Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Federer >

Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
Schließen

Navigation:

10

Gegen fünf Uhr gelangte man auf den Rücken eines Vorberges und sah vor sich in einer felsenumschlossenen Mulde den schattenblau und leis in Tannen liegenden Plättlisee. Dahinter zur Linken den Hofendreckler oder die Mordfluh, und darüber ragte von weit hinten der Absomerkopf hervor. Aber nach rechts zog sich das Vorgebirge von der Mordfluh fast rundum, und hinter ihm ging den gleichen Bogen die Fortsetzung des Absomers, ein langes, köpfereiches Gebirge. Zwischen diesen zwei Bergketten liegt, von keiner Seite sichtbar, das katholische Mattli.

Durch eine niedrige Türe ging Mang seinen Herrschaften in die am See gelegene Hütte voran. Man grüßte kurz, trank kuhwarme Milch und aß Käse und altbackenes Brot. Die Hirten sah man kaum hinten am Herd, so rauchig und finster war es im Raume. Die Älpler redeten nur mit Mang, doch wenig und mit singendem Tonfall.

»Wie kannst du jetzt von Absom fort?« fragte der knochige, junge Alpwirt Töni.

»Wie geht's ihr?« fügte sein stoppelbärtiger, alter Knecht hinzu.

»Weiß nicht,« versetzte Mang dumpf und wandte sein Gesicht gegen den Rauch.

»Gar nicht gut, sagt man,« murrte der andere.

»Laßt ihn!« lispelte laut genug der Knecht.

»Das ist der neue Inschenier,« sprach endlich Mang wieder.

»So-o–-ooo!« erwiderten die zwei unlustig.

»Geht Ihr noch heut auf die Alp?« forschte dann Töni.

»Ja!« sagte der Mang.

Plötzlich wurde es draußen laut. Der Frischli bellte böse und rannte zur Türe hinaus. Ein Haufen junger Gesichter sah herein, die Realschule von Absom. »Habt ihr Milch?« schrie es.

»Habt ihr auch genug für vierzig Mann?« foppte man. Trotz dem bissigen, knurrenden Hund trat einer schlank und hoch herein. Er war um einen krausen, runden, glutäugigen Kopf größer als alle. Schöne Augen haben die Bergleute hier, bald wasserklar blaue oder lichte, hellbraune oder samtdunkle. Aber diese Jünglingsaugen waren nicht zu überbieten, so ein rötlichschwarzes Feuer verspritzten sie mit jedem lachenden Blicke.

»Grrüezi, Mang!« sagte er lustig, »komm auch zu uns herrraus!«

Sogleich erkannte Heinz Ernstlis Bruder, den hochgefeierten Walter Broller. Weniger an dem runden Römerkopf oder an den gleichen nächtig schimmernden Augen, sondern an der schönen, vollen, purpurnen Lippe, die in der Mitte gespalten war und aus der das R so rollend hervorkam.

Mang und Walter waren wohl vom gleichen Alter. Aber als sie vor der Türe im vollen Lichte nebeneinander standen, hätte man sich keine ungleichern Kameraden vorstellen können, so südliche und so nördliche Augen, so ein dunkellockiger Bursche und so ein heller, rothaariger Mang, hier ein Gesicht voll Übermut, da eines voll Ernst und Düsterkeit. Mangs Bewegungen hatten etwas Gerades, Aufrechtes, fast Steifes; bei Walter dagegen spielte der Körper wie eine geschmeidige, schwungvolle Melodie jedes Wort und Lachen mit. Sorge und Sorglosigkeit hatte man wohl noch nie so jung und nah beisammen gesehen.

Mit dem Lehrer saßen die Knaben im Kreise ins Gras und tranken frischgemolkene Milch aus hölzernen Näpfen und packten zum Imbiß von ihren Proviantsäcken Brot und geräuchertes Fleisch aus. Walter neckte in einem fort die kleineren Buben und warf da einem ein Steinchen in die Milch, dort einem Tannadeln hinter den Hals. Aber mit Mang, neben dem er durchaus sitzen wollte, tat er wie mit sich so gut und respektierlich. Auch die andern bezeigten gegen Mang eine eigene scheue Freundlichkeit.

»Dieser Mang steckt in einem Unglück,« sagte sich Heinz und trat unter die Schüler. Das waren Jungens von zwölf bis fünfzehn Jahren, viele klein gewachsen, eingedrückt und nicht besonders frohfarbig im Antlitz. Die Kinder auf dem Dorfplatz hatten viel munterer und frischer ausgesehen. Kam das vom jahrelangen Bänkehocken? oder vom Helfen abends beim Sticken und Fädeln? Geweckt blickten freilich alle drein. Ganz arme gab es da nur drei, vier. Auch diese trugen saubere Kleider, aber jenen frühen Druck des Geringerseins und Minderhabens als alle andern und daher jene ängstliche und gequälte Verdemütigung auf den Stirnen, die so himmelschreiend ist und die von den übrigen Gespielen, besonders dem reichen, schönen und herrschenden Walter nicht gefühlt, wohl aber wie etwas ganz Selbstverständliches ausgenutzt wird.

Mehrere hatten freilich hellere und rotbackige Gesichter; merkwürdig, gerade die, welche auch feine, städtische Pumphosen, schmiegsame Schuhe, teure Jägerhemden und einen dreischnalligen, silbernen Gurt um die Hüften trugen. Einfach sahen auch diese aus, ohne Krawatte und Kragen und ohne der gezierten Firlefanz der Stadtbüblein. Aber ihrer Sorglosigkeit und ihren aufgeräumten Mienen sah man die schwere Börse ihres Vaters, die vielen seidenen Sonntagsröcke der Mutter im doppeltürigen Schrank, den Mittagstisch mit ungewässertem Most und kräftigem Braten und den süßen, stolzen Leichtsinn an, der nie fragen muß, woher das Geld komme, wohin das Geld gehe und was es für Kraft und Blut koste. Die große Mehrzahl waren jedoch die schlicht Vermöglichen, einfach, ländlich genügsam, lieber ärmlich scheinend, aber ihrer Sache von Herzen sicher.

