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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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1

Der Ingenieur Emil Manuß schüttelte sich von den Achseln über den ganzen Rücken hinunter. Kein Düftchen vom Krankenzimmer da oben wollte er mitschleppen. Dann blickte er noch einmal von der Straße zum zweiten Fenster des Obergeschosses. Hinter seinen weißen, gefältelten Vorhängen, ganz ans Licht gerückt, lag sein Kollege Bert mit einem müden Gesicht und einer dumpfen Ergebung in den sonst so gescheiten und frohen Augen, wie für immer ins Bett vergraben. Seit Wochen lag er. Nichts tat ihm weh. Nur müd' war er. Seine Frau und die älteste Tochter Maria konnten es nicht begreifen, daß die paar Spuren Eiweiß, über die der Arzt täglich wie über eine beharrliche Bosheit des Kranken schimpfte, so furchtbar viel zu bedeuten hatten.

»Steh' doch auf!« wollte auch der arbeitsfrohe, immer frische Emil fast zornig sagen. »Das Bett ist deine Krankheit, ganz allein das Bett.«

Aber Bert lächelte nur schwach und schloß die Augen vor Müdigkeit. War er etwa nicht zehnmal vom Lager gesprungen? Einmal so grimmig, als müßte der schläfrige Zauber des Bettes vor der Überrumpelung ohne weiteres brechen. Darauf überlegt und voll Ruhe, wie man an eine sichere Sache geht, die nicht mißlingen kann, wenn nur alles sachte, sachte geschieht. Oder er tat es leis, mit verschmitzten Heimlichkeiten, versteckte die Strümpfe unter das Kissen, zog die Unterhosen an und schob sich wieder unter die Decke. – Ich will beileibe nicht aufstehen! – Dann rutschte er aber doch ganz gleichgültig in das erste, das zweite Hosenbein, knöpfte sich verstohlen die Weste zu und schlich wie absichtslos zum Lehnstuhl hinüber. Aber die unsichtbare, unheimliche Krankheit ließ sich auf keine Art übertölpeln. Beim ersten Blick vom Fenster in die Beweglichkeit der Straße hinab schwindelte ihn. Er floh zu den grünen Ulmen des Kirchplatzes hinüber. Aber diese so gelassenen und dunkeln Bäume schienen ihre Finger auf einmal zu verschnörkeln, Fratzenmienen zu schneiden und drohend nach ihm zu häckeln. Bert meinte, vornüber zu sinken. Er fing an zu frieren und sich elend und immer elender zu fühlen, bis er wieder tief ausgestreckt im Bett lag. Und der Arzt sagte unter ärgerlichem Kopfschütteln: »Fünf Promille Eiweiß! Was treiben Sie denn untertags?«

Der arme Tropf! Und er war noch ein so junger Geometer!

Sein schwächliches Reden, das müde Bewegen der Hände und das ewige Nicken zu allem, was Frau Bert für ihn sagte, machte Emil betroffen. Er begann an eine tiefe Krankheit zu glauben und seinen alten Schulkameraden ehrlich zu bedauern. Aber je weiter er vom Krankenhause wegschritt, im gesunden Atem der Straße, um so kräftiger freute er sich über das eigene Wohlsein. Leichter als sonst und selbstgefälliger faßte er seine biegsamen Schritte, und indem er schon die Stirnseite seiner Wohnung erblickte, sagte er zwar noch einmal hastig: »Der arme Tropf!« dann aber fügte er, die Arme dehnend, voll Überzeugung hinzu: »Mir fehlt nichts! zum Teufel, ich bin doch ein gesundes Stück Mensch!«

So oft Manuß seinem Hause nahte, diesem hellgrauen, vielfenstrigen, mit kargen, aber feinen Ornamenten gezierten, soliden Hause und besonders der tiefbraunen Doppeltüre mit dem Scheibengitterchen davor, das zwei Fasanen mit nahen Schnäbeln und stolz gebäumten Schweifen darstellte, das Weibchen und seine Brut; so oft kam es ihm unwillkürlich: das ist eine Witwe, aber eine junge, so hell und doch so gedämpft, so erfahren und doch so froh, so Mädchen und doch schon über die Frau hinaus – ja, eine junge Witwe stellt mein Haus vor.

