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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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21

Was wollen Sie?« fragte Broller beunruhigt, aber mit richterlicher Haltung in seinem Armsessel. »Ihnen ist ja unwohl Sie sehen entsetzlich aus.«

Emil bat mit einer stillen Handbewegung um Geduld. Er mußte sich sammeln. Jetzt war der große Augenblick da. Es galt sein Kind! Wenn er zu dieser Türe hinausgeht, ist es entschieden: bekomm' ich es oder nicht! – Er wollte sicher und widerstehlich reden.

»Mit der Bahn sind wir ja prächtig im reinen,« füllte Broller die Verlegenheitspause aus. »Das Projekt ist nun von allen Kommissionsräten gebilligt und Ihre famose Trasse gesichert. Wir sind oben, bevor wir's denken.«

»Nicht das!« sagte Emil mit heiserer und gequälter Stimme. »Ich muß wegen Mang reden. Wo ist der Knecht? Er muß dabei sein.«

»Was soll der Bastian hier? – Ich begreife Sie gar nicht!« brachte Ernst mühsam hervor. Sein mächtiger, bartumflossener Kopf sank wie in leiser Angst in die kleinen Achseln ein.

»So – hören – Sie – gut!« – Emil sprach jedes Wort mit gespreizten Lippen hell und scharf aus: »Dieser – Mang – ist – mein Sohn!«

»Gott im Himmel!« – Der Oberrichter schoß auf. Er hatte etwas anderes erwartet, etwas Furchtbares. Aber auch das machte ihn sprachlos.

Ein Weilchen Stille ward. So wie's nach einem Donnerschlag wird.

»Ich, ich war jener Student,« fuhr Emil fort. »Ein Zufall hat mich endlich nach jenen Jahren darauf geführt. Ich wollte es nicht glauben. Doch wie ich rechnete und prüfte, es stimmte auf Zeit und Ort und – auf den Jungen. Denn ich –« Emil schwankte, »ich – mir sind die Kinder sehr gleichgültig – ich bin ein kalter Mensch, sagt man, ein herzloser! – Aber so, wie ich den nun liebe, glaub' ich, liebt nur ein Vater, – Sie müssen's ja wissen. Sie mit ihrem Walter und Ernstli – Sie, ein Vater – ein glücklicher –«

Er fühlte Nässe aufsteigen, die langen Augen füllen, niedertropfen, und er wehrte sich nicht. Seine Hände hingen über die Stuhllehnen. Er war am Ende seiner Kraft. Aber Gott Lob und Dank – es war heraus!

Ernst Broller stierte ihn an mit unermeßlichem Staunen. In seinem breiten, weißen Gesicht zuckte es kreuz und quer, wie wenn Blitze den fahlen Himmel nach allen Richtungen tonlos zerreißen. Er kämpfte umsonst gegen die Überraschung. Der schmale, ritterliche Mann da mit dem steinharten, aber jetzt so hilflosen und zu Tränen aufgesprungenen Gesicht ergriff ihn, den abgehärtetem und gegen Rührszenen von Amts wegen gefeiten Stuhlherrn so stark, daß er selber ganz weich wurde.

»Was kann ich da tun?« fragte er zögernd.

»Mir helfen, daß ich meinen Sohn bekomme, – nach Gesetz und Recht!«

Die zwei kalten, amtlichen Worte machten den Oberrichter nüchterner.

»Haben Sie denn keine Scheu, wenn's bekannt wird?« fragte er.

»Ich? &…133;Jetzt nicht mehr!«

»Und haben Sie bedacht, was für Folgen das hat? – Sie sind doch verheiratet!«

»Die Folgen trag' ich schon, – das ist alles hundertmal überlegt! – Und ich habe eine gute Frau!«

Ehrerbietig sah Broller den Mann an, der so Ungeheuerliches auf sich nehmen wollte. In dieser Minute kam er ihm beneidenswert vor. Er fühlte sich daneben wie erniedrigt. Etwas Gedrücktes und Unterwürfiges bekam immer mehr Gewalt über ihn.

