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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 23
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XXIII

Vier Tage später wußte, es die Stadt. Ij war verschwunden. Sie kam nicht zurück. Die Zeitungen brachten Abbildungen der Mänade. Sie sagten, Benkal habe sich in seinem Atelier eingeschlossen und sei für niemand zu sprechen.

Aber seine Freunde besuchten ihn häufig. Sie stellten sich vor die weiße Frau und taten, als ob sie in die Betrachtung der unsterblichen Schöpfung versunken seien ... Dabei schielten sie zu Benkal hinüber, der entweder in einer Ecke des großen Sofas zusammengerollt lag oder, die Hände im Rücken, das Kinn gegen die Brust gedrückt, hastigen Schrittes über die Teppiche wanderte. Oft stand er auch auf einem Schemel beim Fenster und starrte über die Dächer, nach der Sonnenburg ... und in den Himmel darüber. Das Gesicht verlor nie den Ausdruck angespannten Nachdenkens. Wenn die Unterhaltung stockte, da bat er, doch zu sprechen, und pflichtete allem, was gesagt wurde, eifrig bei, aber bald beteiligte er sich am Gespräch nur noch mit kurzen Ausrufen, um schließlich in ein hartnäckiges Schweigen zu verfallen. Dann schien er vergessen zu haben, daß er nicht allein war. Die Freunde hörten ihn aufstöhnen und leise mit sich reden. Er eilte zum Schreibtisch, warf Briefe und Papiere durcheinander, begann mit fliegender Hand zu schreiben, Briefe, Telegramme, mit denen er an die Klingel eilte. Dort blieb er stehn, bis Bra kam, und die Papiere zitterten in der gehobenen Hand, die gar nicht darauf warten konnte, sich ihrer zu entledigen. Wenn die Tür sich hinter Bra geschlossen hatte, atmete Benkal auf. Er reckte sich und rief den Freunden lachend zu: »Zählt auf mich! Wir werden sie bald haben. Was?! So eine Frau! Wer hätte das von ihr gedacht!«

Und nun wurde er nicht müde, von Ij zu erzählen. Er war stolz und so voll kindlicher Zärtlichkeit, daß die Männer nach seiner Hand griffen, um sie zu tätscheln wie einem verwöhnten Jungen.

»Daß ich daran noch nie gedacht habe! Ich setze eine Belohnung aus für jeden, der mir auf die Spur hilft. Man verschwindet doch heutzutage nicht einfach so! Die Erde ist doch größtenteils bevölkert! Eine große Belohnung! Ich lasse alles versteigern, was ich habe. Glaubt ihr nicht, daß ich die Sachen, die in den Museen sind, herausbekäme, um sie öffentlich versteigern zu lassen? Aber, du ... du bist doch Direktor des kleinen Museums – dieses wenigstens könnte sich beteiligen, wie?! So? ... Nicht? ... Wozu hat man denn Freunde, wenn sie einem in der Not nicht helfen! Die Detektive taugen nichts, nichts taugen sie, nicht das geringste. Sie wissen, daß Ij eine Fahrkarte nach dem Süden gelöst hat – nicht? – und, bums, ist sie verschollen. Ich bitte euch, eine Frau wie Ij, die mit zwei Zofen reist! Die Detektive sind Esel. Das Volk muß suchen helfen, das ganze Volk! Mein Verlust ist sein Verlust. Ich werde die Reporter empfangen. Und vor allem eine große Belohnung ... Eine Million!! Jawohl, eine runde Million. Eine Million ist für niemand zu verachten ... Aber das kleine Museum muß wenigstens die Gruppe hergeben, hört ihr, es muß!«

Benkal der Ältere, der mit ergriffenen Augen zusah, wartete, bis der Kleine zu Ende war. Dann sagte er kleinlaut und so, als bäte er auch gleich um Entschuldigung: »Und – angenommen, daß man sie findet? ...«

Sie sahen einander in die Augen. Benkal ließ den Kopf sinken. Er nickte: »Sie wollte ja ...« Aber gleich brauste er wieder auf: »Daß sie nicht tot ist, daß sie irgendwo weiterlebt – das begreife ich nicht! ... Daran werde ich mich nie gewöhnen ... Das geht über meine Kraft!«

Er wandte den Kopf nach der weißen tanzenden Frau und sah lange hin.