»Ist das der Ingenieur?« fragte man Mang, als Emil einen Augenblick unter die Hüttenöffnung trat, um von diesem verschlossenen Tälchen aus zu den gewaltigen Felsquadern über dem See aufzustaunen. Zuerst zwar ging es mit dichtem Gebüsch in die Höhe. Aber nach und nach wuchs der reine Fels heraus und stieg in seltsamen, senkrechten Formen, ähnlich einigen gewaltigen Orgelpfeifen, in die schwindelnden Höhen. Wo da ein Fuß gehen könnte, schien rätselhaft.

Unfreundlich waren die Blicke der jungen Leute auf den stolzen Mann gerichtet, der soviel ungemütlicher aussah als der allen liebe Bert. So frostig, verschlossen, ohne Aug' und Gruß für sie stand er da. Der war kein lieber Mensch. Der Reallehrer zerrte am weitgeschweiften Schnurrbart. Er hätte unendlich gern Bekanntschaft mit dem Ingenieur gemacht. Aber man wird so schüchtern in den Dörfern. Als er noch im Seminar in Rorschach studierte – Rorschach ist sozusagen der leichte Schatten einer Stadt – da hätte er sich nicht lange besonnen. Er würde vor Emil getreten sein und hätte im erlesensten Deutsch sich als Bewunderer der höheren Geometrie und Meßkunst vorgestellt und gesagt: »Bemüßigt es Sie nicht zu sehr, wenn ich Ihnen ein wenig Gefolgschaft leiste?« Bemüßigen ist nämlich sein Lieblingswort; es hat einen dreifachen, ziemlich dunkeln Sinn und gibt der Frage etwas würdig Breites, Halbamtliches.

Aber jetzt ist er schon an die fünf Jahre im Dorf. Selbst das feine Wort »bemüßigen« gibt ihm augenblicklich nicht den Mut, mit diesem gescheit blickenden Gelehrten anzubinden.

»Kann er's noch besser als der Bert?« fragte Walter den Mang.

»Gescheit ist er schon! – und frech!«

»Frrrech?« rollte Walter. »Wieso?«

»Nicht so laut! – er will die Mordfluh hinauf.«

Walters Purpurkopf leuchtete sonnig auf. Den Hosendreckler. Nun liebt er den Manuß. »Traust du dich mit?«

»Warum nicht!« antwortete Mang gelassen.

»Dann komm' ich auch!« flüsterte ihm Walter hitzig ins Ohr.

»Unsinn, du darfst doch nicht von der Schule weg.«

»Wir übernachten ja auch auf der Alp oben. Die Mädchen sind schon dort. Also kann ich diesen Weg mit euch nehmen, gerad' so gut wie mit den andern dummen Kröten, marsch! pfui!« – Er spie großartig aus.

»Der Lehrer läßt dich nicht! Und ich will nicht, daß man weiß, wir gingen den bösen Weg. 's gibt immer Geschrei.«

»Aber, ich komm' mit, ich komm'!« schwor Walter. Die Lippen schwollen ihm vor Erregung. Er sprang vom Rasen auf und stürzte herum. Ja, wenn er fragt, wird es ihm streng untersagt. Also nicht fragen! Einfach davonlaufen! – Er weiß schon wo. Ha, das gibt einen Hauptspaß!

Neben der Hütte unter dem vorhängenden Dach liegen ganze Bündel roter Richt- und Meßpfähle; sie wurden für den Ingenieur schon gestern da heraufgeschafft. Älpler werden sie die nächsten Tage auf die Alpe tragen. Emil hat gemeint, ein Esel würde leicht in drei Gängen den ganzen Haufen über Miezeler zu den Absomeralphütten schaffen. Aber einen Esel haben nur die Mattler, und es kostete schon zwei Tage, bis das rare Tier hier wäre. Emil studiert, was da zu machen sei. Er pressiert. Oder was sinnt er? Ah, ans Seebord sitzt er und entfaltet die Karte. Nichts weiter!

Indessen zerrt der Reallehrer immer verzweifelter an den hübschen Zipfeln des Schnäuzchens. Ach, er redete so gern mit lehrreichen, weisen Leuten. Wenn sie ihm dann antworten, vielleicht nur sagen: »Gewiß, Herr Lehrer, gewiß!« so gab das eine langandauernde Glorie auf sein Haupt. Aber dieser Herr ist wirklich zu abstoßend. Er kehrt ihm trotz Hüsteln und steifem Hinblicken beharrlich den Rücken. Starr sitzt er dort, hört und sieht nichts.

Schon wollte der in der Kalligraphie und in der Grammatik besonders reife Mann die letzte Hoffnung aufgeben, als ihm beim Anblick der Stäbe noch rechtzeitig ein genialer Schulmeistereinfall kam. Er wandte sich also an einen Schüler und sagte mit lauter Stimme und übereifriger Betonung: »Junge Leute sollen diensteifrig sein. He, Klausli, warum sag' ich das?«

Einige Erstrealer hoben den Finger wie im dumpfen Schulzimmer.

»Gix, gax!« spotteten die älteren zu diesen Zahmen und Zutunlichen.

»Wollt ihr schweigen! – Warum sag' ich das also?« – Noch lauter schrie der Lehrer das und blickte zu Emil. Der rührte sich so wenig wie ein Stein. »Kann ich diesen kühlen Menschen denn gar nicht interessieren?« seufzte Lehrer Fanner.

»Ich! – ich – ich!« baten indessen immer mehr eifrige Schüler.

Aber der Lehrer rief keinen auf. Er wollte sie nicht reden lassen. Er selber wollte sich produzieren.

»Gerade euch, die größern Buben, geht das an. Warum also sagte ich so? – Weil die Herren von der Stadt,« fuhr er predigend fort, »ein großes und schweres Gepäck mit sich führen. Da bietet sich denn ein beflissener, dienstwilliger Schüler an, ob er etwas tragen helfen dürfe. Dort drüben sind gewiß – wie ich freilich ganz unmaßgeblich schätze – fünfhundert oder sechshundert Meßstäbe. Da könnt ihr euch nützlich machen. Den Sorglichern gibt der Herr Ingenieur sicher« – wieder ein gewaltiger Blick auf den Manuß! – »einiges von den köstlichern Utensilien zu tragen, als da sind Stativ – Meßplatte –«

»Das nehm' ich – das Dativ!« schrie ein starker Junge.

