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Gutenberg > Heinrich Federer >

Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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15

Mang ging langsam aus dem Dorf durch die Wiesen. Ein kleines Sträßchen führte zwischen wilden, dornigen Kirschbäumen zum Waisenhaus. Er kannte es gut. In diesem von Eschen ganz verschatteten, braunholzigen, umfänglichen Gebäude hatte er elf Jahre lang als armes Kind unter armen Kindern gelebt, war bei viel Milch und Brot und wenig Liebe so groß, stark und klug geworden, daß ihn das Waisenamt dem Wirte und Ratsherrn Ueli gegen hundertsiebenzig Franken Jahresvergütung verdingen konnte. Außerdem mußte Ueli zu Tisch und Bett dem Buben noch je ein Werktagskleid aus Barchent und ein feiertägliches aus halbwollenem Stoffe geben.

Der Rothaarige setzte sich auf ein Bänklein unterwegs. Er verzögerte den Besuch bei seiner kranken Mutter, solang er konnte. Er hat ja alle Achtung und Liebe zu ihr verloren.

Bis ins fünfte Jahr hatte er geglaubt, seine Eltern seien tot. Da, an einem zweiten Brachmonat, zog ihn der Waisenvater nach Vesper aus dem Spiel der Kinder ins Besuchstübli. Dort stand eine große, schöne Frau mit braunrotem Haar schnell vom Stuhl auf, sprang auf ihn zu, faßte seine Hände und fragte mit heimlichem Lachen: »Mang, gelt, kennst mich!« – Er wollte davonlaufen. Aber sie herzte ihn und sagte: »Gelt, kannst mich gern haben?« – Endlich entsprang er zur Türe, zürnend und heulend. Da aber versperrte ihm der dicke Waisenvater den Weg, führte ihn zur Frau zurück und sagte: »Das ist deine Mutter!«

Ruhig wandte er sich dann und ging hinaus.

Mang versuchte nicht mehr zu entkommen. Die Frau mit einem eiligen Glanz der dunklen Augen und der tief roten Wangen zog ihn fest zum Sessel, zwang ihn in ihre Knie und brodelte tausend schöne, überraschende Sachen hervor. Er sei ihr Bub. Und schön sei er und groß! Ganz ähnle er ihr. Sie liebe ihn. Jetzt, sogleich, müsse sie ein Küßchen von ihm haben. Warum er sie so anstarre? Er fürchte sie am Ende gar? Durchaus nicht fürchten müsse er sie. Da hab' sie ihm was in der Tasche. Aber erst ein Küßchen! Sonst gebe sie nichts herfür. Ein Geburtstagsküßchen. Heut sei er fünfjährig. Schon fünfe, und groß wie ein zehnjähriger! – Wie, er wolle noch nicht? Nun, da, da soll er einmal schauen, was für ein Nastuch sie in Mattli für ihn gekauft habe. Sie breitet ein großes, honigfarbenes, nagelneues Nastuch aus, wie die Sennen ein solches statt eines Gurtes umbinden. Es ist mit Kälblein und Schafen bedruckt, mit Alpenrosen, Edelweiß, Viehschellen und Stall und Fels. Sie legt diese Alpenherrlichkeit auf seinen Knien aus und lockt: ob er jetzt wolle? Nur ein einziges Küßlein? Sie spitzte ihm schon den Mund entgegen. Dann, als er noch immer bockstill stand, warf sie das Tuch zu Boden und fing an, überlaut zu weinen. Aber im Nu hatte sie wieder trockene Augen und zog eine ihrer dunkelroten Haarflechten über die Schulter. Die hielt sie an sein rotes Kraushaar und sagte: »Glaubst du nicht, daß ich dein wahrhaftiges Mutterli bin? So sieh doch, wir haben ganz gleiches Haar, so rot wie Buchenharz!« – Noch stand er ein Weilchen stumm da. Aber dieses Haar, so rot und glänzend wie dunkles Buchenharz, wirkte so mächtig, daß er gar nicht mehr widerstand, als sie aufs neue ihn liebkoste und küßte. Er glaubte nun an diese Mutter. Doch seine Lippen blieben kalt und gaben ihr nichts, gar nichts.

Von da an dämmerte ihm das eigene Leben immer deutlicher auf, bis es voller, unfroher Tag war. Es kam das Sticheln und Verspotten und Nachrufen der Kleinen, es kam das Mitleiden oder Verachten der Großen und die tägliche schmerzhafte Erfahrung, daß er den gemeinsten ehelichen Kindern nicht ebenbürtig sei. Kein Vater und eine verschriene Mutter! – Da fing er denn an dreinzuschlagen und seinen großen Händen und flinken Füßen Achtung zu verschaffen. Das half. Sein Ansehen wuchs, so wie er über die andern hinauswuchs. Und da er am bäldesten las und fein erzählen konnte, überhaupt in der Schule der beste Kopf war, so freuten sich alle an ihm. Auch die Lehrer. Was hat der Bub wohl für einen geschickten Vater, daß er so seltsam gescheit ist? fragten sie sich heimlich. Mang lachte selten und je mehr er las und lernte und mächtige Geschichten erfaßte, um so weniger redete er. Er ging seine eigenen Wege und duldete nur Walter noch etwa um sich, der ihm mit leidenschaftlicher Freundschaft ergeben war. Aber gütig war er gegen jedermann. Jahrelang hütete er die Dorfherde in der Sömmerungszeit. Da sann er viel in sich hinein und bekam einen schier finstern Ausdruck. Seine blaugrünen Augen, die immer halbverdeckt unter den langen, roten Wimpern lagen, verrieten, wenn er aufblickte und redete, wie gescheit und stolz und unabhängig er war. Ja, er wurde stolz. Nicht, weil er ganz gut wußte, wieviel mehr Talent und Tiefe er habe, als alle die Mitschüler zusammen, denen er wegen seiner Armut nicht in die Realschule folgen durfte; und nicht darum, weil es ihn heiß drängte, immer mehr und mehr zu wissen, während die Kameraden schon satt schienen. Nein, er meinte noch immer, daß die andern ihn heimlich geringer achten und glauben, er müsse froh um die ehelichen Gespielen sein. Und darum wurde er nun der Stolze, der selten einem Bescheid tat, keinem nachlief, sich suchen ließ und in Wahrheit sie alle durch diese Kraft überwand. Selbst den stolzen, regiererischen Walter Broller.