»Ja, dann ist sie wohl auch so gut wie tot?«

Jemand antwortete: »Sie wird weiterleben in deinem Werk.«

Ein zweiter fügte hinzu: »So wie sie am schönsten war.«

Der Dicke war froh, daß sachverständige Männer mit Namen und Ansehn ihm beisprangen, und er wiederholte, als schlösse er ein Gutachten: »Sie wird weiterleben in deinem Werk.«

Benkal, der noch immer nach der tanzenden weißen Frau hinübersah, meckerte höhnisch: »Glaubst du, Dicker?«

Er lag in einer Ecke des großen schwarzen Sofas zusammengerollt und erzählte sich eine Geschichte ...

Ein Künstler ... ein Meister des Vieux Sèvres ... liebte die Frauen ebenso sehr wie die Kunst.

Er hätte nicht sagen können, wem er, im größten wie im geringsten, den Vorzug gab ...

Schon in seiner Jugend pflegte er von seinen Geliebten vollendete Porzellanmodelle herzustellen ... und zwar benutzte er dazu die erste Zeit seiner Ver- Verliebtheit ...

Beim vierten oder fünften Zusammensein war die Arbeit vollendet.

Er ließ für die Puppe eine Miniaturkopie des Kleides fertigen, worin die Freundin am schönsten war.

Dann stellte er sein Werk in ein Zimmer, das er nie betrat, und vergaß es ...

Er liebte die Frau, solange er konnte.

Aber wenn er merkte, daß ihr Zauber hinter den Tagen zurückblieb und in seiner Erinnerung mehr als in ihrer Gegenwart lebte, da holte er die Puppe hervor und stellte sie in sein Atelier.

Er sah dem Kampf zwischen dem Bild der Geliebten und ihrer armen Fleischlichkeit zu, bis die Lebende in ihm gestorben war.

Aus der Melancholie des Nimmermehr stieg strahlend der Fetisch eines kurzen Glücks ...

Trotzdem schien es ihm beständig, weil über allen sterblichen Abenteuern der schimmernde Chor seiner Puppen nie an Glanz verlor ...

Er wurde älter.

Es kam der Tag, wo zum letztenmal eine Frau ihrem vollendeten Abbild besiegt den Rücken kehrte.

Als er nun darauf angewiesen war, ein Drittel seines Lebens mit Puppen zu verbringen, verfiel er einem heimlichen Laster, von dem er sich gewaltsam erlöste.

Zuerst hatte er stille, heitre Nächte mit der einen oder andern seiner ewigen Geliebten verbracht.

Er schloß sich mit ihr ein, entzündete alle Lichter und setzte sich in eine Ecke des Zimmers.

Auf dem runden Tisch in der Mitte, der erhöht war, stand die Puppe; er sah sie in allen Spiegeln ...

Manchmal durchschritt er die ganze lange Zimmerflucht, wo die Puppen auf Tischen und Kaminen und immer vor Spiegeln umherstanden.

Ein Rauschen begleitete ihn, worin der gedämpfte, in Stille verwehende Lärm aller Liebesstunden war und Lachen, das wie das Flattern einer Fahne klang, und Worte, die wie ein Duft aufstiegen und schmelzend alle Gegenstände durchdrangen.

Er streifte Umarmungen, spürte die liebkosenden Hände, und trunken von Glück, fast strauchelnd, nahm er die Parade seiner Geliebten ab.

Aber dann starben auch die Puppen eine nach der andern.

Er half sich, indem er sie entkleidete und ihren Körper streichelte.

Sie entschwanden ihm um so schneller.

Alle glichen einander; sie verschwanden in einer weißen teigigen Masse.

Er mußte sie wieder anziehn, um sie zu erkennen, nur die Kleider erinnerten ihn noch ...

Schließlich baute er kleine Spiegelsäle, die er mit einem Heer von Leuchtern umgab. In diese strahlenden Sarkophage stellte er das Abbild der Frau, die er zurückrufen wollte, und unternahm mit Hilfe von Stimulantien die gequälten Himmelfahrten, die ihn immer mehr entrückten ...

Weiter ...?

Sein Diener fand ihn tot, zerknittert und wie einen Harlekin über den Sessel zurückgelehnt, vor dem kleinen Spiegelsaal, worin eine Puppe zwischen den zuckenden Schatten der letzten Kerzen lächelte ...

Ja.

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