»Sie haben eine gute Frau!« sprach er fast flüsternd und wie mit Heimweh nach.

»O sicher, sie wird mir helfen.«

»Aber die Beweise, – ich meine die triftigen Belege, daß Sie Mangs Vater sind?«

»Herr Broller, wenn es nötig ist, bring' ich ihrer einen Tisch voll auf. Aber der beste Beweis ist mir Cäcilie selber. Sie wird mich sogleich erkennen, das weiß ich.«

»Sie gehen doch nicht zu ihr?« sagte Ernst betroffen.

»Noch diesen Nachmittag.«

»Das geht nicht an.«

»Wer will mir dagegen sein?« fuhr Emil zornig auf.

»Ich, lieber Herr Ingenieur!« brachte der Oberrichter fast bescheiden vor.

»Sie?« – Emils Blicke warfen wahre Feuer gegen ihn.

Ernst Broller begann nun seine Erwägungen, zuerst schüchtern und ohne Fluß. Aber bald fand er sich in den gewohnheitsmäßigen Schneid einer richterlichen Beurteilung.

»Sie sind der Vater, ich glaub' es. Aber wenn Sie nun zur schwerkranken Kindbetterin gehen und ihr, die beim kleinsten Zufall tödliche Anfälle kriegt, so alte, schwere Sachen brühwarm auftischen, – denn das weiß man allgemein, daß sie damals sehr gelitten hat, ja, ich kann's Ihnen nicht ersparen, schier unsinnig ward! – also, wenn Sie so gestreckten Gangs hinlaufen und auskramen, dann, mein Freund, töten Sie ganz sicher das Weib, bevor es Ihnen ein amtlich gültiges Zeugnis hat geben können. Reden Sie mit dem Doktor! Er wird mir beistimmen.«

»Aber wenn sie stirbt: denken Sie das! – und ich –«

»Nicht, nicht, nicht!« entgegnete der Oberrichter, die Hand schüttelnd. »Pfarrer und Doktor sagen, sie habe heute einen guten Morgen gehabt. Es liegt viel daran, daß sie am Leben bleibt, – nicht bloß Ihnen,« – setzte er bedeutsam hinzu. »Geht's schlimmer, so sind Sie im Augenblick im Waisenhaus. Bleiben Sie jetzt nur ein paar Tage im Dorf!«

»Und dann?« drängte der Ingenieur.

»Sagen Sie doch ja dem Bastian nichts!«

»Warum nicht?«

»Je mehr Wissende, um so mehr Hindernde, sagen wir im Gericht. Zuerst muß doch Ihre Frau und Mang selber die Wahrheit erfahren. Dann ist die Zugehörigkeit des Knaben zu Bastian leicht zu beheben. Aber wie ist das, – Walter sagte mir, Mang könne Sie gar nicht leiden. Ist das wahr, dann –«

Emil nickte schmerzlich.

»Dann müssen Sie doch vor allen Dingen den Burschen gewinnen. – Nicht, daß er sich, wenn ihn das Waisenamt vor die Wahl zwischen meinen Knecht und Sie stellt, am Ende gar noch zum Bastian lieber als zum Vater flüchtete.«

»Halt, halt! So dürfen Sie nicht reden!« wehrte Emil ab. Seine Stirne glänzte vor Aufregung und Not.

