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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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16

Alpnest Miezeler, im Absomergebiet, 6. Juli.

»Meine werte Frau und Herrin Sette!

Riegel Sie die Türe zu, setzen Sie Sich bequem: es wird ein langer Brief.

Sie glauben es nicht, aber es ist doch wahr: jeden Abend sagt Miggi, ich muß Setten schreiben.

›Was wollen Sie ihr schreiben?‹ frage ich.

›Das geht dich gar nichts an,‹ kommt es im Handkehrum zurück.

Dann frage ich natürlich nicht mehr und tue gleichgültig wie ein Stein. Und so bekomm' ich ihn. Und nun muß ich's hören und immer wieder hören: ›Sette sitzt unten am Rhein im todfrommen Basel. Ist das eine Luftkur? Heinz, glaubst du, daß ihr dort rote Backen wachsen? Wenn sie doch in einer Stadt hocken will, so soll sie ins Manußhaus. Dort sind wir daheim.‹

Das ist ein grober Ton. Aber ich sage Ihnen, es klingt eine leise Note von Heimweh nach Ihnen daraus. Ohne Lüge, Miggi hätte Sie gern hier. –«

Minchen zeichnete neben Frau Sette auf ein großes Papier ein Haus, so wie es eines als hohe Frau einst haben wollte. Es bemerkte leicht die Bewegung der lesenden Mutter.

»Was hast du denn auch?« fragte es belustigt und guckt in den vielblättrigen Brief. »Du zitterst ja wie eine alte Großmutter! – Ei, das sind Heinzens große Buchstaben. Schreibt denn der so gruselige Sachen?«

»Warum nicht gar! nur Kleinigkeiten stehen darin. Was du nicht alles meinst!«

Aber Minchen nimmt sich stramm vor, Mutter zu beobachten. Und so oft sie froh dreinschaut, will es eine Sonne, aber wenn sie unliebe Miene macht, eine schwarze Wolke über den Giebel seiner Wohnstatt malen. Also!

»Da sind wir schon drei Wochen oder vier oder fünf – man hat hier keine Uhr – in den Bergen, hoch über dem letzten Baum und Gras, selbst über den Vögeln, in lauter stummem Gefels, und messen und rechnen und zeichnen auf Karten. Und die Zahlen und Instrumente sind so leblos wie dieses Riesengetrümmer um uns. Dazu sind wir oft tagelang in einen Nebel so dicht wie in ein graues Spinnennetz verwoben. Mit allem Zappeln und Krabbeln kommen wir nicht eine Minute früher heraus, als es diese eigensinnige Spinne will. Und vor dieser entsetzlichen Stille und Leblosigkeit meilenweit wird einem unheimlich und bang. Man verlernt das Reden. Und das wenige, was man spricht, klingt in dieser Einöde wie aus einer andern Welt. So bekommt man – auch Emil! – nach und nach einen großen Hunger nach Menschen, besonders nach den gewohnten, vertrauten, heimischen.«

Sette lächelte leise. Dieser unverbesserliche Poet! – Aber Minchen malte eine kleine Sonne aufs Papier.

»Wenn Mang, unser junger und gescheiter Gehilfe, zwischen zwei Steinblöcken, die dem Wind wehren, ein Feuer anzündet, und wir Tee daran absieden, und es dann so kräuspelt und knattert in den Scheitern, und der Rauch mit hundert spaßigen Grimassen verwirbelt, dann haben wir es ein Stündchen lang gemütlich. Denn wir denken an eine bequeme Stube, an appetitlichen Küchenduft und an einschenkende liebe Hausfrauenhände.«

Wieder kugelte eine kleine Sonne in den Minchenhimmel.

»Und so unter grauem Stein, und man darf wohl sagen auch ähnlich grauen und versteinerten Alpmenschen lebend, ohne den kleinsten Schein eines Zöpfleins und ohne die spärlichste Gnade eines Frauenlächelns; – sehen sie, da geht es auch dem Sprödesten ans Herz. Man fühlt sich wie Adam, da er noch allein war, nur bei halbem Leben und ruft laut oder leise der andern Hälfte.

