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Beowulf

Karl Simrock: Beowulf - Kapitel 56
Quellenangabe
typeepos
booktitleBeowulf
authorKarl Simrock
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart und Augsburg
titleBeowulf
created20051005
sendergerd.bouillon
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10. Finnsburg.

Wenn hier Sigfrid noch nicht erscheint, so müste es allerdings verwundern, ihn in dem Lied von dem Ueberfall der Finnsburg, bereits anzutreffen. Dieses Lied ist in unser Gedicht nicht aufgenommen, es hat sich neben ihm, leider nur als Bruchstück erhalten. Wir haben es, da es in eine der schönsten Episoden (1617) eingreift, oben mitgetheilt. Vielleicht ist es jüngern Ursprungs als unser Gedicht, da es der Ordner desselben bei der Nebenerzählung von Finn und seiner Gemahlin Hildeburg wohl benutzt haben würde, wenn es ihm schon vorgelegen hätte. Möglich, daß der jüngere Dichter nur die Worte näher ausführen wollte, womit unser Gedicht Z. 19–21 jene Episode einleitet. Auch Ettmüller 39 nimmt an, das Bruchstück schildere den Kampf, in welchem Hnäf fiel, also ein Ereigniss, das der im Beowulf erzählten Begebenheit vorausgieng. Die Wahrscheinlichkeit spätern Ursprungs des Bruchstücks hat Uhland Germania II. 344 zugleich mit der Ansicht ausgesprochen, daß die Z. 16. 19 darin genannten Helden Siegeferd und Gudhere dieselben seien, welche man aus unserer Heldensage als Siegfried und Gunther kennt. Unter den Einwendungen, welche Mullenhoff Zeitschr. XI. 283 dagegen erhoben hat, steht oben an, daß statt Gudhere nur gudhere zu lesen sei. Ein anderer Unterschied in der Auffaßung betrifft die Frage, ob es Finn war, der seine Gäste die Dänen in Finnsburg überfiel, oder wie Uhland mit Thorpe annahm, Finn als der Überfallene zu denken sei. Ich war von Uhlands Ansicht ausgegangen; nur daß ich Z. 17 at ôdhrum durum als die den Belagerern zugekehrten Außenthore verstanden hatte, während vorher davon die Rede war, daß das Innere eines der Thore von den Belagerten besetzt sei. Ich kann jetzt folgen laßen was ich zur Erläuterung des Bruchstücks nach Uhlands Auffaßung geschrieben hatte, ehe mir jene andere bekannt geworden war. Vor jene Außenthore treten Hengest und Hnäf, die feindlichen Heerführer, mit Oslaf und Gudlaf und dessen Sohne Garulf. Sigeferd und Eaha vertheidigen dagegen die Burg, wie daraus erhellt, daß Ersterer auf Garulfs Frage, wer das Thor halte, seinen Namen nennt. Dasselbe schien mir von Gudhere anzunehmen, weil er von Garulf gescholten wird, daß er nicht schon vor Sigeferd und Eaha das Thor zu wehren erschienen sei. Der Kampf endigt mit dem Siege der Belagerer, welche nach fünftägigem Kampf das Thor eingenommen haben; aber dieser Sieg ist theuer erkauft, denn Hnäf geht verwundet hinweg:

»Gebrochen wär ihm   die Brünne, sagt er,
Das Heergeräth mürbe, der Helm verhauen.«

Mit dem Fall dieses Hnäf beginnt dann auch in unserm Gedicht die Episode, die seinen Leichenbrand schildert. Aus dem Wanderersliede 39 lernen wir ihn als einen Hoking kennen und da Hildeburg, Finns Gemahlin, 16, 28 die Tochter Hokes genannt wird, so hat die Vermuthung vollen Grund, daß er ihr Bruder war. Auf seinen Scheiterhaufen muß sie nun die eigenen Söhne legen, die im Kampf wider den Bruder gefallen sind und in diesem doppelten Schmerz, um Bruder und Söhne, heißt sie Z. 26 mit Recht ein gramvoll Weib.

