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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 20
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XX

Das große Heer im Osten flüchtete, geschlagen, in unzusammenhängende Teile zersprengt, nach der Königstadt.

Vor sich her schickte der König die Reiter seiner Garde, damit sie die Bürger hinderten, Versammlungen abzuhalten, und die Gemeinschaften der ›Unschuldigen‹ auflösten.

Häuser und Kirchen wurden gestürmt, Frauen in den Straßen niedergemacht. Die Priester, von denen sie sich nicht bei trockenem Brot und der alten Sitte hatten halten lassen, halfen ihnen sterben, indem sie die in Blut erstickenden Wesen, die sich, von der fürchterlichen Angst geschüttelt, an sie anklammerten, mit viel Geduld ermahnten, die letzte Gelegenheit zu benützen und ihr Elend zu bereuen. In Erfüllung ihrer Standespflicht setzten sie sich sogar den Kugeln und Säbeln der Soldaten aus.

Die Tür von Benkals Atelier wurde aufgerissen, die Tragwände davor fielen um. Hahna stand vor ihm, Blut im Gesicht und in den Haaren. Die Kleider hingen in Fetzen an ihr herab. Sie hielt die Hände auf den Leib gedrückt und krümmte sich: »Benkal!« klagte sie, »Benkal! ...«

Plötzlich fuhr sie zusammen, als ob sie jemand hinter sich kommen hörte, die Angst bog sie aufrecht, und zur offenen Tür gewandt schrie sie: »Sie schlachten, uns! Es gibt kaum noch ein Haus, woran nicht Blut klebt! Erst haben sie uns von der Straße gejagt, jetzt suchen sie uns in den Häusern. Ihr Schweine! Ihr Schweine! ...«

Benkal hatte einen Flammenschuß ins Blut erhalten. Er zitterte und sah mit verzerrtem Gesicht von Hahna nach Ij. War jetzt der Augenblick gekommen, die Hände zu spreizen ... und sich auf Menschen zu werfen ... zu würgen und gewürgt zu werden, bis man sich mit einem Tritt befreite und weitersprang, oder bis einem selbst rot und schwarz vor den Augen wurde ... und man erlosch ... Begann die Wirklichkeit? Hatte er ausgeträumt, von Frauen und Werken, der Mänade und den andern Puppen? Es brannte ... im Ernst! ...

»Nehmt alle Männer, die ihr findet«, sagte er leise, »geht in die Sonnenburg und schließt die Tore. Ich komme mit andern nach. Lauf, Hahna!«

Hahna machte einen Schritt nach der Tür und sank um. Benkal sprang zu ihr. »Bleib hier – Hahna, mein Schatz«, sagte er. »Du kannst nicht mehr.« Er richtete sie sorgsam auf, als sie aber stand, murmelte sie einigemal »Sonnenburg«, und sie stieß sich von ihm ab und lief aus der Tür.

Da warf sich Ij zu Benkals Füßen. Sie zog den Schleier fester um ihren Leib und flehte, mit der einen Hand das Tuch haltend, die andere zu ihm erhoben: »Bleibe bei mir. Geh nicht in dieses Blut hinaus. Warte noch ein wenig ... Laß mich dich noch ein bißchen behalten ... Nur heute noch ...«

Aber dann sah sie seine Augen, die weit fort waren, und gleich ließ sie die Hand sinken und sagte ergeben: »Ich will hier auf dich warten ...«

»Die Stunde ist da«, rief Benkal seinem Bruder zu. »Los! Auf die Straße.«

Der Bruder antwortete: »Ich muß bei Wan bleiben.«

»Gut, ich gehe allein.«

Der Dicke erbleichte, er wollte sprechen, aber Benkal hatte schon die Tür hinter sich zugeschlagen.

Er wußte, daß überall Waffen bereit lagen, er kannte auch einige Führer ...

Aber er kam zu spät.

Es begann mit einer Reiberei zwischen Arbeiterführern und Offizieren, und mit einemmal traten die geheimen Verschwörungen an den Tag.