Nur mit den Kleinen im Waisenhaus war er lieb und rührend zärtlich mit den Tieren. Er konnte stundenlang mit einem Hunde reden. Sie kannten ihn auch. In ganz Absom bellte kein Köter gegen ihn.

Bei Ueli wurde er dann mit den Kronenkindern, dem lustigen, leichten Seppli und dem scheuen, aber zähen Irmeli fast geschwisterlich vertraut. Hier wurde er auch Walters inniger Freund. Uelis Mutter und Walters Großmutter waren Stiefgeschwister gewesen. Überdies war Vetter Ueli Walters Taufpate. Da lief denn der junge Broller gern von den Schreibpulten und Stickereiballen des Vaterhauses hinüber in die kurzweiligen Gasthausstuben des Vetters Götti oder in seinen Stall zu den Rossen oder in seine Wiese zum Vieh und trieb allerlei lustiges Zeug mit Seppli und Irmeli und den vielen Leitern, Seilen und hundert Ecken der unendlichen Scheune. Hier überall arbeitete Mang vom Morgen bis Abend. Und Walter half auch mit oder sah zu und vergaß beim ernsten, stillen, in seiner Art so großartigen Waisenhausknaben all den herrischen und quälerischen Mutwillen, den er sonst an der übrigen jungen Welt so gern ausließ. Er liebte Mang nach und nach mit seinem ganzen, zwar etwas leichten, aber innerlich guten und sonnigen Herzen. Sonntags hörte er gern den Musikanten im Wirtshaus zu oder veranstaltete ein Tänzchen unter den Gespanen, wenn's irgendwie anging. Auf Irmeli hatte er es früh wie ein Freier abgesehen. Das Mädchen war sein Abgott. Mit ihm und Mang verbrachte Walter manchen Sonntag nachmittag mit Lesen und Geschichtenerzählen. Mang verführte Walter zu furchtbar strengen Historien, und umgekehrt zwang dieser den Mang zum Fußballspiel, Flobertschießen und Militärien. Nur war Mang ein schrecklich ernster Spieler und Walter ein furchtbar loser Leser.

Mit seiner Mutter kam Mang selten mehr zusammen. Sie diente in der Saison in Fremdenhotels auswärts, im Winter als Aushilfsmagd im Land herum. Aber immer, wenn sie ihn sah, lachte sie zuerst und weinte zuletzt. Weil er so großartig dastand, lachte sie, und weil er so finster und karg tat, weinte sie. Hie und da brachte er einen Sonntag mit ihr zu. Sie kam dann in Uelis Haus und aß mit der Familie. Auch an der Kirchweih im Herbst und an den paar großen Tanzsonntagen half sie auftischen und die Gäste abwarten. Oft sah dann Mang, wie sie von diesem oder jenem Zecher in den Arm gekniffen wurde und üppig lachte. Oder wie man ihr Unfeines und Sonderbares ins Ohr tuschelte und sogar laut zurief. Das tat ihm weh wie ein tiefer Nadelstich. Aber wenn sie dann ihre goldbraunen Augen weit offen behielt und auch etwas Freches ohne Erröten erwiderte, so gab es ihm einen Stoß wie von einer Lanze.

Dann kam Walter nicht gern ins Haus. Wenn getanzt wurde, freilich, konnte der hübsche Mädchennecker nicht gut fehlen. Tanzen war ihm eins und alles. Am liebsten schwang er den Walzer mit Irmeli. Es war nämlich in Absom alter Brauch, daß an den Tanztagen von vier bis acht Uhr die Schulkinder den Saal beherrschten und schlecht und recht zu Geige und Hackbrett herumwirbelten. Aber statt um acht Uhr kamen schon um sieben ältere Tanzleute dazu, zuerst eine achtundzwanzigjährige Jungfer, die noch immer nichts geangelt hatte; dann ein zum erstenmal rasierter Jüngling; dann zwei Verlobte vom vergangenen Samstag, die ihre Sohlen einfach nicht länger ruhig halten können. Gegen acht Uhr tanzt groß und klein wirr durcheinander, Kindheit und Reife, Blust und Frucht, Spiel und Leidenschaft. – Sie kreuzen und umschleifen sich, und zwischen der Welt, die noch nichts weiß, und der andern Welt, die zuviel weiß, drehen sich ein halbes Dutzend Halbwüchsiger, – immer Walter darunter! – schon in einem frühlenzlichen Ahnen und einer halben Verzauberung des Geschlechts.

Mang tanzte ungern, etwa einmal mit Walter oder Irmeli oder Seppli oder mit Walters stummer, aber tief musikalischer Schwester Zia. Sonst sah er lieber zu und sehnte sich wacker, bis es achte schlüge, wo Seppli, Irmeli und Walter mit ihm noch ein halbes Stündchen im Familienstüblein zusammenhockten und plauderten.

Das alles fuhr nun durch Mangs Kopf. Weg mit diesen Gedanken, sagte er sich, sonst kann ich nicht dort ins Haus!

Ins Sträßchen bog jetzt vom Dorf her ein Bübel gegen Mang. Weiter hinten blitzten silbern die Handgriffe eines Velos in der Sonne und es rief von dort eine lustige Stimme: »Lauf, ich komm', ich komm'!« – Worauf der Kleine erschrocken zurücksah, lachte und dann mit gestreckten Armen gegen Mang füßelte.