Auch hier erweist sich wieder die Deutschheit unseres Gedichts nach einer Bemerkung Müllenhoffs Zeitschrift XI, 282, die ich mit seinen Worten hiehersetze:

»Daß die Sage im achten Jahrhundert auch in Oberdeutschland bekannt war, beweist die Genealogie der Kaiserin Hildegard, der Gemahlin Karls des Großen, die aus dem Geschlechte der alten alamannischen Herzoge stammte, bei Thegan Vita Hludoviei c. 8: Godofredus dux genuit Huochingum, Huochingus genuit Nebi, Nebi genuit Immam, Imma vero genuit Hiltegardam, beatissimam reginam. Für Nebi giebt eine alamannische Urkunde vom J. 773 hei Neugart Nr. 53 die ältere Form Hnabi, die dem angels. Hnäf entspricht, wie alth. Huoching dem angels. Hôcing. Wenn ein Alamanne Huoching seinen Sohn Hnabi nannte, so meine ich, muß man annehmen, daß er die Sage von Hnäf dem Hôking kannte.«

Wenn das Gedicht den Hnäf zu einem Schilding und Mannen Healfdenes macht, wie Aehnliches in der spätern Zwischenerzählung von Freaware (28–29) geschieht, so ist das eine Willkür, die sich der Dichter wohl erlauben durfte, um die Episode mit der Hauptbegebenheit enger zu verbinden. Vgl. Zeitschr. XI, 282. Daß aber Hengest zu Hnäfs Geschlechte gehört, ist unbezweifelt: er war wohl sein Bruder, denn um Rache für seinen Fall an Finn zu nehmen, sehen wir ihn im Herbst, wo die See am ruhigsten ist, die Heimfahrt verpassen bis widrige Winde stürmten und das eisgebundene Meer ihn in Friesland zu überwintern zwang. Aber auch als im Frühling der Erde Busen sich lieblich schmückte, was ihn zur Heimkehr hätte locken müßen, war ihm die Rache süßer als die Heimreise. Er selbst mochte indes den beschworenen Frieden nicht brechen; da dieser aber den Friesen unerträglich drückende Bedingungen auferlegte, so hoffte er, die Feinde würden die Zwietracht zuerst beginnen und die Jüten dann als die Angegriffenen zur Rache Gelegenheit finden. Allein diese Berechnung trog: der schwergekränkte Friesenkönig ließ ihn, am Erfolge offenen Aufruhrs verzweifelnd, heimlich mit dem Schwerte Hunlafing (wie Beowulfs Schwert Nägeling 35, 76 [richtig: 79], das an Heimes Schwert Nagelring W. Grimm Heldens. 89. 146 erinnert), aus dem Wege räumen, und als dieß gelungen war, auch noch einen Theil seines Gefolges ermorden, während ein anderer mit Gudlaf und Oslaf über die See flüchtete. Aber bald kehrten diese mit übermächtigem Heere zurück und beschuldigten den Finn, die Ermordung des Hengest und seiner Mannen befohlen zu haben. Finn vertheidigt sich heftig; aber schon hat sich die Halle mit feindlichen Scharen gefüllt und auch ihn erreicht jetzt das Schwertübel im eigenen Hause. Als Finn erschlagen und Finnsburg beraubt ist, wird Hildeburg, das herrliche Weib, zu ihren Verwandten heimgeführt. Hildeburg ist es, auf deren tragischem Geschick in dieser Episode der Ton liegt. Muß sie die Kinder auch nicht, wie es wohl verstanden worden ist, lebend auf den Scheiterhaufen des Bruders legen, so verliert sie unschuldig doch Bruder und Söhne zugleich durch den wieder entbrennenden Haß der beiden Völker, den ihre Vermählung mit Finn hatte beschwichtigen sollen. Und dabei bleibt es noch nicht, auch Hengest, ihr anderer Bruder, wird nicht ohne Mitschuld ihres Gemahls erschlagen und zuletzt fällt auch dieser als das letzte Opfer der Rache, und aller ihrer Lieben beraubt kehrt sie nach einem wehevollen und doch verlorenen Leben in die Heimat zurück. Wißen wir auch nicht, was zuerst den Wiederausbruch des alten Haders herbeiführte, der durch Hildeburgs Vermählung mit Finn gestillt schien, so zeigt doch sowohl der weitere Verlauf als der endliche Ausgang, daß es die Blutrache war, die hier wie in der Niflungasaga die tragischen Conflicte und zuletzt den Untergang fast aller Helden herbeiführt.

