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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 18
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XVIII

Sei still, du, Kru ist bei dir. Haben wir nicht unser eigenes Zelt? Frag nicht, wir sind allein, was kümmert dich der Preis – du hast mich! Frag nicht. Du quälst dich nur. Ich kenne nur einen Mann, dich. Weiß Gott, ich lüge nicht. Nein! Nein! Doch, du kannst alles fragen. Ja – Aber warum? Laß! Hier, das bin ich, Kru. Und das bist du. Ich kenne nichts andres auf der Welt. Sei still! Doch, ich will alles sagen ...

Sie ließen mich ja nicht weiter. Überall hielten sie mich an. Ich mußte mich zu ihnen setzen. Sei still! Ich war müde und verzweifelt, einmal, und ich weiß nicht, wie es kam. »Du hast so schönes schwarzes Haar«, sagte einer, und er löste es auf. Ich war müde. Von Zeit zu Zeit preßte er mir das Glas an den Mund, und ich trank ... Ja ... er hat mich auch geküßt. Doch ich habe mich gewehrt, aber wohl nur schwach. Ich war müde und wußte nur eines, ich wollte zu dir. Und so ging es weiter. Sei still! O bitte, sei still ... ja! Erwürge mich: Ja, er hat mich gehabt, und andre wohl auch, hernach, da du es wissen mußt. Jetzt töte mich, damit es zu Ende ist. Ihr seid alle gleich. Die Welt ist ein böses Paar Männeraugen, schamlose Tieraugen, die mich wie Vitriol zerfressen. Sie gehn durch die Kleider, durch Wände, ich sehe sie im Dunkeln. Ach ihr! Aber ihr könnt mich verbrennen, in Asche verwandeln, ich kann zerfallen, meine Seele wehrt sich, sie, sie bleibt, was sie ist. Sie ist stärker als ihr! Hör: Ich bin zu dir hergetaumelt, ich weiß nicht – wie einer im Finstern läuft und fällt und sich weh tut und trotzdem wieder aufsteht und erst weitertappt und dann wieder rennt. Ich wußte nur, daß ich näher kam, daß ich bald bei dir war. Denn ich wollte zu dir, um jeden Preis, und wenn ich auch dann gleich tot vor dir hinschlüge ...

Ich entschuldige mich nicht! Sag nicht, daß ich mich entschuldige! Hörst du? Ich bin nicht feige. Erwürge mich nur, ich – bin – nicht – feige.

O ja, sei gut. Durch die Hölle bin ich gewandert, ich bin verbrannt, deine Beschimpfungen klingen mir wie Musik. Ich weiß nicht, ob ich noch einen Körper habe, ich fühle ihn nicht. Fetzen von ihm bezeichnen den Weg, den ich gegangen bin. Aber ich bin da, ich, Kru, dein Herz. Deine Seele. Jetzt erst beginnt das Leben oder der Tod. Weißt du, sie sind mir gleich wert. Ich sehe kaum einen Unterschied – wenn ich nur bei dir bin ... Sei gut! Sei gut! – –

Sie kämpfen in einer Umarmung zu Ende ...

 

In der Früh verlassen Kru und ihr Mann das Lager. Sie gehn geradenwegs auf die Berge zu. Die Vorposten rufen sie an, und da sie nicht stehenbleiben, wird nach ihnen geschossen. Erst als Kru an der Hand verwundet ist, werfen sie sich zu Boden und kriechen weiter.

»Soll ich dir nicht das Taschentuch um die Hand binden?« fragt der Mann.

»Nein«, sagt Kru, »es lohnt sich nicht.«

Nun können sie auf einer Anhöhe die Wachtposten der Kremmen erkennen. Sie erheben sich, und als sie wieder schießen hören, beginnen sie zu laufen. Krus Mann schwingt die Mütze. »Sie haben uns gesehn«, jubelt er, »sie kommen auf uns zu.« Er faßt Kru am Arm und stürmt vorwärts. »Sie winken«, ruft er außer Atem, und, als schriee er einen Sieg aus: »Deserteure! Deserteure!«

Die Anhöhe vor ihnen wimmelt von kleinen Gestalten. Einige eilen den Abhang hinunter, verteilen sich über das Feld und kommen ihnen entgegen.

Krus Gatte bleibt stehen und wirft sich an ihren Hals. »Kru«, jubelt er, »meine Kru«, er schreit, gleich wieder weiterstürmend, singend vor Freude: »Deserteure! Deserteure!«

Immer stärker wird das Summen der Kugeln über ihnen. Die Kremmen schießen auf ihre Verfolger. Plötzlich zieht ein tiefer Orgelton über sie hinweg, die Gestalten auf der Anhöhe verschwinden wie durch ein Zauberwort. Ein Kanonenschuß donnert, dann rennen sie in einem Ungewitter, in dem es lacht, weint, schreit.

Der Mann ist weiß im Gesicht, und er hinkt. Sie zwingt ihn, sich neben ihr auf den Boden auszustrecken. Er zittert so, daß er sie mit den Beinen und Schultern stößt. Als sie den Arm auf ihn legt, grinst er sie verlegen an: »So ist der Krieg«, stammelt er. Kru sagt, sie wollten hier liegenbleiben, bis das Schießen aufgehört habe. Er schüttelt heftig den Kopf: »Weiter!«

Und sie erheben sich.

Ohne zu wollen, geraten sie bald wieder ins Laufen, stolpern einigemal, reißen sich die Füße wund und schlagen endlich hin.

»Es geht nicht weiter«, sagt er aufatmend. »Wir stecken im Stacheldraht.«

Er starrt eine Weile vor sich hin, doch plötzlich fährt er in einem großen Schauer zusammen: »Weiter!«

Mit viel Mühe gelingt es ihnen, sich aufzurichten. Kru umfaßt ihn mit beiden Armen und drückt ihn an sich.

»Du«, sagt sie lächelnd, »sieh mich noch einmal an ... Gleich werden wir Ruhe haben ... Sieh mich an, so ... Ich bin dein.«

Ein kleiner Schlag gegen seinen Kopf, sie sieht seinen Blick brechen und reißt ihn an sich.

Sie preßt seinen Kopf an ihre Brust und nimmt alle Kraft zusammen, um ihn so, halb kauernd, zu halten, nach Westen geneigt, woher die Kugeln kommen, bis auch sie fallen darf. Die Finger ihrer Hand, die den Kopf hält, suchen seinen Mund.

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