Der kam nicht aus seinem Sinnen. Er sah und hörte nichts vor dem heißen Musizieren jenes Kilbitanzes, an den ihn das Denken heut noch brennt wie ein lebendiges Feuer. Denn als nun Kinder und Große so durcheinanderhüpften, griff der reiche Broller, Walters Vater, ein Mann mit einem wundervollen bleichen Kopf und einem ebenso herrlichen, schwarzen Bart, aber mit Augen voll tiefer nordischer Bläue, griff er der servierenden Cäcilie an die Hüften und sagte: »Cäci, jetzt einen mit mir!«

Und sie in ihrer geraden, hohen, lustigen Schönheit streifte die Servierschürze ab und legte den Arm um seinen Nacken, den stierenhaften, und tanzte. Man sah, wie einige Männer, die tabakrauchend an den Wänden standen, einander spitzig oder roh zulachten. Walter aber begegnete im Hin- und Herfahren des Walzers plötzlich mit seinem umschlungenen Irmeli dem Vater, ließ sein Gespann fahren und ging hinaus.

Alles das hatte auch Mang gesehen und war schwer böse über die Mutter, den Broller und nicht weniger über Walter geworden. Er wollte ebenfalls nicht mehr zusehen und schlüpfte vom Hausflur in die Milchkammer, wo es trotz der glimmenden Kerze in den Winkeln sehr dunkel war. Ganze Batterien Bierflaschen und Körbe voll goldgelber Eierröhrli standen da herum.

Aber er war kaum hinter die Türe gesprungen, so hörte er etwas wie unterdrücktes Schluchzen. »Wer ist da?« rief er leise. In diesem Augenblick lief Cäcilie herein, der Broller hinter ihr. Er hielt sie am kurzen Samtjäcklein. Sie lachte und bückte sich mit einem Teller zum Backwerk. Da beugte er seinen herrlichen, bleichen Christuskopf zu ihr nieder und küßte sie so tapfer, daß es durch den ganzen Raum rauschte. Und sie legte die halbvolle Platte auf den Boden, umschlang ihn mit beiden Armen und küßte ihn auch.

»Herrgott, hast du noch ein Feuer!« sagte er lachend.

Mang lehnte wie tot hinter der Türe.

Sie aber sah dem Broller heiterselig nach, schichtete die gelben Kuchen zu einer hohen Beige auf den Teller und summte leise: »Allweil fidel, fidel, fidel, – traurig sein mag i nit, bei meiner See!'.« Im Hinausgehen netzte sie den Zeigefinger, tupfte damit vom Zuckerstaub und ging schleckend davon.

Mang wollte diesem Weibe im ersten Augenblick nachspringen und ihm die Faust in die verfluchten Zöpfe schlagen, daß es zusammenbräche, so sinnlos wütend war er. Aber da er hinter der Türe hervorstürzte, brach aus der andern Ecke Walter hervor, umfing ihn mit inbrünstigen Armen, schmiegte ein tropfendnasses, heißes Gesicht an das seine und drückte ihm Kuß auf Kuß auf den Mund, so reine, so heilige, um Erbarmen flehende und selbst Erbarmen spendende Küsse, daß der eben noch so entheiligte Platz jetzt wie ein Kirchlein wurde.

Aber Mang, von tobendem Schmerz erfüllt, verstand ihn nicht sogleich. Grimmig schupfte er Walter von sich und schrie: »Geh zum Vater! – ich will nichts mehr mit euch haben, ihr – ihr – ihr Hurenpack – ihr –«

Damit stürzte er auf und davon. Er wußte nicht wohin. Das viele, drängende Volk riß ihn geradeswegs in den Tanzsaal zurück. Dort saß Broller wieder ehrbar am Tisch, rauchte ruhig und redete ernsthaft mit den Nachbarn vom Preis des Buchenholzes. Die Cäcilie ging auf und ab, einschenkend, Eierröhrli verteilend und die verspritzten Tische mit dem Handtuch abwischend. Das Tanzen aber machte seine endlose Runde weiter unter dem Schwirren, Surren und Klingen der Musik. Nur Walter kam nicht mehr.

Endlich zupfte Irmeli den Buben am Kittel und fragte: »Ist dem Walter unwohl worden?«

»Ja,« machte Mang bedrückt.

Irmeli sah ihn betrübt an und fragte: »Macht dich das so traurig? – So komm, wir suchen ihn.«

»Ich hol' ihn,« schrie Mang und lief durch das verknäuelte Volk zum Saal hinaus. Er stürmte in die Milchkammer. Seine Worte reuten ihn maßlos. Da stand Walter noch immer am gleichen Platz, stumm, mit klebrigen Tränen, die Stirne schattig gefurcht und unendlich gekränkt und grollend.

Mang tat, was er nie getan und nie mehr tun will. Er kniete neben Walter hin, streichelte seine wie leblos hängenden Hände, schmiegte den Kopf an sein Knie und flehte: »Du, Walter, gib mir ein paar Ohrfeigen! Nur fest! – Und dann sei wieder gut! Ich bin halb verrückt gewesen. Ich nehm' alles zurück.«

Walter wandte sich ab.

Da legte Mang die beiden schmalen Hände Walters auf seinen Kopf und bat noch dringlicher: »Ich lass' dich nicht los, bis du's tust. Ich hab' viel mehr verdient als das. Fest, nur fest!«

Jetzt, da Walter seine Finger in Mangs Haar spürte, konnte er nicht mehr widerstehen. Er packte ihn mächtig halb an den Haaren, halb an den Ohren und zerrte ihn wild hin und her. Er bebte vor frisch erwachter Rachsucht. Seine Mohrenaugen und seine Zähne glitzerten durch die Dunkelheit, und man hörte seinem schweren Atem die Befriedigung dieses Augenblicks an.

»Nicht an den Ohren!« befahl Mang heftig. »Schlagen hab' ich gesagt.«

»Da!« sagte Walter heiser und hieb ihm mit der langen, weichen Herrenhand ein Tüchtiges über den Kopf.

