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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 5
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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V

In seiner Zelle litt Benkal höllischen Durst. Die Hitze in dem engen Raum erschien ihm über alle Begriffe unerträglich, er hielt sich bisweilen für eine Luftblase in einem Hochofen, um die flüssiges Metall kochte, sie platzte, und sein Bewußtsein ertrank im glühroten Zischen eines Feuermeers.

Es schlief sich schlecht im brennenden Dornbusch der Träume, und wenn er von einem fernen Ruf erwachte, lag er zitternd am Boden, die Zunge hing ihm aus dem Mund und war gefühllos vor Trockenheit.

Er war aufgewacht, weil er im Traum gebellt hatte.

Unendliches Mitgefühl mit der armen durstigen Kreatur erfüllte ihn ...

Über der im blauen Äther rollenden Erde kreiste die Sonne, das böse wilde Tier. Die Sonne flammte im ungeheuerlichen Durst, unersättlich zwischen den Millionen andern am Himmel, die sie alle ausgesaugt hatte, bis sie selbst in Flammen des Durstes standen und wie der glühende Atem aus ihrem Rachen von ihr herliefen. Nur die Erde war noch frisch, ihr Blut schäumte in Wäldern und rann über in Strömen und Meeren und vielen feuchten Kreaturen. Aber die Sonne war hinter ihnen her, unermüdlich, unersättlich, gejagt vom Feuerbrand ihres gewaltigen Körpers, deren Beben das Uhrwerk des Weltalls war – dieses einzigen großen Durstes.

Sie versuchte, die Meere auszusaugen, aber sie fielen zurück. Und sie stürzte sich mit gesteigerter Inbrunst über sie ...

Sie kämpfte mit dem heroischen Widerstand der Gletscher, den Vorposten der Erdheit, sicher, mit den paar Überlebenden ebenso fertig zu werden, wie sie die tausend andern vor ihnen aufgetrunken hatte ... Sie wühlte in den Morästen der großen Wälder, sie setzte sich fest in den Organen der Menschen und Tiere. Schlimme Brandwunden schlug sie, die Kreatur ging daran zugrunde, und die Erde selbst stöhnte unter den sandigen Malen, die ihr ins Fleisch fraßen und nie heilen konnten.

Und das war die Tragik und aller, aller unfaßliches Schicksal, daß die Erde selbst und alle ihre Geschöpfe dasselbe zehrende Verlangen, das Rote, Heiße, Rasende, den Durst, in sich trugen, daß die Stillung heischende Flamme, vor der man sich zu schützen suchte, aus dem eigenen Innern emporloderte ...

Arme bebende Hunde, die man als Kind mit einem Steinwurf von der Pfütze vertrieb, in die sie ihre blaurote, flatternde Zunge hingen! Arme Pferde, denen die Zunge, schon nicht mehr verlangend, von so schwerer Ermattung war, daß sie den Kopf und den ganzen Körper nach sich zu Boden zog!

Benkal entsann sich eines Pudels, eines kleinen grauen Pudels, der so geschoren war, daß der magere Leib wie in einem Muff stak ... Da war der Marktplatz eines Dorfes, und ein zehnjähriger Knabe hielt den Pudel am Seil. Vor Eifer gerötet, ließ er die Schnur in seiner Hand gleiten, bis die Schnauze des Tieres das Wasser des Brunnens erreicht hatte, dann zog er sie heftig an, und das grausame Menschenjunge schüttelte sich vor Lachen, wenn der Pudel wie toll an der Schnur zerrte, in ohnmächtiger Wut gegen den stärkeren Peiniger ansprang, ihm winselnd die Zunge zeigte, sich zusammennahm, um den Schluck Kühle zu verdienen, und still wartete, daß sein Herr da vor ihm im sengenden Mittagslicht ihm erlaube, die Schnauze in die dunkle Frische zu tauchen. Aber kaum hatte er sich mit allen Zeichen ernstgemeinter Beherrschung auf die Hinterpfoten niedergelassen, da sprang er wimmernd auf und zerrte an der Schnur und sprang in hohen, abgerissenen Sätzen auf den Brunnen zu. Die Sonne loderte in ihm und ließ ihm keine Ruhe.

