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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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17

Mit dem frühesten Morgen gingen Emil und Heinz nach jener Sturmnacht geradeswegs dem Absomerkopf zu. Heute wollte der Manuß die Gipfelhöhe genau bestimmen, die Neigungen der Wände berechnen und der von Bert angetüpfelten Kletterspur folgen. Vielleicht war sie auch fürs Rad stellenweise brauchbar.

Zum erstenmal wartete der Ingenieur nicht auf Mang. Heinzen freute das. –

Hübsch vor ihnen her lief die aufrechte, rote Richtlinie der Meßstäbe, über Bäche und kleine Klüfte, in schönen, geschützten Schleifen. Man kam auf die Weigete. Da ward es auf einmal mitten in der grauen Felsenstille wie ein lauter Markt. Langsames Bauerndeutsch und italienische Heftigkeit von zweihundert Arbeitern brodelten ineinander. »Guten Tag!« sagten die hiesigen Erdarbeiter kurz. Aber sehr lustig riefen die Tschinggen: »Buon giorno, Signor Manussi! – buon giorno, Signor Ingegnere! – buon giorno, Signor Emilio!« Sein Stolz ficht sie nicht an. Aber sein fettes Silber an jedem Samstag tut ihnen dreimal wohl. So prächtig lohnte sie noch kein Meister ab. Sie frühstückten gerade.

Ein Werkführer tritt vor und gibt Bericht. Ringsum das Geräusch von gerührtem Kalk und nasser Zementmasse, wie von Teig im Trog, das prasseln von angeblasenen Feuer, das trockene Gepolter von Steinklötzen und das dumpfe Getöse von Sand und Erdsäcken. In drei Wochen will Emil diesen Damm fertig haben; er wird ein breites und mächtiges Werk. Drei Eisenbahnen könnten wohl zu gleicher Zeit auf seinem Rücken fahren. Kaum hundert Meter Länge braucht er, um die Weigete zu überwinden, dieses rätselhafte Gerölleband von den Zinnen zu den Abgründen, das schon dem Bert zu grübeln gab. Aber tief und hoch und breit muß der Damm dafür sein, mit ungeheuren Quadern im Grunde, mit Faschinen, Erd- und Zementfüllung zu ebenem Boden und mit sehr schiefen, dicken, schlüpfrigen Granitplatten wie ein Panzerschiff zu beiden Seiten gegen alle Angriffe beschlagen. Denn dieser Wall hat den Lawinen, Steinschlägen und furchtbaren Rutschungen zu widerstehen.

»Woher kommt doch dieser Name Weigete?« fragte Emil.

»Ich glaub', weil sich da unten im Boden alles weiget,« erklärte der Mann.

»Beweget? soll's das sein?« forschte Emil.

»Ja! wenn es geregnet hat, so – ja, wenn der Herr Ingenieur einmal selber probieren will und mit dem Ohr auf den Boden liegt – so –«

Der Ingenieur warf sich glatt nieder und horchte und lauerte in den Rieselgrund hinab.

»Halt!« schrie der Werkführer und schwenkte den Arm gegen die Arbeiter, sie möchten mit ihrem lärmenden Schaffen einen Moment innehalten.

Es ward ruhiger, und Emil hörte sehr deutlich aus weiß Gott welchen Tiefen ein ununterbrochenes Murmeln und Rieseln wie von vielen unterirdischen Wässerchen. Lange horchte er. Es war wie ein Nagen und Zerbröckeln und Sichdurchfressen durch alle Knochen des Bergkörpers.

Der Manuß erhob sich mit bleicher Lippe und bösem Blicke und befahl: »Gebt einmal den Aufriß! &…133;Hier,« fuhr er fort und tupfte auf den gezeichneten Dammrücken, »legt Ihr noch einen Meter Granit zu. – Zwei-, – zwölf-, zwölf hundert – so zirka fünfzehnhundert Tonnen Zugewicht macht das doch wieder aus,« rechnete er bündig. »Erdrücken müssen wir die Weigete, sonst hilft alles nichts.«

Mit seinem langen, leichten Fuß stampfte er herrisch ins Gerölle, worauf er stand, und das knirschte und klirrte leis und bedrohlich, wie ein ungebändigter und nur zum Scheine sich zahm gebärdender Sklave.

Emil schritt durch die Arbeiter und Baracken schnell hindurch. »Ne vuole, Signore Ingegnere?« riefen ein paar Italiener und streckten ihm lachend ihre gelbe Polenta in den rußigen Pfannen entgegen.

»Buon appetito!« erwiderte Emil ohne Lächeln.

Zuerst wollte er einen Tunnel unter der Weigete bohren. Aber es ergab sich sogleich, daß dieses zermürbte, faule Gestein viel zu tief reiche. Also einen Damm, so schwer, daß der rebellische Berg darunter nicht einmal mehr aufzucken kann.

Sie klettern zum Fuß des Absomerkegels empor. Da boten sich dem Geleise keine Schwierigkeiten. Alles war schon genau abgesteckt.

Geredet ward nichts zwischen den zweien. Heinz wollte nicht anfangen. Immer noch hoffte er, Emil werde den Faden des gestrigen Gespräches wieder aufnehmen. Umsonst. Schroffer und kälter als je, wie die Berge nach dem Sturm und Regen, machte der Manuß jetzt eine Miene.

