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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 19
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XIX

Ij schlief an Benkals Brust. Er sah von ihr nur die roten Haare ... Der Wagen flog, ganz naß vom Tau, am dunkeln Kanal entlang. Sie hatten sich länger als gewöhnlich in der Grenzfestung aufgehalten, weil sie mit den Offizieren bei den Vorposten gewesen waren, und sie hatten nicht geruht.

Benkal nahm von diesem Ausflug, wie von jedem Zusammensein mit den Kriegern der Kaste, einen Schwarm von Ehrgeizteufeln mit, die ihn fieberhaft wach erhielten. Tausend Pläne schrien sie ihm zu, aufgeregt wie Trainer bei einem Rennen, zappelnd wie Makler zur Börsenzeit; er entwarf mehr Werke in einer solchen Stunde, als er in einem langen Leben hätte ausführen können. Sie hätten ihn zu Tode gemartert, aber er verlor sich im Irrgarten seiner entfesselten Vorstellungskraft, und die Teufel waren wie fortgeblasen.

Leise atmete er in den jähen und in den ungeduldigeren, pflanzenhaften Verwandlungen des Steins ... Er sah, als ob er horchte, und er hörte Formen. Dankbar staunte er über die Musik, die aus den Steinen quoll. Jeder Stein war erfüllt vom Leben der Erde wie eine Muschel, die man an das Ohr hält, vom Geräusch des Meeres.

Wenn es nach Benkal gegangen wäre, so hätte man in den Steinbrüchen Altäre aufgestellt. Hier waren die Himmel und die Wolken, alle Wolken, die Wälder mit allen Pflanzen und Tieren und die Berge, aus deren Flanken erste Menschen treten, und der weite Glanz der Ebene. Die verzwicktesten Häßlichkeiten kauerten da, und man konnte Frauen sehn, so vollendet schön, daß sie schier verschwammen in den schwellenden Erdformen hinter ihnen, die ihr Körper wiederholte ...

Der Stein! Kam nicht alles in ihm zusammen, Wasser und Luft und Erde? Verschmolzen nicht Tiere und Pflanzen in ihm? War er nicht das gedrängteste Stück Schöpfung, ein erstarrter Herzschlag der Welt?

Manche schienen aus der tiefsten Erde zu kommen und von Zeiten zu träumen, die wir nicht kennen. Deshalb konnte man sie auch nicht gut verstehn. Andre standen uns näher. Sie erzählten von Bauern, die weiß und feucht, ja so frisch wie eine Quelle aus der Erde kommen und langsam schwarz werden und austrocknen und immer mehr die Farbe der Äcker annehmen, in die sie zurückwachsen. Andre waren ein Haufen Bettler, und über sie weg ritt ein Mann in funkelnder Rüstung, dessen lachende Augen weit fortsahn. Anderswo richteten sich Arbeiter, die Hand auf dem schmerzenden Rücken, am Wege auf, stützten sich auf ihre Werkzeuge und ließen einen Zug herrischer Jünglinge und sanfter Mädchen vorüberschweben. Wieder an andern Stellen ertrank viel Glanz und Gefunkel in einer braunen Hand, die sich mit eisernem Griffe schloß. Denn bis herab in die Tiefe der Erde, von wo es aufgestiegen war, bis in ihre letzte Tiefe, den Stein, sickerte das Blut des Menschen ... Und es gab Steine, in denen war so schön rund ein Leben eingefroren, daß man ihn nur anzuhauchen brauchte, damit es hervortrat ... Auch der Stein war Menge, aus der er seine Bilder riß, und ihm vertrauter als die Menschen, die er nicht geschaffen hatte. Vielleicht bewirkte es das ungestalte Weltgefühl in ihm, daß die Menschen ihm fremder wurden, je mehr sie sich aus der Masse heraushoben ... Er liebte die Armen und Schwachen, die Wachsenden, Unfertigen, aber er liebte sie gegen die Stärkeren mit der Wehrhaftigkeit, der Gewalttätigkeit der Herren ... Sosehr der Umgang mit den Kriegern der Kaste ihm gefiel, sosehr er sie als Verwandte empfand – es war, und er konnte es nie vergessen, ein Kampf zwischen ihnen und ihm. Die glatten Ringer entzückten ihn, aber er jubelte ihrem Untergang zu. Er war ein Teil der Menge, die an ihnen emporwuchs und die Strauchelnden unter sich begrub. Er mußte sie alle überdauern. Alle, auch Ij ... Die Flut stieg, sie bedeckte die Straßen der Königstadt mit Blut, sie wälzte sich in Flammenwogen über die Dächer, sie erstieg in tausend wimmelnden Gestalten, die gingen, eine Erbschaft anzutreten, die Sonnenburg, und sie trug seine Mänade empor ... Dann stände sie eine Weile, die verjüngte Tochter des mittelländischen Ideals, einsam hoch oben im Blutnebel, aber wenn die Sonne wieder hell schiene, wäre die Welt so neu wie am ersten Tag und fröhlich geliebt von einem neuen Geschlecht, das im Dunkel aufgewachsen war ...

In der Ferne hob sich eine dreifache Krone, die Sonnenburg, aus der noch in Nachtschatten gehüllten Stadt. Die Marmorfliesen des Gipfels glühten.

Benkal neigte den Kopf, um Ij atmen zu hören.

