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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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9

Der Dorfplatz von Absom war voll Musik.

In der Kirche drüben orgelte der Gesanglehrer nach freien, fröhlichen Eingebungen noch ein gutes Stündchen über den Taufakt hinaus durch die leeren Hallen und vergaß ganz, daß die stumme zehnjährige Zia Broller mit ihrem großen, geschickten Fingerspiel ein Viertel nach ein Uhr bei ihm Klavierstunde hatte und jetzt ohne Zweifel, genau wie er hier, auf seinem alten Tafelklavier phantasieren und die sonderbarsten Weisen aus den Tasten sozusagen enträtseln würde. Der Orgeltreter war da, das mußte man in Gottes Namen nutzen.

Aus den Fenstern der Gaststube tönten die lauten, lachenden Gespräche der Taufgesellschaft und das Simsim von Bergknöpfels Mundörgeli. Bald kommt's zu einem Tanz, das ist sicher. Und sieh, als es die halbe Stunde schlug, stieg Emil zwischen einem Choral rechts und einem Walzer links in Uelis Einspänner und sagte zum mitfahrenden Wirt beinahe strafend: »Habt Ihr denn hier nur Singen und Spielen im Leib?«

Uelrich Festli schwänzelte darauf mit der Troddel seiner Mütze hin und her. Dann knallte er mit der Geißel. »Hüo!« – Und eilig rollte das Wägelchen durch die neuerdings stillgewordenen Kinder hindurch zum Dorf hinaus, den Bergen am Ende des langen Absomtales zu.

Aber als die Kutsche den Zipfel des Dorfplatzes erreicht hatte, erscholl es: »Adiä-ä-ä-ä! Heinz! – Adiäää! Kumm wieder!«

Und der Zeppelin flog über dem Gewimmel wie zum Gruß ihnen nach.

Emil sah nicht zurück, sondern spottete Heinzen geradeswegs ins Gesicht: »Mir scheint, du hast dich schon mit dem halben Dorf angefreundet.«

»Habt Ihr jetzt den Brief gelesen?« entgegnete Heinz ruhig.

»Alle Gofen Kinder hänseln und heinzeln dich schon, – hör' nur!«

»Ihr habt ihn da in Euere rechte Rocktasche gesteckt.«

»Du duzest wohl schon die Hebamme und den Orgeltreter, – oder?«

»Jetzt hättet Ihr alle Ruhe zum Lesen. Ich bitt' Euch!«

»Die Pfarrköchin natürlich auch und die Armenhäusler samt und sonders.«

»Er ist von Basel und ich hab' eine Ahnung, daß Wichtiges für Euch drinsteht.«

»Ich mag dieses Unter-die-Leute-Laufen einfach nicht leiden, das weißt du.«

»Ich will unterdessen nicht atmen, wenn Ihr leset!«

»Zweimal sag' ich so was nicht, verstanden!«

»Ich bitt' zum hundertundeinten Male, lest soviel Liebes, das drinsteht.«

»Schweig, Dummkopf!«

»Doch, Miggi, doch, lies!«

Mit einem furchtbaren Blick schlug jetzt der Manuß jedes weitere Wort nieder.

Aber der graue Pfiffikus auf dem Bock fältete die lederbraune Stirne greulich und sagte sich heimlich: »Wer aus den Zweien da klug wird, der muß sieben Teufel haben, einer tut's nicht.«

Es war heiß, Himmel, Berge, Hochtal voll von sonnigem, aber schleierhaft dünstigem Nachmittag. Alles rauchte leise und verstohlen vom Lichte, das kurze, hellgrüne Gras, die stillen, verschlafenen Wälder und selbst der wenige Schnee in den Steinfalten des Gebirges. Hoch oben flogen die Schwalben wie schwimmend im Blau. Die Wiesen wurden schmaler, das Tal stieg langsam und verengte sich. Auf beiden Seiten traten zuletzt die Berge sich so nahe, daß dazwischen nur noch die gewundene Straße und hart daneben im tiefen Kessel der Braunbach Platz hatte, ein Bruder des Scheidbachs, mit dem gleichen alten, wohlbekannten Rauschen und dem gleichen, wagefrohen, fast gefährlichen Wandertrieb, den alle unsere unpatriotischen Bäche im Leibe haben. Zwei Touristen, einige Holzfuhren und ein Viehtreiber begegneten ihnen. Sonst war es einsam auf dem Wege. Der Uelrich schien auf dem Bocke eingeschlafen.