Die Reiter, die von den glänzendsten Kriegern der Kaste geführt wurden, stürzten sich darauf wie auf ein lange gesuchtes Wild ... Über den Köpfen der Menge sah man ihre schmächtigen Körper in der Sonne beben, und es war, als ob es die Erschütterung ihres blanken, in harten Gelenken arbeitenden Willens sei, der die andern vor ihnen niederwarf.

Unterdessen hatte Hahna eine Schar ›Unschuldige‹ nach der Sonnenburg geführt.

An den Toren waren Wachen aufgestellt. Sie ließen die Frauen unter scherzhaften Zurufen eintreten. Dann schlossen sie die Tore und machten Jagd auf sie. Den Säbel in den Zähnen, klatschten sie in die Hände und trieben sie wie die Hühner vor sich her, durch Gärten und Haine, von einer Terrasse zur andern.

Die meisten erlagen, aber Hahna und einige andere gelangten auf die Höhe.

Sie hielten sich für gerettet.

Mit ihrer letzten Kraft erklommen sie die Treppe und sanken auf dem weißen Gipfel, diesem unbefleckten Spiegel des mittelländischen Himmels nieder.

Dort ließen die Soldaten sie nackt in ihrem Blute zurück.

Als Benkal zur Sonnenburg kam, fand er die Tore verschlossen. Er klopfte an ein Fenster des Wärterhauses. Zwischen Tabaksqualm tauchte eine verknüllte Soldatenmütze auf. Benkal hob sich auf die Fußspitzen und gab sich ein herrisches Aussehn, um in Geschrei und Gläserklirren hinein zu fragen, ob nicht Frauen ... Ein wieherndes Gelächter unterbrach ihn.

»Ausverkauft!« brüllte eine Stimme, und das Fenster wurde zugeschlagen.

»Kommen Sie, Meister«, sagte eine Stimme hinter ihm.

Es war Bra, den sein Herr hinter Benkal hergeschickt hatte. Er nahm Benkais Arm: »Schnell. Sie rücken aus der Vorstadt an. Wir wollen mit.«

Sie fanden den Haufen und schlossen sich ihm an. Jemand reichte Benkal ein Gewehr mit einem Bajonett. Sein Nebenmann, ein siebzehnjähriger Knabe, rief ihm triumphierend zu: »Wir haben Kanonen ...«

Am Abend waren die Aufständischen, deren Reihen immerzu von flüchtigen Soldaten verstärkt wurden, die Herren der Königstadt. Das Schloß und das Hof viertel standen in Flammen, es brannte im Stadtteil, wo die reichen Bürger wohnten. Die Sieger lagen in den Weinkellern und ihre Führer, ein, Stockwerk höher, in seidenen Betten.

Zur Feier ließen sie die Nacht hindurch alle Kirchenglocken läuten. Die sich bis dahin verborgen gehalten hatten, schlichen vorsichtig heran, mischten sich unters Volk, und plötzlich hielten sie Reden ...

Es dämmerte schon, als Ij Benkal wiedersah. Sie rief ihn, aber er ging nicht zu ihr, sondern schloß sich in das Ankleidezimmer ein. Sie hörte, daß er sich wusch und umzog. Das Rücken der Stühle, das Knacken der Schränke, das Platschen des Wassers erfüllte sie mit Grausen ...

Als er wieder in das Atelier trat, sah sie, daß er wankte. Und er zögerte, zu ihr zu kommen. Sie wartete still mit geöffneten Armen, die zitterten.

»Die Arbeit ist fertig«, sagte er. »Ich will schlafen.«

Und er schluchzte, wild, fassungslos.

 

Sie eilten durch die Menge einem entfernten Stadtviertel zu, wo sie den Wagen hingeschickt hatten. Benkal wagte nicht, im Automobil durch die Straßen zu fahren.

Die Menge war in Kirmeslaune: roh und übermütig und ein wenig böse in der Ungewißheit, was der Morgen brächte. Vielleicht sagte ihr der Instinkt, daß sie wieder wie immer und mit Naturnotwendigkeit um die vollen Früchte ihrer Anstrengung betrogen würde ...