Das erbitterte Heinzen. »Verbeiß nur deinen Schmerz!« dachte er. »Du bist dann doch immer abends gern gekommen, Bübi, und hast gesagt: ›Heinze!, verbinde mir den Finger! Ich hab' mich am Stacheldraht heillos verstochen.‹ Er wird wieder kommen, und ich will ihm gern die Wunde verbinden. Aber so stolz und verstellt müßte er nicht tun. Und warten lassen ist nicht hübsch . . . Wie seltsam,« grübelte er weiter, »daß ich im Manuß immer noch den zehnjährigen Bübel sehe. Und doch, was ist er für ein Mann! Wie er jetzt da zählt und rechnet und mit einem verflucht kühnen Aug' den Gipfel mißt und die Zipfel seines braunen Schnäuzchens dabei vor Eifer in die Zähne beißt. Hie Manuß – hie Absomer! – Zum Teufel, Absomer, nun glaub' ich, dich nimmt's! – Du mußt dran glauben. Du bist doch nicht der stärkste Mann da herum, wie Bert gerühmt hat. Der da mit den Salamanderaugen ist der Stärkere!« –

Aber man mußte auch sehen, wie Emil sein Instrument einstellte, damit wunderlich schlau hantierte und dann voll Seelenruhe seine gewaltigen, eckigen und häßlichen Ziffern aufs Blatt schrieb! Er warf sie hin wie aufgelöste Schwadronen, wirr durcheinander. Aber dann zog er Striche und setzte Zeichen, und gleich war eine feine Disziplin hergestellt. In Reih' und Glied geformt stand die mathematische Soldateska da, klar zum Gefecht, ein erquicklich Schauspiel für jede arithmetische Seele.

Emil pfeift, indem er rechnet, so wie eine Katze schnurrt und spinnt, wenn ihr behaglich wird. Den alten Berner Marsch, seinen Leibmarsch! Sehr laut, sehr falsch, daß Heinzen schier übel wird.

Nun ein geniales Gesäbel auf dem Papier. Ein klassisches Handgemenge! Ganze Fronten sinken unter dem Bleistift. Das Minuszeichen und noch mehr die Kubikwurzel räumen furchtbar unter den Hunderttausendern auf. Es schmilzt die Summe beider Armeen, und immer kleiner werden die Trüppchen vor und hinter dem Gleichheitszeichen. Nachgerade verlieren die linksseitigen allen Mut. Sie ergeben sich und stürzen sich dem Gegner auf Gnad' und Ungnad' vor die Füße hin. Nur ein stolzer Xantus oder Xistus oder sonst ein heldenhafter X steht noch einsam rechts. Nun, wo aller Widerstand vergeblich wird, lüftet auch er, der Feldherr, das Visier, tut seinen Namen kund und übergibt sich. Und so geht siegreich ein kleines, dreistelliges Trüpplein aus der Schlacht, voraus eine stolze Zwei mit einem Löwenhaupt, dahinter eine trommelschlagende Neun und zum Schluß eine lanzentragende, aufrechte Eins, – 291!

Zweihunderteinundneunzig Meter hoch ist der Absomer noch von hier.

Emil ist wieder ganz der alte im Rechnen geworden, ein verbohrter, zahlenverliebter Geometer. Für den Augenblick gibt es für ihn nichts als die Zahl. Sie ist ihm Sonne und Erde und Menschheit und Leben, alles, alles. Cäcilie und Sette, Mang und Minchen und Heinz, der Absomer und seine Bahn und er selber, der großartige Meister, gehn unter in der Zahl. Das größte Wunder und die größte Wahrheit ist die Zahl.

Du kannst mir gestohlen werden mit deiner Zahl, denkt Heinz immer erbitterter. Du bist doch auch ein Mensch wie wir und hast ein Herz, wart' nur!

Zweihunderteinundneunzig Meter! Das gibt noch zu schwitzen. Emils Augen klettern am Stein empor und suchen die Spuren wieder, die er jüngst entdeckt und auf sein Blatt gezeichnet hat. Da, ja, ja, da sind sie wieder. – Plötzlich bemerkt er, wie ihn Heinz angeblickt hat. Sogleich schlug der Alte die Kaninchenaugen nieder. Aber Emil hatte genug bemerkt. Es ist ein eindringliches, mitleidiges und neugieriges Anschauen gewesen. Warum mitleidig? Merkt er an ihm etwas, das Mitleid erweckt? Zum Teufel! – Alles Wehe der letzten Tage strömt auf einmal wie ein Strom in sein Denken zurück. Und alles Männliche und Herrische in ihm bäumt sich dagegen auf wie eine Mauer.

»Heinz, blick' doch mal auf und sag', was hast du in der Nacht so verdammt fleißig geschrieben?«

»Ich?« stotterte Heinz bestürzt, und alles Blut schoß ihm in die Stirne. »Nichts weiter – so Besonderes – ich – konnte nicht schlafen bei dem Wind und da war's nur so zum Zeitvertreib –«

»Zeig' mir's!«

»Ein Gedicht! Ah bah, es ist kaum halb fertig.« – Das ist nicht gelogen, dachte er, es fehlen noch viele Verse daran. Diese seine Lüge freute ihn.

»Soviel wie du geschrieben hast? – Und noch nicht fertig? – Von was denn?«

»Es gefällt dir doch nicht, Miggi. Und dann kommt's ja auch mal ins Buch!«

»Aha, das Buch!« spottete Emil. »Das Weltbuch! – Man wird einmal sagen können, du habest Tag und Nacht daran geschwitzt, bei Sonne und bei Petrol.« – Er wollte noch weiter witzeln, aber es geriet nicht mehr und eine jähe, zitternde Blässe flog um seinen langen Mund. Mang kam fern von unten herauf ihnen nach.

»Du wirst mir heut abend das Gedicht vorlesen,« ermannte er sich. »Verstanden? Geh jetzt und reim' es zusammen!«

Nun merkte Heinz, daß ihn Emil forthaben wollte, und schritt langsam wieder zur Alpe hinunter. Er war froh, so leicht aus der Sache zu kommen. Nur ein Gedicht. Gut, dichten kann er heut, das fühlt er. Süß will er im Gedicht reden, aber bitter soll es im Kern schmecken. »Achilles« will er's betiteln.

»Ich bin« – phantasiert er schon, »ein erzumfloßner, – nein, nein,

Ich bin ein undurchdringlich harter Mann,
Mich rührt kein Schleuderstein, kein Pfeilspitz an.
Nicht siebenhäutig schirmt wie Hektors Schild
Den göttlich heilen Leib im Mordgefild
Mir eine Wehr; – von Müdigkeit und Schweiß
Und Tröpfeln Blutes und Erblassen weiß
Ich wie ein himmlischer Heroe nichts,
– Denn das ist Mitgift –« hm! hm!
hm! hm! – »des Wichts – –
Doch an der Ferse – –«

– »Guttag!« –

»Guten Morgen, Mang!