Das Haus Berts machte dagegen den Eindruck eines Gelehrten mit seiner Massenhaftigkeit und seinem allegorischen Schnickschnack. Und neben Emil hatte Doktor Legamer mit seinen nach dem seligen Theophrastus Paracelsus riechenden Rezepten die Straße besetzt. Urgroßvaterstil! Drüben, vor der Konradikirche, deren zwei helmhaubige Türme über alle diese Häuserseelen wie Prediger herabsahen, wohnten die beiden Pfarrer und Junggesellen in Amtsgebäuden, denen man den Prädikantenrock, das Gesangbuch und das gesalbte, langsame Amen ihrer Stubenherren von weitem ansah. Aber das Manußhaus mit seinem verwilderten Prachtgarten auf der hintern Seite spielte unter diesen steinernen Geschwistern unleugbar die Rolle einer jungen Witwe.

Als Emil vor anderthalb Jahren seine Frau im eigenen Zweispänner ans Portal fuhr, ist ihm, dem gar nicht Einbildnerischen, dieses Gleichnis gekommen. Einmal war Sette selber auch eine junge Witwe mit einem kleinen Minchen an ihrer Seite. Und sie trug eine silbergraue Seide, fast wie das Fasanenweibchen, und hatte hellgraue, frohe Augen und viel lichtbraunes, sozusagen freudiges Haar, das in der Sonne oder in erregten Augenblicken noch zu wachsen schien. Es blähte sich dann auf und blühte vor Feuer. Und von diesem Scheine erglühte dann auch das sonst einfärbig weiße, kleine Gesicht mit dem fast runden, dunkeln Mund. Kindlich jung war alles an ihr. Doch so rasch diese zierliche Figur ihre Hände und Knie bewegte, gegen den Kopf zu ward es stiller bei ihr. Auch da ertönte eine gewisse Munterkeit des Lebens noch vernehmlich genug. Aber es war doch allerlei dazugekommen, die Krankheit des ersten Mannes, ein Leichenlaken, ein furchtbar schwarzer Sarg und hernach das Alleinsein, von allem das Bänglichste. Wohl hatte sie das schwarzhaarige Minchen bei sich. Aber wenn das Kind »Papa!« rief, kam es erbarmungslos hohl aus den Ecken zurück: Papa! Papa! – So war die Not, ernsthaft zu sein, gar schnell über Sette, die junge Witwe, gefahren.

Wie an jenem Vormittag der Ehe stand wieder Emils Zweispänner vor dem Tor. Ein großer, grauer Koffer wurde vom Hausknecht Michel und dem Kutscher Franz unters Rückleder geschoben. Minchen im Reisemäntelchen warf den Pferden Zucker vor. Alle zehn Sommer seines Lebens strahlten aus seinen großen, schwarzen Augen. Jetzt sah es Emil die Straße heraufkommen und sprang ins Haus hinein.

Ein Schatten flog über das blaßrote, längliche Gesicht des Ingenieurs, verhuschte jedoch sogleich wieder. Er hatte eine erbärmliche Krankheit gesehen, dem Kameraden eine wichtige Arbeit abgenommen, und das war es, warum er die Abreise seiner Frau ins Bad beinahe verpaßt hatte.

Am Portal begegneten ihm Sette und Minchen. In Settens grauen Augen lag ein leiser Vorwurf.

»Wir müssen eilen,« sagte sie rasch und bot Emil die kleine Hand. »Mach' Papa einen Kuß, Minchen, schnell!«

Minchen hob sich auf die Zehen und küßte Emils Wange. »Noch einmal!« bat Emil, den tiefbraunen, weichen Schnurrbart zurückstreichelnd, »noch einen für die Mutter, – hier!« – Er reichte dem Kinde den Mund und erhielt ein zweites, eiliges und etwas frostiges Küßchen.

