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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 9
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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IX

Nach einem ihrer Ausflüge hatten sich die Brüder Benkal schon zu Bett gelegt und das Licht gelöscht, als der junge den älteren, der nebenan im Bett rumorte, anrief und ihn fragte, warum er nicht heirate.

Natürlich wartete er die Antwort nicht ab, sondern setzte gleich seine eigene Meinung auseinander. Die Gründe für eine Verehelichung, die den Bruder betrafen, streifte er nur flüchtig. Er brauchte nicht in den Krieg und bliebe also am Leben, und also sei er es sich schuldig, eine Familie zu gründen.

Um so ausführlicher schilderte er die Vorteile, die er für sich erwartete. Er bekäme eine Familie, in der er zu Hause wäre, und fast eine Mutter ... Es ging mit einem Heim wie bei einem Vogelnest. Erst die Federn des brütenden Weibchens machten es dicht und warm. Der Geruch einer Frau durchdrang sogar die Möbel, sie blies ihnen den Atem der Ewigkeit ein. Eine hübsche, ein wenig strapazierte Frau, etwa in der Küchenschürze mit aufgekrempelten Ärmeln und kleinen Schweißtropfen an der Stirn, war die Göttin Kybele, die Menschenmutter selbst. Am liebsten wollte er eine richtige Bruthenne hier einziehn sehn, mit reichem Federschmuck und selbstbewußtem Gang. Sie sollte es gut haben und mit allem ausgestattet werden, was ihr anstand. Mit Dingen, die die Sinne erfreuten, die eigenen wie die der andern, und die nebenbei den pädagogischen Zweck verfolgten, selbst die am meisten beschäftigte Frau zur dauernden Pflege ihrer Reize anzuhalten. »Denn«, fügte der Kleine erläuternd ein, »um gefallen zu können, muß man ein Publikum haben; hat man aber erst ein Publikum, dann will man auch gefallen. Und wenn du auch am liebsten allein im Theater sitzt und dir von deiner Frau vorspielen läßt, so wird es doch euch beide erfrischen, gelegentlich auch andere applaudieren zu hören.«

Nichts war so entzückend, wie einer tüchtigen Hausfrau, die Besen und Kochlöffel zu führen verstand, in der ganz unwahrscheinlichen, immer neuen fraulichen Wiedergeburt zu begegnen, wenn sie entweder frisch aus den Kleidern stieg oder sich in eine festliche Robe schmiegte. Die gewohnten Räume wurden ganz hell davon ...

Aber auch an den nötigen Einblicken in Menschen, Natur und Kunst sollte es ihr nicht abgehn. Dabei gab es eine Gefahr ... Hatte sie Sinn für derlei, so neigte sie auch leicht dazu, sie über ihre Verhältnisse zu schätzen oder sie gar so zu begehren, wie die meisten Frauen begehrten, die den Mann für die Sache nahmen. Das beste wäre, ihr möglichst rasch zu Kindern zu verhelfen ...

Wahrscheinlich wäre Benkal auf den Schilderungen der idealen Schwägerin langsam in den Schlaf gefahren, wenn nicht der Ältere wuchtig an die Wand gehämmert und geschrien hätte: »Ja! Ja! Ja!«

Im Nebenzimmer krachte das Bett, und plötzlich brannte Licht.

»Was ja?« fragte Benkal erstaunt.

»Kerlchen, ich habe sie doch! Ich habe schon lange gedacht, daß es das beste für dich wäre. Ich habe eine lieb, die genau so ist, und ich hätte sie auch schon geheiratet ... Ich habe mich bloß nicht getraut, dir davon zu sprechen, weil ich glaubte, es könnte dir im Anfang unbequem sein, wenn jemand Fremdes in die Wohnung käme und wir zusammenrücken müßten.«

»Herrlich!« rief Benkal, aber er war enttäuscht. Es war zu schnell gegangen. Unwillig warf er sich auf die Seite und beendete die Unterhaltung.

»Na, morgen erzählst du.«

Eine Weile war es still nebenan, dann seufzte es: »Wie ich träumen werde!« Und das Licht erlosch.

Benkal, der sich doch sehr beeilte, schlief noch nicht, da lag der Dicke schon auf Traumeshöhe, wie die Arche Noah auf dem Gebirge Ararat.

Er hielt die Hände gefaltet über dem Leib, der tiefatmend Bruderliebe Welle auf Welle bis über das lächelnde Gesicht warf.

 

Am Tag, wo Benkal der Ältere die schöne Wan heimführte, rief der König das zweite Aufgebot unter die mohnroten Fahnen des mittelländischen Heeres. Der gewerbefleißige Bruder kam blaß und verstört in Benkals Werkstatt, um ihm die Nachricht zu überbringen.

Alle seine verheirateten Freunde mußten fort.

»Wir bekommen ein schönes Hochzeitsessen«, klagte er. »Die meisten werden zu Hause bleiben, um den letzten Abend in der Familie zu verbringen. Vielleicht kommt keiner ... Ich glaube, Wan wird traurig sein. Sie hatte sich so auf das Fest gefreut, das Kind.«

Benkal versprach, die geladenen Gäste aufzusuchen und sie zu überreden, wenigstens auf eine oder zwei Stunden zu kommen.