Die Reue über solche Jugendsünden und spätere Gleichgültigkeit zerstreute Benkal. Er schuf Götter, die an Quellen wohnten, und einen großen Geist im Weltmeer und bat sie mit gerungenen Händen um Vergebung.

Plötzlich sah er, wie das Dienstmädchen zu Hause bei seinem Bruder eine weißbeschlagene Karaffe mit gelbem Wein auf den gedeckten Tisch stellt, und schrie. Streckte die Hände aus, als ob er sie um das gewölbte Glas legte, und zog sie an die Lippen, an die Kehle. Preßte sie an seinen Leib.

Der Wärter brachte ihm Wasser. Gierig setzte er die Flasche an den Mund und trank. Das Wasser war lau und schmeckte nach Fäulnis. Er verlangte Wein. Aber da zwei Glas Wein genügten, um ihn betrunken zu machen und er in der Trunkenheit die schlimmsten Wutanfälle bekam, gab man ihm nur noch Wasser.

Eines Tages zerschlug er die Wasserflasche vor den Augen des Wärters, der ihm den geforderten Wein abschlug. Er warf sich gegen die Tür, die der Wärter schnell hinter sich geschlossen hatte, und schlug sich die Glieder wund bei dem verzweifelten Sturm auf das eisenbeschlagene Holz, das sich unter seinen Schlägen nicht einmal bewegte. Brach in die Knie und flog seitwärts gegen die Wände und auf den Boden. Raffte sich auf und begann von neuem, er schrie an dem vergitterten Fenster empor.

Wasser – was war ihm Wasser! ... Es konnte den Durst nicht löschen, der ihn verwüstete ... Die Kühle verdampfte an seinen Lippen, es bekam einen eklen Geschmack, es war verdorben, vergiftet, besiegt, bevor es noch den Kampf mit dem roten Schirokko hätte aufnehmen können. Der blies in allen Adern seines Körpers, in den großen, wo sein dumpfes Brausen aus- und einfuhr, und in den feinsten, durch die er sich mit nadelspitzen Bohrern drängte ...

Wasser – mußte nicht auch die Erde ihr Blut hergeben, um den Durst des roten Wolfshundes zu stillen, der sie gebieterisch umkreiste? Mußte nicht das Blut der Pflanzen und Tiere, aller Tiere, auch des Menschen, ausdorren seinetwegen? Dampfte es nicht unaufhörlich aus den Eingeweiden der Erde, stand nicht über der Erde eine einzige große Rauchsäule, gebildet aus Millionen kleiner Rauchsäulen, die sich aus jedem Lebendigen erhoben?

Wasser – was sollte Wasser dagegen ausrichten können? Wein wollte er, Wein, der Farbe hatte wie alles Starke, der die Kraft eines muskulösen Ringers besaß, der sich anklammerte und festhielt, ohne daß der Atem ihm ausging, und der sich durch jede Bewegung neue Wucht verlieh zum Anprall und der schwer genug war, um den Gegner unter sich zu begraben, bis die gierige Rothaut schlaff und grau wurde und erlosch.

Wein und Blut! Kennt ihr nicht ihre Zusammenhänge? Wißt ihr nicht, daß Völker in diesem Mysterium geboren sind und sterben? Mittelländer! Ihr seid das kultivierteste Volk Europas, nein, der Welt. Ihr steht auf den obersten Stufen der Jakobsleiter und müßt nächstens hinuntersausen, weil es höher hinauf nicht geht. Vor diesem erhabenen Purzelbaum, ich bitte euch, versteht: Ich verdurste, wenn ihr mir keinen Wein gebt, vielmehr: Ich werde wahnsinnig, ich löse mich in einem Schwarm Roßmücken auf, mir scheint, ich fliege bereits brennend durcheinander. Brrs ... Brrs ... Mittelländer, gebt mir zu saufen. Morgen seid ihr ja doch alle tot ...

In seiner Zelle litt Benkal höllischen Durst.

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