»Es gibt nichts Unmögliches, Herr Ingenieur! – Ich sehe, offen gestanden, überhaupt gar nicht ein, warum Bastian und unsere Dörfer wissen sollen, daß Sie Mangs Vater sind. Um dann ihre schmutzigen Zungen in die Sache zu hängen? – Ich weiß davon genug! Nein, hören Sie, hören Sie, – ich meine, Sie adoptieren, wenn alles zwischen Ihrer Frau und Mang geordnet ist, einfach den Jungen, und ich will Ihnen alle nötigen Papiere ohne viel Schererei verschaffen.«

Sehr unschuldig sagte der Broller das, mit großen, himmelblauen Augen. Aber in seinem kleinen Leib und im vorgeschobenen, bartumrauschten Prachtkopf lag jetzt etwas, das stark an Judas erinnerte. Emil fiel das unwillkürlich auf und beleidigt schrie er jetzt: »Halt, das geht nicht! Das ist eine Halbheit! Ich bin nicht weniger herzhaft als Ihr Knecht!«

Ernst Broller zuckte jäh zusammen, wie von einer Peitsche getroffen.

»Aber solche Veröffentlichungen schaden!« erwiderte er geradeaus.

»Wem?«

»Ihnen, uns, – dem ganzen Gemeinwesen!«

»Das versteh' ich nicht,« sprach Emil rauh.

Ermüdet schüttelte der Broller sein schweres Haupt. Er sann in einem harten, inneren Kampf über etwas nach und wurde dabei leicht über sein Elfenbein gerötet. Nein, es ging gegen diesen stählernen Gast da nicht ab ohne Bekenntnis. Sei es denn!

»Sehen Sie,« begann er endlich schwerfällig, »es laufen da Gerüchte um, die – die – nun –« er lächelte bitter – »Sie sind ja jetzt auch ein erfahrener Mann – die mich den Vater der zwei Mädchen schelten. – Die Cäcilie ist mir wirklich nachgesprungen, sie ist eine richtige – Dirne geworden – und –« fuhr er schon etwas solider im Tone fort, da er Emils unverwundertes, aber wie in Selbstklage gebeugtes Gesicht sah, »und wenn man zu Hause keine Weibsfreud' hat, verstehen Sie, keine Frau, in der man etwas findet, – Sie haben ja vorhin am Tisch allerlei beobachten müssen, – sondern nur Ärger, Klatsch, Falschheit und ein ödes, fadenscheiniges Wesen, – wenn einen die Frau nicht verstehen will und nicht verstehen kann vor Dummheit und Bosheit, wenn sie, statt einer Hilfe, überall ein Radschuh in meinen Arbeiten ist und mir auch die Kinder noch übel aufzieht, – denn was sehen sie und lernen sie von ihr? – Sagt nicht Walter oft genug: Mutter, da hast du uns angelogen! – oder: Schäm' dich, über unsern Vater so im Dorf herumzuschimpfen –«

Ernst besann sich hier erst, wie tief er da in seine elenden Ehedinge hineingerate. O wie wollte ihm der Mund überlaufen, wenn er damit anfing! Aber das hätte kein Ende genommen. Auch den langen Satz brachte er nicht mehr ordentlich ins Gefüge. Und ihm schien, der andere höre das nicht gern.

»Kurz, wenn Sie ein frischer, gesunder Ehemann sind und doch kein Gattenglück erleben, obwohl Sie es in so vielen sauern, öffentlichen Mühsalen gar gern als stillen Feierabendlohn nähmen, wenn Sie dann, statt daheim auszuruhen, lieber wieder so wie Sie gekommen aus der Stube rennen und vergessen wollen, bitte, sagen Sie, wie bald ist da mit einer hübschen, losen Person ein wenig scharmuziert!« – Er versuchte ein Lächeln. Aber vor dem harten Gesicht Emils blieb es ein totenbleiches Lächeln.

