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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 3
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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III

Benkal der Ältere hatte einen kleinen Garten angelegt, und eines Tages brachte er einen krummbeinigen Köter mit, den er zum Schutz gegen Blumendiebe in den Garten hineinsetzte.

Dieser Hund mit Namen Bullbull erweckte das Interesse Benkals, weil er ihn durch sein kleinliches Kläffen im Mittagsschlaf störte, und er beschloß, ihn durch strenge Zucht den Höhen der Zivilisation zuzuführen. Vorerst stieg er zu Bullbull hinunter und herrschte über ihn. Das war neu ... Davon hatten sie sich beide noch nie einen Begriff gemacht ... Bullbull gab zu erkennen, daß seine Neugierde im höchsten Grade gereizt sei, und ging bald von der einfachen Abwehr dazu über, den Tierbändiger in Benkal herauszufordern ... So ruhte er nicht eher, als bis der große Mensch den Kampf um die Knochen mit ihm aufnahm. Im hitzigsten Schlachtenlärm sagten seine Augen: Ich bleib' dabei – platz du! – Benkal mußte ihn überwältigen bis zum Ende. Dem Hund ging es nicht immer gut dabei. Aber erst muß gesagt werden, wie es sich mit den Knochen verhielt.

Die Küche lag zu ebener Erde über dem Garten ... Nach Tisch kauerte Bullbull auf dem schönen Rasen und blinzelte durch das Viereck des Galgens, auf dem an fürchterlichen Samstagen, dem Tag der Erdbeben und Wirbelwinde, die Teppiche geklopft wurden, nach dem offenen Küchenfenster. Plötzlich ein Ruf: »Bull!«, von glitzernden Splittern umstoben, die auf den Rasen niedergingen. Die Knochen waren da. Manna fiel ... Die Zeiten hatten sich erfüllt ... Aber Bullbull rührte sich nicht.

Das war der erste Erfolg von Benkals Dressur.

Früher warf Bullbull sich wie ein Vieh über die Knochen her, wickelte sie in sich ein, als versuchte er, sie mit seinem ganzen Körper zu verschlingen, zitternd vor gemeiner Lust. Benkal hatte ihm Haltung beigebracht. Bullbull sah das Wunderbare in der Sonne leuchten und ließ es erst einmal ruhig liegen. Erst wenn er vor sich selbst den Beweis der Selbstbeherrschung erbracht hatte, erhob sich Bullbull, erhob sich und schritt gemessen zur Mahlzeit.

Er hielt sie proper, umsichtig und nahm sich Zeit dazu.

Sobald die letzten Fleischfasern von den Knochen herunter waren, rückte Bullbull einen Schritt von den Resten ab und bellte: zum Zeichen, daß Benkal nunmehr aufzutreten habe. Ob der nun dazu aufgelegt war oder nicht. Bullbull bestand auf seiner Mitwirkung. Er hörte nicht auf zu bellen, bis Benkal dicht vor den Knochen ihm gegenüberstand, so daß seine Kampfbereitschaft offenbar war.

Benkal lobte ihn: »Famose Bestie!«

Sie begannen ...

Bullbull unterschied nicht im geringsten zwischen einem frischen und einem abgenagten Knochen. Beide umschloß sein Herz mit der gleichen Zärtlichkeit. Seine knirschende Hundewut war dieselbe, ob man ihm einen Fleischbrocken oder nur einen Knochensplitter zu entreißen drohte. Hiergegen galt es einzuschreiten. Ein neuer Wertbegriff mußte ihm beigebracht werden, der mehr der Wirklichkeit entsprach ... Benkal sah sich vor die Aufgabe gestellt, Bullbull vom absoluten auf den relativen, sozusagen konstitutionellen Geschmack zu bringen, und er war sich gleich durchaus klar, daß es sich hier um nichts Geringeres als um eine Revolution handelte. Er mußte mit aller Energie gegen die weit über menschliche Vernunft hinausgehende Anmaßung des Köters einschreiten, ihn, wenn nötig mit der letzten Gewalt, einem senilen, von der Forschung längst entlarvten Vorurteil entreißen, so seine Unternehmung zu einem Ergebnis führen sollte.