Aber von Sette wagte er das gleiche nicht zu fordern. Er half ihr in die Kutsche und schloß den Schlag. Dann trafen sich ihre Blicke nochmals, die stahlblauen oder fast stahlgrünen Augen des Mannes und die weichen, grauen dieses Weibchens. Es war, als wollten sie einander noch etwas sagen. Aber sie brachten es nicht über sich. Sette schien ein wenig traurig, Emil ein wenig verlegen, aber beide fest.

»Hüpp!« rief Minchen unzufrieden dem Kutscher Franz zu, und der schwang gleich die Geißel.

»Halt!« gebot Emil zum Bock hinauf. »Du mußt noch wissen, Sette, daß es mit Bert schlimm geht. Ich hab' ihm nun doch die Messungen für die Bergbahn am Absomer abgenommen. Er wollte gerade nur mich haben.«

»Sag' ihm von mir recht gute Besserung!« bat Sette und lehnte sich ins Polster zurück. Sie wünschte einmal den Abschied vorbei. Aber es freute sie doch heimlich, und ganz leise bewegte sich ihr wachsgelbes Haar, als sie sich ihren Mann fern von der Stadt, droben in den Ostalpen, am einsamen Absomer dachte; – gut – sehr gut!

»Hüpp!« wiederholte Minchen fast weinerlich.

»Es ist höchste Zeit, Herr!« brummte Fränzel und sackte die dicke Uhr ein.

»Geht also, geht, los!« machte Emil plötzlich um vieles härter. »Und belustigt euch und schreibt etwa, wann ihr wiederkommt –«

»Ich schicke dir Muscheln, Vater, einen ganzen Hut voll,« schrie Minchen, schon wieder aus den Kirschenaugen lachend. Denn der Wagen fing an zu rollen.

Emil schwenkte nochmals die Hand und ging ruhig ins Haus zurück. Im Büro breitete er die Zeichnungen Berts über den Tisch, stützte sich auf die Ellbogen und überdachte das Werk. Wenn man seinen nach vorn und hinten stolz gewölbten, braun und dicht befiederten Scheitel, die hartgeschlossenen, dünnen Lippen und seine funkelgrünen Augen über dem papierenen Land dräuen sah, mußte man an einen krallenfesten, herrschenden Adler denken.

»Wie anders habe ich mir das gedacht!« sagte Sette für sich im Wagen. »Zum erstenmal in die Ferien gehen und ohne ihn!«

»Ohne Vater?« fragte Minchen leise.

Aber die kleine Frau hörte nichts. Sie erinnerte sich im einförmigen Rollen des Gefährts an den flotten Studenten Miggi, den sie als kleines Närrchen schon bewundert hatte. Sie trugen den gleichen Namen Manuß und waren nahe verwandt. Bei gemeinsamen Vettern und Basen hatten sie sich etwa getroffen. Er war mager, farblos, verschlossen, stolz, aber verschoß Blicke von eisblauem Glanz und mächtigem Eifer. Und auf seiner immer leicht geröteten Stirne lag ein stetes Nachdenken. Sein langes, fast frauenhaft zartes, aber hartes Gesicht schien zu sagen: Alles für mich! alles für mich! – Er kümmerte sich nicht um den Fant. Aber Settchen konnte ihn nicht mit den Blicken loslassen. Damals lernte sie eigentümliche Dinge kennen: schwärmen, rot werden vor zwei Augen, stundenlang an ein einziges Gesicht denken, am hellen Tag träumen und sich, weiß Gott, mit vierzehn Jahren unglücklich fühlen.

Dann hatte sie ihn aus dem Auge verloren, und sogleich kehrte ihre Munterkeit zurück. Freilich war es eine Verstandesehe, in die ihre Eltern sie früh wegen einer lächerlichen halben Million trieben. Aber sie fand sich gar nicht übel hinein, gebar ein überlustiges Minchen und erfüllte die sieben Ehejahre mit einer fast possierlichen Jugendlichkeit. Aber immer in Züchten! Streng war sie erzogen, ehrenfest war ihr älterer Gemahl und Seidenbänderherr, und sie selber ein Wesen so voll von innerem Lachen und wunderlicher Selbstfreude, daß sie gar nicht begriff, wie man über die schönen und sicheren Grenzen des eigenen Paradieses hinaustölpeln könne, so blöd, so dumm, so schlecht!

