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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 2
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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II

Das Wirtshaus, dessen niedriges Zimmer Benkal mit dräuendem Schweigen und prophetischem Lärm erfüllte, lag abseits von den Verkehrsstraßen im ältesten Viertel der Stadt und führte den Namen Zum kleinen Mittelländer.

Man betrat es von einer kleinen, nicht ganz sauberen Gasse aus, die das Sonnenlicht nie berührte, weil die Bewohner, Handwerker und Kleinbürger, ihm den schmalen Zugang mit gewaltigen Sonnensegeln verwehrten, die sie auf den Balkonen und vor den Fenstern aufspannten, um einander ihre vornehme Lebensart zu beweisen. Auch waren diese schmächtigen Balkone mit den Sonnensegeln darüber Festungen, hinter denen sie die heimlichen Schwächen der Nachbarn auskundschafteten und einander von Familie zu Familie kreuz und quer bekämpften.

Hinter dem Wirtszimmer des Kleinen Mittelländers, im Hof, der aber eher eine Höhle war, befand sich ein kleiner Hühnerstall, der die Gäste angenehm zerstreute. Die Plätze bei der großen Glasscheibe, wo man auf den Hof sah, gehörten Gästen, die dem Wirt die Eier abkauften, natürlich zu Liebhaberpreisen, wie es sich von selbst verstand bei Eiern, deren Herstellung man bei einem Glas köstlichen Weins beobachtet hatte. Der Liebhaber waren aber so viel, daß die Plätze alle zwei Stunden geräumt werden mußten und der Eierhandel des Wirts die Leistungsfähigkeit seines Hühnerhofs bei weitem übertraf. Es waren zumeist ältere Herren, die dort mit stillen, purpurnen Genickfalten am Fenster saßen. Sie bildeten einen Kreis für sich, und zwischen ihnen und den anderen Gästen klaffte dieselbe Kluft, die die Inhaber einer Loge vom großen Publikum des Theaters trennte.

Nur bei besonderen Anlässen, da fand eine Art Verbrüderung statt. Wenn sich im Hühnerhof etwas ganz Ungewöhnliches ereignete, schlugen die Fensterplätze Alarm, und alle Gäste strömten hinter ihnen zusammen, um unter lebhaftem Meinungsaustausch an dem Ereignis teilzunehmen ... Ebenso herrschte Einigkeit, sooft der Wirt den Sturm der empörten Umwohner auf seinen Hahn auszuhalten hatte, der in Wahrheit mit einem wunderbaren Organ prahlen konnte. Er war, wie Benkal sagte, eine Fanfare ... Darum lohnte es sich auch, daß die Gäste des Kleinen Mittelländers Geld zusammenlegten, um den Wirt große, aufregende Prozesse gegen das ganze Stadtviertel führen zu lassen. Sie wurden gewonnen, besser gesagt, Benkal gewann sie ... Der Hahn bekam einen Goldreif um das Bein, der die Pracht seines Ganges noch um einiges erhöhte. Jetzt erinnerte er wirklich an die großen Sänger des Mittellandes.

Das Ansehn Benkals aber, der sich früher einmal in der Nähe der Rechtswissenschaften herumgetrieben hatte und der in seinen guten Stunden für schlau gelten konnte, erreichte bei den Gästen des Kleinen Mittelländers eine Höhe, auf der sich kein ordentlicher Mensch, geschweige denn ein Trunkenbold wie Benkal hätte halten können. Nachdem er für einen Narren und Taugenichts gegolten hatte, durften bessere Menschenkenner ihn einen entgleisten Gelehrten nennen, ohne deshalb laut ausgelacht zu werden.

 

Der unvermeidliche Sturz wurde durch eine Unvorsichtigkeit der Kellnerin beschleunigt, die ihre Kammertür nicht abgeschlossen hatte, weshalb der Wirt sie eines Nachts mit ihrem Liebhaber, dem leidenschaftlichen Bra, ertappte und am andern Tag, als er seine Rache genügend gekühlt hatte, davonjagte. Sie hieß Tertruhete und war eine Kremmin, nicht gerade schön, aber gutmütig, sowie von einer Arbeitskraft, die in der Phantasie eines Mittelländers Erinnerungen an Märchen von vorgeschichtlichen Riesen wachrief. Sie versorgte die Wirtsstube und den Hühnerhof, sie kannte die kleinen Gewohnheiten von Mensch und Tier, allen diente sie mit der gleichen üppigen Freundlichkeit. Sie lachte viel und aß viel, auch Wein vertrug sie nicht wenig ...

