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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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13

Ein verzwergter, alter Hirt trug jetzt einen Kübel Milch in die Hütte. Neugierig wie alle Bergler, denen die Berge nichts ausplaudern, stand er still und beschattete das Auge mit der freien Hand gegen den feurigen Westen, um die kommenden schwarzen Gesichter eher zu entziffern.

»Sagt nichts,« bat Mang mit gesenkter Stirne, »von dem, wißt –«

»Das kannst doch denken,« beruhigte ihn Walter großartig.

Sie saßen vor der Hütte in der noch immer hellen Dämmerung auf die Steinklötze ab, die da herumgesät waren, Felsen aus den Höhen, einst droben fast am Himmel hangend, dann durch einen Unfug der Natur heruntergeworfen und jetzt friedlich in den Alprasen verwachsen, breitschlachtige Sofas, Fauteuils der Bergwelt. So gierig tranken sie von der frischgemolkenen Milch, daß den Jungen der zarte Flaum um die Lippen noch von Nidel schäumte.

Die schweren, braunen Kühe trampelten daher, glotzten sie an und trotteten dumm und gut vorbei, indem sie die Häupter mißbilligend schüttelten, wenn ein Kälblein ohne Arg und Falsch in seinem hellgrauen, vergnügten Aufputz zu nahe an die Fremden heranschnäufelte. Immer lebendiger ward es vor der Hütte. Ein junger, fast schwarzer Muni mit seinem unheimlichen Mohrenkopf und den kleinen, glühenden Augen trat jetzt aus dem Stall, und wie einer Respektsperson gab ihm die Herde Durchlaß. Aber mitten in der Gasse stand er still. Die tiefe Röte am Himmel gegenüber machte seinen Rücken und seine noch kurzen Hörner glänzen. Er ringelte den Schwanz und peitschte sich ungeduldig damit. Augenscheinlich wußte er nicht, was er jetzt zuerst tun wollte, frisches Gras abbeißen oder in die verfluchte Bande der immer zu Kapriolen aufgelegten Geißen stürmen oder sich mit einem befreundeten Kühlein boxen. Plötzlich fiel ihm ein, daß es immer einen verteufelten Spaß mit dem gelben Hüterhund absetze, wenn er den Kopf senke und davonrenne. Das tut er und sieh, der Hund sprang ihm sogleich mit entsetzlichem Ernst hart an den Hufen nach. Nun fingen auch einige Kühe an zu springen. Alte Narren! Wie braune, massige, zweiteilige Wogen waren sie anzuschauen, so wie sie den Hinterleib aufwarfen, den Kopf senkten und auf- und niederhotzelten. Der Hund weiß nicht mehr, wo angreifen mit seinen hängenden, nassen Lefzen. Der Muni ist doch der böseste! Den! – Aber jetzt gibt es einen Witz. Walter muß hellauf lachen. Der gehörnte, junge Flegel kehrt sich mit einem schnellen Ruck gegen den Hund um und senkt die gablige Stirne gefährlich. Der Hund sperrt sich mit breiten Füßen, bellt unendlich und weiß vor Angst und Zorn nicht, soll er zurück oder vorwärts. Aber der Stier wirft sich um und galoppiert in seinem wunderbaren zweiteiligen Galopp weiter, eine ganze Wolke lustigen, freien Atems aus den Nüstern stoßend. Er grinst vor Freude. Daß dieser famose Ordnungshund da keinen Spaß versteht, das eben ist der kolossale Spaß, der ihm bis in den Schwanzzipfel wohltut.

Ein paar Hirten und Hirtenweiber, Mägde oder Geschwister, schlürfen indessen vor die Hütte und lehnen sich an die Untermauer. Es ist Feierabend. Die Männer tragen nur Hosen und Hemd. Mit den Füßen stecken sie in Holzsandalen. Das klottert bei jedem Schritt. Die Ärmel haben sie bis zu den Achseln aufgewickelt und die behaarte Brust weit offen. Sie reden wenig und schauen unverwandt auf die drei Gäste.

Und ringsum stille Berge und ruhiger Himmel und um und um ein Geruch, als wäre soeben aus Lehm und Saft und Gotteshauch die Welt geschaffen worden, so frisch und schöpferisch. Aber da zündet der älteste Hirt einen elenden Knaster an, und in den Duft der Urwelt mischt sich der Moder der Gegenwart.