Die Kutsche rumpelte über die holperig geplättelte Brücke. Der blaue Fluß schimmerte bis in die dunkle Kutsche hinein.

»Wir schauen das Meer, Mutter! – daß es mächtig groß ist, hast du gesagt, gelt ja?« – Minchen faßte die Hand der zurückgelehnten Frau und liebkoste sie.

»Das Meer – ja, das Meer ist sehr groß,« sagte Sette gehorsam und ohne Gedanken.

Nun nach dem schnellen Tod ihres Gatten war das kleine, aber reiche Leben in der seidewebenden Grenzstadt doch gesprengt. Wie aus einem engen, heimischen See fühlte sich Sette in ihrer großen Freiheit nun auf das offene Meer geworfen. Sie fürchtete es wahrlich nicht, ob es auch bald um die beflorte Fregatte lebhaft von allerlei Fahrzeug wimmelte, das sie ins Schlepptau nehmen wollte, zum Beispiel so ein umfängliches Kauffahrteischiff – Sette mußte leise lächeln –

»Was hast du, Mamachen?« forderte Minchen, an den Handschuhen zerrend, »jetzt red' doch einmal!«

– – Weitbauchig, breitsohlig, – »nichts, Minchen, wahrhaftig nichts, laß mich!« – und voll Pfeffer, Zimmet und anderem Gewürz; dann ein gepanzertes Linienschiff, schneidig, rasch, aufgedonnert, aber mit ewigen Kanonensaluts und Kommandos; – dann auch eine Lustjacht – Salut, Monsieur Beaugorge! – elegant, lustig, mit Champagnerkübeln und weißen, breiten Gigerlhüten an Bord! Und alle wollten einhacken. Aber im weitern Bogen sah Sette die kleinern, bald frechern, bald zahmern Segelschiffe und Ruderboote. Sette sah sie alle gehörig an, aber empfand nie ein Gelüsten, mit einem dieser Geleitsfreunde hinauszufahren, wo die fernen, weißblauen Breiten des Ozeans den Wolken zuschwanken. Und doch fühlte sie sonderbar die gleichen, leisen Schwärmereien der Mädchenjahre wieder in die Klugheit ihrer Witwenschaft hineinflüstern. Es fehlte also doch etwas. Ihr Herz war ein wenig vom Manne und mehr noch vom Kinde warm geworden. Aber geblüht und geglüht wie eine Rose oder Flamme hatte es noch nie. Und sie merkte doch, daß sie's könnte, jetzt noch, nicht mehr im Mai und nicht mehr im Juni, aber doch immer noch im starken, reifen Juli. Innen, in ihrer Seele, fing ein Dürsten an nach dem Unbeschreiblichen, Unbesieglichen, dem Großen, wie das Meer oder die Leidenschaft.

»Ist's denn schön, weit hinauszufahren?« fragte Minchen wieder.

