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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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11

Man brach auf. Walter redete mit seinen Mohrenaugen zu Mang in aller Stille. Der nickte und schwieg. Dann winkte er dem Ingenieur und schritt ohne ein Wort zwischen etlichen magern Tannen voraus zum äußersten Vorsprung des Landes, wo ein Nachen lag. Mang schob zwei Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff zur Hütte hinauf fahren. Von allen steilen Ufern pfiff es zurück. Gleich wand sich unter den tiefen Nadelzweigen Marei hindurch, barfuß und eine Korallenschnur um den braunen Hals, warf die Kette ins Schiff und sprang nach einem starken Stoß noch rasch mit ins schwimmende Boot. Fest packte sie die Stehruder und glitschte ruhig mit ihnen durchs wunderglatte Wasser. Das Gesicht hob sie über die Fahrer hinaus zu den Felshöhen hinüber. Ihre Zöpfe und ihre Korallen überm Mieder, aber am meisten ihre braunen Augen glänzten dunkel. Man fuhr im Schatten. Aber was über der zehn Kirchtürme hohen Wand lag, lachte noch in der gelben Sonne des Abends. Viele dumpfe Wolken lagen im Westen. So bekamen die schräg darunter hervorfließenden Strahlen eine eigentümliche, fast zitronengrüne Farbe, während die lichtlose Tiefe da unten, besonders der schwarzschattige, im Ruderschlag leis aufplätschernde Spiegel etwas geradezu Herzbeklemmendes an sich hatte.

Und wahrhaft auch dem tapferen Emil Manuß schnürte es hier den Atem zu.

Damals, damals! – So früh am Tage wie es jetzt spät war, beim ganz gleichen Licht oben und beim ganz gleichen Dämmerblau unten, las er die Heufasern von seinem Studentenfräcklein mit dem braunen Samtkragen und sah frech zufrieden der rudernden Jungfer Cäcilie ins Gesicht, die ungekämmt und mit entfärbten Wangen, am ganzen, hastig bekleideten Körper fröstelnd, ihn und zwei Kameraden im gleichen Takt der Ruder hinüberfuhr. Bert war dabei. Vor Emils Augen flüchteten sich ihre Blicke immer wieder in die Felsen hinauf zu den Bergschwalben und gern wäre sie mit so einem wilden Vogel in das oberste, unzugängliche Steinnest gekrochen. Sie hörte die losen Späße und Anzüglichkeiten der Kameraden nicht. Aber als sie endlich niedersah, da schwammen ihre prachtvollen Augen in Tränen. Emil wurde rot und sagte sich: »Mensch, du bist ein Barbar gewesen.« – Jenseits blieb er unter dem Vorwand der Ablöhnung ein wenig mit ihr zurück. Mit der linken bot er das Fährgeld und mit der rechten Hand hielt er ihr ein vom langen Krampfen brennendes Goldstück entgegen. Sie nahm den Ruderlohn, aber zauderte wegen des Goldstückes, schüttelte immer langsamer den Kopf und deckte plötzlich das Gesicht mit der Schürze. Darunter drang ein unbezwingliches Geschluchze hervor. Emil war ratlos. Ganz fremd war ihm das. »Was hast du?« fragte er. »Oh – o –o!« wimmerte sie mit ihrer aus der Zertrümmerung noch herrlich klingenden Stimme. – Er riß ihr das Tuch weg und sah in ein vom Weinen ganz verwühltes Gesicht. Die Freunde riefen von den Hängen herab. Da wußte er nicht, was er tat, als er ihre Hand in der Hast heftig schüttelte und sagte: »Am Abend komm' ich zurück.«

»Wann, Herr?« fragte sie schnell und wild.

»Hieher, um acht Uhr!«

»O Ihr! – Ihr habt – ja, ich komme – ja, ich warte um acht Uhr! Ihr habt –«

Was wollte sie sagen? – Ihr verblichenes Gesicht wurde wie Blut vor viel Freude und Dank und noch mehr vor Scham.