– – Denn daß ich an der Ferse – –«

»Ist der Inschenier noch zornig?« fragte der Junge und wird rot, aber sieht nicht von Heinzens Gesicht weg. Er muß Bescheid haben, sogleich.

»Zornig? Was denkst du! Lustig ist er und pfeift und rechnet und rechnet. – Aber ich gehe und mache ein Gedicht. –

Denn daß ich an der vogelschnellen Ferse –

Das klänge gut, – vogelschnellen Ferse hat noch niemand gesagt – aber gibt es einen Reim auf Ferse?«

Mang schaut ihm verächtlich nach. Der da dichtet und der andere oben pfeift. Die tun, als ob sie nichts spüren. Man könnte sie vielleicht gar anspeien, sie würden sich nicht stark aufregen. Pfui! Pfui! – Alle guten Vorsätze, sich heute willig zu zeigen und am Ende gar wegen des Gestrigen abzubitten, und damit auch alle Scham und Zaghaftigkeit, die ihm bis daher die Schritte verlangsamt und das Herz lauter klopfen gemacht hat, rein weggeblasen ist alles das. Er grüßt oben Emil kurz, sitzt auf einen Block und wartet verstockt, bis ihn der Manuß um irgendeine Handleistung bitten wird.

Je näher Emil den Burschen hatte kommen sehen in seinen klappernden Holzschuhen und ohne Mütze, hoch aufrecht, Sonne im roten, verstruppten Haar und sichere, große Schritte durch das steile Geschiebe nehmend, um so befangener ward er. Er sah die niedrige Stirne des Jungen hell glänzen. Den großen, roten Mund hielt er halboffen wie einer, der viel Atem und Leben auszugeben hat. Von der hochstehenden Sonne füllten sich die Augenhöhlen mit tiefen Schatten, woraus aber wie aus zwei finstern Nestchen je ein grüner Smaragd blitzte. Seine eigenen Smaragde, die Manußaugen, die aus allen Bildern der Vorväter so fabelhaft blaugrün sprühen. – Mein Sohn kommt, mein Sohn! – Er möchte die Arme spannen und den Jungen so auffangen. Denn nur ihm gehört er ja, von ihm hat er dieses Auge, diesen Trotz, diesen Stolz, dieses Leben. Wie liebte er doch dieses sein Geschöpf! Nein, noch nie hatte er ein ähnliches Gefühl erkannt. Er wußte nicht, wie es so allmächtig über ihn hatte herfahren können. Das war mit Zahlen einmal nicht auszurechnen. Aber wie er dieses Kind behalten, gewinnen und glücklich machen könne, das wurde jetzt seine liebste und tiefste Rechnung.

Da darf mir keine Mutter und keine Gemeinde in den Weg treten, sagte er sich. Ich bin sein Vater, das ist genug. Mit Mang habe ich einen richtigen Erben im Haus, einen Zweig unseres Stammes, einen jungen Manuß. – Und er wurde ordentlich stolz bei diesem Gedanken.

Wenn der Bub nur ein Fünklein Liebe für ihn hätte! Oder doch nur keinen Haß! Dieser Haß tat entsetzlich weh. Nie hätte Emil geglaubt, daß man aus Liebe so leiden könne. Einmal war es wie Brand und einmal wieder wie Eis. Er hätte gelacht, wenn man ihm prophezeit hätte, er werde vor einem Kinde zittern. Und wahrhaft, jetzt zitterten ihm die Zähne leise, wenn er ein Gespräch mit diesem Hirtenbuben beginnen wollte. Und bedachte er gar, was es noch koste, seinen Sohn von der Mutter und noch mehr vom Sohne selber zu erstreiten, sich vor den Behörden als Vater und freilich auch als langjährigen Ausreißer und Schuldigen auszuweisen und dabei von Sette und am meisten wohl von Mang die Schmach becherweise schlucken zu müssen, dann wollte ihm schier gar der Mut entsinken. Dann wollte er wieder lieber warten und sich gedulden und erst die Liebe des Jungen erobern. Dann erst getraute er sich zu bekennen.

Aber die kranke Mutter kann sterben, bevor ihm das Kunststück mit Mang gelingt. Dann ist der einzige Zeuge verloren. Die Cäcilie würde ihn sicher erkennen. An den Augen und an dem, was er von jenem Abend erzählen kann.

Wenn sie dann bezeugt hat, mag sie immerhin sterben, denkt Emil kalt. Mit diesem Weib möchte er weiter nichts zu schaffen haben. Geld mag sie haben, soviel sie nur braucht, um ganz sorgenlos hier im Ländchen bis in die hohen Tage zu leben. Aber ihn nicht weiter stören soll sie! Besser und sicherer wäre doch, sie stürbe.

Aber Hilfe braucht er jetzt. Allein bringt er da nichts zuwege. Sette muß kommen, Heinz muß raten, auch dem Ueli sollte er sich vielleicht offenbaren. Das ist ein gerader Kerl, und der vermag viel über Mang.

Sowie Emil einen Entschluß gefaßt hat, wird ihm leichter. Er sitzt neben Mang ab und probiert mit Glück ein ruhiges Gesprächlein. Man müsse nun den Gipfel von der Schattenseite erklettern. Er wolle aber noch zuvor einen Augenblick gehörig ausruhen. Der Bub möge nur da unten bleiben, wenn's ihm so besser behage.

Nein, er wolle mit, wünscht Mang und fühlt etwas wie ein Unrecht und eine Schuld bei der tapfern, aber gütigen Stimme des Ingenieurs wieder wie heut beim Erwachen in sich aufsteigen.

Gut, so möge er mitkommen. Aber es sei mühsam und messe noch gut zweihunderteinundneunzig Meter.