»Ich, ich, ich!« klang es begehrlich.

»Das alles muß ja auch auf die Absomalp, denk' ich,« schloß der Lehrer.

Aber Emil rührte sich noch immer nicht. Heinz hatte ihn schon lange beobachtet. Mit fahlem Gesicht saß Emil am Wasser, die Karte auf dem Knie und sann und bohrte an etwas mächtig herum. Unter ihm, kaum mannstief, lag die abendstille Flut des Seeleins, über der Spinnenfäden hinspannen und kleine, surrende Mücken hin- und herflogen. Schon fiel der Schatten der diesseitigen Höhen halb über das grundlos scheinende Wasser und rückte, je tiefer die Sonne fiel, gegen das andere schroffe Ufer hinüber. Jetzt wie eine dunkle Armee, gleichmäßig und gleichschrittig an der Frontlinie, klettert er empor. Freilich, die sonnengelben Felsköpfe, die sich über die Mordfluh ob der Alpe gleichsam herausbeugten, die dunkelten noch lange nicht. Die tranken noch volle Schalen Lichtes. Die hohen Wesen haben es ja immer besser als die tiefgesetzten.

Doch alles das gab Emil nichts zu denken. Aber in der Hütte waren Dinge an sein Ohr gelangt, die ihm fast den Sinn verstörten. Denn kaum waren Mang und Heinz mitsammen zur Gesellschaft hinausgegangen, so hatte sich der jüngere Älpler an den alten Knecht gewandt und gesagt: »Wir hätten nichts von dem Zeug da reden sollen, er ist wehleidig.«

Der Alte brummte etwas und stieß dicke Tabakswolken aus seiner Pfeife.

»Aber schad' ist's um so einen jungen Kerl. Keinen Vater und so eine Mutter! Durch und durch verderbt ist das Weib. Engel sind wir alle nicht, wenn einen das Blut nesselt, das weiß man. Doch die kann nur huren.«

Wieder verblies der andere eine ungeheure Tabakswolke und rührte dazu mit einer Kelle wie ein Prügel die Schotten dick gelaufene Milch. Auch unter dem großen, an einem rußigen Haken hängenden Käskessel qualmte ein dichter Rauch vom nicht ganz dürren Holz empor.

»Vor x Jahren den Mang und jetzt gleich zwei auf einmal! – Und was dazwischen ging – hm! 's gibt eben kein Protokoll darüber.«

Der junge Alpmeister lachte widrig. Der Alte nickte kein Ja und kein Nein.

»Und aus guter Familie ist die Cäcilie. Nur daß sie alle tänziges Blut haben. – Der Mang, ja! – Recht ist's nicht, daß man ein Uneheliches minder wert hält. Was vermag sich der Wurm dabei? Aber ins Haus zu meinen Kindern nähm' ich halt doch keins.«

Er hielt inne. »Warum redest du nicht, Hannes?«

»Schimpft ihr nur weiter auf die Weiber! Ich bin ein Lediger und tu's doch nicht.«

»Das ist's gerade, du kennst sie nicht!«

Es war ordentlich dunkel in der Hütte. Schwer dunstete der Rauch gegen die Türe und die Dachbalken hinauf. Hie und da zerlöcherte er sich auf dem Wege, und dann sah Emil bei seinem Kaffeenäpflein und seiner großen Käseschnitte deutlich, wie der Alte Grimassen in sein Stoppelgesicht schnitt. Zuweilen flackerte eine Flamme hervor, und dann sah er aus wie ein blutroter Teufel.

»Und ihr, kennt ihr sie etwa?« begann Hannes endlich. »He, Marei, geh nur schnell hinaus! Da flucht einer erbärmlich auf euch frische Jungfern.«

Über die dicke, rauchumtanzte Leiter, die an der Wand hinauf zum Heu- und Schlafboden stiegelte, kam ein breites, aufrechtes, junges Weibsbild herunter mit verbranntem Gesicht und wirrem Haar. Sie war die Schwester des jungen Älplers und ein bißchen ins Heu hinauf schlafen gegangen. Vom Lärm unten war sie erwacht und kam nun neugierig herab.

»Laßt ihn nur! Mit der Schwägerin Sepha ist er doch gut,« sagte das kräftige Mädchen und lachte schelmisch. Da sah sie den Ingenieur am dreibeinigen Tischchen sitzen. Erschreckt fuhr sie zusammen, glättete schnell das Haar und knöpfte die Bluse zusammen.

Emil starrte sie totenbleich an. Die Jungfer sperrte ihm förmlich die Augen auf. Spukt es denn gegen ihn oder träumt er? Vor fünfzehn Jahren, wie diese Männer sagen, an einem solchen Abend, in einer solchen Hütte, kam eine solche verschlafene Jungfer wegen des Studentenlärms vom Heuboden in die Käserei herab, strich hastig ihr rotbraunes, wildes Haar aus der Stirne und erschrak, als sie die blauen, züngelnden Blicke des verwegenen Studenten herrisch auf sich gerichtet sah.

»Bring dem Herrn da noch etwas Milch, Marei, dann geh!«

Emil wollte abwehren, daß er nichts mehr trinken möge. Aber jeder Ton war ihm in der Kehle erstickt. Wie gebannt saß er da. Immer dachte er: Es ist unmöglich, es ist unmöglich! Und trotzdem fühlte er von Augenblick zu Augenblick eine entsetzliche, unglaubliche Wahrheit ihn mit wachsender Heftigkeit packen. Er wollte sagen: Danke, danke! – aber es gelang nicht. Schon stand sie da neben ihm und schöpfte ihm mit einem Riesenlöffel dampfende Milch ins Näpfchen. »G'segn' es Gott!«

Da erkannte Emil diese alte Kelle mit den gekreuzten Kerben, erkannte diese Bewegungen der nackten, braunen Arme beim Eingießen, und vor allem erkannte er dieses »G'segn' es Gott!«, als hätt' er das gestern abend erlebt. Dem eiskühlen Manne jagt es den Schweiß aus den Händen.