»Aber nun verstehen Sie, solche Verhältnisse füttern den Argwohn. Und im Argwöhnen sind unsere Bergler groß. Man lebt nicht umsonst soviel im Schatten und Gewölk. Es hilft dazu, daß der Bastian sich wie toll in das Weib verliebt hat. Der Cäcilie aber ist er schon lange verleidet, weil er ein eifersüchtiger Kerl ist und sie damit nur immer langweilt. Er haßte mich höllisch und glaubt, ich hätte ihm die Liebe weggestohlen. Es gab einen furchtbaren Auftritt, als er das letztemal bei ihr war. Er drängte zum Heiraten. Sie aber sträubte sich wild. Worauf er hinaussprang und tagelang nicht mehr zur Arbeit kam. Dann kamen die Zwillinge zur Welt, und in der Nacht darauf brannte meine Scheuer ab. Glauben Sie mir, wenn Ihnen die letzten Wochen schwer geworden sind, auch mir schmeckten sie nicht nach Butter und Honig.«

Emil glaubte es. Das breite, bleiche Gesicht des Broller sah müde aus wie von vieler Schlaflosigkeit und Seelenqualen. Das hatte nicht bloß der rohe Ehrgeiz gebleicht. Aber so nahe bemerkte Emil nun auch, daß in der stolzen und regierenden Miene des Mannes weiche, gewinnende Töne mitspielten, die weiß Gott durch welchen Fluch meist überschrien wurden. Doch jetzt in dieser Not und Selbstanklage stachen sie deutlich hervor und waren imstande, den herrischen Menschen einem lieb und schön zu machen. Man konnte wohl sein Freund und Verehrer werden. – Aber was redete er da? Das ging ihn nichts an. Er hatte am Seinigen genug. Der Manuß fühlte, daß der Oberrichter ihn mit jedem Satz ein bißchen von Mang entferne. Vorhin war er ihm noch so nahe gewesen, als stände der Bub schon vor der Türe. Nach diesem Gerede schien es ihm, Mang stehe weit ab, tief unten in einer dem fernsten Horizont zustrebenden Straße. Und Emil wollte doch zu Mang gelangen, koste es, was es wolle. Unterbrechend hob er daher wieder die schöne, schmale Hand gegen den Broller auf.

»Ich bin gleich fertig,« bat Ernst. Der Knecht stand im Verdacht der Brandstiftung. Es lief dann alles drunter und drüber – und –« mit einem tiefen Atemzug ging der Erzähler vielleicht über die mühseligste Zeit seines Lebens hinweg – »und ich bin froh, daß jetzt nach unsäglichem Gered' und Geläuf' heute alles so weit geordnet ist, wie Sie's kennen. – Fragen Sie mich nicht, was da Gerades und Ungerades mitlief! Aber wenn Sie nun hingingen und sagten: Der Mang ist mein Sohn, Frau Cäcilie, – so würden Sie damit alle Arbeit, die sozusagen erst im Fadenschlag genäht ist, wieder in Fetzen reißen. Denn die Geschichte mit dem Mang würde auch gleich wieder die Geschichte mit den zwei Mädchen aufwühlen. Der Knecht würde aufs neue und noch ärger in seiner Eifersucht toben, die Cäcilie ihn wieder anspeien, wie schon einmal, und zuletzt käme das Unwetter über mich und mein Haus.«

»Aber das ist ja eine erzwungene, ungerechte Flickerei! Die kann nicht halten. Es ist einfach Feigheit, – Pardon! – aber ich weiß keinen andern Namen.«

»Es ist geflickt, ja! Aber mit Geld. Und mit Geld macht man hier alles heil. Insoweit ist das Geld ein Engel für den, der's gibt, und für den, der's nimmt.«

Emil schüttelte heftig den Kopf.

»Und,« redete Ernst fort, »brauchen Sie mir doch keine großen Worte! Sie sagten Feigheit. – Bitte, was ist Feigheit? Ich weiß es nicht und bin doch ziemlich älter als Sie. Sie haben es gewiß bemerkt, daß mein Vater kindisch ist. Aber nicht wegen seinen fünfundsiebzig Jahren. Er hat als Gemeindeammann die Dorfkasse mißbraucht. Mit andern Gemeinderäten hat er spekuliert. Das ging so weit, bis ein volles Hunderttausend im Gemeindevermögen fehlte. Alles Zureden verfing da nicht. Man wollte das Glück erzwingen und dann die heimliche Schuld gern mit doppelten Zinsen der Kasse zurückgeben. Schande und Ruin drohte. Da bin ich, der eigene Sohn, an der Dorfgemeinde offen gegen die gemeinderätliche Wirtschaft aufgestanden, habe das eigene Fleisch vor aller Welt verklagt und mein Erbteil ins Loch des Gemeindesäckels geworfen. Damals war ich fünfundzwanzig Jahre alt. – Ist das vielleicht die Feigheit, die Sie meinen?«

»So offen sollten Sie jetzt wieder vorgehen,« sagte Emil milder.