Und doch, wie anders ist die Welt hier! denkt Emil. Man könnte kaum glauben, daß es in den tiefen, fernen Dünsten da unten der Ebene zu noch etwas gibt, wie eine Stadt mit Trambahn und Bureaus und Schreibmaschinen und Krawattengeschäften. Hier ist die Welt noch aus der ersten Hand. Dort unten ist alles zu Papier geworden.

Der Manuß lehnt sich zwar fleißig zurück, wenn eine besonders freche Ziege an seinen Beinen schnüffeln will. Auch dieser uralte Duft von Stall und Muttermilch und scharfem Gras, dem die Tabakpfeifen der Älpler doch nicht viel anhaben können, freut ihn nicht sehr. Aber er haßt ihn doch nicht. Wenn Walter einem Ziegenmännchen den Hals unter dem Knebelbart kraut, mitunter auch ein Haar ausreißt und dazu sagt, »Ia, ja, mi Schägg, – mi Fuchsli!« und sich in den Augen dieser Tiere dann bespiegelt, sich und den ganzen Himmel und die Berge wie in einem schwimmenden, dunkeln See, – dann nimmt sich der Manuß vor: ich will mich an das alles auch gewöhnen. Ich glaub', es wird mir nach und nach sogar gefallen. – Ganz homerisch sieht es ringsum aus. Er zieht das Buch aus der Tasche und blättert darin. Wie alles, hat er auch seinen Homer in der Schule gut gelernt, wenn auch kalt und ungerührt.

Geringschätzig blicken die Alpleute auf das Buch. Um so brennender folgt Mang den Seite um Seite überschlagenden Fingern des Ingenieurs. Er ist verliebt in diese Welt. Nun erst schnallt auch Walter seinen Kasten ab.

Die Hirten reden immer noch nichts, obwohl eine ganze Bibliothek von Neugier hinter ihren gekünstelt gleichmütigen, schlauen Augen hockt.

Ob es hier wohl ein Nachtlager für sie drei gebe? fragt Walter für den Ingenieur.

Es wird geantwortet: In einer Hütte schlafen die Mädchen, in der andern die Knaben der Realschule. Wenn sie dort wollen? Sie sagen es mit ungastlicher Miene.

Dann wieder Stillschweigen und steifes Beobachten.

Aber Walter vermag nicht mehr zu schweigen. Er zeigt das große Edelweiß.

»Das sind Blumen, hä?«

»Hm, ja!« brummt der Älteste.

»'s hat auch was kostet, Sapristi!« tut Walter wichtig.

»Von wem hast's 'kauft?« foppt der Älpler. Die andern an der Hütte lauern boshaft. Das ist der Herrenbub vom Dorf, mit so feinen Pumphosen und so einem Prachtgurt. Ihm mögen sie's gut gönnen, wenn ihr alter Kobelkarli ihm eins aufbrennt, dem überstelligen Hochnäser!

»Das möchtet Ihr wissen, von wem ich's 'kauft hab?« neckt Walter. »Ihr seid nicht einmal g'wundrig!«

Er hält die Blume dem Alten entgegen, aber wie der sie fassen will, schreit er: »Paßt auf, die macht Euch schwindelig, ich habe sie vor einer Stunde dem Hosendreckler abkauft.«

»Sternenhageldonner!« flucht der Alte und schaut die drei auf einmal wie enthüllte Götter an. Die andern recken die Hälse und staunen.

»Alle drei? – und mit dem Kasten da? – Du auch, Steinschorebueb?«

Statt aller Antwort zeigt Mang auf die Edelweiß in seinem und Emils Knopfloch. Sie sind wunderbar groß, noch frisch und feucht. Alles tritt näher. Aber die Weiber denken jetzt nur an Mang, stupfen einander und flüstern: »Nein, frag' du!«

»Und wer's jetzt noch nicht glaubt, der geh' einmal selber hinab und schau' auf der Bachplatte nach! Dort sind wir alle drei eingekritzelt mit Namen – der Ingenieur und Mang und ich! 's hat noch mehr Edelweiß dort, wer etwa kaufen will.«

Das wirkte Wunder. »Inschenier, Ihr könnt in unserer Hütte schlafen und für euch zwei ist auch Platz,« sagte der Kobelkarli.

Emil blätterte noch immer suchend im Buch. Er nickt nur mit dem Kopfe und sagt dann doch: »Danke! Wenn's ein bißchen bequem ist, zahl' ich euch wie im Hotel.«

»Gebt uns lieber ein paar Zigarren! Ihr raucht da eine blitzgute!« sprach der Alte einfach.

»Ein paar Zündhölzchen und etwas Kirsch, – wenn Ihr habt!« fügten andere bei.