Sie aber, eine großgewachsene, bäuerlichgrobe Schönheit von zwanzig Jahren, ging nicht aus der Hütte, sondern zog sich in eine Ecke zurück, wo es sehr dunkel war, und setzte sich dort aufs Reisig.

Gerade so war's damals gewesen. Emil fing nun an, sich dieser unheimlichen Macht, die ihn da so unzeitig überrumpelte, in allem Ernst zu widersetzen. Aber er kam gar nicht zu Atem. Er merkte selber, daß sich hier ein Geschick erfüllen wolle, daß es so unaufhaltsam komme, wie eine Flut dem Falle entgegengeht.

»Marei!« rief der alte Knecht wieder und stocherte im Feuer herum, »stopft Euch die Ohren. Er redet wüst heut'.«

»So zeig' mir, daß ich verlogen red'!« begehrte der auf.

»Ich denk', daß jedwede junge Dirn' ein gutes, aber lustiges, warmes Blut hat. Jetzt bringt Feuer derzue, so siedet's.«

»Nicht alle, die besten Vögel gerad' nicht kann man locken,« sprach der Töni.

»Aber die leichten, – und wenn so ein Hübscher und Hitziger kommt und ihm die Glut aus Augen und Lippen brennt, und wenn er ihr die Ohren mit seinem prächtigen Singsang voll musiziert und sie fest dazu in die Arme nimmt, und wenn sie das erste Mannstum so nah und kräftig schmeckt, daß sie fast benebelt wird, – he –«

»Tobelhannes, Tobelhannes!« warnten die Geschwister.

»Dann gebt ihr zehnausend Schutzengel, aber der schöne Teufel da hat allein Gewalt. Nimmt sie und schlürft sie und geht weg und lacht müd und satt wie nach einem flotten Z'mittag.«

»Du weißt ja mehr als ein Verheirateter,« spöttelte Töni.

»Tut nur ihr nicht so fromm!« entgegnete Hannes und hustete schnell den Rauch aus der Kehle. »Verflucht oft geschieht so was in den Bergen, und dann singt ihr: ›Auf der Alm, da gibt's kei Sünd‹.« – Das sang er mit der häßlichen Fistelstimme des Greises. Die Geschwister schwiegen. Emil saß wie genagelt auf seiner Stabelle.

»Über das alles schimpf' ich ja nicht. – Aber dann kriecht so ein Wurm aus, wie der Mang. Das schlechte Weibsbild! heißt es jetzt. Alles rückt zehn Bänke weit weg. Der feine Vater hingegen ist verduftet oder lügt alles lustig ab, mit erhobenen drei Fingern. Na, jetzt, ledige Mutter, hockst da, links allein, rechts allein, armesündermäßig allein!«

»Das ist vielleicht wahr,« sagte die Marei leise und wie verzagt.

»Und jetzt noch ist das Weib grad ein Mensch wie wir und hat die Natur aller Weiber in sich, ja, nun mehr als die andern, und brennt und siedet. Aber alles stößt sie weg. Kein ehrlicher Bursch holt sie an die Kilbi Kirchweih. Doch sie kennt jetzt das Glück vom Mannsbild, nicht lauter wie ein Ehweib, wie eine Vergiftete. Und muß das Gift wieder haben, so oder so«

»Nein, nein,« sperrte sich der Hirt, indes seine Schwester düstere Augen bekam.

»Ja, ja, sag' ich. – Und da hat einer leichte Sache. Die Cäcilie hat Jahre lang getrotzt, wie kein Mann es könnte. Aber dann war's zu End' mit der Weiberkraft.«

Die Marei wollte nichts mehr hören. Sie verhielt sich die Ohren, aber lauschte doch zwischen den Fingern. Da schrie der Alte aus Fieber und Rauch hervor: »Ich bin euch wohl zu bissig? Aber hier auf der Alp in dieser Hütte ist's der Armen zuerst grad so an einem heißen Heumonat passiert. Ich hirtete ja hier. Und da hab' ich eben noch den Mang gesehen. Da ist mir halt die Galle gestiegen und ist mir die unmanierlich' Red' entfahren. – Aber ich nehm's nicht zurück, nein, nein!«

»Der Rauch ist mir zu stark!« stammelte Emil heiser und schwankte durch den Qualm zur Türe.

»Herr Inschenier!« rief der Alte und schwang ein brennendes Scheit von der Feuergrube in der zitterigen Hand, »ich weiß nicht, seid Ihr beweibt oder habt Frau und Kind. Aber müßt Ihr nicht sagen: Der Tobelhannes hat dreimal recht, wenn er sagt, verflucht und verdammt sei der erste, der unrecht ans Weib geht?«

Emil hörte vor dem Gebrause seines Blutes im Kopfe nichts mehr. Auch die Marei hörte er nicht sagen: »Hannes, der hat Euch kein Wort verstanden, das ist noch ein Guter.« Worauf der Alte ins Feuer spie und grimmig sagte: »Hab' jetzt ich oder hat der Rauch den Inschenier hinausgejagt?« – »Ihr jagt uns alle noch hinaus,« entgegnete schmollend die Jungfer und winkte Töni, mit ihr hinauszugehen und das Geld für der Vesperimbiß einzusammeln. »Marei,« sagte dann draußen der Bruder, »er mußte so schimpfen; er ist ja Cäciliens Götti. Die Väter sind Stiefbrüder gewesen.« –

Das alles hörte Emil nicht mehr. Er saß am See und entfaltete die Karte auf den Knien und fühlte, wie ihm die Hände vor Nässe am Papier klebten. Seine Füße zitterten. Das war aus dem Meer in einer endlos langen Gewitternacht und war im afrikanischen Röhricht mit seinen rachsüchtigen Negern und ihren vergifteten Bolzen nie vorgekommen. Jetzt geschah es. Wie eine kalte Hand strich es über den Rücken Emils hinunter. So viele Jahre hatte er kühl und sicher gelebt, daß ihn diese erste, jähe Verwirrung ganz von Sinnen brachte. Und wie er selber bebte, so schien sich alles um ihn zu drehen, das atemstille Wasser, die stummen, steifen Berge ringsum und die schlafenden, wipfelleisen Tannen. All diese beharrliche Natur, die nie ihren Sitz wechselt, hastet jetzt wie verrückt durcheinander: Baumzinken, Wellen, Felshäupter schlagen zusammen, selbst der Boden scheint auf und ab zu wanken.

