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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 27
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XXVII

In der engen Stube verbreitete der abgerissene Strumpf eines Gasglühlichtes zweifelhafte Helligkeit.

Der Polizeioffizier saß hinter dem Schreibtisch, den Oberkörper höflich vorgeneigt. Er versicherte Benkal, der aus den Fäusten der Polizisten in den wackeligen Lehnstuhl gefallen war und die Energie nicht fand, sich aufzuraffen, daß seine Untergebenen in ihrem durch die öffentliche Erregung angestachelten Eifer nur deshalb so heftig draufgegangen seien, weil sie in dem fliehenden Mann einen verbrecherischen Barbaren vermutet hätten. Er bat um Entschuldigung ... Es sei ja auch sehr merkwürdig ... Benkal hätte, als er sich unter der Treppe des großen Museums ertappt sah, nicht erst versuchen sollen zu fliehen ... Auch müsse er bedenken, daß die Gruppe des Meisters vom kleinen ins große Museum transportiert worden sei, um wenigstens dies letzte, dem Staate in unversehrtem Zustand verbliebene Werk vor der Zerstörungswut eines Unbekannten zu schützen. Die Wächter hätten sich geradezu in ihrer persönlichen Ehre verletzt geglaubt ...

Benkal trocknete die nassen Hände. Er sah aus, als ob er verzweifelt die Finger ränge. Er öffnete einige Male den Mund und räusperte sich, aber dann zuckte er mit der Achsel und sank wieder in sich zusammen. Er wartete auf den Älteren, den er hatte benachrichtigen lassen.

Minuten vergingen, Benkal führte die Hand zum Mund, er verlangte zu trinken. Als der Offizier zum Telefon griff, nickte Benkal ihm mit freundlichen Augen zu und zeigte lächelnd auf seine Kehle. Er konnte nicht sprechen und bedauerte, so unhöflich zu sein.

Der Wein löste ihm die Zunge. Unterdessen war auch der Dicke in der Polizeistation eingetroffen. Er saß vor seinem Brüder und hörte zu. Halb schlief er noch ... Wenn er sich anstrengte, nachzudenken, wußte er auch nicht recht, ob das, was er um sich erblickte, Wirklichkeit sei, oder ob der Kleine ihm nur seltsame Dinge erzählte ...

»Brave Leute«, rief Benkal, »brave Leute, die Polizisten! Aber was nützt mir das! Stein ist Stein und Herz ist Herz. Und der Stein ist gemein ... Er atmet nicht, er kennt weder Lust noch Schmerz, er verändert sich nicht in seiner unbeweglichen Fratze, die er einem hinhält, ob man vor ihm tanzt oder ob man sich die Pulsader aufschneidet. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen – an den Kathedralen! –, wie mühelos der Stein Gemeinheiten, alle Ausgeburten der Hölle von sich gibt, sie lächelnd ausschwitzt wie die Tanne das Harz, während bei edlen Werken immer die Anstrengung des Künstlers, der Menschenhand sichtbar bleibt? ... Ungeheuer! ... widerwärtiges.

Und mein Herz wuchs, wie die Wölfin im Mutterleib, und wuchs sich zur reißenden Inbrunst aus, sie zehrte alle meine Säfte auf, um immer stärker, immer gebieterischer zu werden, ich kniete vor dem Stein, kroch auf den Knien um ihn herum, hielt ihn nackt umschlungen, stundenlang. Er erwärmte sich nicht, der Teufel, aber ich, ich wurde eiskalt, mein Blut fror rings um mein dampfendes Herz, das zerrte und zog und fort wollte ...

Christus hat Tote zum Leben erweckt, aber keinen Stein. Davon wußten nur die Griechen zu erzählen ... diese Schwindler und Gauner und Schönfärber ... ich weiß, wie es mit Pygmalion bestellt ist! Ich hab's versucht, ich!

Mehr Feuer hat kein Gott im Leib gehabt! Eine Menschheit von Verlangen! Ich glaubte ... mit der Kraft eines Jahrtausends! Meine Blicke wollten, wollten, und als es hell wurde vor ihnen und es in mir jubelte: Jetzt! – da war es der Teufel, der mich angrinste – so gemein, daß mir schlecht wurde. Ja, der ist überall, wo ein Herz nicht ausgefüllt ist von Liebe. Wo nur ein Plätzchen frei ist, da nistet er sich ein und pumpt mit seinen Nüstern die Welt leer, bis er allein auf dem Pfauenrad seines Steißes thront. So will er es haben.

Aber ich, ich will nicht, daß das Böse über das Gute triumphiert!

Und es wird und wird nicht –

Ich will auf einem Steinhaufen stehn und sagen: Dies ist mein Werk, damit die Schwätzer sehn, was ein Werk wert ist ...«

Er hatte sich in Ekstase geredet und schrie, hoch aufgerichtet in seinem Lehnstuhl, wie Moses auf dem Thron: »Ein Werk, das ist Stein, Holz, Leinwand und Papier! Aber das Herz ist lebendig, es schwillt und zittert und will hinaus! Wir haben vergessen, wir, was das Herz ist, aber die Heiligen, die haben es gewußt ...

