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Beowulf

Karl Simrock: Beowulf - Kapitel 47
Quellenangabe
typeepos
booktitleBeowulf
authorKarl Simrock
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart und Augsburg
titleBeowulf
created20051005
sendergerd.bouillon
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Erläuterungen.

1. Deutscher Ursprung.

Auf den Beowulf haben außer uns Deutschen auch Engländer, Dänen und Schweden Ansprüche. Geltend gemacht sind sie aber nur von Dänen und Engländern; die Deutschen haben nur zu oft gerechte Ansprüche ruhen laßen. Das stellen sie zu ihren Provinzen jenseits des Rheins u. s. w. Was ist auch an einer Provinz gelegen? Und nun gar an einem Gedichte? Jede Messe bringt ja neue und vor der nächsten sind sie vergeßen. Wie sollte an einem Epos ein tausendjähriger Ruhm unseres Volkes haften können? wie sollten die homerischen Lieder der Deutschen, wenn sie endlich aus dem Schutt hervorgezogen wären, dazu beitragen können, unser Selbstbewustsein zu stärken und uns endlich zu einer Nation zu bilden?

Mit dem Hervorziehen ist es auch wirklich nicht gethan. Aus dem Schutt der Jahrhunderte in den Staub der Bibliotheken, das ist ein Schritt aus einer Vergeßenheit in die andere: dem Ziele führt er nicht merklich näher. Dieses Ziel ist das Herz der Nation: wenn da einst unsere alte Dichtung ihre Stätte wiederfindet, dann ist Dornröschen aus ihrem Zauberschlaf erweckt, dann stehen die im Berge schlummernden Helden wieder auf, dann schlägt der dürre Baum auf dem Walserfelde aus, dann hängt der alte Kaiser seinen Schild an den grünen Ast, dann wird die Schlacht geschlagen, die auch die letzte unserer verlorenen Provinzen zu Deutschland zurückbringt.

Das Gedicht von Beowulf ist in angelsächsischer Sprache überliefert und als Erben der Angelsachsen sind die Engländer wohl berechtigt, es für ihr Eigenthum auszugeben. Aber Angeln und Sachsen waren deutsche Völker und der Schauplatz des Gedichts liegt dießseits der Nordsee, in der Nähe der alten Sitze dieser Völker vor der Eroberung Britanniens, es scheint seiner Grundlage nach ältern Ursprungs als das Volk der Angelsachsen; es ist dann ein anglisches oder sächsisches, kein angelsächsisches Gedicht. Nicht leicht wiegt auch der Dänische Anspruch, der schon am frühsten erhoben wurde, da der erste Herausgeber ein Däne war. Auch konnte sich Thorkelin auf die Eingangsworte berufen, welche wirklich die Verherrlichung der Dänenhelden als Gegenstand des Gedichts bezeichnen. Aber diese Eingangsworte rühren wohl von einem Bearbeiter her, der sich noch nicht tief in das Gedicht hineingedacht hatte, das an mehr als einer Stelle für die Dänen so ungünstig lautet, daß an ausschließlich dänischen Ursprung am wenigsten zu glauben ist. Ich will nur hervorheben, wie Beowulf 9, 33 [richtig: 36] ff. zu Hunferd dem Dänen sagt:

»Nie hätte Grendel   so viel Graus hier verübt,
Der arge Unhold,   wider euern Gebieter,
Solchen Hohn in Heorot,   wenn das Herz dir wäre,
Der Sinn so schwertgrimm,   wie du selber glaubst.
Doch befand er wohl frühe,   daß er die Fehde nicht,
Die üble Schwertkraft   eurer Leute,
Der Siegschildinge (Dänen),   eben zu scheuen braucht.
Er nimmt sich Nothpfänder,   Niemand scheut er
Der Dänenleute;   nach Lust bekriegt er sie,
Würgt und schändet,   keinen Widerstand
Von den Geerdänen fürchtend.   Doch ein Geate soll ihm nun
Kraft und Kühnheit   im Kampfe bewähren
Ganz unerwartet.«

Darum will Thorpe, der neueste Herausgeber, das Gedicht den Geaten zuweisen, dem Volke, welchem Beowulf angehört. Die Geaten oder Gauten wohnten als Nachbarn der Schweden um den Wettersee, wo das heutige Ost- und Westgothland noch von ihnen zeugt; später tauchen sie in dem Schwedenreiche unter. Bis aber einmal Thorpes Hoffnung sich erfüllt, daß das geatische Original noch einst in einer schwedischen Bibliothek zu Tage komme, haben wir keinen Grund, zu Gunsten der Schweden auf unsere Ansprüche zu verzichten. Wenn gleich der Held ein Geate ist, so steht das Gedicht doch dem Charakter der angelsächsischen Poesie viel näher als dem der altnordischen. Dasselbe läßt sich auch von seinem Inhalte sagen, welcher der altnordischen Dichtung ganz fremd ist, nicht so der angelsächsischen. Wer den Beowulf den Schweden zuweisen wollte, müste ihnen auch das Wandererslied und den Kampf vor Finnesburg zueignen, was selbst Thorpe nicht gewagt hat. Am wahrscheinlichsten bleibt daher, daß es anglische Sänger waren, die so viele Sagen ihres und der benachbarten Völker, der Schweden, Geaten, Dänen, Jüten, Headobarden, Hugen, Friesen, Hetweren (Chattuarier) und Franken zu einem großen epischen Ganzen verbanden. Alle die genannten Völker bildeten damals selber ein Ganzes. Der durch Handel und Schiffahrt unterhaltene Verkehr dieser seeanwohnenden Nachbarstämme hatte sie zu einer Gemeinschaft verbunden, die selbst durch gelegentliche Kriegs- und Raubzüge nicht aufgehoben wurde. Sie war schon in der Abstammung gegründet, da sie alle dem großen ingäwonischen Stamme angehörten, welchen Tacitus als am Ocean wohnend bezeichnet, während er die Sitze der Herminonen in die Mitte Deutschlands legt, wonach also dem dritten istäwonischen Stamme nur die dießseitigen Donauufer übrig bleiben. Wie wir ihn mit Zeuss verstehen, so waren die deutschen Nordseeküsten und beide Ufer der Ostsee von ingäwonischen Völkern bewohnt. Auch ist die unserm Gedichte noch bewuste und vielfach in Bezug genommene Abstammung von Ingwi (Ingo) bei den Deutschen im engern Sinne kaum so augenfällig als bei den Völkern Skandinaviens. Dieses rechnet Tacitus noch zu Germanien: es bildete einen Theil Deutschlands, von dem es erst abgerißen ward, als es gelang, das Christenthum auf dem Festlande durchzusetzen, während jene Inselländer dem Heidenthum getreu blieben.

Unser Gedicht ist nicht das einzige, welches den großen Kreis der Ost- und Nordseesagen behandelt: auch die viel jüngere Gudrun spielt an diesen nördlichen Küsten von Dänemark bis zur Normandie, sie ist gleichfalls ein Vermächtniss der alten Gemeinschaft der ingäwonischen Völker, und wie wir die Gudrun, weil Dänen und Normannen darin auftreten, nicht einem dieser Völker zuweisen mögen, so wollen wir auch den Schweden den Beowulf nicht abtreten, der sich auf dem gleichen Schauplatz bewegt und wie die Gudrun Zeugniss ablegt von dem an der Ost- und Nordsee einst reich entfalteten germanischen Heldenleben.

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