Wenn das schon mich, den Hagestolz, trifft, der doch unter das heillose Kapitel ›Weiblichkeit‹ einen dicken Strich gezogen hat, und so schwer trifft, daß ich ums Leben gern wieder einmal einen seidenen Rock rauschen oder ein süßes Frauenhaar riechen möchte, wie muß es dann erst den Verheirateten und von ihren Gattinnen sorglich Gehegten hier zumute werden? Auch Miggi kann nichts dawider. Alle seine Sprödigkeit hält hier nicht stand. Auch diesen kühlen Adam verlangt nach seiner Eva. Wahrhaft, ich lüge nicht, die Sache ist mir und Ihnen gar zu ernst.«

Frau Sette mußte im Lesen innehalten. Ihr wirbelte es um die Augen. Ihr Gesicht ward bleich, und schaudernd zog sie die Achseln ein. Sie fühlte das Schicksal, dem man nicht rufen, nicht wehren kann, mit jäher, aber längst erwarteter ununwiderstehlicher Hand aus diesen paar Böglein Papier langen. In dieser Sekunde, kein Zweifel, entschied sich etwas Großes. – Minchen aber malte nun endlich auch einmal gern eine Wolke übers Dach. –

»Kurz und gut, Emil wird Sie bald zu uns herauf rufen. Vielleicht noch zehn, vierzehn Tage. Dann ist er mürbe und schreibt. Ich tue nichts dazu. Aber zählen Sie auf meine Weissagung!

Das ist die Wohltat der Berge, Frau Sette! Sie machen ernst und nachdenklich und zwingen zur Selbsteinkehr. Und dann säubern und läutern sie mit ihrer klaren Luft und ihrem Fegewind und strecken das krüppelige und bucklige Wesen in uns gerade und recken es aufrecht zu ihren Gipfeln empor. Alles wird größer bei diesen großen Gesellen, unser Denken, Urteilen und Lieben. Wie Basartrödel kommt einem das meiste vor, was uns früher als Monument galt. Ich sag' Ihnen, diese Brise hier oben schmeißt einem den Schnickschnack der Kultur spurlos in die Winde. – Ah, Sie stochern mit Ihren kleinen Pantoffeln im Teppich und werden ungeduldig. Also nichts mehr davon! Es wird darüber ein eigenes Kapitel in meinem Werke sieben. Bald ist's halb fertig. Ich hoffe doch, es werde mit einem neuen Schritt in die Welt rumpeln. Schon der Titel wird aufhorchen machen: Montes sani et sacri – Die gesunden, heiligen Berge! – Bumm!« –

Jetzt mußte Sette wirklich laut lachen, wie's Heinz vermuten mochte. Eine gewaltige Sonne spazierte über Minchens Hausdach.

»Lachen Sie nur mit Ihrem kirschdunklen Mäulchen. Aber Miggi hat doch diese gesunden, heiligen Berge erfahren. Sie würden ihn manchmal recht merkwürdig finden.

Er herrscht mich zwar an und scheltet wie immer. Ja, heftiger als zuvor. Aber das ist's eben, er hat seine große Kühle verloren. Sonst stand er immer auf Null Grad Celsius. Jetzt schießt er bald hoch in die Hitzen, bald tief ins Eis. Kurz, alles Ruhige ist ihm abhanden gekommen. Langsam und hastig, frech und zaudernd, übermütig und niedergeschlagen sieht man ihn jetzt in der gleichen Stunde.

Sind das die gesunden, heiligen Berge? werden Sie spötteln. O Vorwitz aller schönen, jungen Weibchen! Lassen Sie mich doch eins ums andere abhaspeln!« –

So sauersüß sah Sette bei diesem Satz darein, daß Minchen diesmal mit seiner Astronomie ratlos blieb. »Ist's lustig oder trüb?« fragte es darum.

»Nein, ernst, recht ernst!« spricht die Frau und bläst den letzten Anflug von Lächeln von sich. Gut also, wieder eine große, schwere, kaffeebraune Wolke!

»Zuerst fing es nämlich damit an, daß Emil eine Felswand erkletterte, wo von Hunderten neunundneunzig elend abstürzen mußten. Er sagte mir selber hinterdrein, er habe den Tod nicken sehen. – Übrigens ein feines Wort! – Und er wundere sich, daß er nicht eisgrau in jener Stunde geworden sei. Zwei leichtsinnige Jungen gingen mit. Und das war das Schreckliche: die Angst und Verantwortung für die zwei! Bis die im Sichern waren! – Viele im Ländchen können es Emil heut noch nicht verzeihen, daß er mit ihrem jungen Blut so aufs Geratewohl zwischen Leben und Tod herumturnte. Seit jenem Abend an der Mordfluh, dünkt mich, ist Miggi verändert, in sich versunken, düster, unsicher.