Zuweilen standen mattrote Helgenstöcklein am Saume, der Pfahl vornüber oder hintenüber geneigt, je nach dem stärkern Wind. In dem dünnvergitterten Kästchen sieht man ein geschnitztes Bild, sei es die grausige und grelle Marter des Heilands oder den pfeilgespickten, aber lachenden Sankt Sebastian oder den ernsten, viehweidenden Sankt Wendelin oder der braunbekutteten, frommen Eidgenossen und Eremiten Bruder Klaus mit abgemergelten Wangen und dem langen Rosenkranz in den Händen, ein so lieber und großer Heiliger, daß die Bauern zornig werden, so oft sie denken, daß man zu Rom inzwischen so viele Italiener und diesen einzigen Urschweizer immer noch nicht heilig gesprochen hat. Straßenstaub überflog diese andächtigen Wegweiser, der Bach spritzte an sie herauf, Erlenbüsche und Roßfliegen umflügelten sie. Aber sie mit ihrer ganz andern Welt kümmerten sich nicht darum.

Da herum waren also die Katholischen Meister, das merkte man an den frommen Bildern und den vielen Kapellen, wenn man es nicht schon weiter unten gleich nach dem Übergang über den Scheidbach den ältern Häusern, den unmodischen Kleidern, der häufigem alten Landestracht und den eigentümlich dunkelhaarigen und tiefäugigen Gesichtern der Leute mit ihren umkrausten, niedrigen, oft tief vergrübelten Stirnen angesehen hätte.

Jeder von den dreien im Einspänner fuhr für sich allein dahin. Emil rechnete, Heinz phantasierte, und der Ueli zählte, wie viele Touristen ihm begegnen. So viele Herren, so viele Flaschen Bier, – so viele Frauen, so viele Limonaden, und so viele Kinder, so viele Sirups und Lebkuchenschnitten sind »Im End« verbraucht worden. An den Kuchen und Sirups gewann er am meisten. Aber heute kamen wenige Leute vom See herab, – alles in allem drei Flaschen Bier, zwei Limonaden und ein einziger roter Himbeersirup. Bei solchem Juliwetter und solchem Mond in der Nacht ist das nichts. Diese wetterwendischen Fremden!

–- – – – – – – – –

Immer beim Fahren, selbst im holperigsten Wagen, erging es Heinzen spaßig. Es kam ihm alles in den Sinn, was sonst tief unterm Staub lag. Aber alles Drückende daran war gehoben, sonntäglich Wohlsein umfing ihn. Zuletzt fing er an, gereimte Verse beinahe aus dem Ärmel zu schütteln.

Jetzt, da Heinz hinter sich den weißen Straßenstreifen tief ins Tal zurück fast bis zum Anfang verfolgen konnte, im Schatten und in der Ernsthaftigkeit der nahen Berge, die selber an verlebte Jahrtausende zu denken schienen, jetzt überkam ihn das Zurückschauen auf seine versponnenen Tage lebhafter als sonst bei einer Fahrt. Wie durch ein Wallfahrtskirchlein zogen diese Jahre durch seine Seele, eins hinter dem andern, gingen bis vorne zum Altärchen, wo man opferte und ein Feuerchen entbrannte, gingen an den Wänden zurück, langsam, feierlich, beim Umkehren ihr ganzes Gesicht deutlich offenbarend, seltsame, liebe Pilger.