»Als Sie fünfundzwanzig Jahre alt waren, haben Sie noch das Geld Ihres Vaters verbraucht. Aber ich hab' mich für den Vater arm gemacht. – Da steht Ihnen das Lehren gut an.«

Das schlug ein. »Es ist wahr,« verbeugte sich der Manuß mit großer Überwindung, »damals waren Sie mir weit überlegen, – entschuldigen Sie!«

»Dann traf vor Jahren eine allgemeine Stockung in unserer Stickerei ein. Die tausend Hände der Maschinensticker und Handstickerinnen lagen im Schoß. In der Stadt drunten verkrachte jede Woche ein großes Haus. Unsere Reichen waren durch entwertete Aktien, unser großer Mittelstand durch Arbeitslosigkeit in eine wahre Bedrängnis gebracht. Das stolze Dorf Absom stand vielleicht vor dem Ruin. Mich hat man immer als einen Waghals und Dorfkönig gescholten und gehaßt. Jetzt blickte doch wieder alles auf mich. Gerade damals kam Zia auf die Welt, das Mädchen, aber Herrgott, so blöd, als müßt' es gleich nach kurzer Visite wieder gehen. Ich konnte nicht vom Wieglein weg vor lauter Angst. Denn das Kind gefiel mir und sah mit seinem zarten Gesichtlein wie ein Christkind aus. Ich ließ mir die ewigen Depeschen zum Bett des Kindes bringen, als ob sie dann nicht wagten, gar so brutal zu sein und milder redeten. – Da liefen die amerikanischen Kabelberichte ein. Auch der dortige Markt begann abzuflauen. Wenn es auch da noch hapern sollte, dann waren wir verloren. Ich raffe also meine ganze Barschaft und allen Kredit von weit und breit zusammen und schleiche nachts, wo das Mägdlein schläft, ohne das Vorhängchen zu lüpfen, aus dem Haus, zur Stadt und hinüber nach Amerika. Ich renne, ich hetze, ich schreie alle Häuser ab, ich garantiere und verhandle und gebe Ausweise über unsere einheimische Arbeitskraft. Das war eine wütende Bataille Tag und Nacht. Oft dachte ich, wenn mir die kranke Zia in den Sinn kam: So, jetzt ist's genug, die Sache steht –; aber immer wieder ermannte ich mich und blieb auf dem Platz, bis alles im glatten Fluß, die Bestellung gesichert, neue Kundschaft erworben und schon unsere ersten Muster aus Absom in New York geprüft und weidlich gerühmt waren. Dann reiste ich heim, nahm das Kindli in den Arm und warf mich ins Bett. Elf Wochen Nervenfieber! – Aber das Dorf blühte – kraft – meiner – Feigheit!«

»Ihre Hand!« bat Emil ritterlich. »Ich habe durchaus übel geredet. Da sitz' ich wie ein Blinder und kenne noch nichts. Aber Sie haben Großes hinter sich, eine Geschichte genug für zwei, drei Leben.« – Er meinte es ernst. Aber nun sah er Mang noch ein gutes Stück tiefer im Horizont, fast gar am Himmelssaum stehen. – Zur Sache, zur Sache!