Manuß schloß die Augen, um sich zu sammeln. Er wollte einen Augenblick gar nichts denken, vor allem nicht diese Sache zusammendenken. Er wagte keinen Zusammenhang zu suchen, keine Folgerung zu ziehen. Aber sein Verstand war zu groß. Alle Folgen dieses kleinen Geschichtleins von Hannes standen schon unerbittlich klar vor ihm. Besonders zwei Fragen, die er durchaus überhören wollte, pfiffen und kreischten immer wieder wie ein Schwaden giftschnäbliger Vögel in sein Ohr: »Ist Mang mein Sohn?« – Und nach einer totenstillen Weile: »Ist diese Cäcilie jenes Mädchen vor fünfzehn Jahren?«

Es wollte ihm übel werden.

Wie rasch ist das gekommen! Es war Emil, er sei in ein anderes Leben gestürzt. In einer Minute! Also so schnell ist ein stolzer Mensch zerschellt. Ein Blitz – und zu Boden liegt seine Pracht. Daß man so was nicht voraussieht, nicht abwehren kann! Aber Dummheiten, Dummheiten! Miggi, nimm dich doch zusammen! Kaltes Blut! Was ist denn das alles? Lug und Trug! Hundertmal passiert im Tag, was dieser alte, schwermütige Mensch erzählt hat. Und nun soll gerade ich der Bösewicht sein? – Emil Manuß, verlier' dich nicht in die abergläubischen Träume dieses Grüblervolkes! Du bist jetzt Ingenieur hier und nichts weiter. –

»Hör' einmal auf! Immer hast du nur den Sinn am Narren!« hörte man Mang zornig schwatzen.

Dort steht er bei Walter. Seine Stimme klingt genau wie die jener Sängerin in der Bahn, und jetzt weiß Emil, daß das auch die Stimme jenes Hirtenkindes vor fünfzehn Jahren ist. Darum, darum! –

Und wenn alles so wäre? Wer weiß denn, daß ich an diesem Buben mitgeholfen und mitgeschaffen habe? Ist denn eigentlich jetzt auch nur ein Tropfen meines Lebens anders als gestern oder vorgestern, da ich von all dem noch keine Ahnung hatte? Niemand weiß, auch ich nicht sicher, ob überhaupt ein Faden an der ganzen Geschichte wahr ist. Und wenn ja, ob dieser Faden dann gerade zu mir hinüberspinnt. Kann dieser Mang denn nicht ebensogut der Sohn von einem andern Liebhaber sein? Und immer wieder, wenn es auch wäre: wie viele Väter müßten wohl Kinder, namenlose Kinder, aber doch ihre Kinder, in der ruchlosen Zerstreuung der Welt suchen! – Tun sie's? Aber ich soll da der einzige rare Heilige sein, hingehen und sagen: Habet Erbarmen mit mir, ich bin der Vater dieses Mang, ich bin der Verführer dieses Weibes, aber ich bereue und stehe für alles gut, auch für diese Bälge, die jüngst auf die Welt kamen, ich bin ja der erste Verführer! Und ich stehe gut für alle, die noch kommen könnten! – Pfui doch!

Aber dort steht Mang und ich hör' ihn reden und es ist die Stimme jener Jungfer, er ist sicher ihr Kind, und ich, ich bin sein Vater! &…133;Jetzt vor allem Ruhe! Herrgott, daß ich meine Hände und Füße nicht stillhalten kann!

Wie als aufgeregter Knabe klaubt und zupft er in den Hosentaschen herum, nur um etwas zu tun. Dabei zerrt er den Brief Settens heraus. Er blättert ihn auseinander. Alles ohne zu denken, nur um etwas zu tun, um Gottes willen, um etwas zu tun.

Lange Zeit blickt er ohne zu lesen auf dieses mit großen, runden Buchstaben beschriebene Blatt. Nach und nach, trotz seines verstörten Kopfes, trafen ihm diese vollen S und O mit ihren fast klingenden Strichen und prachtvollen Schweifen doch mit zu bekannten Mienen vor den Sinn. Die einzigen zwei Worte der ersten Zeile, so einsam und groß gezeichnet, stachen ihm besonders ins Auge: »Lieber Mann!« – Emil dachte immer noch an nichts und fing an, mechanisch zu lesen, nur um etwas zu tun. Zuerst hörte er nur das Wort, aber in der zweiten Zeile fühlte er auch die Stimme und in der dritten das Auge und die Lippe und das ganze Frauenwesen, das aus dem Briefe sprach. Er las immer lieber. Das war nun wirklich seine Frau, das wußte er. Wie eine Rettung kam ihm ihre sonst so kühl aufgenommene Anrede vor: »Lieber Mann!« Hier tritt ihm alles so unheimlich verfeindet, schier wie auf Tod und Leben entgegen. Und da heißt es: »Lieber Mann!« Emil hat nie gedacht, was so ein Wort einem in der Verlassenheit wert sein kann. Er klammert sich an dieses Papier fest wie ein bedrängter Krieger an seinen Schild. Er hält es zum Schutze gleichsam vor die furchtbare Entdeckung und vor das Weib, das ihm da in den Weg tritt. Aus der fremden, grausigen Welt hier flüchtet er sich wie ein Kind in die kleine Welt dieses Briefleins, zu seiner Frau, zu diesem Töchterlein, das – ja, ja, da unten! – auch noch ein Grüßchen, wenn auch mit einem einzigen S beigekritzelt hat. –

»Sagt es ihm selber!« hörte er jetzt Mang sagen.

Aber von mir ist kein Ton in dieser Stimme, dachte Emil. – Überhaupt, in gar nichts finde ich eine Ähnlichkeit mit mir heraus.