Im ganzen hatte er seine vierundvierzig Jahre froh verbracht. Er hatte viel gelacht, viel gesehen und reichlich genossen. Zwar von Vater und Mutter hatte er nur noch etwas Weißes und Schwarzes im Sinne: langes, weißes Spitzenhemd, weißen Kranz, weiße Hobelspäne unter dem weißen Kissen und ein furchtbar weißes Gesicht; – dann schwarze Sargdeckel, schwarze Mäntel und ein schwarzes Band um sein neues Röcklein. Von Vater- und Mutterliebe und der süßen Kinderantwort darauf wußte er nichts. Zwischen den zwei so nahen Särgen hervor riß ihn Albert Manuß, ein heftiger, früh ergrauter Mann. Er war seines Vaters Prinzipal und Kamerad gewesen und sorgte jetzt für den verlotterten, aber recht reichlichen Nachlaß des einzigen Heinzknaben. Sechs Jahre lang war dieser gleichsam der Sohn des Manußhauses. Dann aber zog eine junge Freude in das alte Haus ein. Albert heiratete als Achtundvierziger ein junges, hübsches, armes Bäschen. Zwei Jahre gab es Jubel und Glück, besonders, als das erste Wiegenlied erscholl. Ein spitzohriges Kerlchen mit meergrünen Augen, magerem Leib und unsäglich weichen Knochen war dieser Emil. So unmanierlich hatte er sich gegen Licht und Leben gewehrt, daß die bange, schwächliche Mutter seither nie gesund ward und bei einem zweiten Versuch, die Welt um ein Kindergeschrei zu mehren, mitsamt dieser Hoffnung starb. Nun war es Albert einsamer als je im Haus. Er war froh um Heinz. Der plapperte und sang den Tag tot. Auch Nichtchen und Vettern mußten jetzt häufig im Manußhaus einkehren. Ein tolles Leben begann. Alles kicherte und tanzte und sprang um den Witwer, um ihn weniger einsam zu machen. Heinz aber gab sich vor allem mit dem kleinen, dürftigen Miggi ab. Man nannte ihn nur die Amme oder die behoste Mutter. Er liebte den abgezehrten, jeden Tag neu ums Leben ringenden, aber allmählich doch erstarkenden Kleinen, spielte mit ihm, diente ihm, vergötterte ihn und bot seinen breiten Jünglingsbuckel allen herrischen Launen dieses Fratzen. Ah, Heinz muß lachen in die grünen Tannen hinauf und in das witzige Geschleif der Straße den Hang empor, – so frischgrün und kurzweilig war es damals zu leben.

Aber Heinz hatte Talent und Geld. Albert sandte ihn ans Gymnasium. Hei, welch ein Zug von grauen Andenken: die rote Mütze, der Stammtisch, die Burschenkonvente und Fuchsenstreiche, die Studentenbude, der Kaffee seiner Philisterin, die beklecksten Schulsäle, die verschabten Professorenfräcke, die Klassiker, – Hut ab: Homer! – Kopf nieder: Sophokles! – Dann die Ferien mit Emil, der ein kleines Genie schien, im Manußhaus oder in der Bauernvilla droben am Obersee.

Universität! Das erste Gedicht! – Das erste Zöpflein einer Blonden, das sich in die Träume des Universitätlers ringelt. Der erste verliebte Seufzer auf einem Bänklein der Promenade mitten im raschelnden Kastanienlaub. Und dann ein langer, wunderbarer, herzverwirrender Schwindel! – Jedesmal mußte Heinz sich die Augen zuhalten, wenn er das überdachte.

Nun erst recht hatte sein Studium kein System mehr, wenigstens kein berufliches System. Seinem vielseitigen, genußsüchtigen Wesen war die Wissenschaft immer wie ein fruchtglitzriger Kirschbaum vorgekommen. Man hängt darin wie ein Vogel, pickt und schleckt bald von dem, bald vom andern Zweig, rote, schwarze Beeren, was man lieber mag. Und so kehrte Heinz nach siebenjährigem Universitätsstudium weder als ein Dr. jur., noch med., noch ing., ja nicht einmal als ein Dr. phil. heim und wußte vielleicht doch mehr als alle seine Genossen. Und er blieb zeitlebens Student, einer, der alles liebt, Musik und Poesie, Historie und Philosophie und Naturgeschichte, Technik und Kunst und Sprache, ausschweifendes Landfahren und faulstes Sofaliegen. Er staunte über die Menschen, die ein Fach besonders und fertig wissen und daran genug haben. So einer wurde der mathematische Emil. Aber Heinz ward an nichts satt, bekam nie genug. Selbst auch nur im Kleinsten mitschaffen, das mochte er nicht. Ich bin zum Genießen da, zum Beifallspenden, zum Klatschen mit meinen breiten, schlampigen Händen, entschuldigte er seinen Müßiggang. Ich gehöre nicht auf die Bühne, nicht einmal hinter die Kulissen oder in den Souffleurkasten; aber ich will gern und still im hinteren Parterre sitzen und horchen und Bravo rufen. Sein Satz war: Alles lieben, denn alles ist schön und gut. –