Einer von den Jungen – eben dieser Mang – blieb bei uns und macht sich mit tausend kleinen Arbeiten nützlich. Bert brauchte ihn schon. Für den ist Emil nun ganz Aug' und Ohr. Gerade als müßte er jetzt noch wie bei jener Kletterei das Leben dieses Knaben behüten. Er müht und sorgt sich um ihn fast wie eine Mutter. Und doch ist dieser Bauernjunge gar nicht fein gegen meinen Herrn. Aber je stolzer und unholder er sich gebärdet, um so milder benimmt sich der Ingenieur, und je weniger Mang von Emil will, um so mehr Freundlichkeit wirft ihm der nach. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß der stolze Manuß solcher Demut fähig wäre. Ich weiß nicht, ist es das Gescheite oder Unverbrochene und Trotzige im Buben, was Emil so anzieht. Denn im übrigen kennt der Knab' nur eine ledige Mutter, die als ausgeschämtes Weib verrufen ist. Jüngst hieß es, sie sei an Zwillingen gestorben und habe noch in den letzten Augenblicken unter der Decke nach einer Mundorgel gesucht und damit auf den Estrich hinaustanzen wollen. Das war Klatsch. Aber schwerkrank ist sie, und unser Helfbub arbeitet gern fern vom Dorf in den Felsen oben, wo er die bösen Zungen und bösen Augen des Dorfes nicht fürchten muß.

Er ist übrigens ein ehrenhafter, feiner und kluger Jüngling, den alles im Tal und Gebirg' liebt. Aber stolz! An mich hat er noch keine drei Worte verloren. Ich bin ihm Luft.

Wenn Mang bei uns ist, so arbeitet, plaudert und spaßt Emil, als müßte er uns die Zeit in der Einöde kurz machen. Dann rückt das Werk. Wir sind nun schon am Hals des Absomers. – Aber wenn Miggi und ich beim Regentag allein in dem Hüttlein sitzen, dann schwatzt er stundenlang kein Wort oder wird einfach unerträglich. Den Abend nehme ich aus. Dann hocken wir im selbstgezimmerten Hüttlein, das man wie ein Spielzeug auseinandernehmen und wo man will aufstellen kann. Miggi liegt auf der Matratze und sieht zu, wie ich den Kaffee über dem Spiritusapparat braue. Dann wird er gemütlich und fängt an zu reden von einer gewissen seidenkätzchengrauen Frau Sette und einem kleinen Vögelchen Mine, und dann geschieht es immer, daß er sogleich einen Brief schreiben will und doch nicht schreibt.

Dafür fragt er mich, ob Minchen sich wohl getraute, in diese Steine hinaufzuklettern? Oder ob die herrliche Luft da oben nicht auch einer Frau Sette Manuß wohltäte? Sie könnte ja zuerst in Absom bleiben. Da ist sie elfhundert Meter über Meer. Dann stiege sie ins Nestchen Miezeler hinauf, wo dieser Brief mit Käse und Zieger und Butterballen ins Dorf hinunter auf die Post getragen wird. Und so sachte, sachte, gewöhnte man die liebliche Dame an unsere Höhe von 2200 und einigen Metern.« –

»Wie du atmest, Mütti,« ruft die Kleine, »ich glaub', der Heinz schreibt dir spaßiges Zeug.« – Sie gibt es auf, neue Sonnen zu malen. Ihr Häuschen würde ja versengt und verkohlt wie ein Walliserstadel.

»Was ist's denn?« fordert sie weiter und schlägt Fäustchen auf Fäustchen.

»Er sagt, wir sollen zu Vater kommen!« –

»In die Berge hinauf? – Juhui!« Minchen schüttelt vor Freude Settens Ärmel, daß es kracht, und schreit: »Wir gehen, gelt, wir gehen! Soll ich einpacken –?«

»Kind, Kind, laß mich doch zuerst den ganzen Brief lesen. Dann sag' ich dir alles.«

»Aber wir gehen.«

»Vielleicht!«

»Sicher, ganz sicher!« jubelt die Kleine und hat die Augen schon voll Schnee, Alpenrosen und Wasserfälle.

