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Beowulf

Karl Simrock: Beowulf - Kapitel 58
Quellenangabe
typeepos
booktitleBeowulf
authorKarl Simrock
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart und Augsburg
titleBeowulf
created20051005
sendergerd.bouillon
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12. Mythische Deutung.

Die Frage nach der mythischen Bedeutung eines Heldenliedes halte ich nicht für berechtigt. Schon im Götterepos wird der mythische Gehalt durch die Freiheiten, die sich der Dichter zu seinen Zwecken erlauben muß, so sehr angegriffen und entstellt, daß ein geübter Blick dazu gehört, ihn wiederzuerkennen. Das Heldenlied, das aus Göttern Menschen macht, hat gar keine mythische Bedeutung mehr: die Forschung kann nichts anderes thun, als dem Mythus nachspüren, der hier zu einer menschlichen Begebenheit herabgesetzt ist. Was nun die beiden ersten Theile unseres Gedichtes angeht, so hat uns da schon die Sagenvergleichung den Thôr unter der Hülle Beowulfs zu erkennen gegeben. Vielleicht ist es aber keine der schon bekannten Thôrsmythen, die im Epos nachklingt, obgleich Grendels Mutter so sehr an die neunhunderthäuptige Ahne Hymirs (Hymiskw. 7) erinnert, daß man eine anglische oder sächsische Nebengestalt der nordischen Hymiskwida für die mythische Grundlage des Epos halten möchte. Hat sich von diesem Mythus weder ein Lied noch eine prosaische Erzählung erhalten, sondern nur spätere, oben schon besprochene Nachklänge, so gehört er doch offenbar zu denen, welche sich auf Thôrs sommerliches Wirken beziehen, wo er in den Riesen, in Ecke, in Oegirs Sippe wie in seinem ersten Kampf mit der Midgardschlange bei der Ausfahrt mit Hymir u. s. w. die ungebändigten Naturkräfte, die verderblich auftürmenden Fluten bezwingt. Wenn Beowulf in der Schwimmfahrt mit Brecka das Meer von Umgethümen reinigt, um es fahrbar zu machen, wenn er in das 20, 48 ff. so schauerlich beschriebene Moor taucht, um mit Grendels Mutter in ihrer Waßerhalle zu ringen, so erkennen wir Thôr aus der Edda als den watenden Gott, aus dessen Wesen sich Wate der Riese als ein heidnischer Christophorus abgelöst hat. Thôr watet nicht bloß täglich die himmlischen Gewäßer Körmt und Oermt und beide Kerlaug, jährlich watet er auch die Eliwagar, die Eisströme am nördlichen Weltende und den Höllenstrom Wimur. Ist hier nach der Edda nur von Waten, nicht von Schwimmen die Rede, so wird doch Grendels Halle mit Oegirs Meersaal mythisch identisch sein und sich nur nach Jahreszeiten von ihm unterscheiden. Zu diesem gleichfalls, der aus dem Grunde des Meeres zu denken ist, kann Thôr nur durch Schwimmen gelangen. Wenn Oegir seine Halle mit Goldlicht beleuchtet, so zeigt uns das anglische Nebenbild dieses Mythus Grendels Meersaal von einem bleichen Lichte beschienen, das doch einmal 23, 15 so hell aufleuchtet, als schiene die Sonne vom Himmel. Daß Beowulf mit der bloßen Hand kämpft, nicht mit dem Hammer oder der Keule, steht der Deutung auf Thôr nicht entgegen, denn vor der Fahrt nach Geirrödsgard gelobte wie Beowulf auch Er einmal (oder wie D.  60 erzählt, Loki für ihn), daß er sich seiner Waffe, des Hammers, nicht bedienen wolle. Auch Beowulf streitet bei seinem letzten Kampfe, gegen den Drachen, nicht ohne Wehr und Waffe, und wozu hätte ihm der Dichter, der bei seiner rein menschlichen Behandlung des Gegenstandes der Göttersage keine Treue schuldig war, statt der beiden Schwerter, des größern und kleinern, die Keule oder den Hammer in die Hand geben sollen? von welchen bei einer eingehenden Beschreibung des Kampfes, die dem mythischen Beowulf den historischen Wiglaf zur Seite stellte, kein Gebrauch zu machen war. Ich könnte aber diesen gegen Thôr geltend gemachten Grund wider Freyr wenden, denn Freyr entbehrt des Schwertes beim letzten Kampfe. Doch auch so noch gleicht dieser letzte Kampf Beowulfs Zug um Zug dem letzten Thôrs, bei welchem er die Midgardschlange zwar erschlägt, aber von ihrem Gift übersprüht zu Boden sinkt. Dieß findet sich bei Beowulf wieder. Auch Er erlegt den Wurm, stirbt aber dann, als die Wunden schwären und schwellen, die ihm des Drachen Feuer geschlagen hat. Dieser Zug, der bei Freyrs Drachenkämpfen fehlt, entscheidet für Thôr.

Der letzte Kampf Thôrs ist als ein Herbstkampf aufzufaßen: dabei muß der im Frühling siegreiche Gott dem riesigen Ungethüm, das den Winter bedeutet, erliegen. Die Edda hat aber diesen herbstlichen Kampf, der sich seiner Bedeutung nach alljährlich wiederholen muß, nachdem der Mythus vom Weltuntergange in der nordischen Mythologie herschend geworden war, an das Ende der Welt verlegt; ähnlich setzt ihn unser Heldenlied in Beowulfs hohes Alter, zu neuem Erweise der Lehre, daß die ursprünglich nur von Sommer und Winter handelnden Mythen durch Uebertragung bald auf Leben und Tod der Götter und Helden, bald auf den Untergang der Welt bezogen wurden.

Näher auf die mythische Grundlage unseres Gedichtes einzugehen, halte ich für unnöthig, da ich auf die lehrreiche Abhandlung Müllenhoffs Zeitschr. VII., 419 ff. verweisen kann, der ich schon so Vieles verdanke. Ich müste sie vollends aufschreiben, wenn ich alle Gründe, die er selbst für die Deutung Beowulfs auf Thôr an die Hand gegeben hat, hier wider ihn geltend machen wollte. Warum ich mich nicht mit ihm zu Freyr bekehren kann, ist soeben angedeutet.

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