So hatte er von einem einzelnen Fach nichts. Aber wenn es gäbe, was er sehnlichst wünschte, einen Lehrstuhl, ein Fach für den Zusammenhang alles Lebenden und Wissenden, wo man zeigen dürfte, wie alles ineinandergehe, der Ton in die Farbe, die Farbe ins Wort, das Wort ins Leben, – ah, da wollte er zeigen, was er in den vielen Jahren gelernt und erdacht hatte! Darüber möchte er Bücher schreiben.

Aber vorläufig heiratete er das weißblonde, graziöse Mädchen mit den flinken, grauen Augen, der niedern, aber wie er sich so fein ausdrückte, klangvollen Stirne, den nadelfeinen Mundspitzen, dem Kinn wie ein kleines, rundes Butterbrötchen und der vollen Unmöglichkeit, traurig oder auch nur ernst zu sein. Heinz hatte keinen Beruf. Sein Agneschen ist sein Beruf. Er lebt mit ihr wie in einem Stern. Sein Geld zerränne in wenigen Jahren, wenn der alte Manuß ihn nicht zum wohlbesoldeten Hauslehrer Emils bestellte und ihm nicht dazu als Wohnung das niedliche Vorstadthäuschen einräumte, wo er seine eigene Braut vor der Heirat einlogiert hatte. Vier Stunden vom Tag diente nun Heinz dem jungen Manuß, zwanzig seinem Frauelein. Er war selig. Er hätte gewünscht, daß Emil immer ein zehnjähriger Knabe und Schüler und Agnes immer eine Hochzeiterin des ersten Liebesjahres bliebe.

Das letztere geschah, aber furchtbar: das zu junge Agneschen starb schon im neunten Monat. Weil es zu früh geheiratet hat, das liebe Kind, sagte man.

Wie sind die sonnigen Felsen und die in Golddüften schimmernden Tannenwipfel auf einmal so schattig, wenn man an solche dunkeln Dinge denkt! Jetzt kam das Weinen nach dem Lachen. Von daher sind Heinzens Augen so umrunzelt und hat der Mund so tiefe Winkel und schillert der hellbraune Schnurrbart so früh ins Graue. Jetzt kam das schwere, abendliche Stehen am Fenster und das trübe Hinausstieren und das Grausen vor der alleinigen Nacht. Und jetzt wurde der elfjährige Emil seine Rettung. Auf ihn, den er die kurze Zeit doch vernachlässigt hatte, warf er nun alle Liebe und Sorge, so kalt auch der Bursche war. Ihn durchs Leben begleiten und ihm dabei, so gut es ginge, nützlich sein, darauf beschränkte er jetzt seine noch übrige Zeit und Kraft. Und als Vater Albert früh wie alle diese heftigen, eifrigen Manuße starb, stand es so: Emil hatte in der ganzen Welt niemand notwendig, so auf sich gestellt und kalt war seine Art. Aber wenn er dennoch froh um eine Hand war, die er etwa fassen konnte, um einen Fuß, der mit ihm schritte, um ein Gesicht, in das er seine Pläne schüttete, und allenfalls auch um einen Buckel, der sich in hitzigen Augenblicken geduldig vollprügeln ließe, so war es sein alter, lieber Heinz. Er mochte den so wenig mehr missen, als Brot und Kaffee am Morgentisch.

Lauter rauschte der Bach, schärfer blies der Wind und trug aus den Voralpen den feuchten, durchdringenden Geruch von dörrendem Gras herunter. Die Schatten über der Straße wurden dunkelblau. Schon sah man das rote Fähnlein auf der Endwirtschaft hinten im Eck des Tales, hart an den Abhängen. Wie eine helle Flamme züngelte es über das Ziegeldach und wehte den Rauch aus dem grauen Kamin umher, den vergnüglichen blauen Rauch des Vesperkaffees.

Als Heinz diesen Rauch sah, übermannte ihn wie immer das Gefühl der Wohnlichkeit und Traulichkeit mit Emil, und er suchte und faßte die Hand seines Gebieters.

