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Beowulf

Karl Simrock: Beowulf - Kapitel 48
Quellenangabe
typeepos
booktitleBeowulf
authorKarl Simrock
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart und Augsburg
titleBeowulf
created20051005
sendergerd.bouillon
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2. Germanisches Heldenleben.

Kein anderes Gedicht hat uns ein so anschauliches Bild dieses Lebens bewahrt und es ist zu beklagen, daß man es noch so wenig benutzt hat, die nur zu oft angezweifelten Schilderungen des Tacitus aus einheimischen Quellen als wahr und naturgetreu darzuthun. Wir greifen beispielsweise ein einzelnes Capitel heraus.

»Im Kampfe,« heißt es Cap. 14, »ist es dem Gefolgsherrn beschämend, Einem seines Gefolges an Tapferkeit nachzustehen; aber auch dem Gefolge eine Schmach, der Tapferkeit des Gefolgsherrn nicht gleichzukommen.«

Für den ersten Satz bietet unser Gedicht kaum einen Beleg, denn König Hrodgar, dem einst Heerglück und Waffenruhm verliehen war, ist nun ein Greis, den das Alter gebunden hält; seine Hand ist zu schwach geworden zum Kampf: darum gereicht es ihm nicht zur Beschämung, wenn Beowulf an seiner Statt eine That vollbringt, zu der ihm die Kraft nicht mehr reichte. Gleichwohl gesteht er 7, 18, es falle seinem Herzen schwer, zu sagen, was er Alles von Grendel erlitten habe, ohne es rächen zu können; aber neidlos darf er es doch (24, 50 ff.) nach Beowulfs doppeltem Siege rühmen, daß dieser Held ein Beßerer denn Er geboren ward.

Dagegen empfängt der zweite Satz hier volle Bestätigung. Als Beowulf gegen den Drachen auszog, der sein Land verwüstete, gedachte er es allein mit ihm aufzunehmen und ausdrücklich sagte er 34, 44 ff. zu seinem Gefolge:

        Nicht Euer Werk ists
Noch einem Manne gemäß   außer mir allein
Wider diesen Unhold   den Arm zu gebrauchen
Und wehrlich zu werben.

Als er aber im Kampf mit dem Drachen von Feuer umfangen und von seinem guten Schwerte verlaßen, große Noth erduldet, da jammert es seinen Verwandten Wiglaf, Weochstans Sohn, daß seine Gefährten alle in den Wald fliehen, das Leben zu bergen: er selber will seinem Herren beistehen und ermahnt die Andern, ein Gleiches zu thun. (35, 32):

»Mir gedenkt im Gemüth,   als wir den Meth empfiengen
Was wir verheißen haben   unserm Herrn und Gebieter,
Wenn er die Ringe reichte   uns Recken im Methsaal,
Wie wir gern die Gaben   ihm vergelten wollten,
Die Waffengewande,   würd es ihm Noth,
Helm und harte Schwerter.   Aus dem Heere wählt' er uns
Zu dieser Ausfahrt   nach eigenem Willen,
Weil er uns für gute   Geerkämpen ansah,
Für herbe Helmträger,   wenn unser Herr auch gleich
Allein für uns alle   dieß Edlingswerk
Zu vollführen gedachte,   des Volkes Hirte,
Der von allen Recken   das Rühmlichste wirkte,
Die tapfersten Thaten.   Nun ist der Tag gekommen,
Da unser Gebieter   des Beistands bedarf.
Werther Weigande:   nun wohl, laßt uns gehen
Und dem Helden helfen   so lange die Hitze währt,
Die grimme Glutschauer.   Gott weiß an mir,
Daß es mir lieber ist,   wenn meinen Leib allhier
Mit meinem Goldgeber   die Glut verschlingt.
Eine Schande schien' es mir,   wenn wir die Schilde heim
Zu Lande trügen,   eh wir den leidigen
Feind hier fällten,   und dem Fürsten der Wedern
Das Leben schirmten.   Das ließe übel
Zu den alten Bräuchen,   sollt Er allein
Von den Geatenhelden   den Harm erdulden
Und im Streite sinken.   Uns soll Schwert und Helm,
Brünne und Bordschild   beiden gemein sein.«

»Schande aber,« fährt Tacitus fort, »und für das ganze Leben ein Vorwurf trifft den, der lebendig den Kampf verläßt, wenn der Gefolgsherr gefallen ist.« In diesem Sinne schilt Wiglaf 38, 64 seine treulosen Gefährten, die seine Ermahnung überhört haben:

»Nun soll euch Schatzgabe   und Schwertspende gebrechen,
Alle Erbsitzwonne   euerm Geschlecht,
Alle Liebe fehlen.   Des Landbesitzes
Muß der argen Sippschaft   aller und jeder
Verlustig wandern,   wenn die Leute erst
Eure Flucht erfahren   in Fern und Nähe,
Die treulose That.   Der Tod ist beßer
Der Leute Jedem   als solch Leben voll Schmach.«