Wie alle Weltverbesserer, an deren Name, sehr gegen ihren Willen, Blut haftet, versuchte Benkal es natürlich erst mit den von Gerechten wie von Feiglingen gleich hochgeschätzten Mitteln des gütlichen Zuspruchs. Er legte ihm zwei Knochen hin, einen säuberlich abgeschabten und einen andern, der mit richtigen Fleischfetzen verbrämt war, und überredete nun Bullbull, seine Aufmerksamkeit auf den zweiten zu sammeln. Er langte mit der Hand danach, und wenn Bullbull ihn daraufhin mit aller Wucht anfiel, so gab er nach Ausführung eines kurzen, nur scheinbaren Gegenangriffs deutlich zu erkennen, daß er sein Unrecht einsah und von der Eroberung des fleischbehangenen Stückes Abstand nahm. Er streichelte ihn und sagte: »Ja, Bullbull, du hast recht, wehr dich, da gibt's für dich zu prassen. Friß nur.«

Und Benkal setzte sich zu ihm, nicht ohne seiner Anerkennung weitere ermunternde Worte und handgreifliche Liebkosungen über den Hunderücken folgen zu lassen, aus denen, seiner Meinung nach, die Anerkennung vollkommener Gleichberechtigung und, man könnte sagen, die Betätigung eines immanenten Rechtsgefühls klar hervorging.

Bullbull knurrte und schielte heimtückisch nach dem andern, entblößten Knochen.

Zwar hatte es jedesmal zu Beginn der Unterrichtsstunde in Benkals Absicht gelegen, Bullbull zuerst den fetten Bissen verzehren zu lassen und erst dann ihn von der Reizlosigkeit des benachbarten Knochens zu überzeugen. Der Hund war aber nicht zu bewegen, sich in der gewünschten Weise mit der zugestandenen Beute zu beschäftigen, solang die andere, für ihn augenscheinlich gleich kostbare Hälfte gefährdet schien. Beides gehörte ihm! Er tat keinen Bissen, sondern lag über dem einen und bewachte kampfbereit den andern, mit gesträubten Haaren, schlurrend und knurrend, höllisch geschwollen von einem ›Das Privateigentum ist heilig‹, wofür Benkal ihm unter diesen Umständen seine Anerkennung versagen mußte. So nützte es denn auch nichts, daß er das Verfahren änderte, ihm erst den trockenen Knochen gab und ihn von diesem zu dem einen Meter entfernten, in brauner Soße leuchtenden Leckerbissen hinüberzubringen suchte ... Zu Benkals großer Trauer traf er nicht einmal Anstalten, sich durch einen Biß auf das Knochenbein von der Nichtigkeit seines Besitzes zu überzeugen. Er lag patzig über dem einen und bewachte kampfbereit das andere. Beides gehörte ihm! ...

Da griff Benkal zum Besen. Es war ein Besen, womit man Steinfließen scheuert und Jagd auf Ratten macht. Selbst einem Wolf, einem Schakal, ja einem nicht ganz ausgewachsenen – Leopard hätte er sich wohl getraut, mit einem solchen Besen zu begegnen ... Der Besen selbst bestand aus harten, kurz geschnittenen Borsten, wie man sie für Roßbürsten nicht verwenden könnte, es sei denn, man hätte es auf die Zerfleischung des Gauls abgesehn ... Er war mit vier kräftigen Stiften an einen Holzschaft genagelt, woran Benkal wiederholt an schönen Abenden Klimmzüge ausgeführt hatte.

Von solcher Beschaffenheit war der Besen, den Benkal in der über Erwarten schwierigen Erziehung Bullbulls zum Helfer nahm. Er schlug ihn nicht damit, denn er wollte ihn nicht töten, sondern im Gegenteil ihm ein höheres Lebensideal zugänglich machen. Am Besen sollte Bullbull seine Wut auslassen, mit dem Besen sollte er still gehalten werden und Zeit für die ruhige Abwicklung von Gedankengängen bekommen ... Bullbulls Zorn war größer als Benkals Geduld. Und als der Hund ihm den Besen aus der Hand riß und mit solcher Gewalt gegen ihn ansprang daß sein Herr ihn gerade noch am Hals zu fassen bekam, verlieh Benkal Bullbull, um ihn nicht erschießen zu müssen, die volle Selbstverwaltung und zog sich, zitternd vor Erregung, auf sein Ledersofa zurück ...

Man hätte nun mit Bra sagen können, dies sei kein Spiel, das in Benkals Alter verständlich erscheine. Aber Benkal hatte eben kein Alter. War jung und alt, je nachdem, ob die Sonne schien oder ob es regnete. Konnte keine Fortschritte machen, weil er keine Erfahrungen sammelte ... Er durchforschte die Welt, genau wie er es als Kind in seinem Heimatdorfe gehalten hatte: die Scheune, den Hühnerhof, das Feld dahinter und indem er immer da anfing, wo er gerade stand, wenn der Drang in ihm erwachte. Wer weiß, vielleicht entdeckte er auf diese Weise tiefere Zusammenhänge, als andre gefunden hätten, die überlegsamer vorgegangen wären.

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