Das verschlage nichts. Aber ob man denn von da unten eine so genaue Höhe bestimmen könne? –

Emil erklärt die Sache mit wenigen gescheiten Worten und zeigt die Ausrechnung auf dem Papier. Der Bub rutscht näher. Diese Aufgabe ist merkwürdig. Emil rückt auch ein bißchen herzu. Ihre Köpfe kommen wieder wie beim homerischen Gesang zusammen. Aber sobald das Geheimnis erklärt und der Zauber gebrochen ist, weicht Mang wieder jäh auf den alten Sitz zurück.

An solchem Abzirkeln und Ausrechnen habe er wohl keine Freude: oder? – Doch, es sei etwas Feines. – Aber ihm gefallen die Historien doch sicher zehnmal besser? – Je nachdem! – Was das heiße? – Er könne es nicht deutlich geben. – Ob er weiter im Homer las? – Mang ward ein bißchen farbiger und sagte: ja, aber in der Ilias, nicht mehr in der Odyssee. – Wer ihm da von allen Helden am besten gefalle? – Der Hektor! – Emil dächte doch, der Achill! – Nein, der Hektor, weil er eine ganze Stadt mit allem Volk verschanze und schirme. Aber er müsse sagen, auch die Ilias sei nicht die ganz rechte Historie, wie er sie am liebsten hätte. – Was er da sage! Die Schönste, die es gebe, sei sie! – Nein, es gebe noch viel bessere, zum Beispiel den Bauernkrieg, wie ihn ein Toggenburger oder Appenzeller beschrieben habe.

Emil sah betroffen auf den sommersprossigen Jungen mit den dichten Brauen und dem ältlichen Ernst. Fast ward ihm unbehaglich. Der Bauernkrieg!

Doch Mang fühlte sich jetzt endlich einmal auch bei Emil im Element. Seine großen und groben Hände kloben an den Knien und sein breiter Mund wässerte, derweil er mit Macht ausführte: ja, der Bauernkrieg, freilich, der sei etwas ganz anderes und fast Neues. Bei Homer höre man immer nur von einigen Führern, als ob die allein Troja und Griechenland ausgemacht hätten. Und sogar in der Absomer Schule habe die Schweizergeschichte und die Geschichte vom Deutschen Reich auch so nach ein paar Namen und alten Geschlechtern geschmeckt. Da habe er doch oft gedacht, das Volk, wo ist denn auch das Volk? – Er hätte wissen mögen, was sie für Stuben und Häuschen gehabt. In der Geschichte habe er nur Kirchtürme und Rathausgiebel bemerkt. Und was haben sie zum Essen und Trinken auf den Bauerntisch gestellt? Es gibt doch nicht bloß die Festmähler und Herrenessen der Historie! Und wie haben sie Geld verdient und was haben sie gesonnen, wenn immer ein paar Großartige ihnen den Nidel Rahm von der Milch löffelten? Welche Leiden und Freuden haben diese Leute in den Hüttchen und armen Höfen gehabt, was für einen Werktag und welchen Sonntag? – Was Ungeschriebenes haben sie wohl gesungen und geschworen und im Elend geflucht und beim Glas verraten? Und zogen ihrer so viele Burschen ins Welschland, was hat dann so ein kalter Bergbub in der Mailänder Hitze wohl durchgemacht, und was hat er wohl gegen das Heimweh getan? – Wie viele liegen dort in der heißen Sonne statt auf unsern kühlen Friedhöfen neben dem Glockenturm! O von diesem Volk möcht' er mehr wissen! Denn er gehöre auch mit Leib und Seele zu solchem Volk. So eine Geschichte des Volkes sollte einer, der's im Kopf und in der Feder hat, schreiben. Er würd' ihm die Hand dafür küssen. Das müßte prachtvoll sein, wenn wohl auch traurig zum Lesen, aber nützlicher als alle Schützenfeste mit der Konstanzer Musik. Das Volk würde aus solchen Büchern herausmerken, wie oft und bös man ihm vors Licht gestanden ist, und wieviel man ihm von der Luft und Kraft und Ehr' gestohlen hat. Und wieviel zu unaufmerksam, leichtgläubig und geduldig es immer dagestanden hat! – Die Absomer würden dann auch nicht mehr bloß auf drei oder vier Herren hören, den Ammann und den Pfarrer und den Broller und etwa noch auf einen wütigen Schreihals und Witzemacher. Man würde glauben, daß alle ziemlich gleichviel wert sind, die Fädler und die Sticker und sogar die Armenhäusler so gut als die Fabrikanten und Ratsherren und Pastoren. Und daß sie soviel Tüchtiges an der Weltgeschichte weben können als die paar Prahlhänse. In der Absomer Chronik sei vom Volk noch ordentlich oft die Rede, und der Bauernkrieg, wie ihn da der Chronikschreiber schildere, sei wohl himmeltraurig zu End' gegangen, aber doch herrlich, weil die kleinen, gewöhnlichen Leute da einmal aufgestanden sind und haben Geschichte machen wollen. – Und gar erst die französische Revolution! Von der möchte er sehr gern Gründliches lesen. Die hiesigen Bücher schimpfen nur über sie.

Emil hörte und hörte. Aus diesem unbärtigen Milchmund kam grenzenlos Neues.

»Bist du denn ein Sozialist?« fragte er zuletzt schüchtern und unsicher.

»Ich weiß nicht, was das ist. Ich bin ein Absomer und Hirtenbub. –«

Hier stockte und errötete er bis zum Halszäpfchen vor Scham. Konnte er denn sagen, wer er sei? Er, der nicht einmal wußte, wer sein Vater sei und ob er am Ende gar einer von denen wäre, die dem Volk das Blut aussaugen, ein Überreicher, ein Studierter, Stolzer, wie dieser Inschenier da.