»Nur fester! – aber schnell – Irmeli wartet draußen auf dich!«

Aber Walter führte den zweiten Schlag nicht mehr aus. Er riß Mang jäh empor und sagte: »Hau' du mich jetzt!« – und hielt schon wieder mit einem Hauch von Spaß seine rote Backe her. Nach fünf Minuten tanzte er, über das ganze schöne Gesicht strahlend, mit dem blonden, lieben Irmeli. – Er aber, der arme Mang, behielt von jener Kirchweih einen Stachel im Fleisch, der immer wieder lökt, so oft er seine Mutter sieht.

Jetzt war Walters kleiner Bruder schon ganz nah am Bänklein. Aber das Velo, das hinter ihm blitzend und geräuschlos die Räder dreht, wird ihn vielleicht doch noch vorher ereilen. Mang indessen bedachte, wie oft er seit jener letzten Kilbi seine Mutter angeredet hatte. Dreimal. Am Neujahr hatte er ihr schnell Glück gewünscht. Zu Ostern hatte er ihr vom ersparten Sümmchen Trinkgelder zwei der blanksten Fünfliber gebracht. Während sie die runden Silber in den Fingern drehte, lief er weg. Hoffentlich kommt es nun nicht mehr vor, daß sie von Ueli Geld entlehnen will. – Dann war er ihr vor etlichen Wochen mitten im Dorf begegnet. Mußte er nun wohl ein Weilchen stille stehen? Gottlob, sie hatte Eile und sagte: »Ein andermal! Ich muß zur Apotheke!« Sie hatte ihm nicht gefallen. So hastig, scheu und mit verwaschenem, fiebrigem Gesicht hatte er sie noch nie gesehen.

Dann kam der furchtbare Abend, wo Ueli ihm die Mitteilung machte, Cäcilie sei niedergekommen und liege nun schwerkrank am Kindbettfieber im Wiegenstübel. So hieß die größer Krankenstube im Waisenhaus, weil dort meist ein wildes, neues Leben ausgetrumpft wurde. Mang, sorgte Ueli, solle mit Seppli einstweilen die Gemeindeherde auf die Dorfweide treiben, bis der neue Inschenier komme und ihn vielleicht wieder für seine Bergmessungen anstelle. So entziehe er sich dem Glotzen der dummen Leut'.

Damals war dem Mang alles verleidet. Nur das Studierten nicht. Doppelt wild erwachte jetzt die Lust in ihm, aus diesem schmutzigen Leben heraus sich in die reinen und weisen Bücher zu retten und da seine Heimat und Vater und Mutter zu haben und da frei zu werden. Aber wie konnte er? Er müßte auf hohe Schulen. Und rasch! Schon war er ein Jahr lang ohne Schulunterricht. Und schon rückte er ins sechzehnte Jahr.

Wäre er nur gerade in den Felsen umgekommen, entweder beim Klettern mit dem unausstehlichen Inschenier oder gestern. Denn unfroh, schandbar, ja fast unmöglich war es, so weiter zu leben.

Aber nun schoß ihm Ernstli Broller schreiend in die Beine und gleich glitt Walter hart dahinter vorbei, machte einer famosen, kleinen Bogen und sprang ab. Er glänzte vor Entzücken.

»Nun hab' ich auch ein Velo; sieh da! – Schladitz! – Eine feine amerikanische Nummer. Teuer, aber solid. Und warum hab' ich's so schnell bekommen? – Weil ich den Hosendreckler mit euch hinaufgeklettert bin. Zuerst wollte mich Vater aus der Stube werfen, weil ich mein Leben nichts wert halte. Als ich ihm dann am nächsten Tag das Edelweiß zeigte und erzählte, daß ich immer ein bißchen gepfiffen habe, auch beim Gumpen Sprünge nehmen, da warf er mir drei Banknoten auf den Tisch und sprach: ›Jetzt kannst dir ein Velo in der Stadt kaufen! Aber eine solide Marke!‹ – So ist mein Vater.«

»Ja,« nickte der still horchende Ernstli, »kannst Velo kaufen.«

»Probier' auch einmal, ich halt' dich,« sagte Walter, immer noch strahlend wie das Nickel am Velo.

»Ich mag nicht, ich muß jetzt ins Haus dort.«

Nun erst erkannte Walter, wie niedergeschlagen Mang aussah, und ahnte den Zusammenhang.

»Mach's du kurz!« riet er und wollte traurig erscheinen. Aber der Nickelglanz ließ sich nicht aus seinem prächtigen Gesicht verscheuchen.

Mang nickte.

»Ich begleite dich und warte dann vor dem Haus.«

Zwischen Walter und Ernstli schritt Mang langsam dem alten, breitklaftrigen Gehöfte zu, wo durch eine wundersame, dreiteilige Einrichtung mit Anbauten, ineinandergeschachtelten Kammern, Gängen und Stiegen Waisen, Armenhäusler und Kranke gesondert lebten.

Walter wollte anfänglich auf dem Velo mitfahren. Aber, so gern er gezeigt hätte, wie merkwürdig langsam er radeln und hie und da stillestehen könne, so widerstrebte es doch jetzt seinem Edelmut, sich neben einem so unglücklichen Freunde gar so glücklich und geschickt zu zeigen. Und so ging er bescheiden zu Fuß. –

Je näher man dem Hause kam, desto bedrückter ward Mang und um so stiller auch Walter. Das Nickel verblaßte allmählich. Vom Dorf her pfiff das Bähnlein.

»Walter!« stieß Mang plötzlich hervor, »wenn ich doch fort könnte, nach Amerika oder Japan! – Gerade jetzt möcht' ich, mit dem Zug!«

Walter schaute besorgt in Mangs Gesicht. Auf einmal blitzte ein gescheiter Einfall durch sein dunkles Auge. Aber seine goldbraune Stirne ward schattig.

»Mang,« sagte er weich, »du hast es doch nicht übler als die meisten, – wenn du schon immer meinst –«

»Als du etwa?« fragte Mang bitter.