Heinz trat nun an den Ingenieur heran. Er wollte sagen, daß man aufbrechen müsse. Und daß er bitte mit der Schule den gewöhnlichen Weg links über Miezeler hinauf gehen zu dürfen. Klettern könne er mit seinen alten Knochen nicht mehr.

Die Schüler würden alle Stäbe und Instrumente gleich mit nehmen. Heinz wolle scharfe Obacht halten, daß die Dinge richtig bei den drei Absomer Hütten ankommen.

Da sah er den Basler Brief in Emils Händen, und ein glückliches Lachen ging breit über sein Gesicht und rötete seine grob vorstehenden Backenknochen. Mit steigender Neugierde betrachtet er Emil, wie er liest! – Entschuldigend wandte sich Heinz zum Lehrer, der sich vom Begleiter dem Ingenieur nun einfach auf Gnad' oder Ungnad' wollte vorstellen lassen.

Also nun las er doch den Frauenbrief! – Na, das war einmal herzig schön. Darum also war er so still an dem See gesessen und hatte so tiefsinnig ins Wasser geschaut. Er fühlte ohne Zweifel zum ersten Male im Leben ein Streifchen Heimweh. Es ist halt doch gut, wenn man für ein Weilchen auseinandergeht, – das hat er ja immer gesagt! – man fängt dann an, sich zu schätzen, zu vermissen, zu lieben. Das kann nun alles doch noch recht gut werden. Heinz reibt sich vor Vergnügen die schlampigen, runzeligen Hände. Pst! – macht er zum Lehrer, der ihm etwas sagen will, pst! Der Ingenieur studiert gerade an einer wichtigen Geometrie herum.

Der Brief klang so:

»Lieber Mann!

Wenn Du in den Absomeralpen oben dieses Kuvert mit dem Basler Stempel bekommst, stutzest Du wohl ein wenig. Jawohl, wir sind noch nicht weiter. Wie ich die zwei Türme und das bunte Ziegeldach des Münsters sah, nahm es mich schon ein wenig am Ärmel: bleib da! – Aus barem Gwunder gingen wir vor Minchens Vaterhaus. Da standen die Rötheli auch schon im obern Stock am Fenster. Wir mußten zu den Mietleuten hinauf. Hernach wollte Minchen natürlich auch durch die leere Wohnung im ersten Stock spazieren und sein altes, liebes Kinderstübchen grüßen. War alles verstaubt und ungelüftet. Aber uns halbe Baslerseelen heimelte das alte Gehäus' und das prrrächtige Basler RRRch so an, daß wir für einmal beschlossen, hier haltzumachen. Wir promenierten am Abend über die alte Brücke und den obern Rheinweg und trafen Bekannte fast auf jedem Schritt. Der Fluß war nichts als Glanz und Jubel. Ich fühlte mich so wohl und frei, wie schon lange nicht mehr. Und ich dachte: Wo könnten wir es doch noch schöner haben? – Da bleib' ich.

Nach mir kann ich nun auch ungefähr bemessen, wie wohl und frei erst Dir in den Alpen zumute sein muß.

Sollten wir doch noch ans Meer gehen, um den Doktor Alberti nicht zu stark zu verärgern, so schreib' ich es Dir zeitig genug. Übrigens hat es ja nichts auf sich, ob wir einen Kanton oder Erdteil weit auseinander sind, – oder wie zu Hause nur um eine Tischbreite. Auseinander ist auseinander. – Bleibe gesund und froh, und fehlt Dir etwas, so berichte. Aber was könnte Dir fehlen? – –

Deine Sette.

Und viele Grüße von Minchen.«

Mehr als einmal sah Emil die Buchstaben nicht mehr, so ein Schwindel regierte ihn immer noch. Das graue Briefböglein hielt nicht, was es mit der Anrede versprochen hatte. Dagegen das Erschreckliche, was er da aus dem wüsten Hirtenmaul vernommen hatte, toste noch so laut in seinem Innern fort, daß ihn die leisen Vorwürfe und der stille, aber feste Trotz dieses Briefes gar nicht ärgerten, wie es sonst unausbleiblich gewesen wäre. Doch sobald der Manuß das Papier in die Tasche geschoben hatte, empfand er doch etwas wie Hilflosigkeit und Vereinsamung. Es begann ihn zu reuen, daß er in dieses Abenteuer der Berge so unbedacht gegangen war, daß er nicht noch ruhig und kalt unten im städtischen Büro saß oder zum Kaffee mit seiner Frau plaudern konnte. Da saß sie immer so still und hübsch und plagte ihn gar nicht mit Begehrlichkeiten wie andere Frauen. Sie wirkte wie eine Beruhigung nach der Arbeit auf sein Wesen. Jetzt in der Ferne gefiel ihm die Stille und der Stolz dieses kleinköpfigen, grauäugigen Weibchens unter dem Heiligenschein seiner wahrhaft goldenen Haarkrone. Er mußte jetzt an sie denken, das zog ihn von häßlichen Dingen ab.