»Und das Absomer Samstagsblättli!« heischten die Weiber.

Emil warf sein ganzes Etui hin und das silberne Zündhölzchenschächtelchen und die Frankfurter und Neue Zürcher Zeitung und was er sonst noch von der unheiligen Welt da hinauf geschleppt hatte.

Walter erzählte indessen laut und stürmisch die Reise. Mägde, Hirtinnen, Älpler, selbst der beruhigte und gescheit mit den Ohrenspitzen redende Hund zu Walters Füßen, alles horchte. Denn das ist ein Fest, soviel als eine Geistergeschichte wert. Dabei mustert man unaufhörlich den Ingenieur. Alle drei werden bewundert, aber am meisten in Glorie steht nun doch Walter, der Steinschorebub, wie er von Großvaters Heimwesen, der Steinschore, im Volke immer heißt. Er ist jetzt nicht mehr der vornehme, kurzhosige Brollerknab aus dem ältesten Dorfgeschlecht, nein, er ist der Gebirgsmensch wie sie, und was für einer dazu!

Die Berge schlafen stehend und sitzend, wie sie tagsüber sind, einer nach dem andern ein. Schwarze, ungeheure, formlose Massen sind sie geworden. Der Himmel selber verdunkelt und vertieft sich, aber schlitzt da und dort ein goldenes Löchlein durch seinen wunderbar weichen Samtbaldachin auf. Über dem Absomer gibt es sogar einen schmalen, sichelförmigen Schnitt. Aha, der liebe, süße, alte Mond! Einem galanten Boote gleich gondelt er sich über die schwerfällige Erde, lustig und leicht.

Über die Ebene im West und Nord hat die Nacht schon lange ihre schwarze Fahne gesenkt und Millionen kribbelnde, krabbelnde Menschen zugedeckt.

Die Augen der Älpler sehen das nicht mehr. Sie lieben es, sind es aber auch gewohnt wie Milch und Brot. Doch Walter ist ein heißes Liebkind der Natur. Und je mächtiger und voller sich diese Nachtherrlichkeit ob seinem Purpurgesicht entfaltet, um so schöner und feuriger erzählt er das Abenteuer.

Währenddem kommt durch das feuchte, weiche Gras ganz still und müd auch die Schule daher. Der Hund knurrt leise. Voran weisen Heinz und der Lehrer. Sie atmen auf, sobald sie Walter und Emil und Mang noch am Leben sehen, wie vor drei Stunden. Alle sind müde, kauern sich ins Gras, schlürfen leis die Milch und horchen dem Rubelkopf Krauskopf auf dem Stein zu. Und verherrlicht von soviel Augen und besonders von zweien, die er sich nie recht in der Farbe schildern kann, ob sie mehr grau oder blau oder braun sind, – aber die schönsten der Welt sind es jedenfalls, – entzündet sich der Fabuliereifer Walters immer mehr. Er kommt jetzt zur Teufelskirche, so heißt die Hallenwand, kommt zum Schrattenbächlein, zu den tödlichen Hüpfereien und den Edelweiß. Seine Lippen scheinen noch von dem Furchtbaren zu riechen, das er erlebt hat. Er lacht nicht, er sagt es ernsthaft. Und jedesmal, wenn er wieder einen solchen Todessprung über eine Gesimslücke erzählt, zittern dem Lehrer die Beine und er sagt sich heimlich: »Wenn ich das gewußt hätte, Walter wäre mir nie – –«

Und jedesmal denkt Heinz, indem ein Frösteln über seinen buckeligen Rücken heraufkriecht: »Gottlob, daß ich nicht dabei gewesen bin. Zerschmettert läg' ich.«

Aber die Hirtenleut' und die Kinder können sich nicht satthören, wiewohl es auch ihnen graut und schwindelt und dabei doch leise durchs Blut prickelt und flüstert: »Möcht' ich's doch auch probieren, ich auch!« –

Emil und Mang saßen nebenan auf einem großen Stein. Die Herde hatte sich in der Alpe zerstreut, äsend oder schon im Gras liegend. Emil suchte noch immer im Buche. Er wollte Mang eine Stelle zeigen, wo Homer in seiner großen Schlichtheit Hirt und Herde schildert, oder jene rührende, wo der geblendete Polyphem den Leitbock anredet, in dessen Wolle hängend Odysseus aus der Höhle des Menschenfressers flieht. Hie und da hielt er inne. Nicht wegen des ah! und o! nebenan, oder wegen der stillen Majestät dieses Abends, sondern wegen des gar nicht lieblichen, aber so eigentümlich anziehenden, ihm so engverwandten Gesichtes da, dessen Wärme er deutlich auf seinem Gesicht als die Wärme des gleichen Blutes spürte. – O wie konnte er es nur anstellen, dem Knaben da den Vater zu offenbaren!

