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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 6
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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VI

In seiner Zelle litt Benkal himmlische Liebe. Vom Durst heilten ihn allmählich die Ärzte. An seiner Liebe konnte keiner tragen helfen, außer der einen, Hahna.

Sie konnte ihn bei Tag vor den Menschen nicht besuchen. So kam sie nachts, wenn die Menschen taub und blind waren vor Schlaf.

Nur ihm erschien Hahna im brennenden Dornbusch des Traums, und sie war kühl und weich wie Weißbrot ... Sie kam zu ihm genau, wie er sie kannte ... so, wie er sie gelehrt hatte, vor Liebe schamlos zu sein. Lächelnd zeigte sie ihre schmalen Brüste, die wie kleine Trauben an ihr hingen, und die traurige Sanftmut des Leibes, der oft geboren hatte ... Die gefügigen Hände hingen, nicht größer als eine weiße Pegonie, die der Wind auseinander faltet, an den braunen Honigwaben der Hüften.

Hahnas Hüften waren stark, sie schienen gar nicht zu ihrem kindlichen Gesicht zu gehören, sie hatten einen viel älteren Ausdruck als der ganze übrige Körper ... Deshalb liebte Benkal sie mehr als die vielen blanken Rundungen, die ernst lächelnd am Körper hinaufstiegen bis zu den Schultern, wo sie sich wie ein Malstrom um den Hals ergossen, mehr als die kichernden Grübchen, die man wie Schlittenglocken sich entfernen und wieder näher kommen hörte, mehr als das zauberische braune Haar, das, über die Schultern und Brust geworfen, die nicht mehr junge Frau in ein Mädchen verwandelte, und selbst mehr als die schattenlosen Goldlackaugen, die so harmlos mit den knabenhaft unruhigen Füßen schäkerten ...

Das allein belustigte ihn und machte ihn verliebt. Das waren die Schnelläufer, die seine fliehende Laune einholten und ihn tanzend und lachend zu ihrer Herrin zurückbrachten.

Sie verstummten vor dem leidenschaftlichen Ernst und uralter Dankbarkeit, verschwanden kopfüber in einem Abgrund mystischer Sehnsucht, wenn sich seine Gedanken in der überschatteten Wiege von Hahnas Hüften ausstreckten ... Hier war Heimat und der unendliche Trost ...

Nein, Hahna, Benkal möchte dich nicht anders, als wie dein Leben dich geschaffen hat. Benkal liebt dein Wachstum von Anfang an. Glaub nicht, daß er dein Geburtenmal, vor dessen Enthüllung du gezittert hast, nur küßt, um dich zu trösten ... Diese königliche Narbe erfüllt ihn mit einer Rührung, die du vielleicht nicht begreifen kannst, weil du eben kein Mann bist. Die Brüste, die du voll und stark haben möchtest, sagen ihm tiefere, zärtlichere Dinge als die vollen und starken Brüste, wie sie die Maler und Bildhauer darzustellen lieben, aus Gründen, die Benkal wohl ahnt, weil auch er nur runde harte Brüste kaufte zur Zeit, als er noch keine wirklichen Frauen, sondern feile Götzen liebte ...

Klage auch nicht, daß du deine Hände in der Küche verdorben habest. Sie bekamen dadurch einen kleinen harten Zug von Lebenskampf und Erfahrung, der deiner ein wenig haltlosen Natur gut steht und den du, wenn du auf Benkal hörtest, nicht immer durch übertriebene Pflege verwischtest ...

So hat Benkal zu Hahna gesprochen, als ihr Nervenzustand sie mit besorgten und aufgeregten Flügelschlägen in seine Arme hatte rumpeln lassen. Sie wäre nie davon zu überzeugen gewesen, daß sie in dieser grauenhaft kleinlichen Stunde, die die eheliche Verschwiegenheit von ihrem fehlerhaften Leibe zog, einem, den sie schier für einen Wüstling und jedenfalls für einen anspruchsvollen Herren hielt, in Wahrheit die Liebe offenbart hatte.

Seine Güte selbst erschien ihr als die Frucht großer Erfahrung, vor allem aber glaubte sie darin die Absicht zu erkennen, ihr häusliches Leben nicht zu stören. Denn Benkal zeigte ihr auch schöne Eigenschaften ihres Gatten, die sie vorher nie an ihm bemerkt hatte, er lehrte sie ihre Kinder besser lieben, sie vernünftiger anleiten, als sie es früher verstanden hatte, wo die Kinder, wie sie meinte, zu oft, tyrannisch, wie ein unüberwindbares Hindernis zwischen ihr und dem Leben einhergelaufen waren.

Obwohl Hahna mit den kurzen Gedanken die Größe von Benkals Hingabe nicht ermessen konnte, wußte sie doch recht gut, daß sie ihm, neben einigen heftigeren Freuden, die so schön abenteuerliche Ruhe, die so pochenden Herzens durchschlichene Sicherheit ihres Lebens verdankte ... Sie atmete in der heißen und klaren Luft, die er mitbrachte und die er daließ, wenn er fortging, und wenn der Vorrat aufgebraucht war, mußte Benkal sich beeilen, die Türe ihres Zimmers zu öffnen, damit Hahna nicht erstickte ...