»Rühmen Sie nicht!« sagte Broller. »Diesmal ist's weit schlimmer. Es geht an die Ehre! Wir leben hier nicht in der Stadt. Dorf, Dorf und immer Dorf!« – Als beengte das Wort seine Brust, riß Ernst zwei, drei Knöpfe der Weste auf. »Ich stehe in öffentlichen Ämtern und habe Frau und Kinder. Und nun diese Zwillinge und das Weib im Waisenhaus! – Wenn's wahr wäre, darf's nicht wahr gelten!«

Er rastete ein bißchen, tieferregt und mit der Elfenbeinhand den dunklen Bart durchgrübelnd. Dann sagte er leise: »Der Bastian, so ein urchiges, witziges Volkskind, besitzt hier in unserm protestantischen Ort alle Herzen, wenn er schon aus dem katholischen Mattli stammt. Ich aber bin halt doch dem Volk unlieb. Da hilft alles nichts. Ich bin gewaltsamer und zugriffiger als meine freien Landsleute leiden mögen. Ich hab' ihnen zuviel Neues aufgehalst. Die Bewässerung des Tales, das Motorwerk im Kehrtobel, die neue Besteuerung, all das kommt von mir und hab' ich ihnen aufnötigen müssen. Die Absomerbahn ist mein Gedanke, mein Geschöpf. Meine Existenz hängt daran. Ich möchte damit nicht nur etwas Stolzes und Außerordentliches schaffen. Es lag mir daran, mit diesem Werk der Fremdenindustrie bei uns einen starken Rippenstoß vorwärts zu geben. Die launische Stickerei allein reicht doch nicht für alle und nicht für immer aus. Aber gerade für diese unsere feine Kunst hoffe ich mit der Fremdenbahn einen steten Strom von Kundschaft zu unterhalten. Die Fremden sollen gleichsam die feinen, vornehmen Augen- und Ohrenzeugen unserer herrlichen Nadelarbeit und hernach unsere besten Reklametrommeln werden. Langes Träumen an einer schönen Sache ist nicht meine Art. Ich wurde mutig, oder Sie sagen vielleicht verwegen. Unter der Hand hab' ich die teuersten Güter am Weg angekauft und nach der Konzession von Bern rasch die Hälfte aller Aktien vorweg übernommen. Um den andern Mut zu machen, ließ ich dabei alle meine Kredite in einem geradezu ausschweifenden Galopp spielen. Die Wirte, Ladenhalter, Werkleute und Grenzbauern, denen allen etwa ein Profitchen aus der Bahn erblüht, die halten zu mir. Dem großen Haufen aber geht das Projekt wider die Nerven. Dieses steinige, konservative Volk hat Hörner auf dem Kopf, sag' ich Ihnen, und stößt damit oft gefährlich aus. Aber mit dem Recht des Geldes und des Gescheiteren halt' ich sie nieder, wie man einen Stier mit dem Knüttel niederhält.«

Man mußte sehen, wie Ernst Broller die Faust erdwärts stieß. Man glaubte dann, daß sich da nichts Schwaches in den Weg stellen dürfe, daß es zermalmt würde. Und Emil schien, die Sache des Oberrichters wachse, und im gleichen Maße nehme die seine ab. Mang erschien nur noch wie ein Punkt am lichten Erdrand. Emil könnte rufen; so fern würde der Bub ihn nicht mehr hören.

»Sie haben recht,« fuhr der Broller fort, wenn Sie sagten, das sei alles Zwängerei. Aber ohne Zwingen richten Sie in unserer zähen, vierschrötigen Rasse nichts aus. Auch den Sturz der Ratsherren, die das Dorf an der Börse vermogelten, – auch das Wagnis nach Amerika hab' ich erzwingen müssen.«

Emil mußte sich eingestehen, daß die Leute in der Eisenbahn und die Älpler auf dem Gebirge genau der Zeichnung des Broller entsprachen. Wer etwas Erfrischendes einführen wollte, mußte sicher mit Herrengewalt in diese gemeine, enge Steckköpfigkeit fahren. Das schon! – Aber was ging das seine Herzenssache an? Mittlerweile wird er Mang verlieren.