›Volk der Zukunft‹, pflegte Benkal sie anzureden oder auch nur einfach ›Volk‹. Und da keine mittelländische Zunge stark genug gewesen wäre, ihren Namen auszusprechen, so riefen auch die andern Gäste sie ›Volk‹.

Der Name erschien ihnen um so witziger, als Benkal in Tertruhete ein Wesen feierte, deren großer Leib, ›diese gewaltige Maschine‹, Europa neu gebären werde. »Das Volk wird uns alle schlucken«, sagte er, »früh oder spät, wie Rom Athen geschluckt und mitsamt den andern damals bekannten Kulturen verdaut hat ... Ihr lacht«, rief er und legte die Hand an die Hüfte des Mädchens, als ob er etwas Heiliges berührte, »ihr lacht, denn ihr wißt nichts, ihr seid eingebildet und habt eine Philosophie und eine Lebenskunst daraus gemacht, nichts weiter zu sehn als eure zierliche Nase. Ihr kennt zwar jenen römischen Kaiser, der einen Tempel baute, in dem er unter dem Vorsitz der Sonne alle, aber auch alle bekannten Religionen vereinigte, aber ihr haltet ihn natürlich für einen Mittelländer. Ihr irrt, es war ein Barbar, wie ihr sagt, ein Halbwilder. Nur Barbaren haben eine solche Kraft der Verdauung. Wir hatten auch einmal Muskeln. Aber die besten Muskeln nutzen sich ab ... Wir sind zu schön, um stark zu sein! Seht nur in den Spiegel, ob ich nicht recht habe ... Im Grund ist es auch ganz und gar nicht von Belang, welches Volk nun gerade an der Reihe ist zu führen. Wir sind alle ein und dieselbe Kraft ... Ihr und das ›Volk‹, eure Töchter und ein stinkender Kanonier bei den Langnasen ... ›Volk‹, laß dich von diesen Stehaufmännchen nicht einschüchtern, die Geschichte zu machen glauben, wenn sie aufgeregt auf ihrem Geldsack wippen ... Höre: Meine Söhne werden mit deinen Kindern die neue Art Europäer zeugen, denn« – er wandte sich vorwurfsvoll an Tertruhete: »Offengestanden, eure Männer gefallen mir nicht ... Das wird sich auch ändern.«

Aber dem ›Volk‹ gefielen seine Männer.

»Man sieht wenigstens, was sie sind ...«

Sie wagte nicht, in diesem Gedankengang fortzufahren, und sagte nur, indem sie lachend ihre großen weißen Zähne entblößte: »Na, du bist ja stark!«

Benkal blickte auf seine festen Hände hinunter und war zufrieden.

Als nun das ›Volk‹ mit Schimpf und Schande fortgejagt werden sollte, richtete Benkal sich an seinem Tisch auf, klopfte ans Glas und hielt eine Rede. Er sprach vielleicht noch besser, noch hinreißender als damals, wo er für den Hahn Zeugnis abgelegt hatte. Er fragte den Wirt, was er denn in der Kammer des Mädchens zu suchen gehabt habe, er rief, ohne die Antwort abzuwarten, mit erhobener Stimme den Ernst und die Naturliebe der Abonnenten am Hoffenster an ...

Das Mädchen hatte sich an der Tür neben ihr Köfferchen gesetzt und weinte, so daß Benkal schreien mußte, um verständlich zu bleiben.

Vergeblich erinnerte er, auf das Mädchen weisend, dem sie ihren Geliebten nicht gönnten, an die heroischen Zeiten, wo sie, Schulter an Schulter mit ihr, einen Hahn gegen ein ganzes Stadtviertel verteidigt hatten ... »Wir sind doch keine Tiere«, riefen sie im Chor.

»Wir sind doch keine Tiere!« Die Genickfalten der Fensterplätze flammten vor Zorn.

Benkal brach seine Rede ab: »Ja, was seid ihr denn sonst«, fragte er höhnisch, ergriff den Koffer des Mädchens, öffnete die Tür und verließ mit ihm den Kleinen Mittelländer.

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