Der Wagen fuhr durch die, halbabgebrannten und fast leeren Vorstädte. Alte Weiber streckten die Hälse aus dem Fenster und schimpften hinter ihnen her ... Benkal atmete auf, als der Wagen endlich zur vollen Fahrt ansetzte.

Schrecken lähmte ihn, als sie plötzlich im freien Feld vom Licht großer Scheinwerfer ergriffen wurden und ein Trupp Soldaten ihnen den Weg versperrte.

Aber der Führer erkannte Ij, und es war ergreifend zu sehn, wie seine drohenden Augen plötzlich sanft und ergeben wurden. Er beugte sich tief im Sattel, um Ij die Hand zu küssen.

»Wohin gehen Sie?« fragte Ij.

»Wir schließen die Stadt ein.«

Er bemerkte den prüfenden Blick, den Benkal auf die Soldaten warf, und fuhr lächelnd fort: »Oh, sie gehn gern mit – bis an die Stadt.«

Ij fragte nach der Königin.

Der Krieger sah ihr in die Augen und antwortete nach einer Weile: »Krank.«

Sie fragte nach Ton.

»Auch krank.«

»Und was machen Sie?«

»Wir warten, daß wir umgebracht werden!«

»Und der König?«

»Ebenso, aber mit mehr Ungeduld.«

Er richtete sich auf und winkte: »Wiedersehn ...«

Ij drückte sich an Benkal: »Ich glaube, es ist das Ende der Welt.«

»Im Gegenteil, Ij, so sieht ein Anfang aus ...«

Sie schüttelte den Kopf: »Mir kommt es vor, als ob wir beiden die einzigen Überlebenden wären. Sag selbst: Das da waren doch Gespenster?«

Er zog sie an sich, bettete ihren Kopf an seine Brust und hob das Gesicht in den Wind. Der Wagen flog mit der Landstraße den Sternen zu ...

Benkal hielt Umschau ... Diesmal hatte er seinem Bruder geholfen. Seinesgleichen kam jetzt ans Ruder ...

Die Armen – nun, die besten Schüler wurden versetzt, die andern blieben sitzen. Schneller ging es offenbar nicht in der Weltgeschichte ...

Der Wagen flog, und sie schrien immer noch, die Stimmen der Empörten, und rissen mit den Füßen am Gerüst, an dem sie hochkletterten! Sie spannten sich noch immer, die stählernen Bogen der Energie ... Die Luft war voll von der sausenden Musik, die die Sehnen machten, dem tieferen Hämmern und Rattern ... In all dem Lärm wurden noch immer schweigsam die schweren Lasten gehoben ... Es war alles wie immer, der Kampf ging weiter, von der Tiefe der Erde bis in die Lüfte ... Aber es war eine kleine Pause eingetreten ...

Die Stimmen ruhten aus.

Wie gut, daß sie auch heute gefahren waren ... Aus all dem Schrecklichen und dem Geläute der Glocken heraus, mit dem Entfesselte ihr schlechtes Gewissen zudeckten ...

Jetzt konnte er schlafen, ohne fürchten zu müssen, daß er aus quälenden Träumen aufschreckte, schlafen, von einer Gewalt hingerissen, die stärker war als seine eigene kleine Tierheit ...

 

Benkal kniete vor Ij, die heftig atmend auf dem Ruhebett ihrer Garderobe lag. Hielt sie umschlungen. Bedeckte ihr feuchtes Gesicht mit Küssen.

»Ij, meine Menschenfackel, wie hast du heute getanzt! Alle Plastiksäle der Welt kamen in Bewegung, du hobst dich auf der Glatze meiner gewaltigsten Kollegen aus alter und neuer Zeit. Manchmal war dein Leib im durchsichtigen Himmel eines Schleiers wie ein Sternbild, ich meine ein ewiges Stück runden Steins, das durch den Raum wandelt. Dann wie ein Waldbrand ... im Wind! Ein ganzes Ballett von Feuerjungfern. Ij, du hast getanzt!«

»Und wenn ich ersticke«, sagte Ij, »ich werde dich nicht bitten, mich loszulassen.«

Er hob sie auf, stellte sie vor sich. Zog sie aus. Er trug sie ins Bad, wo er sich gravitätisch mit ihrem Puls zu schaffen machte, und nahm sie aus dem Wasser. Trocknete sie ab. Er zog sie wieder an. Litt nicht, daß man ihm half, obwohl er sich sehr plagen mußte. Als er sie an seinem Arm durch die Reihen Neugieriger zum Wagen führte, fiel ihm ein, daß er Ij heiraten könnte.