»Und nun, lieber Ingenieur, komme ich auf den Anfang zurück: Lassen Sie die Geschichte mit der Cäcilie nochmals auflodern, den Bastian noch einmal revolutionieren, dann zündet man mir nicht allein die Scheuer, sondern das ganze Haus und all mein Lebenswerk über dem Kopf an. Am Ruhigsein hängt jetzt alles, am Stillschweigen, bis die Generalversammlung das alles billigt, was ich da vorgreifend getan habe, – morgen in acht Tagen hoff' ich's, – so daß ich nicht mehr mit meinem Kopf allein für alles hafte. – So lange Ruhe und Geduld, ich bitte Sie! Ich bin doch auch Vater –«

»Aber ich auch, ich auch!« riß sich endlich Emil aus dem Bann der Brollerschen Rede. »Auch ich bin Vater, und Sie reißen mir meinen Sohn so weit weg, daß ich ihn gar nicht mehr finde.«

»Ach Sie!« – widersprach Ernst heftig, »Sie haben doch nichts zu verlieren. Sie sagen ja, daß Sie eine gute Frau besitzen. – Wer das sagen kann! So übel ihm mitgespielt wird, die trägt das Halbe mit.«

»Ja, sicher, eine goldene Frau,« rühmte Emil und dachte, sie sollte, so wie sie zur Stunde ja wohl im Bähnlein sitze, vielleicht unsicher und bang und mit Herzklopfen vor dem Stationsruf ›Absom!‹, – sie sollte es jetzt gerade hören, wie man sie da gerühmt hat. Jetzt erst, da er diese wirre, enge Therese gesehen hatte, so erschreckend in ihrem Auslachen und Hinbrüten und so öde in ihrem Gehaben, jetzt trat ihm das helle und frische Wesen seiner Sette und ihre gerade Manier, entweder zu geben oder zu versagen, wie ein köstliches Gegenteil fast sichtbar vors Gesicht. Wie gut, daß sie kam! Und unsagbar arm war dieser mächtige Mann da, der so gar keinen Frauentrost hatte!

»So fehlt Ihnen denn nur noch eines,« redete Ernst fort, »die Liebe des Sohnes. Und da hören Sie meinen Rat: Dieser Mang ist ja doch ein Absomer, und die kenne ich nun wohl besser als Sie. Da sag' ich: Nur keinen Zwang!«

»Wie, – und vorhin –« stammelte Emil ungläubig.

»Redete ich so, wie einer reden muß, der regieren will. Er muß die Faust zeigen, die Leute ängstigen und erschrecken. So nur kann ich sie nach meinem Willen zwingen. Aber wenn ich die Liebe des Volkes haben will, dann muß ich das Gegenteil tun, warten, mich gedulden, sanft und gütig sein und vor allem diesen harten, gefrorenen Köpfen Zeit zum Auftauen lassen.«-

»So hab' ich mich ja bis zu diesem Augenblick gegen Mang benommen.«

»Und glauben Sie nur, das hat seine stille Wirkung schon getan, wenn man es auch noch nicht offenbar sieht. – Aber sagen Sie nun heut plötzlich: ›Mang, ich bin dein Vater, du mußt mich also lieb haben,‹ so erschrecken Sie ihn und stoßen ihn ab. Er muß dann gehorchen, er muß dann lieben, er muß, und Sie haben zeitlebens einen erschrockenen, gehorsamen Muß-Sohn. Und das ist doch nicht das Rechte.«

»Wie denn, wie denn?« eiferte Emil ungeduldig und gemartert.