»Wo – was hinausfahren?«

»Ins Meer?«

»Man muß achtgeben, daß die großen Wellen einen nicht bekommen.«

Sie war halb aus Unlust vor diesem Hof von Herren, und halb aus Anhänglichkeit zu ihrem Elternsitz, dem inzwischen vereinsamten Manußhaus der Steinerlinie, in ihre liebe Vaterstadt zurückgekehrt. Wie allen eingeborenen Kindern dünkte sie diese Schweizerstadt gewaltig groß und schön, mit den Vororten noch so naiv wie Dörfer, dem Zentrum wie ein alter Reichsplatz und den neuen Straßen dazwischen, meist mit schrecklich ungeschickten, neuen, jedem Trödel nachgeäfften, aber heillos lustigen Landhäusern hin und her bestellt. Auf den alten Hügeln stehen die Kirchen, tiefgrau, in einer Luft voll Glockenhauch, aber doch feierlich gemütlich, und es wohnen noch eng herum Leute von altem Schnitt und Schnupftabak. Und hier hat die Stadt das Herz, das alteidgenössische Herz. Aber mit dem Scheitel reicht sie an eine waldige Berghöhe, wo es Felschen wie ein Spielzeug der Alpen und einige Ahorne und Eichen gibt. Unten fängt die Stadt mit einer schönen Umarmung den weißblauen See auf und gibt dem ewig neuen Wasser ihren alten Mutternamen. – Dieser See hat ein mildes, großes Gesicht mit einem fernen Streifen schneeig verblauender Berge am südlichen Ende. Der Volksschlag jedoch an seinen Ufern geht weit mehr ins Körnige und Handliche, und seine Maler treffen alles eher als das Feine in Luft und Lichtgeflimmer. Der See entläßt einen breiten Fluß durch die Stadt, vom gleichen Geist und Wasser. Er fließt langsam und mit süßem Gespräch durch das Weichbild hinunter, hält neugierig an jeder Brücke ein bißchen inne, nährt grätenreiche Brachsen, trägt Gondeln und Lastkähne, treibt auch phlegmatisch ein paar Räder und tut sonst noch viel Geduldiges, ist zu allem ein schönes, blankes Spiegelschauen, aber bringt es im übrigen nicht weit. Kaum ein Dutzend Stunden tiefer wird der Wanderbursche von einem viel kräftigeren und freilich auch älteren Bruder ins gemeinsame, nun ins Große langende Auslandsgeschäft genommen oder besser vergewaltigt und hatte nicht einmal den Mut oder das Recht, seinen Namen in die Firma zu retten. Das betrübt die verbohrten Stadtbürger ein wenig. Auch sie fürchten ein solches Los: früher oder später von einem internationalen Fresser verschluckt zu werden.

Sette hörte den Fluß gerne wieder heimlich nachts in die Fenster des nahen Manußhauses rauschen. Ihr ward heimatlich wohl. Sie dürstete immer noch, sogar heftiger, aber so, wie jemand dürstet, wenn er endlich den erlösenden Brunnen nahe rauschen hört. Sie war ohne Sorge. Sie fühlte, daß es jetzt käme, das Große, wie ein Meer, und allen Durst löschte.

Um die gleiche Zeit kehrte Emil Manuß aus dem Kongo heim. Nach vollendeter Hochschule war der verwaiste, reiche, reisefrohe Vetter mit einem Schulkameraden dorthin gefahren und hatte Eisenbahnen für den verflixten König Leopold gebaut. Diesen langbärtigen König mochte Sette gar nicht leiden. Denn ihr seliger Mann war in einem Kongoverein Vizepräsident gewesen, und da hatte sie Entsetzliches vernommen, was die weiße Haut dort unten im Stromgelände der schwarzen Haut zuleide tue. Sie hatte einmal als kleiner Zopf Emil gesehen, wie er hoch zu Roß saß und nicht dem Rappen, dem er gütig den Hals kraute, sondern dem Stallknecht die Gerte über den nackten Arm zwickte. Dazu der fahle Blitz der zwei Augen, die langen Oberzähne in der schmalen Unterlippe nagend und die kleinen schnaubenden Nasenlöcher. Seitdem sah sie immer die Peitsche neben ihm.

»Mutter, guck' mal, dort drüben ist schon der Bahnhof.«

Ohne es zu verstehen, gab Sette dem Kind jetzt einen Kuß auf das Plappermäulchen, fast als müßte sie für das Böse Emils etwas Gutes tun.

Und Minchen verkroch sich ganz in den Reisemantel der Mutter und wollte nicht mehr hervorsehen, bis man hart vor dem Bahnhof wäre. Alles auf einmal wollte es dann sehen. Inzwischen zählte es ungeduldig: Eins – zwei – drei – vier.

Sette aber dachte daran, wie sie ohne das mindeste Herzklopfen mit jenem Emil aus Afrika zum erstenmal wieder zusammenstieß. Es geschah in Erbzwistigkeiten der großen Verwandtschaft, wovon sie beide in gleichem Maße berührt wurden. Fast kalt oder gar mit Übelmögen begegnete sie ihm. Noch sah er schlank, hart, selbstherrlich aus, ohne ein graues Haar auf dem Scheitel oder eine Furche in der Stirne, wie sie sonst aus dem Kongo gebracht werden. Sein Schnäuzchen war etwas dichter und dunkler gebräunt, aber sein dünner Mund noch immer so verschlossen und immer noch gruben sich die langen, gelben Oberzähne recht wölfisch in die Unterlippe. Seine Augen trugen noch die vollen Lichter, eher grüner als blauer. Und immer noch pfiff und sang er grundfalsch. Das ist ein Mensch ohne Musik und Herz und Gewissen, dachte sie.