Eine dicke, breite Frau trat vors Haus mit einem Bürdchen auf dem wiegenden Arm, woraus es quiekte und gluckste.

»Als ich?« wiederholte Walter und wechselte die Farbe beim Anblick der Hebamme. Er kämpfte sichtbar mit einer Eröffnung.

»Du bist doch reich, hast das schönste Haus am Dorfplatz, und Vater und Mutter gelten etwas. Darfst in die Welt hinaus, wenn du älter bist, und kannst werden, was dir gerade gefällt, Förster oder Militär der Kavallerie. Und hier treibst du, was du magst, reitest, fährst die schönsten Skier im Winter und hast da nun wieder ein Velo gekriegt. Und so eins ums andere, dir –«

»Halt!« gebot Walter, »ich will dir was sagen.« Er betrachtete das Velo und sein Metall schien ihm schon etwas erloschen. Er zauderte noch einen Moment, aber, sowie er Mangs schmaler und blasser gewordenes Gesicht und die ungeheure Freudlosigkeit darin wieder sah, begann er mit gedämpfter Stimme: »Auch bei mir ist nicht alles lauter Butter und Honig. – Weißt du, was man jetzt sagt, – die bösen Mäuler? Meinst du, ich trag' nichts? hä?« – Sein Gesicht wurde dunkelrot wie eine überreife Beere. Jetzt war nur noch Schwermut darauf.

»Ich weiß von nichts, – ich bin ja immer in den Bergen oben die Zeit.«

»Aber denken kannst du dir's doch.«

Mang nickte.

»Weißt du noch die Kilbi, – die Milchkammer –« flüsterte Walter mit unheimlichem Zögern. Tief schob er die grüne Velomütze in die Augen hinunter.

Mang nickte wieder.

»Kilbi! was Kilbi?« jubelte Ernstli, »kummt's bald wieder? Kilbi und Rößlispiel, juhui!«

»Und das weißt du auch nicht, wie's mir oft ist zwischen einem Vater und einer Mutter, die einander alle Stunden versalzen. Wenn etwa der Vater vom frischgeschöpften Suppenteller aufspringt und ungespeist in die Schreibstube rennt und die Tür verriegelt und wir Kinder alle die Köpfe hängen und den Löffel auch nicht mehr anrühren mögen, aber die Mutter über die Schüsseln hinweg lacht und sagt: ›Esset nur, der Alte hat wieder den Rummel!‹«

So düster war nun nicht einmal mehr Mangs Antlitz. Walter sah aus wie einer, der noch nie gelacht hat.

»Was macht Mutter, du?« fragte Ernstli neugierig.

»Nichts, nichts,« lenkte der Bruder ab; »ja, lachen tut sie viel. Aber schau, Ernstli, das Meitli dort hat das Aug' verbunden.«

Mang aber dachte: Ja, das ist auch ein Elend! überall hockt es.

»Und wenn d' Mutter in allen Läden von Vaters Fehlern erzählt wie ein Waschweib, – und im Zorn dazu tut und – lügt, lügt, Herrgott!«

»Wer tut lügen, Wälti?« fragte Ernstli. Er spitzte die Ohren. Das ging ihn auch an.

»Sei doch still!«

»D' Mutter ist nicht bös, d' Mutter ist gut! Da schau,« wehrte sich der Kleine in ahnungsvoller Unschuld, »was sie mir geben hat, grad vorhin.«

Er klaubte ein dreißigrappiges Geldsäcklein aus der Tasche.

»Sicher, d' Mutter ist gut mit dir! – Das ist ein feiner Geldsäckel!«

»Und mit dir und Zilli!« behauptete das Bübchen unerschütterlich.

»Hast recht.«

»Und mit Vater auch!«

»Schau mal, das sind alles Waislein ums Haus herum. Die haben keinen Vater und keine Mutter,« lenkte Walter den eigensinnigen Schwätzer ab.

»Und mit Vater auch gut! gelt, sag'! Wälti!«

»Ich geh jetzt,« sagte Mang. »Wartet also!«

»Ja, ich fahre nur ein bißchen ums Haus –«

»Und mit Vater auch gut! gelt, sag', gelt,« zwängerte der hartköpfige Knabe und zerrte Walter an den Hosen.

»Du kannst da vorne aufsitzen, wenn du willst,« versprach Walter.

»Du, – aber du, sag'!«

Als Mang über die Schwelle trat, hörte er noch das zornige: »Ja, mit Vater auch, – aber jetzt fahr' ich allein, Steckkopf!«

Mang ist es über dem Geredeten etwas leichter geworden. Es ist wahr, dachte er, soviel Wüstes und Bitteres gibt es sogar in Walters Herrenhaus am Markt, wo es doch ein so feingeschnitzeltes Doppeltor mit vergoldeten Gittern und mit einer so süßen Klingel gibt, daß man meinte, Unholdes könne da gar nicht ein. Ja, da sieht man. Auch mein Meister hat seine Kümmernis gehabt, weil ihm die Frau so früh ist weggestorben, – das weiß ich. Und der liebe Bert ist auf den Tod krank in einer tiefen, staubigen Stadt und wär' doch so gern hier oben. – Und glaub' doch niemand, daß der andere Inschenier nicht auch an etwas Schwierigem herumlaboriert, – wie wär' er sonst so eigen? Dem fehlt gerade viel, mein' ich. – Sein Heinz aber, der ist gar sein Lebtag nur ein himmeltrauriger Knecht und Packträger gewesen.

Unter diesem tröstlichen Hinsinnen hatte er sich von der Krankenschwester ins Wöchnerstübchen führen lassen und stand unversehens vor dem Bett seiner Mutter.

