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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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14

Am nächsten Morgen regnete es dicht und grau wie Katzenhaar. Man mußte im Rauch der Hütten sitzen, wenn man nicht pudelnaß werden und frieren wollte. Mang zeigte sich nirgends, und Heinz machte sich mit seiner langweiligen und unmännlichen Dienstbarkeit dem Ingenieur so beschwerlich, wie noch nie. Da die Nebel immer verdrießlicher herunterhingen, hatten die Schüler schimpfend und grollend, als wäre der gute Lehrer Samuel daran schuld, den Rückzug angetreten. Glücklich war nur einer, Walter Broller. Findig hatte er den einzigen Regenschirm der Absomeralpe aufgetrieben und ging nun unter einem Dach mit Uelis Tochter, dem Irmeli.

Emil trat endlich aus dem stickigen Dampf ins Freie. Um die Hütte lief Wasser in breiten, schwarzen Tümpeln. Von einem Berge sah man nicht die Spur. Alles, was da hin- und herwallte, war Nebel. Und es tröpfelte und rieselte so fein und eindringlich aus dem Grau, als sollte Mensch und Tier bis auf die Knochen einmal gründlich durchweicht werden.

Endlich bemerkte der Manuß Mang. Der Bursche lief an ihm vorbei wie ein Schatten, grüßte kurz, aber blickte ihn nicht an. Emil fühlte sich maßlos ernüchtert, wie nach einem gewaltigen Rausch. Barsch lehnte er jedes Gespräch mit Heinz ab, warf sich einen Schultermantel um, stülpte die Kapuze ins Gesicht und steuerte schräg über die Alpe dem Berg entgegen.

Allenthalben rannen Bächlein durch die Trift. Der eigentliche Alpbach aber war schon eher ein kleiner Fluß. Heut ginge es nicht mehr durch die Teufelskirche. Hui! Da, wo der Nebel schwärzer schien, mußten die Felshänge sein. Dorthin also!

»Daß ich doch arbeiten könnte!« dachte Emil. »Am ersten Tag schon dieses verfluchte Pech. So ein vermaledeiter Regen könnte einen zum Erhenken bringen.«

Unten von den Hütten hörte er Heinzen rufen: »Herr Manuß! Herr Manuß! Zurück! – Ihr verirrt Euch im Nebel.«

Der Esel! Bin ich etwa nicht schon ganz in die Irre geraten?

Aber von oben herab, aus dem Gebraue und Gekoche der Nebelschwaden, erklang ein helles Bellen. Da ist ein Hund und sicher auch ein Mensch, dem es zu langweilig in den Hütten wurde. Er klomm rasch bergauf, der Hundestimme nach. Die scholl bald lauter, bald wie unterdrückt. Es war, als rede jemand mit dem Tier.

Weiter oben hörte das Regnen auf, da ging ein scharfer Wind. Der kältete und trocknete die Luft, zerfetzte den Nebel und schmiß ihn mit vollen Händen in die Abgründe, während er kleinere Restchen wie Pfeifenwölklein zu den Gipfeln blies. Ein rechter Prahlhans, dieser Wind.

Einem solchen Fetzen lief Emil nach. Oben sah er schon blauen Himmel und unten die aufhellende grüne Alpe. Aber gerade vor dem Gesicht, am Aufgang durch die Geröllhalden, vernebelte noch so ein abgerissenes Räuchlein den nächsten Weg.

Genau in diesem Rauch bellte der Hund und suchte ihn jemand umsonst zu beschwichtigen.

Häßlich nah und naßgrau erschienen die Gebirgstürme. Den mächtigen Absomer selber meinte man wohl mit einem Steinwurf zu erreichen. Nach dieser saubern Wäsche der Natur und bei dieser klaren Luft sah Emil den Hauptkerl bis in die feinsten Gliederchen. Jede Kante, jeder Saum, Vorsprung, Einschnitt, Kerb erschien haarscharf wie am feinsten Modell auf dem Tisch. Und alles in allem war es eben doch eine Majestätsperson sondergleichen. Man kann nicht anders, man muß ihr höflich begegnen, sie jedenfalls, wenn nicht im Plural majestatis, so doch mit Sie anreden. Ein hartgemeißelter, schwergefurchter, prachtvoller Felsengreis, – das sagte sich auch Emil.

