Ärmeln eine Wolke von Heufasern. – »Hat er denn eine Frau?« fragte Mang. – »Eine Frau und ein Mädchen dazu.« – Da stand Mang ohne weiteres Fragen auf und ging hinüber. Den ganzen Vormittag half er umstellen, die Wände reinigen, die Spalten mit Werg und Spänen stopfen. Aber am Nachmittag verschwand er. Erst spät am Abend kehrte er von den Felsen her zurück, mit verschwitztem Hemd und Hände und Füße voll Schrammen. Er trug einen gewaltigen Büschel Alpenblumen, in das Kaplanzimmer. Da waren die gelben Trollblumen, der eisgraue Gemsbart, fünf, sechs Arten Enzian, der kurzhalsige Steinbrech, die feuchten, seidenweichen Parnaßblüten, weiße und blaue Vergißmeinnicht, Alpenveilchen und noch unerschlossene Alpenrosen untereinander. Er verteilte das alles in einer prächtig bübischen Unordnung auf verschiedene Trinkgläser. Aber das einzige Kelchglas, das ihm Jochem gab, füllte er nur mit den samtbraunen, schwerduftigen Männertreu und steckte mitten hinein ein Edelweiß, so über alle Maßen groß und weiß, daß niemand, der es sah, im Zweifel bleiben konnte, woher dieses riesenhafte, schimmernde Wunder käme.

Als Jochem noch vor Schlafen nachsah, ob das Zimmer nun wohnlich und für eine Dame erträglich wäre, sah er die vielen Sträuße mit Behagen und dachte, einen so geschmückten Empfang würde der neue Gast im schönsten Hotel von Interlaken nicht erleben. Sowie er aber das Edelweiß sah, entfärbte er sich vor Entsetzen und lief mit einem Maul voll Zornesworten hinüber. Mang aber schlief schon und hatte die breiten Lippen wie zu einem Lächeln offen. So sonnig hatte der Alte den Dingbub noch nie gesehen. Da war nichts zu machen. Mit einem: »Teufelskerl, haariger, du!« verpuffte das ganze Gewitter.

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