Abgemagert, aber mit rosigen Backen und schimmernden Augen, stützte sie sich auf einen Berg von Kissen und strich das herrliche, braunrote Haar, das um einen tiefen Schatten dunkler war als Mangs Gekrause, aus ihrer niedrigen, gelben Stirne. Sie lächelte wie immer und schlug kein Auge nieder. Nichts Scheues lag in ihrem Blick. Stramm reckte sie den Arm nach Mang und schüttelte seine Hand kräftig wie eine Gesunde.

»Das ist recht, das ist schön,« sprudelte sie hervor. »Sitz' daher! näher! – noch ein bißchen, – so! – Wie du nur alle Tage größer und hübscher wirst! Immer muß ich staunen, wenn ich dich seh'.«

»Wie geht es dir?« fragte Mang beklommen.

»Gut, über Erwarten gut, kann ich sagen. Oder siehst du mir an, daß ich krank bin? – Nicht wahr, Schwester Anna, es steht alles gut?« hastete sie.

Schwester Anna, mit ihrem milden Gesicht, ihren offenherzigen Augen und ihrem schönen, weißen, runden Kinn schon ein Trost für die Kranken, sagte ruhig: »Ja, liebe Frau, es geht Ihnen jetzt ordentlich.« Sie betonte das Wörtlein jetzt recht ernst.

Aber das hatte wohl nur Mang gemerkt. Cäcilie weidete sich stillvergnügt am Wort: Frau. Immer redete die Schwester mit diesem hübschen Titel zu ihr.

Es war einen Augenblick still, währenddem die Kranke kein Auge von Mang wandte. Der Bub wußte schon nichts mehr zu sagen.

»Bist du böse?« fragte sie unvermittelt.

»Ich böse?« stotterte Mang verlegen.

»Sei's doch nicht! Schau, ein Kindchen ist ja schon tot, und das andere –«

Aus ihrem hellen Gesicht tropfte eine Träne, wie aus blauem Himmel ein kleiner, ganz unwichtiger Regen spritzt. Aber Mang war betroffen und klob sich verlegen in den Hosennähten.

»Gottlob, das andere lebt und ist hübsch. Möchtest du's nicht sehen? Schwester, wo habt Ihr's?«

Aus Mang kam es klanglos: »Nein!«

»Dein Schwesterlein nicht sehen? was? Sei doch nicht so stolz! Sind wir nicht alle gleiche Menschen?«

»Frau Cäcilie!« warnte die Schwester vom Tischchen, wo sie Verbandzeug säumte. Bäume, Wiesen, Hügel, nichts als Grünes lachte in das braungetäfelte Stübchen.

»Also nichts mehr von dem!« sprach die Wöchnerin zu Mang und Schwester zugleich. »Aber glaubt mir, jetzt werd' ich eine gute Mutter. Nur jetzt nicht sterben! Jetzt erst recht leben für die Kinder! Magdalenli heißt das Mädchen. Es soll nicht viel weinen. Lachen soll es und dich auch zum Lachen bringen. Wir wollen's dann lustig haben. O so ein Leben!«

»Frau Cäcilie!« rief die Schwester schon wieder.

»Mir ist's heiter! Gerad jetzt möcht' ich mit dir einen Walzer tanzen, so leicht ist mir!«

»Frau Cäcilie! Frau Cäcilie! Wo habt Ihr auch Euere Gedanken?« rügte die Schwester. »Ihr habt die Kilbi im Kopf, wo Ihr doch ganz andere Dinge studieren solltet!«

»Kilbi!« – Mang zuckte zusammen.

»Also nichts mehr von dem! – Mang, lieber, lieber Mang! Rück' doch näher, ganz ans Bett! Gib mir die Hand! Hei, wie kalt! Frierst du?«

»Mir ist's warm genug,« versetzte der Junge und sah gerade vor dem Fenster Walter vorüberradeln. O wär' er auch schon wieder draußen!

»Du hast es sicher zu streng! Ich glaub', der Ueli verbraucht dich ganz.«

»Der Ueli ist gut mit mir, und ich hab' noch viel Zeit zum Lesen.«

»Du liesest, ja, ich weiß,« gestand die Kranke bewundernd. »Auch ich hab' gern Geschichten gelesen, Himmel, wie viele! – Von so romantischen Sachen, wie man's heißt, – weißt, ›Die Tochter des Kunstreiters‹ und ›Die arme Luise‹, O das war am schönsten, wo sie der reiche Graf aufs Roß setze und sagte: ›Du mein Schatz, gelt ja, gelt ja, mußt mir – –‹«

»Solche Sachen mag ich nicht,« unterbrach sie Mang finster, während die Schwester ihm billigend zunickte.

»Du liesest andere Bücher, schwere, tiefe Sachen, hä? Ach, ich sollte dich in eine gelehrte Schule schicken können! Du würdest etwas Großartiges abgeben.«

»Laß mich nur so!« machte Mang grob.

»Der Inschenier hat dich ja auch gerühmt. Hilfst du ihm immer noch auf der Alp?«

»'s ist jetzt ein anderer da.«

»Wie schad'!«

»Dem muß ich noch mehr helfen, hat der Ueli gesagt. Aber ich mag ihn nicht schmecken.«

»Ist's denn ein Prahlhans?«

»Im Gegenteil, er redet fast gar nichts.«

»Oder ein Zorniger und Frecher?«

»Mit mir tut er lieb und fein wie mit einem Herrn.«

»Ah! – Was denn? Kann er etwa nichts?«

»Oha, – der ist ein Geschickter, – hat seine Sache so gut los als Bert.«

»Und du magst ihn doch nicht gern? Das versteh' ich nicht.«

»Ich weiß selber nicht warum. Ich glaub', niemand hat ihn gern, als sein Diener. Aber der ist ein Narr. Sonst besitzt er sicher keine Freunde, so etwas Hartes, Stolzes, verflucht Kaltes – wie Eis – ah bah, ich kann's nicht erklären.«

»Aber er ist gewiß ein Reicher und recht Vornehmer?«

»Meinetwegen ein Millionär.«

»Aber Mang, der könnte dir helfen! So einer könnte dich fein schulen lassen. Man hat schon oft gehört, daß arme, gescheite Buben von –«

»Ich will nichts von daher!« trotzte der Junge errötend.