Er riß ein Blatt aus dem Taschenbüchlein und zeichnete in fliegender Eile, ehe wieder ein Nebel käme, die Hauptzüge dieser Bergphysiognomie hin. Und indem er ihm, fast wie ein genialer Pariser Schneider seinem königlichen Kunden, die Maße nahm, blitzte ein Moment der Erleuchtung auf, wie es deren in jedem Leben gibt: er sah instinktiv, ohne Berechnen und Lernen, in einem einzigen raschen Strich, wo er an den Trotzigen herauf die eiserne Kette legen müsse. Eine große, sichere, unfehlbare Linie. Es war jener genialische Instinkt, mit dem eine Gemse die unmöglichste Kletterei vollführt, oder ein Kind unbewußt auf einer Dachrinne läuft. Wenn sie studierten, würden sie fallen. Emil zitterte vor Erregung bis in die feinen Fingerspitzen. »Es geht also, es geht!« jubelte er.

Er hätte in der ersten Freude jetzt am liebsten gleich den Absomer erstiegen. Er wußte, daß sein Auge dann in allem recht bekam. Aber die Hirten hatten abgeraten. Der Stein müsse ganz trocken sein, und dann noch lasse sich nicht spaßen. Freilich, wer den Hofendreckler –

Jedenfalls will er Mang da hinaufnehmen. Heut noch will er ihn fragen. Und recht herzlich zum Gehilfen will er ihn erziehen. Der Wirt Ueli hat ihm den Verdingbub ja gegen ein kleines Taggeld zugesichert. So lernt man sich besser kennen, gewöhnt sich zusammen, wird unbefangen, familiär, und zuletzt fehlt nur noch das Wort Vater.

Mang hat ihn zwar gestern grob behandelt. Es nimmt sich aus, als ob er ihn wie einen Eindringling anschaue und gar nicht gut leiden möge. Aber wart' er nur! Den bekommen wir schon. Wenn ich die Wände dort oben fürs Rad öffne und die Lokomotive bis zur Spitze fahren lasse: das wird dem Bauernkind imponieren. Dieser Junge hat Respekt vor dem Können. Zwar, er ist ein schwieriger Kerl. Aber ich studier' dich, bis ich dich ins letzte Knöchelchen kenne, wie den großen Bruder da drüben. Danach fass' ich dich und bezwing' ich dich. Du mußt mich lieb haben. –

Das Gebell scholl näher. Emil hörte schnelle Schritte, die sich in diesem vermaledeiten Nebel bergauf entfernten. Der Mensch da oben lief ihm davon. Das war leicht zu merken. Manuß warf sich frisch in die Füße und lief dem Klirren der Steine nach. Ganz nahe schon hörte er die Flucht zwischen den Platten und dem kantigen Geröll. Er wollte nun einfach wissen, wer ihn da mit einem solchen Versteckspiel im Nebel höher und höher foppe.

Dabei dachte er immer an Mang. Dem lief er ja auch so heiß und durchs Ungewisse nach, wollte ihn erringen und erspringen.

O, wenn ich ihm sag', er dürfe mit mir in die Stadt gehen an der besten Schule studieren, solang er wolle, er könne ein Professor werden oder Geschichtsschreiber oder was ihm gefalle, – er müsse nur mit mir kommen und mich lieben – wie ein Kind den Vater liebt –

»He da, halt! – wer läuft mir da vor?« schrie er wütend. Eben hatte er durch den sich lichtenden Nebel ein behende Gestalt gesehen.

Keine Antwort als das schimpfende Bellen des Hundes.

»Steht still!« herrschte Emil, als ob er in dieser Bergfreiheit wie einst am Kongo zu regieren hätte. Dann rannte er katzengleich das immer steilere Geschiebe hinauf. Deutlich hört er das satzweise Springen seines Gegners.

»Wenn der da vorne mir auch bis in die Zinken hinauf vorspringt, – er darf ja, da gibt's kein Verbot –« besinnt sich Emil. »Aber einholen will ich ihn.«

Und wieder fiel ihm ein, geradeso fliehe Mang vor ihm. So oft er ihm nahen wollte, wich der Bursche. Je freundschaftlicher man an ihn trat, um so ruppiger kehrte er sich ab. Liebe zahlte er mit Grobheit.

»Was hab' ich eigentlich davon,« sagte sich Emil pustend und keuchend, »nur Mühsal! Wenn er nicht will, warum dann diesem roten Querkopf nachrennen? – Ist das nicht gemein? Meine Art war's bisher sicher nicht.«

Aber da meint er das Schnaufen des Flüchtlings zu vernehmen. Frisch an!

