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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 8
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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VIII

Fünf Armeen der Mittelländer sind nach Osten marschiert, den Kremmen entgegen. Drei stehn im Westen und erwarten, gestützt auf die Grenzfestungen, den Angriff der Langnasen.

Die Kremmen sind vor dem Ansturm der bis weit in ihr Land vorgetriebenen Heere in die Ebene zurückgewichen. Sie haben eine dreitägige Schlacht verloren, in der auf beiden Seiten ganze Divisionen aufgerieben worden sind. Es heißt, und die Versicherung hebt den erschöpften Mut der Sieger, daß die Kremmen ihre besten Truppen auf dem Schlachtfeld gelassen haben. Nun gilt es, ihnen möglichst schnell den Gnadenstoß zu geben.

Deshalb dürfen die Soldaten nicht einen Tag rasten, wie sie verlangt haben. Während die Toten ringsum haufenweise in flachen Gruben verschwinden, eine ganze, nun im Tode vereinigte Armee lautlos in die Erde sinkt, marschieren die Lebenden weiter, blind noch von dem grellen Feuer, das drei Tage und drei Nächte ihnen entgegengespien hat, taub und im tiefsten verwirrt von dem fürchterlichen Lärm, der, schlimmer als die singenden Kugeln und die schier erlösenden Zusammenstöße, wie eine unfaßliche Drohung in ihren Köpfen zurückgeblieben ist. Sie schleppen ihn mit sich, ein Fieber, das sie tagsüber stumpf macht, nachts aber ihre Sinne löst, so daß sie die Dinge sehn, von denen sie bisher nichts gewußt haben: Bilder aus der Schlacht in einem seltsam klaren Licht, wie scharfe Ausschnitte, sich selbst im Kampfe mit einem unbekannten Gegner, der nun ganz deutlich vor ihnen steht und sie, mit emporgeworfenen Armen unter ihrem Bajonettstoß taumelnd, aus brechenden Augen anstarrt. Schreie, die sie an der Gurgel packen, so daß sie, mit angstgekrümmtem Magen, in wahnsinnige Gegenwehr ausbrechen ... Messerblitze, die eine Panik erzeugen und in die sie sich stürzen, weil sie sie lieber mit den Zähnen ergreifen, als sie ihr bedrohliches Spiel fortsetzen lassen ... Klagen, die sie bestimmt nicht gehört zu haben glauben. Aber sie haften in der Ohrmuschel. Irgendeine Bewegung rührt sie auf, und dann kommt von weither ein Laut wie von einem Hilferuf oder einem Stöhnen.

Andere Male ist es nur ein dunkles, vom Krachen gelber Explosionen erfülltes Loch, durch das sie vorwärts kriechen. »Warum?« sagen sie zueinander, »warum müssen wir das tun? Sind wir nicht die Stärkeren, daß wir uns zwingen lassen? Haben wir den Krieg gewollt? Taten wir nicht unsre Arbeit? Warum gehn wir nicht mehr in den Anlagen spazieren? ...«

Um die Soldaten auf den Beinen zu halten, läßt die Armeeleitung Wein und Schnaps unter sie verteilen. Der Alkohol, die Hitze, die Erschöpfung machen sie rasend. Es geschieht, daß sie mit dem Bajonett aus den Dörfern getrieben werden müssen, wo sie die Häuser stürmen und die Herausgabe der Frauen verlangen.

Wie sie in eine Stadt einrücken, kommt ihnen eine Abordnung schwarzgekleideter Männer, von einer neugierigen Menge begleitet, entgegen. Sie machen halt, und die Offiziere sprechen mit den Bürgern.

Diese erzählen, daß nach dem Durchmarsch eines größeren Truppenteils plötzlich einige Soldaten in den Häusern erschienen seien und gebeten hätten, eine Nacht in einem Bett schlafen zu dürfen. Aus Mitleid habe man ihrem Verlangen entsprochen, ihre Erschöpfung sei aber jedenfalls zu groß gewesen. Als man sie habe wecken wollen, habe man sie tot im Bett gefunden.

Ein Offizier packt den erstbesten Bürger am Kragen und brüllt ihn an, daß es alle hören: »Kerle! Ihr habt sie umgebracht!«

In zwei Minuten rufen sie es sich in den hintersten Reihen zu. In dieser Stadt sind schlafende Soldaten von den Einwohnern ermordet worden.

Und während vorn zwischen den Offizieren und den sich widersetzenden Städtern ein Handgemenge entsteht, drängen die hinteren Abteilungen gegen die vor ihnen stehenden, die sich erst gegen den Druck stemmen, aber plötzlich fortgerissen werden. Soldaten sind aus dem Glied gesprungen, um den Offizieren gegen die schreiende Menge beizustehn.

Im selben Augenblick reißen die Bande der Disziplin. Alles stürzt vorwärts. Die Kremmen werden niedergemacht, die ernüchterten Offiziere, die ihre Mannschaften aufzuhalten suchen, umgerannt oder zur Seite gestoßen, und nun geht es im Laufschritt durch leere Vorortstraßen in die Stadt ... Im Laufen schießen sie hinter den Offizieren her, die quer über die Felder davongaloppieren ...

Nach Stunden trifft Kavallerie mit Maschinengewehren ein. Sie werden von einer Gruppe betrunkener Soldaten in aufgerissenen Kleidern, die aus einem Haus gestürzt kommen, um in das nächste einzubrechen, mit Johlen und Pfeifen begrüßt.

»Schießt auf die Offiziere«, schreit einer. »Die Offiziere haben die Reiter gerufen!«

Sie heben die Gewehre und eilen auf eine Haustür zu. Diese schlägt dicht vor ihnen zu. Sie stoßen die Scheiben ein, um sie von innen zu öffnen. Da erhält einer aus dem Innern einen Schuß mitten ins Gesicht und schlägt vornüber auf die Türschwelle.