Bis Cadiz hatte er Emil begleitet, als der Ausstudierte weltbegierig und durch einen Mitkameraden verlockt nach dem Kongo reiste, um dort mit seiner Meßkunst als Eisenbahningenieur zu beginnen. Aber da, an der Schwelle seines lieben, alten Erdteils, graute es Heinzen weiterzugehen. Der heimatliche Kaminrauch! Dieses homerische Heimweh! – Emil ließ ihn ziehen und das Manußhaus behüten.

Acht Jahre! – Heinz schrieb an seinem »Zusammenhang alles Wissenden und Lebenden«. Er wollte Emil, wenn er heimkäme, mit einem zwölfbändigen Werke überraschen. Widmung: Meinem Schüler und Meister! – Allein, jedes Jahr riß er einige Kapitel heraus, setzte einige neue ein und zerriß dann das Ganze, um es noch besser zu machen. Im übrigen hielt er das alte Manußhaus mit den paar Hausdiener in Ordnung oder besser in malerischer Unordnung, wobei er aber doch Emils Zimmer jeden Tag so ausrüsten ließ, als ob dieser gerade heute kommen würde. Daneben las er viele Romane und Novellen, besonders die russischen Dichter, an denen er eine Geradheit und ein Erdgeschmäcklein, zugleich mit einem erhabenen erzieherischen Einsatz wahrnahm, wie in keiner andern Literatur. Den Abend brachte er bei Bekannten zu, die Kinder besaßen, zumal bei Berts. Und da geschah es, daß er, der kein einziges Geschichtlein auf Papier fertig brachte, die Lieblichsten und dichterhaftesten Dinge sozusagen aus dem Ärmel schüttelte und mit soviel Seele erzählte, daß die Kinder an ihm wie Kletten hingen und ihn nur den Geschichtli-Onkel nannten.

Endlich, endlich kam Emil zurück, so unverändert, als wäre er nur in der Nachbarschaft gewesen, und das alte halb herrenmäßige, halb kameradschaftliche Verhältnis wob sich weiter. Neben seinen Liebhabereien bekam nun Heinz Arbeit genug, den Ingenieur auf seinen Messungen zu begleiten, ihm überall an die Hand zu gehen, kurz – sein treuer Schatten zu sein. Emil gewöhnte sich so sehr an diesen Schatten, daß ihm etwas fehlte, sowie der alte Bursche ein paar Tage weg war. Das hinderte nicht, daß er Heinzen etwa einmal in einer donnernden und blitzenden Stunde fast zu Boden wetterte. Mehrmals dachte Heinz im ersten Groll, wenn er gar zuviel hatte schlucken müssen, sich vom Manuß loszumachen und mit seinem nun flott erwachsenen Vermögen nochmals auf freien Füßen in die Welt hinauszustehen. Aber er getraute sich dazu doch nicht mehr recht. Er hatte Emil und diese ganze Luft im Manußhaus zu lieb, um dem Gestrengen, der schnell wieder gut war, nicht auch das Böseste zu verzeihen. Neckte man ihn etwa mit dem Heiraten, so behauptete er allen Ernstes, sein Vermögen zu lieben sei an Agnesen verbraucht worden. Aber daß immer noch eine große, vielleicht doch heiratsfähige Liebe in ihm war, das sickerte in tausend kleinen Lichtlein aus ihm, so wenn er die Kinder herzte, im bärtigen Emil noch immer den zwölfjährigen Miggi verhätschelte und an seiner Heirat mit Setten so mächtig kuppelte, als gälte es seine eigene Seele.

Sette, hier wollte er nicht weiter denken, nein! – Bis dahin war alles klar, gemütlich und gut. Aber mit Sette fing etwas an, was Heinz nicht verstand. Hier wurde ihm immer schwer, weil er sich so unendlich bemüht hatte, bei Emil und bei Sette, daß sie zusammenkämen. Ihr gehört zusammen, hatte er gesagt, wie der Goldfinger zum Mittelfinger an einer und derselben Hand.

Aber der Goldfinger und der Mittelfinger spreizten sich mehr und mehr auseinander, daß die ganze Hand darunter litt. –

»Sooooo!« knurrte Uelrich zufrieden und schreckte Emil und Heinz aus ihrem stillen Nachdenken. »Da sind wir! – das ist das ›End‹ der Welt!«

Mehrere Touristenköpfe schoben sich neugierig aus den sieben niedern Fenstern des Häuschens.

