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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 22
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XXII

Mein Freund!

Gestern habe ich dich wie eine Braut durch meine Zimmer geführt. Ich habe mit dir alle meine Vasen, die Reliefs und die Statuen, die kleinen Figuren in den Ecken und auf den Schränken, nicht wahr, ich habe alle diese Erinnerungen – Bilder, Gemmen, Ringe, Teppiche und Intarsien –, als würden sie jetzt erst mein, nein, als wären sie ein Geschenk von dir, bewundert. Ich war noch einmal berauscht von dem Leben, das um uns drängte und mit immer neuen, mit umfassenden Bewegungen auf uns zukam: aus beschatteten Winkeln ... so kühl im perlmutternen Licht dieses Sommernachmittags ... plötzlich wild befreit, schallend und hinreißend.

Es war, da ich in einem Zustand hellsichtiger Entzückung neben dir ging, mein letzter Tanz. Als wir im Vestibül vor der Mänade stehnblieben, wußte ich's. Oh, sie ist wundervoll! Leicht zurückgelehnt, den starken Körper ins Gewand geschmiegt, das wie die sichtbare Liebkosung einer Luft aus Blumen und Sonne, wie die Umarmung einer unfaßbaren Welle ist, macht sie jenen göttlichen, den ersten Schritt, mit dem der Mensch sich aus einer Atmosphäre von Trägheit und unfruchtbarer Trauer zu einem körperhaften Lächeln befreit. Wahrscheinlich ist dieser erste Schritt der schönste Augenblick aller Tanzlust. Es gibt Menschen, die immer so gehn, als ob sie eben anfingen zu tanzen ...

Aber, Benkal, ich kann nicht mehr! ... und ich weiß, du wirst mich verstehn. Mit welkendem, überlebtem Leib tanzen, mit fröstelnden Erinnerungen, abgewandten Augen, mit Gliedern, die nicht mehr im Tanze fliegen, die man zwingt ... das ist wider die Natur und eine Hoffart ohnegleichen. Komödiantinnen dürfen ihre Mumie schmücken und mit gegipster Stirn dem Verfall trotzen, alle dürfen mit ihrem Körper lügen, nur nicht die Tänzerin. Denn sie ist nackt, wenn sie tanzt. Sie ist von den Menschen den natürlichen Dingen am meisten verwandt, den Pflanzen, der Erde, der Luft, dem Wasser. Sie soll brennen, wie ein Feuer brennt, und demütig sein wie eine Blume, die sich niederlegt, nachdem sie geblüht hat. Die Bäume stehn still mit dem Wind ... Ist es nicht recht, wenn ich so spreche?

Ich weiß eine japanische Legende, die Geschichte von Amaterasu und Ouzoume – höre! Amaterasu hatte sich in einer Höhle versteckt und davor einen Felsen gewälzt. Es wurde finstere Nacht auf Erden und im Himmel. Sie grollte den Göttern. Deshalb nahm sie das Licht von ihnen. Sie konnte das, denn sie war die Sonne selbst. Die schlanke Ouzoume, die schönste und jüngste der Himmlischen, liebte sie. Die Traurigkeit liebt so das Glück, die Sehnsucht die Liebe. Die Götter rückten schließlich, weil es noch immer nicht hell wurde, vor die Höhle, worin Amaterasu sich versteckt hielt. Sie stellten eine große Trommel auf. Sie holten Stroh herbei. Und dann waren sie von einem brennenden Wall umgeben. Ouzoume trat auf das starke Fell und begann im Kreise des Strohfeuers zu tanzen. Dazu schlugen die Götter den Takt mit harten Hölzern, und sie lachten, daß die Himmel erbebten, während auf dem Fell der Trommel die Sehnsucht tanzte: erst still und versonnen, ein wenig scheu in ihrer großen Liebe. Bald tanzte sie schneller, ihre kleinen Füße berührten kaum noch die Trommel, sie tanzte im Lärm der Götter mit fliegenden Haaren und feuchten Augen, im Drang, ihre eigene Schönheit zu befreien und strahlend hinzusinken zu dem Strahlenden. Oh, sie tanzte wie rasend und ließ ein Gewand nach dem andern fallen. Wie Asche lag die Seide um ihre Füße, und ihre Seele befreite sich, ihre Seele glühte im nackten Leib, der rote Schein des Feuers, der den Körper überrann, war ihr reiner Atem ... Ich sterbe, wenn du nicht hervorkommst, Amaterasu, meine Schönheit verstrahlt, der Tanz verzehrt sie so, du mußt mich mit deinem Leben nähren ... Wenn du nicht hervorkommst, will ich nie mehr glühen, ich will frieren und immer fliehen, ich will sterben.

Einen Blick wechselte Ouzoume mit der eroberten Sonne, da sie aus dem Felsen hervortrat, und in diesem Blick war ihr alles geschenkt ... Amaterasu stand dicht vor ihr, sie lächelten beide ganz gleich. Dann brach die kleine Tänzerin tot auf der Trommel zusammen.

Nun, mein Freund, auch ich habe diesen tödlichen Augenblick der Erfüllung gekannt. Ich habe ihn, feige wie eine Geliebte von mehr als dreißig Jahren, vorübergehen lassen. Damals in der Grenzfestung habe ich so vor dir getanzt. Ja, nur vor dir. Ich wußte nicht, wo du in dem flimmernden, überfüllten Theater saßest; und ich suchte dich auch nicht. Überall konntest du sein, im Parterre, in den Rängen, rechts und links, und darum tanzte ich rauschend zu dir hin, der du überall warst, ich warf mich bis in die letzten Reihen der dunklen Ränge, ich rührte den Purpurschatten der Logen auf. Und wirklich, ich fühlte dich näher kommen, immer näher, und plötzlich glaubte ich, daß du in meiner Garderobe auf mich wartetest. Du wartetest ja auch. Ich sagte dir, daß ich dich nie so geliebt hatte, wie an diesem Abend, an diesem letzten Abend – nicht wahr, Benkal, wir waren unerhört glücklich damals? Nicht wahr, auch du hattest mich nie so lieb gehabt? Dann reistest du.