»Kurz und gut,« fährt der Brief fort, »Emil wird Sie bald zu uns herauf rufen. Vielleicht noch zehn, zwölf Tage. Dann ist er mürbe. Zählen Sie darauf!«

Frau Sette nimmt ein weiteres Böglein. Sie nimmt es andächtig. Aber auch die andern gelesenen hält sie fest. Dieses Papier ist alles wert. Es soll ihr nicht aus der Hand fliegen, etwa wie ein Märchen, das auch so wunderbar und ungerechnet kommt und geht.

»Ja, dann ist er mürbe von diesem Alleinsein und Ungepflegtsein, müd' von diesem Gefels und Gewölk. Daß er diesem Mang so nachläuft, ist mir ein unwiderleglicher Beweis, wie sein lang vergrabener Familiensinn erwacht ist und nun sehnsüchtig in die Knospen schießt. Es hat dazu kein Kleines, eine schwere Lebensgefahr und eine mächtige Einöde gebraucht. Das alles kommt mir wie ein Wunderfinger aus den Wolken vor.«

Sette ist gerührt, auch ihr schwant von etwas Himmlischem.

Minchen war indessen leise aus dem Zimmer geschlüpft und leerte ihre Kasten und packte allerhand zusammen in ein Köfferchen.

»Noch etwas! Die Leute hier lieben den Ingenieur nicht. Er ist ihnen zu herrisch. Man haßt ihn beinahe wegen seiner tapferen Fortschritte am Absomer. Denn das gewöhnliche Volk will beileibe keine Bahn. Es hoffte von Bert und Emil zuletzt zu hören, der Absomerkegel sei unüberwindlich. Besonders die Älpler und Jäger, Bergführer und Kutscher und Fuhrleute schworen darauf. Teils aus klebriger Verehrung für alles Alte, teils auch aus Engherzigkeit gegen die Fremden sträubt man sich so sehr gegen die Absomerbahn. Nur die wenigen Industrieherren, freilich die regierenden Leute dahier, und ein paar Gastwirte und etliche Bauern, die an die neue Bahn von ihrem Gebiet teure Landstreifen verkaufen können, nur die sind dafür. Emil schaut natürlich weder auf die einen noch auf die andern. Aber man ahnt hier allgemein, dieser zähe Mann werde den Berg bezwingen, und darum achten sie ihn wie einen argen Gewaltmenschen und Zerstörer. Ihm ist das gleichgültig. Die finstern Mienen, das grußlose Vorbeigehen, wo sich hier doch alles grüßt, und das tückische, dräuende Nachblicken beachtet Emil wohl gar nicht. Aber mir macht's Kummer. So ein unverdorbenes Volk ist gefährlich wie irgendein ungebrochenes Element der Natur. Wenn's in Zorn gerät, gibt's ein furchtbares Unwetter. Es macht die Lage nicht günstiger, daß die paar Herren, unter ihnen der allmächtige Broller, dem Ingenieur allwöchentlich zu seinen Erfolgen gratulieren und ihn Sonntags zu Gaste laden. Denn sie alle und am meisten der Aktienpräsident Broller sind auch genug verhaßt.

Aber so ein bißchen unheimlich kommt dem Miggi schließlich dieses dumpfe, grollende Benehmen der Leute doch auch vor. Er fühlt, daß er ihnen ein Fremder und mehr, ein Feind, ist. Und da tasten denn seine Hände unwillkürlich nach Menschen, die ihm nicht fremd und nicht feind sind. Er sucht instinktiv Festigung seiner Lage durch Freundschaft – Liebe. Schon sein väterliches Bemühen um Mang kommt mir vor, als möchte er aus dem allgemeinen Haß des Volkes wenigstens hier ein Fünklein Freundschaft retten. Dünkt Sie das nicht rührend? Ist er nun einmal mürbe, dann, beste Frau, holt er Sie. Sie müssen ihm ein ganzes Volk von Abneigung und Haß durch Ihre Liebe aufwiegen.