»Einer vom Volk will ich sein,« flickte er eilfertig hinzu, »und, o wie gern möchte ich dann studieren und davon für alle, alle Leute schreiben!«

Aber alles in ihm hatte sich jetzt einmal Luft gemacht: die Gedrücktheit von vierzehn Armenhäuslerjahren, das Sichbückenmüssen vor Reichem und schöner Benamsten, das hilflose Zuschauen, wie die Herren dreinfahren, und die tausend verbitterten, nachdenklichen Stunden über dem allem. Das war ihm jetzt frisch entfahren. Aus Mund und gespreizter Nase stieß Mang einen heißen, blauen Atemrauch seinen grimmigen und sehnsüchtigen Worten nach.

Dem Manuß kam der junge Sprecher wie ein geliebter, aber gefährlicher Feind vor. Er treibe weder Geschichte noch Politik, erwiderte er. Dagegen sei er weit in der Welt herumgekommen und habe in den großen Ländern die gar zu engen, vaterländischen Schrullen abgestreift. Er liebe die Schweiz, aber nicht wie ein Verliebter und Vernarrter, der daneben nichts Großes oder Gutes mehr sieht. Zum Beispiel da vorne im flachen Norden diese um und um weite, kräftige, deutsche Monarchie mit einer so prächtigen Kaiserkrone und einem so strammen, blauäugigen Haupt darunter, das sei doch ein göttliches Spektakel. – Unsere guten Knochen sind aus der schweren Erde dahier herum gekittet, ja, – und das Beste in diesem Knochenhäusel kommt wohl auch von der gleichen Erde. Dennoch, viel Großes singt und lehrt und führt und bildet uns von da oben herab, aus diesem verwandten, deutschen Norden, ohne den wir sonst stumme Hocker in den Bergwinkeln blieben. Und das begeisterte und glänzende Franzosenvolk und sein wunderbares Paris, und das frechkluge, kühle England mit seinem allmächtigen Weltnicken und Weltschütteln, und die guten, frohen, kunstherrlichen Italiener an ihren blauen Meeren, und dann das Meer selber, da mag so ein Schweizerchen auf die Zehen stehen und große Augen machen! Die Berge sind schön, aber das Meer ist noch schöner. Überhaupt, alle Welt ist gut und fein und darum so prächtig reich gebaut, daß man nicht ein einziges Plätzchen eng ins Herz schließe. So sei's mit dem Vaterland. Und gerade so mit den Völkern auch und mit den Ständen und Klassen. Auch er liebe nicht so ein neidisches Kastenwesen. Aber das Genie, die starke Hand, der flotte Mut und der kühn und klug eroberte Besitz hätten doch wohl ein Wörtlein mehr ins Regieren hineinzuwerfen als die Dummen und Schwachen und die Müßigen und die Kranken und die Bettler. Ein paar große Menschen hätten eben doch immer in der Wissenschaft und in der Kunst und im Staat die Hauptrolle gespielt, das Volk sei stets im Hintergrund gestanden. Es war zum Ausfüllen da. Wenn das Volk die Hauptrolle spielte, oha, das gäbe ein schwieriges Theater. Man könne das an der französischen Revolution sehen, die dem Mang so imponiere. Da habe nicht lange das Volk regiert, sondern gleich seien wieder ein paar Starke gekommen, die Danton und Robespierre und zuletzt der ungeheure Napoleon, der wieder ins Geleise brachte, was der Haufen verfahren habe. Nur immer ein Genie könne den Menschen den versperrten Weg zum Licht wieder frei machen. Dabei gehe ja wohl viel Gesindel kaput. Aber das sei nicht zu bedauern. Nein, schloß er, das Volk aus sich allein kann sicher keine Geschichte machen. –

Die Augen Mangs verfolgten jedes Wort auf Emils dünnen Lippen mit entzündeter, blutiger Schärfe. Vieles davon konnte wahr sein, aber das vom Gesindel und das vom Volk im Hintergrund machte ihn im Innersten ergrimmt. Er glaube das nicht, sagte er. Es sei nicht wahr. Der Inschenier rede eben auch wie ein Herr, nicht wie einer aus dem Volke.

So solle er ihm die Sätze widerlegen, forderte Emil. Nur einen Satz widerlegen. Er lasse sich wahrhaft gern belehren, auch von einem viel Jüngeren.

Das könne er nicht, meinte Mang. Er sei viel zu dumm. Aber er wisse, daß er recht habe. Übrigens, ob man nicht jetzt auf den Kopf wolle, bevor es zu heiß würde?

Beide brachen gern ab und begannen den steilen, langsamen Aufstieg. Eigentlich war es ein stetes Klettern und Untersuchen, immer im Sinne der Papierskizze, entlang den steinernen Gesimsen, Bändern, Kaminen und Vorsprüngen bis zum Gipfel. Sie redeten nicht mehr. Aber es schien doch etwas wie ein Hindernis zwischen beiden gefallen zu sein. Sie hatten beide über etwas sehr Ernstes geredet, jeder in einer andern Meinung, aber beide mit Kraft und Charakter.

Nach anderthalb Stunden war man ohne besondere Fährlichkeit oben. Tief unten sah man die drei Alphütten, noch viel tiefer den Plättlisee und fern im Tal vorne das stattliche Absomerdorf. Näher zu auf der Westseite des Berges kamen in der Tiefe einige Gehöfte von Mattli zum Vorschein. Rechts und links starrten nichts als stille Berggipfel in die Höhe. Zwischen ihnen flogen freche Felsschwalben her und hin, während in ihren zerklüfteten Gründen kleine, unbekannte Seelein wie dunkelblaue Augen aufgingen. Unten am südlichen Horizont zog sich die ganze Alpenkette vom Ortler bis zu den Savoyerbergen wie ein weißer, versilberter Rahmen des buckeligen Schweizerporträts hin. Der Dunst des heißen Julitages überflimmerte sie leise. Aber man sah das tausendfache und doch so ewigruhende Durcheinander dieser Riesenfamilie mit ihren felsgrauen oder schneehellen Scheiteln noch wirksam genug. – Herr, du mein Gott, so viele Berge gehören uns! Dem Mang lachte das Herz.