Sie aßen allein in ihren Zimmern und fuhren nicht nach der Königstadt zurück ...

Am andern Tag traten sie eine Reise durch die europäischen Städte an, und als sie endlich beschlossen hatten, nach Hause zurückzukehren, bestieg Benkal ein Schiff, das nach Indien fuhr.

»Ich brauche eine gewaltige Erholung«, erklärte er, »denn ich spüre nicht die geringste Lust zum Arbeiten. Ich muß Feuer schlucken. Die tropischen Wälder ... die großen Ströme ... Ich schenke dir die Mänade! Laß mein Atelier schließen und nimm die Schlüssel an dich! Ij, sag, wirst du auf mich warten? ... Grüße den Dicken!«

 

Bei Benkals Rückkehr ergriffen die Mittelländer die Gelegenheit, endlich wieder ein Fest zu feiern. Es war, als ob eine alte mittelländische Legendenfigur heimkehrte, die sie im, Drang der neuen Dinge ein wenig vergessen hatten. Jetzt aber erinnerten sie sich. Benkal hatte lange, dumpfe Jahre Geknechteten, die er in ihren Höhlen aufsuchte, den Aufstand gegen ihre Herren gepredigt, und dabei wurde die Geschichte von einem Hahn erzählt, der lange vor der endgültigen Befreiung die Stadt mit seinen aufreizenden Freiheitsrufen beunruhigt habe und der sich in den Erzählungen glaubensdurstiger Hauptstädter rasch zum Symbol auswuchs: Jedermann wollte sich erinnern, ihn damals gehört zu haben. Benkal war es auch, der die Frauen auf die Straße geführt und damit das Zeichen zur allgemeinen Erhebung gegeben hatte. Er war dabeigewesen beim entscheidenden Straßenkampf, und nun, da das Leben still und heiter dahinfloß, wollten alle in seinen Werken, die wild und in ewigen Formen aus dem blutgetränkten Boden geschossen waren, die Erregungen und verzweifelten Anstrengungen besinnungslos durchlebter Tage wiederfinden.

Sie läuteten die Glocken, feuerten die Geschütze ab, die ihnen die. Kremmen gelassen hatten, und hielten Reden, wie sie früher, unter den Königen, nicht zu hören gewesen waren.

Bra, der als Abgeordneter einer Bürgervereinigung Benkal in einer schönen Ansprache ›einen Befreier des Volkes durch die Frauen‹ nannte, bat im Einverständnis mit dem gerührten Dicken, daß der Meister ihn in seine Dienste nehme.

Ij kam ihm in all ihrer herausfordernden Schönheit entgegen, und sie erblaßte wieder, plötzlich im tiefsten aufgewühlt, wenn er sie berührte ...

Die Erde fragt nicht, wer sät und erntet, sich in sie hineinbohrt und wieder in den Himmel erhebt mit der ihr entrissenen Kraft. Es ist nicht ihre Sache, sie hat anderes, Langwierigeres zu tun. Gewiß, sie hat die Menschen hervorgebracht, allerhand Rassen; Völker sind gewandert, sind mit andern verschmolzen, gestorben und neu geboren. Bald müssen wir uns trennen, um zu gedeihen, und das ist der große Anblick der Weltrennen, in denen Rassen und Völker, von ihren Schrittmachern geführt, die breiten Wege der Erde dahinfliegen, elektrische Ströme von Energie, die sich aneinander entzünden, so daß wir oft in knisternden Flammensäulen zu wandeln scheinen – bald uns zusammenschließen, um Kraft und Ehrgeiz zu häufen und stärker zu sein ... Das haben wir untereinander abzumachen. Der Erde juckt nicht einmal das Fell von uns. Sie ist geduldig wie eine Riesenschlange, die verdaut. Sie verdaut immer, Gott mag wissen, woran ...