Nicht wahr, das hätten Sie nicht geträumt, daß es so kommen könnte? Aber es ist so. Wenn Sie dann bei uns sind und diese Leute und Berge und Herrgottsstille hier oben kennen lernen, dann begreifen Sie mich eher. Und wenn nun alles so geschieht und der Ruf an Sie ergeht, dann zögern Sie keine Minute und zieren Sie sich nicht, sondern nehmen Minchen an der Hand und eilen zum Schalter: Basel-Absom! – Ich glaube fest, nach dem Leben der Kühle kommt jetzt das Leben der Wärme, nach der Härte die Hingebung, nach dem Verstand das Herz. Ja, das Herz, woran ich bei Emil nie gezweifelt habe, aber wovon wir so lange umsonst die Goldadern suchten, jetzt, Frau Sette, ist dieses Herz Emils entdeckt. Das war in der flachen Stadt unmöglich. Das vollbrachten die reinen, tapfer, heiligen Berge.

Fast wie ein Gedicht klingt das. Aber ich kann nur wiederholen, es ist so, es ist so! – Gelobt sei der Allmächtige, der solche Herzen und solche Berge schuf!« –

Das feine, glitzrige Haar Settens kräuselt sich leise hoch auf, und eine süße Feuchte schwimmt über ihre seidengrauen Augen. Ihre Brust wogt auf und nieder, als liefe ein Erdbeben durch ihr gesamtes Wesen. Und dann neigt sie das Köpflein und nickt ein dankbares Ja nach dem andern in den Brief hinein.

Ach, die Liebe! Wie viele felserne Entschlüsse der Unabhängigkeit hat sie gerade in den letzten Tagen gefaßt, welchen Stolz und Frauentrotz hat sie entfacht und sich zu einer wohlverschanzten, schwer verpanzerten und tüchtig armierten Festung gemacht, die sich keinem Manne mehr ergeben wird. Und nun vor diesen paar Blättlein Papier sinkt das gesamte großartige Bollwerk wie ein Kartenhaus zusammen. O wie sie Emil liebt! Wie am Tage des ersten Kusses! Wie am Altar! Oder wie damals, als sie ihm mit dem gelben Seidenkleid eine so rührende Falle legte! Mit sieben Riegeln hat sie sich gegen diese Liebe versperrt. Und nun hat dieses Brieflein alle sieben Türen mit einem Ruck aufgesprengt. Zwar, sie kann sich Emil nun einmal nicht vorstellen, daß er lache, sie innig umarme und von Herzen küsse. Aber sie stellt sich ihn jetzt auch gar nicht so vor. Sie denkt nur: er will mich, – er hat meine Liebe nötig, – er will geliebt sein. Ja, jetzt bin ich endlich notwendig! Zum ersten Male notwendig in seinem Leben! O wie das ein herrliches Gefühl ist, einem Geliebten notwendig zu sein! Fürwahr, dieser Brief ist ein Gedicht! So eine wunderbare Poesie habe ich noch nie gelesen, wie die Zeilen dieses Heinz.

Sie vergießt unter Lächeln Tränen und hört nicht, wie Minchen das Köfferchen über den Boden zu ihr schleift und nun wartet, bis sie – erwache. Sie hört nur diese Poesie, diese Musik, diese neue, herrliche Liebe.

Aber da steht immer noch etwas. Heinz schreibt: »Ich würde sicher nicht solches berichten, wenn ich meiner Sache nicht so gewiß wäre, wie ich der Sonne am Himmel zu Mittag gewiß bin. Aber hören Sie, was den letzten Anstoß zu diesem Briefe gegeben hat: Gestern abend kamen wir von der Arbeit verregnet und bis in die Knochen erkältet zum Hüttlein zurück. Mang wollte sogleich zu den Sennen hinüber, wo er schläft. Aber Emil bat ihn, mit uns zu Nacht zu essen. Während ich einen Tee kochte und die Konserven zurichtete, saßen Emil und Mang still gegeneinander. Um die Bretter unserer Baracke heulte der Wind, daß die Flamme meines Spiritusapparates schier den Atem verlor. Oft meinten wir, der Sturm wolle unser Häuschen auf den Kopf stellen und in die Abgründe schleudern. Es war mir nicht mehr geheuer. Da begann plötzlich folgendes Gespräch: ›Mang, warum redest du gar kein Wort?‹

,Ich bin's so gewohnt.'