Er glühte und keuchte vor Erhitzung, die Knie knickten ihm ein, aber er wäre jetzt bis zur Tollheit weitergesprungen. Eher zusammenbrechen! Blutig biß er die langen Zähne in die schmale Lippe und preßte hervor: »Nicht nachgeben!«

Da hörte das Geräusch vor ihm auf. Noch einige Sprünge, und Emil trat aus dem Nebel. Drei Schritte von ihm lag Mang in den Steinen, langgestreckt und schwitzend, Hemd und Ärmel offen, gewaltig schnaufend und wilde, nasse Blicke auf Emil schießend. Die Augen waren gerötet, die Lippen verklemmt, der ganze junge Körper zitterte vor Aufregung. Den roten Kopf kühlte er an den nassen, kalten Steinen.

»Du?« schrie Emil und fuhr vor Staunen einen Schritt zurück.

»Warum lauft Ihr mir immer nach?« stammelte der andere zürnend und finster und immer noch um Atem ringend. »Laßt mich doch einmal in Ruhe wie andere Leute!«

Emil fand im Augenblick kein Wort. Aber kalt ward ihm und elend fühlte er sich.

»Ich hab' Euch doch nichts getan! – geht, geht!« Und der Bub warf die Hand gegen ihn.

»Ich hab' nicht gewußt, daß du vor mir läufst,« sprach der Manuß, sich sammelnd.

»So geht jetzt, geht!« –

»Nein, ich gehe nicht, ich bin froh, daß ich dich hier finde. Wir können einmal miteinander reden, Mang. Schon gestern wollt' ich's.«

»Ich hab' mit Euch nichts zu reden,« schrie der Bub, sich abwendend.

»Warum weinst du denn?«

»Das geht Euch nichts an. Ich will nicht, daß Ihr mir immer aufpaßt.« Er stieß es böse hervor, und währenddem kugelten ihm die Tränen immer reichlicher über die Backen.

»Deine Mutter ist krank, das ist's, nicht wahr?«

Mang schwieg und weinte leise in die Steine hinein, daß man es weniger sehe. Daneben stand Frischli, der Hüttenhund, und legte bald die rechte, bald die linke Pfote in steifer und plumper Liebkosung auf seinen Nacken. Dann winselte er wieder und fragte Emil mit den beiden treuen Hundeaugen, ob er gekommen sei, dem Buben leichter oder schwerer zu machen.

»Aber die Mutter kann wieder gesund werden und du – und der – Vater –«

»Ich habe keinen Vater! – hört auf!«

Mang schnellte vom Boden auf. Aber Emil faßte ihn jetzt streng an der Hand.

»Es gibt viele Kinder ohne Vater. Du bist besser daran. Dich haben ja viele gern. Der Ueli, der Lehrer, die Hirten samt und sonders –«

Mang schüttelte den Kopf.

»Und mancher flotte Mann wäre froh, wenn er so einer Sohn hätte. Was gibt es also da zu weinen?«

»Ich will hinunter,« schrie Mang und zerrte sich los. »Es ist alles anders, als Ihr sagt! Weg da, weg!« –

»Bleib!« befahl Emil laut.

Mit rotgeränderten, nichts als Unmut versprühenden Augen sah Mang auf Emil.

»Einen,« versuchte Emil milder zu sagen, »einen weiß ich sicher, der dich so gern hat wie sein Kind – er –«

»Aber Euch mag ich nicht leiden, – Euch hass' ich!« rief der Knabe mit zischenden Lippen und zurückweichend.

»Hör' doch, Mang!«

»Ich weiß nicht, was Ihr immer mit mir wollt. Aber ich will nichts mit Euch! –«

»Laß mich –«

»Ich konnt' Euch schon von Anfang nicht leiden! – Daß Ihr's gerade wißt! Schon drunten im Dorf.«

Wie geschleuderte Steine flogen diese Worte aus dem so wohlklingenden Munde des Jünglings. Emil meinte zu erstarren. Er öffnete wohl seine erbleichenden Lippen, aber nur ein Ton wie von einem Tiere brach hervor.

»Wißt, ich hab' nicht wegen der Mutter geweint,« rumpelte es nun aus dem Jungen, als wollte er seine bösen Worte schwächen. »Ich lach' vielleicht, wenn sie stirbt. – Ihr wißt ja alles, – das weiß ich schon. Und wegen einem Vater wein' ich auch nicht. – Jetzt brauch' ich keinen mehr! Ihr müßt mich gar nicht immer so mitleidig anschauen. – Zu essen und zu trinken hab' ich, soviel ich mag. – Aber heut bin ich vierzehnjährig – und – und – ich möchte nicht immer so ein Verding –«

Alles andere ward im lauten Weinen und Davonspringen verschluckt.