Die Früchte glänzten unter dem weiten Himmel des Mittellands, Schmetterlinge wiegten über den lichtgrünen Urwäldern des Grases, in dessen Tiefe die Spinnen und die Käfer und die Ameisen die lautlosen Kämpfe ihres Lebensmittags hatten. Kornfelder legten sich singend auf die Seite, wurden zusammengebunden, und die Wagen fuhren im feierlichen Abend der Dörfer ermattet zur Scheune. Die Reben glitzerten und sprühten, als wimmelten die Hügel von Eidechsen. Ihr Duft kam bis an den Fluß hinunter, auf dem schwere Kähne vorbeitrieben. Am Holzsteuer stand eine Frau in weißem Kopftuch, zu ihren Füßen spielte ein Kind mit einem Spitz.

Es gab wieder Städte, über denen eine einzige große Rauchwolke lag, die sich im Wind und in der Sonne schwerfällig regte. Die Fenster der kleinen Häuser standen auf, man sah das verlorene Licht eines Spiegels, im Vorgarten strickten Mädchen zu zweit und dritt: Sie sahen lange auf, wenn jemand auf der Straße vorüberging, und lachten. Das Innere der Städte widerhallte vom Geschrei eiliger Menschen, aus den Gasthäusern drang Musik, die surrte wie ein Ventilator im Straßenlärm. Die Förderkörbe in den Bergwerken fielen und stiegen, wenn auch nicht mehr so zahlreich wie früher und, wie es schien, auch nicht mehr so schnell. Die Kohlen liefen mit kleinen Schreien, die das plötzliche Licht ihnen entriß, über gleichgültige, beamtenhaft geschäftige Treppen, bis an die Schienenstränge, an deren Ende sie in blauem Rauch verwehten. Erz verließ den Stein und reinigte sich auf der Wanderung durch die schwarze und die weiße Magie, um zuletzt mit blanker Stahlstirn in die Welt hinauszufahren. In den Wäldern begannen hohe Baumkronen niederzuschweben, brachen, plötzlich von der eigenen Schwere erfaßt, mit Gewalt durch die umstehenden Bäume und sausten entlaubt den Berg hinunter. Tauchten wie eine Robbe ins Wasser, kamen abgekühlt wieder, reihten sich Glied an Glied; schwammen unter den Eisenschuhen der Flößerknechte zu Tal. Kühe zogen läutend über die Weiden. Städte nahten, deren Türme geflaggt hatten. Auf den Wällen lustwandelten Soldaten neben Mädchen, die Kinderwagen vor sich herschoben. Aus blühenden Büschen schüttelte der Wind Musik. Weiße Kähne voll bunter Frauen stießen vom Ufer.

Als Benkal aus dem Rausch des Wiederhabens erwachte, bemerkte er kaum, wie alles um ihn verändert war, denn er selbst war in Ijs Armen, schnell gesättigt, aus der leidenschaftlichen Zone seines Lebens, die ihm jetzt fast traumhaft erschien, in eine neue Welt voll sinnlicher Spiele und sommerlichen Leichtsinns geglitten ... Seit König Olep in einem Haufen meuternder Soldaten verschwunden war, hatten die Mittelländer, dieses alte Tänzervolk, das lange genug in Waffen durch Europa geeilt war, ihre anmutige Haltung wiedergefunden. Sie waren nicht schön gewesen am Boden, über ihrer abgewürgten Kaste. Aber sie sprangen auf, als der Friede geschlossen war, und das Leben erschien ihnen wie neu. Sie genossen es mit Würde. Sie genossen selbst den Zorn auf den Sieger. Und reiner als je tanzte die weiße Flamme ihres Geistes über Unglück und Niedergang. Mit vollen, behaglichen Atemzügen, nur immer ein wenig ermüdet, arbeitete Benkal an einer Athene, zu der Gugu ihm Modell stand. Er bewohnte jetzt ein Haus in einem Garten mitten in der Stadt und gab viele Feste.

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