Die andern stehn eine Weile und suchen zu erraten, was man ihnen aus dem Hausgang und, als sie sich umdrehn, von den Pferden dort drüben zuruft. Einige Reiter lösen sich los und kommen, die Hand am Karabiner, langsam auf sie zugeritten. »Schießt auf die Offiziere!« sagt einer, als wiederholte er kleinlaut eine auswendig gelernte Lektion. Mechanisch heben sie das Gewehr an die Backe ... Am Abend ist die Stadt von den Rebellen gesäubert. Die Offiziere entschuldigen sich bei den kremmischen Behörden, stellen Wachtposten auf und erholen sich von der unheimlichen Arbeit des Nachmittags bei Freunden, die durch Vergessenheit stark machen, wenn die Angst einen beschleichen will, und das Blut erhitzen, wenn man bis in die Knochen schauert.

Schließlich sagt ein ganz junger Krieger beim Anstoßen, in tiefem Baß: »Schießt auf die Offiziere!« Sie lachen und klatschen Beifall. Es wird ein Gesellschaftsspiel daraus, anzustoßen und zu sagen: »Schießt auf die Offiziere.« Manche finden dafür Betonungen, daß sie alle Tränen werfen vor Lachen ...

 

Das Heer marschiert weiter, immer hinter dem Feind her, bis an die Berge. Der Versuch, die Kremmen vorher zu umgehn und zur Entscheidungsschlacht zu zwingen, ist mißlungen. Die fünf Armeen vereinigen sich, während die Kremmen auf den Berghängen Befestigungswerke aufwerfen.

Acht Tage lang versuchen die Mittelländer, die Höhen im Anlauf zu nehmen. Ihre Sturmkolonnen werden im eisernen Sumpf der Stacheldrahtzäune vom feindlichen Feuer zerfetzt, sie fliegen auf Minenfeldern in die Luft, sie knicken unter der Wucht der Gegenangriffe zusammen, die die Kremmen mit überlegenen Kräften an den von ihnen gewählten Punkten ausführen, während sie anderswo hartnäckig in der Verteidigung bleiben und sich durch keinen Vorteil hervorlocken lassen.

Endlich beginnen auch die Mittelländer sich in die Erde zu graben.

Im Westen scheinen die Langnasen keine Eile zu haben. Die Westarmee führt ein heiteres Lagerleben, gelegentlich von kleinen Scharmützeln unterbrochen, wenn abenteuerlustige Offiziere zu den Vorposten hinausreiten, um sich am Abend süßer von der Freude des Daseins umspülen zu lassen. Sonntags fahren viele Frauen ins Lager, um ihre Männer zu besuchen. Die Gasthäuser der Grenzfestungen füllen sich mit den Angehörigen der Offiziere. Die Theater und Vergnügungshallen der Königstadt, die alle geschlossen haben, schicken ihr Personal nach Westen, wo nach wenigen Wochen der Reichtum, der Luxus, die Genußsucht des ganzen Landes aufgespeichert scheinen. Im Riesensaal eines Theaters tanzt die große Ij.

 

In den stillen Häusern der Königstadt trauern Witwen und Waisen.

Sie wissen, mit Fleiß haben sich die hohen Herrn der aufsässigen Königstädter entledigt, und sie sagen, daß die Stürme auf die Kremmer Berge nur unternommen worden seien, um mit den Königstädter Regimentern aufzuräumen. Ein Teil von ihnen war sogar von der eigenen Kavallerie niedergemacht worden. Sie sollten angeblich rebelliert haben, eine Auslegung, der natürlich niemand Glauben schenkt.

So kommt es, daß viele sich von diesem Krieg nichts andres mehr versprechen als Rache für das Erlittene, Rache an denen, die den Krieg heraufbeschworen haben. Sie führen Krieg, heißt es, nicht gegen die Kremmen und Langnasen, die ihnen nichts zuleide getan haben, sondern gegen uns. Mit unsern Männern und Söhnen. Wir wurden ihnen zu üppig, und als der liebe Gott uns nicht mehr in den Knien hielt, haben sie den Teufel zu Hilfe gerufen. Er wird sie selber auffressen!

Benkal hat seine Mütter ausgestellt. Die große Stadthalle ist gefüllt mit Frauen, die, erschrocken vor noch nie so geschauter Häßlichkeit, beunruhigt durch den Widerstreit der Gefühle, die diese seltsamen Gebilde in ihnen auslösen, und doch irgendwie bezaubert von der unendlich gütigen Wahrheit, die sie sich langsam einzugestehen wagen, viele Stunden zwischen den Bronzestatuen zubringen, sich finden und aneinander lehnen. Die sich für häßlich hielten, verlieren ihre Scham vor den Blicken der vornehmen und schönen Schwestern, in denen sie jetzt aufrecht stehn können wie Heilige. Die glücklich waren, verlieren das Gewaltsame ihrer Haltung, das maßlose Verlangen zu herrschen, die ewige Abwehr. Sie dürfen sich ohne Angst und schlechtes Gewissen und ohne das Zittern vor dem Verfall für schöner halten, als sie gewußt haben ...

Eine Epidemie des Trostes bricht unter den Frauen aus. Sie heben den Kopf und wissen, daß nicht alles umsonst war, daß sie leben werden, daß alle Frauen ein einziges sind, das nicht untergeht. Und nicht nur die jungen Mädchen sehnen sich in Angst und Wonne nach den fremden Eroberern, die an einem schönen Abend in die Stadt einreiten und sie in ein fernes Land entführen sollen, wo das Leben noch einmal beginnt.

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