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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 24
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XXIV

Mitten auf der Hauptstraße: O dieser Gang! Benkal drängt auf den Rand des Trottoirs und reckt sich schier den Hals aus, um die Frau wiederzufinden, von der er nichts gesehen hat als die Spur von einem knappen federnden Gang, die im selben Augenblick auch schon im Gedränge verweht war.

Zwischen den Wagen und der Menge hastet er vorwärts, springt immer wieder auf das Trottoir, um besser zu sehn.

Nichts.

Er steigt in einen Wagen, nennt seine Adresse und zwingt sich, weder rechts noch links zu blicken.

Seit Tagen quälen ihn hundert unbekannte Frauen, die ihn durch ihren Gang, durch ihre Stimme, durch irgendeine Bewegung, die er plötzlich auffängt, an die Verschwundene erinnern. Er bringt seine Tage und die halben Nächte damit zu, sie zu verfolgen.

Wenn er sich todmüde niederlegt, wehrt er sich mit allen Gedanken und krankhaft beherrschtem, für nichts als den Schlaf bereitem Körper gegen sie, die nun in der Stille der Nacht noch einmal aufgezählt und gemustert werden wollen. Oder, was das schlimmste ist, Ij ist selbst da! ...

Als ihm die Arbeit zu schwer wird, beginnt er zu trinken. Er träumt nur noch wilder. Aber es ist doch leichter zu ertragen, er weiß selbst nicht, warum. So bleibt er dabei ...

 

»Kutscher! Halten!«

Die Brücke ist fast leer, und drüben geht eine schlanke Frau, deren Hüften in einer weichen runden Bewegung laufen. Sie zieht ihn an. Er hat es gespürt, bevor er sie noch erblickt hatte.

Drüben angelangt, muß er haltmachen. Den Daumen am Puls, bleibt er stehn und starrt ihr nach.

Natürlich ist sie es nicht! Aber wer ist sie? Wie sieht sie aus? Wie schön ... Wie schön sie geht! ...

»Ach du – Hure ...«

Gugu ist blutrot geworden und sieht den Meister sprachlos an. Wie er sich abwenden will, packt sie ihn schnell am Ärmel und keift wie ein Marktweib.

»Du unterstehst dich, du! Hure, sagst du, Hure? War die Hure dir nicht gut genug, ein Jahr lang mit ihr zu schlafen? Hast du sie nicht mit Bonbons gefüllt, damit sie beim Modellstehn stillhielt? Hast du ihr nicht Logenplätze für die Komödie gegeben – Hure?« ... Sie äfft ihn nach: »Gugu hin, Gugu her ... Gugu, mein Porzellankätzchen ...«

Benkal nimmt ihre böse, fuchtelnde Hand und legt den Arm um ihre Hüften. Er lächelt den Neugierigen zu, die herbeigelaufen kommen.

»Gugu hat recht«, sagt er. »Und ich glaube, daß ich sie gar nicht erkannt habe.«

Gugu sieht ihn argwöhnisch an, aber sie läßt sich fortführen. Sie könnte auch gar nicht widerstehn, denn sie braucht alle ihre Kräfte, um gegen die Tränen anzukämpfen.

Der Meister legt den Kopf auf ihre Schulter und sagt schwärmerisch: »Du weißt nicht, wie schön du bist, Gugu! Ich habe es selbst nicht gewußt. Komm. Wir wollen heute zusammenbleiben. Ja? O danke! ... Sag, was du dir wünschst! Theater? Vergnügungspark? Automobilfahrt im Mondschein? Nachher soupieren wir in der Hauptstraße. Wir werden so glücklich sein!«

»Glücklich?« fragt Gugu, die immer nur vergnügt ist.

Er nickt ihr mit weiten Augen zu.

»Glücklich! Gugu.«

Und Gugu, die ihn und die noch keinen andern ihrer Künstler so gesehn hat, fragt sich, ob das nicht am Ende die große Liebe sei.

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