»Mang bleibt Ihnen oben am Berg. Sie zahlen solange dem Bastian das Dinggeld. Der wird sich einstweilen um den Knaben nicht weiter kümmern. Er hat den Kopf ohnehin voll genug. Da haben Sie nun Mang ganz allein, seine Zuneigung liegt in Ihrer Hand.«

War doch das ein erfahrener Mann! Emil kam es vor, im Vergleich zum Broller hab' er noch gar nicht ordentlich gelebt. Da hatte er ihm in einer Viertelstunde den Inhalt eines vollbefrachteten, taten- und gefühlreichen Lebens ausgepackt. War er dagegen nicht wie eine Maschine, die jahraus, jahrein gemessen, gerechnet, profitiert und nichts erlebt hat?

»Sind Sie ein Mensch!« bewunderte er ungescheut. »Alles kennen Sie.« – Ihm war, Mang tauche unten am Horizont wieder auf.

»Für nichts brauchen unsere Absomer mehr Arbeit und Zeit, als etwas Neues zu lieben. Und Mang ist ein echter, reiner Absomer. So einem schweren, tiefen Charakter müssen Sie recht viel Zeit lassen, warm zu werden und sich in eine innige Liebe einzunisten. Nur nichts ertrotzen oder erschmeicheln! Mit Ruhe und schier mit Gleichgültigkeit sollten Sie zu Werke gehen können und keine Verwunderung sich merken lassen, wenn der erste Funke aus dem Zündstein spritzt. Sonst schämt sich der Stein, oder es reut ihn und er funkt zum Trotz nicht mehr.«

Aber Emil hätte geschworen, dort ferne die Straße her komme Mang, zögernd zwar, aber doch immer näher.

»Ich ordne indessen unter der Hand die nötigen Papiere. Sie notieren mir die wissenswerten Umstände mit der Cäcilie genau auf: Ort, Zeit – und bringen auch etwa Erklärungen Ihrer damaligen Begleiter auf, so weit das Belege sein können. Ich befrage inzwischen Cäciliens Schwestern, zwei sehr geachtete Jungfern. Die wissen jedenfalls das wichtige Datum auch. Und endlich wird das alles mit Ihren Aussagen zu einem kräftigen Beweis zusammengestimmt und genügt unsern Waisenbehörden, auch wenn Cäcilie keine Lippe über den Fall auftun sollte.«

Wie greifbar nahe jetzt Mang rückte! Emil sah seine braunroten Haarflocken vor sich schimmern und konnte die Sommersprossen auf der Nase zählen. Er spannte die Arme aus –

»Sie aber sind einfach und gerade mit dem Bub, reden mit ihm nur ernste oder kalte Sachen und lassen Ihre Frau das Schwierigste machen. Ich kenne das. Unsere Frauen sticken alle von Hand viel feiner als die Männer mit der schärfsten Stickmaschine. – Aber nach Wochen, sei es auch nach Monaten, wird der Knabe gar nichts anderes mehr fühlen, als was jeder Sohn gegen seine Eltern fühlt. Er liebt Sie als seinen Vater, bevor er Sie als seinen Vater kennt, und das ist besser als umgekehrt.«

Ja, jetzt schloß Emil die Arme um Mang, der ihn zur Besinnung über Leben und Lieben gebracht hatte. Er preßte ihn ans Herz, unverlierbar und selig.

»Und nun, denk' ich, sind wir für den Augenblick fertig. Geben Sie jetzt auch mir die Hand!« Der buckelige Mann erhob sich und ward auf einmal viel kleiner als er im Stuhle geschienen hatte. Und es war wieder der gleiche Oberrichter Broller wie zu Anfang, mit der rauhen Stimme und dem gescheiten, bleichen, ruhigen Christuskopf.

Er öffnete rasch die Türe und rief mit einer Stimme, die schon der gastlichen Eßstube und nicht mehr dem ernsten Studierzimmer gehörte: »Der Kaffee wird doch nicht kalt geworden sein? Wir zwei haben uns in einen ehrlichen – Durst hineingeredet.« Heinz aber bemerkte sogleich, daß die zwei Gesichter viel abgeklärter aus dem Büro traten, als wie sie es betreten hatten, und seine ganz dienstbare Seele freute sich über das Glück seines Herrn.

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