Gegen Norden ward die Erde platt wie ein Teller und verschwamm in ungenauer blauer, violetter und brauner Zeichnung nach und nach mit dem Himmel, ohne daß man hatte sagen können: hier! oder: dort! – Nur das große, nahe und stille Gewässer an der Heimatecke zeigte noch feste Gestalt und schweizerische Helligkeit. Drüben noch einige heimelige schwäbische Dörfer, gemütlich in den Spiegel nickend, noch eine waldige Lehne, dann verglomm alles im Dunst der Ebene.

Der Gipfel war breit. Man konnte da auf allen vier Seiten herumspazieren wie auf einer Turmterrasse und man fühlte sich wirklich nur noch mit den Sohlen auf einem bißchen Erde und sonst ringsum in unbeschränkter Luft, wie auf dem Giebel der Welt.

Mang freute sich an diesem großartigen Platz und an allem, was er von da aus wie eine ausgeschüttete Welt um sich sah. Welch eine stolze Heimat! Diese wehrhaften Berge! Und die lauschigen Täler! Und immer wieder ein See oder ein aufblitzender Fluß, um der durstigen Eidgenossenschaft die Lippen zu netzen. Ging's einmal in eine Hochebene, so lief gewiß ein kurzweiliger Hügel dazwischen mit viel blauem Wald und anklebenden Haldendörflein, oder der Jura fingerte mit seinen Ausläufern hinein, oder eine alte gemütliche Stadt plauderte sich mitten ins Bild. Und wo es dann so unendlich eben werden wollte, da zog erst noch der stattliche Rhein seinen breiten, grünen Wassergraben, daß wir nicht etwa unvermerkt eines schönen Tages in diese Ebene hineinrutschen und darin mitsamt unserem buckeligen Republikanertum verschwinden. – Wie schlau zu aller Schönheit das Ländchen doch gebaut und eingerichtet ist!

So voll und ergriffen war Mang davon und so beflissen, die fernen Gipfel und Gegenden herauszuklügeln, daß er gar nicht merkte, wie Emil sogleich seine Meßschnur hervorzog und das Geviert nach allen Seiten abschritt, dann notierte und rechnete und vom Panorama nicht ein einziges Bildchen kostete.

»Seht, da schwingt jemand von der Alp her ein Tuch,« rief Mang. »Das ist sicher Euer Heinz.«

Mang riß sein Nastuch hervor und schwenkte und grüßte damit. Es kamen nun auch Älpler aus den Hütten. Aber die schwenkten keine Tücher. Bald waren sie alle wieder in die Hütten gekrochen. Keinen sah man mehr. Warum wohl?

Da plötzlich kam es über Mang, er sei ja mit dem Manuß wegen der Eisenbahn und nicht wegen der Aussicht da heraufgestiegen. Nicht um die Heimat von da oben zu bewundern, sondern um sie dahier zu verwüsten, war der Inschenier nur den stolzen Kamm hinaufgeklettert. Die verfluchte Eisenbahn – Ach, wenn Emil Meister bleibt, so dampft sie schon in etlichen Jährchen mit Gestank und Gelärm und vielen Ausländern, die auch nicht vom guten, niedern Volke sind, da herauf, auf diesen erhabenen Felsenkopf, auf dem noch so wenige Menschen gestanden sind! Schamlos! – Und sie gucken und spionieren von da oben ungeniert in unsere lieben, schweizerischen Heimlichkeiten hinein und schimpfen über unser altes gutes, kleines Wesen und kanzeln und kritisieren alles heillos herunter. Versauen und verdrecken den reinen Boden der Alpen da unten und verwirren unser liebes, einfältiges Volk. Der Greuel ist gar nicht auszudenken.

Mang steckte das Tuch beschämt ein und fühlte heftiger als je den Abscheu vor dem Werk und seinen Stiftern und Helfer und vor allen Fremden. Dieser Inschenier ist ihm auch ein Fremder, und das weiß er vom Gerücht, daß sein eigener, unbekannter, feiger Vater auch so ein Fremder war, zugereist aus einer großen Stadt. Und der Broller war gar sechs Jahr weit in der Fremde gewesen. Von daher hatte er alle seine unheimischen Gedanken. Diese Fremden brachten wahrhaft nur Unruhe und Unglück ins Land.

Es ist jammerschade, daß der Zweitmächtigste in Absom sein Meister Ueli, dem allen mit verschränkten Armen zuschaut. Prügeln sollte man ihn. So hell im Kopf und so beliebt im Volk und so urchig im Wort. Warum schweigt der zu allem?

Rechts da unten die Katholischen von Mattli und die meisten Absomer da vorne sind doch in dem Stück einig: keine Absomerbahn! Und die zwei Gemeinden hätten doch allein zu bestimmen, ob so ein schwarzer Kohlenwagen da hinauf darf. 's ist ihr Gebiet und ihr Weg. Aber da sieht man: wieder machen ein paar große Herren die ganze Historie über alles tausendköpfige, tiefgeduckte Volk hinweg.

Es gäbe noch eine Rettung. Wenn dieser Inschenier neben mir sagte: »Ihr Männer, eine Bahn da hinauf lohnt sich nicht. Der Weg kostet dreimal zu viel. Das Werk müßte verlumpen. Die Aktionäre verlören all ihr Geld.« – Jawohl, dann nützte alles Klottern und Klirren mit dem Gold den Herren Bankiers nichts. Die Erlaubnis von den hohen Herren in Bern bliebe ein prächtiges, aber stummes Papier, der steinige Kopf des Broller müßte nachgeben, der Inschenier wäre der Mächtigste von allen. Ihm würde man unbedingt glauben.

Bert hätte es so gemacht, das ist ein überall herumgeflüstertes Geheimnis.