Es klopfte an der Türe, und gleich darauf trat der Doktor ein. Die Schwester winkte Mang, mit ihr hinauszugehen. Im engen, dunklen Flur klopfte sie ihm auf die abschüssige Achsel und sprach: »Du mußt artiger mit der Mutter sein. So ist's nicht recht.«

Was geht sie das an? dachte Mang böse. –

»Sie ist doch deine leibliche Mutter, und du bist ihr kindliche Liebe und Ehrfurcht schuldig, so steht's in der Bibel.«

»Ich kann nicht anders, Schwester Anna,« brummte er.

»So? – und wenn dies das letztemal wäre?«

»Das letztemal?« stammelte Mang erschüttert.

»Du meinst, ihr sei wohl. Sie meint's auch. Aber das ist ein Wohlsein im Fieber. Deine Mutter ist auf den Tod krank. Sie kann leben und sterben vor Abend.«

Mang starrte die Schwester an und zog fröstelnd die Schulter ein.

»Der Doktor wird ihr sicher verbieten, noch mehr zu plaudern. Hast du noch was Wichtiges zu sagen, so tu's. Ich lass' euch noch ein paar Minuten allein. Aber geh nicht so von ihr weg! Gib ihr ein liebes Wort! Das tut ihr besser als Medizin.«

»Ja, Schwester Anna,« versprach Mang tonlos. Er wußte genug Wichtiges.

»Gib ihr einen Kuß! Sie hat wohl hundertmal geklagt, du habest ihr noch nie einen Kuß gegeben.«

In Mang kochte und keuchte es zum Ersticken.

»Bedenk' dich nicht zu lang! Du hast keine Minute zu verlieren.«

Sie standen noch still nebeneinander, da ging die Türe auf und der Arzt sagte laut: »Schwester, bringen Sie doch mal das Kind herein, das – das –«

»Magdalenli!«

»Ja, selbiges, – und wenn's ruhig ist, so laßt ihr's ein Stündchen! Es schadet jetzt nichts mehr,« brummelte er, in den finstern Gang hinausstochernd.

»Hoi, der Mang!« fuhr er erschrocken zurück.

»Er weiß schon, wie es mit der Mutter steht,« bemerkte die Schwester leise und wie zu seinem Lobe.

»Und er ist ein tapferer Junge, das weiß ich,« rühmte der Doktor und hob ihm das Kinn. »Nur immer Kopf hoch, Bursche!«

Darauf saß Mang wieder neben dem Bett und sah voll Abscheu das weinrote Gesichtlein eines winzigen, putzigen, achttägigen Balges auf der Decke mit dem widrigen Namen Schwesterlein, gegen den er immer protestieren will.

Schwester Anna nickte Mang nochmals beredt zu und ging leise hinaus.

»Sieh, da sind wir zum ersten Male allein beisammen, unsere kleine Familie,« frohlockte Cäcilie, »wie ist das schön!«

Mang schluckte und würgte und sagte zuletzt mit unendlicher Anstrengung: »Mutter!«

Sie bog den Kopf schnell vor, wie nach einem verlorenen Lieblingslied, das jetzt irgendwo auf einmal wieder anklang. »Wie sagst du? – Du hast Mutter gesagt? – Hei, jetzt werd' ich wieder gesund.«

Aber Mang ward fahl und düster und erbebte vor dem, was nun kommen mußte.

»Mutter!« wiederholte er weich, aber mit unbewußt rohen Worten, »vielleicht wirst du gesund, aber vielleicht mußt du halt doch sterben. Also sag' mir etwas Wichtiges. Wer ist dem da – sein Vater?«

Heraus war's. Aber beinah konnte er nicht mehr atmen von so großer Arbeit.

Doch Cäciliens Gesicht ward weder schattig noch schamvoll, wie er gedacht. Sie leuchtete ihn mit unveränderlich frecher, aber zwingender Fröhlichkeit an. O diese Frau bereute nichts, was sie getan, sondern nur, was sie nicht getan, was ihr entschlüpft war. In ihren Augen brannte noch viel Durst.

»Wer sein Vater ist?« scherzte sie. »Wie vornehm vielleicht? hä? ein wie Feiner und Reicher, hä? Das errät niemand. Mußt du es wissen? Weiß es der Wurm da?«

Das Kleine schnupperte und gluckste auf der Decke und hantierte mit den gepreßten, blauroten Fäustchen in der Luft herum und rutschte den Flaum herab, so daß Mang es immer zurückstoßen mußte. Aber er rührte nur das Kißchen, nicht das Kind an.

Jetzt holte Mang sozusagen mit der ganzen Seele aus und fragte rasch und entschieden: »Geradeaus, ist es der Broller?« – Er hielt den Atem vor Erregung an.

»Ei, Kind, warum soll es jetzt gerade der Broller sein?« sagte sie unverwirrt. »Warum fragst du mich nicht lieber, wer dein Vater ist?«

»Du hast mir oft gesagt, du wissest es selber nicht.«

»Ich weiß es und ich weiß es nicht,« sagte sie singend und den Kopf müde und eitel hin- und herwiegend.

»Was heißt das, Mutter?« drängte Mang mächtig. »Spaße doch nicht immer!«

»Wie er heißt und was er ist und ob er noch lebt, das weiß ich nicht,« erklärte sie noch immer singenden Tones. »Aber ein Student war er und machte ein hartes, stolzes, kaltes Gesicht, wie du's vom Inschenier gesagt hast. Man hat ihm nicht widerstehen können. O Mang,« – sie sah träumerisch durch die Wände des Spitalstübchens hinaus in die Bläue jenes Abendhimmels, jenes Alpensees und jener herrschenden Jünglingsaugen und erzitterte dabei wie von heißen Schauern der Sehnsucht. – »O Bub, er war schön und mächtig. An seinen Augen würde ich ihn sofort wieder erkennen. Deine Augen, Mang, ganz die deinen. Er konnte damit wahrhaft blitzen wie du.«

»Und du hast ihn nie mehr gesehen?«

»Nie!«

»Wo habt ihr euch denn getroffen?«

»In der Plättlihütte. Frag' nichts mehr! Ich erzäht' doch nichts. Wenn ich stürbe, – ja, dann wohl! aber ich werde gesund und noch lang leben und das Alte alles bei dir und dem Krötchen da vergessen.«

Schon trat die Schwester wieder herein.