›Aber dann müßtest du mich nicht so böse anschauen, als ob ich dir etwas zuleide getan hätte.‹

›Ihr tut mir auch viel zuleide,‹ kerbte Mang mit erbleichendem Gesicht zwischen seinen Schaufelzähnen heraus.

Jetzt, Frau Sette, brauste Emil, so wie Sie ihn kennen, furchtbar gefährlich auf, nicht wahr? – Im Gegenteil, so milde, daß mir ganz wunderbar ward, sagte er: ›Wenn ich dir etwas zuleide getan habe, so sprich, was war's, und ich will dir Abbitte leisten.‹

Mang hielt betroffen inne.

›Also, was tat ich dir Böses?‹

Der Bub' steht auf, rollt die Augen, ringt um Atem und keucht los: ›Ihr zwingt mich, – Euch zu helfen, – da immer bei Euch zu sein, – wo ich Euch doch nicht leiden mag, – und – und‹ schon schluchzte er, ›und für die Bahn zu arbeiten, wo ich sie doch in den Boden hinein verfluche – und – und Ihr seid ein Herr, – auch so ein Leuteregierer, – so einer –‹

Mit einem Wort, dieser ernste, stille, kluge Junge tat wie verrückt und rannte bei den letzten Worten hinaus in Wind und Schnee. Weiß wie Kalk hörte Emil zu. Dann lief er ihm nach. Aber er kam allein und bleich und erschöpft zurück. Vor dem Schlafen sagte er: ›Sette und Minchen müssen unbedingt heraufkommen!‹

Ich nickte und sprach: ›Ja, Miggi, man muß da oben etwas Liebes um sich haben.‹

Da funkelte er mich wieder einmal so katzengrün an. Warum? Er konnt' es nicht leiden, daß ich ihn so gut verstanden hatte. Hierauf redete er davon, wie man Sie und den Fant hier am bequemsten unterbringen könne. Müd' schlief er unter allem ein, aber tat fast unruhiger im Schlummer als vorher. Ich konnte nicht Ruhe finden. Das Gehörte alles ging mir wüst mit dem Wind und Wasserlärm durch den Sinn. Plötzlich hörte ich etwas Seltsames. Aber das war da innen gewesen. Ich zog das Hängelämpchen auf Emil herunter, und – Frau Sette, Frau Sette! – dem Manne von Stahl quirlten unter den langen Wimpern kleine, feine, glänzende Tränentröpflein hervor. Emil hatte geschluchzt. Glauben Sie, daß ich Mühe hatte, nicht auch zu weinen. Lang noch betrachtete ich den Lieben. Sein Gesicht kam mir auf einmal schmaler, magerer, sozusagen abgehärmt vor. Etwas wie eine große Marter zeichnete sich darin ab. Das alles, sagte ich mir, kommt nicht von der Arbeit des Kopfes allein, sondern vor allem von der Arbeit des Herzens, seines wiederentdeckten Herzens.

Ich setzte mich ans wackelige Tischchen und schrieb diesen großen Brief. Nun klebe ich ihn zusammen und gebe ihn morgen früh dem Käser, der ins Tal geht. Möge er Ihnen viel Freude machen! – Und wenn dann der andere kommt, von einer hundertmal liebern Hand, Frau Sette, dann bitte, kommen Sie auf den schnellsten und gütigsten Füßen, auf denen je ein Weibchen seiner Liebe entgegengesprungen ist.

Ihr getreuer Diener Heinz.«

»Mutter, jetzt lauf' ich davon, wenn du mir nicht antwortest.«

»Was, Herzchen, was denn, mein Schelm!« sagt Sette lachend und küßt Minchen stürmisch auf Mund und Backen. »Natürlich gehen wir zum Vater in die Berge! Ich hab's ja schon gesagt, zehnmal gesagt.«

»Nein, du hast immer nur gelesen und gelesen und kein Wort gesagt,« schmollte das Kind. »Da sieh, ist's recht? – ich hab' schon eingepackt.«

»Und ich hab' dir hundertmal gesagt, wir gehen zum Vater in die Berge.«

»Juhei!«

»Komm, wir wollen die Schuh' nageln lassen!«

Das Papier mit den wenigen Wolken und den zahllosen Sonnen lag am Boden. Sie schritten darüber hinweg, selber wie zwei unbewölkte, lachende Sonnen, eine große und eine kleine, aber gleich hell und golden.

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