Die Stadt war in Aufruhr. Der königlichen Verordnung hatte man entnommen, daß es um das große Heer im Osten schlecht bestellt sein mußte, und bald durchliefen Gerüchte von Seuchen und Niederlagen die Hauptstadt. Die Leute vom zweiten Aufgebot hielten, von ihren Frauen begleitet, Versammlungen ab, wo im Geschrei und im Schluchzen der Weiber tobende Stimmen zum Widerstand gegen die Angstbefehle einer besiegten und verzweifelnden Kriegerkaste aufforderten.

Beim Verlassen der Versammlungsräume fanden sie die Stadt von Soldaten besetzt. Auf den Plätzen standen Maschinengewehre. An ihrer Haustür erhielten die Einberufenen die Aufforderung eingehändigt, sich innerhalb der nächsten zwei Stunden an den bezeichneten Bahnhöfen einzufinden.

Vor die Wahl gestellt, sofort erschossen zu werden oder möglicherweise lebend aus dem Krieg heimzukehren, verließen die letzten wehrfähigen Mittelländer die Hauptstadt.

Still wie Gefangenentransporte rollten die Züge durch die Bahnhöfe nach Osten. In den Wagen saßen sie, in leidenschaftlicher Liebe miteinander verbunden durch Haß und Furcht, und besprachen, die Köpfe zusammengesteckt, die einzige Möglichkeit einer Rettung, die zugleich die Vergeltung wäre: den Aufstand – die Befreiung und den Frieden.

In einem Wagen saßen Trule und Hahnas Mann stumm nebeneinander. Auf einmal wurde Trule am Arm gepackt, große wasserblaue Augen sahen ihn entsetzt an, und Hahnas Mann flüsterte mit versagender Stimme: »Sie kennen sie ja, nicht wahr? Glauben Sie, daß sie mir treu bleibt?«

Trule, der erschrocken war, antwortete: »Die Mütter überleben uns.«

Er fühlte sich schuldlos. Es war vorbei und vergeben. Sie gingen alle in den Tod. Trule hätte gern gesagt: Auch ich habe sie geliebt, und vielleicht mehr als du. – Aber er war schon zu einsam ...

 

Benkal brachte Wan die Frauen der Hochzeitsgäste, und die kleine schwarze Wan war zufrieden. Die Tafel glänzte mit weißem Tischtuch und schillernden Gläsern aus der Fülle roter Rosen, deren Duft sie trunken machte. Sie lachte wie ein Vögelchen und warf helle, runde Blicke um sich, Obwohl sie nur über Kochrezepte und den Haushalt sprach, in einem fort errötete und den Dicken kaum anzuschauen wagte, war ihr, als ob sie sich einer einzigen wilden Ausschweifung hingebe, die ihr den Verstand zu rauben drohte.

Plötzlich schloß sie die Augen und wurde ganz weiß unter ihrer braunen Haut. Die Frauen nahmen sie eine nach der andern sanft in den Arm und reichten sie dann dem Gatten, der sie sorgsam hinausführte. An der Tür wandte sie sich, um den Gästen ein kleines verlegenes Lächeln zu zeigen, das danken und über ihren Zustand beruhigen wollte.

»Ich danke euch«, sagte auch Benkal zu Wans erfahrenen Schwestern, deren Witwenschaft hochzeitliche Gewänder angelegt hatte. Sie waren allein, und die blühende Tafel hatte angefangen zu welken.

»Ich danke euch, daß ihr euch habt überreden lassen, der kleinen Wan an ihrem Hochzeitsabend den Spiegel ihres Glücks vorzuhalten. Wie schön hat sie sich in diesem für sie so neuen Anblick getummelt!

Ohne euch hätte sie vielleicht nicht erfahren, wie begehrenswert sie ihrem Gatten erschien und wie stark das Fieber den Eingang in die Nacht der ersten Umarmung verhängt. Jetzt wird sie sich immer an ihr Bild erinnern, wie sie es heute in eurem Spiegel sah, und wenn sie, wie heute ihr, vor einer Jüngern sitzt, im Festkleid, aufgetaucht aus grauen Tagen, wird ein Regen von diesen Rosen auf diese gewöhnliche Sache, die Ehe, auf Sorgen, gedämpfte Freuden, liebgewordene Müh' und Langeweile niedergehn. Für die meisten gibt das Leben nicht mehr her. Wer gelitten hat, weiß, daß es viel ist. Zum Glück macht Arbeit müde, und Müdigkeit kennt nichts Schöneres als Ausruhn ... Die Männer stürmen empor wie heiße Tage, flammen und verbrennen über dem tiefen ewigen Meer, das die Frauen sind. Ihr seid der lange, schwere Atem der Nächte, in denen wir unsre Schritte abenteuerlich irren hören. Wenn sie verstummen, glänzen die Sterne heller, wir sind in eure Ruhe eingekehrt.

Nicht in den Männern, die dort zwischen euch morden und gemordet werden, nicht in ihrer flackernden Unrast wacht das Leben, sondern in euch, die ihr warten, Kinder empfangen und austragen könnt – und ihr seid eins hier und in den Städten der Kremmen!«

»Benkal spricht wahr«, sagten die Frauen. »Wir haben nie gewünscht, daß die Männer und Söhne unsrer kremmischen Schwestern getötet werden. Sind sie nicht Geliebte und Mütter wie wir?«

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