»Nun ist's Zeit. Ihr seid ganz ermüdet,« sagte sie, ans Bett tretend.

»Mutter, ich muß alles wissen!« schrie Mang fast drohend und packte die Kranke am Arm.

»Wenn ich sterbe, dann! Aber sieh doch, jetzt machst du die gleichen Augen wie er, so blau und grün, wie wenn der Föhn drin wäre. Aufs Tüpfchen die gleichen Augen!«

»Du stirbst, Mutter!« rief Mang wild.

»Sst! Sst! –« bat die Schwester.

»Mir ist besser als je.«

»Der Doktor sagt's ja auch,« lärmte Mang heraus.

Entsetzt über sich selber stand er starr und offenen Mundes da, und das rote Haar stand ihm an der Stirne gradauf. Das Weib im Bett entfärbte sich und langte unwillkürlich nach dem Kindlein auf der Decke. Dann aber lachte es schnell auf und sagte: »Warum wollt ihr mich alle fürchten machen? Ich glaub' keinem! – Da horcht, wie mein Puls noch so laut und kräftig unter dem Brusthemd klopft. Gelt, Magdalenli, du spürst es, mein Herrgottli!«

Sie drückte das süße Ding an ihre Brust. Strafend blickte Schwester Anna auf den Jungen, der alle Sprache verloren hatte. Dann wandte sie sich zur Kranken und sprach: »Ihr wißt, in Euerem Zustand ist man immer schon mit einem Bein drüben. Aber –«

»Aber mit dem andern Beine noch tapfer auf dieser Seite geltet, und zwar mit dem rechten Beine. Und so stell' ich mich noch fest in den grünlebendigen Boden. Ihr werdet sehen, was ich noch vermag.«

»Mang, du mußt jetzt Abschied nehmen,« mahnte Schwester Anna.

»Und ich tanz' euch zu leid und dem Tod zu leid noch lang mit diesem flinken rechten Bein. Wartet nur, ihr werdet noch Augen machen.« – Leise summte sie vor sich den volkstümlichen Text zu einem Jodel hin:

»Wenn ich emal stirb, stirb, stirb –
Und wenn i emal stirb, stirb, stirb,
Müsse mich elf Jungfern trage
Und dazu die Harfe schlage, –
Wenn i emal stirb, stirb, stirb – –«

»Ade, Mutter!« sagte Mang, unwiderstehlich angewidert von diesem ihm allerfremdesten und doch auch allernächsten Menschen.

Sie preßte seine Hand mit erstaunlicher Kraft. Ihre Hand glühte wie Feuer.

»Sagst du mir wirklich nichts mehr?« fragte er nochmals.

Sie lächelte.

»Sag' doch!«

»Geh und mach' dich an den neuen Inschenier. 's ist gewiß dein Glück!«

Mang ging bis zur Türe, verfolgt von den stillen Vorwürfen der Schwester. Der hölzerne Bub!

Aber an der Tür kehrte er sich um und sah schwankenden Mutes seine Mutter an, wie sie aufrecht an den Kissen sitzend, das Kind an der Brust, ihre großen, heißen, hungrigen Augen ihm wie zwei Bettler nachschickte. Es lag ein herzbrechendes Heimweh auf ihrer hellen Miene.

Er beharrte einen Augenblick auf der Schwelle, lief dann breitfüßig und ungeschickt ans Bett, bückte sich zur Frau und küßte sie, die ihn ungläubig anstierte, schwer auf die braunen, vom Fieber dürren Lippen.

Wie ein leises, ersticktes Jauchzen brach es aus Cäciliens Mund. Reden konnte sie jetzt nicht mehr. Aber sie hielt nun auch noch das kahlköpfige Kind ihm entgegen, mit seinem roten, gerümpften Stumpfnäslein, den nassen, dünnen Lippen und den herrlich blauen Augen. Und ihre brennenden Blicke bettelten: »Auch dem Schwesterlein gib davon, wenn du so Gutes austeilst!«

Und Mang bückte sich noch tiefer, diesmal mit fast unüberwindlichem Grausen und berührte auch das offene, zahnlose geifernde Mündchen Magdalenlis. Dann aber sprang er mit drei Schritten zur Türe hinaus und gelangte überhitzt und dunkel vor Scham ins Freie. Kräftig spuckte er aus.

»Acht einmal, was ich schon kann;« sagte Walter gerade vor dem Haustor und stellte die Räder so ins Kreuz gegeneinander, daß das Velo auf dem Fleck stehen blieb, – ganz unbegreiflich.

Ernstli klatschte vor Bewunderung in seine kleinen Hände, und Walter selber hatte ob dem Kunststück wieder alle Sorgen vergessen. Er lachte und plauderte und fuhr in Kreisen und Zwickeln um die beiden Begleiter und merkte erst nach langem, daß Mang noch kein Wort gesprochen hatte.

»Warum redest du gar nichts und spuckst immer aus?« fragte er.

»Es kitzelt mich etwas im Halse,« entgegnete der Kamerad und fühlte wieder das kleine, saftige Geschöpf mit den blauer Augen und dem üblen Kleinkindergeruch an seinem Munde. Da spuckte er nochmals tief aus, als holte er's aus der untersten Seele. Und Ernstli sagte staunend: »Wie du weit über den Hag hinausspucken kannst, saperiment! Hui, wenn ich auch könnt'!«

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