Als Cesalpino und zwei andre berühmte Chirurgen die Autopsie des heiligen Philipp von Neri vornahmen, fanden sie, daß die niederen Organe atrophiert waren. Das Herz aber hatte sich derart erweitert, daß es, um Platz zu haben, eine Rippe zurückgedrängt und sich eine Art künstlicher Höhlung erschlossen hatte ... Und die heilige Magdalena de Pazzi! Ihr erschien Christus und zeigte sein Herz. Von diesem Augenblick an mußte sie, um die Feuersbrunst in ihrem Innern zu beschwichtigen, die Kleider öffnen oder sich in endlosen Worten ergehn, die wie Gesänge waren ... Ich kenne diese Gesänge. Der Teufel lacht dazu, daß das Haus bebt. Aber man muß stärker singen, immer stärker! Dann schweigt er ... Warten Sie! ... Die heilige Katharina von Genua glaubte eine Wunde in der Brust zu haben. Sie legte ihre Hand auf das Herz, um es zu heilen. Achtzehn Monate nach ihrem Tode wurde sie ausgegraben. Ihr Körper war unberührt. Die Haut hatte eine gelbe Färbung, aber über dem Herzen war sie noch ganz rot ... Merken Sie etwas, Herr Kommissar?«

Er brach ab und fuhr mit den Händen in seine Taschen. »Meine Briefe«, schrie er, »man hat mir meine Briefe gestohlen«, und blickte bebend von seinem Bruder auf den Offizier. Plötzlich sprang er auf und riß einen kleinen Lederband an sich, der vor dem Offizier auf dem Tische lag. »Danke«, sagte er eifrig, während er sich wieder zurechtsetzte und zu blättern begann.

»Hören Sie, was die heilige Katharina von Siena an ihren Beichtvater schreibt. Dicker, höre zu, ohne diese Briefe wäre ich gestorben. Da!«

Er flüsterte gurgelnd: »›Harret aus, auf daß wir das Blut vergießen sehn mit süßem und liebendem Verlangen. Schon habe ich begonnen, ein Haupt in meine Hände zu empfangen, das mir süßen Trost bereitete.‹

Ja, und nun erzählt sie die Geschichte dieses ›ersten Hauptes‹. Hören Sie zu, Herr Kommissar! Es war das Haupt eines jungen Ritters, Nikola Tuldos, der von den Reformatoren zum Tode verurteilt war.

›Am andern Morgen, vor dem Schall der Glocke begab ich mich zu ihm ... Er sagte: Bleibe bei mir und verlasse mich nicht, so sterbe ich zufrieden; und er stützte sein Haupt auf meine Brust. Da fühlte ich eine tiefe Freude und einen Geruch seines Blutes, und es war nicht ohne einen Geruch des meinen, das ich wünschte zu vergießen für den süßen Bräutigam Jesu. Und wie das Verlangen in mir wuchs und ich die Furcht fühlte, die ihn bewegte, sagte ich: Mut, mein süßer Bruder, denn bald werden wir bei der ewigen Hochzeit sein. Du wirst hinkommen, getaucht im Blute des göttlichen Sohnes, und ich werde dich am Richtplatz erwarten. Aus dem Herzen des jungen Ritters wich jede Furcht, er frohlockte und sagte: Voll Kraft und Freude werde ich hingehn, und es scheinen mir tausend Jahre bis dahin, wenn ich denke, daß Ihr mich dort erwartet ...‹ Hören Sie zu, ich will singen, immer stärker singen! ... Sie erwartete ihn auf dem Richtplatz. Bevor er kam, kniete sie nieder und legte ihren weißen Hals auf den Block. Sie sah keinen von den vielen Menschen, die umherstanden, sie lag nur da und betete im Rauschen ihres Blutes. Ja –

›Und er kam wie ein sanftmütiges Lamm, und als er mich sah, lächelte er. Er kniete nieder, und ich entblößte ihm den Hals und beugte mich zu ihm und erinnerte ihn an das Blut des Lammes. Nichts anders brachten seine Lippen hervor als: Jesus und Katharina; und so empfing ich sein Haupt in meine Hände, und sein Auge schloß sich in der göttlichen Güte mit den Worten: Ich will ... Da sah ich, klar wie das Licht des Tages, den Gottmenschen, dessen geöffnete Seite das Blut aufnahm. Und er nahm das Blut des Gerichteten im Feuer seiner göttlichen Gnade auf ...

Und wie er dahingeschieden war, ruhte meine Seele in so großem Frieden aus und in solchem Dufte des Blutes, daß ich mich nicht entschließen konnte, das Blut wegzuwaschen, das von ihm auf mein Gewand gekommen war ...‹«

Benkal sang: »Ich weiß, meine Herren, was der junge Ritter sagen wollte, als er begann: ›Ich will‹, und sein Haupt in die Hände der Heiligen niedersank. Er hatte es ihr schon vorher versprochen, als sie ihm in der Nacht im Gefängnis ihre Brust schenkte, damit er sein Haupt ausruhe: ›Ich will tausend Jahre auf Euch warten.‹«

Das Buch war auf den Boden geglitten.

»Laßt, o laßt mich nachdenken! ...«

Benkal lag weit zurückgelehnt im Stuhl, die Beine von sich gestreckt, und trank stumm und gierig. Er hielt den Kopf, als ob er einer fernen Musik lauschte.

»Ich will tausend Jahre auf dich warten ... Still o bitte! ... Sie kommt ... Bald tritt sie ... so schön und gut ... aus Blut und Morgenfrische ...«

Das Glas entfiel seiner Hand, der Dicke fing es rasch auf. Benkal sah ihn und den Offizier scharf an, sie wußten, er erkannte sie nicht und war eingeschlafen.

Benkal dem Älteren fiel auf, daß das braune Haar des Kleinen grau geworden war und daß seine Gesichtszüge auch jetzt, im Schlaf, unnatürlich gespannt blieben. Und plötzlich warf er sich über ihn und schüttelte ihn, als ob er glaubte, daß er tot sei. Zog ihn, drückte ihn an seinen Leib und strich ihm das Haar aus der Stirn und stammelte: »Kleiner! Kleiner! Um Gottes willen, was soll ich tun ...«

 

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