»Und das Ende deiner Träumerei,« schimpfte Emil rasch ernüchtert zu Heinz, »du liebe, hockende Langeweile du! – Du hast tapfer geschnarcht im Schlaf.«

»Ich geschlafen? und geschnarcht?«

»Und heillose Dinge im Traume gesagt.«

»Ah bah!«

»Agneschen, Thereschen, Luischen, – erster Band, zweiter Band –!«

»Emil!« brauste Heinz auf. Jetzt konnten auch seine Kaninchenaugen sprühen.

»Nicht böse sein! Aber auf Ehre, ich glaube, dein Werk ist wieder um einen Band gewachsen.«

»So, nun geht das Bergsteigen an,« sagte Ueli schadenfroh. »Da ist der Bub! Wollt Ihr noch einen Schoppen Rheintaler zuvor?«

Heinz nickte ja, Emil nein.

»Dann also viel Glück, ihr Herren!« rief der Wirt. »Mang! hat der Seppli die Gemeindsschaf' dem Töni auf die Sommerweid' geführt?«

»Noch am Vormittag,« sagte Mang kurz, die goldenschweren Brauen leise lüpfend. »Und die ganze Realschule ging mit.«

»Wird schön zugegangen sein. Die jagen Bock und Schaf durcheinander. – Du laufst also den Herren vor, – hör', nicht zu hurtig!« gebot Ueli mit einem fast mitleidigen Blick auf die Städter. »Und,« er lachte nun gar spöttisch, – »ja nicht über den Hosendreckler!«

»Was ist das?« fragte Heinz, das Lachen verbeißend.

»Fragt lieber nicht!« sagte Ueli lustig.

»Gerade den Hosendreckler hinauf will ich!« beschloß Emil und nahm den Mang befehlend an der Achsel.

Mangs Augen blitzten abenteuerlich aus dem düster Gesicht. Aber er duldete Emils Hand nicht auf sich.

»Ihr werdet's wohl bleiben lassen,« bemerkt Ueli ruhig und schirrte den Gaul ab. »Der andere Herr da bekommt schon jetzt den Schlotter. Und steht er gar am Felsbändchen oben und sieht alles helle, lautere Luft umher, dann fällt ihm der Mut und – nichts für ungut! – noch anderes in die Hosen. Davon kommt das Wort. In den Büchern heißt's mannierlicher ›Mordfluh‹.« Langsam und breitschuhig schlorpte er ins Haus.

»Hat's denn soviel Gefahr auf sich?« fragte Emil im Emporsteigen.

»Jaja!« machte der Junge, »der Meister sagt's recht.«

»Bist du selber schon –?«

»Zweimal!«

»Mit Gepäck?«

»Mit Gepäck geht's nicht. Das muß man auf die Alp spedieren lassen.«

»Ist der Weg kürzer als der über Miezeler?«

»Viermal kürzer und großartig, aber nichts für Herren!«

»Aber wenn du's konntest –«

»Leicht konnt' ich's.«

»Dann kann ich's auch!« bestimmte Emil hochfahrend und schlug den eisenstiftigen Stock fest in den Boden. »Vorwärts!«

Mang betrachtete den Ingenieur lange mit einer nicht gütigen, aber starken Hochachtung. Dann wies er auf Heinz, der ängstlich in die Felsen sah, und fragte: »Aber der?«

»Aber ich?« bestätigte Heinz, »ich mit meinem Schwindel?«

»Vorwärts!« beschloß Emil kurz und gut –

Mit bebenden Knien gehorchte Heinz. »Ich werde stürzen und sterben,« dachte er. »Ach, wegen diesem Hosendreckler da! – und ohne daß mein Werk gedruckt ist. So wie ich meinen Sudel niedergeschrieben habe, wird kein Hexenmeister es lesen.«

Jener gefährliche Weg sollte erst über dem Plättlisee beginnen. Aber Heinz zitterte schon jetzt. Er ging hinter Mang, trat immer auf die gleichen Steine und hielt sich an den gleichen Stauden fest, wie der Bergführer, obwohl es hier eine ungefährliche, wenn auch steile Böschung hinaufging. »Ich werde mich um mein Leben wehren wie eine Katze,« nahm er sich vor. –