»Ist's noch immer nicht –?« ruft verstohlen Minchen unter dem Kleid hervor. »Ich zähl' schon dreiundfünfzig, vierundfünfzig –«

»Sei doch ein Hergottsweilchen still, du Zappel du!«

»Ich mein' am Bahnhof? sind wir?«

»Nein, du darfst noch nicht gucken.«

»Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig, siebenund –«

Er sah nicht sonderlich nach ihr. Sie aber sah nach und nach nur noch ihn. Nie lärmte er in den vielen Erbzusammenkünften, verlor unter allen allein niemals die Gelassenheit, als spotte er des Geldes und verschmähe alles Kniffige, wozu seine Partei rief. Aber wenn er sprach, war es das Kühlste und Faßlichste von allem. Unter soviel Nullen konnte man ihn unmöglich übersehen, konnte überhaupt nur ihn sehen. Mehrmals, als die Sache sich verzog, vertrat er auch Settens Anteil, damit die Frau sich nicht immer herbemühen müsse. Und eines Tages brachte er dem Bäschen Wittib den erfochtenen Gewinn in einem Häufchen blauer Papiere mit Frau Helvetias gedankenlosestem Gesicht darauf. Er strich ihr mit den wunderhübschen glatten, langen Händen, die einst die Gerte auf den Knecht und sicher die Nilpferdpeitsche oft auf arme Negerrücken hatten sausen lassen, mit den gleichen, unberingten Händen die Banknoten vornehm nachlässig hin und ließ die Quittung unterschreiben. Dann ward er lebhafter, ließ sich das Haus mit dem obern Vestibül, dem breitsimsigen, nußbaumgeschnitzelten Geländer und dem Bildersaal zeigen, die Base immer an der Hand. Sie gingen von einem Porträt zum andern, wandelten unter erloschenen Frauen- und Männerblicken dahin, einander dabei absichtlich oder auch ohne Schuld nicht verstehend, weil sie sehr trocken und er gar herrisch, wenn auch fein höflich tat. Endlich landeten sie am Ursprung ihres Blutes, dem beidseitigen Urgroßvater Johann Sebald Manuß, der das Emilsche wie dieses Steinersche Haus erbaut und den klingend frischen Namen mitsamt den feinen japanischen Seidenspulen über die Stadt verbreitet hat. Dieser Mann war auch mager, länglichen, harten Gesichts, hatte die gleichen glänzend braunen Pinselstriche von Brauen in die Stirne gezogen, und daß ihm auch unter schweren, langen Wimpern hervor ein gewaltiges grünes Licht hervorbrach, das schuf ihr jetzt eine süße zauberische Beängstigung.

Lange sprachen sie nichts. Aber er merkte wohl, wie ihre Hand in der seinen zuckte. Endlich sah er sie an, erforschte langsam ihr Gesicht, schaute sie gleichsam durch und durch und küßte sie zuletzt ruhig einmal, zweimal, dreimal, immer mitten auf die Lippen. Und sie, die flinke und witzige, stand da wie vom Blitz ereilt, hilflos, lautlos, leblos. –

»Ach! –«

»Mutter!« schrie das Kind.

»Bleib, bleib!«

»Du hast gemacht – ach, – ach! – und hier klopft es wie ein Hammer und ist heiß, Mutter, was –«

»Bleib, Minchen, bitte, bleib! 's ist gar nichts.« – Settens Haar zittert freilich und bläht sich, und wie ein Brand fährt es über die Wangen hinauf zur Stirne. Spät war ihr Frühling angebrochen, und späte Frühlinge sind heiß und sturmreich wie Sommer.