»Gut also! Nimm jetzt!« gebot Emil schon kälter und warf die Münze in ihre Schürze. »Adieu!« – Er wandte sich um und lief wie eine Gemse den Geißweg im Gestrüpp empor. Aber er fühlte es sozusagen körperlich mit, daß die Jungfer noch immer unbewegt, ohne das Geld anzurühren, dort am Ufer stand, ihm nachblickend und an ihren breiten, zuckenden Lippen nagend, so wie er sie im Fortspringen noch im Sinne hatte. Noch lange sah er es so stehen, dieses Mädchen, das gar keinen Spaß verstand. Untertags zwar weniger. Die Kameraden witzelten, zeigten auf seine entzündeten Augen und hießen ihn einen Übernächtler. Trotzdem war er ihnen immer voran, Wegweiser und Pfadbauer. Keiner las so gut die Siegfriedkarte und übersetzte sie so famos ins praktische Marchieren.

Aber es kam eine sternenschwere Nacht hoch oben im Geklüfte. Sie lagen zwischen zwei felsigen Mauern windgeschützt und schliefen im Angesicht des stillen, goldenen Spaziergange so vieler Lichter zu Häupten fröhlich ein. Nur Emil sah jetzt wieder das Mädchen lebhaft vor sich. Es stand am See und winkte mit der verdammten Schürze. Es wartete vielleicht bis Mitternacht. Emil wollte sein Mitleid verspotten, aber es war ihm doch ungeheuerlich zumute. Die nächsten Tage ging's über weitere Bergketten in ein Land hinüber, wo die Mädchen nicht so rote Korallen am Hals und nicht so harzbraune, feuchte Augen im frischen Gesicht tragen und nicht gleich so ernsthaft auflodern. –

Wie langsam schwamm den Fahrern doch das dunkle Ufer drüben entgegen! Emil saß vorne am Spitz, gerade wie damals. In den Kielknauf hatte er seinen Namen gekerbt, wie Studenten ja so gern einen denkwürdigen Augenblick mit dem Schnitzelmesser verewigen. Er suchte den Kerb. Doch das Holz war grau, verwaschen und verkritzelt. Sein E und M erkannte er nirgends.

Aber da fiel ihm ein, daß er sich anderswo unauslöschbar eingeschrieben habe. Zeuge – dieser Mang, der da so breit und finster auf dem Mittelbrett des Bootes sitzt. Oder ist alles Spuk? Denn bis heute hat Emil alles das vergessen gehabt. Jedes Jahr hatte neuen Schutt drauf geworfen. Verschollen und tot war's.

Und nun vor dieser aufrechten, kräftigen Jungfer mit den saftigen Lippen und den großen, weißen Zähnen taucht urplötzlich auch wieder jenes erbarmungsvolle alte Bild auf. Und weil diese Rudrerin noch so ungebrochen dastand und so frisch ins Gebirge hinaufsah, noch so reich und satt von sich selber, – ah, da trat der Gegensatz jener andern, in einer Nacht entblusteten und geknickten, armen Person um so schärfer und elender in sein Gedächtnis.

Es trieb ihn förmlich aus dem Schiff. Schnell zahlte er die Schifferin und rannte das Weglein hinauf. Wenn nur bald die Gefahr kommt! Ein recht schwindeliges Klimmen und Klauben am Fels, so daß man zum Leben schauen muß, weil's nur an einem Bröcklein Stein hängt! Dann sind diese Hirnspiegeleien bald ausgefegt. – Wie ein Jüngling lief er durchs Buschwerk im klirrenden Gerölle empor. Gefahr, komm! Ich größe dich! – Ich küsse dich!

»Hier müssen wir aus dem Weg heraus!« erklärte Mang.

Der Manuß erschrak. Er hatte ganz vergessen, daß er nicht allein war.

»Da links, den roten Kreuzen nach!« forderte Mang mit dumpfer Stimme. Er sah bleich aus, müd, aufgeregt; er hatte in der Hütte kaum einen Bissen angerührt. Freudlos blickte er ins Gerölle.

Das ging steil aufwärts, hei! Doch Emil griff gewaltig zu. So rückte es flink in die Höhe. Schon sah man über den Wipfeln der letzten Tannen unter sich tief den See, wie eine schwarzblaue Tintenflut in einem grauen Steingefäß. Das Schiff schwamm in der Mitte, einen weißen, fadendünnen Schnitt nach sich ziehend.

Hier ging kein Lüftchen. Gras, Stein, Holz, alles starrte von Unbeweglichkeit. Emil wurde es eng. Wäre doch Heinz mitgekommen! So allein mit diesem verschwiegene, brütenden, unheimlichen Jungen! – Er mochte ihn nicht anreden. Er fürchtete jeden Blick. Er zitterte davor, in der kleinsten Bewegung des Burschen eine furchtbare Entdeckung zu machen.