Emil beschloß den Zug, indem er den keuchenden, an allen Strähnen schwitzenden Heinz beständig antrieb und mit seinem immer und immer wieder grundfalsch gepfiffenen Lied ärgerte: »Wo Berge sich erheben –«

Mit den Dreien ging die eintönige Melodie der Stecken, der kollernden Steinchen, der geknickten Ästchen und hoch oben das Sausen der Lüfte, die fühlbar den Geruch von Bergwasser, Schnee und Alpe herunterjagten.

Zuweilen stand Mang am Stecken still. Dann wandte er sich rückwärts und warf zuerst einen gelangweilten Blick auf Heinz, dann einen prüfenden, unguten auf Emil. Oder sah er weiter hinaus, wo fern, fern, zuvorderst im offenen Tal, Absom mit den weißen Häusern glänzte? Aber warum war dann dieses Dreinschaun so unfreundlich, fast unheimlich? Immer mehr wie eine Drohung kam das Gesicht Heinzen vor. Als hieße es: Kommt nur, kommt nur, ihr werdet was erleben! – Und die alten Köpfe der Berge blickten über dem gelbroten Schopf des Jungen genau so böse drein und riefen auch: Kommt nur, ihr werdet was erleben!

»Mir ist, ich müsse diesen Weg kennen,« sagte Emil, hie und da von einer Stelle eigentlich verblüfft. Etwas Schweres, Unklares stieg in ihm auf. »Hier bin ich sicher einmal gewesen. Ja, ja, in jener verteufelten Ferie!« fuhr er aufrichtig fort. »So war's, daß ich jetzt von allem nichts mehr weiß, als daß ringsum Berge waren &…133;«

»Und Mädchen!« warf Heinz scherzhaft ein. Er kannte Emils lose Studentenstreiche.

Bei diesem Wort ward es Emil, als risse ein Fenster auf und strömte Licht in ein dämmeriges Zimmer. Mädchen! – Dieses vielköpfige, blonde und schwarze Thema kümmerte ihn unendlich wenig mehr. Aber jetzt, in dieser Gegend mit ihren immer mehr entschleierten Zügen eines alten, bekannten Gesichtes, jetzt plötzlich macht das Wort betroffen. Mädchen, Berge, Ferien, – Herrgott, daß ihm das nicht eher einfiel: ein übermütiges, leichtsinniges Abenteuer seiner Studentenzeit! – Der verfluchte Druck dieser Berge! Daß man da aus einmal so erinnerungsselig wird! Er hatte wohl einige Flirtsächelchen auf dem Gewissen; aber die waren längst eingeschlafen und galten nicht mehr und nicht weniger als zu Recht ausgenossene Jugend. Nur eines von allen Geschichtlein erwacht jetzt in diesem heillosen Ernst des Gebirgs. Warum kann er nicht daran denken und lachen, wie bei andern? Was hat es denn auf sich? – Nun dünkte ihn, die ganze Herreise im Bähnlein, das Reden der Hebamme, das Singen und Duseln und Musizieren der Leute habe schon darauf leise hingewiesen. Und jetzt bei Heinzens ungeschicktem Wort steht's vor ihm: ein stiller, kleiner Seespiegel, eine verräucherte Hütte, eine goldbraun behaarte Jungfer, genau wie die Sopransängerin und mit der nämlichen Stimme – darum! darum! – und alles, alles weitere –

»Das sind Träume und Narrheiten,« redete er sich ein und war froh, daß Heinz gleich darauf die Stille unterbrach und in seiner gezierten Weise sagte: »Was für ein gesperrtes Knie der Berg hier macht!«

»Ich will ihm die Knie und anderes mehr strecken!« rief Emil unnötig laut. »Und sehen will ich doch, ob wir nicht den Hosendreckler fertig bringen! Nun erst recht!«

Finster sah Mang zurück. »Furchthans!« schien sein erster Blick gegen Heinz zu sagen. »Prahlhans!« der zweite gegen Emil.

»He, vorwärts!« gebot Emil und pfiff noch falscher und ärgerte Heinzens musikalisches Ohr noch schwerer.

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