Aber dieser gefühllose Mensch da, der hier nichts bewundert und nichts liebt, täte der das auch? – Schwerlich, – nein, unmöglich! Der hat ja nur Augen für seine verdammten Zahlen. Wenn ein prächtiger Wasserfall niederrauschte wie der Lontschibach oder das Treppenwasser, so lauter wie Kristallglas, oder wenn sich das Echo in einer Felslücke fünfmal lachend überschlug, hat er da nur ein wenig Freude gezeigt? – Wer zum ersten Male an den Plättlisee kommt, staunt vor so blauem Wasser. Aber der Herr Manuß zog die Uhr hervor und fragte: Wie lange brauchen wir hinüber? – Welche Felsen hat er gesehen! Solche, die einem das Kinn gen Himmel reißen. Sagte er ein einziges Mal: Das ist schön? Und jetzt auf diesem Weg – immer hat er die Absätze und Säume untersucht und gebrummt: Es geht, es geht! – Ging's lieber nicht! – Und bei dieser kaiserlichen Rundschau hier oben, wo einem vor soviel Himmel und Erde die Augen schier überfließen, tut er so trocken wie der Schreiber in der Kanzlei zu Absom. O der! der! –

Ganz sicher, er wird die Bahn bauen. Er kann's! Und drum muß ich ihn auch so hassen! Den Landverderber! O die verfluchte Bahn!

Aber wenn ich es nun probierte und ihn bäte, den Plan nicht fertig zu machen! Es sei unmöglich! – Er hab' ja selber gesagt, das Zeug koste mehr, als er gemeint habe! Und wegen des Dammes habe er doch auch recht besorgt getan! – Ein eigentümliches finsteres Gesicht hab' er gemacht, sagten doch eben die Arbeiter drunten, als er das Ohr an den Boden legte. Ja, wenn ich ihn recht tapfer bäte? – Mir zuliebe! Denn er hat mich gern. Das merk' ich. Walter behauptet immer, er habe mir nach der Mordfluh einen Kuß geben wollen. Aber das war aus Angst, ich sterbe. Aber auch Ueli und Irmli sagen, er liebe mich so gut, wie wenn ich sein Bub wäre. – Vielleicht ist ihm ein Bübel gestorben, das mir geglichen hat. Nun, es muß schon so sein, daß er mich mächtig lieb hat. Denn gestern abend tat ich noch unverschämt grob mit ihm und heut hat er mich dafür mit keinem Wort gescholten. – Vielleicht, wenn ich ihm verspräche, artiger und lieber zu sein, würde er nachgeben. Ich würde sagen, daß ich ihm folgen wolle, daß ich gern mit ihm gehe, daß er mich wie seinen Buben anschauen dürfe, damit er den toten besser vergessen könne, – aber er dürfe da nicht weiter bauen.

Mang biß in den gebogenen Zeigefinger vor Eifer und Kampf. So ernst ward ihm zumute, daß er ganz blaß aussah.

Emil bemerkte in einer Pause seiner Berechnungen diese bleiche, leidende, aber seltsam entschlossene Miene des Jungen. Das rührte ihn. Ihm schien der Knabe weicher gestimmt als sonst. Er hat wohl etwas auf dem Herzen. Da schoß es ihm plötzlich wie eine Eingebung heiß auf: Jetzt, jetzt, sag' es ihm! – Hier, wo es nur wir zwei hören: Mang, du gehörst mir. Ich bin dein Vater! –

»Inschenier!«

»Was willst du?« fragte Emil bebend.

»Glaubt Ihr, die Bahn könne da hinauf?«

»Sicher! Das geb' ich jedem, der es will, schriftlich.«

»Aber das ist schad'.«

»Aha, du bist auch einer von denen –«

»Das ist furchtbar schad'! – Das tut mir weh!«

»Hör', lieber Mang! –«

»Sagt mir nie so, wenn Ihr uns das zuleide tut! Schaut, ich könnte Euch wohl am Ende noch lieb haben, wenn Ihr meinen schönen Berg in Ruhe ließet! Das ist unser Berg! Inschenier! Wir wollen ihn nicht den Fremden geben. – Hier wollen wir für uns sein. Nicht wie die Bündner oder die Berner Oberländer wollen wir werden, die vor Engländern und Amerikanern nichts Eigenes mehr haben. – Nein, nein, – seid still, bis ich fertig bin! – Laßt uns doch den Berg! Ihr wißt nicht, wie er uns lieb ist. Saget wie Bert, er koste zuviel Geld oder sei zu schwierig für eine Bahn. Sagt das, dann seid Ihr uns allen lieb! Sonst, – sonst –« Mangs Augen sprühten und zündeten unter den goldenen Wimpern hervor, und wie ein junger Wolf fletschte er mit seinen Schaufelzähnen, – »sonst hass' ich Euch all mein Lebtag!« –

Er war an Emil herangesprungen und reckte hoch wie zu einem Kampf den Arm. Laut schnaufte er aus dem aufgerissenen Munde. Er war größer als Emil. Auf sein Rothaar warf die Morgensonne ihr noch so frisches Gold, daß es aufglitzerte. Wie ein Arnold von Melchtal sah er aus. Aus der Tiefe summten die Kuhschellen und krähten die Dohlen in die lange Pause hinein. Himmel und Erde schauten ihnen zu.

Der Manuß war rot und bleich unter der Rede des Burschen geworden. Bis in die Zehen fühlte er das Zittern vor all dem Ungeheuerlichen, was er da vernommen hatte. Es war ungeheuerlich, zu denken, in einer Sekunde ende vielleicht sein, er allein weiß wie, unsägliches Leiden. Im nächsten Augenblick dürfe er von diesem rauhen Knaben hören: Mein Vater! – Ach, das war nicht auszukosten! – Aber auch ungeheuerlich und ganz verdammenswert ist diese Zumutung: die großartige Arbeit, jetzt, wo sie am kecksten und stolzesten wird abzubrechen. Er hat sie übernommen. Die wird fertig gemacht das geht bei ihm nun nicht anders. Das wär' schon lustig, vor diesem Steinhaupt, das gar nicht so schwierig zu erklimmen ist, zu sagen: Es geht nicht. Ich bin schwächer als der Absomer! – Wir, die Ingenieurs, wir, die Technik, wir, die Kunst der Geometrie, sind schwächer als dieser Kerl da! Torheit! Nach Jahren käme ein anderer und baute die Bahn doch hinauf. Einfach läppisch tut der Bub. 's ist eine Zwängerei, eine stierköpfige, wahnsinnige und kindische. –

