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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 25
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XXV

Die Erdarbeiter, die in Benkais Viertel die Straßen aufwühlten, waren mit neuen Tätowierungen geschmückt. Sie trugen sie auf den Armen, auf Schultern und Rücken und zeigten sie, von Straße zu Straße, jedem, der sie sehn wollte. Sie ließen sich anstaunen und betasten. Nur, wenn sie ihre geschmückten Körperteile photographieren ließen, dafür verlangten sie Geld und vertranken es auf das Wohl des ›lieben Verrückten‹.

Diese Tätowierungen waren nicht nur eigenartig, sie hatten auch ihre Geschichte, die durch einen von Benkal abgewiesenen Reporter verbreitet wurde und den Arbeitern zu ihrem Nebenverdienst verhalf.

Die Erdarbeiter waren vor Benkals Haus an der Arbeit gewesen, als der vorbeigehende Meister sich einem Krauskopf genähert, auf dessen entblößte Brust gezeigt und gefragt hatte, von wem die auffallend gute Zeichnung eines auf Palmengrund über einem Herzen ruhenden Ankers gemacht sei. Da er zur Antwort erhielt, daß der Krauskopf sie, vor einem Spiegel, selbst gestochen habe, beglückwünschte er ihn. Plötzlich sich ereifernd, fragte er dann weiter, ob der Mann ihn wohl zum Tätowieren anleiten wolle. Der Arbeiter willigte lachend ein.

Dies hatte zur Folge, daß Benkal sich mit fieberhaftem Eifer auf die Kunst des Tätowierens warf und mit schnell erlernter Fertigkeit nacheinander alle Kollegen seines Lehrmeisters, seinen Diener, Gugu und andre gutwillige Freunde zierte.

Gugu, die einer Freundin nach tausend Schwüren der Verschwiegenheit den wunderbaren, hängenden Gürtel um ihre Hüften gezeigt hatte, wußte sich vor neugierigen Bekannten nicht mehr zu retten.

Um endlich wieder in ihre Kleider zu kommen, ließ sie von einem Zeichner eine genaue Kopie anfertigen, die sie im Empfangszimmer ihrer Wohnung aufhing. Wer, die Visitenkarte eines Bekannten in der Hand, darum bat, konnte zu einer bestimmten Zeit des Tages die Abbildung bewundern.

Der Gürtel bestand aus vierundzwanzig ovalen Feldern, die durch dünne Glieder in Form von Laubgewinden verbunden waren. Jedes Feld stellte mit Hilfe einiger weniger, aber unendlich ausdrucksvoller Striche eine Szene aus einem von Benkal ersonnenen Paradiesischen Leben dar, innige Bilder, von denen jedes im Grund nur aus einer angedeuteten, unerklärlich ergreifenden Bewegung der Körper, vielleicht nur eines Fingers, bestand. Die Spange zeigte ein Medusenhaupt, von dem man nicht wußte, ob es die tiefste Grausamkeit des Hasses oder die höchste Entzückung der Liebe ausdrückte. Die beiden Ansichten schienen beständig zu wechseln oder vielmehr einander zu durchdringen ... Keine Heilige hatte je einen keuscheren Gürtel getragen. Gugu erkannte es wohl, deshalb liebte sie zu versichern, daß es ihr nicht unschicklich erschiene, nur mit diesem Gürtel bekleidet zur Beichte zu gehn.

Das war, wenigstens für die andern, das Meisterwerk der ›blauen Nadel‹, die Benkal für die Kunst erobert hatte.

Anders verhielt es sich mit Bra. Der war von der Brust bis zur Sohle mit den Versuchungen des heiligen Antonius bedeckt, an denen er schwer zu tragen hatte. In der großen Verwirrung war er fromm geworden, aber noch immer vom Geschlecht geplagt. Die Köchinnen des Viertels rissen sich um ihn, den sie noch vor kurzem einen scheinheiligen Wüstling gescholten hatten.

»Ich werde«, sagte Bra trübselig, »das Schicksal des Heiligen bis zum Ende teilen. Die Weiber werden mich zerreißen.« Er verwechselte Orpheus mit Antonius und glaubte, der Meister habe das letzte Bild, die Zerfleischung durch die rasenden Weiber, nur nicht ausgeführt, um ihn nicht zu erschrecken. Aber in seinen Gebeten klagte er Benkal an, daß er ihn in die blaue Livree gesteckt habe, um ihn als Diener Satans kenntlich zu machen, und sprach die Befürchtung aus, daß die Vermummung ihm beim Jüngsten Gericht Ungelegenheiten bereiten werde.

Weil er indessen seinen Meister überaus verehrte, fügte er zu dessen Entschuldigung hinzu, daß er ein Genie sei, und: Das Genie reiße alles mit sich in seinen Sturz, Gott möge ihm und dem Meister gnädig sein.

Die Presse der ganzen Welt berichtete von den Wundern der ›blauen Nadel‹, ohne erkennen zu lassen, ob Benkal bereits als ein Verrückter zu gelten habe oder als ein Mann, der der Kunst ein neues Wirkungsfeld eröffnet habe.

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