Ein Weib schlich an Mang heran und zischelte leis: »Wie ist's denn mit deiner Mutter? – Ist es wahr, daß sie am Kindbettfieber schwer daniederliegt? wie?«

»Was geht Euch das an?« fuhr Emil sie so grob an, daß sie sich eilends wieder rückwärts schob. Dann wandte er sich zu Mang, der den Kopf tief hängen ließ, und zeigte auf ein Blatt im Buch, indem er mit weicher Stimme fragte: »Kennst du diese Stelle?«

»Welche? welche?« fragte Mang gierig, obwohl er vor Müdigkeit kaum die Augen offen behielt.

Ihre Gesichter berührten sich jetzt beinahe im Bestreben, die Buchstaben im Zwielicht noch zu erkennen. Aber sogleich sagte Mang freudig: »Aha, das weiß ich, der Sohn Telemach kommt nach zehn Jahren zum alten Hirten daheim zurück. Nicht? – Ja, das ist prächtig! – Die Hunde kennen ihn schon am Tritt und bellen darum nicht, und der Hirt – da ist's, da: –

Da eilt er entgegen dem Herrscher,
Küßt ihm das Angesicht und die beiden glänzenden Augen,
Beide Hände dazu und häufig entstürzt ihm die Träne.
So wie ein Vater den Sohn mit herzlicher Liebe bewillkommt,
Der – der«

Plötzlich las Mang langsamer. War's, weil ihm seine Vaterlosigkeit in den Sinn kam, war's wegen der großen Dunkelheit?

»Der aus entlegenem Land – nach – zehen –«

»Ich seh's nicht mehr,« entschuldigte sich der Junge. Aber Emil las fort:

»Der aus entlegenem Land heimkehrt im zehenten Jahre – Einziger Sprosse erzeugt – um den viel Kummer er ausstand, –
Also umschlang den schönen Telemach jetzo der Sauhirt,
Ihn mit Küssen bedeckend, als der aus dem Tode entflohn war –«

»Es ist prächtig!« unterbrach Mang scheu, »aber ich schlafe fast ein.«

»Und doch ist das nur der Sauhirt Eumöos,« sprach Emil, bald nicht mehr fähig, kalt zu erscheinen. »Weiter unten – da – ist erzählt, wie der rechte Vater Odysseus sich auch zu erkennen gibt. Wir haben diese Stelle auswendig gelernt. Sondern –« seine Stimme bebte, »sie beginnt:

Sondern ich bin dein Vater, um den du mit –«

Mit einer mißklingenden und barschen Stimme unterbrach ihn Mang: »Ich geh' schlafen!« – Mit den früher, mißtrauischen Blicken sah er Emil an, nahm ihm kurzerhand das Buch aus der Hand und sagte: »Gut' Nacht!« Im Nu war er im Dunkel der Hütte verschwunden.

Eine Stunde später lag auch Emil im Heu. Ein weißes, grobes Linnen, ein Laubkissen und eine Roßdecke, das war sein Bett. Auf einer Seite lag Mang, auf der andern Walter in dieser Ecke des Heubodens. Aus den andern Winkeln hörte man das Schnarchen und Schnaufen der Alpleute. Durch manchen fingerbreiten Spalt strömte der Bergwind herein. Zuweilen hörte man eine ferne Ziegenschelle oder das dumpfe Reiben einer Kuh am Gaden oder den dünnen Pfiff eines Murmeltierchens aus dem Geklüft.

Emil saß noch lange aufrecht zwischen den zwei Schläfern. Es war stockfinster. Aber er konnte seine Nachbarn am Atmen leicht unterscheiden.

Der zur Rechten atmete ganz leicht, mühelos, freudig. Er blies sozusagen die Luft von den Lippen, weich wie ein Flötenspieler sein Lied. Das war Walter. Der andere schnaufte langsamer und schwerer, wie aus einer Tiefe herauf, aus einer Brust, auf der von jung an schwere Gewichte lagen. Nach dieser Seite wandte sich Emil; dahin zog es ihn.

Was war dieser Tag nicht für ihn! In ein paar Stunden hatte er mehr erlebt, als im ganzen Leben vorher. Hatte er vorher überhaupt etwas erlebt?