Dem Kind ist's bang unterm Schultertuch geworden. Es gräbt sich hervor und sieht mit unverständigem Staunen, wie die Mutter vor seinen Blicken zwei feuchte Augen schließt. Zum Glück hält der Wagen jetzt vor dem brausenden Bahnhof. Gleich sind die zwei in den Wirbel der Reisenden gerissen und haben Mühe, die Furche zu behaupten, die der breitrückige Diener mit dem noch breiteren Koffer durch das verschlungene, widerwillige Volk reißt. Aber gern ringt sich Sette durch. Das erleichtert sie jetzt.

»Frau Manuß, hier, zweite Klasse!« weist Michel, den Finger am Käppischild.

An den Waggons wird es ruhiger. Unter den bäuerlichen Leuten, die aus dem eben angeprusteten Landbähnlein nebenan steigen, erkennt Sette sogleich zwei Bertkinder, nämlich die Stieftochter Marie, ihre zwanzigjährige Freundin und Ferdel, Berts rechtes und echtes Söhnchen – ein kleiner Künstler.

»Wie, ihr seid heut schon weit gewesen?« wundert sich Sette. »Beim Hinsenörech Hansengeorg &…133;Vielfach ist in den Bergen noch üblich, dem Sohn den väterlichen Taufnamen vorzustellen im Sihltal.«

Maria, eine herrliche Gestalt, butterfrisch, mit großen, ruhigen, braunen Augen und einer süßen Ehrlichkeit in der Stimme, schiebt mit ihrer schweren Hand eine grasgrüne Flasche aus dem Täschchen, woran ein Zettel mit häckeliger Schrift klebt. Das ist die Mixtur des berühmten Kräuterdoktors und Wasserschmeckers am Albishorn, Hans Georg Appli, dem so viele verzweifelte Stadtseelen, wenn alle griechischen und lateinischen Sätze der Apotheke ausprobiert sind, noch im letzten Stündchen ihres hoffenden Lebens sich auf Gnad oder Ungnad ergeben. Marias gescheite Augen schauen die Flasche ohne großen Glauben an. Aber das Büblein lacht. Eine so große und so grüne Flasche muß gesund machen.

Der Zugführer pfeift. Einsteigen, einsteigen!

»Ja, Ferdel, das wird wirken,« nickt Sette viel gläubiger; »adieu, Liebe, – also Emil hat den Berg, den – den –«

»Absomer?« fragt Maria leuchtend.

»Übernommen. – Eine gute, gute Besserung!« – Sie küßt die hohe Jungfer auf beide Wangen. – »Wir müssen – ich schreib' von Basel, morgen –«

»Und daß du mir die Muscheln schickst, zeitig, ich brauch' sie,« ruft Ferdel zum Waggonfenster empor.

Ernsthaft nickt Minchen dem dicken Spielkameraden zu, der eine Muschelgrotte in Arbeit hat.

»Sonst kannst du dann sehen, wer dir die Grotte macht, ich nicht!«

»Sicher, Ferdel, die größten Muscheln und Schneckenhäuser –«

»Und Krebse und Seeigel – und, und, wart' – «

»Alles, alles!« verspricht mit der Güte eines Gottes Minchen vom langsam rollenden Wagen aus. Sie rundet die Arme dabei. Alles! Das ganze Meer, wenn er will.

»Und wart'!« – Ferdel stampft wütend, weil er's nicht sogleich in so dringlichem Augenblick sagen kann, »– und einen Tintenfisch!«

Er sah, daß die Winkenden da vorne ihn nicht mehr hörten. Aber jetzt fiel ihm alles ein und er mußte es nachschreien, was er nur vom Ozean wußte: »Korallen und Perlmutter –«

»Komm, Ferde!,« sagte Maria und faßte ihn unterm Arm.

»Und Seerosen – und Aale – und Haifische –«

»Ferdel, hör', der Vater wartet auf das Gütterli da. Du mußt es ihm selber geben, daß er sich daraus gesund trinkt, komm! schnell!«

Darauf verschwand das Meer, das nun doch immer gefährlicher geworden wäre. Mit großartigen Wunderdoktormienen zappelte der Bub den großen Schritten Marias voraus zum Bahnhof hinaus.

Sette aber spann den Faden ihrer Träumerei fort.

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