Immer war der Tisch gedeckt, wenn er kam; immer das Bureau geheizt, wenn er fror; immer gab es gewichste Schuhe und gebürsteten Hut und waren der Weichselstock, sowie ein großes, seidenes, blaues Nastuch, wie er es liebte, bereit, wenn er ausging. Allerdings verschwanden nach der Hochzeit die Herzlichkeiten; denn Sette erwies sich gar nicht als das Hündchen, das ihm die Fingerspitzen küßte und kniend die Schuhe auszog wie Heinz. Von ihrer Schüchternheit und hellen Liebe und von ihrer Hingebung und Ehrfurcht während der Verlobung hatte er wohl falsche Schlüsse für die Ehe gezogen. Er hatte gemeint, auch Sette werde nun, wie Heinz, ihre Liebe durch völlige Aufopferung ihrer Person und durch einen mägdlichen Dienst gegen ihn, den König und Herrn, bezeigen, ohne dafür auch etwas für sich zu fordern. Das heißt, er studierte gar nicht daran herum, er fand das selbstverständlich, wie die ganze Besorgung seiner Jugend durch die Dienerschaft, eine Bedienung mit stets abgezogenem Hute, ihm, der nichts anderes kannte, selbstverständlich gewesen war. Beliebt Ihnen dies? beliebt Ihnen das? hieß es da immer. Nun gab es eben Enttäuschungen auch für ihn in der Ehe. Aber ihm taten sie nicht weh. Für ihn war es mehr eine Verwunderung und dann beinahe ein Respekt, daß es auch solche nicht dienerhafte, selbständige, anspruchsvolle Menschen neben ihm geben könne. Er nahm es Setten nicht übel, daß sie befremdet tat. Wenn sie aber in den ersten Zeiten sich beleidigt zeigte, dann konnte er sie nicht begreifen. Hatte sie ihn denn für einen heißen Liebeshelden gehalten, statt für einen Ingenieur, dem nichts über sein kaltes Rechenfach ging? Und war er im übrigen nicht recht mit ihr? Gab er ihr nicht alles, was sie nur wünschen mochte, jede Freiheit, jedes noch so teure Kleid, jeden Genuß von Theatern, Konzerten, Gesellschaften, wo und wann es ihr danach gelüstete, wenn sie nur ihn aus dem Spiele ließ? Unsinn, wenn sie noch mehr, etwa ein Herz heischte! Ein Herz für eine Frau! Wenn es ein Herz gibt, das mehr ist als diese blutdurchwanderten Kammern, dann hat er das nie gehabt oder in den Herzlosigkeiten am Kongo verloren. Leidenschaft, ja! Dann und wann für ein Pferd von stahlweicher Behendigkeit, für eine schwierige Preisfrage in seinem Fache oder eine geistreiche und profitable mechanische Erfindung und hie und da auch für eine durstige, glühende Stunde. Aber das Letzte selten, sehr selten und immer seltener!

Eines mußte er indes zugeben: ein so weißes, stilles Gesicht, das immer unabhängigere Mienen annahm, nicht schmeichelte und nicht streichelte, kälter ward, je mehr Kälte es im Gemahl vermutete, ein solches Gesicht bewog ihn zu einer ungewohnten Zurückhaltung. Es hielt ihm das herrische Reden in der Kehle zurück und legte ihm eine gewisse Höflichkeit auf, die er gegen seine Leute selbst nicht übte und die ihn zuerst genierte. Doch später fand er sich recht gut damit ab. Freilich ein solches, wenn auch noch so hübsches Gesicht konnte ihn nun erst recht nicht mehr aufregen und ihn, wenn etwa eine Hitze seiner männlichen Natur erwachte, nicht befriedigen. Gleichgültig, aber sehr ehrenhaft erschien ihm Sette. Er gab sich, so wie sein sprödes Wesen nun einmal beschaffen war, mit dieser Lage um so lieber zufrieden, als viele seiner Kollegen von den vielen Kettlein und Schlößchen der Ehe so recht im Königtum ihrer Mannheit behelligt und, wenn man ihnen glauben durfte, daran hin- und hergezerrt, gequält und oft im Schwung ihres Talents elend behindert wurden.

So war ihm nach und nach diese Ehe mit Sette wie ein Glück vorgekommen. Er war zufrieden mit ihr und sie doch wohl auch mit ihm. Zank kannten sie nicht, Not nicht, Verliebtheit nicht. Was brauchte er da noch?

O wie gern wäre er jetzt zu Hause gesessen und hätte die besonnene Stimme Settens der Magd in die Küche rufen hören: »Lisa, habt Ihr den Bordeaux für den Herrn auf den Tisch gestellt?« – Lieber hätte er jetzt jenes Zahnweh wieder gehabt, bei dem er fast die Wände hinaufkroch vor Schmerz. Denn er war ans Weh nicht gewöhnt. Sette bat ihn, an den Ofen zu sitzen, legte selber Scheiter ins Loch, daß es hellauf knisterte, goß ihm ein Fußbad mit Asche und Salz zurecht und rieb die Sohlen mit ihren kleinen, saubern Händen ein. Es tat ihm wohl, das Zahnweh ward glimpflicher. Emil dachte, so eine Frau hat doch immer alle Hände voll Hilfe, wo wir Männer wie Torenkinder dastehen. Er hätte die Niedergekauerte jetzt beinahe am Köpfchen heben und küssen mögen, wenn er sich nicht geschämt hätte. Vielleicht täte er es doch. Aber da steht sie schon auf und er liest in ihrem Gesicht wieder die alte Ruhe und alte Kühle der Pflicht.

Was ihm jetzt nicht alles durch den Kopf fährt! Das Vergessenste erwacht. Hilfe hat man, das ist nicht zu leugnen. Man weiß, ich kann heim zur Frau. Der Junggeselle, der mit mir über Halsweh klagt, beneidet mich schier zu Tode, wenn ich vom Bier aufstehe und sage: »Meine Frau muß mir sogleich einen Umschlag machen. Sie hat Kräuter und Flanell ganze Säcke voll.«

Sette, Sette, Sette, – wie ein Engel schwebt sie um ihn! Immer sie! – Diese vermaledeite Aufregung macht ihn so weich und weinerlich. Er wird ganz wild über sich. Doch er kann es nicht hindern: es zerrt und zieht ihn an allen Gliedern, zu Setten zu laufen. Aber sogleich stockt er wieder. Was gäbe das für eine Kälte und einen Stolz bei diesem Weibchen, wenn er seine Sünde erzählte. Sie finge an, ihn zu hassen – in Gottes Namen! – aber auch zu verachten, und das wäre ihm unerträglich.

Könnte er es ihr verschweigen? Er ist gerade, ehrlich, unbestechlich! Knapp im Reden, nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn er einmal auspackt; schont niemand, sich selber am wenigsten. Man achtet ihn darum hoch. Sollte er nun etwa hier scheinheilig tun? Unehrlich schweigen? Ein ganz gemeiner, feiger Heuchler sein? Sein Blut empört sich bis aufs letzte Tröpflein gegen den bloßen Gedanken, er fände den Mut nicht, zu seinem Werk und Verschulden zu stehen.

Dann wieder erfüllt ihn eine stille Wut gegen das Weib hier im Gebirge. Das fordert! Da stellt es ihm den Buben vors Gesicht, da schleudert es ihm die Grobheiten der Älpler entgegen, da klagt es ihn aller Verirrungen seit vielen Jahren an. Es lebt und wartet nur auf ihn.