»Ihr redet nichts, Ihr wollt nicht, – ich –« sprudelt Mang immer gehässiger hervor. »Ich –«

Auch im Manuß wirbelte das Blut auf. »Warte,« rief er, »höre mich jetzt um Gottes willen an!«

»So saget: Ja! Inschenier, nur das –«

»Mang, sei gescheit!« bat Emil, sich unter furchtbaren Nöten einige Ruhe erringend. »Von mir aus würde ich doch hier nie eine Bahn anlegen. Meinetwegen bliebe es hier still wie zu Adams Zeiten, wenn euch das wirklich besser gefällt. Ich habe den Plan nicht erfunden, zum Absomer eine Bahn zu führen. Ich sage nicht, man solle sie bauen, und sage nicht, man solle sie nicht bauen. Das geht mich nichts an. Ich tue nur meine Pflicht als Geometer. Das ist mein Fach, mein Beruf! Ich wäre ein Narrenhäusler, wenn ich wegen Freunden oder Feinden der Bahn mein Meßzeug einpackte und sagte: ›Euch zulieb oder zuleide tu' ich das nicht!‹ Dann gäbe es keine Ingenieurs mehr. – Und ich wär' ein Lügner und schämte mich vor jedem tapfern Menschen, der was in die Hand nimmt und fertig macht, und wenn's nur ein Nadelstich ist. – Verstehst du das?«

Immer eifriger und hitziger hatte er sich in die Empörung hineingeredet.

Mang tat kein Zeichen. Tief ließ er das dunkel gewordene, zuckende Gesicht hängen.

»Nein, das ist mein Fach,« fuhr Emil fort, »und du kannst mir's glauben, ein großartiges Fach. Oder dünkt es dich keine Menschenkraft, auf diesen Fels, wo man noch nie eine Gemse stehen sah, mit Lokomotive und Wagen voll Menschen wie durch die Luft hinaufzufahren? – Da sieht man doch, was der Mensch kann! Daß er stärker ist als der stärkste Berg. Alles kann er. Du, ist das nichts?«

Aber Mang machte eine unwillige, gehässige Gebärde, wie: das sei alles Schund.

»Sag' nein, wenn du kannst,« donnerte ihn jetzt der Ingenieur aufgebracht an. »Beweisen muß man, nicht immer behaupten wie ein altes Weib.«

Mang hielt die Hände vor die Ohren, um nichts mehr zu hören.

Da trat der brennende Mann mit zerquälten, wütenden Augen auf den Trotzkopf ein. Der wich zurück, rückwärts und rückwärts bis an den schwindlichten Rand. Fast stand er mit den Absätzen der Holzschuhe in die Luft hinaus. Aber man sah ihm an, daß er sicher darüber hinaus in die graue Leere träte, wenn der Verhaßte auch nur noch einen Schritt näher käme. So voll Abscheu und Wut war er.

»Komm herein!« schrie Emil entsetzt.

»Rührt mich nicht an!« keuchte der Jüngling und drohte und blitzte mit den Augen wie ein Gewitter. »Steht!« –

»Herein! befehl' ich dir,« brüllte Emil. Bachnaß wurden seine Hände vor Angstschweiß. Wie angewurzelt stand er. Keinen Zoll wagte er weiter. Und doch meinte er, seinen Sohn halten zu müssen, so zu äußerst am Rand klebte er.

»So laßt die Bahn sein,« gebot Mang und spannte die Arme aus, als wollte er rückwärts in die Luft hinausfliegen.

»Mang, Mang, ich lieb' dich wie mein Kind, aber –«

»Ächch!« stieß Mang hervor und spie voll Ekel über den Platz.

»So wirf dich hinab, du Fratz!« rief Emil jetzt sinnlos vor Zorn und Schmerz. »Meinst du, ein Mann werde kindisch vor dir? Wirf dich nur hinab! Ein Tollhäusler verdient's nicht besser.«

Da Mang starr stillestand, trat der Ingenieur ohne Überlegung herzu, riß ihn vom Rande in die Mitte hinein und schüttelte ihn ingrimmig an den Achseln, daß der Knab schwer in die Knie sank.

Dann ließ ihn Emil los. Zitternd an allen Gliedern, raffte er schnell den Hut und das wenige Meßzeug am Boden zusammen und suchte die Randstelle, wo er auf die Kuppe geklettert war. Es flirrte und flimmerte vor seinen Augen. Doch, sieh, da war die Lücke! Er sah nicht mehr, wie Mang sich erhob, einen Schritt vortrat und wie er den Mund zu einem Wort öffnete. Nein, er kniete in Hast ab, ließ sich über den Rand rutschen und glitt sehr unvorsichtig, aber mutig und gegen alle Gefahr in seiner Wut gefeit, an den Schroffen und Scharten hinunter.

Mang blieb stehen, wie ein verhagelter Mensch. So hatte er Emil nicht gekannt. Wie ein feuerspeiender, furchtbarer Vulkan war er gewesen, ein prachtvoller, großartiger Mann. Wie hatten seine grünen Augen gelodert! Wie eisern war der Griff seiner Hände gewesen! Und alles, was er sprach, war mächtig, hatte gedonnert wie eine Lawine. Das sah er jetzt auf einmal. Alle Schwächlichkeiten des Manuß hatte dieser wunderbare Ausbruch des Zorns im Gedächtnis des Burschen ausgelöscht. Er kam sich von Minute zu Minute kleiner und glücklicher vor. Der Berg gefiel ihm nicht mehr, das ganze Gebirge erschien ihm gering, die Aussicht farblos, es ward ihm eng. Er riß das Halsband auf, warf sich in die Steine und würgte und schluckte wie einer, dem es ein Trost wäre, zu weinen, wenn er nur könnte.

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