Aber ich habe nichts erreicht, schalt er sich. Er kennt mich nicht. Ich bring' es wohl nie dazu, ihm zu sagen: Ich bin dein Vater. – Er fühlt nichts für mich. Und ich hab' ihn schon so gern!

Ein unglaublich heftiger Wunsch plagte ihn, Mang noch einmal zu sehen, jetzt im Schlafe, in aller Ruhe. Er griff nach der Taschenlaterne, drückte den Knopf mit der einen und schattete mit der andern Hand das grelle Licht ab. Mang lag auf dem Rücken, beide Hände unter dem rothaarigen Kopf. Die wolkigen Brauen wuchsen in die Nasengrube, wo ein tiefes Fältchen gerissen war. Den großen Mund preßte er hart zusammen. Die Backenknochen traten hart hervor, wie nie bei Tage. Er war bleich. Noch im Schlaf schien er zu leiden.

Welch ein finsteres, stolzes, gescheites, armes Kindergesicht.

Immer schwerer ward es Emil beim Anblick ums Herz. Was hat der wohl alles meinetwegen erdulden müssen, dachte er, daß so ein junges Geschöpf schon diese schwarze Runzel und so einen schweren Atem bei vierzehn Jahren hat! Das kommt vom Suchen und Rufen nach dem Vater. Oder vom Verfluchen des Feiglings! – Was muß er ausgestanden haben, so oft die andern ein Prahlen und großes Wesen mit ihren Vätern machten, wie es so Bubenart ist! Dann lief er wohl weg wie vorhin. Und die groben Leute hier haben ihn ganz sicher nicht geschont. Er hat genug zu hören bekommen. Daher ist er so scheu und wortkarg und einsam. Wär' er von der hellen Art wie Walter, so ein Vogel, dann tät' er sich leichter. Aber er kann ja gar nicht lachen. Er ist von meinem ernsten und empfindlichen Schlag. Da hilft alles nichts. Mein Werk und mein Verschulden.

Doch langes Sinnen und Härmen ist nicht Emils Sache. Er reckt seine Glieder. – Was tun?

So schnell als möglich der Geschichte mit der Cäcilie nachgehen. Und ist es so, woran er nicht mehr zweifelt, daß Mang ihr und ihm gehört, dann offen heraus mit der Sprache. Jenem Weibe will er dann aus den Sorgen helfen, und Mang bleibt bei ihm. Er wird ihn diese Tage beim Ausmessen immer um sich haben. Da gibt es genug Gelegenheit, ein Bekenntnis abzulegen. Es wird schwer sein, alles zu sagen in dieses widerwillige, scharfäugige Knabengesicht hinein. Aber es wird doch auch etwas Seliges in dieser Beichte liegen. Wann soll er dem Jungen sich bekennen? Morgen, übermorgen? Je eher, je lieber.

Alles Poetische und Feierliche ist Emil zuwider. Aber jetzt fällt ihm doch immer wieder der alte Homer ein. Was damals in den Studentenbänken so gleichgültig wie Luft an ihm vorüberschwamm, ergeht jetzt geradezu wie ein mächtiger Brief direkt an ihn. Die Verse, die sein kaltes, scharfes Gedächtnis behalten hat, erstehen aus einer erlernten Gerümpelsache plötzlich zu etwas Lebendigem, was ihn, nur ihn jetzt angeht. Neben dem verbitterten Bubengesicht steigen die Verse hörbar an ihm herauf und tosen, unausgesprochen und doch so laut, daß er daneben nichts mehr vernimmt, über ihn weg:

»Sondern ich bin dein Vater, um den du mit innigen Seufzern
Soviel Kränkungen duldest, dem Trotz der Männer dich schmiegend.
Also sprach er und küßte den Sohn, und herab von den Wangen
Stürzte die Trän' ihm zur Erde, die stets mit Gewalt er gehemmet.« –

Überwältigt nicht allein von diesem Augenblick, sondern vom ganzen unaussprechlich schweren Tag, sank er zum Jüngling nieder und küßte ihm die Lippe.

Mang rutschte unter einem Seufzer mit dem Kopf zur Seite.

Sogleich ließ Emil das Laternchen erlöschen und legte sich. Aber noch lange schlief er nicht. Während Walter träumte, er stecke sein großes Edelweiß vor allen Buben und Mädchen dem Irmeli in den Mund, rückte Emil ganz nahe an Mang und dachte: »Wie schön hat es doch ein Vater, neben seinen Kindern zu schlafen.«

Ein Weilchen später seufzte er: »Schon vierzehn Jahre hätt' ich's können! Das ist ein verrücktes Leben.«

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