In diesem Sinne sagt auch im Heliand Petrus zu dem Herrn:

        Wenn die Helden dich all,
Die Leute dich verlaßen,   doch will ich lebenslang
Mit dir dulden   in allen Drangsalen.
Wenn es Gott mir gönnt   bin ich gerne bereit,
Daß ich dir zu helfen   standhaft beharre.
Wenn dich im Kerker auch   mit Ketten enge
Die Leute belegen,   ich laße mich nicht schrecken,
In den Banden bei dir   verbleiben will ich,
Mit dir Lieben liegen.   Wenn sie vom Leben dich
Mit des Schwertes Schlägen   zu scheiden gedenken,
Mein Fürst, mein guter,   ich gebe mein Leben
Für dich im Waffenspiel.

Und noch deutlicher sagt Thomas, gleichfalls im Heliand:

        Das ist des Degens Ruhm,
Daß er seinem Fürsten fest   zur Seite stehe
Und standhaft mit ihm sterbe.

»Ihn, den Gefolgsherr,« heißt es weiter, »zu vertheidigen und zu schützen und auch eigene Heldenthaten Seinem Ruhm anzurechnen, ist die heiligste Pflicht.«

Auch dieser Pflicht gedenkt Wiglaf, wenn er in derselben Strafrede sagt:

Da mochte der Volksfürst   seiner Fahrtgenoßen
Sich leise rühmen!   Doch verlieh ihm Gott,
Der des Sieges waltet,   daß er sich selber rächte
Allein mit dem Stahle   als ihm Stärke Noth war.
Nur wenig zu wehren   wust ich sein Leben
In dem übeln Kampfe;   doch unternahm ichs
Ueber Leibsgewalt   dem liehen Freund zu helfen.
Aber schlimmer ward es stäts,   wenn mein Schwert den Feind,
Den tödtlichen, traf,   da nur tobender das Feuer
Dem Wurm entwallte.

»Die meisten jungen Edlinge ziehen, wenn Frieden und Ruhe in der Volksgemeinde, in welcher sie geboren sind, die Thatkraft lähmt, von freien Stücken zu den Völkern, bei welchen es gerade Krieg giebt, denn sie lieben die Ruhe nicht und leichter erwerben sie in Gefahren Glanz und Ruhm; auch mögen sie nur durch Kampf und Krieg ein großes Gefolge beisammen halten.«

Für diesen Satz brauche ich nur auf Beowulf hinzuweisen, der ein Neffe des Geatenkönigs Hygelak dem Dänenkönig zu Hülfe zieht, weil er hier Gelegenheit findet, seine Kraft im Kampf zu erproben und seinen Ruhm zu mehren; 7, 2. 5. Auch seinem Gefolge kommt, wie wir sogleich sehen werden, dieser Zug zu Gute.

»Von ihres Gefolgsherrn Milde erwarten sie etwa jenes Kriegsross oder jene blutige sieghafte Framea.«

Ross und Framea sind hier nur beispielsweise ausgehoben: vollständiger werden am Schluß des folgenden Capitels diese fürstlichen Gaben aufgezählt: »erlesene Streitrosse, herrliche Waffen, Pferdeschmuck und gewundene Ringe.« So giebt Hrodgar dem Beowulf 15, 30, ff. ein golden Banner, ein herrlich Heerzeichen, dann Helm und Brünne, und ein köstliches Kampfschwert. Dazu läßt er ein Achtgespann edler Rosse, deren Kopfgeschirre Goldbleche schmückten, in den Vorsaal ziehen, und auf Einem der Rosse lag ein schatzbunter Sattel, dessen sich bisher Hrodgar als Heerseßels bedient hatte, wenn er in die Schlacht geritten war. Auch jedem der Gefährten Beowulfs gab Hrodgar noch manches Kleinod, und den Einen derselben, welchen Beowulf im Dienste des Königs eingebüßt hatte, läßt ihm dieser mit Gold aufwägen. Aber als sollte auch die letzte der von dem Römer aufgezählten Königsgaben nicht fehlen, empfängt Beowulf 18, 7 ff. von der Königin außer zwei Armzierden und andern Ringen noch die gröste aller Halsspangen, von der man je bei den Völkern der Erde vernommen hatte. Jene Halsspange schenkte Beowulf später der Hygd, der Gemahlin Hygelaks, seines Herrn, und fügte noch drei Pferde jenes Achtgespanns hinzu; vier andere hatte er nebst andern Gaben Hrodgars dem Hygelak selbst gegeben, so daß er nur eins für sich behielt. Diesen schönen Zug, daß auch der Dienstmann den Herrn mit den Erträgen seiner Siege schmückt, hatte Tacitus noch vergeßen; aber liegt er nicht schon in den Worten, eigene Heldenthaten dem Ruhme des Herrn anzurechnen sei die heiligste Pflicht?

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