Du kamst zurück ... Aber du hieltest mich nicht mehr an dich gedrückt, warfst mich nicht mehr aus dem noch bebenden Automobil auf die Bühne und nahmst und trugst mich wie eine Beute zurück. Du hattest andre Frauen neben mir, und wer weiß, wenn ich nicht – mit wieviel Mühe! – schön geblieben wäre ... Aber gestern! Ich war stark, glücklich. Alle Tänze in diesen Zimmern haben in den vier Jahren wie eine aufgepeitschte Musik geklungen. Sie lärmte in meine Träume hinein. Sie rief: Schön mußt du sein, stark, leicht ... Schön mußt du sein! Es ging noch ... Dann kam plötzlich die Stille: Aber nicht wie ein Erlöser – wie ein Mörder. Wer nicht zu seiner Stunde stirbt, wird gemordet. Eben war mir, als ob ich dich das sagen hörte in der Ferne ... Ich schäme mich, wenn ich mich im Spiegel sehe. Ich könnte deinen Blick nicht mehr aushalten. Benkal, wenn ich mich mit dir unterhielt, war Tanz in mir, wenn ich an dich dachte, rührten sich, wie in einem Muttergefühl, in mir Unbewegten meine Tänze. Alle Menschen schenkten dich mir im Vorübergehn, mit dem Versprechen eines Tanzes, der Erinnerung an einen Tanz. Tanz war für mich die Welt. Ich war so reich wie die Welt, etwas schmiegsam und in bewegten Formen Spiegelndes war ich, ich war mitten drin in der Welt, in der vielfarbigen, vielstimmigen Blüte ... Erinnerst du dich an die unfertigen Riesen des Italieners in jener dummen Muschelgrotte? Ihre Formen sind kaum andeutungsweise aus den mächtigen Felsstücken gelöst. Aber wie wunderbar sind die schweren, langsamen Bewegungen, mit denen sich die Gestalten der elementaren Fessel entwinden! Ein Schlüpfen, ein Drängen aller Muskeln, der Glieder, ein Hinübergleiten in leichte Atmosphären, der belastete Tanzschritt eines Riesen, der ... ja! und ich höre es dich noch rufen ... im nächsten Augenblick zwischen den Gestirnen tanzen wird! Der sich in einer riesenhaft heiteren, von den Lichtkatarakten des Himmels überstürzten Majestät offenbaren wird, lebendig bewegt in der unabsehbaren Bewegtheit der Welt. Denn auch die Schönheit der Welt ist der Tanz, der Anfang und das Ende, das beginnt. Ein ewiger Rhythmus, den wir Menschen zu einem geringen Teil verkörpern und den ich in leisen, von fernher gespülten Wellen – aber von welcher Farbenpracht, von welcher Süße! – überall im Leben gespürt und wiederholt habe.

Du siehst, mein Freund, dieser Brief ist ein Testament. Ich bin eingefroren. Alle Gebärden und die schönen Begeisterungen, die meine Wohnung füllen, sind erstarrt. Die Tänzer stehn wie Grabfiguren. Heute früh habe ich die Statue, die du von mir gemacht hast und die, solange ich mich stark fühlte, mein Gewissen war, in dein Atelier bringen lassen. Vielleicht wirst du sie dem Staat schenken, damit sie, eine blasse Gestalt am Ufer eines gefrorenen Wassers, im grauen Licht eines Museums steht. Sie war in Stroh und Bretter gepackt. Früher hatte ich sie mit vielfarbenen Blumen bekränzt, ich hätte gewollt, daß diese letzte Fahrt ein Triumph und lauter Freude sei. Aber nun ist sie seelenlos. Ich bin von ihr getreten. Wodurch sie weiterlebt, das ist von dir, ist dein Geist, dein Blut.

Ich bin ein Schatten in einem dunkelnden Wald, mein Spiegelbild in einem Strudel, die Fußspur in einer Vorortsgasse, die der Regen verwischt.

Die Seele meldet sich ...

Was wird in zwanzig Jahren von mir übrig sein? Ein paar Skandale, zweifelhafte Anekdoten, eine Rührgeschichte. Hundert alte Leute werden sich, ganz unbestimmt, meines Lächelns erinnern. Du, wenn die Müdigkeit kommt, wirst eine Macht über das Leben haben: den Ruhm. Du wirst mit deinen Bildwerken immer gegenwärtig sein, mehr, viel mehr, als du es dann sein wirst. Das ist die Macht des Wortes, du würdest sagen: des Steines ... Der reine Geist alles Blühenden verfliegt mit einem Sonnenstrahl. Es ist schön, darauf zu horchen, ganz still zu lauschen, wie der Rausch eines Tanzes hinter den Hecken, in rauschenden Kornfeldern erstirbt, zu fühlen, wie der duftende Rauch einer Blüte in der blauen Luft zergeht. Ich will still sein, weil sich die blaue Milde dieses Sternenhimmels auf meine vom Rampenlicht verbrannten Augen legt. Meine Glieder sind glücklich zu ruhn, und wenn ich einschlafe, sehe ich den flimmernden, überfüllten Saal des Theaters in der Grenzfestung, und mein überschwengliches Glück regt sich, ganz dicht, wie ein innerlicher Tanz, an deinem Herzen.

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