Arme Hahna, nun lag sie in den Nächten ängstlich an die Wand gedrückt und sah, halb aufgerichtet, ohne sich zu rühren, mit weitgeöffneten Augen, über alles hinweg, auf das große graue Haus, in dem sie Benkal gefangenhielten ... Ihre Augen suchten die Zelle, wo er, mit offnen Augen wie sie, auf einer Holzpritsche lag, und so stark war ihre Sehnsucht, daß ihre Augen manchmal erlöschend die seinen trafen, die groß und stark vor ihr standen und sie anglühten im Dunkel ... Hahna ließ sich leise, ruckweise in das Kissen sinken und schlief ein.

Aber gleich darauf trat sie in Benkals Zelle aus dem brennenden Dornbusch des Traumes, stellte sich neben sein Lager und lächelte auf ihn herab.

 

Um sich tagsüber deutlicher an sie zu erinnern, begann Benkal Hahna auf Papier zu zeichnen. Dabei ging er sehr sorgfältig vor, denn es kam ihm darauf an, auf diesem Wege in den Besitz möglichst vieler Einzelheiten von ihr zu gelangen.

Zuerst war es eher eine Landkarte als eine Bildstudie, die er von Hahna anlegte und auf der er die kleinen Wirklichkeiten, so wie sie aus dem einmal gegebenen Zusammenhang des groben Umrisses in seiner Erinnerung auftauchten, eine nach der andern eintrug.

Bald hatte er so viel einzelne Züge gesammelt, daß er mit erhöhter Freude und wie auf einmal selbständig geworden, anfing, die vielen kunterbunten Notizen in ansehnliche Linien zusammenzudrängen, sie hübsch zu verteilen, so daß sie gute Nachbarschaft hielten, und sie so lang herauszuputzen, bis sie ein deutlich Gesicht bekamen.

Aber merkwürdig, je weiter er in seiner Arbeit fortschritt, um so mehr drängte alles in den Umriß hinein, dem er im Anfang gerade die geringste Beachtung geschenkt hatte. Voller Fröhlichkeit ließ er sich verleiten, mit dem Umriß zu spielen, in der Erkenntnis, daß Hahnas ganzer Reichtum schon in ganz wenigen, dünnen Linien enthalten sein konnte. Er brauchte nur den Rhythmus seiner Verliebtheit hineinzulegen, wie er in ihm wogte und sprang, und nun suchte er sich nicht mehr an Wirklichkeiten zu erinnern, er hielt den Bleistift und ließ ihn wie ein Medium seiner inneren Musik gehorchen ...

Da stellte es sich heraus, daß die Zeichnung aus der Musik aufblitzte wie der Rücken spielender Delphine im Meer, sprunghaft und in solchen Zwischenräumen, daß die Gestalt verlorenging.

Ich kann es halt nicht, sagte sich Benkal. Man muß das gelernt haben, und seine Gedanken kehrten zu Hahna zurück, so wie er sie kannte. Und wieder verlangte es ihn, ihre Gestalt festzuhalten, nein, sie neu zu erschaffen für sich, ihr ganzes Wachstum nachzukneten ... aus der unförmigen Masse bis auf diesen Tag!

Die Wärter verschafften ihm einen großen Klumpen Lehm, den er auf eine Kiste stellte. Er setzte sich mit gespreizten Beinen davor auf den Boden und begann in der nassen Erde nach Hahna zu suchen.

Tage vergingen, Benkal saß an der Erde und wich nicht von seiner Arbeit. In dieser Lage nahm er seine Mahlzeiten ein, er ruhte aus, indem er den Oberkörper gegen die Pritsche zurücklehnte und stundenlang in die werdende Gestalt vor ihm hineinträumte.

Langsam kam sie ihm entgegen, und wenn die Sonne auf den nassen Lehm fiel, schien sie sich schon zu regen, zwar nur leise; in einem schier unmerklichen Zittern, das sie durchlief, aber das Hahna gehörte!

Da waren wie hinter einem dichten Schleier die schmalen Brüste und der sanfte Leib, der oft geboren hatte, und die großen, ernsthaften Hüften. Die blanken Rundungen kletterten an ihr hinauf, kleine Grübchen lachten hellauf, wie die Glocken eines Schlittens, der aus dem Wald fährt ... Bald wird Hahna auch tagsüber bei Benkal sein, und sie wird immer bleiben, auch noch, wenn er sie verloren hat oder wenn sie beide tot sind.

 

Zum erstenmal denkt Benkal an die Zukunft. Er schließt die Augen, um sein Leben zu betrachten, diesen unentdeckten Weltteil, der plötzlich vor ihm aufgestiegen ist. Endlos dehnen sich die Felder im Sonnenschein vor seinen Füßen. Das alles gehört ihm. Benkal streckt segnende Arme aus.

Die Hände ballen sich zur Faust. Dies alles soll fruchtbar werden ...

Er überlegte, was es für ihn noch alles zu lernen gab, bevor die Arbeit recht beginnen konnte.

Erst zu der brauchte er mehr als ein Leben. Ein zweites, drittes, in seinen Werken; er brauchte den Ruhm, nach seinem Tod, als die Verlängerung dieses einen armseligen, schon halb vertanen Lebens, das ihm nicht genügte.

Schnell! Nur keine Zeit mehr verlieren ...

Er ließ einen Rechtsanwalt kommen und setzte ein Gnadengesuch auf. Er hatte Besprechungen mit seinem Bruder. Zu allem war er bereit, wenn man ihn nur aus der Haft entließ.

Da brach der Krieg aus, und Benkal wurde in Freiheit gesetzt.

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