Der Manuß stand noch lange da, den Rücken gekrümmt, den Kopf vorgeneigt, die Augen halb geschlossen, wie einer, auf den Schläge niedersausen. In seinen Ohren gellte es: »Euch hass' ich, – weg! – ich brauch' jetzt keinen Vater mehr –«

Als er sich allmählich erhob, war ihm wie einem verzogenen, verhätschelten Kind, das zum ersten Male wuchtig verdonnert worden ist und noch gar nicht daran glauben kann. Fassungslos, mit großen, naiven Augen starrt es die katzenhafte Welt an, die also nicht nur immer schmeichelt und streichelt, sondern auch jählings kratzt und beißt.

An so was war er noch nicht gewöhnt. Er weiß noch sehr wohl, wie sein kaltes, mageres Kinderküßchen den zornigen Vater zähmte. Wie ein milderes, nicht im üblichen Herrenton gesprochenes Wort den Heinz biegsam machte. Selbst wie Sette, wenn er nur ein wenig artig und fein redete, in ihrer Art mit allerhand fühlbaren Sorglichkeiten dankte. Also die paar Brosamen Liebe aus seiner Hand wirkten solche Wunder. Und jetzt, wo er ein ganzes Brot reichte, ward er hart und schmählich abgewiesen.

Aber sein Respekt vor diesem gewaltigen Trotzkopf da wuchs nun ins Ungeheure. So war Emil. Wenn ihn einer hieb, so mußte es fürwahr ein imponierender Kerl sein, noch härter, noch eigensinniger, noch herrischer als er selber.

»Er gleicht mir,« jubelte es in Emil trotz der tiefen Kränkung. »Von mir hat er dieses Eigenherrliche und Ungebogene. Jetzt weiß ich's sicher, daß das mein Fleisch und Bein ist. Ihm nach!«

Doch mäßigte er den Schritt im Abgehen. Das war ja sicher, daß Mang ihn nun noch mehr als vorher haßte. Aber Emil sah nicht ein, warum der Bub ihn so haßte. Er hätte gedacht, Mang müßte ihm an den Hals springen. Aber eben, er gleicht ihm!

Was nun? Da oben ein Nothäuschen bauen zum Nächtigen bei üblem Wetter. Also Holz und Arbeiter in Absomdorf holen. Dem Ueli das Knechtlein für die ganze Zeit der Messungen gültig abdingen. Vier, fünf Wochen braucht er sattsam. Ruhig und ohne Weichheit mit Mang umgehen und das übrige der guten Stunde anheimstellen.

Je näher Emil den Hütten kam, desto sicherer war er über alles Zukünftige. Er rechnete jetzt nur noch ein Datum aus. Heut ist der zweite Brachmonat. Vierzehn Jahre zurück! Er errötet. – Achtzehnhundertund –! richtig, dieses Jahr steht prächtig groß auf dem Diplom. – Herr Emil Manuß stud. ing., hat – usw. usw. – mit Auszeichnung bestanden und daheriges Diplom – zehnter August. – Gleich in der nächsten Woche ging's in die Berge, um Bücherstaub und Maschinengeruch auszuschwitzen. Das kann so der vierzehnte oder fünfzehnte August gewesen sein, – und heut ist der zweite Brachmonat. Das könnte stimmen. – Leicht wird es dem Manuß bei dieser Rechnung, aber auch schamhaft zumute wie einem Entblößten.

Als er in die Hütte trat und nach Mang fragte, zeigte ihm der Kobelkarli ein schmutziges Papier. Vor einer halben Stunde hab' der Ueli das hinaufgeschickt. In wunderlichen Kribeln stand da: »Cäcili ist schlechter dran, – komm flink herunter. Darfst doch nicht tun, als kenntet ihr euch nicht. Es geht schnell, meint Schwester Anna. – Ueli.«

Und Mang, der lachen wollte bei Mutters Sterben, war gleich barfuß und barhaupt ohne Essen und Trinken hinuntergesprungen, – und verrückt genug, – die Mordfluh hinab.

»Die – Mordfluh?« Emil rann es kalt über den Rücken. »Bei dieser Nässe! &…133;Heinz!«

»Endlich einmal auch wieder Heinz,« sagte der kaninchenäugige Mensch mit weicher, gekränkter Stimme.

»Wir gehen nach Absom, – in fünf Minuten fertig!«

»Aber doch nicht – ums Himmels willen – den – Hos – &…133;« Kreidebleich stockte Heinz vor dem gefürchteten Namen.

»Den gewöhnlichen Pantoffelweg,« spottete Emil schonungslos hart, »daß ja keiner von deinen köstlichen alten Knochen verloren geht.«

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