Rennen, rennen! – So wild trieb er es, daß ihm Hals und Hände von Schweiß troffen. Er hörte nur noch seinen Stock, seinen Schuh, seinen Atem.

Einmal stand er still, um zu verschnaufen. Er sah nach dem Knaben hinunter. Ei doch, der stand dicht hinter ihm, atmete kaum merklich und hatte Stirn und Haar trocken. Ganz nahe sah jetzt Emil den Jungen, und er fing an zu vergleichen. Nein, die Gestalt so steif, das gelbrote, krause Haar, Lider und Brauen hochblond, breite Hände und Füße, das Gesicht eher rund, die Lippen breitblättrig und bleich, die Nase ein Knopf und alle Haut braun, dichtbraun von Märzenflecken betüpfelt, nein, das glich ihm in nichts. Er – Emil – war braunhaarig, hatte ein langes Gesicht, schmale Hände, schmale Lippen, schmale Nase. Nur die schlanke Figur und die jähen Achseln Mangs erinnerten an Emil. Aber jäh an den Achseln und schlank in den Hüften sind Tausende, die einander nichts angehen. Doch auch heftige, blaue Augen hatte der Bub, mit einem seltsamen Feuer und einem länglichen Mandelschnitt. Und auch da glich er Emil kaum ein Fünklein. Ganz blau glaubte er die seinigen, ganz grün die vom Mang. Und immer trug sie der Junge halb verschleiert von seinen langen Wimpern. Aber der Manuß zückte sie offen, wie eine helle, wache Katze.

Dennoch, es war ungemütlich bei diesem seltsamen jungen Menschen, seltsam wie bei einem Gespenst.

Da rollt Kies bergab, ein Stock klirrt, aus einem versprengten Busch schießt Walter hervor. Er lacht mit seinen heißen, tiefroten Backen und grüßt zutraulich den Ingenieur. An die rechte Hüfte hat er das Meßkästlein geschnallt.

Überrascht sah Emil bald den jungen Broller, bald Mang an.

»Das war ein flotter Streich!« entstürzte es den wulstigen Lippen Walters, »wie ich entwischt bin. Beim Riedelbach bückte ich mich zum Wasser, tat, als tränke ich, und ließ alle vorbeigehen. Dann fort über die Stauden! Nur der Seppli weiß, wo ich bin, und sagt es dem Lehrer, wenn man um mich Angst bekommt. – Nun gehen wir also die Mordfluh hinauf. Herr Ingenieur? Darauf hab' ich schon lang gepaßt. Das ist einmal etwas Feines! – Sie haben nichts dagegen, daß ich mitklettere?«

»Komm nur!« erwiderte der Manuß, im Innersten froh über diese neue Gesellschaft. Der Junge hatte etwas Aufheiterndes. Gleich wurde Mang lebendiger.

»Siehst du, Erzgauner!« lachte Walter. »Und du meintest, der Ingenieur lasse mich nicht mit! Da hast du's. Es sind nicht alle wie du! – Er ist,« wandte er sich rege zum Manuß, »so ein – ein – ja, wie denn? – so ein Grübler und Gelehrter und nimmt alles schwer, wissen Sie! Ein Pfund für einen Zentner! Hahaha!« –

Das sagte er mit rollendem R und so schnell, daß sich die Worte auf den Lippen fast überschlugen. Jedes wollte vor dem andern heraus.

»Aber was ist's nun mit dem Kästchen da?« fragte Emil ernst.

»Das trag' ich, das geb' ich keinem ab! Wo ich hinkann, kann das auch mit. Nur keine Angst!«

»Du wirst es schon noch bereuen, wart' nur,« drohte Mang. »Da hinauf ist einem alles zuviel, sogar das Nastuch, das Sackmesser, der Hut.«

»Hast du etwa nichts bei dir, he?« spottete Walter und faßte Mang unterm Arm. »Da sind doch Bücher und da auch, ganz mit Büchern ist er gestopft.«

»Laß mich!« gebot Wang beinahe böse und zerrte sich heftig los.

»Was sind denn das für Bücher?« fragte Emil betroffen.

Mang wurde schamrot. »Lasset mich nur, ich bring' meine Sachen schon hinauf.«

»Liefest du gern?« forschte Emil.

»Hm, ja!« sagte Mang mit erzwungener Lässigkeit.

»Die Bibliothek im Pfarrhaus hat er fast ausgelesen!« warf Walter ein.