»Ij«, rief er leise und hob sie auf, »Ij.«

Sie öffnete die Augen, und ihr Gesicht war so grau und verstört, daß es ihn fast schmerzhaft rührte. Er wollte sie an sich drücken, aber sie entzog sich ihm; sie schüttelte die Haare, hob den Kopf, und dann war sie schön und selbstbewußt und ein wenig fremd wie immer.

»Wir wollen bei dir frühstücken«, bat Benkal.

Sie ging freudig darauf ein wie auf alles, was er vorschlug ...

Ijs Wohnung war fast ein Museum. Alles hielt sich fest und klar an seinem Platz und hätte an keinem andern sein dürfen. Die Türen standen weit auf, und selbst das Schlafzimmer erinnerte an die Gemächer berühmter Frauen, wie man sie in Museen und alten Schlössern zeigt. Aber über Benkal legte sich ein wollüstiges Behagen, wenn er, den Arm auf Ijs Hüften, mit den Fingerspitzen über die schönen alten Bildwerke strich, die in den Zimmern standen.

»Stein von deinem Stein«, sagte er lächelnd, und wirklich schien es ihm, daß ein einziger Blutlauf durch Ij und das berührte Bildwerk kreiste.

Ij fragte: »Gehören nun die zu mir oder ich bloß zu ihnen?«

Er küßte sie, aber sie sagte betrübt: »Du bist gern hier ... Aber ich bin lieber bei dir. Komm, gehn wir, ich bin müde ...«

Als Benkal einmal mit Ij neben der Mänade stand, ließ er plötzlich ihre Hand los und umarmte das steinerne Bild. Er hatte Fieberaugen und rief: »Ij, meine Ij!«

Sie nahm seinen Hals, und indem sie Mund und Augen zu ihm neigte, sagte sie lachend: »Hier, Benkal, hier bin ich.«

Eine Weile ruhte sein abwesender Blick auf ihr, dann lachte auch er, aber er küßte sie nicht.

Ij kniete vor Benkal und zeigte auf ihre Brüste: »Du willst mir nicht glauben. Aber sieh doch, sieh, hier diesen braunen Schatten, der noch keine Falte ist ich werde alt. Glaube mir, ich fühle es manchmal im ganzen Körper, wenn ich geliebt und wenn ich getanzt habe. Nimm dir jüngere Modelle für die Mänade ... bitte! – Dann wirst du auch sehn, daß ich recht habe.

Ich möchte auch nicht mehr tanzen – nur von dir geliebt sein – anders als jetzt, ja, zärtlich, ohne daß ich immer schön und stolz zu sein brauchte ... ohne die letzte Wildheit. – Ich glaube, ich war nie so schön wie bei dir, aber ich bin aufgepeitscht durch deine Heftigkeit ... unsre Lebensweise ... das halb irrsinnige Bedürfnis, mich immer noch zu überbieten ... Die Luft ist voll Gift durch den Krieg. Manchmal fühle ich, wie Mordlust, richtige Mordlust sich in mich wirft, wenn ich tanze ... ich kann es nicht hindern ... im Gegenteil, ich triumphiere ... Denk nur, was ich alles mit auf die Bühne nehme, von der Straße und von der Fahrt, und was ich dann heraustanzen muß! Das wäre noch nicht das schlimmste. Aber kaum bin ich fertig, da strömt es mir wieder zu, da ziehe ich es wieder an und sammle und sammle für das nächstemal ... Dabei bin ich wirklich müde und möchte mich endlich gehnlassen ... und kann nicht ... Wenn du mich nur wirklich liebhaben könntest – ich möchte so gern alt werden ...«

Sie nahm lächelnd Benkais Hände. »Du, ich habe auch eine Seele.«

»Wir haben alle eine Seele«, sagte Benkal und begann, heftig vor ihr auf und ab zu gehn. »Abgemacht. Aber hüte dich vor ihr, sie ist das sicherste Mittel, dich vor der Zeit zu ruinieren.«

Während Benkal weitersprach und sie ihm, die Augen voll koketter Ermunterungen, wie erstaunt zuhörte, schloß sie langsam, unauffällig das Tuch über ihrem Leib und richtete sich auf.

»Vielmehr, wir haben alle nicht eine, sondern zwei Seelen. Von der einen warst du durchstrahlt, als du dich in der roten Loge von mir betrachten ließest. Wenn der Trauermantel, der Schmetterling – ein Heimchen stellt, dann hypnotisiert er es durch den Schrecken seiner entfesselten Schönheit. Er streckt die Flügel aus und reckt sich, bis die bunten Verzierungen im hintersten Winkel unter den Flügeln auch noch ihre Pfauenlichter spielen lassen ... Dann tötet er ... Von so kriegerischer Schönheit warst du. Weil du frech gewesen warst, dachtest du vielleicht, ich würde mich rächen wollen, und rüstetest dich zur Abwehr ... oder du fühltest einfach, daß wir miteinander handgemein würden, und sichertest dir alle Vorteile. Das war deine Seele, die eine. Die liebe ich. Die andre, vor deren Wirkung uns alle guten Geister schützen mögen, ist ein Schlafmittel, die einen nehmen es freiwillig, den andern wird es aufgezwungen, und die Apotheker, die es verschleißen, behaupten, daß es den Menschen vom Tiere trenne.

So, und nun sprich mir bitte nicht mehr davon, daß du alt wirst. Es ist nicht wahr. Ich will nicht, daß es wahr sei ... Sei fröhlich und zieh dich an; es ist Zeit, daß wir fahren.«

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