In Ruhe soll man ihn lassen! – Ist ihm denn nicht das Mädchen geradezu in die Arme gefallen? – Deine Augen, deine Augen! hat es immer gesagt. – Was kann er für seine Augen? – Sehe man selber zu! Wer sich daran verbrennt, ist allein schuld. Und das Jüngferchen war so eine Lichtmücke. Er verhielt sich still wie eine Flamme und harrte und lachte, bis diese dumme Mücke hereinstürzte. Wer sie zu schwachen, willenlosen Mücke und ihn zur starken Flamme machte, der ist Schuld. Am Ende trage eben jeder, was ihn freut und was ihn schmerzt, selber so gut es geht – fertig!

Emil erhob sich, und das tat ihm wohl. Er schüttelte den Kopf und stemmte die Zehen in den Schuhspitzen und fühlte sein strammes Ich wieder durch den ganzen warmen Leib. Jetzt nur Ruhe! befahl er sich. Nur Ruhe! – Alles ist noch wie vor einer Stunde. Kein Tüpfelchen daran anders! – Ich habe mich ganz selber in der Hand. Auf mich allein kommt's an. –

Er wandte sich um und sah die lustigen Kinder bewaffnet mit den roten Stäben und seinem andern Geräte. Walter trug das feine Meßkästlein sorglich an die Hüfte geschnallt. Der Lehrer kam jetzt auf ihn zu mit einer so gelehrten und zutunlichen Dienstbarkeit, wie sie nur ein Reallehrer von zweiunddreißig Jahren, einer hohen Stirne, einem dürftig zerstreuten Kopfhaar, einer äußerst scharfen Brillennummer, einem eifrig geführten Tagebuch und einem regierenden Eheweib zu Hause in diesem überwältigenden Maße aufbringt. Heinz nahte mit ihm und lachte gezwungen, weil die Mordfluh ihn noch immer beunruhigte. – Alles das kannte der Manuß. Jetzt nur Ruhe! – Nichts ist anders als gestern und vorgestern, wiederholte er sich. Nur Ruhe!

»Gehen wir also!« sagte er, Heinzen das Wort mit seiner harten, aber nun etwas belegten Stimme abschneidend.

»Und wirklich die Mordfluh hinauf?« fragte Heinz leise.

»Nun erst recht!« wollte Emil erwidern. Jetzt stürzte er sich gern in etwas Tollkühnes. Aber er besann sich und sagte nur: »Warum nicht? – He, Mang!«

Den Namen Mang konnte er nicht mehr so leicht sagen. Doch das merkte kein Mensch. Selbst der große Herzerforscher Heinz, der ein achtbändiges Werk über den Menschen schreiben will, schaut ihn mit der Harmlosigkeit eines Kaninchens an. Der riecht keinen Pfeffer. »He, Mang!« rief Emil noch einmal.

»Mit Gepäck geht es nicht,« sagte der Lehrer und biß sich auf die dunkel behaarte, farblose Lippe. – Ach, jetzt hatte er sich so schneidig vorstellen wollen: »Euseb Fanner, erster Reallehrer zu Absom, Bibliothekar der Lesegesellschaft und ständiger Mitarbeiter der Blätter ›Volkstum und Volksmund‹, die, wie Sie sicher wissen, Herr Ingenieur, in Bern verlegt werden.« – Das stand fertig gedrechselt auf der Zunge. Aber da gibt es zwei fragende, katzengrüne Augen, ein Mensch wie ein Tiger steht vor einem, und man läßt seine Bildung und seine gute Erziehung fahren und rülpst heraus: »Mit Gepäck geht es nicht.«

»Emil Manuß,« hatte der Ingenieur längst geantwortet, aber der verwirrte Magister überhörte es und fuhr fort: »Meine Schüler tragen gerne Ihre Sachen hinauf. Das so heikle Meßinstrument will ich selbst übernehmen. – Das,« er wandte sich zurück, »wirst du mir geben, Walter!« – Der Jüngling aber mit den so stolz aufgeworfenen Lippen schüttelte ein herzhaftes Nein aus seinem krausen, dunklen Schädel. – »Und auf der Alpe, Herr Geometer, treffen wir wieder zusammen. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen! Aber wissen Sie auch, daß die Mordfluh ein Wagnis –«

In diesem Augenblick kam Mang aus der Hütte. Er sah noch ernster als zuvor aus, spähte nach Emil und lief gleich herzu.

»Reut es dich etwa, den Weg mit mir die Flühen hinauf zu nehmen?« fragte Emil. »Du darfst immer noch zurücktreten.«

»Nein, viel lieber geh' ich mit Euch die Fluh hinauf als sonstwo.«

»Mit Ihnen! – Mang!« rügte der Lehrer.

Mang tat, als höre er nichts.

»Aber ich will hundertmal lieber mit der Schule,« meldete sich nun Heinz mit einer dringenden Angst in den feuchten Augen. »Ich fiele da schon beim ersten Schritt zu Tode. In tausend Scherben läge ich im Abgrund. Sicher! – Und was wolltet Ihr denn ohne Heinz, Herr?« – Er lachte unendlich gutmütig und bemitleidenswert.

»Ihr? Ist das möglich?« Verblüfft, ja eigentlich gebrochen starrte Euseb auf den Stadtmenschen, der die Höflichkeitsform noch nicht kannte und so altväterisch mit dem Pronomen umging.

Emil sah Heinzen durchbohrend an und verzog verächtlich die Unterlippe; als sagte er: »Und wäre es denn schade um so einen verscherbten Kauz?« Nach einigem Überlegen entschied er ruhig: »Dann geh' eben mit dem Haufen!«

Eine große Erlösung malte sich auf Heinzens Gesicht ab. »Ihr seid gut mit mir,« lobte er rasch. »Aber nun seid es doch auch mit Euch! Kommet mit uns! Verwagt Euch nicht zu dreist!« bat er mit wiedergewonnenem Atem und viel lebhafterer Stimme als zuvor.

»Sei still,« warnte Emil mit einem gefährlichen Blick, »oder du mußt doch noch mit!«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.