Noch zwei andere Zwischenerzählungen benutzen dasselbe Motiv. In der Episode von Hrodgars Tochter Freaware 28. 29, sehen wir dieser ein ebenso trauriges Looß bevorstehen wie dort der Hildeburg. Auch sie war nach dem Siege der Dänen über das deutsche Volk der Headhobarden, mit deren Fürsten Ingeld, dem Sohne Frodas, verlobt worden, um durch ihre Hand die Todfeindschaft der verfeindeten Völker zu sühnen, 28, 66. Aber Beowulf, dem diese Erzählung in den Mund gelegt ist, sieht voraus, daß der Friede keinen Bestand haben und die Blutrache neue Opfer fordern wird, denn

                                          selten mag,
Wenn ein Volk erlegen ist, auf lange Zeit
Das Racheschwert rasten, wie ruhmwerth die Braut sei.

Vortrefflich wird 29 geschildert, wie Ingeld, wenn ihm erst des Weibes Liebe kühler geworden ist, von dem alten Eschkämpen mit beredten Worten zur Rache aufgestachelt, ja zuletzt durch die Ereignisse gezwungen wird, den Frieden zu brechen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Was hier Beowulf als unvermeidlich voraussieht, das erzählt Saxo (104 Steph.) von Frotho und Ingellus als wirklich geschehen, indem er die Rolle des alten Eschkämpen dem berühmten Starkather überträgt. Frotho und Ingellus macht er aber zu dänischen Fürsten, welche Schwertings Verrath sächsischer Botmäßigkeit unterworfen hat. Diesen Schwerting nennt auch unser Gedicht (18, 16), aber als einen Verwandten Hygelaks. Mit der Darstellung in unserm Gedicht stimmt das Wandererslied 45 ff.

Noch zum drittenmal wird die Blutrache als Hebel tragischer Ereignisse benutzt, in der Episode von Beowulfs mütterlichem Ahn, dem Geatenkönig Hredel und seinen drei Söhnen Herebeald, Hädkynn und Hygelak  33. Hädkynn hat den Herebeald, Bruder den Bruder, mit dem Pfeil erlegt. War diese That auch unabsichtlich begangen, so bricht sie doch dem Vater das Herz, denn sie war nach heidnischen Begriffen ein unsühnbarer Frevel, weil die Rache, eine doch unumgängliche Pflicht, über das eigene Blut ergehen müste.

Auch diese Sage kann ich in Deutschland nachweisen. Nach Wilkinas. c. 231 (Unger) hatte Herdegen drei Söhne: Herbort, Herdegen und Sintram (Tristram). Ihr Lehrer in der Fechtkunst war Wigbald. Herdegen wird von Sintram bei der Waffenübung erschlagen wie Herebeald von Hädkynn. Hier geschieht der Mord nicht ganz unwillkürlich: der Thäter im Bewustsein der Schuld reitet auf und davon, und der Vater, welcher den ältesten Sohn zur Rechenschaft zieht, weil dieser als der klügste die That hätte verhindern sollen, vertreibt damit auch diesen noch, so daß er sich mit einem Mal aller seiner Söhne beraubt sieht. Der tragische Conflict nimmt hier andern Ausgang, im Wesentlichen bleibt er derselbe.

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