Sie gingen immer steiler aufwärts. Ein Weg war das schon lange nicht mehr in diesem zähen Farnkraut, rieseligen Gestein und beginnenden Felsgewände. Hie und da begann bereits das Klettern.

»Zeig' mir doch ein Buch!« bat Emil an einer Stelle, wo man wieder zusammenstehen und tief unten den See wie eine dunkle Pfütze betrachten konnte.

»Wir müssen uns befleißigen, sonst wird's dunkel,« entgegnete Mang abweisend.

»Gib mir eines der Bücher,« wiederholte Emil, »dann haben wir alle etwas zu tragen.«

»Ich bin mir's besser gewohnt,« versetzte Mang unfreundlich.

Emil blinzelte mit den Augen wie immer im Ärger. Der Grobian! So sollte ihm ein anderer kommen!

Aber da schmiegte sich Walter behend an den Kameraden, griff unversehens in seine Brusttasche und riß blitzschnell ein Büchlein heraus. »Da, Herr Ingenieur!«

Zornig zischte Mang mit seinen Schaufelzähnen Walter an: »Jetzt zum letzten Male, Walter, laß mich in Ruh! – Ich bin nicht der Ortli oder der Teilig oder sonst einer von deinen Furchthansen.«

»Ja, ja, – jetzt bin ich wieder brav,« versprach Walter mit einer schalkhaften, goldenen Röte in den Augen und umschlang Mangs Nacken und lachte so gutherzig, daß der Freund gar nicht mehr brummen konnte.

Emil öffnete das alte, vergilbte Büchlein. Homer! Die Odyssee! – Vom alten Voß übersetzt, auf einem Papier, das von hundertjährigem Bibliothekmoder roch.

»Gottlob!« sagte sich Emil erleichtert. »Gedichte! – Das ist nicht meine Schwäche.« – Dann steckte er das unbequem dicke Buch ein. »Ich trage es dir hinauf,« versprach er und lachte ein wenig, zum ersten Male seit der Plättliseealp. »Bei den Absomerhütten liefere ich dir diese Odysseus und Hektor und das ganze behelmte Geschlecht mitsamt dem einäugigen Polyphem, sofern wir nicht vorher zu Tode stürzen, gesund und mit ganzen Knochen wieder ab. – Es sind ja auch Götter dabei, nicht wahr, die einen mit Wolken umfangen und in die Höhe entführen. Das könnten wir just brauchen.«

Mang gefiel das Spotten durchaus nicht. Er nahm die Odyssee sehr ernst und den Berg noch ernster. Kein Wort erwiderte er.

»Und liesest du solches sehr gern?« fragte Emil wieder.

»Ja, von Helden und Heldenstücken und was sonst noch etwa Wackeres in der Weltgeschichte steht.«

»Aber im Homer stehen ja lauter Märchen.«

»Das hat uns der Lehrer auch gesagt,« meinte Walter. »Aber du bist nicht in die Sekundarschule gegangen, wo wir das durchgenommen haben.«

»Wärest du denn gern länger in die Schule gegangen?«

»Ich wäre schon gegangen,« sagte Mang ungern, weil er Mitleid mit allen diesen Fragen spürte; »aber so zu lesen, etwa beim Schafhüten, ist's noch schöner.«

Walter spürte die Scham seines Kameraden und sprang hilfreich ein: »Er weiß doch mehr als alle Realschüler zusammen,« rühmte er. »Unsere Chronik, wisset, die von Absom und Mattli, und die Schweizergeschichte, und das Nibelungenlied und bald auch alles das griechische Zeug da weiß er so gut als der Lehrer.«

»Gebt lieber acht jetzt! Da fängt's an!« bat Mang ernstlich. »Walter, du lässest Steine rollen. Das darf man hier nicht.«

»Auf Ehr', nun pass' ich wie ein Tausendäugler auf.«

»Und das Kästchen mußt du jetzt auf die Brust vorne schnallen, sonst geht's nicht. Rücken und Seiten müssen wir frei haben.«

Still und schier feierlich wie in etwas Glorioses schritten nun die Wanderer hintereinander in die Schauder der berüchtigten, halsbrecherischen Mordfluh. Voran Mang, dann Emil, zuletzt Walter. Keiner redete mehr, obwohl Walters Augen immer noch leichtsinnig lachten. So bedächtig geht man wohl nur noch aufs wüste Meer oder in die tiefe Ewigkeit.

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